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Full text of "Heidelberger Jahrbücher der Literatur"

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N. 1. ,. r ... -1821 

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Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 

... 

Betrachtung $n über den Protestantismus. (Motto: So 
hestehet nun in der Freiheit, womit uns Christus befreiet hat; und 
tafst Euch nicht wiederum in das knechtische Joch fan~ 
gen. Galat. 6 , 1.) Heidelberg, bei Winter, 182Ö. 452 S. 

in 8. 3 tf. 36 kr. 

Ein schweres Problem zieht sich durch die ganze Geschichte 
und Laufbahn der Fortbildung des Menschengeschlechts« Diu 
Vervollkommnung der Menschen wird nicht fortdauernd, wenn 
sie nicht, für die mancherlei nothwendigen Bildungs - Zwecke 
und Mittel , in geordnete Gesellschaften iich vereinigen. Aber 
kaum sind in der besten Absiebt solche Vereine , sie mögen 
Staaten - oder KircbenzustÜnde betreffen 9 wohlwollend zu* 
sammengetreten , so beginnt auch die Gefahr, dafs die Vor- 
steher sich in Vormünder und bald in Gesellscbaftsheherrschei? 
zu verwandeln trachten; welche den Verein nicht mehr als 
Vervollkommnungsmittel für alle Mitglieder innerlich selbst 
zu vervollkommnen suchen , desto mehr aber denselben als 
Seibsterhebungsmittel für sich und jede ibter, nur allzu 
menschlicher, Leidenschaften äufserlich zu gestalten und zu 
mifsbraueben wissen. 

Welches Dilemma! Allerdings sind es, durch ein nner* 
klärtes Wunder der göttlichen Weltordnung , immer nur zu 
gewissen Zeiten gewisse lichte* regere Menschengeister , die 
in diesem oder jenem Fache reiner Einsichten erst sich seihst 
erleuchten und erwärmen, alsdann aber durch eine geistige 
Electricität Andere an sich ziehen und festhalten. Dieses Ver« 
vollkomranen geht also aus von einzelnen Geistigeren. Wie 
aber würde es fortwirken auf die Mitergriffeoen und auf Kin- 
der und Nachkommen, wenn sie sich nicht zu einer bleiben- 
den Gesellschaft mit allen Kräften vereinigten. Selbst die thä- 
tigeren, wenn sie immer einzeln blieben^ wie leicht würden 
•ie, wie Köhlen, wenn sie nicht auf Haufen zusammengehal- 
ten werden , bald mit der Asche der Trägheit Überzogen seyn 
oder ganz verlöschen! Vereinigungen sind also die Aufgabe 
der zum Besser werden fortstrebenden Menschheit» 

XX. Jalirfl. i. TL fr. 1 



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2 ^ Betrachtungen übet den Protestantismus. 

Aber auf der andern Seite ^t ea wieder 5m Innersten der 

menschlichen Natur gegründet, dafs der Kräftigere den Schwä- 
cheren mit sich fortreifst, sein Herr werden kann und des- 
wegen aucbbald werden will. So scheint sieb also einunver- 
meidlicher Zwiespalt zu zeigen. Entweder das Gegentheil 
aller Vereinigung; überall nur ein Isoliren der Klügeien , ein 
Zersplittern in tausenderlei Ansichten und Meinungen, und 
folglich kein Mittheilen, kein Festhalten der nur gemein- 
schaftlich möglichen Vervollkommnung. Oder aber die trau- 
rige Erfahrung , dafs die Vereinigten von Wenigen , welche 
die Gelegenheit zu nutzen verstehen, nur zu bald in Nach - 
Sprecher und Nachbeter verwandelt, und als Werkzeuge der 
Selbstsucht derer, die sie zu Führern werden lassen, gemifs- 
braucht werden. Mufs denn also wohl entweder die Vervoll- 
kommnung durch Vereinigungen aufgegeben? oder immer die 
Gefahr, dafs der Vorsteher und der Lehrer zum eigennützigen 
willkührlichen Beherrscher werde, gewagt werden ? Mufs 
man auf die beiden Extreme kommen: en t weder Kirchen» 
zwang von mancherlei Art, oder keine Kirche und Kiwchlich- 
keit ? Oder aber giebt es denn doch ein ausf tth r ha ref 
D.rittes, wodurch das wichtigste Problem der Menschen- 
bildung, ohne diese schon so oft wiederholte Verurung, ge« 
löstj werden könnte ? ' 

Dem kenntnifsreieben , geistvollen und freimütbigen Ver- 
fasser ist es vorzüglich darum zu thun, das vielfache Uebel , 
welches in diesem Dilemma liegt, zu beleuchten. Wie es sich 
leider auch in der Geschichte der reinsten Religion, des durch 
Jesus Christus ohne Dogmen-Thorah , ohneCeremonien , ohne 
Priester u. s. w. über die Welt verbreiteten, dennoch aber so 
bald wieder mit all jenen Ausartungen Überfüllten Urcbristen. 
thums, nur allzu sehr als etwas fast Unvermeidliches darge- 
stellt hat, dies will er mit den lebhaftesten Pinselstricben hi* 
atorisch unläugbar den Selbstdenkenden vorhalten. 

Recht viele, so weit wir bemerken können, betrachten 
dieses Gemälde! Seine Wahrheit ist nicht abauläugnen. Man 
ruft nur aus : Was soll denn aber werden ? Hätte doch der 
Verfasser sogleich auch, um der lieben Bequemlichkeit und 
um des weitern Kritisirens willen, ein Schema z-u einer künf- 
tigen, so Gott will, allgemeinen Kircheninstruction ange- 
fügt! etwa auch mit LcmcJeskatecbistren , die allen Theilen 
gerade recht siud, und mit Lehrbüchern , . die sich wie von 
selbst lernen lassen l 



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Betrachtungen Ober Jen Protestantismus. 

Manche sind noch ängstlicher: Soll und mufs demnach 
Kirche und Kirchlichkeit aufhören? oder bleiben aie etwa nur 
wie ein minderes Uehel , das wir von den böten Zutbaten 
nicht zu reinigen vermögen, doch aber auch um des u n Iii ug hä- 
ren Nutzen* willen geduldig beibehalten , von Zeit und Zu 
jigkeiten, oder von einer extraordinären Nachhülfe Gottes , um 
10 weniger selbst thfitig , allerlei Besserungen und Ausgleichun- 
gen — erwartend '/ 

Der Verfasser hat, dünkt uns, wie die guten Aerzte, ge- 
handelt, die vor allen Dingen das Üebel und seine Ursachen 
deutlich su entdecken streben. Mögen dadurch beim ersten 
Anblick Manche bis zur Verzweiflung aufgeregt seyn; mögen 
lie warnen 9 dafs man lieber von der Krankheit Nichts sure- 
eben sollte! tbeils weil die Kui Dichtigkeit Mancher die wühl 
mögliche Heilung nicht zu sehen vermag» tbeils weil die selbst 
vom Uehel zebreiide Eigennützigkeit die wohl ausführbare und 
ichon in swei grofsen Momenten der Religionsgeschichtd er* 
probte Heilbarkeit nicht gerne sehen oder sichtbar werden 
Jaisen will. Sogar EineStimme haben wir gehört, dafi , weil 
nun einmal die Menschen zwar sittlicbfrei , aber sinnlichunfret 
seyen , auch jene Kircbenübel wohl so bleiben würden und 
iijßfnen. So wünscht es freilich die Hierarchie, die Aristo- 
kratie und auch derjenige Philosophismus , welcher sich den 
Herrschern des Augenblicks durch den Obersatz, dafs das 
wirkliche eben das wahre sey, scheinbar empfiehlt. Vielmehr 
aber ist eben deswegen Religion , und die achte auf morali- 
scher Religiosität beruhende Kirche, damit das Sinnlichunfreie 
der Menschheit durch Wollen des Guten und Meiden des an« 
erkennbaren Bösen und Schlechten von dem Srttlicbfreien 
überwältigt und ihm untergeordnet würde. 

Es ist deswegen nicht etwa nur eine von der Weltklugw 
beit mitleidig zu belächelnde Schwärmerei und Gutintithigkeit y 
aneb in Sachen der Kirchlichkeit das Büse zu enthüllen, damit 
man es durch das leicht anerkennbare Gute überwinde und ge- 
gen die sinnlichunfreie Eigennützigkeit, diese Grundursache 
auch alles Kirchenzwangs, die sittlichfreie Idealität der wah- 
ren Vernunft und Gottäbnlichkeit geltend mache. 

Auebin diesem Fall aher ist, wie immer, das Base nichts 
an sich bestehendes , vielmehr nur die willkürliche Ab« 
weich ung vom Guten. Das Böse seihst kann deswegen nicht 
einmal beschrieben werden, ohne dafs dei ächt pragmatische Ge- 
«chiebtforscher von dem Guten ausgeht, durch dessen Vernach- 
lässigung erst das Böse geworden ist. Eine gründliche Erzäh- 
Jung, weicht? beides umfafst, enthält deswegen auch schon j 

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(RECAP) 



4 Betrachtungen ußer den Protestantisnuii. .. 

/ 

stillschweigend, das Verbesserungsmittel t wenn sie gleich auf 
die Erageder vitlenBeijuemlichkeitsfi t-unde, was und wie es denn 
anders werden sollte, keine ausführliche und abgesonderte Ant- 
wort, kein nach Bericht kurzweg applicables Rec<-pt, darbietet. 

Die natürliche Auflösung des Problems ist: Von der recht 
anschaulich und abschröckend beschriebenen Ausartung zum 
Bösen und von ihren immer unerträglicher werdenden Folgen 
darf man nur wieder zu dem Wesentlichen des ursprünglichen 
Guten zurückgehen, welches verlassen zu haben die Unbedacht- 
saraen lange und schwer genug büfsen müssen ! ! 

In diesem Sinn macht der Verfasser vorerst klar genug, 
dafs die Religion oder die Vereinigung des Menscbengeistes 
mit der Gottheit nach Lehre und Leben Jesu, in der „wirk- 
lichen« Heiligung des Woll ens und Handelns , in dem Bestre- 
ben , durch Wollen und Vollbringen des anerkannten Rechten 
und Guten , durch Erfüllung jener bei Matth 5 t 43« nicht etwa 
nur umsonst und um der Unmöglichkeit willen so ausgesproche- 
nen Aufforderung Christi : «in der That willens - vollkommen zu 
werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist!« bestehe. 

Wie schon die Religion des Mose und der Propheten fast 
gar kein Dogma, kein metaphysisches Hinüberblicken in die* 
unsichtbare Welt enthalt, noch weniger aber irgend eine« 
zur Vorschrift macht, so hat auch Jesus an sich selbst und an 
der Gottheit nicht irgend Befriedigungen dogmatischer Wifs- 
hegierde, aber desto mehr das Praktische, tum Wollen und 
Handeln Nothwendige dringend als die Hauptsache gezeigt 
und geoffenbart. Deswegen fafst sich seine Religion in dio 
Gesinnung, aber, wie sich von selbst versteht, in eine red- 
lich thatige Gesinnung für das Göttlich - Gute zusammen. 
Diese „Einigkeit im Geiste« (nicht im Lehrbuchstaben) ist 
es, was auch der geistvollste seiner Lehrgesandten als da* 
Vereinigungsmittel der Religionsgesellschaften, die er von 
Ort eu Ort im Sinn und Geist Jesu versammelte, überall her- 
vorhebt. Darauf beruht die Apostolisch •Paulinische „Kirch- 
lichkeit«; auf dem Glaubenwollen alles des zur Rechtschaffen- 
heit (zur wirklichen , nicht blos tibergetragenen Dikaiosyne) 
führenden -Wahren, nicht aber auf einem in das Wort der 
Lehrgebieter sich resignirenden Glauben des an sich. Unglaub- 
lichen , oder der wenigstens unfruchtbaren, ja gegen die Wil- 
lensvervollkommnung oft binderlichen Geheimkenntnisse von 
dem, was doch nach ihrer eigenen Versicherung unerforschlich 
und unbegreiflich bleibt. 

Ueber sehr wichtige Auslegungen und Anwendungen si;ia 
Petrus und Paulut t sind die jüdisch «eifrigen Mitglieder der 



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BcUachluugen über deu Protestautisimn. 



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der Mutterkiicbe zu Jerusalem noch den klarsten Ersählungen 
der Apostelgeschichte und der Briefe nicht dogmatisch einig 
g-ffcicn. Aber sie trauen einander wechselseitig beiligbegei- 
iterte Gesinnung, da« äytov xvt.uu, zu, nämlich das lebendige. 
Wollen, das, was Gott und Jesus billigen könnte, redlich 
auszudenken und dann treu zu befolgen. Deswegen geben 
sie — ungeachtet der wichtige Beschlufs , Heiden beim Ue- 
btrgang in Jesu des Messias Lehrreich nicht auch Mosaische 
Gesetze anzumuthen, noch nicht gefaist war — lieh einander 
die Hände, dafs der E,ine mehr an den Heiden, der Andere 
mehr an den Juden arbeiten, aber die Gemeinschaft und die 
Mittheilung erhalten sollten. Nur wenn eine sittenyerderb* 
Itcbe Lebruieinting (s. i Timoth. 6, 3.) ausgestreut, nur 
wenn äufserliche Werkthätigkeit , wie zum Sceligwerden un- 
entbehrlich, von pharisäischen Judenchristen geboten werden 
wollte, alsdann nur eifern Paulus, Johannes, Jakohus. 

Und nicht allzu schwer muiste es eben deswegen seyn, 
in jener anfänglichen Einfachheit für diese mit Dogmen nicht 
überladene Religion der Gesinnung oder der U e - 
b e rz e u g u n g s t r e ue viele Gutwollende in Kirchengemein- 
den zu vereinigen. Die wahre, wirksame erste Verbreitung 
der christlichen II erzensreligion war eben deswegen so mög- 
lich, wie die Geschichte sie uns, zum Ei staunen der Dogmen- 
Christen, als verwirklicht vorzeigt. Noch waren die Volker 
nicht verwöhnt , Dogmensysteme für die Religion au hjlten. 
Das IJeidenthuia hatte der Dogmen wenige. Das Judeuthum 
war zwar schon in dreierlei dogmatisch sehr verschiedene. 
Schriftauslegungs • Farthieen getheilt; diese aher hatten doch, 
da sie erst seit Johannes Hyrcanus entstanden waren, unter 
den folgenden drückenden Zeitumständen zum c'*censeitieen 

D , . ODO 

Festset zen ihrer überirdischen Lebrhehauptungvn und zur 
wirklichen Verketzerung gegen einander glücklicher Weise 
nicht jVL»lse und Kraft genug gefunden. Ihre Synagogen - An« 
dacht war daher immer noch mehr auf das Deutlich e in Mose 
und den Propheten, als auf ihre selhsteigene spätere Auslegungen 
gegründet. Und all der Dogmen - und Verketzerungsstreit in 
der späteren Christenwelt, betrifft er denn die Bibel und den 
wesentlichen Zweck der Bibelreligion ? oder nicht vielmehr 
die Auslegung des Dunkleren? die Auctorität der Aus- 
leger des Nichtoffenbaren? und endlich das Gelten wollen 
der aus njehterwiesenen Schrifterkldrungen , aus Dialyctik und 
Scholastik erkünstelten Systeme und Systemmacher , vergäng- 
lichen C patristischen , scholastischen , phantastischen) A«« 
denkens % 



6 BetrachtuDgen über den Protestantismus* 

Dagegen hatten denn auch die ersten wenig dogmatisiren- 
den Christengemeinden nach dem Beispiel der Synagogen nur 
Vorsteher und Aufscher, die, von den Mitcbristen ausge- 
wählt, durch Belehren und Ermahnen eine schickliche Ord- 
nung zu erhalten hatten, und den Willen der Gutgesinnten 
auf das, was Gott wollen könne, zu richten suchten. Lehrer 
waren daher dort, aber „nicht ein Lebrraonopol". Paulus auch 
als Apostel sagt den Gemeinden seine Ansicht, seine Gründe, 
fordert sie aber auf, darüber selbst zu urtheilen, und auch 
die Begeisterte (als nicht lehrunfehlbar) eben so unter einan- 
der reden , jeden andern aber es auch besprechen zu lassen, 
wer in der schicklichen Ordnung es verlange und vermöge. 
J Kor. ii f 13. 14» 28 — 32. 

Aber sobald die eisten aus sich selbst warm und willens- 
thätig gewordene Generationen dahingegangen waren, schon 
in jener kirchenhistorisch ganz dunklen Zwischenperiode von 
Jerusalems Zerstörung bis in die Mitte des zweiten Jahrhun- 
derts, wo die heidnische Priesterschaft das Christenthum 
schon wie einen Rivalen verfolgte , war zu der christlichen 
Gesinnungsreligion zweierlei sehr Verschiedenes hinzu ge- 
kommen. 

Die sonst nur zum Besserwerden ermahnende, warnende, 
unterrichtende Lehrer gaben sieb jetzt für Kundige der Ge- 
heimnisse und des besondern Willens Gottes, wenigstens für 
solche aus, die, „im heiligen Geiste versammelt", aussprechen 
und entscheiden könnten, *) was ihnen „und dem heiligen 
Geiste" (nach einer sehr trügenden Mifsdeutung der Melle 
Apostelgeschichte 15, 28.) gutdünke. Dies war dann ihre 
tief er e Lehrkenntnifs , ihre bischöfliche G nos is, aus wel- 
cher sie immer mehr und mehr überirdische Entdeckungen 
und Lehrbestimmungen in die Pistis, als die für Alle nötbigo 



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*) Die Synoden waren so ungelehrt und so unbedachtsam , gewöhn- 
lich zu decretiren, dafs nun das, was sie ausbrachen: „Ihnen 
und dem heiligen Geiste gutdünke"! Welche Kirchenväter, die 
sich dem heiligen Geiste voranstellen konnten? ! Die erste Oer 
meinde su Jerusalem, diese unter Petrus und Jakobus versammelte 
Mutterkirehe Aller, schrieb nichts dergleichen Widersinniges nach 
Antiochien. Sie schrieben: „Denn gutdünkte, darch die hei- 
lige Begeisterung, au fh uns — nämlich uns, so wie dem 
Paulus, Barnabas, Silas u. a. Und die lehrunfehlbaren Coneilien 
merkten nicht , welche Anmaßung sie in die richtigen Worte 4« 
Dehberation hineinschöben. 



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Betrachtungen über den Protestantismus. T 

Glaubentregel , tibergehen Uelsen und sogar gebieterisch 
übertrugen. 

Um desto mehr »u gelten, waren also aus praktischen Re- 
ligionslehrern Metaphysiker , und leider Metaphysiker der 
beschränktesten Art geworden. Ein Ansehen gab es vor den 
sogenannten Laien, dafs diese sich unter einander selbst wei- 
hende Lehrbesitaer ihnen so manches Unsichtbare, wie wenn 
sie darin au Hause waren, vorzeichnen und genau bestimmen 
konnten. Und die gröfste Abweichung vom Guten war es. 
jetzt, dafs die Cbristenvorstände von den Pharisäern das Kle- 
ben an traditionellen Auslegungen und Ceremonie- Vermeh- 
rungen in ihr Christenthum übertrugen ; weswegen sodann 
bald die Meisten sich beujuemlich g e nug beredeten und bereden 
Helsen, nicht sowohl ein Gottähnlich werden durch die müh- 
sameRtfchtscharFenheit, sondern ein sich hingebendes Fürwahr* 
halten dessen, was die heiligen Bischöfe als göttlich und bimra« 
lisch ausgemacht hätten, mache den Christen gottgefällig. 
Immer mehr meinte man dann von jenen metaphysischen Leh- 
rern erfahren au müssen, was für ein Glauben ihrer dogmati- 
schen Entdeckungen und welchen Glaubensinhalt die göttliche 
Weisheit aur willkürlichen (absoluten) Bedingung des Seelig- 
werdens gemacht habe. 

Hiezu kam bald das noch gröfsere Uebel, dafs eben diese 
metaphysische Geheimnifsltbrer aus dem jüdischen und am 
meisten aus dem heidnischen Alterthum noch eine neue Qua- 
lität als Erhehungsmittel für sich ersahen, nämlich Priester zu 
seyn , d. h. Mittelspersonen zwischen den Menschen und'der 
Gottheit, denen ein gewisses äufseres Weihen dje persönlich« 
Wunderkraft gebe, dafs die Gottheit am besten durch sie ver- 
söhnt und bftfiütijgt werde, alle Gnadenbezeigungen Gottes 
aber nur durch sie und ihre sinnbildliche Ritualien auf die übri- 
gen Nicbtpriester herabgeleitet werden könnten. 

Was half es jetzt, dafs Jesus erst noch vor so kurzer Zeit 
so einfach und lichtvoll Alles in die geistige Verehrung des 
heiligen Gottesgeistes concentrirt hatte? dafs er, der über- 
haupt doch äufserlich so wenige Aenderungen forderte, als 
das Notwendigste ausgesprochen hatte : der Opfertempel 
zu Jerusalem (denn von diesem nur , von dem Z^cv, nicht 
von der Stadt, ist Matth. 24 1 1. 2. die Rede), so herrlich auch 
das Gebäude seinen Aposteln in die Augen leuchtete, und mit 
ihm alles Triesterwesen (Joh. 2, 19. 1 Petr. 2 , 5- Äpok. 11, 
1. 2.)» müsse, in so fern es der einzige Kanal der Gnaden- 
mittel Gottas fftr die Menschen s.eyn will, schlechterdings, 
aufboren 



8 Betrachtungen über den Protestantismus. 

•<«.•«■ t , . ■ " • 

Was die Heiden und selbst die Juden noch weit weniger 
drückend gehabt hatten, Geheiinnifsbehaupter und Verwalter 
der göttlichen Begnadigungen, das war in den Vereinigungen 
der Christen durch die .metaphysich« dialektischen , durch die 
alles aus allem heraus allegorisirenden Lehrer und von Oblatio- 
Den lebenden Priester zugleich vorherrschend geworden. 

Was hievon die Folgen waren, sagt die Kirchengeschichte; 
und unser Verfasser macht es durch die ausgehobenen auffal- 
lendsten Beispiele auch den Unkundigeren anschaulich, So- 
gleich der erste Satz seiner Schrift erfafst das Uebel an seiner 
Wurzel : „Darin stimmen Diener und Gläubige nach, jeder 
sich auch in Formen äufsernden Religion (nach dem Wesen 
der Priesterlichkeit) tiberein , dafs alle sich um die Gnade des 
höchsten (doch vollkomrnnen ?) Wesens nicht nur durch Rein- 
heit ihrer Gesinnungen , sondern auch durch ein Für- 
wahrhalten unverständlicher Lehrsätze, nicht nur 
durch ein tugendhaftes Leben, sondern auch durch die Be- 
obachtung geheim ni fsvoller Gebräuche bewerben 
müssen.« Dazu kommt noch der nutzniefshare Hauptpunkt: 
dafs man nur durch Hülfe und nach den Vorschriften der Hier- 
archie zu beidem gelangen hönne. 

Die lehrenden Geheimnifswisser trieben ihre Begr iff-Spal- 
tungen fort, bis es endlich unter einem Gesetzmacher, wie 
Justinian , . ein zum Seeligwerden unentbehrlicher Glaubens«* 
* artikel würde, ob in Christus ein vereintes oder ein zwei« 
faches Wollen zu denken sey? ja, ob der Leib Christi an sich 
unverweslich seyn müsse ? und bis es zu Florenz auf dem 
griechisch -lateinischen Gesammtconcil Kirchenglaubensartikel 
wurde, dals jedes isngetaufte (d. i. jedes nicht alleinJciicbiich 
gewordene) unmündige Kind in Ewigkeit unselig bleibe! gleich 
als ob Gott nach den Gefühlen eines kinderlosen Priesters ab« 
urtheilen könnte. 

Der Priester aber wurde ein Sündenvergeber, erst durch 
unnütze Büfsungen , dann durch bezahlbaren Ablafs, endlich 
durch die willkürlichsten Verfügungen, dafs der Laie nicht 
so gut, wie er, den geweihten Kelch im Sakrament erhalten, 
überhaupt ohne ihn nicht in die Christenwelt herein, auch 
nicht in die Ehe treten , und nicht ohne seine Weihung seelig 
sterben, ja ohne Mefsgebübren nicht aus dem Fegefeuer kom- 
men könne; wobei das Bedenklichste wurde, dafs man nicht 
«entscheiden konnte, ob der Arme, weil er nicht zu Tausen- 
den für sich bezahlen lassen kann , länger als der zahlende 
Reiche von Gott in der Pein gelassen werden müsse. 



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Betrachtungen über den Protestantismus. 0 

Wie fast immer nur die drangende Notb 'rfem^ wovon 
die Verständigeren und Besseren in der Stille sieb augen- 
scheinlich überzeugt finden, endlich zum Durchkroch hilft, 
so auch im sechzehnten Jahrhundert. Die von der letzten 
nach jener Kirchenverfassung möglichen Hülfe der gröfseu 
Concilien (jener Repräsentanten der Kircheniniällibilität) We- 
der zu Constanz noch zu Basel gelösten , desto unerträglicher 
aber und kostbarer gewordenen Mifsbräu che waten es, 
wodurch die Verbesserungsbedürftigen zu dem Wagestück, von 
der Unverbesserlichkeitsicbfactischloszusagen, genöthigt wur- 
den. Die Mifsbräuche beruhten theils auf dem Priesterwesen, 
thcils auf ausgekünstelten Lehrbehauptungen, die für eine 
ursprüngliche, aber mündliche Lebrüberlieferung ausgegeben 
wurden. Genöthigt war also das Reformiren, dafs es auf die 
zwei Hauptrjuellen der Uebel zurückgehen muffte. 

Die Eine Hauptsache der Kirchenverbesserung war, daf* 
die Priester in Lehrer verwandelt wurden ; in Leh- 
rer einer aus den Lichteinsichten und Offenbarungen geistig 
erhöhter Menschen und aus dein jetzt möglichen Nachdenken das 
bleibende zusammenfassenden Keligionskenntuifs ; in Lehrer , 
die nicht mehr durch eine äufsere Weihung , sondern durch einen, 
in Wahrheit und Rechtschaffenheit eingeweihten Geist , nicht 
durch Gewalt weder der Kirche noch des Staats , sondern durch 
die Macht der Gründe und ihre geschickte Anwendung wirken 
sollten. In diesem Puhkt war in Wahrheit ein Wunder ge- 
schehen; denn von dem so lange herrschend gewesenen Vor- . 
urtheil, dafs die Gnadengaben Gottes nur durch die Vermitt- 
lung solcher Geweihten zu gewinnen Seyen , blieb bei den 
Protestanten kaum noch ein Schatten übrig, indem auch Taufe 
und Abendmahl nur um besserer Ordnung willen durch be- 
stimmte Kirchenvorsteher mitgetheilt werden, im Nothfall 
aber -jeder Christ wie ein Priester anerkannt wurde, der sich 
auch bei den Sakramenten unmittelbar der Gottheit nähern 
dürfe. 

Dieses ins Innerste der Religiosität einwirkende Besser- 
werden ist auf jeden Fall ein unschätzbarer fortdauernder'Ge- & 
winn ans der damaligen Kirchenreformation. Zugleich ist e« 
ein unübersehbarer Fortschritt zur Geistesbildung in den Leh- 
rern sowohl, als in den Mitgliedern der evangelisch -prote* 
stantisch gewordenen Kirchen, dafs aus äufserlich geweihten 
Priestern jetzt die der innerlichen Weihung bedürftige Iiebrer 
werden mufsten. Wer Lehrer werden soll, auch nur auf 
ej'ner minderen Stufe, mui'i nicht nur lernen, sondern, auch 
sich lehrfäliig machen; also an sich selbst viel mehr bilden,' 



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I. 



10 Betrachtungen über den Protestantiimus. 

als der, welcher eigentlich nur zu einer anständigen Reprä- 
sentation hei den gottesdienstlicben Ritualien und zur gehei- 
men Casuistik des Gewissensraths sich vorzuühen hat. Der' 
lehrfähig gewordene Lehrer sucht sodann sich doch irgend 
auch empfängliche Zuhörer zuzubereiten; und folglich mufs 
seine erhöhte Verständigkeit auch durch seine Lehrvorträge, 
besonders durch Kinderunterrieht in Katechisationen und durch 
Einwirkung auf die Schulkenntnisse nach und nach Kirchen- 
mitglieder erziehen, die, weil alles Verständige an einander 
hängt, auch in andern Beziehungen des Lebens verständiger 
lind lernfäbiger sich zeigen. Wenigstens zur Hälfte ist dem. 
aiach der geistige Gewinn aus der Kircbenreformation , dieVer-, 
Besserung des dem Urchristenthum aulgedrungenen Uebels , 
unleugbar und fortwirkend. 

Auer alles Menschliche geht nur allmählich. Hatten die 
Lehrer aufhören müssen, als Priester zu gelten, so war es gar 
zu natürlich, dafs sie doch durch den Inhalt der Lehren und 
der Lehrkunst noch Etwas erhalten zu müssen meinten, das 
sie von dieser Seite über die Menge , die man so lange nur als 
Laien zu denken gewohnt war, in einen Nimbus fast uner- 
reichbarer GeheimKenntnissft erheben könnte. Von dieser 
Seite her blieb deswegen noch lange das Vorurtheil, dafs das 
pünktlichste Glauben aller über das Ueberirdische auszusinnen- 
den Lehrbehauptungen die nun einmal von Gott gemachte Be- 
dingung des Seeligwerdens für Alle sey. 

Daner auch unter den Evangelisch - Protestantischen so 
bald wieder die Aengsilichkeit, nicht nur Alles, was auf Recht- 
wollen einen wirksamen Einflufs habe, sondern auch die sub- 
tilsten Auflösungen metaphysischer und hyperphysischer Pro- 
bleme (wie über die Art der göttlichen Vorherbestimmung, 
über das Ueberallseyn des Leibes und Blutes Christi und der- 
gleichen mehr) mit der gröfsten Beunruhigung als unentbehr- 
liche Gegenstände des seeligmachenden Glaubens anzusehen. 
Und wie konnte dann der Nichttheoloce dieser wicbtioenSub- 
tili täten gewife werden, als durch seine Kirchenlehrer ? Hier- 
v au ^ g rün deten sofort viele von diesen abermals eine äufserliche 
Art von Unentbehrlichst. 

Und weil denn doch zugleich über solche spitzfindige 
Lehraufgaben , so entbehrlich sie schon an sich gewesen wä- 
ren, verschiedene Lösungsversuche mit Eifer bekannt gemacht 
wurden , und fast jede Dorfkanzel davon wie von einer seelig- 
machenden oder seelenverderbenden Entdeckung widerschallte , 
so kam gar leicht aus dem vorhergegangenen Ki rcb engl a üben 
auch die Meinung wieder zurück, dais, wenn man nicht lauter 



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I 



Betreibungen Uber den ProtejtUiUimuf . II 

• 

Lebrver wirrung verbreitet leben wollte, wenigstens Ober die 
strittig gewordenen Auslegungen ein Glaubensrichter, 
zum wenigsten ein schriftliches articulirtes Normativ auigenöV 
iiugt werden müfste, das zwar reformabel wäre, aber doch 
von keinem ohne Gefahr als reformationsbedürftig angeregt 
werden sollte. Daher entstund erst nach den (\brigen , davon 
sehr untersebeidbaren symbolischen Schriften der lutherischen 
Kirche, welche tbeils als Bekenntnisse, theils , wie die Katechis- 
men als Beispiele und Vorbilder zur freien Belehrung und Ue- 
Leueugung und nie als lebrgebietende Vorschriften vorange- 
gangen waren , jene unter den lutherischen Protestanten i n 
ihre \\ Art einzige symbolische Schritt. Diese allein wurde 
historisch als eine, wie man glaubte , nach der Schrift norinirta 
Norm für gewisse desto künstlichere Punkte der Lehre zum 
Gesetz gemacht, und eine Zeit lang in vielen Gegenden mit 
obrigkeitlicher Gewalt, i ach dem (unklugen und bald allgemein 
gtraifsbilligten) Rath weniger dilatorischer rolypragraonisten, 
dui cbceselzt. Beruhiounn der Gewissen iler Uniielehrten 
wegen der gelehrten Spitzfindigkeiten, die «loch Lehrer und 
Lernende noch für nothwendige Seeligkeitsmittel hielten, war 
cit r gutgemeinte Zweck des unrichtig gewählten Mittels , so dafs 
man dadurch wieder geistige Ueberzeugun^en nicht durch 
Gtünde, sondern durch Stimmenmehrheit und Gewalt zu ent- 
scheiden versuchte, dafs man also von dem ursprünglichen 
Trottrstiren gegen jedes Schriftauslegungs^ebot in der That 
abwich. Darüber drückte man eine kurze Zeit lang die Augen 
zu, weil die Noth eine Inconserruenz zu fordern schien. 

VVelcb eine beträchtliche Zeit aber war erforderlich, bis, 
nachdem einmal Gewalt eingemischt war, der Ungrund dieser 
scheinbaren Noth und Furcht augenfällig wurde. Mehr den 
VerständigreligiOsen unter den Nipht theo logen , als denen in 
die Polemik und Systematik recht tief einstudirten oder nach- 
schlendernden Kirchenlehrern , hat man es zu danken, dafs 
man endlich vielmehr auf den inneren, letzten Grund jener 
Liebrllngstlicbkeit, närrdixh auf die Frage zurückging : ob 
denn wirklich nicht mir die Ueberzeugungstn?ue für praktisch * 
wirksame Gotteskenntnisse f sondern auch die dem Glauben 
HboJiche, dumpfe Resignation in AHes, was nicht die Schrift, 
sondern nur eine kunstvolle Schriftauslegupg und Systematisi* 
rung entdeckt halben wolle, für eine von der Weisheit Gottes 
gemachte Bedingung des Seeligwerdens zu halten sey? 

Seit mau qiuf -diesen letzten Grund der Abirrung znrück- 
skommen ist, wurde der Protestantismus wieder ganz con- 
^rjrjeut, Kein«', auch subtilere Ent4epkung des Wabren i»t 



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* • * " 

12 Betrachtungen über dea Protestantismus! " 

als gleichgültig anzusehen. Der Recbtwollende , wie konnte 
dieser gfgen das Denkwürdige Indifferentist werden ? Aber 
nicht Jeder vermag auch das Subtile in sich zu einer überzeu- 
genden Einsicht zu bringen. Nur dafs Jeder das möglich - 
I5este , wovon er belehrt und überzeugt werden kann , mit 
Willigkeit und Treue glaube und befolge, nur dies wird von 
Jeden» in seinem Ä Gewissen «« gefordert. Nicht etwa: „glau- 
be, was du w ill st», wohl aber: glaube , was du r edl ic h 
glaubt n k a n n s t 2 ist die wahre Forderung vor Gott und 
Menschen. Dies ist einem Jeden durch Schrift und Verstand 
zugerufen. 

Und so haben wir die Zeiten erlebt, in denen die Menge 
verständiger (einst sogenannter) Laien fast noch mehr, als 
manche von den Kirchenlehrern, recht deutlich einsahen, dafs 
gerade das, was das einzige gebotene symbolische Buch 
als Hauptartikel auigenöthigt hatte, auf keinen Fall so leicht, 
am wenigsten aber durch ein Macbtgebot einst zu entschei- 
den war. Man sah ein, dafs verschiedene Auslegungsgründe 
neben einander stünden, die in verschiedenen GemÜthern nach 
ihren sonstigen Richtungen und Vorbereitungen verschiedene 
Grade von Wahrscheinlichkeit hervorbringen könnten. Man 
sah also mit Beruhigung, dafs es gewifs zum Seeligwerdeti 
genüge, wenn nur ein Jeder redlich und ernstlich sich den 
.blutigen Tod Jesu und seine Beziehungen so weit vergegen- 
wärtige, als es ihm nach seinen Gemüthskräften möglich wird; 
wenn er folglich herzlich und redlich denke und glaube: Mir 
wird im Abendmahl werden, was Jesus Christus dadurch den 
Ueberzeugungstreuen zu geben die Absiebt gehabt bat! 

Hieraus [erhellte der Grundsatz: Was das ursprüngliche 
Christenthum nicht deutlich und bestimmt als Ileligions vvahr- 
heitj geoffenbart hat, kann auch nicht erst durch die mensch- 
lichen Auslegungen so entschieden geoffenbart seyn, dafs man 
dieses Nichtgeoffenbarte (und daher von H ertlichen] verschieden 
Verstandene) dem dort Geoffenbarten gleichsetzen inüfste oder 
auch nur dürfte. 

Dieser Grundsatz hat nun endlich die Wiedervereinigung 
derer, die durch den evangelischen Protestantismus , als Reform 
mationsprineip , bereits vieler vorher aufgezwungener Auto- 
ritäten los geworden waren, nicht blos zum Schein und nicht 
durch Aufopferung der einen Meinung gegen die andere, wahr* 
haft möglich gemacht. 

Und ist also nicht eben durch die Union in einem so ein- 
leuchtenden Beispiel unserer Tage das wahre Mittel zur cqnse- 
«fuenten Fortsetzung und, Durchführung der protestantischen 



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Betrachtungen ü6er des Protestsotisnmi. 13 

weiteres Wahr- 
Aber wie 




ge »ie in der Minorität waren , 
nur durch Grunde der Schrift und Vernunft, nicht durch Stim- 
menmehrheit öder Gewalt überzeugt werden su können mit 
Recht behaupteten; eben so kann auch jetzt die Ueberzeu- 
jungsart keine andere seyn. Ruhig aber können und sollen 
dabei Lehrer und Zuhörer bleiben, dafs sie keinen Glaubeni- 
richter über dergleichen Lehraufgaben haben, ruhig, aus dein 
einfachen Grunde, weil, wenn auch einer unter Menscbeh je 
möglich wäre', sie keinen bedürfen. Wie gewifs wäre es der 
Gottheit unwürdig, wenn sie das, was tie selbst nicht offenbar 
gemacht tat, und was rinn verschiedene Menschen in den* ver- 
schiedensten Darstellungen offenbarer, als die Bibel, gemacht 
haben wollen , dennoch zur Bedingung des Seeligwerdens 
willkürlich angenommen und in ihrer ewigen Weisheit den 
Sterblichen, deren gröfste Zahl kein Wort davon wüTste, 
vorgeschrieben hätte. Das wahrhaft Nötbige ist wahrhaftig 
offenbar. Wie durften oder dürfen sich so Manche heraus« 
^ nehmen, über dunklere entbehrliche Nehenfragen geschicktere 
Offenbarer seyn zu wollen , als die Scbriftoffenbarung selbst ? 



Becensent hielt es für das Bette, den Betrachtangen de* 
Verfassers, welcbe durch eine vielseitige Kenntnifs der kirch- 
lichen Geschichte im Grofsen und im Kleinen die Ihconsecjuen- 
zen und die üblen Folgen jeder Art von Zwangskirche äugen* 
scheinlich machen, das in der Kürze voraus zu schicken, was 
sonst seinen einleuchtendsten Wahrnehmungen mit einem ge* 
wissen Unoiuth entgegengehalten werden möchte, nämlich die 
ängstliche Frage und Besorgnifs: Wollen und müssen denn 
diese „ Betrachtungen" uns alle Kirchlichkeit, alle Vereinigung 
in religiöse Gesellschaft entl»iden und verwerflich machen? 
zeigen sie deswegen durchgängig, wie auch diese Vereine , 
die engeren fast eben so sehr als die umfassendsten, gar zu 
leicht zum Spiel der Herrschsucht und Eigennützigkeit gewor- 
den sind und werden können ? 

Gerade nur die ersten Grundsätze und Aus« 
Übungen desUrchristenthums und die anfäng- 
lich reine Erneuerung derielben durch den evan- 
gelischen Protestantismus können in der Wirk- 
lichkeit jene Aufgabe lös en|: wie kann das zum Besser- 
werden n otbwendige Vereintseyn der Menschen von der dabei so 
Wicht üi öglichen Ausartung in ein selbstsüchtiges Herrschen 



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14 Betrachtungen über den Protestantismus 

der Vorsteher und Machthabenden freigehalten werden ? — - 
Nicht ein gegebenes Wissen und Fflrwahrhalten zeigte Jesus 
als dag Unentbehrliche zum Seeligwerden , aber die Willig- 
keit, das ah wahr zu achten und zu befolgen , was der Ein- 
zelne nach seinen Ki3ften und. Umstanden erreichen kann. 
Dies ist's, was jeder rechtschaffene Geist, und am meisten 
also Gott, der allein vollkommene, von Jedem nach seinem 
Maafse fordern mufs, um, mit ihm zufrieden seyn zu können» 
Diese Willigkeit f ür das möglich - beste Glauben und Vollbrin- 
gen führt sogar nicht zu einem IndifFerentismus, dafs sie viel- 
mehr immer das anwendbar- Wahre ungemischter zu erkennen 
Mnd in Ausübung zu bringen keinen Augenblick vernachläs- 
sigen lälst. Aber als ächte Willigkeit nimmt sie auch nicht 
.irgend eine sich aufdringende I^ehrhehauptung um eines Ge- 
bots willen an , sondern einzig wenn sich dietbibt , so oft sie 
geprüft wird, überzeugend machen kann. 

Deswegen hat das Urchristentbam einen Jeden , der nicht 
Ü]os Mundchrist seyn will, unmittelbar ein Priester zu seyn f 
<L b* dem, was .die Gottheit woflen kann, geradezu in seinem 
Gemttthe sich zu nähern, aufgefordert, alles äufsere Priester* 
wesen aufhören gemacht , und die Vorsteher der christlichen 
Vereine in praktische Lehrer, Ermabnar und Ordner verwan- 
delt, die, wie es Paulus selbst so sorgfältig beobachtet r nicht 
Ijach Willkür und Belieben, sondern allein so Ordnung zu 
bajfen suchen , dafs sie zugleich auffordern können : n Urt hei- 
let selbst, denn auoh ich meine den Geist Gottes, die leben. 
^igSte.JRichtung meiner Geistigkeit auf das, was mit demGött- 
Jirjb -heiligen in meinem Gemüthe übereinkommt, zuhaben!** 
(iKor. 10, 16. 7, 14). 

Eben so, da die lange ? grofse Noth der Mif sbra" u cho 
«ndlich auf die Quellen derselben, auf falsche Dogmen 
und Traditionen einzudringen und sie möglichst zu ver- 
stopfen nöthigten, gingen auch unsere Reformatoren mit allem 
. ihrem Protestiren gegen auigenüthigten Kirchenglauben von 
der innigsten, herzlichsten Willigkeit aus, durch Gründe, 
durch das Klare d*r uf christlichen Schriften und durch da» 
Einleuchtende (Evidende) der Vernunft und des Verstandes 
sich zu allein Wahrachten und Befolgen leiten zu lassen. Darin 
allein besteht die Glaubensfreiheit; nicht dafs man 
glauben könne, nach Lust, Belieben und Willkür» 
sondern dafs man nicht nach schon v o rg es c;h r i eh e- 
*en Resultaten, vielmehr nur nach Ueberzeugiirngsgrün- 
den^die sich jeden Augenblick «öfs neue prüfen lasse n , iigenct 
eine mtthige Keligions Wahrheit glauben solle oder m fisse.. 



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< 



Befrachtungen Aber den Protestauüitnm. 15 

Den Gegensatz bievon hatte« wie der Verfasier 8.97. 

treffend bemerkt, der Orator Ek auf dem für Luther» Ueber- 
teugungstreue so herrlichen Reichstage zu Worms recht gut 
erfalst und durchschaut : dafs es nämlich — für die Hierar« 
chie ode r Kirchenherrschaft — et was Unerhörtes 
wäre» wenn ein Jeder hei jeder kirchlichen An- 
gelegenheit nach den Gründen, nach dem Warum, 
trigen dürfte (non permittendum est, sprach er, ein fich- 
ter Glaubensgebieter, ut de quaque re sibi rationtm nddi quis- 
que postulet. Sleidanus Hbr. III. pag. l47.)* Denn so hatte 
Lother schon in seinem Briefe an Fabst Leo X. 1520. darauf 
leine Hauptsache gegründet, dafs ihm weder ein Widerruf, 
aufier durch Ueberzeugung , noch eine tum voraus b e- 
itimmte Weise der Schriftauslegung sugemuthet 
werden dürfte. Dm Fabstes Oberauslegungsgewalt 
(welche nach dem Tridentischen Concil aus der infalliblen Ur« 
tbeilikraft der Kirche über alles Bibelauslegen abgeleitet worden 
ist) nannte Luther die andere Mauer der römisch en 
Kirche, die aber nocb untüchtiger wäre, als die erste (jene 
Scheidewand nämlich zwischen Priestern und Laien), da nach 
Job. 6, 45. alle wahre Christen (versteht sich über das clirist- 
iich-Noth wendige) ohne vorschreibende Lehrer (dies 
nennt der Verf. Lehrmonopole l ) von Gott in ihrem gutwol- 
lenden Geiste belehrt würden. 

Auch das damals in den papistiseh erzogenen Zeitgenos- 
sen, wie zähes Kindspech, zurückgeblieben« Vorurtheil, wie 
wenn es denn doch Seeligkeitsbe dingung wäre, die 
richtige Auslegung mancher Schriftstellen und Lehren nicht 
nur zu wollen und zu suchen, sondern sie sich von den Leh- 
rern als entschieden geben (positiv machen) zu lassen; die- 
ses Vorurtheil , welches im Grunde die späteren Abweichun- 
gen der Protestanten vom ursprünglichen Grundsatz des Fro- 
testirens gegen alle Glaubensgebote, während der schubst i sehen 
Polemik heider Kirchen gegen einander, ungefähr zwei Jahr- 
hunderte hindurch , verursacht bat, konnte wohl anders nicht , 
als durch mancherlei neue Erfahrungen vom Gegentbeil und 
von dessen schlimmen und widersinnigen Folgen gemildert 
und gehoben werden; wie es nun einmal überhaupt der Gang 
der göttlichen Menschenerziebung ist, dafs ihr Denken nur 
durch dergleichen Contraste und durch das gleichzeitige, un- 
aufhaltbare Heller werden in andern Kenntnissen geistiger Art 
sich allmählich seihst berichtigt , als dani» aber auch desto festes 
entscheidet. 



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t 

16 &errachttan&en Aber iJcn Ptotetfantismüi. 

SM» >Ii*iT7.^11 ta. i' ~.J . v |( S>->I Jv,. A 

• * 

' ^G^wi^;m^int©Lut]ier rech* redlich, dafs denn doch jenes 
bekannte" st« immer noch etwas ganz Wunderbares und \n 
er Ärf TsVkramentlich) einziges haben müfste. Nur an 



seiner Ärf '{sVkramentlichj einziges 
einem J&winglisch - philosophischen Widerwillen gegen das 
TTn Erklär liehe t also nur an einem verwerflichen MeinungsStolz 
liege es,' wenn man in jenem „Ist" nicht eben das Geheim- 
nils volle höre, was ihm so offenbar schien, auch weil'es ihm 
'(dem kaum der Wesensverwandlungs « Hypothese losgeworde- 
nen Augustiner- Eremiten) das Angewohntere war, so natür- 
lich und nothwendig dünkte. Aber hat nicht die erweiterte 
Geistesbildung überhaupt inzwischen auch fast jeden sogenann- 
ten Laien bis dahin ins Klare gebracht, dafs er gewifs das 
Abendmahl würdig empfange, wenn er, auch ohne ein gelehr- 
ter Schriftart sleger zu seyn, es mit dem reinen Willen hin- 
nähme, dadurch zu erhalten, was Jesus ihm damit zu gewüh- 
jren im Sinn gehabt hahe ? Und sollten oder dürften wir uns 
*lenn jene theologische Zwangszeit wieder zurück* 
■wünschen« wo der heller sehende Schriftforscher , Dr, Heit- 
mann,., sogar, in dem noch von einem Münchhausen dirigirten 
Gerlingen, nicht schön bei Lebzeiten, sondern erst durch 
«ine Testamentserklärung, dafs ihm, dem lutherischen Doctor, 
die ZwingK'sche ocbriftauslegung in diesem Punkt als die 
riebtigere deutlich geworden sey , sein Gewissen zu berubi* 

fen versuchen könnte. Dahin führen gesetzartig vorgeschrie« 
ene Resultate II Oder hätte der seelige Heumann, nachdem 
er die damals noch zum Scbibolet gegen die Reforrairten' auf« 
genöthigte Schrifterklärung (so, wie endlich jetzt die mei- 
sten)* ungegründet gefunden hatte, etwa schweigen un<T ver- 
stummen sollen, weiler als ein lutherischer Doctor beei- 
digt worden war? Wäre denn jetzt endlich das richtiger» 
auch das geltendere geworden , wenn man sich durch irgend 
einen Kirchenzwang immer und allezeit an der Beleuchtung des 
Mißverständnisses hätte hindern lasten sollen ? 



(Der Btschlufs folgt.) 



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N. 2. • 1827, 

♦ 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Betrachtungen über den Protestantismus 

» • 

(Beschlu fs. ) 

Mit einem Wort: wäre in dieser Sache eine Kirchen- 
union möglich geworden, wenn man nicht inzwischen, we- 
nigstens in diesem Punkt, zu dem Urgrundsatz der evangeli- 
Usch-frei forschenden Kirche zurückgekehrt würe, dafs jede 
Schrifterklärung und überhaupt jede Religionsüberzeugung 
durchaus nicht der Willkür, aber dem redlichen und bestmög- 
lichst forschenden Wollen des Erkennharen und Anwendbaren 
auch für die prüfende Folgezeit frei zu lassen sey? Dazu ist 
denn lange zuvor eine u n g ehern mte Mittheilung der Gründe t 
und Gegengründe unentbehrlich ; und je unzweideutiger und 
unverstellter diese dargelegt worden sind, desto überzeugungs- 
voller war und ist die Kirchenunion geworden. Und ist denn 
nicht eben so die Berichtigung noch gar vieler andrer Streit- 
wagen ausführbar und vorbereitet? 

Weil aber, ungeachtet alles dessen, das theologische Ge- 
bieten wollen auch in Ueberzeugungsangelegenheiten denen 
Menschen, die sich in eine gewisse Meinung so recht hinein- 
versenkt haben , und ihre individuelleSelhstbegränzung für das 
einzige Mittel der allgemein nöthigen Seelenruhe halten, so gar 
natürlich ist, ja dieses Unheil fast so leicht f wie jener ausgetrie- 
bene Dämon in das reingefegte Haus, immer wieder zurückkehren 
will, so sind gewifs von Zeit zu Zeit dergleichen ge- 
schichtliche Betrachtungen Über theilweise Abwei- 
chung aller protestantischen Kirchenpartheien von ihrer ur- 
sprünglichen evident richtigen Methode, ja streng rügende 
Betrachtungen, wie sie hier der Verf. geliefert hat, äufserst 
notbwendig und Überlegungswerth. 

Nur weil es unvermeidlich war, berührVfer von vorn« 
her sogleich den Kirchenzustand , in welchem noch. ein Prie- 
aterthum, das alle Nichtgeweihte wie Laien behandelt, eben 
damit aber ein -für Priester und Laien abgeschlossenes Lehr- 
XX. Jahrg. 4. Heft. • 2 



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)8 . Beachtungen Uber den Prgtt jfauliiimn. 

ganzes und ein entschieden vormundschaftlicbas Lehrmonopol , 
die Basis der Kirchenverfassung ist. Dahin, Wo man noch so 
fest sich bereden kann, dafs die Gnade oder Billigung des 
höchsten Wesens nicht nur durch Reinheit der Gesinnung, 
sondern auch durch ein resignirtes Fflrwabrhalten unverständ- 
licher Lebrsittze, nicht nur durch ein geistig • rechtschaffenes 
Lehen, sondern auch durch Beobachtung geheimnifireicher 
Gebrauche gewiis su erhalten sey; dahin sein Licht tu brin- 
gen, scheint der Verf. kaum in der Einleitung versuchen su 
wollen. Doch macht er deutlich gering, wie jenes mora- 
lische, durch das Wollen des Rechten nach Gründen ent- 
stehende, Glauben in ein dogmatisches verwandelt 
worden sey, durch welches dann die alleinvvissanden Kirchen- 
lehrer sich unentbehrlich, immer mehr gebieterisch und , leider 
auch, immer eigennütziger gemacht haben. 

Mit Liebe verweilt sein drittes Kapitel bei manchen rei- 
neren, wenigstens mehr gut gemeinten und unvei künstelten 
Ueberlieferungen des Urchristenthums. Wie sauer wurde es 
schon dem Apostel Paulus, da sein mehr wissenschaftlich ge- 
bildeter Geist sich von j ü d i s c he r Er b s at ■ u n g losgeris- 
sen, und in Jesus nicht wieder einen priesterlichen oder über* 
- haupt an Jerusalem und Garizim (oderRom?) bindenden Messias, 
vielmehr einen' das Heilige im Geist suchenden und auf die 
• Gottheit gerichteten Lehrregenten einer Universal- 
religion (nicht einer Welthierarchie) gefunden hatte, so dafs 
min seine innigste Begeisterung für das Heiige oder an sich 
Gute, ohne judaizirenden Particularismus, mühsam, aber mit 
-Weit umfassendem Erfolg arbeitete. 

Trefflich führt der Verf. dies bis auf den seltensten der 
Bischöfe, aufClaudius von Turin (8l4), bis auf die von by- 
santiniseber Gewaltorthodoxie abscheulich betrogenen ßogo- 
luil^n oder Messalier (lllö) und auf Petrus Waidus (H70> 
-herab, welcher das Licht der undogmatischen Bibellehre durch 
Üebersetzungen in die Landessprache (diese verhafste Mittel 
au selbsteigener Beantwortung der Frage: wo denn Christus 
und die Apostel eine Kircbendogmatik , einen perpetuiilichen 
<;iaubensricliter u. s. w. vorgeschrieben oder versprochen ha- 
ben?) sichtbar au machen anfing. 

Hierauf wird d e r V ro t e s ta n t i s m u s geschildert , wia 
er war, da er noch consequent genug als Minorität g-gen ge- 
WBiUbStig« Stimmenmehrheit für Seine Existent zu klmpfen 
bau**. Die Buchdruckerkunst, sagtS.7l, hatte den 
Geislern eine Stimme gegeben: die Reformation 
War das erste Wort, •*« aussprachen: e- Das 



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4 



» Betrachtungen über d«n Prote«tanti«mui. 19 

Njcbahmen def göttlichen Fiat Jux 1 Dagegen war freilich 
jener Kapuziner (5. 72.) auf dem rechten Wöge, der die Glan«, 
bigen versicherte , nur das Alte Testament , nämlich das prie- 
sjef liehe, st y von Gott, das Neue von Luther fabricirt, mit 
deuj natürlichen Folgesatz: wir aber, meine Lieben, 
wir bleiben beim Alten! Und somit war denn freilich 
selbst der. alte Tertullian ein Ketzer , welcher (S. 74 ) bei dem 
Beginnen der neuen Levitentheokratie in die Frage auage« 
brocheo ist; wir Laien, sind wir nicht auch Frie* 
s.ter des Herrn? Dafür wirkte dann hauptsächlich dies, 
(bis Luther und Seinesgleichen recht wissentlich aui dem 
Friesterbegriff heraustraten, und nur durch Ueberzeugung 
Lehrer dessen zu werden suchten, was als Resultat der 
Schriftforschung auch bei den Nichtgelehrten sur Ueberzeu- 
gung gebracht werden kann. Dafür wirkten die vielen nicht 
im theologischen Brodstudium allein gebildeten Lehrer, wie 
Melanchthou, wie Hugo Grotius, wieder nicht blos von der 
Hexenfurcht befreiende, sondern auch das Kirchenrecbt exor- 
cisirende Tbomasius. Nach solchen Vorgängern rief (S. 88.) 
ö>r begeisterte Herder in seiner Adrastäal „Im Christen« ' 
„tbum gibt es keinen Clerus; die Menschheit, nicht ein aus-« 
^scblieisender Stand, ist der Erwählte Gottes: vertilgt soll 
„der Name werden , wie sein Begriff. Denn beide sind Reste 
»der Barbarei , verachtend die nützlichsten Stände und dadurch 
„selbst verächtlich geworden." 

Beiläufig Werkt Ree. S. 89, da/s der Verf. diejenige 
Lehre, durch welche sich der Protestantismus gleich bei sei« 
nir Entstehung wesentlich und für immer von aller blofsen 
Kircbenreligion losgesagt habe, die Lehre von dem „Allein«« 
Verdienste des Glaubens« nennt , wie sie im Gegensatz stehe 
zur äufseren Werkbeiligkeit. Wenn nicht seine ganze Schrift 
•o reich wäre an Blicken in die Tiefen der Theologie , so sollte 
man fast aus dieser Stelle scbliefsen, der Verf. möchte doch 
nicht eigentlich ein Mann, wie man sagt, vom Handwerk 
•eyn, Denn wer so recht in der Systemstermiuologie wohnt 
und thront« gebraucht allerdings von dem seeligmachenden 
Glauben (d. i. von der herzlichen Willigkeit, das Glaubwür- 
dige zu erfassen und zu befolgen) nicht das Kunstwort „Al- 
lein verd ienst". ■ 

In Wahrheit ist dem ursprünglichen lutherischen oder" 
swinglisxhen i'i otestantismus die Meinung nicht Äuzuschrei* 
htn: jener Herfen »glaube verdiene etwas, da ei vielmehr\ 
nur ist, was er auf die uneigennützigst*? Wfi«e sryn »oll. 
Dies heben ^erafie die Uiproteft-tautt»» ikhtiß *ing**uluu uttd 



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* 1 * , 

20 Betrachtungen über den Protestantismus*! 

behauptet. Nur sind rite Teutschen gewöhnlich nicht mit 
Einem Ausdruck zufrieden. Hätte Luther immer nur gesagt: 
Der Glaubende , im Wollen und Erkennen Gottvertrauende 
und in Gott Lebende ist seelig ohne alles Verdienst, 
d.h. ohne dadurch das Seeligseyn als einen Lohn zu 
erwerben oder zu verdienen — — so wäre immer das Tref- 
fende gesagt gewesen. Denn wer wahrhaftig so ist, wie er 
seyn soll, ist es um der Sache seiher willen 9 nicht wegen 
einer Belohnung. Aber es klang viel voller v wenn man ge- 
wöhnlich ausrief : Der Christ wird seelig ohne Verdienst — 
„und Würdigkeit«. Nur das letztere war zum Ueberflufs 
gesagt und sogar unrichtig; denn einen Nichtwürdigen seelig 
werden zu lassen, mulste ja der Gottheit selbst unwürdig 
seyn ; und vielmehr ist es eben die redliche nnd tbätige Glau- 
bensgesinnung, die den Rechtwollenden auch der innigen und 
der göttlichen Zufriedenheit empfänglich und allerdings wür- 
' dig macht. Nur eine veraltete Ueherlieferung aus der Mön- 
cherei (gleich dem gewöhnlichen: Dei gratia, quamvisindignasl} 
war auch dies, wie wenn der wahrhaft urtheilende Gott.Ui-> 
würdige seelig könnte haben wollen, damit nm so mehr Alles 
von der (ihm unrichtig zugeschriebenen) willkürlichen 
Gnade abhänge. Mönchisches Herkommen war und ist es, 
dafs selbst die , welche durch den heiligen Geist zu einem re- : 
ligiösen Beruf gewählt worden zu seyn behaupteten, immer 
noch den nicht demüthigen , sondern fälschlich erniedrigenden 
Zusatz machen, „obgleich als ein unwürdiger". 

Strenger ausgedrückt , demnach war und ist der ursprüng- 
liche protestantische Sinn, dafs auch dem ächten Herzenglau- 
ben nicht ein Verdienst oder Alle in verdienst zuzuschrei- 
ben sey, wohl aber dies, dafs eben jenes wahre Glauben auch 
des Seeligseyns fähig und würdig mache, weil der allwis- 
sende Richter allein diese innere Rechtschaifenheit des Geistes 
als ächte Gerechtigkeit oder Rechtschaffenheit unfehlbar aner- 
kennt und nach der Wahrheit anrechnet. Wer um Worte 
zanken will, mag es demnach dem Verf. als einen grofsen 
Mifsgriff aufrechnen, dafs er nicht, statt von der Allein-' 
Würdigkeit des Glaubens zu reden , sich den Ausdruck tt AI- < 
leinverdienst" entfallen liefs. 

Ueberhaupt bemerkt der Verf. als Menschenkenner richtig; 
(S. 92.) * dafs auch die ersten Lehrer des Prote- 
stantismus nicht eben gleich die ganze Länge"* 
des wieder gefundenen rechten Weges durch-* 
mafsen, wie sie auch menschlicher Weise wohl nicht ver- 
mochten. Sie vertilgten, wie der Verfolg es, leider, lange 



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Betrachtungen über den Protestantismus. 21 



gezeigt bat , noch bei weitem nicht genug alle Spuren 
terschied* zwischen Clerus und Laien, um die Wo 



des Un- 
WobUhaten 

des Lehrerberufs (welchen also der Vf. recht sehr zu schätzen 
weifs) von den Uebeln des Lehrmonopols völlig abzusondern, 
•o dafs die Verwalter jenes ersteren vor der Versuchung , sich 
das letztere abermals anzumafsen, hinlänglich bewahrt gewe- 
sen wären. Wie hätte dies auch mit einem Male vollständig 
werden sollen? Man bedenke nur, unter welcher Masse von 
Vorurtheilen und mit welchen Mängeln in Kenntnissen sowohl 
als in der Methode, die Untei sucbungsfi eiheit zu gebrauchen, 
diese erste Generationen der Lehrer erwachsen und dann so- 
gleich in eine unmöglich unpartheiische Polemik hineingezo- 
gen waren. 

LTeberdies hängt, was immerhin den nichtlehrenden Kirchen- 
initgliedern recht sehr ans Herz zu legen ist, die geistigeErhebnng 
der sogenannten Laien bei weitem nicht blos davon ab, dals 
dafs der Clerus sie nicht als ausschliefsender Wahrheitsbesitzer 
herabwürdige; sie selbst vielmehr müssen auch an 
ihrer religiösen Geistesbildung das Ihrige thun. 
Sie Selbst sollten auch das geschichtlich gegebene sowohl als 
das vom Nachdenken bestätigte Religiöse mit heiligem Inter- 
esse und Erkenntnifseifer behandeln, wenn sie nicht 
selbst immer wieder ein Lehrmonopol und eine 
Art von Kirchensklaverei sich über den Nacken 
ziehen wollen. Die Wahrheit wird Euch frei machen! 
sagt Jesus; aber auch das praktisch Wahre ist etwas, das 
gesucht, nichtblos, wiegegeben, hingenommen werden inufs. 
Wer passiv nur am Gegebenen hängt , ist es zu wundern , 
wenn dieser wieder dienstbar wird g^gen die Geber? 

Eben deswegen war es in unsern Tagen eine so erbebende 
Erscheinung, dals das llinwegschreiten über die Vorurtheile, 
welche die Union beider protestantischen Kirchen allzu lange 
nach hierarchischen Nebenzwecken gehindert hatten , wenig. 

stens eben so sehr von den meisten Nicht«»eistlicben 

o 

mit Einsicht verlangt wurde, als von den besten 
unter der beiderseitigen Geistlichkeit selbst. 

Wie ächt freisinnig aber waren allerdings schon die auch 
von dein Verf, S. 93. hervorgehobene Artikel 26 und 28 des 
Augsburgischen Glaubensbekenntnisses und der im 15- Artikel 
ausgesprochene Grundsatz : Dafs Kirchenordnung, von Men- 
schenhänden gemacht so, dafs sie ohne Sünde gehalten werden 
könne , diene au in Frieden und guter Ordnung, doch ge- 
schehe dabei. Unterriebt, dals mantdie Gewissen 
nicht beschwer e, als sey sokhDing nöthigzur Seeligkeit.« 



• * 



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22 v Betrachtungen über den Protestantismus. 

* * . 

Die schon angedeutete Menschlichkeiten wirkten leider 
ao »ehr, dafs man nicht nur den wieder gefundenen rechten 
Weg nach seiner ganzen Länge nicht bald genug durchlief, 
dafs vielmehr Lehrer und Laien in mancherlei Abweichungen 
von ihrem Princip auf die verschiedensten inennsequenten Ne* 
henwege gerietben. Und dies ist denn der Hauptzweck des 
Buchs: so recht vielseitig und historisch diese Inconseqüenzen 
anschaulich au machen. 

Ree kann dies hier nicht weiter verfolgen. Um ao mehr 
mufs dieses Wesentliche und Charakteristische des Buchs der 
allgemeinsten Aufmerksamkeit empfohlen werden. Der Verf. 
bat die manchfacb entstandenen Uebel mit einer solchen De- 
tailkenntnifs, besonders auch über die jenseits des Canals mit 
nächster Beziehung auf die dortige Staatsverfassungen entstan- 
dene Entwickelungen des episkopdlischen , auch dort Verderb« 
liehen, Kirchenzwanga und der politisch unschädlichen Glau» 
bensfreiheit so vielfacher Dissenters in lebendigen Gemälden 
dargestellt« wie sie für jeden Kiichengeschichtforscher eine 
wahrhaftig nicht leichte Aufgabe gewesen wären. Man be« 
trachte jetzt nur so recht überweisend die schlimmen Folgen 
solches inconsequenten Abweichens von denen Grundsätzen, 
ohne welche nie protestantische Kirchen mit Hecht möglich 
gewesen wären. Je mehr der Verf. diese Ausartungen per* 
borresciren lehrt, desto offenbarer treibt seine Schrift zur 
vollständigen Rückkehr in das Consequente des 
ursprünglichen Protestantismus. Und je gröfser in« 
defs in vielen Rücksichten die eigene Geistesbildung der Nicht- 
geistlichen geworden ist, desto mehr wird sich die geistige 
Geistlichkeit« wenn sie nicht durch eigene Schuld sinken und 
aurückbleiben will, die unverkennbarsten Warnungen daraua 
nehmen können. 

Gerade deswegen möchte auch Ree. den Ungenannten bei 
seinem Worte, dafs er seinen Zweck vielleicht noch in Fort- 
setzungen vervollständige, recht festhalten. Je unverkennbar 
rer das Uehel, desto wahrscheinlicher wird das nicht allzu 
schwere Bestr hen des Bessermachens. 

Ganz unnöihig ist das Jammern, wie wenn eine solche 
Schrift alle Kirche (alles Zusammenhalten und Zusammen- 
wirken für religiöse Zwecke) störe oder zernichte. Das Ur* 
christenthum und der Protestantismus und der Verfasser wol- 
len Lehrer, eher nicht Lehr m onopole. Wer durch 
UeberzeugungsgrÜnde allein glauben will, wünscht tind will 
auch, ddXs nach Geist und Herz Fähige alles, was die Reli- 
giosität interessittt studiren, möglichst ergründen, zeitge- 



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I 



B..r.el.t H .pn fib.r Jen P,.,«u„,S.o,u.. 23 

maTi, waUrheitliebend und erbaulich mittheilen lernen , ober 
ohne d«f» sie die Alleinbesitzer seyn wollen, oder von einem 
vorgeschriebenen Stehenhieiben und Non plus ultra abhangen,. 
Um solche Lehrer für Kinder und Erwachsene zu erhalten, um 
sie dann gemeinschaftlich hören und benutzen zu können, 
und um das vielfache Gute, wozu sie praktisch auffordern sol- 
len | mit vereinten Kräften auszuüben, auch um diese Glau- 
bensfreiheit gegen Gefahren des knechtischen Jochs , wogegen 
der Apostel warnt , ist immer das christlich religiöse Vereint* 
Seyn, also die Kirch lichkeit, aber nach dein Schtfreien 
Vorbild der Urkircben und dem Grundsatz des Evangeli- 
•eben Protestantismus geruäfs , nÖtbig. 

Gerade das, was unsere, wenn sie conset/uent ist, vor- 
treffliche Kirche hervorgebracht bat (und dies waren doch 
nicht die herkömmliche , damals ohne Möglichkeit des Durch« 
prüfens l>eibehahene Dogmen, vielmehr die Reinigung 
von den ans der Herkömmlichkeit entstandenen 
M i f s Ii r ii u c h e n I ) , eben dies , das beifst , grofsentheils der 
eigenihuudiche zweite Haupttheil unterer Augsburgischen 
Couiession, der Apologie, der Smalcaldischen Artikel , mufs 
und wird diese Kirche erhalten, welche sich nicht durch Dog- 
matismen, sondern durch Protestiren geg«n Glaubens- und 
5chriftausl*gting»geliote und dann durch Anstreben zu richtiger 
freier Schi il ifoi tcbiing gegründet und gebaut bat. 

Bemerken borte- Ree. hie und da, dafi der didaktische 
Styl des Veifjtssers zumTheil verwickelter Sey, als die Schnell- 
lesenden es wünschen. Es scheint freilich, eine Romanen», 
leetttre zu schreiben habe er nicht im Sinne gehabt. Wahr- 
scheinlich ist es desto besser, wenn man bisweilen eine in- 
baltieicbe Periode zwei oder dreimal nachzulesen genötbfgt 
wird. Ree. wenigstens besebeidet sich, bierflher nichts be- 
merken zu dürfen , da er nur gar zu gut weifs, wie a ich seine 
Schreibart nicht selten überfüllt, verwickelt, oder allzu vieles 
in einander drängend erscheinen mag. Dagegen bat der Verf. 
sehr viel -voraus durch seine häufige treffend zugespitzt sen- 
tentiöse Stellen, welche an jenes Wort] des Koheleth ^erin- 
nern , dui'u die Sprüche der Weisen wie vergüldete Nägel 
■eyen, die den Gedanken unvergefslich fixiren. 

Wir führen noch von S. l43, eine einzige Stelle an : Lu- 
ther und Calvin als \\irbeidiger der Gewissensfreiheit ge- 
en die Herrschaftsanspi örhe des römischen Stuhls waren 
leiden der .Menschheit und erwarben «ich um' dieselbe un- 
sterbliche* Verdienst. Aber in so fern sie (besonders der letzt 
tere) an die Stelle der zerrissenen eine neue doch leichter« 



» 



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24 " Schriften gegen die Todesstrafe. 

Rette schmieden zu müssen meinten, erniedrigten sie sich zu 
Lloisen Fartheihäuptern f welche die Fortdauer mancher Ueber- 
reste der alten Hierarchie möglich machten. Z vir in gli allein (der 
aus den Gassikern und dein geschürften Menschenverstand , nicht 
aus der Metaphysik und Dogmatik , zur historisch- idealen 
Schriftauslegung sich bildende Gottes - und Menschenkenner!)! 
diente keinem andern Interesse, als dem der Menschheit durch 
leidenschaftlose, ruhig gewissenhafte, woblvorgeühte Wahr- 
heitforschung. « Eigentlicher Calvinismus bewies 
sich fast überall herrschsüchtig und intrikant; und daher auch 
hauptsächlich die ehemalige Scheu vor tt Kryptocalvinisten m , 
wodurch selbst die Concordienformel mehr politisch, als dog- Ä 
matisch, veranlafst wurde. Dagegen war freilich Zwingli 
der Mann, der für seine Ueberzeugung in den Tod gieng,* 
aber der keinen Servetus, auf der Flucht aus dem Inquisition** 
kerker, im Durcheilen flusch Genf ausspioniren , durch seinen '- 
Famulus vor einer Obrigkeit, deren Unterthan der Durchrei-' 
sende nicht war, anklagen, um der Verschiedenheit in einer 
Lehreinsicht willen erbärmlich einkerkern und wie einen Sa- 1 
crilegus gesetzlos verbrennen lief*. 

ff. E. G. Paulus. 



Schriften gegea die Zulässigkeit der Todesstrafe. 

1) Vom Justizmorde, ein Votuni. der Kirche, (JntersucJiung über die, 

Zulässigkeit der Todesstrafe aus dem christlichen Standpunkte. 
Leipzig bei J. Suhring. 1026. 110 S. gr. 8. 16 Gr, 

2) Untersuchungen über die moralischen und organischen Bedingungen 

des Irrseyns und der Lasterhaftigkeit. Aerzten und Rechtsphilo- 
sophen zur Würdigung vorgelegt. Von Dr. Friedr. Groos y 
dirigirendem Arzte an der Irrenanstalt zu Heidelberg. Heidelberg 
. und Leipzig, neue akademische Buchhandlung von Karl Groos, 
1826. 88 S. gr. 8. 64 K*. 

Ohne die erstere wichtige Schrift eines ungenannten und 
uns unbekannten gelehrten und geistreichen Kirchenlehrers 
würde Referent sich nicht zu der % jetzt ohnehin späten , 
Selbstanzeige seines unter No. 2. abgeführten , kaum etwas 
irüher erschienenen Schriftchens entschlossen haben. Da aber 
beide fast gleichzeitige Schriften auf ganz verschiedenen We- 
gen zum nämlichen Resultat, hinsichtlich der UnsulSssigkeit 
der Todesstrafe, führen, die Schrift No. 2. von den im Men- 



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I 

, ' ' Schriften gegen die Todesstrafe. 35 

1 

«eben enthaltenen innern moralischen und organischen Bedin- 
gungen» die Schrift No. 1. von den äufsern Bedingungen des 
Staates und der Kirche ausgehend ; so findet sich Referent er- 
nfuthigt, nicht nur sein eigenes Scbriftchen, -welchem das 
unvermuthet damit einstimmende Votum der Kirche mehrern 
Werth ertheilen möchte, in diesen Jahrbüchern , doch nur dem 
Titel nach, anzuzeigen» sondern auch eine ausführlich* Rela- 
tion über die Schrift No. 1. hier mitzutheilen , um dann am 
Ende noch eine und die andere Bemerkung beizufügen. 

Wir lassen nun den Verfasser von Nb. 1. selbst sprechen, 
freilich nur im gedrängtesten Aussuge, nur die Hauptsätze 
und etwa die wichtigsten Stellen mittheilend ; doch so, dafs, 
um der hoben Wichtigkeit der Sache willen , die Relation 
selbst ein Ganzes im Kleinen darstelle, damit jeder Lestr un- 
serer Blätter in den Stand gesetzt werde» ein Selbsturtheil über 
den Streit vonZulässigkeit der Todesstrafe fällen zu können. 



Wenn — laut der feierlichsten Urkunde des Jahrhun- 
derts (Paris den 14/26. Septemb. 1Ö15.) — dargethan wird» 
dafs irgend ein Gesetz des Staates den Vorschriften des Chri- 
stenthums widerspräche, so ist seine Abschaffung in einer un- 
bestimmten Zukunft nicht allein gewifs nach dem Rechte der 
Vernunft, sondern ist auch als eine möglichst bald zu vollzie- 
hende von den höchsten Gewalten verbürgt. 

Die Zulüssigkeit der Todesstrafe betreffend, beruhigten 
sich bisher die Theologen meist mit der, aus dem Wiederver- 
gelt ungerechte , dem Grundgesetze des Mosaischen Strafrechts , 
hervorgehenden Satzung : Wer Blut vergiefst, des Blut soll 
wiederum vergossen werden. Gott selbst bat aber dieses Ge- # 
setz nicht als ein allgemeines angesehen; denn sonst würde er 
nicht sechs Freistätten geheiligt haben, in denen der, welcher 
im Jähzorne einen erschlagen , vor dem Bluträcher sicher war; 
auch würd'e sonst dies Gesetz den Dienstberrn, der seinen 
Knecht erschlug, treffen müssen, wenn anders dem rothen 
JLebensstrome, der in den Adern eines Sklaven herumwallt, 
der Name de s Menschenbluts nicht abgesprochen werden mag. 
Dieser Mord aber, wenn der Knecht starb unv r seinen Hän- 
den, wurde micht mit dem Tode, wenn der Knecht den zwei- 
ten Tag erlel >te, gar nicht gestraft. Andemtheils verhängte 
das Mosaische Recht den Tod über Verbrecher, deren Blut 
der obige Grit ndsatz nicht forderte. 

Dagegen vereinigten sich mehrere vereinzelte Stimmen 
schon des Mir! elalters in den biblischen Beweisen gegen die 



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86 Sehtifteö gfgett ait Todüt*utf«. 

Todesstrafe. Sie »agten: l) da»Geaetz Gölte», d« »ollst nicht 
tödten, ist allgemein, verlandet daher auch die Obrigkeit* , 
2) tadelt Cbristui «eine Jünger, welche Feuer wollten herab- 
fallen lassen auf die Samariter , und setzt ihnen da» Wesen , 
dea neuen Testament» entgegen, welche» eine Zeit i»t de* 
Gnade; 3) Christus wollte eine Ehebrecherin nicht yerdam- 
inen, die doch da» Geeetz zum Tode verurtheilte , er wollt«: 
aUu einer christlichen Obrigkeit den Gebrauch de» Schwerte« 
nicht «ug*-etehen. Die Gesetze aber de» alten Testaments füc 
7*4«<MiiL.»jfe sind bürgerlich und im neuen Testamente *bge- 
^Nfft. im Allgemeinen ist auch die Ungültigkeit de» Mos iU 
sehen Grundsatzes von den neuern Criminalisten anerkannt. 

Eine andere theologi.che Berufung für die Zulässigst 
der Todesstrafe geht auf den apostolischen Ausspruch, von der 
Obrigkeit, welche das Schwert nicht umspnst trage, Römer 
XIII. 4 ; wodurch aber blos ganz allgemein das Zwange- und 
Strafrecht d«» Staates beaeichnet wird. Aufserdem läfst »ich 
aus einer eo flüchtigen Andeutung noch keine»weg» eine 
durchgebildete An«icht de» Christentums über einen die Re- 
ligion nicht unmittelbar betreffenden Gegenstand erschlirfsen. 
So ist ja auch im neuen Testamente die Sklaverei nicht ver-, 
worfen, vielmehr scheint sie durch Ermahnung der Knechte 
zur Treue gegen ihre Herren anerkannt. Dennoch ward ea 
mit allgemeinem Befremden aulgenommen, als ein noch leben- 
der angegebener Recbulehrer in »einem Lebrbuche des Natur- 
recht», als einer Philosophie des positiven Recht*, die Leib- 
eigenschaft durch das Beispiel des neuen Testaments zu he- 
achönig^n suchte. Denn da» Christenthum war es ja, daa 
durch die Anerkennung des göttlichen Ebenbildes in j-dein 
menschlichen Antlitze, durch die Erhebung zur Kindschaft 
Gottes und durch den Schlufs des grofsen Bruderbundes 4er . 
ganzen Menschheit nothwendig die Sklaverei untergrub. 

Nicht aus Stellen der heil Schrift, sondern aus anerkann- . 
ten Grundsätzen dea Christentums und im Geiste desselben 
ist eine Beurtheilong der Todesstrafe nach christlichem Ge- 
sichtspunkte zu schöpfen. 

Um aber die Bedeutung diese» kirchlichen Votums zu wür- 
digen, scheint ooth wendig, vorher die Debatte der Juristen 
zu uberblicken, und »ie über ihren etwaigeu Hauj^tgrundsat* 
des Strafrechts zu vernahmen. 

Die Besserung — abgesehen davon, daf/i die Besse- 
rune de» Verbrechers durch Todesstrafe baarer iJn»inn waUf* 
— Tunn überhaupt deahalb nicht Grund»atz d«u Strafrecbu 
•eyn, weil aus ihr weder Utcbt noch Zweck dt r Straf» Uet- 



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Schriften gegen die Todeiitrafe. 27 

vorgebt. Kinder tollen durch heilsame Zucht zwar erlogen 
werden , weil durch den fremden Willen die Freiheit ihres 
eigen a erst entwickelt werden soll; aber undenkbar ist, daf* 
«in mündiger Mann durch den Zwang der Strafe zur Besse- 
rung genötbigt werden tollte; da ja dicae allein von eeiner 
Freiheit ausgeben kann, und jede erzwungene Legalität der 
treten Achtung des Sittengesetaet geradezu widerspricht. 
Wird aber ein solches Hecht und hiermit auch die Pflicht des 
Stattet erdichtet, so ist hiermit aller Tyrannei Thür und TUor. 
geöffnet. Denn der Staat, der »ich berechtigt hält, durch 
Zwangs mittel die innere Sittlichkeit seiner Untertbanen au, 
leiten, dringt ein in jedes Heil igth um des Geistes; «raucht 
die Gedanken, den Glauben au beherrschen; die Inquisition 
schürt ihre Scheiterhaufen in der Sorge für das Heil der See- 
len. Des unglücklichen Schubarts zehn jähr ige Gefangenschaft 
war eine Folge dieser Theorie. Es ist ein göttliches PjivÜ«* 
giuin, weil der Herzenskündtger allein freie Menseben zu er- 
ziehen versteht, zu züchtigen, wen er lieb hat; spiele nie- 
mand mit den Donnern der Gottheit! So weit entfernt i*C 
die Strafe, welche Menschen über einander verhängen kön- 
nen, den Zweck der Besserung zu sichern , dafs st« vielmehr 
oh genug das Gemütb erst verhärtet , wo es die Gnade einer 
gesegneten Rührung eröffnen würde. — Ein Anderes ist, claU 
die durch andere Gründe gerechtfertigte Strafe vollzogen werde 
mit Hücksi« ht auf die Wahrscheinlichkeit einer sittlichen An« 
regung des Verbrechers. 

Der Resserungstheorie gegenüber steht als äufserster Ge- 
gensatz der Grundsatz der Rache, freilich nur unter rohen, 
Völkern, aus welcher geschichtlich die Hegung des Gerichta- 
haniifa allerdings Iiervorgieng So lange der ungeordnete 
Staat g'-gen die Kraft d?s Einzelnen zurückstand, übte jeder 
dieses sein eigenes Richtera*nt, Sobald der Staat zu einigem 
Bewuistseyn gelangte, so setzte er gewisse Bufsen fest, bei 
welchen, wenn sie der Verbrecher erduldet hatte, der ge- 
kränkte Theil sich beruhigen mufste. Nachdem spater der 
Anklage- Procefs entstanden, so blieb, neben der, wenn mög- 
lichen, Erstattung eines durch ein Verbrechen verlorne*. Gu- 
tes, der Klage feinerer Grund die Rache, aus deren Befriedi- 
gung aber dem Gekränkten kein Vortbeil erwächst, aufser der 
Scbwelgerei einet unlautern Gefühls: unlauter, denn es ist 
lreude am Leide eines Manschen, den kein Verbrechen tut 
4ea goldenen Buche der Menschheit streicht, eines Bruders, 
den keine Schuld tls den ewig verlornen Sohn aus dein Vtter- 
Unde Gotte« vertreibt. Darum gebietet die Vernunft durch 



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23 Schriften geeen die Todesstrafe. 

■ * 

* 

ihren erhabensten Vertreter: Vergebet t eo wird euchtVerge- 
fcen! Liebet eure Feinde! und Gott spricht: Die Hache ist 
mein! Der Staat aber, dieses Abbild göttlicher Vernunft, 
soll sich nicht dazu hergeben , einem unlautern Gefühle su 
dienen. Man meinte zwar, dafs die Rache von ihren Schlak- 
ken gereinigt werde durch ihre Uebertragung an den Staat; 
was aber dem Einzelnen die Vernunft überhaupt zu üben ver- 
bietet, das kann er auch nicht als sein Recht vernunftgemärt 
an einen Andern übertragen. 

Aus Anerkennung dieser unfehlbaren Sätze gieng der Ge- 
danke hervor , dafs keineswegs der in seinem Rechte gekränkte 
Mensch gerächt werden solle, sondern das- in ihm verletzte 
Gesetz, Die Rache des Gesetzes hat jede Unlauterkeit des 
Gefühls abgethan, und erhoben zum Grundgedanken des Cri- 
rninalrechts , erscheint ein von der vorigen Stellung durchaus 
verschiedener Standpunkt: nämlich die Gerechtigkeit, 
die Ausgleichung der Sittlichkeit mit dem Glücke, der Unsitt- 
hcbkeit mit dem Unheile, des Verbrechens mit der Strafe. 
Sterbliche und Himmlische haben verziehen, aber unerbittlich 
fordert die Gerechtigkeit das ihr verfallene Opfer. Ihre 
Waage halten ernst und schweigend Urtheilsverfasser , ohne 
Hafs und ohne Liebe; der Mensch ist ihnen nicht Mensch, 
für oder gegen den sie etwas Menschliches fühlen könnten; er 
ist ihnen ein blolser Begriff. Und wie nach der altväterlichen 
Sage des Areopags bei der, durch Stimmengleichheit offenbar- 
ten, Ungewifsbeit des Rechts nur ein Gott gewagt hatte, das 
Wort der Gnade auszusprechen , so ist zwar dem Landesherrn 
ein göttliches Recht freier Begnadigung anvertraut ; aber ein 
auch über ihm stehendes Gesetz der Vernunft gebietet, sein 
königliches Vorrecht nur zu Üben, wenn der Buchstabe des 
Rechts im Widerspruche steht mit der Gerechtigkeit eines 
besondern Falles , dessen Milderungsgründe in der Allgemein- 
heit des Gesetzes nicht berücksichtigt werden. Ein erhabener 
Tempel der Gerechtigkeit erscheint das fürstliche Kabinet: ein 
Todtsurtheil liegt auf der Tafel, die Feder schon eingetaucht 
daneben; ein Schriftzug wird sichrer treffen , als des Nach- 
richte. s Schwert; es ist alles wohl erwogen; die Gerechtig- 
keit schreit zum Himmel nach Blut; aber der Fürst ist ein 
Mensch, ein guter fühlender Mensch; er geht mit ungewissen 
Schritten im Zimmer umher, er denkt an die Todesangst des 
Vertirtheilten, an das Jammergeschrei der Kinder um einet 
Vaters Lehen; er denkt an die eigene Todesangst; die einst 
ihn {ergreifen , an das Wort der Barmherzigkeit , das auch er, 
ein ärii»er Sünder, einst am Throne des Weltrichters bedürfen 



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1 



Schriften gegen die Todesstrafe. 29 

wird; und kein Gesetz steht wider ihn auf, keine Stimme 
darf laut ihn tadeln, wenn seiner Huld gefiele, all den un- 
säglichen Jammer mit heiterin Königsworte zu lösen, su ver- 
zeihen, wie die gnadenreiche Gottheit ; er denkt'! — - und mit 
schwankender Hand und abgewandtem Blicke unterzeichnet er 
das Todesurtbeil. 

Durch den Glans der Phantasie bestochen, worauf die. 
Kraft des eben vorgehaltenen Ideals von Gerechtigkeit recht 
eigentlich beruht, suchten Philosophen, in der -Begeisterung 
für dasselbe und in Vergessenheit der wirklichen Dinge, diese 
Theorie besonnen dem Verstände zu rechtfertigen ; wodurch 
aber gerade ihre schwache Seite an den Tag kam, welche in • 
nichts weitet als darin besteht, dafs .nicht göttliche Wesen, 
sondern Menschen zu Gericht sitzen. Schade nur, dafs der < 
Wtltricbter den unabhängige? Gerichtshöfen zum Amt nicht 
auch den Verstand, die Allwissenheit der Herzenskündiger 
gegeben hat. Läugne, wer's kann, dafs, um wahrhafte Ge- 
rechtigkeit zu üben , der Richter das Herz des Verbrechers 
bis in seine geheimsten Fasern und halbgedachten Gedanken 
durchdringen , jede .Einwirkung der Aufsenwelt, vom Schlafe 
unter dem Mutterherzen an bis zur blutigen That, kennen, 
<üe Kraft und Glut jedes Pulsschlags berechnen rtitifste, um 
aus diesen entgegenstehenden Kräften den Ueh«;rschufs der 
möglichen und doch nicht wirklichen Willenskraft zu berech- 
nen, der allein der Gerechtigkeit verfallen ist. Mit vollem 
Hechte lassen wir den schönen Advocaten des Kaufmanns von 
Venedig zu euch sprechen : m Wenn ihr einen ei/uigen Tropfen 
unschuldiges Blut vergießet, wenn ihr um Einen Gran Fleisch 
der Gerechtigkeit mehr aufopfert, als sie gebietet, so ist euer 
Haupt den Gesetzen verfallen.« Nicht die That bringt die 
Schuld, sondern der Wille; und getraut ti$n irgend ein Rich- 
ter einzugehen in die geheimnifsvolle Weykstäfte , in welcher 
der Wille geboren wird? Man entschuldige sich nicht: wir 
üben eben Gerechtigkeit, so weit menschlicher Beschränkt- 
heit möglich ist. Die Möglichkeit 6>det sich nirgends, in 
keinem Falle mit entschiedener Gev/ifsheit; und was d«m 
Menschen zu üben unmöglich ist , dazu hat er weder Recht 
noch Pflicht. Gott allein ist geregut, man nennt ihn deshalb 
auch nicht den Allgerechten, elf wenn er seinen Gerichtsbann 
mit uns getheilt hätte. Greifen wir nicht der ewigen Gerech-^ 
tigkeit in den Arm, versuchen wir Menschenkinder nicht Welt- 
richters zu spielen! Die beilige Idee der Gerechtigkeit lasset 
uns anbeten, ihre Verwirklichung hoffen im Weltgerichte der 
Geschichte, im Herzensgericlite jenseit der Gräber. 



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30 Schilfen gegen die Tedeiitrafe. 



t i Durch diese Reflexion ergab »ich v orem der eigentliche 
Abfall der Idee tur Mofaen Wirklichkeit in der Absein et- 
at ungatbeorie dea Criuiina)recbta> wornach einzig deshalb 
die Strafe vollzogen werden ioll 9 damit durch den sinnlichen 
Kind ruck deraelben jedermann abgeschreckt werde, dasselbe 
Verbrechen zu begehen 9 oder Oberhaupt die Drohung der Ge« 
ar tz« zu verhöhnen. Aber daa Uubeitbare di«a*r Theorie er- 
schein* zumal bei der Todeaatrafe. Ein vernttnftigea Weaen 
roufa pUezeit Seibatzweck« kann nie blofaea Mittel aeyn. Der 
JVI«n«ch iat kein Opfert hier, daa binausgeacbleppt werden 
kownte bloa cum Beaten Anderer. 

Diese Einwendung scheint gehoben durch die Prfiven- 
% ioi\»tbeorie im engern Sinne, nach welcher der Straf- 
zweuV Vorkehrung iat gegen künftige Uebei tretungen einea 
einzelnen Beleidigers, entweder durch Abschreckung mittels 
der an' ihm vollzogenen Strafe, oder durch völlige Aufser* 
&tainlse.tzung desselben. . Rechtlich begründet Werde der Prü- 
ventt ■jn.'izvyang dadurch , dafa die ftVr daa rechtliche Verhält« 
nifa. erforderliche Bestimmung dea Willens bei einem Subjecte 
wirklich nicht vorhanden iat, und dieaea daher als ateta Gefahr 
drohend a.^acheJnt. Nach dieaer Theorie wäre ein giöiserta 
Recht zur \Strafe vor als nach dem Verbrechen , und dem 
Richter meiy <Ue Gabe der Weissagung ala der Gerechtigkeit 
zu wünschen. 

Indem offenbar der ursprüngliche Zw< ck dea Staates ist, 
durch die vereinte Kraft der Gemeinde , alao durch den höchst 
möglichen Zw.Ang jeden Einzelnen zu schützen in den Rech.« 
ten, ala den Sutern Bedingungen dea -Lehena; ao bleibe zu- . 
letzt aller Gruno 1 jeder Gesetzgebung einsig und allein ihre 
politische Not Ii wendigkeit, und ihr Zweck ist die 
Erhaltung dea Staafea. Jetzt erat wird daa Cj irninalrecht ver« 
nunftgemäfs. Weif nämlich der Staat eine unbedingte For- 
derung der Vernunft .vst , ao wird jedea Mittel 9 ohn« welches 
dieaer Zweck nicht erreicht werdet kann, gleichfalls von der 
Vernunft gefordert. Aeufs erlicht: Gerechtigkeit iat Grund* 
ve&te dea Staates , uod w'ie der Rechtagruud einer Androhung 
die Notwendigkeit igt, die Rechte Aller zu sichern, ao iat 
der Rechtagrund der Zuftig'ing die vorhergegangene Drohung 
des GcsetZea» Es kann sug.i \ geschehen , dala die innere lind 
»milche Gerechtigkeit verletzt wird durch dieae äulieie Cr- 
rechtigkeit , die sittliche Schuld keineswegs im Vergleiche 
mit andern Verbrechen giofs genug ist, um die gesetzliche 
Strafe verwirkt zu haben ; dennoch iat der Richter unbedingt 
an die Gesetze gebunden % dem* dieae sind die Burgen der 



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s 

Schriften gegen Ata Toden traft. . 3l 

öffentlichen Freiheit. Sollte dagegen der Entschuldigungs- 
grund des Verbrechers , sey er auch wahr, dafs er seine That 
für Pflicht gehalten hatte, gelten; so wäre jedas einflußrei- 
chen Mannet Lehen prosci ihn t , und jeder Narr, dessen Vor- 
urteilen sein Wirkungskreis gefahrlich schien, könnte hin- 
gehen, um eine Recension mit dem Dolche abzufassen« 
Thattacblich wäre duich solche Straflosigkeit der Staat auf- 
gelöst. 

Der Gesetzgebung leitender Gedanke im Princip der Not- 
wendigkeit ist, dafs, je gröfser und sicherer der Vortheil f 
der durch ein Verbrechen erlangt werden kann, und je gröfser 
die Verletzung desjenigen ist , an welchem das Verbrechen 
vollzogen wird, desto gröfser die Strafe sey. Daher ist z. B. 
in England die höchste Strafe auf das , einen Handelsstaat zer- 
rüttendes, Verbrechen der Banknoten Verfälschung gesetzt. 
Daher ist Hochverrat!» das gröfste Verbreeben, Weil es das 
höchste Gut der Nation, den Staat selbst, aller äufserer Güter 
Grund, angreift; so dafs die höchste Strafe not h wendig , da- 
her auch rechtmgfsig ist; obschon die Geschichte gern aner- 
kennt, dafs Männer, welche um keinen Preis einen Freund, 
noch sonst etwas der Menschheit Heiliges verraten hätten p 
•1s Hochverräter starben unter Jienkeis Hand, welche, w«U 
ren sie glücklich gewesen, als Wohltäter ihres Volkes ver- 
ehrt worden wären, 

■ • • 

Die der Theorie der politischen Notwendigkeit der To. 
desstrafe zum Grund liegende Hauptrücksicht auf den Staat 
ist nicht mit der Abseht «ckungstheorie zu verwechseln, ob« 
schon diese der VVirkung nach in unterm Grundsatz aufgeht. 
Die Strafe wird keineswegs vollzogen, um als einzelne Strafe 
sine bestimmte psychologische Wirkung hervorzubringen, 
deren Eintreten nicht mit Gewifsheit berechnet werden kann; 
sondern damit das Ansehen der Gesetze überhaupt — sonst . 
leere Drohungen, Vogelscheuchen und Kinderspott — erhal- 
ten werde. Auch der Hinzurichtende stirbt nicht als blofses 
Mittel zur Abschreckung Anderer, sondern die Notwendig- 
keit des Staates, also die Vernunft selbst, fordert seinen Tod; 
er stirbt für eine Idee. 

Nachdem nun der Verfasser die verschiedenen Haupt- 
grundsatze des Strafrechts bisher kritisch dargestellt hat* und 
rndlicb bei dem Satze der politischen Notwendigkeit der 
Todesstrafe billigend stehen geblieben ist, so gebt er nun 
sur Untersuchung der Beweise für die in der Vernunft ge 

* 



[ 




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3a Schriften gegen die ^odeistrafe. 

gründet ieyn sollende Rechtmäßigkeit der Todesstrafe 
über • . t 

1) Das sittliche Gefühl eines jeden Menschen fordert eines 
Mörders Tod. 

Antwort: Es ist entweder nur ein sinnliches Gefühl, 
das um Blutrache schreit, oder ein sittlicher Irrthum, der sich 
einbildet, der Mensch sey zum Vollstrecker göttlicher Gerech- 
tigkeit bestellt. 

2) Der Mensch hat im Naturzustände das Recht , jeden, 
der sein Leben bedroht, su tödten; der Mörder hat demnach 
sein eigenes Recht auf das Leben verloren, und der Staat, 
welcher an die Stelle des Ermordeten tritt, das Unheil zu 

»11 • t * 

vollziehen. 

Antwort : Im Naturzustände ist gar nicht von einem 
Rechte, sondern von blofser Nothwehr die Rede, welche 
aufhört im Augenblicke, da der mörderisch Angefailene sei- 
nen Gegner entwaffnet bat ; in welchem wehrlosen Zustand« 
ihn noch zu tödten, «ine blofse Rache seyn würde. Dieser 
wehrlose Zustand tritt ein, sobald der Staat den Mörder ver- 
haftet hat. 

3) Der Mörder hat fremdes Leben nicht geachtet, dar« 
um soll auch sein Leben nicht geachtet werden; er hat die 
Grundbedingung des Staates verletzt, darum soll sie auch 
in ihm verletzt werden; man mufs ihn niedermachen wie ein 
Raubthier. 

Antwort: Hat der Mörder unrecht gethan, so thut der 
Staat {ihr 1 daran, seinem Beispiele zu folgen und ein Mörder 
zu werden, weil jener einer war. 

4) Nach vorhergegangener Androhung geschiebt keinem 
ein Unrecht durch die Todesstrafe , da er wufste, was er durch 
sein Verbrechen zu erwarten hatte. . . 

Antwort: Ist nur Hinausschiebung des Streitpunkts; 
denn das Recht dieser Androhung, von welcher das der Voll* 
ziehung abhängt, wöre zu erweisen. 



CDer Btschlttfi folgt.) 



I* i - .*•». ■ . • • • . * «» • 4 • t» 



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N.' 3. . 1827. 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Schriften gegen die Zulässigkeit der Todesstrafe. 

(Leschlu/s.) 

5) Die höchsten Güter der Menschen müssen durch die höch- 
ste t auf ihre Verletzung gesetzte, Strafe geschlitzt werden; 
diese ist der Tod , denn die Liebe zum Lehen ist die gemein- 
ste und heftigite Leidenschaft des Menschen. Man lasse die 
Verbrecher wühlen zwischen Tod und ewigem Gefängnisse , 
und nach der größten Anzahl heurtheile man, welche Strafe 
die furchtbarste Sey. Der Druck des Elendes, in welchem 
die meisten Verbrechen begangen werden, ist so grofs, dafs 
für die Artnuth das Zuchthaus zum \>rsorgungsha.is wird. 
Dazu kommt, dafs nur vor dem Blutgerüste die Aufschrift 
steht: Lafs die Hoffnung hinter dir. Anch in ewiges Gefäng- 
nif* nimmt der Verbrecher seine Hoffnungen mit; tausend Zu- 
falle können seine Ketten losen. Diese Hoffnungen entkräften 
die schreckende Gewalt des Gesetzes. 

Antwort: Wiewohl dieser Beweis nicht die Recht, 
mäfäigkeit, sonder»? die Nothwendlgkeit der Todesstrafe an- 
gebt, so ist dennoch, da diese Notwendigkeit nach dem an« 
genommenem Grundsätze des Criminalrechts vollkommen ent- 
scheidet, auf diese psychologische Untersuchung einzugehen; 
bei welcher jedoch, da von äufserer Einwirkung auf mensch- 
liche Freiheit die Rede ist, nur die Wahrscheinlichkeit einer 
Jiestimmten Gegenwirkung dargetban werden kann. Es mag 
flaher zugestanden werden, dafs die Androhung des Todes 
hei einigen Charakteren und in einigen Verhaltnissen wirksa- 
mer seyn könne, als Zuchthausstrafe ; in den meisten Fällen 
aber übt letztere dieselbe oder eine noch gröl'sVre Macht auf 
die •Geniüther. Zum Mord gehört ein gewalttätiger Sinn, 
der Blut sehen und Pulver riechen kann; der Muth eines sol- 
chen wird weniger geschreckt werden durch die Drohung eines 
einzigen blutigen Tages im unglücklichsten Falle, als durch 
die unabsehbare Aussicht des Elendes der Knechtschaft. Da 

XX Jahrg. i.^ft. 3 



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34- Schriften gegen die Todesstrafe. 

■ 

so viele sind, welche ihren Tod beschleunigen , so dajs Ihr 
eine Strafe auf den Selbstmord setzen inufstet;. da noch weit 
mehr sind* Fromme und Gottlose, welche den Tod herbei 
wünschen oder doch ruhig erwarten ; aber unter allen Men* 
sehen wahrscheinlich nicht Einer ist, der sich freiwillig gern 
eil zehnjähriger Zuchthausstrafe bequemt hätte : mit welcher 
Stirne,mögt ihr noch sagen , dafs ein Blutgerüst im Allgemei- 
nen sichrer schrecke vor dem Verbrechen, als ein Zuchthaus 1 
Fraget nach den Seufzern einer ewigen Knechtschaft, nach 
den ■Verwünschungen der Geburtsstunde ! — Uebrigens war 
der Schupfer nicht so grausam, als ihr meint, dais er der 
menschlichen Natur irgend jemals noch den Athem ohne die 
Hoffnung gegeben hätte ; eine höhere, nähere und wahrschein- 
lichere Hoffnung begleitet den Verbrecber, welcher in aufrich- 
tioer Reue üher sein Verbrechen sich mit der Kirche ver- 
"söhnte* als die treue Freundin auch anfs Blutgerüst; Hoffnun- 
gen, wodurch öfters Hie Todesstrafe ihre schreckende Kraft 
verlor, so dafs mehr als einmal, zuletzt noch von Friedrich II. 
•die Begleitung der Geistlichen eine Zeit lang aufgehoben 
wurde. Nach allem' möchte sich die schreckende Kraft der 
Todesstrafe auf kein Gemüth sicher berechnen lassen, es wäre 
denn auf das der Urtheilsverfasser . Nämlich bei der ünge- 
wilsheit aller menschlichen Dinge ist die Mögl ichkeit , einen 
Unschuldigen zu verurtheilen, der finster^ Tunkt der Oimt- 
nalwissenschaft. Es mufs schrecklich seyn , wenn die nach 
Jahren offenbarte Unschuld durch nichts anerkannt werden 
kann, als durch Herausgraben der Knochen unter dem Hoch- 
gerichte und ihre feierliche Bestattung in geweibt*r*Erde. In- 
dem Lebensüberdruß* schwärmerische S «Ibstanklage , vor al- 
lem die lange Qual des Kerkers ein erlogenes Geständnifs, eine* 
angeschuldigten Mord begangen zu. haben, veranlassen können 
(wie erst vor drei Jahren in Sachsen der Fall war), wie vor- 
mals die Tortur; so wird selten ein Fall vorkommen, in wel- 
chem die Richter, wenn sie gleich das Todesurtheil sprechen 
nach der Vollständigkeit des criminellen Beweises* mit voller 
Zuversicht ausrufen könnten : Sein Blut komme über uns und 
über unsere Kinder I 

6) Das Laster ist ein inneres sittliches Uebel , mithin ein 
gröfseres als das äufs' j re und physische, der Tod. Demnach 
ist hesser, dafs ein Verbrecher sterbe, als dafs er ferner sei- 
ner Bestimmung zuwider handle. Daher liegt der Gesellschaft 
die Verbindlichkeit ob, das Beste eines solchen Menschen, 
der Sein Bestes nicht selbst »u befördern weifs, zu besorgen. 
Oft erkannten auch Verbrecher dies an , und verlangten den Tod 

» » 

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Schriften £<-gen die Todesstrafe. 35 

im Bewulstsejft ihrer Schuld, um durch die Silhne der zeit- 
lichen Strafe Oer ewigen zu entgehen. 

Antwort: Im Vordersatze dieses theologischen, ahef 
darum. noch nicht christlichen , Beweises ist fälschlich voraus- 
gesetzt, dafs der Verbrecher not h wendig immer tief« r sinken 
müsse, mit gänzlicher Verleugnung der möglichen Besserung« 
Ohnedies werden diejliehrer des Staatsrechts lächeln über diese 
Verbindlichkeit des Staates , jemanden zur Beförderung seines 
Seelenheils todtzuscblagen , welche naive Forderung an die 
JCuren fies Doctor Eis«nbart erinnert. D«.'r andere Theil des 
Beweises ist allerdings geschichtlich; es g"ht aber ein solcher 
Wunsch des Verbrechers vom religiösen Vorurtheile aus, un- 
terstützt durch die bekannte Trägheit unserer Natur, welche 
sich leichter entschliefst zum Leiden als zum Thun, zur Sühne 
als zur Besserung. 

Als Resultat solcher Untersuchungen ist gewissermaßen 
die jetzt öifentiiche IVfeinung der gemässigten Criminalisten , 
hesondeis der Praktiker zu betrachttui, wornach sie zwar die 
Gerechtigkeit der Todesstrafe zu beweisen nicht unternehmen, 
aber die politische Noth wendigkeit derselben behaupten. Wir 
selbst verehren diese Nothwendigkelt d«s Staates als Grundsatz 
des Criminalrechts , und in der That stimmen wir auch ihrer 
Folgerung für Zuliissigkeit der Todesstrafe zum Theil bei, 
nämlich unter gewissen Verhältnissen g^gen Staats - und Kriegs- 
verbrechen« Wir sagen nicht: Hochverrath verdient noth - 
wendig den Tod; sondern wir sagen: es giebt Verhältnisse, 
unter denen der ' Mat einen Hochverräther tödten inufs» 

Die Nü tzl i ch kei t der Todesstrafe, nachdem ihre -Be- 
deutung als Abschreckungsmittel schon zurückgewiesen ist ^ 
kann in nichts bestehen, als in Vermeidung der Unsicherheit 
und des Aufwandes, welche in einem Staate, der kein Sibi- 
rien oder Australien hat, mit langer Aufbewahrung gefähr- 
licher Verbrecher verbunden sind. Gegen die Unsicherheit 
giebt es aber Ketten und Mauern. Die Kosten vermindern 
lieh oder schwinden, wenn die Verbrecher arbeiten. Aus 
dem Arbeitserträge der aämmtlicben Gefangenen in den Ver- 
einigten Staaten bleibt, nach Abzug der Atzungs- und Be- 
wachungskosten, sogar noch ein jährlicher Ueberschufs von 
wenigstens 6000 Dollars. Auch die Sklaven müssen ja ernährt 
und bewacht werden ; dennoch ist ihr Preis hoch. 

Jetzt endlich verläfst der Verfasser den weltlichen Stand- 
punkt det Criminalgesetzgebung , und erhebt sich auf den 
christlichen, um gegen die blofse politische Notwendigkeit 

i * 



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36 £ Schriften gegen die Tode^trafe. 

der Todesstrafe die unverletzliche Heiligkeit de* Menschen- 
lebens im Geiste des Ghristentbums darzuthun. 

Im ganzen Altertbum — mit Ausnahme einiger Silber- 
blicke Indischer und Platonischer Weisheit — g a ^ das irdi- 
sche Lehen als ein Gut an sich um seines Genusses* willen. 
Mit dem Cht isteiithum öffnete sich eine neue Weltansicht , 
und der Mensch blickte in die Unendlichkeit dts Himmels, 
Durch Lehre und Geschichte des ChristentGums ergab sich die 
neue Ansicht des Lebens; da Ts es keinen Werth habe an sich, 
nur eine Pilgerfahrt, ein Kreuzzug sey nach dem heiligen 
Lande der Heimath. Dieses Gefühl wufde Jahrhunderte hin- 
durch zu einem /leimweh, das die Erde verödete; aber in 
starken Herzen verklärte es sich zu jenem heiligen Frieden, 
der schon den gewaltigen Apostel erfüllte, welcher diese vStim- 
men der Heimath am rührendsten aussprach ; diese Edlen und 
Starken erkannten, dafs nöthigtr wa* im Fleische zu bleiben, 
und Christus sollte hochgepriesen werden an ihrem Leibe, es 
sey durch Leben oder durch Tod. So empfieng dasr weltliche 
Leben Weihe und Herrlichkeit durch die Erscheinung und 
Verwirklichung des himmlischen Lebens in demselben. Diese 
Lebensunsicht , als die höchste und einzig vernünftige, so 11 
die herrschende seyn und anerkannt werden von der Gesetz- 
gebung, welche die höchste Vernunft eines Volkes darstel. 
len soll. 

Hieraus ergiebt sich in Behug auf die Todesstrafe, dafs 
'das Leben, weil es einen unendlichen Werth hat, einem Mos 
irdischen Zwecke niemals aufgeopfert werben darf; deun es 
ist die Bedingung- der Vernunft, die Bedingung des christ- 
lichen oder himmlischen Lebens. Wendet mir nicht ein, dal* 
der Verbrecher, den eure Geserze «um Tod vernrtheilen, sich 
nimmermehr bessern und um die Vernunft bekümmern werde. 
Ibr könnet das nicht wissen; er ist, wenn er jemals es war 
— und ihr gründet darauf euer Unheil — so frei als ihr seyd^ 
und kann sich' daher noch hessern. Wendet mir nicht ein: 
dafs ihr ihn der'Sicberheit wegen doch zeitlebeus in Banden 
halten müsset, daher sich seine Besserung gar nicht erweisen 
lasse. Das Cbristenthum fordert keine Werkheiligk**t » son- 
dern den Glauben allein und eine diesem Glauben gemälse sitt- 
liebe Gesinnung. Man kann in Leiden eine so hohe, wenn 
auch dem Herzehskündiger allein offenbare, sittliche Kraft be- 
weisen, als im Thun. Was hat euch berechtigt, die Voll- 
macht zu zerreissen , die Gott auch dem Verbrecher gab aufa 
Leben, auf die Zeit seiner Besserung, die noch nicht abge- 
laufen war nach dem Göttlichen Gesetze der Natur oder der 



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Schuften gegen die TodesilrsIV. ' 37 

Vernunft?. Indem ihr, mit der Fülle all* eurer Kraft, über 
Tod und .Leben, einein Menschenleben — bedenkt es wohl, 
auch eurem eigenen .Lehen — nicht einen ~ Tag, nicht ein« 
Stunde zusetzen könnet gegen den in der Natur ausgesproche- 
nen Willen Gottes; so wagt ihr dennoch, mit allen Schein« 
heiligkeiten des Rechts von einein Menschenleben Jahte ab« 
zuschneiden , die der barmherzige Gott ihm Verstattet zur 
Reue und Besserung, der auch den ersten Brudermörder nicht 
erschlug, sondern sein Leben bannte mit dem Ca ins - Zeichen 
und siebenfacher Hache, damit ihn niemand erschlüge und er 
Zeit hatte zur Umk. hr und Wiedergeburt. 

In der christlichen Ansicht, nach welcher das Leben nicht 
der einzelnen Person gehört, sondern der Vernunft, welche 
nach Gottes Rathschluls in diesem Leben sich bilden und ver- 
wirklichen soll, erscheint die Todesstrafe als ein Unsinn, ein 
aus der Kirche noch zu i*-heidendes Stück des Heidenthums. 
Es wird eine Zeit kommen , die Stunde weifs niemand , da 
man erzählen wird von der Barbarei, welche meinte, Gott 
einen Dienst damit zu tilun, dafs die Gesetze Menschen- und 
Christenblut vergössen. 



Referent hat in dem bisher Gesagten absichtlich, zur Be- 
wirkung gröfserer Verbreitung der vorgetragenen Lehre, die 
Hauptsätze der vorliegenden Schrift treu und mit des Verfas- 
sers eigenen W orten dargestellt. Hat der Verfasser wirklich 
alle die Gründe der Rechtsphilosophie für die Zulässigkeit der 
Todesstrafe umfafsr. und sie richtig vorgetragen, was Referent 
zu beurtheilen au l'ser Stand ist, aber was er zu glauben sich 
für verpflichtet hült, da der eben so gelehrte ah im hohen 
Grade scharfsinnig* Verfasser in den Schriften der altern und 
neuern Crim inalisten eben so gut zu Haus zu seyn scheint, 
als in den Büchern des alten und neuen Bundes und den Wer- 
ken der Kircheuviiter; so ergiebt sich als Resultat seiner Un- 
tersuchungen im Gebiete des Strafrechts , dafs das l'iiucip der 
politischeu Notwendigkeit der Todesstrafe von den Juristen 
selbst als das zuletzt allein baltbare Princip angesehen weide. 
Dafs aber diese angebliche Notwendigkeit , welche ohnehin 
durch keine Gründe irgend einer Rechtmäßigkeit unterstützt 
wird, «ich doch zuletzt in eine Nicbtnothwendigkeit auflöse, 
und daini t aller Halt d* r Todes] ustiz vollends zusammenst ürie, — 
das möchte Referent durch ein einfaches Rüsonnement wahr- 
scheinlich machen. Wenn «» nämlich — wie oben ausdrück- 
lich gelehjt worden ist; man beachte diesen Umstand — nach 



j 



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» 



38 Schriften gegen die Todesstrafe. 

* 

dem Priucip der politischen Notwendigkeit der Todesstrafe, 
der äufsern Gerechtigkeit eben nicht darauf ankommen darf, 
ob die innere und sittliche Gerechtigkeit verletzt werde oder 
nicht, weil Abwägung der Sittlichkeit mit dem Glücke nur 
einem Gott möglich ist; — warum soll nicht auch der Wahn- 
sinnige, wenn er einen Mord begangen, der Melancholische , 
der sein Kind schlachtet um es glückselig zu machen, so gut 
mit dem Tode bestraft Werden, als der Fanatiker , der seine 
Mordtbat für heilige Pflicht halt, ja so gut als jeder am Ver- 
stände nicht kranker gemeiner Mörder ? Die natürliche Ant- 
wort ist: der Wahnsinnig«, der Melancboliscbe sind der Zu- 
rechnung unfähig | und werden daher wie andere Naturgewal- 
ten durch leiblichen Zwang für die Zukunft unschädlich ge- 
macht. Recht! Aber jetzt entsteht die weitere Frage : Wenn 
alsu die Unschädlichmachung dnreh leiblichen Zwang ausreicht 
Lei djen Narren, die doch zun* Theil die gefährlichste Klasse 
von Mördern sind, warum soll sie nicht auch ausreichen beim 
Fanatiker, ja bei jedem andern Mörder? Warum gehen die 
Criminujuten dort vom Princip der Notwendigkeit ab ? 
Jndem sie dies tbun, erkennen sie stillschweigend über dem- 
selben ein höheres Princip an, welches diese Ausnahme ge. 
bietet; warum also suchen qie nicht nach diesem höhern Prin- 
cip, welche» feiner Ausnahme mehr unterliegt ? Entweder 
liegt jener Ausnahme von der Zulässigkeit der Todesstrafe bei 
Wahnsinnigen W U 1 k ü h r, also das Uegentbeil von Notwen- 
digkeit, in der Criminalgesetzgebung zu Grund, oder aber der 
Ge^SetzPeber , der sich weigert, den gewöhnlichen Mörder 
durch leiblichen Zwang für die Zukünft unschädlich zu ma- 
chen, bandelt nach einem der ander" oben genannten Princi- 
pien, dem der Rache des Gesetzes, der Abschreckung, der 
Prävention; Principien, welche natürlich beim Wahnsinnigen 
keine, beim Verständigen aber wohl eine Anwendung gestat- 
ten; aber auch zugleich Prinpipien, welche oben verworfen 
worden, uiid auch gegenwärtig von den Rechtslehrern als 
oberste Principien perboirescirt werden. Hier ist offenbar 
nicht etwa die Rede von Sentimentalität, die der Criminal- 
gesetzgebung abgehe , sondern von handgreiflicher Jncon- 
set|uenz, die auf ihr lastet; $o dafs man bei den, aus dem Priu- 
cip der Notwendigkeit hergeleiteten 9 Todesurtheilen fast die 
Bitte über die Richter ergehen lassen dürfte; Vater, yergieb 
ihnen, denn sie wissen nicht ■ was sje thun. Selbst der wich- 
tigste Punkt des Principe der Notwendigkeit der Todes- 
strafe, nämlich die feste Sicherheit, dafs der Gefürchtete nicht 
wieder zurflek kommt , möchte eben so sehr und noch mehr 



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Scluift«u gegeii di« Todesstrafe. 39 

gsgen als für di« Nothwendigkeit der Todesstrafe hewei- 
tut, wenn man ander» nicht frevelnd die unschuldigen Justiz- 
uptcr auf« er Augen verlieren will, denen, nachdem sie als 
idiutöig Verurtheilte um einen Kopf kleiner geworden, nach- 
her als unschuldig Erkannten, )>ei aller bitterer Heut- , kein 
ucuer Kopf uiehr aufgesetzt werden kann. So lange aber das 
Letztere, die Kunst des Kopfaufsetzens, noch nicht erfunden 
ut, bleibt das Erstet e , das Kopfabnebinen , eine bedenkliche 
Auustausübunji . 

Dieser Einwurf gegen das l'rincip der Null» wendigkeit f 
wdebes nothwendig zur Nichtnolhwendigkeit wird, gilt frei- 
lich nicht dem edlen Verlader. Der uun folgende Einwurf 
alier gelte ihm, 

Is'am|ich g»*gtn die oben vom Verfasser vorgetragenen, 
allerdings speziüseu Gründe gfgen die Theorie der ßesscrmig, 
a!» Zweck des Strafgesetze* , wuchte Referent doch die Ein- 
wendung machen, dafs ibuen nur halbe Wahrheit zum Grund 
liege, und dafs diese Bestreitung des an sich so schonen Bes- 
*erungsgrundsatzes , den der Verfasser eiue Folge der Ueber- 
hilduiig des Staates zu titu)ir«n beliebt , selbst auf einer Ue- 
icrbildung der seit bald einem halben Jahrhundert zur Mode 
gewordenen Philosophie beruhe , welcher zu Folge jeder noch 
»o verworfene Mensch, gleich dem erhabensten Weisen, mit 
unbedingter moralischer Freiheit begabt, erhaben über alle 
und jede sinnliche Eindrücke, wenn er nur will, eiuber- 
g<?bt, ganz wie ein reines Vernunft Wesen. Ein philosophi- 
sche* Räthsel, und zwar das gröfste in der Philosophie, wird 
durch einen Machtspruch tum erwiesenen Dogma erhoben a 
auf welches gläubig zu schwören als Sache der Vernunft ange- 
ben wird. Gegen diese blos unterschobene Evidenz und 
Existenz der unbedingten Freiheit des meoschlichen Willens, 
im Lasterhaften nämlich, hat sich Referent namentlich in dem 
Scbriftchen, No, 2. erklärt , und in Folg« davon den Besae- 
rungsgrundsatz, freilich nicht in seinem Mifsbrancbe, wie er 
oben schön angedeutet worden, sondern im weisen Gebrauche 
zu rechtfertigen gesucht. Freilich soll der Mensch, seihst in 
der Strafgesetzgebung, nicht zur Maschine herabgewürdigt, 
aber auch nicht iu einem von Gott freiwillig abgefallenen En- 
gel theatr?iUirt werden. Der menschlich« Geist ist gezwun. 
gen, das Wahre und Gute als wahr und gut, das Falsche uod 
Base als falsch, um] bös anzuerkennen; das ist eben die Erha- 
benheit seiner Natur , dafs er dies mufs. Dafs er irrt, rührt 
«ur daher, (fcjj er sieb vom Scheine des Wahren und Guten 
Ucndua und verführen, läfst. Hier eröffnet ajeh eine vv*U* 



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40 Schneider Med. pr. Auversarieo. 3. L. 

Aussicht zur Erziehung des Lasterhaften; nur aber müfst*n 
erst die Erzieher erzogen seyu ! Es fehlt uns wohl noch an 
einem solchen Erzifehungsprincip. t Aber Trägheit des uu:n sch- 
lichen Geistes bleibt es, wenn die Besserungstheorie aufge- 
geben winl. 

Gegen dies hier Gesagte möchte der Verfasser des vorlie- 
genden Werks um so weniger etwas einwenden dürfen, als 
ohne dk Kettling des Besserungspi ineips , als Grundsatzes der 
Strafgerecbtigkeit , das Votum der Kirche, indem es, die 
Notwendigkeit der Todesstrafe perbonescirend , in das 
Princip der Notwendigkeit selbst einen mächtigen Rifs 
macht, verlassen und ohne Stütze dastehen dürfte, verlegen, 
nach welchei/i Stral'princip der Mörder zu behandeln sey, ge- 

fen welchen man doch weder das Princip der Rache, noch 
as der Abschreckung oder der Prävention — lauter oben 
verworfen«* Priiicipien — anwenden darf, üud den man da- 
her, aus lauter Mangel an Strafprincipien , bei allem Ueber- 
flusse an Strafi ichtern und Strafmitteln f frei und frank davon 
laufen lassen mttfste. 



(Jeher den sporadischen Typhus und das Wechselfxeher als iCrankheits- 
formen des Gangl'iensystems. Von Veter Joseph S ch nei- 
de r, Poctor der Medicin, Grojsherz. Badischem Amt sphysicus 
%u Ottenheim im Braisgqu , und mehrerer gelehrten Sozietäten 
Assessor und Mitgliede. Tübingen , bei Heinrich Laupp. 1826. 
536 S. in orofs Octav. 3 fl. 

Auch unter dem Titel j 

jWedicinisch-practische Adversarien am Krankenbette , dritte Lie- 
ferung. 

■ 

In der ersten Abtheilung, die vom sporadischen Typnus 
handelt, führt der Verfasser den Satz durch: dafs den ver« 
schiedenen Formen des von ihm und Andern beobachteten spo- 
radischen Typhus ein und das nämliche Wesen, nämlich ein© 
Phlogosis des gesammten Gangliensystems, zum Grund liege. 

Das Gemälde des sporadisch «n Typhus (S. 6 -~ 
25.), welchen zu beobachten der Verfasser nur zu häufige 
Gelegenheit hatte, ist sichtbar aus der Natut selbst ergriffen 
und treu dargestellt. Mit wahrem Vergnügen verweilten 
wir bei diesem belehrenden Abschnitte. Eine kleine Unrich- 
tigkeit dürfen wir indessen nicht ungerügt lassen. Wenn der 



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Schneider Med. pa Adversarien. 3. L.« 4 t 



Verfasser S. 24» den Ursachen der üufserst mannigfaltigen 
Complicationen und Ahnounitäten des Typhus unter a ml ein 
auch dis so oft verspätete rationelle ürztiicbe Hülfe rechnet, 
so hat er wohl Unrecht. So etwas kann sich nur von einem 
talscheu Heilverfahren, nicht aber von einem Unterlaiisen alles 
Heilverfahrens behaupten lassen; indem gerade der duich keine 
Heilmittel unterbrochene Gang der Krankheit der natürliche, 
von allen Complicationen freiere, Gang bleibt, 
i Die Geschichte des sporadischen, Typbus ist 
von S. 26 — 106* mit einein Aufwände von Gelehrsamkeit und 
Kenntnils der alten, mittlem und neuern Schriftsteller vor« 
getragen. 

Aus den in dieser geschichtlichen Darstellung mitgetbeil- 
ten Bemerkungen der verdienstvollsten Gelehrten ältester und 
neuester Zeit zieht der Verfasser das Resultat; dafs man über 
die eigenthtimliche Natur und das 'Wesen des sporadischen 
Typhus, der in den Handbüchern und iYIunograpbieen unter 
so vielerlei verwirrenden Benennungen vorkommt, und in frü- 
hester Zeit gar nicht einmal erkannt worden zu seyn scheint',, 
bis jetzt noch immer sehr unvollständige, mangelhafte und 
sogar sich einander geradezu widersprechende Ansichten ver- 
rieth, und dafs, wenn auch hi.e und da eine helle Idee aufzu- 
leuchten strebte, sie doch gar bald wieder durch die oft ent- 
gegengesetzte paradoxe Hypothese niedergedrückt ward. — 
Aber, möchten wir, in die Geschichte eingeweiht geworden , 
hier nicht zu der natürlichen Frage berechtigt seyn : Wer 
bürgt jetzt noch der, wenn auch noch so hellen, Idee des Ver- 
fassers, dafs Sie nicht gleiches Schicksal mit ihren hellen Vor- 
gängern theilen werde V 

Wesen des sporadiscben Typhus. Die merk- 
würdigsten und constantesten Erscheinungen des sporadischen 
Typhus: der Aufruhr aller Lebenskräfte, die brennende 
Hitze, das ungestüme Fleer so mannigfaltiger, oft sich wider- 
sprechender Nervenzufälle, die Typbomanie , die aulseror- 
deutliche Kraftlosigkeit und das unbegreiflich schnelle Zu- 
sammensinken des ganzen Organismus , der anhaltende , heilig»? 
und lange dauernde Fieberzustand mit der Maske des Heini tri- 
taeus, die lange Dauer der Krankheit sejbst ohne merkliche 
Krisenbildung , und der ganz besonders auffallende Umstand, 
dafs diese Krankheit so ausschließlich gern das jugendliche 
Alter .befällt — alle diese patbognoinonischenl'hnnomene glau be 
der Verfasser nothwendig aus Einer Quelle ableiten zu müs- 
sen, die durch den sporadiscben Typbus ursprünglich ange- 
griffen zu werden scheint, wodurch das Leben in seinen 



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42 Schneider Med, yr, AüWsauen. 3, L. 

■ 

Grundpfeilern erschüttert werde. — Aber so müfst* ja der 
Typhus als Ursache schon vorhanden seyn , ehe er als Wir- 
kung erscheinen könnte! Da* ist übrigens hlos unrichtig ge- 
sprochen, und man erräth leicht , dafs der Verfasser die ver- 
anlassende Ursache des sporadischen Typhus meint, als 
vön welcher, und nicht vom Typhus seihst, die gemeinschaft- 
liche Quelle der verschiedenen pathognomonischen Phänomen« 
angegriffen wird. / 
Das eigentümliche Wesen des sporadischen Typhus 
müsse nun zuverlässig in einer Pblogosis des gesammteu 
Gangliensystems bestehen, woraus sich', wie nachher ge« 
Zeigt wird, mit Träcision alle oben genannten Zufälle erklä- 
ren lassen. 

Nachdem der Verfasser von S. J09 — 123. den wunderba- 
ren Bau des geheimnifsvpll in das Innerste des menschlicher* 
Organismus hinejngeketteten , so wie als Repräsentant des 
automatischen Lebens in gewisser Beziehung ,selbst geistig 
potenzirten grofsen sympathischen oder lntercostalnervens , 
d. i. des Gangliensystems anatomisch sehr ausführlich nachge- 
wiesen , so trägt er von S. 124 — 134. seine physiologische 
Ansicht des Nervensystems überhaupt und des Gangliensystems 
insbesondere vor; wovon wir aber nur folgendes Wenige, 
zum Behuf des bessern Verständnisses seiner Theorie über' 
den Typhus, ausheben. „Rücksichtlich der ersten Entwick- 
lung prädominirt bei den hohem Thierklassen das Rückenmark 
über die übrigen Theile des Nervensystems , und nur aus die- 
sem, als dem primären Stamme des gesammten Nervensystems , 
sprofst nach unten und vornen der sympathische Nerve, nach 
oben aber das Gehirn. Das Gangliensystem nun, als ein in 
sich geschlossenes Ganzes, welches in anatomischer wie in 
physiologischer Beziehung dem Gfhirnsystem geradezu ent* 
gego^istebt, und dessen Centruitheil das Sonnengetlecht oder 
Unterleibsgehirn ist, giebt gleichsam sein ganzes Leben der 
Reproduction hin, und gehört namentlich ganz allein den Or- 
ganen der Vegetation an , die von dem Einflüsse des Willens 
Weniger als alle übrig» Organe abhängig sind; daher auch die 
Wirkung des Gangliensystems vom Gehirn völlig unabhängig 
ist. Und dies groise, weit umherstrahlende, reichlich in aiU# 
Organe des automatischen Lebens verbreitete Gangliensysteo) 
konnte so lange in der Pathologie mit Stillschweigen übergan- 
gen werden '{ Dies Gangliensysteni, in detii zuverlässig bp\ 
dem so grofsen Heere bekannter nervösen Uebelscyusiormeu. 
die wichtigsten pathologischen Metamorphosen vorgehen, t 
könnt« seither so unbeachtet gelassen worden t » 



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Schneider MecT. pr. Adrersaricu. 3. L. 43 

Von S. 135 — 156. tragt nun der Verf. die Beweise vor, 
dafs nicht nur das Wesen des sporadischen Typhus in einer 
Entzündung des Gangliensystems bestehe, sondern dafs es 
Oberhaupt nur Einen Typhus gehe, was er aus der VVürdi- 
gung der pathognomonischen Zufälle des sporadischen Typhus 
nachzuweisen sucht; woraus dehn freilich schon an' und für 
sich hervorgehen würde, dafs die von so manchen gelehrten 
und achtungswürdigen Aerzten so sinnig und .klug a bgedach- 
ten vielseitigen Kim the Hungen der verschiedenen Typhu*n«ber 
eine bedeutende Einschränkung erhalten dürften. Bios Noth 
tjiue es, die verschiedenen Grade des Typhus zu betiiek sich- 
tigen, was von dem vor dem Ausbruch des Typhus statt ge- 
Labten physischen und psychischen allgemeinen' Gesundheits- 
zustände des Subjects und von den siderischen und tellurischen 
Verhältnissen desselben abhänge. Befalle nämlich der Typhus, 
einen Menschen, dessen somatischer und psychischer Gesund, 
heitbzustand unmittelbar vor dem Ausbruche des protopathi- 
schen Typhus völlig ungetrübt, mithin ungeschwächt war , 
so werde wohl der einfache sporadische Typhus in seiner 
reinsten Form sich darstellen. Greife dagegen das Gegentheil 
Platz, und sey besouders der somatische und psychische Ge- 
sundheitszustand schon seit geraumer Zeit her durch ungün- 
stig einwirkende Causalmomente entnervt, würden diese nach« 
tbeilig einwirkenden Gelegeuheitsursachen auch noch durch" 
eine üble YVitterungsbeschaffenheit, verdorbene Luft u. s. w. 
unterstützt, lind unter solchen Umständen irgend jemand 
»rotopathisch vom Typhus ergriffen; so werde es wohl nicht 
fehlen, dafs sich derselbe als der sogenannte contagiosa 
oder bösartige Typhus beurkunden werde. Gegen dieses Rä- 
sonnement des Verfassers ist freilich einzuwenden , dafs sich, 
wohl die versphiedenen Grade des contagiösen so wie des spo- 
radischen Typhus aus dem unmittelbar vorhergegangenen ver- 
schiedenen Gesundheil szustande des Subjects u. s. w. ableiten 
lassen, nimmermehr aher die alternative Entstehung des con- 
tagiösen bösartigen und des nicht "contagiösen sporadischen 
Typhus. Auch sind nicht alle offenbar contagiösen Fieber 
darum bösartig, so wenig alle bösartigen Fieber contagiosa 
sind. 

Jenen, das Wesen des sporadischen Typhus bildenden; 
vom Verfasser Entzündung g-nannten , mit erhöhter Gefäfs- 
thätigkeit begleiteten Zustand des Gangliensystems , entstan- 
den durch irgend eine üufsere Veranlassung, vielleicht auch 
«Web eine nicht g'-böiig von statten gehende Nutiition der 
Nervei:, unterscheidet $r jefleth sehr wohl v^n der wahren 



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44 Schneider Med. pr. Adre*sarieiT. 0. L. 

oder irritablen Entzündung, welche letzter* mit einem wirk- 
lich Potentinen Wirkungsvei mögen, verbunden" ist. Ei gieht 
die Unterscheidungszeichen beider, der activen und der typhü- 
ten Entzündung, an, und warnt, vor den zu grofsen Blutuus- 
leerungen im sporadischen Typhus, die von so manchen Pblu- 
gozeloteiculs Univcrsal-Paniu.ee gefeiert würden. 

Ans dieser typhösen l'hlogosis des Gaiigiiensystem* , die 
sich durch einen : förmlichen Rücktritt des Organismus in Chaos 
charakterisirt, wird nun theils der so bedeutende Wärmegrad 
des ganzen Organismus, theils der wilde und zügellose Auf- 
ruhr der Lebenskräfte, theils endlich — indem das Ganglien« 
system durch die in ihm Platz gegriffene Entzündung heraus- 
getreten ist, einen ungleichen Kampf zu bestehen mit dem ihm 
Fast überall überlegenen Gehirne und Rückenmark« — werden 
die widersprechenden Symptome des bald gesteigerten Rücken- 
marks- und Gehirnlehens und de» Zurücksinken* des animali- 
schen oder vegetativen Nervensystems, und umgekehrt die 
ftrolse Unbeständigkeit des Kraftgefühls, das blitzschnell auf 
, dem Culminationspunkte zu stehen sebeint, und eben so schnell 
Wieder zur tödtlichen Paralyse herabsinkt, sowie die Schulet z- 
losigkeit der entzündlich aflicirten Unterleibs- und ßrustorga- 
nc, sehr sinnreich deducirt. 

Bei dieser Gelegenheit würdigt nun der Verfasser die 
schleichenden oder sogenannten verborgenen Entzündungen 
der Brust- und Unterleibsorgane einer ausführlichen Unter- 
suchung. Das Resultat derselben ist, dals das Prädicat 
schleichend dieser Art Entzündung der Vegetationsorgane 
mit Recht zukomme; dafs aber solche schleichende Entzün- 
dungen , die man so häufig hei der Section der am Typhus Ver- 
storbenen bemerkt, nicht als Ursache derselben, sondern 
rein als consecutive Erscheinungen zu betrachten Seyen, 
und ihre Entstehung und Ausbildung, die nicht wesentlich 
aey, blos der Entzündung des Gangliensystems zugeschrieben 
werden müsse. So wie der' Typhus nicht von den Petechien 
auf der V.* tt entstehe , s/.ndern von lange vorher entstande- 
nem Typhus erst die Petechien entstünden; so entstehe der 
Typhus auch nicht von dergleichen entzündungsartigen Ver- 
änderungen, sondern gerade umgekehrt diese von jenem. — 
Ob übrigens durch diese allerdings richtige Beschränkung des 
Einflusses der schleichenden Entzündungen des Verfassers 
Theorie von der Entzündung des Gaugliensystems selbst nicht 
ins Gedränge komme, indem jetzt abermals die Frage abge- 
worfen werden dürfte: ob diese Entzündung des Ganglien- 
systems nicht eben so gut, wie die übrigen verborgenen, als 



uigmzeo 



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Seuaeider Med/pr. AJrwariea. 3. L. 45 

♦ 

lioi unwesentlich und alt eine Folge des Typhus su betrach- 
ten »ry ? — da« wolle« w ir liier dahin gestellt seyn lassen. 

Alsdann leitet er den schnellen collapsua virium , das 
plötzlich« Zusammenfallen des Volumens des ganten Organis- 
mus, die mumieiiartige Eintrocknung d^r Haut, das Ausfallen 
der Nägel und Haart , die Diarrho«e u s. w. aus d«r Entattn- 
düng des gesammteu Gangiiensystems ah, und zeigt, wie das 
Lehel, gleichkam ti iümplureud seinen verheerenden Gang fort- 
eilend, den Vagus p.er consensum in entzündung«artigen Zu- 
stand vernetzt, und wie nun a!ie KrSfte der geistigen Hemi- 
sphäre des Organismus aufgeboten werden , dein furchtbar 
anstürmenden Gangliensystem m.lchtig zu reagiren. Indem 
dieses seine EnUüugung nicht nur durch da» llüclcemnarks- 
v/ stein und deai Vagus , sondern auch Weiterhin durch seinen 
Oehinitlieil Lis in uaa Cerebraisystem hineinschleudert, dort 
Entzündung, Verderhen und Tod bereitend; so sehen wir 
wohl darin den Grund, warum man rf.is Nerveufieher als Ge- 
hirnentzündung betrachtet hahe, indessen diese Entsendung 
«les Gehirns und seiner Häute nicht als das Wesen des Typhus, 
sondern nur als die W irkung und das tragische Ende desselben 
zu betrachten sey. 

Auch die noch* (ihrigen pathognomonischen Erscheinungen 
das sporadischen Typhus : das Befallen werden des jugendlichen 
«md BiCf£h «Halters von demselben , die Maske des Hemitrttlu», 
die derselbe so gerne annimmt, so wie dafs er sich mehr 
durch Lysen als durch Krisen entscheidet — werden aus 
der veränderten Stimmung des Gangiiensystems abgeleitet. 

Ausgang des sporadischen Typhus (S.156 — 
157.): Gesundheit oder Tod. Nachk ran kbeiteii keine. Der 
Ausgang in Tod entweder durch Neuro - paralyse, der häufigst 
vorkommend» Fall zu jeder Jahrszeit ; oder durch Typhos pu- 
tridos mitten im heifsen Sommer. 

Leichenöffnungen (S. 157 — 163). Eigene Unter- 
suchungen hat der Verlasser keine angestellt. Er beruft sich 
auf Morgagni** , Jleips , Autenri«;h s und Weinbuldt's Er« 
lunde. " 1 ' " ' 

Eint h eilung des sporadischen Typhus und 
Verwechselung desselben mit einigen ihm ähn» 
lieh«n Kran khej tsfonnen (S.i64 — ]Ö6). Mit Ver- 
werfung der bisherigen Eint hei Jungen des Typhus , nimmt 
ler Veif.:s$er nur einen primären und einen aecund&Wn oder 
onseiijitiellen Typhus an; je nachdem nämlich «Iie Entzündung 
Jcs Gauglieiisystems uumittelbar und ursprünglich, also pro- 
opathi*i-b sich aus dieser Nervenprovinz herausbildet, oder 

* 

) 



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46 Schneider MpJ, pr. Adrersatien. 3. I, 

aber je nachdem der pblogistiscbe Zustand desselben mebr 
ein* Folg» vorausgegangener Entzündungen in andern Nerven* 
gebieten und organischen Gebilden , also deoteropathisch enU 
standen ist. So geselle sieb häufig zur Encephalitis, zur 
Arachnitis, zur Myelitis , zur Pneumonie, .zur Gastritis u, 
s. w. eine Entzündung, des Gangliensystems im weitern Ver- 
kaufe obiger Krankheiten; oder das Gehirnsystem werde durch 
consensum mit in den. Kreis der Phlogosis obiger Qrgane hin- 
eingezogen, und dann entstünden nofbwendig jene höchst 
-beunruhigenden und complicirten Uebelseynsforflien , die mati 
seither mit den unbestimmten Bezeichnungen von Pneumonie 
.etc. nervosa oder maligna belegte. 

In temiotiseber Beziehung bandelt nun der Verf. weit- 
läufig von der Unterscheidung des sporadischen Typbus von 
ähnliche» Krankheiten, nämlich vom Ca usus, vom Hemitritäiws 
der Alten, von der Febris biliosa nervosa, vom splancbnischen 
-Fieber, von der Enteritis , Metritis , Hepatitis, Gastritis, 
von der Pneumonia nervosa , vom llheumatisinus acutus ner- 
vo.sns, von der Encephalitis, Myelitis, von der Inflammatio 
nervi vagi, von den Vergiftungen durch Narcotica, von der 
Erweichung und Durchlöcherung des Magengrundes bei Kin- 
dern, endlich vom wirklich epidemischen und c »ntagiösen 
Typhus. Den Causus betreffend ( fetzt der Verf. das Wesen 
desselben in dem entzündlichen Ergriffenseyn des Unterleibs- 
theils des Vagus - Paares » dessen entzündlicher Affect für die 
gesammte thierisebe Öeconomie so verderblich sey, so schnell 
das Gehirn in Consens ziehe und den Tod begünstige. 

A nsteck u ngsf ü h i gke it des sporadischen Ty- 
phus S. 187 — 190. Der sporadische Typhus wird als die 
Stammrautter contagiöser fieberhafter Krankheitsformen er- 
kannt. 

Aetiologie des sporadischen Typbus S. J9o 
— 197. 

Prognose des sporadischen Typhus S. 197 
199. 

Heilung des sporadischen Typhus S. 199 — 233. 
jytt Verfasser nimmt zwei Stadien des sporadischen Typhus 
an^ ° 3Ä des re * n entzündlichen und das des neuropaialytiscben 
£us tamles. 7m ersten Stadio nütze eine mftfsrge Aderlasse, 
die »* ur * n böchst -seltenen Fällen wiederholt werdeu dfirfo. 
Zu gr'ofse Blutentziehungen, nach der jetzigen Gewohnheit 
der engt*' CU€n » französischen und amerikanischen Aerzte, be- 
günstige 1 ** die Typhotnanie und den blitzschnellen Einbruch 
des neuro^rajytischen Zustandes. Hier ein Ausfall $*»gen d*e 



» 



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Schneider Med. pr. Adrettarien. 3. I. ... ,4? 

Lehre Bröussais und vom Conrrastimulus. Auf die Magen;- 
und Nabelgegend, als der primär phlogistisch afJicirten fcieile 
des grnfsen Sonnengeflecbts , liefs der Verfasser oft zwanzig 
bis dreifsig Stück Blutegel mit dem vortrefflichsten Erfolg ap- 
pliciren, und die Nachblutung noch lange unterhalten. Gleich- 
zeitig eine Mandelemulsion mit wenig Salpeter und Salmiak. 
Alle zwei bis drei Stunden einen Gran Galomel mit Bilsen- 
krautextract, J)U sich Spuren der Salivation zeigen; oder, 
bei Eintreten der typhösen Diarrhoee, Einreibungen von un- 
guento mercuriali cinereo. Das Quecksilber sey als das Gegen- 
gift des Typhus- Gentagiums anzuseilen. Kalte FomentatioOen 
des Kopfs. ..«.'.• 

Mit dem fünften bis achten Tage der Krankheit mufste 
meistens schon die Kurmethode gegen das zweite Stadium 
derselben eingeleitet werden, den statum neuroparalyticuin * 
wo die zu sinken drohende Naturthä tigkeit durch nerviua nn- 
gehicht und auf Beförderung der. Kristn hingewirkt werden 
niuiste. Neben einem Baldi ianaufgufs , Senfpflaster und Ve- 
sicatore auf den Unterleib, Waschungen des ganzen Körpers 
mit Essig, euch Kampferessig, Bei schwererem Leiden ein 
-concentru ter Aufgufs der Serpentaria virgin. mit etwa« Kaift- 
plier. Aufserordentlicher Nutzen der Einreibungen oder duch 
Fomentarionen des Unterleibs mit erwärmtem Terpentinöl bei 
der so gefährlichen, aus typhöser Baucblähmung entstandenen 
Piarrlnjee. Winke gegen den MUsbrauch heftiger Brech- 
end Ahftihrungsmittel und Beschränkung der Lehre James Htf- 
«ldton's auf das englische Glima. Zum Schlufs noch einige 
praktische Cautelen. . < 

Nach einer angehängten Tabelle sind dem Verfasser von 
187 am sporadischen Typhus Erkrankten 27 gestorben, die 
übrigen wurden geheilt. 

Die zweite Abtheilung des Werkes bandelt von dem . 
Wechsel fieber. 

Nach .interessanten, aus der Erfahrung selbst geschöpf- 
t«l Bemerkungen Ober die vom Verf. beobachtete Wechsel- 
iieberepidemie und die Heilart dagegen t gebt er zur Betrach- 
tung des Wesens oder der nächsten Ursache des Wechsel- 
fiebers über. 

Da seit einem Decennium eine neue Uebelseynsform , die 
des sporadischen Typhus, das Wechselfieber in denjenigen 
Orten, wo dies epidemisch grassirte, gänzlich verdrängt 
hatte, dieses ajier neuerdings seit den letzten Uebei Schwem- 
lingen zu Anfang Novembers i824 s«> grossiren begann; so 
möchte wohl, nach des Verfassers Schlufs, hieraus das llesul- 



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48 Schneider Med. pr. Ad versarien. 3. L. 

tat sich ergeben , dafs in pathogenetischer Beziehung eine 
grofse nosologische Affinität zwischen dem sporadischen Ty- 
phus und der fntermittenz Platz gleiten müsse, und da Ts der 
Sitz beider Uebelseynsformen in einem und demselben organi- 
schen System gegründet seyn möge, wiihrend die Art des pa- 
thologischen Atfects in beiden Krankheitsformen wesentlich 
verschieden ist, • * 

Bestehe nun die nächste Ursache des sporadischen Typbua 
in Entzündung des gesammten Gangliensystems, wie denn 
alle dessen pathologische Erscheinungen nur aus der zerütte- 
ten reproductiven Sphäre des Organismus wurzeln ,' dieser 
Sphäre aber das Gangliensystem als oberster Regens vorstehe 
und deren vielfältige Functionen bedinge; so lasse sich mit, 
'fiiofser Wahrscheinlichkeit vermutben , dafs der Sitz des 
Wecbselfiebers , dessen pathognomonische Erscheinungen mit 
jenen des sporadischen Typhus so nahe Verwandtschaft an» 
zeigen, euch im Gangliensy.steme gegründet, sein Wesen aber 
ein mehr oder weniger heftiger Krampf seyn müsse. — Den 
Krampf könne man als den wahren entgegengesetzten Pol der 
Entzündung betrachten, indem in der Entzündung die Expan- 
sion', * im 'Krämpfe aber die Contraction excentrisch gesteigert 
sey, wie dies die beiden Aitectionen eigenen Symptome aufser 
allen Zweifel setzen. 

Die palhognomonischen Erscheinungen des Wechselfiebers 
werden aus dem mehr oder weniger heftigen und verbreiteten 
Krämpfe des Gangliensystems abgeleitet. 

Die A e t • o 1 o g i e des VYecbselfiebers bietet einen interes- 
santen Artikel dar. 

Die Prognose lehrt nichts merkwürdiges. 

Heilmethode. China, . zumal die Vorm des Chinins, 
bleibt zwar, nach dem Verfasser, das heilkräftigste Mittel ge- 
gen reine Wechselneber. Da jedoch so viele Fälle von Reci- 
diven vorkamen, gegen welche China völlig fruchtlos blieb', 
so schliefst er, dals das Wesen des Wechselfi eber? nicht ein. 
zig und allein in Schwäche bestehe, wie man seither annahm', 
weil die Wirkung der China sonst unfehlbar seyn müfste, son- 
dern dafs nebst der Adynamie des Organismus noch ein ganz 
anderes Leiden ii, demselben Platz greifen müsse, welche! 
das Wechselfieber constituire. 




(Der Besvhlafs folgt.) 



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N. 4 ■•■•«.■. 1827. 

Heidelberger 

... , 

Jahrbücher der Literatur. 



Schneider, medieinisch - praktische Adversarien. 

(Beschlnjs.) 

Der Verfasser räsonnirt nun weiter also: Bewährt sich 
die bekannte Stütz'sche Methode gegen spasmodische Affectio- 
neo des böbern Nervensystems so äufserst bülf reich, und ist 
das WechselMeber wirklich ein Krampf des Gangliensystemfc, 
so mufs sich auf 1, nothwendig die Stütz'sche Methode voll- 
kommen heilkräftig gegen die spasmodische AfTection des Gan- 
gjiensystems im WechselMeber beurkunden. Bei dieser Unter- 
suchung lenkte er nun seine »reifste Aufmerksamkeit auf das 
Kali carbunicum. 

In wie fern nämlich dieses Mittel, aufser seiner kram pf- 
stillenden Wirkung, zugleich die vortheilhaftesten Nebenwir- 
kungen besitzt, die Magensäure zu neutralisiren , den ange- 
häuften Schleim im Darmkanale zu zerstören und auszuleeren, 
bei öderaatösen Anschwellungen die Thätigkeit der Resorp- 
tionsgefäfse aufzuregen, die Torpid itat des Glandularsystema 
und die Atonie in dem Leiter Systeme zu vermindern u.s. w. 
— und in wie fern alle diese genannten pathologischen Er* 
sebeinungen theils Wirkung, tbeils auch veranlassende Ur- 
sachen des Wechselfiebers seyn können, zum wenigsten im- 
mer wesentliche Hindernisse seiner glücklichen und schnellen 
Heilung sind, so wie der Wirkung der China geradezu sich 
entgegenstemmen oder zu Rückfällen so häufige Veranlassung 
geben; — in so fern glaubt nun auch der Verfasser im Kali 
carbonico ein Mittel aufgefunden zu haben, das allen Indica- 
tionen zur Heilung der Rückfälle des Wechselfiebers am besten 
Und schnellsten entspreche. In zwanzig hier angeführten und 
kurz beschriebenen Fällen erhält diese Vermuthung Bestäti- 
gung. Zwei Quentchen Kali carbonicum in sechs Unzen Hirn- 
Beerwasser» aufgelöst und mit einer Unze Hiinbeersyrup ver- 
»öfst, alle Stunden ein Löffel voll genommen, — leistete« 
»cbnelle Heilung. 

XX. Jaurg. i. üVft. 4 



50 Leintücher der Physik. 

Was der Verf. scblüfslich noch über die Meinung unserer 
alten Aerzte, nach welcher das Wechstlfieber nicht schnell ge- 
heilt werden dürfe, üb^r das Vorurtheil gegen die Venäsection 
in periodischen Fiebern, lind endlich über die nöthige Berück- 
sichtigung der antigastrischfcjn Methode anführt, enthält wohl 
nichts Neues. 

Ref. getraut sich nicht (auch — den Gesetzen unserer Jahr- 
bücher gemäfs — darf er es nicht) über die vom Verfasser zur 
Sprache gebrachte, allerdings mit Gründen unterstützte neue 
Lehre von der Entzündung und dem Krämpfe des Ganglien- 
Systems als der nächsten Ursache des sporadischen Typhus und 
der Wechselfieber, ein entscheidendes Urtheil zu fällen. Aber 
dafs diese Ansicht des Verfassers von denkenden Aerzten stu- 
dirt und strenger, als von uns geschehen konnte, geprüft wer- 
de , das hofft Ref. von der Wichtigkeit des hier vorgetragenen 
Gegenstandes, wie von der Kraft und der Würde unserer 
ärztlichen Kunstricbter. 



1) Hand» und Lehr- Buch der Naturlehre zum Gebrauche für Vor» 
1 lesun»en und zum eigenen Studium neu entworfen von Dr. G. G» 

Schmidt u.s.w. Mit dreizehn Kupfertafeln*. Giefsen 9 1826. 
Xund G84 S. 8. 5 A. 24 kr. 

2) Die Naturlehre nach ihrem gegenwärtigen Zustande mit Rücksicht 

auf mathematische Begründung. Dargestellt von A. Baum- 
gartner u. s w. Zweite umgearbeitete und verbesserte Auf» 
läge. Mit sieben Steindrucktafeln. Wien, 1826. XXXIV 
und 711 S. 8. 2 Thlr. 20 Gr. 

3) Lehrbuch der mechanischen Naturlehre von E. G. Fischer u. f« w. 

Berlin , 1826. /. Th. XXXII und 452 S. IL Th. IV und 

560 S. 8. 3 Thlr. 

4) Lehrbuch der Naturlehre zum Gelrauch bei akademischen Vorlesun- 

gen bearbeitet von J. F. Fries. Erster Theil. Experimental* 
physik. Mit sieben Kupfer tafeln'. Jena, 1826. XVI und 
548 S. 8. 1 2 Thlr. 12 Gr. 

: 

Das jetzt fast beendigte Jahr bringt uns also vier neue 
oder neu bearbeitete Lehrbücher der Physik *) — ein erfreu- 



*) Von der neuen Auflage dei Scholie'achen keimt Ref. bis letzt *ur 
die erste Abtheilung. 



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Lehrbücher der Physik' 



51 



lieber Beweis der stets allgemeineren Verbreitung dieser Wis- 
senschaft und der Regsamkeit derjenigen Gelehrten, welche 
«ich damit beschäftigen; aber norh mehr wird es den Kenner 
ergötzen, wenn er wahrnimmt, in welchem Geiste 9 mit wie 
vieler Gründlichkeit und umfangender Kenntnils der Sache alle 
diese vier Werke geschrieben sind. Obgleich nämlich einige 
Verschiedenheit in der Darstellung und selbst auch in den An- 
sichten bei den Verfassern nicht zu verkennen ist, so zeigt 
fieb doch bei allen der forschende Blick, die ausgebreitete Kennt- 
nifs der Thatsachen und das besonnene tlrtheil kurz diejenige 
Ueberlegenheit des Verstandes über die blofse Phantasie, ohne 
welche diese ernste Wissenschaft nicht gedeihen kann. Ref. 
wird indefs von einem jeden einzeln den Lesern dieser Zeit- 
schrift Rechenschaft ablegen. 

Der Verf. von No. j , ein berühmter Veteran unter den 
deutschen Physikern, liefert hier eine dem jetzigen Zeit- 
punete der Wissenschaft angemessene gänzliche Umarbeitung 
des ersten Thetles seines l8l3 in der zweiten Auflage erschie- 
nenen bekannten Handbuches. . In beiden früheren Auflagen 
war dieser kenntnifsreiche und gründliche Forscher hochge- 
achteter Lehrer und gükiger Gewährsmann des Ref. bei seinen 
physikalischen Studien ; die vorliegende dritte Bearbeitung 
tut er nicht ohne grofsen Nutzen gelesen, und auch diese be- 
urkundet das, was ohnehin bekannt ist, dafs nämlich dieser 
fleifsig* Gelehrte -nie aufgehört hat, die Wissenschaft durch 
neue Entdeckungen zu bereichern, wie eine nähere Anzeige 
demnächst ergehen wird."* Der allgemeine Charakter des Wer- 
kes, welches übrigens die sogenannte Experimentalphysik 
vollständig enthält, ist das Bestreben nach klarer und fafslicher 
Darstellung, worin man zwar die so zu nennende mathemati- 
sche Art des Vortrags nicht verkennt, zugleich aber bemerkt, 
dafs alle schwierigere und abstrusere Formeln vermieden sind, 
welche von vielen nicht verstanden werden, und oft die 
eigentliche anschauliche Kenntnifs der Sache nicht fördern. 
Wer daher nur in den Elementen der Mathematik hinlänglich 
bewandert ist v wird das Büch ohne Mühe verstehen und mit 
grofsem Nutzen sturJiren können. Daneben sind die theore- 
tischen Lehrsätze zusammenhängend aufgestellt, erläutert und 
bewiesen , was noch unausgemacht ist , ist als solches angezeigt ; 
Ober manches theilt der Verf. eigene Hypothesen mit , oder. 
Lieht an, oh noch vor einer Entscheidung neue Versuche und 
Beobachtungen erfordert werden; zugleich aber sind die haupt- 
sächlichsten technischen und ökonomischen Anwendungen der 
physikalischen Gesetze zwar kurz, aber doch verständlich 

4* 



52 Lehrbücher der Phjiik. 

genug mitgetbcilt, um erforderlichen Falls Gebrauch davon 
zu machen, und alle diese einseinen Stücke sind durch Ueber- 
schriften ihrem Wesen nach bezeichnet, damit der Leser sich 
leicht und schnell finden könne. Die Quellen übrigens, aas 
weichen die uii rgetheilten Thatsachen entnommen wurden , 
werden nur dann angegeben, wenn die letzteren noch neu 
oiler minder allgemein bekannt sind; überhaupt aber kann 
man sagen, da 1*4 der Verf. die Literatur, ohne Zweifel der 
Kürze wegen, im Allgemeinen fast ganz weggelassen habe. 
Rücksichtlich der Ordnung endlich , in welcher man die ein- 
zelnen Lehren vorgetragen findet, hat der Verf. die frühere der 
Hauptsache nach beibehalten, welche auch gegenwärtig fast 
in allen Handbüchern befolgt wird, und wohl als die natür- 
lichste und bequemste anzusehen ist; aufserdem dient eine 
sehr vollständige Jnhaltsanzeige statt eines Registers zum 
Orientiren. Druck und Papier sind im Ganzen gut, jedoch 
stöfst man auf gar viele, zum Glück aus dem Zusammenhange 
leicht zu verbessernde Druckfehler. 

Nach dieser allgemeinen Anzeige erlaubt sich Ref. noch 
ins Einzelne einzugehen, um sowohl dasjenige hervorzuheben , 
Was als neue Tbatsache oder Ansicht vorzügliche Beachtung 
verdient, als auch solche Einzeln hei ten , worüber er zweifel- 
haft ist oder von denen des Verf. abweichende Ansichten hegt* 
Interessant war für Ref. gleich im Anfange die Bemerkung des 
Verf., wo er zeigt, in welchem innigen Zusammenhange die 
einzelnen und eben daher unzertrennlichen Theile der Natur- 
lehre stehen ; wie man aus der Bewegung der Himmelskörper 
das Gesetz der Ansiehung näher erkannt, und durch Versuche 
Über die Lichtbrechung im Kleinen Mittel gefunden bat, solche 
Werkzeuge zu verfertigen, vermittelst derer die fernen Him- 
mels.rä'ume erkannt und ausgemessen werden. Ganz bestimmt 
erklärt sich der Verf. für die Gorpusculartbeorie und gegen 
die Durchdringung der Materie, indem hierdurch nach S. 16. 
der Begriff des Körperlichen ganz aufgehoben werde, und 
man doch auch unmöglich berechtigt sey, ein Verschwinden 
der Theile dann anzunehmen, wenn sie vermöge ihrer Klein- 
heit nicht mehr durch die Sinne wahrnehmbar sind. Dieser 
Satz scheint so durchaus einleuchtend, dafs Ref. gar nicht be- 
greift, wie es möglich war, dafs er jemals in Zweifel gezogen 
wurde. Wenn S. 25. die Elasticität im Allgemeinen auf eine 
ausdehnende Kraft zurückgeführt wird, so könnte dieses zu 
einer sehr weitläufigen Erörterung führen. Rücksichtlich der 
starren Körper ist diese Ansicht,, den Ausdruck ganz dem ge- 
meinen Sprachgebrauche gern als genommen , gewifa unhaltuar; 



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Lehrbücher der Physik. 53 

- 

denn wenn Young ganz richtig den Modulus der Elasticit&t 
nach der Ausdehnung sowohl, als auch nach der Zusammen» 
ziehung der starren Körper bestimmt, so scheinen diese bei- 
den Bedingungen auf gerade entgegengesetzten Kräften zu be* 
ruhen, was doch bei ihrer wesentlichen Uebereinstimmung 
unmöglich ist. Will man aber auch diejenigen Erscheinun- 
gen der Elasticit&t, bei denen entschieden Zusammendrückung 
und Verminderung des Volumens bemerkbar ist , aus den Ge- 
setzen der Anziehung ableiten, so erscheint dieses Verfahren, 
su künstlich , als dals man es den einfachen Naturgesetzen für 
angemessen halten sollte. Es ist überhaupt schon an sich ein 
Uebelstand, dafs der Ausdruck der Ela s t ici t ä t für die Seht 
heterogenen Erscheinungen bei starren , tropfbar flüssigen 
und expansibelen Körpern usurpirt ist, und lief, hat daher 
kürzlich vorgeschlagen, der Etymologie gemäfs den Gasarten 
£lasticität, den tropfbar flüssigen Körpern Zusammendrucke 
barkeit und den starren Federkraft beizulegen. Im Wesent- 
lichen der Sache nach ist hiermit indefs nicht abgeholfen, und 
die Hauptfrage wird allezeit die bleiben, ob und wie weit die 
Wärme als absolutes repulsives Frincip anzusehen sey, und 
nach welchen Gesetzen sie dieser Ansicht gemäfs sich witksam 
zeige. Wann aber diese äufserst schwierige Frage genügend 
beantwortet seyn wird, mufs die Zukunft ergeben. Uener- 
baupt führt ein tieferes Studium der Naturlehre stets mehr zu 
der Ueberzeu gung , wie viel noch unsern Nachkommen zu er- 
forschen übrig bleibe, wenn sie anders die hierzu erforderliche 
Mühe nicht scheuen werden. Dahin gehört dann vorzüglich 
auch die S. 37. aufgeworfene Frage, ob es eine eigenthümliche 
organische oder belebte Materie giebt, deren Beantwortung 
dem Physiker eben so wichtig ist als dem Physiologen, 

Wir können uns, sagt der Verf. S. 37, jeden Körper als 
eine Anhäufung von materiellen Theilthen (physischen Puncten) 
vorstellen. Diese Ansicht begleitet dann die folgende Dar- 
legung der • Igemeinen Bewegungsgeselze, und Ref. weifs aus 
eigener Erfahrung, dafs auf diesem Wege gar viele Sätze eben 
SO consecguetit durchgeführt, als zum Vers'ändnifs deutlich 
gemacht werden können. Ueberhaupt scheint es bei weitem 
am zweck'iiäfsigsten , mit Parrot das physisch unendlich 
Grofse und Kleine von dem geometrisch Unendlichen zu tren- 
nen; jenes verschwindet der sinnlichen Wahrnehmung und 
physischen Messung, dieses jeder Bestimmung überhaupt, 
weil es keiner Messung fähig ist. Gar manches ist dann phy- 
sisch unendlich, was noch sehr weit vom geometrisch Unend- 
lichen «fntfernt ist, aber die Verwechslung heider Begriffe hat 



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54 Lehrbücher der Physik. 

gewifs nicht wenige Mißverständnisse veranlafst, und Un- 
richtigkeiten in die Darstellung der physikalischen Gesetze 
gebracht. Die Bewegungsgesetze fester, tropfbar flüssiger 
und expansibeler Körper übergeht Ref. der Kürze wegen ohne 
besondere Angabe alles Einzelnen. Es ist nümlich bekannt 9 
dafs der Verf. hierin theils durch eigene Versuche, theils durch 
genaue Kenntnifs der Arbeiten Anderer vollkommen bewandert 
ist, und so läfst sich schon im Voraus erwarten , dafs seine 
Darstellung sieb durch einen vorzüglichen Grad der Bestimmt- 
heit und lichtvollen Klarheit auszeichnet, so dafs Ref. man. 
ches, obwohl an sich bekanntes, der eigentümlich leichten 
Fafslichkeit wegen sich angemerkt hat. Nur über Einiges sey 
es erlaubt kurze Bemerkungen zu machen. Wenn S.39. steht, 
dafs eine Kugel von einem Pfund Gewicht und tausend Fufs 
Geschwindigkeit eine gleiche bewegende Kraft besitze, als 
eine andere von tausend Pfund Gewicht und einem Fufs Ge- 
schwindigkeit, so ist hierdurch allerdings das mechanische 
Moment einer bewegenden Kraft ausgedrückt. Da aber unter 
andern die neuesten Versuche von Beaufoy ergeben, dafs 
für das specielle Problem bewegter fallender oder geworfener 
Kugeln die Kraft beider im genannten Beispiele sich wie 
1000 2 x 1 : 1000 x 1 2, also wie 1000 : l verhalten müsse, 
und man seit la Hire die Kraft des Windes dem Quadrate 
Seiner Geschwindigkeit proportional setzt; so erkennt der 
Sachverständige bald , dafs dort vom mechanischen Mo- 
mente, hier aber vom Trägheitsmomente die Rede sey f 
und es trügt daher zur Deutlichkeit des Gesagten nicht wenig 
bei, dafs der Verf. S. 91, wo vom Trägheitsmomente 
die Rede ist, sich zur Erläuterung desselben auf das hier Ge- 
sagte bezieht, um etwaige Mifsverstündnisse zu vermeiden« 
Inzwischen würde es noch eine fernere Zugabe der Deutlich- 
keit seyn, wenn auch hier schon auf jene nachfolgende De- 
monstration verwiesen wäre. Neu war für Ref. ferner die 
S, 47« gewählte elementare, aber sehr anschauliche Methode 
des Beweises, dafs bei gleichförmig beschleunigten Bewegun- 
gen die Räume den Quadraten der Zeiten proportional seyn 
müssen. Aus dem Failgesetze eines Körpers auf der geneigten 
Ebene ist die Theorie des Pendels abgeleitet, bei dessen abso- 
luter Längenbestimmung (S 102.) aber auf die allerneuesten 
Messungen noch nicht Rücksicht genommen werden konnte. 
Eine damit verbundene kurze Angabe der Construction unse- 
rer Uhren zeigt das Bestreben, die unmittelbaren practi- 
schen Anwendungen der physikalischen Lehrsätze nachzu- 
weisen. 



» 



i 



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Lehrbücher der rhy.ik. ' 55 

In dem Abschnitte 9 welcher von der Hydrostatik und 
Hydraulik bandelt, ist Ref. S. 126. der Ausdruck specifi- 
sche Schwere aufgefallen , und er wünscht , daf* sich nie- 
mand hierbei auf die Autorität des berühmten Verf. berufen 
möge. Vielleicht mag das ßestreben, diesen Ausdruck ganz 
su verbannen , etwas pedantisch scheinen, allein es ist gewifs 
vielen bekannt, welche Verwirr mg derselbe bei manchen 
hervorbringt, wogegen uns der Ileichthuin unserer Mutter- 
sprache irn Vorzüge vor andern sichert. Uebrigens ist nicht 
blos der Hauptsatz der Hydrostatik von der Höhe des Standes 
gleicher oder ungleicher Flüssigkeiten in communicirenden 
Köhren einfach bewiesen, sondern es sind auch die Gesetze 
der Bewegung des Wassers in offenen und verschlossenen Ca- 
nälen , des Ausflusses aus Röhren und Löchern in dünnen 
Blechen , der lothrechten Sprunghöhen und horizontalen 
Sprungweiten lichtvoll angegeben und durch geschmeidige 
Formeln ausgedrückt. Endlich findet man auch das schwierige 
Problem vom Wasserstofse innerhalb der Grenzen einnr ele- 
mentaren Darstellung hier erörtert; die Theorie der Wellen 
ist nach Newton fdislich mitgetheilt, auf die gelehrten Ar- 
beiten von La Granne, La Place und Poissou ist blos 

o 

varwiesen , dagegen aber das Wesentlichste, was aus den 
Untersuchungen der'Gebrüder Weber folgt, hier wiederge- 
geben. Wenn aber die merkwürdige Wellen - stillende Kraft 
des Oeles über einer Wasserfläche einer geringeren Adhäsion 
der Luft an jenes als an dieses beigelegt wird, so dürfte es 
fraglich seyn , ob letztere wirklich erwiesen ist. Leichter 
scheint es , dieses sonderbare Phänomen nach der Analogie 
anderer Erscheinungen auf das ungleich* Gewicht beider Flüs- 
sigkeiten und die hieraus entstehenden, einander wechselsei- 
:ig aufhebenden Schwingungen zurückzuführen. Bei der Er* 
äuterung der Aräometer theilt <fer Verf. eine Methode mit, 
iie Werkzeuge dieser Art mit festen Skalen richtig zu gradui- 
en , welche ungleich bequemer ist, als die früher von dem- 
selben in Gren'i Journale angegebene, und nach welcher 
elbst empirische Künstler diese noch immer sehr gebräuch- 
icben Werkzeuge leicht verfertigen können *). Angehängt 



*) Bei dieser Gelegenheit sey es erlaubt su bemerken , dafs das 
neuerdings durch Leslie erfundene, in den Ann. of Phil. N. 
Ser. No. LXIV. beschriebene Instrument zum Messen des speci- 
fischen Gewichts der Pulver, dessen Beschreibung auch schon ia 
deutsche und französische Zeitschriften übergeht , nichts anders als 



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I 



56 Lehrbücher der Physik. 

sind Tabellen über die specifiscben Gewichte der gangbarsten 
Substanzen, die Dichtigkeit des Wassers zwischen 0° und 
36° C nach Häll ström, das absolute Gewicht eines Cubik- 
dtcimeters, eines französischen und hessischen Cubikfufses 
Wasser innerhalb der nämlichen Grenzen der Temperatur, das 
specifiscbe Gewicht der Mischungen von Wasser und Alkohol, 
bei 16 9 R. nach Procenten, das specirische Gewicht der drei 
gangbarsten Mineralsäuren und über den Gehalt der Salzsoolen 
gleichfalls nach Procenten. 

Der fünfte Abschnitt enthält die Bewegungsgesetze elasti- 
scher Flüssigkeiten. Unter den Barometern giebt der Verf. 
den Gefäfsbarometern den Vorzug für die täglichen Beobach- 
tungen , den Heberbarometern für Höhenmessungen , weil sie 
leichter und sicherer transportabel gemacht werden können. 
Den letzteren Satz kann Ref. indefs nicht geradehin zugeben. 
Leichter, dem Gewichte nach, sind Heberbaromet%r aller* 
ding«, allein, das Abschliefsen des Quecksilbers, als wesent- 
lichste: Bedingung des Transportirens, geschieht nach F o r - 
tin's und noch besser nach Horn er' s Vorschlage beim Ge- 
fäfsbarometer wohl am sichersten (s. Gehler's Wörterb. Art. 
Barometer). Aufserdem läfst sich in diesem die Capillarde- 
pression, deren Berechnung nach Schleiermacher zwar 
sehr genau, eher zugleich auch mühsam und zeitrauhend ist, 
ohne grofse JVfühe verschwindend machen; und wird dann 
die Länge der Quecksilbersäule , wie billig, allezeit vom Ni- 
veau des Quecksilbers im Gefafse an gemessen , so hat man 
doch auf allen Fall ein richtiges Mr-Tswei kzeug, statt daft 
die ungleiche Capi]]aid«*preftsion in beiden Schenkeln des He- 
herbarometers , deien Muer dem Zutritte der L»urt offen steht, 
der andeie dagegen nicht, stets einige Ungewifsheit zurück- 
läfst. Dals indels eine Entscheidung dieser Frage schwieriger 
sey , als es auf den ersten Blick scheinen dürlte, haben die 
neuesten Untersuchungen 'und die verschiedenen Ansichten der 
Physiker hierüber genügend bewiesen , und es möge daher 



Say's allerdings sehr brauchbare« Stereometer ist. Vergl. 
G eh ler Wort. N. A. I. pag.395. Auch M u s sc h on b r oek *• 
weit minder genaue« Werkzeug zur Bestimmung des specefischen 
Gewichts der Flüssigkeiten , welches seitdem schon zweimal, 
nämlich durch Scan negativ als Hygroklimax und durch 
M est er als Panhydrouieter auf* Nene erfunden wurde (s. 
ebenda*, pag. 379.)» * ft so c ^* a w » e der duroh Hare in Vor- 
schlag gebracht. 



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Lehrbücher der Plijük. 67 

- • • 

auch das Gesagte nur als individuelle Meinung des l\e£ ange- 
sehen werden. Die merkwürdigen täglichen Schwankungen 
des Barometers werden nach y, Humboldt'« neueste! Schule 
mitgetheilt, und als Erklärung dieses Phänomens nimmt der 
Verf. an, dafs die beiden Minima mit der wärmsten und käl- 
testen Tagszeit zusammenfallen, weil in jener der stärkst* 
Abflufs der erwärmten Luft in den oberen , in dieser der 
stärkste Abflufs der kalten Luft in den unteren Tüeibn statt 
finden, folglich die beiden Maxima da liegen müssen, wo sich 
beide Ströme östlich und weitlich begegnen. Diese Erklä- 
rung fiele im Allgemeinen mit der durch Bouguer gegebenen 
zusammen, doch glaubt lief. , dafs man auf einem einfacheren 
Wege, und ohne ein eigentliches Abfliefsen der Luft anzu- 
nehmen , zum Ziele gelangen könne. Denken wir uns näm- 
lich die Luft als ruhend und als träge Masse den Erdball um* 
gebend, und nehmen an , dafs die auffallenden Sonnenstrahlen 
üieselbe erwärmen, so wird die Elasticität derselben ver- 
mehrt werden, ehe ein Abfliefsen oder eine Wiederherstellung 
des gestörten Gleichgewichts statt finden kann, und dieses 
giebt nach Art der Meeresfluth für das elliptische Suhäroid 
der Erde die beiden Maxima. Ist die Erwärmung vollständig 
und das aufgehobene Gleichgewicht wieder hergestellt, so ist 
die Luft leichter, und dieses giebt die beiden Minima. Eine 
Verspätung der Wirkung findet hierbei wie bei der Meeres, 
fluth statt. 

Unter den Luftpumpen wird mit Recht den Hahnluftpum- 
pen der Vorzug eingeräumt, und ein sinnreicher Mechanismus 
zum Oeffnen und Scbliefsen der Hähne beschrieben, welcher 
durch den bekannten ausgezeichneten Künstler Adelt' r in 
Darmstadt ausgeführt ist. Ref. hat sich gleichfalls eine ähn- 
liche, mit einer etwas verschiedenen Vorrichtung zur Bewe- 
gung der Hähne, verfertigen lassen , welche wohl noch ein- 
facher ist, indem ein kurzer zweiarmiger Hebel in das Rad 
4«r Kurbel eingreift, hierdurch so viel gehohen oder herab- 
gedrückt wird t als die Umdrehung des Habns um einen Qua- 
dranten erfordert, welche durch eine lothrecht herabgehende 
Stange bewirkt wird, wobei der kleine Winkelhebel aus den 
Zähnen des Rades tritt, sobald er so hoch gehoben oder herab- 
gedrückt ist, als die Bewegung der Stange erfordert, bei dem 
Äückwärtsdrehen des Rades aber von selbst in die Zähne des- 
selben eingreife, und nach der entgegengesetzten Seite gedre- 
bet wird, so dafs das Oeffnen und Scbliefsen der Hähne auch 
bei nicht vollendetem Kolbenzuge erfolg t. Smeaton'a Bim. 
probe, ein im Garnen genommen wohl überflüssiges Werk- 



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58 Lehrbücher dei Physik. 

zeug, ist nur beiläufig und ohne nähere Beschreibung er- 
wähnt. Ausführlicher, als gewöhnlich in den Compendien 
geschieht, wird dagegen von den Bewegungen der Luft ge- 
handfit, wobei der Verf. zugleich die Theorie der Gebläse, 
des Ziehens der Camine und, als Anwendung hiervon, der 
durch ungleiche Temperatur in den einzelnen Säulen der At- 
mosphäre entstehenden Winde erläutert. Hierbei werden 
auch die Resultate der noch nicht bekannt gemachten Versuche 
des Verf. über die Geschwindigkeit des Aufsteigens einer ein- 
geschlossenen erhitzten Luftsäule mitgetheilt, welche vermit- 
telst eines in den blechenen Rauchfang einer argandschen 
Lampe gehaltenen Flugrädchens aufgefunden wurden. Nach 
dem Mittel von drei, nur unbedeutend von einander abwei- 
chenden Versuchen wird die Geschwindigkeit des Luftzuges 
in den Caminen mit Rücksicht auf den Widerstand gegen die 
bewegte Luft durch die Formel c s 0,43 'e y* (4 gh) ausge- 
drückt, worin e die durch die Temperatur bewirkte Ausdeh- 
nung der Luft, h die Höhe der Luftsäule im Camine und g 
den Fallraum in einer Secunde bezeichnet. Eine Anwendung 
auf die Theorie der Winde ergiebt dann, dafs eine Tempera- 
turvenninderung von 10°, wodurch eine Verdichtung von 
0,05 bewirkt wird, die Höhe der Lichtsäule zu 40uO F. an- 
genommen , eine Geschwindigkeit von 25 F. in einer Secunde 
erzeugt. Indem aber die Abkühlung durch entstehende Ge- 
witter oft noch viel bedeutender ist, die Höhe der Luftsäule 
aber unter Umständen ungleich gröfser angenommen werden 
mufs , so lassen sich allerdings die stärksten Stürme hierauf 
zurückführen. Bei der Aeronautik giebt der Verf. dem Vor- 
schlage Frecbtl's Beifall, nämlich in einem grofsen, mit 
reinem Wasserstoffgase gefüllten kupfernen Ballen einen klei- 
neren von biegsamer Hülle anzubringen, und letzteren mit 
atmosphärischer Luft nach dem wechselnden Verhältnisse des 
äufseren Luftdruckes mehr oder weniger aufzublasen. Die 
Idee ist allerdings sinnreich , allein sie löset die Aufgabe nicht, 
indem die ganze Vorrichtung unnöthig wäre, wenn es eine 
biegsame, für das Wasserstoffgas auf die Dauer undurchdring- 
liche Hülle gäbe, welche aber für den inneren Ballen nach die- 
sem Vorschlage eben so nothwendig ist, als nach der gewöhn- 
lichen Einrichtung für den eigentlichen Ballen. Ref. ist indefs 
überzeugt , dafs es rücksichtlich der Lenkung der Aerostaten 
und der Sicherheit ihrer lange dauernden Steigkraft einer sol- 
chen künstlichen Vorrichtung fiherall nicht bedarf, und dafs 
eine Entdeckungsreise vermittelst eines gehörig eingerichteten 
Luftschiffes keineswegs mit so grofsen Schwierigkeiten ver- 



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Lehrbücher der Physik. 59 

bunten seyn wfirde , als diejenigen hei manchen Seereisen 
wirklich sind, welche man bisher mehrmals glücklich über- 
wunden hat, liefse sieb nur ein Mitte] finden, nach Beendi- 
gung der Fahrt mit eben der Sicherheit wieder auf die feste 
Erde zu kommen, als dieses bei den gewöhnlichen Schiffen 
der Fall ist/ 

In der Lehre vom Schalle vermlfst Ref. eine genauere 
Angabe der Art, wteCbladni die absolute Zahl der, einem 
jeden Tone zugehörigen, Schwingungen aufgefunden hat, und 
Savart's Erklärung des eigenthümiiehen Klanges *) gleich 
hoher Tone bei verschiedenen Instrumenten. Die allgemeinen 
Gesetze, welche die Handbücher der Naturlehre aus der Che- 
mie aufzunehmen pflegen, versichert der Verf. deswegen nur 
kurz mitgetheilt zu haben, um dadurch mehr Raain für andere 
Untersuchungen zu gewinnen; inzwischen sind sie ausführ» 
lieh genug mitgetheilt, um eine vollständige Uebersicht der« 
selben zu erhalten, und in das Einzelne der vielfachen chemi- 
schen Verbindungen kann man sich doch einmal nicht einlas- 
sen, ohne sich in das Gebiet einer eigenen und zugleich sehr 
weitliinftigen Wissenschaft zu verirren. Da ferner das B ich 
auch för das Selbststudium bestimmt ist, so kann man nur 
billigen, rlals in einem eigends angehängten Abschnitte von 
einigen allgemein verbreiteten einfachen und zusammenge- 
setzten Körpern gehandelt wird, namentlich vom Wasser, 
seinen Eigenschaften, seinen einfachen Bestandteilen , der 
absorbirenden und auflösenden Kraft desselben, und von sei- 
ner Verbreitung über die Erdoberfläche ; von der Kohle und 
dem Kohlenstoffe , dem Schwefel, Phosphor, der at- 
mosphärischen L*ft, von einigen künstlichen Gas- 
arten, dem Sauerstoffgas , Stickgas, Salpetergas, oxydirtem 
Stickgas (wobei zugleich vom Salpetergas - Endiometer gehan- 
delt wird), der Kohlensäure, dem Wasi^rstoffgas , dem Was- 
serstoffgas - Eudiometer und den Zfindlampen , vorn Kohlen« 
stoffgas und der Gasbeleuchtung , vom Knallgasgehjäse , dem 
Schwefelwasserstoffgas, den sauren Gasarten und namentlich 



*) Ref. schlägt vor, dafs die Eigentümlichkeit der Tone, wodurch 
sie aufeer ihrer Höhe oder Tiefe unterscheidbar sind, und wo- 
durch z« B. gleich hohe Töne irgend eines Instrumentes oder der 
menschlichen Stimme Kenntlichkeit erhalten, mit dem Ausdrucke 
Klang bezeichnet werden möge , und wünscht diesem Ausdrucke 
allgermine Aufnahme. 



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60 Lehrbücher der Physik. 

dem Chlorgas nebst den verschiedenen Anwendungen dessel- 
ben , vom Jod, der F 1 u Ts s ä u r e , dem Ammoniakgas 
und der Zersetzung organischer Körper in ihre einzelnen Be- 
standteile. Im Einzelnen hebt Ref. aus, dafs der Verf. Be- 
denken tiägt, die chemischen Verbindungen auf das Newton- 
sehe Attractions - Gesetz zurückzuführen, welches allerdings 
auch nicht ohne einige Schwierigkeit geschehen kann, so an» 
lockend es übrigens ist, [dt« allgemeinen Natm ki -äffe au ver- 
einfachen. Eb*ri so wird S. 174. bemerkt, dafs eigene Ver- 
s «che dem Verf. nie eine solche Übereinstimmung zwischen 
Theorie und Experiment gegeben hätten, als die von Gay- 
Ii ü s s a c zur Bestätigung oVr La P I a ce ' sehen Capillartheorie 
angestellten zeigen, welches jeder Experimentator gern glau- 
ben wird; denn so lange noch das Mischungsverhältnifs der 
Bestandteile des Glases verschieden ist, wird auch die Adhä- 
sion der Flüssigkeiten an dasselbe sich in einiger Hinsicht un- 
gleich zeigen. Rücksichtlich des constanten Antheils der at- 
mosphärischen Luft an Sauerstoffgas wird es S. 336« für zwei« 
feihart gehalten, ob wir die Vegetabilien als Quelle desselben 
ansehen können, noch mehr aber sollen erst künftige Zeiten 
die Frage entscheiden, warum die Mengedesseiben unter den 
verschiedensten Bedingungen unverändert bleibt. Wenn man, 
wie hier mit Recht geschieht, die atmosphärische Luft für 
ein Gemenge hält (wofür aber der triftigste Grund , nämlich 
dafs Salpetergas, also Stickstoff auf einer höheren Oxydation»- 
stufe, ihr das Sauerstoffgas entzieht, nicht angegeben, ist), 
so bleibt die Sache allerdings räthselhaft, und man sieht. hir- r- 
aus, dafs die Natur nicht so scharf classificirt , als wir Men- 
schen zur Bestimmung der Begriffe zu tbun genöthigt sind« 
Dafs übrigens ein oft gebrauchtes Argument, nämlich manche 
Gegenden seyen Monate lang von aller Vegetation entblöfst, 
von keinem grofsen Gewichte sey, fällt bald in die Augen, 
wenn man berücksichtigt, dafs binnen acht Tagen Tausend« 
von Cubikmeilen Luft durch gewöhnliche Strömungen einen 
halben Quadranten der Erde zurücklegen können. Als Ursache 
des Erglühens von Döbereiner's Platiuscjiwamm im Knall- 
gas siebt der Verf. sowohl die electrische als a .ich die mecha- 
nische Anziehung beider Gasarten, vorzüglich des Wasser- 
stoffgas zum Platin, an, indem dieses Metall als am stärksten 
negativ electrischer Körper das am meisten positiv electrische 
Wasserstoffgas anzieht, hierin durch seine grofte Oberfläche 
als schwammiger Körper unterstützt wird , Verdichtung be- 
wirkt f dadurch Wärme ausscheidet, und somit zuletzt glühen 



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Lehrbücher der Physik. 61 

wird. Diese Erklärung hat allerdings viel für sich 9 und v er- 
einigt die beiden über dieses interessante Phänomen herrschen- 
den Ansichten. 

Hinsichtlich der Theorie der Wärmelehre ist der Verf. im 
Ganzen für die Annahme eines eigenen Wärmestoffes, obgleich 
er in Uebereinstimmung mit allen gründlichen Physikern zuge» 
steht« dafs wir das eigentliche Wesen dieser hypothetischen 
Potenz noch keineswegs genau kennen. Das bekannte Argu- 
ment , dafs sieb* die Quelle des Quantitativen eines wirklich 
Materiellen bei der Erzeugung der Wärme durch Reiben nicht 
wohl nachweisen lasse , wird auch hier erwähnt; allein man 
kann dagegen immerhin mit Mayer einwenden , dafs die Vor« 
aussetzung, alle hierbei erzeugte Wärme komme aus dem ge- 
riehenen Körper , noch keineswegs fest begründet ist. Mit 
der Ansicht einer ganz eigentlichen Emanation gleichfalls un- 
verträglich ist indefs folgendes Phänomen. Wenn man die 
durch eine argandsche Lampe zuerst ohne weitere Modifikation 
erzeugte und in die Höhe steigende Hitze mifst :, dann die Flamme 
in den ßrennpunet eines Metallspiegejs bringt, und die reflectir- 
ten Strahlen gleichfalls auffängt , so wird die erstere Wirkung 
nicht geschwächt, die Gesammtwirkung aber vermehrt, in 
sofern in einem langen Cylinder, den Gesetzen der Emanation 
zuwider, eine nur wenig abnehmende grofse Wärmemenge 
gleichzeitig vorhanden ist. Woher kommt dieser Zuwachs ? 
Will man, um diese Sache wenigstens kurz anzudeuten, hier- 
nach auch einen Wärrnestoff annehmen, so mufs man nicht 
blos seinein Quantitativen , sondern zugleich auch den indivi- 
duellen Schwingungen desselben gewiss? eigentümliche Wir- 
kungen beilegen, und könnte nach dieser veränderten Ansicht 
vielleicht manche Erscheinungen erklären. Die eigentliche 
Strahlung der Wärme ist nämlich gewifs etwas ganz anderes, 
als eine Emanation eines quantitativ Mefsbaren. Hiermit soll 
indefs der Undulationstheorie keineswegs als einer allein halt- 
baren das Wort geredet werden, vielmehr lassen sich als ana- 
loge Erscheinungen anführen, dafs die Undulationen der Luft 
in den Schallwellen , welche massive Häuser beben machen, 
neben dem Fortfliefs^n derselben im Sturmwinde recht gut, 
und doch unlfiugbar bei einem sehr grob ätherischen , nur ex- 
pansihejen, Medio best*hn. 

Nur als gelegentliche Bemerkung eu S. 396. möge es gel- 
ten, dafs d*is bekannte Werkzeug zum Messen sehr kleiner 
Temn-rjtni «JirFerenzen , welches Rumford gebrauch»: im I als 
Sriu- EHiudung angegeben hat, ohngeueuu t unser V rf. das- 



i 



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- 62 Lehrbücher der Physik. 

selbe schon früher beschrieben und seine grofse Empfindlich« 
keit gezeigt hatte, von jenem Therm oskop oder Mikro- 
calorimeter und nicht Differential -Thermo meter 
gebannt wurde. Letzterer Apparat ist etwas verschieden con- 
struirt, und von Le&lie angegeben. Dagegen rührt der 
S. 437. erwähnte Vorschlag, die Ahsorbtion des Wassers der 
Atmosphäre durch Schwefelsäure als hygroskopisches Mittel 
zu gebrauchen, nicht von diesem letzteren Gelehrten f sondern 
von de la ilive her. In beiden Angahen glaubt Ref. nicht 
zu irren, doch konnte es seyn, dafs aus Unachtsamkeit eine 
Verwechslung der Namen bei ihm vorgegangen wäre. Doch 
dieses ist minder bedeutend. Ungleich wichtiger ist die Fra- 
ge, oh die Erklärung, welch*? Döbereiner von dem be- 
kannten L e i d e u f r o s t s cb e n Versuche der langsamen Ver- 
dampfung eines W.issertropfens in einem glühenden Löffel 
ge^el«en hat, und weiche £>. 406. als sehr richtig ausgege- 
ben wird, den Bedingungen der Erscheinung wirklich genügt. 
Ret. will nicht verhehlen, dafs er sich sehr freüete, diese 
Enträthselung eines sebwierigen Problems durch die von Dö- 
bereiner angegebenen Thatsachen und Hypothesen anschei- 
nend begründet zu finden; als er aber die Sache seihst aber- 
mals genau untersuchte, sind bei ihm neue Zweifel entstan- 
den, die er noch keineswegs zu beseitigen vermag. Zuerst 
ist es keinem von denen, welche bei den Versuchen' gegen- 
wärtig waren, möglich gewesen, unter dem Tropfen wegzu- 
sehen, wenn derselbe sich auf einer ganz eben geschliffenen 
(sogenannten Adhäsions-) Platte von Glockenspeise befand. 
Hiernach müfste man also annehmen , dafs die der Hypothese 
nach zwischen Tropfen und Metall befindliche Dampfschicht 
so dünn sey, dafs ihre vom Wasser verschiedene Brechung 
des Lichtes nicht wahrnehmbar wäre, was bei der Feinheit 
des Lichtes schon schwer zu glauben ist. Zweitens nimmt 
jeder grofse Tropfen eine abgeplattete Gestalt durch den Wi- 
derstand der ihn tragenden Fläche an, wonach der Widerstand 
der hypothetischen Dampfschiebt demjenigen gleich seyn 
tnüfste, welchen die Ebene eines festen, keine Adhäsion aus- 
übenden Körpers hervorbringt, was mit der Natur einer ex- 
pansibelen Flüssigkeit nicht wohl vereinbar scheint. Drittens 
ist einmal völlig gewifs, dafs keine i'otirende Bewegung der 
Tropfen statt findet, sondern sie sind völlig in Hube, wenn 
nicht das Gefäis durch die Hand oder eine sonstige Ursache 
bewegt wird. Hiervon kann man sich sehr leicht überzeu- 
gen, wenn man bei wiederholten Versuchen nirht stiren in 



Lehrbücher der Physik. 63 



den Tropfen , meistens im unteren Tbeile derselben , kleine 
Lüh). laschen beobachtet, weicht- sich durchaus nicht Lewe* 
gm. Viertens wird nicht nur dieses mit völliger Sicherheit , 
sondern auch die unmittelbare Berührung der Metall fläche 
(so weit diese aufserhalb der Grenze der Adhäsion liegt; denn 
dals diese letztere nicht statt finde , bedarf keines Beweises) 
mit höchster VVahrscheinlichkeit bestätigt, wenn man einen 
Metalldraht oder selbst ein hölzernes Stäbchen durch den 
Tropfen auf die Metalliläche senkt, Dafs hiermit keine roti- 
rende Bewegung verbunden seyn könne, ist wohl ohne Wi- 
derstreit gewifs, allein es ist zugleich schwer zu begreifen, 
dafs die grofse Gewalt der Gupilljranziebung, vorzüglich 
wenn man einen unten flach geschnittenen hölzeinen Gylinder 
nimmt, nicht das Wasser der Metalliläche mindestens so nahe 
bringen sollte, dafs' keine mefsbare- dicke , beide trennende , 
und die Zuleitung der Wärme hindernde Dampfschicht zwi- 
schen beiden sich erhalten kann, in diesem angegebenen Falle 
geschieht zwar die allmälige Verdampfung des Tropfens etwas 
»cbneller, allein doch immer langsam genug, um das Phäno« 
aien in seiner ganzen auffallenden Eigentümlichkeit zu zei- 
gen. Endlich steht die Hypothese mit der Theorie der 
Dampfbildung im Widerspruche. Wasserdampf nämlich, un- 
ter keinem höheren als dem atmosphärischen Drucke, mufs 
statisch aufsteigen, und da zur Bildung einer gleichen Quan* 
tität desselben, von Welcher Temperatur er auch seyn mag a 
eine gleiche (Quantität Wärme erfordert wird, so mufs auch 
nothwendig das beifsere Metall mehr Dampf bilden, als das 
minder beiise, wenn nicht anderweitige Bedingungen dieses 
hindern. Aus allem diesem ergiebt sich klar, dafs auch die 
durch Döbereiner gegebene Erklärung den Bedingungen 
des Phänomens noch keineswegs genügt, so gern auch Ref. 
ibr übrigens beitreten möchte, indem er durchaus keine an* 
dere genügende kennt. Für die Richtigkeit der Erklärung 
spricht allerdings der Umstand, dafs jeder neu hinzukommende 
Tropfen bei der Berührung des Metalles ojer auch des schon 
vorhandenen Tropfens ein momentanes Zischen vernehmen 
lüfst, wodurch also eine beginnende Verdampfung angezeigt 
wird, allein auch dieses findet nur dann statt, wenn der Tro- 
pfen herabfällt, und hierdurch dem Anscheine nach in eine 
innigere Berührung mit der Metailflüche kommt. La*Xst man 
ihn an einein Stäbchen hängend, ohne herabzufallen, mit der 
Meta]] fläche od er dem schon vorhandenen Tropfen in Berüh- 
rung kommen , so fällt das erwähnte Zischeu weg. Ein Tro- 



€4 Lehrbücher der Physik. 

pfen Oel zeigt das Phänomen nicht. Wenn man aber in 
einem silbernen Löffel einen Tropfen Wasser auf die gewöhn- 
liche Weise bildet, dann etwas Oel oder Unschlitt hinein- 
bringt, so erhält sich erster er einige Zeit neben der letzteren 
Flüssigkeit. Sobald aber das Oel dem Anscheine nach unter 
den Tropfen dringt, beginnt augenblicklich die Verdampfung 
mit starkem Umherscbleudern kleiner Partikeln desselben. 
Ref. bat mehrmals ein hornenes Stäbchen durch den Tropfen 
gestofsen, und indem letzterer an ersterem durch Adhäsion 
testhing, so stark auf der Fläche des heifsen, Löffels gerieben, 
dafs der untere Theil des Stäbchens verkohlte, ohne dafs ein 
gewöhnliches schnelles Verdunsten des Tropfens erfolgte, so 
lange nicht einige Stellen der Metall fläche einen anscheinend 
aus Schmutz entstandenen Ueberzug erhielten, welche he« 
kanntlicb sofort das Verdunsten bewirken. Nach allem die- 
sem scheint die Ursache des Phänomens darin zu liegen, dafs 
durch gröfsere Erhitzung der Metallfläche die Adhäsion der- 
selben zum Wasser aufgehoben wird, so dafs keine unmittel- 
bare Berührung beider statt findet, worauf die Bildung der 
Kugelform beruhet; und indem die blanke Fläche nur un- 
merklich wenige Wärme ausstrahlt, so findet bei der grofsen 
Wärmecapacität des Dampfes nur eine geringe Verdampfung 
statt. Der Tropfen kann hierbei immer der Metallfläche so 
naheseyn, dafs das Licht nicht zwischen beiden durchgebt, 
ohne dafs dennoch unmittelbare Berührung statt findet. Für 
diese Erklärung läfst sich noch anführen, dafs in dem Gene- 
rator bei Per k ins 's Dampfmaschine der starke Druck die 
innige Berührung des Wassers und Metalles, und somit die 
fortgehende Verdampfung bewirkt, indem sonst der Analogie 
mit dem hier untersuchten Phänomene nach der mälsig warme 
Wassel cylinder sich in dem glühenden Metalle ohne fortge- 
setzte Ddiupferzeuguiig erhalten roüfste. — Die Wichtigkeit 
und Schwierigkeit der Aufgabe mag übrigens diese lange Di- 
gression entschuldigen. 



(Die Fortsetzung folgt.") 

* 

i 



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N. 5, • 1827; 

Heidelberger 

■ 

Jahrbücher der Literatur. 



Lehrbücher der Physik. 

(Fortsetzung.) 

* 

• 

In der Optik ist der Verf. im Ganzen noch Anhänger der 
Newtonseben Emanationstheorie, und es ist wohl nicht zu 
bezweifeln, dafs jeder unbefangene Forscher sich immer mehr 
von der grofsen inneren Consequenz überzeugen wird, welche 
in derselben herrscht, je genauer und inniger er sieb mit ihr 
vertraut macht. Manche scheinen bei den Einwendungen, 
welche nicht ohne Grund gegen die Hypothese jenes tiefen 
Forschers gemacht werden i bei oberflächlicher Kenntnifs des 
Streites, ganz zu übersehen , dafs bei weitem der gröfste 
Tbeil von Newton's Optik so unmittelbar aus unzweideu- 
tigen Versuchen gefolgert ist, dafs an einen Untergang des 
Ganzen möglicherweise gar nicht gedacht werden kann. Wird 
hiervon abstrahirt, und will man zugleich das eigentliche We- 
sen des Lichtes kennen lernen, so wird niemand in Abrede 
stellen, dafs Newt on's übrigens auf triftigen Gründen be- 
ruhende Emanationshypothese einige Erscheinungen allerdings 
nicht genügend erklärt. Der Verf. verkennt daher eben so 
wenig als Biot, der neueste und gelehrteste Commentator der 
Newtonschen Optik, dafs die Voraussetzung, ein Körper 
sto'fse das Licht von seiner Oberfläche zurück, und ziehe es 
innerhalb seiner Masse an, beides in Folge einer in ihm 
selbst liegenden Kraft, den skeptischen Forscher durch- 
aus unbefriedigt läfst. Biot läfst sich hierbei bekanntlich auf 
keine erklärende Hypothese ein, sondern beruft sich auf die 
Unläugbarkeit der Thatsacbe; unser Verf. dagegen wirft die 
Frage auf S. 477, ob man sich vielleicht diese zurüebstofsende 
Kraft als eine Folge einer, jeden Körper umgebenden, Atmo- 
sphäre von Wärme oder unsichtbarem Lichte denken könne. 
Die Sache wäre wohl denkbar, allein es steht dieser Hypo- 
these entgegen, dafs nur die polirten Flächen. der durchsich- 
tigen Körper spiegeln, auf keine Weise aber die noch so ebe- 

XX. Jalirg. i. Heft. 5 



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66 Lehrbücher 3er Physik. 

nen, aber unpolirten f und da Ist doch nicht wobl aufzufin- 
den, warum eine solche Atmosphäre die nicht polirten Flächen 
sogleich verlassen sollte. Uebrigens ist es etwas Eigentüm- 
liches und bei der Aufsuchung der Naturgesetze sehr zu Be- 
achtendes , dafs verschiedene Classen von Erscheinungen , 
welche nicht ohne alle üebereinstimmung unter einander sind, 
ganz vom Einflüsse der Oberflächen der Körper abhängen, 
nämlich die Capillarattraction nach La Place, die Wärme- 
Strahlung nach Rumford's Versuchen, und die bekannte 
Spiegelung des Lichts , welche drei Erscheinungen, unter 
einen gemeinsamen Gesichtspunct gebracht , allerdings einau- 
der wechselseitig zu erklären dienen könnten. Unser Verf. 
versäumt indefs keineswegs, dem jetzigen Standpuncte der 
Wissenschaft gemäfs auch die wichtigsten Lehren der neuer- 
dings wieder zu bedeutendem Ansehn erhobenen Vibrations- 
theorie, namentlich die Hypothese von den Interferenzen, 
kurz, aber mit einer für den Anfang genügenden Deutlich- 
keit so mitzutheilen, wie sie durch den scharfsinnigen T h. 
Young zuerst angegeben, durch Fresnel und Arago be- 
stätigt und durch Frauenhof er bedeutend erweitert wid zur 
systematischen Theorie geordnet ist. Man mufs zugestehen, 
dafs die Spiegelung ungleich leichter aus dieser, ala aus der 
Newtonschen Hypothese erklärlich ist; umgekehrt ist hin- 
sichtlich der Brechung, und bei der Farbenzet Streuung etwas 
Gezwungenes nicht zu verkennen, wenn man bei der einfachen 
Ansicht der Interferenzen stehen bleibt, und nicht demjenigen 
folgt, was Frauenhofens Scharfsinn, Geduld und meeba- 
nische Kunstfertigkeit aufgefunden hat. Die ErUlärung des 
Newtonschen Farbenkringe, wofür der groi'se englische Ge- 
lehrte seine Hypothese der Anwandlungen erfand, läfst sich 
consequenter auf die Theorie der Licbtwellen zurückführen, 
und noch weit mehr ist dieses der Fall bei den Erscheinungen 
der Inflexion, und hierin liegt wohl der hauptsächlichste 
Grund, warum der für die Wissenschaft leider zu früh ver- 
storbene Frauenhofer ihr unbedingt huldigte. Die von 
unserm Verf. nach Bio t vorgetragene Lehre von der Polari- 
sation bleibt vorerst noch der schwierigste Theil der Optik, 
und Ref. stimmt gern bei, wenn es S. 557. heifst, dais es 
noch wohl überhaupt zu früh sey, eine vollständige Theorie 
derselben aufstellen zu wollen, da gewifs noch nicht alle hier- 
her gehörigen Erscheinungen vollständig untersucht sind. 
Zum redenden Beweise, wie wahr dieses gesagt sey, dienen 
die neuen und interessanten Versuche, welche der Verf. mit 
Doppelspathe angestellt hat, und welche mit denen früher 



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I 



Lehrbücher der Physik. 67 

durch v. Münch ow beschriebenen einige Ähnlichkeit haben. 
Liter den Mikroskopen wird auch das durch Amici erfun- 
dene katoptrische beschriehen, welches allerdings vieles Licht 
giebt, insbesondere wenn seine Spiegel durch den hierin sehr 
geschickten Erfinder seihst verfertigt sind, im Ganzen aber 
den besten Frauenhoferschen keineswegs gleichkommt. 

Die Electricitätslehre, welche von S 533 bis 639. in bin« 
linglicher Vollständigkeit vorgetragen ist, übergeht Ref. ohne 
weitere Bemerkungen , kann jedoch den Wunsch nicht unter* 
drücken, dais dasjenige, wasl'faff im neuen physikalischen 
Udrterbuche mit Benutzung der lehrreichen Schrift v. Ye- 
lin's und Anderer über Blitzableiter unter diesem Artikel 
zusammengestellt bat, vom Verf. S. 6 1 8. geprüft und berück« 
liebtigt seyn möchte, da nach jener Angabe die Anlegung der 
Blitzableiter weit leichter und wohlfeiler i .t, als nach der hier 
mitgetbeilten. Unter den trockenen Säulen wird blos die 
Jägersche erwähnt, rücksichtlich der Volta'scben Säule aber 
erklärt sich der Verf. für den Einflufs der chemischen Wirk* 
saukeit des feuchten Leiters, und benutzt zur Unterstützung 
s?iuer Meinung die Resultate der neuesten Versuche Becc[ue* 
rel's. Für Ref. ist es gegenwärtig durchaus nicht mehr 
zweifelhaft, dafs diese Ansicht die richtige sey. Bei der Er« 
ljuterung der Lehre vom Magnetismus ist auch auf B a r 1 o w ' • 
neueste Entdeckungen Rücksicht genommen , am meisten ist 
aber gegenwärtig die Aufmerksamkeit der Leser auf die Dar« 
Stellung der electromagnetiscben Erscheinungen gerichtet. Es 
ist allgemein bekannt, wie viel der Üeiisige Verf. selbst für 
diesen Zweig der Naturlehre getban hat; indefs verstattet der 
beschränkte Raum eines Handbuches nicht , alle beobachteten 
Erscheinungen ausführlich aufzunehmen, und es werden daher 
liier nur die am wesentlichsten zur Sache gehörigen mitge- 
teilt. Billigen wird es indefs sicher jeder Leser, dafs eine 
concinne Darstellung der zu einem hoben Grade der Celebrität 
gelangten Theorie Aiopere's gegeben ist, obgleich der Verf. 
mit Recht urtheilt, dais sie blos als sinnreiche Hypothese 
gelten kann , bis erst die Anwesenheit der vorausgesetzten 
■ -arischen Strömungen um die Magnete und den Erdkörper 
Fetisch nachgewiesen seyn wird. Auch den Thermomagnetismus 
und die neueste merkwürdige Entdeckung Arago's von der 
Erzeugung des Magnetismus durch Rotation von Metallschei- 
hen ist in diesem, auf solche Weise vollständigen Handbuche 
nicht vergessen. 

No r 2. Baumgartner*! Naturlehre erregte bti ihrem 
eisten Erscheinen die Aufmerksamkeit der Physiker, sie wurde 



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65 LtlulScher der Physik. 

»••»... * 
allgemein mit Beifall aufgenommen, Ref. sprach seihst sein 
Urtheil in diesen Blättern ans, und erkennt abermals in dem 
Verfasser dieser bald nachfolgenden neuen Auflage nicht blos 
den klar denkenden und gründlich forschenden Gelehrten, son- 
dern auch den fleifsigen und achtsamen Sammler im Gebiete 
seiner Wissenschaft, welchem die neuesten Erweiterungen 
derselben nicht lange fremd bleihen. Eine ausführliche An- 
zeige des ganzen Werkes würde aber nicht zweckmäfsig seyn, 
da die Beurtheilung der ersten Auflage noch kaum verballet 
ist, und es bedarf vielmehr nur einer Angabe dessen , wodurch 
sich die neue Auflag« von der alten unterscheidet, um so 
mehr, als sie in Plan und Anordnun/r der vorigen bis auf Klei- 
nigkeiten gleich ist. Der Verf. gieht seihst in der Vorrede 
das Wesentlichste hiervon an. Es sind nämlich die anfäng- 
lichen drei Theile in einen Band vereinigt, welcher 711 Seiten 
enthalt, statt dafs die Summe von jenen 786 Seiten betrug. 
Diese Form ist gewifs zweckmäfsiger für die Bestimmung dt- 1 
Werkes zum Lehrbucbe bei den Vorträgen über Physik 
find angewandte Mathematik in den deutschen Oesterreichi- 
schen Staaten, wozu dasselbe bestimmt ist. Einige, vorzüg- 
lich mathematische, Demonstrationen mufsten daher weghlei- 
ben , um den Raum und den Preis zu vermindern, Welche der 
Verf. in einem eigenen Supplementbande nachzuliefern ver- 
spricht. Die gesainmte Raumersparnifs beträgt übrigens mehr 
als die ausgefallenen 75 Seiten, denn es sind auch neue Ge- 
genstände aufgenommen, namentlich die Wejlenlehre nach dem 
klassischen Werke der Gebrüder Weber, wodurch diese nach 
dem ürtheile des Verf. jetzt leichter verständlich geworden 
ist, statt dafs sie vorher eine nicht gemeine Gewandtheit im 
tiefsten analytischen Calcüle erforderte. Sehr wahr sagt der 
Verf S. VII.: „Tcb bin überhaupt der Meinung, 
„dafs man selbst in Werken, die zum öffent- 
lichen Unterrichte, mithin für Anfänger be- 
stimmt yind, die Wissenschaft mit ihren neue- 
sten Bereicherungen darstellen soll, so weit 
„dieses ohne Ueberladung möglich ist, damit 
„auch der Jüngling einsehen lerne, es herrsche 
„im Reiche der Wissenschaft eine rege, zwar 
„geräuschlose und in den gelesensten Tageblät- 
tern wenig besprochene, aber darum nicht 
„minder segenvolle Tbätigkeit, wodurch beson- 
ders die Naturwissenschaften j e n er V oll e n d u n g 
„entgegeneilen, der nur sie allein fähig zu seyn 
„scheinen.« Die Aenderungen und Zusätze dagegen ge- 



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Lehrbücher der Phyaik. 69 

s 

huren vorzüglich der Akustik und Optik zu, beide, in so 
ieru sie mit der WelJenlehie in Verbindung stehen. Der Verf. 
ist nämlich wohl allgemein der erste, welcher die Newton- 
iche Optik in so fern verlief* , als er neben derselben die ver- 
besserte Undulationstheorie vollständiger vortrug, anstatt dafs 
sie sonst nach Huy gen a und Euler, selten oder nie nach 
Th. Young, nur beiläufig erwähnt wurde. Wodurch derselbe 
hierzu vermögt sey, wird allen denen klar, welchen das Glück 
zu Theil wurde, Frauenhofens Versuche und Demousti a T 
tiouen durch diesen ausgezeichnetsten Optiker seiner Zeit 
selbst kennen zu lernen, und welche wissen, dafs auch der 
Verf. zu diesen gehört. In dieser neuen Auflage sind zwar 
noch beide Hypothesen gleichfalls vorgetragen, allein es wird 
der Undulationstheorie entschieden der Vorzug zugestanden , 
ja es heifst in der Vorrede S. IX. : „Je mehr ich dar über 
»nachdenke und Vergleiche anstelle, desto ein- 
leuchtender wird es mir, dafs es der Emana- 
„tionsbypothese nicht viel besser geht, als dem 
„alten P t o 1 o m ä i sch e n Weltsysteme, das für jede 
»einzelne Erscheinung eine eigene Hypothese 
»brauchte und durch jede neue Entdeckung mehr 
»eingeklemmt wurde, bis es endlich durch die 
„Last seiner Schwimmpanzer, die es im Strome 
»der Zeit flott erhalten sollten, erdrückt unter- 
„ging." Manchem wird diese Aeufserung hart erscheinen, 
and es ist wahrlich so leicht nicht, die auf eine bewunde- 
tungswerthe innere Consecfuenz gegründete Emauattonstheo- 
rie umzustofsen , welche bis jetzt noch alle Phänomene, wenn 
gleich einige minder leicht als die Undulationshypothes* , er- 
klärt; allein Ref. mufs dennoch bekennen, dafs sie ihm| in 
ihrer eigentlichen Wesenheit physisch unvorstellbar scheint, 
obgleich sich die optischen Gesetze nach ihr durch Worte, 
Zählen und Figuren ausdrücken lassen. Ein unausgesetztes 
gleichuiäUsiges Strömen eines höchst elastischen Flu.idums mit 
ungeheurer Geschwindigkeit durch unmefsbar« Räume ohne 
allgemeine Abnahme oder Anhäufung, und ohne merkbare 
Störungen übersteigt die Kräfte des Vorstellungsvermögens , 
und wenn man zur Abhülfe ein Rückströmen des einstweilen 
unsichtbaren Lichtes annimmt, so hat dieses inderXhat einig« 
AebnÜchkeit mit dem unmerkbaren Elernentarfeuer der Alten, 
oder gar mit ihrem Glauben, dafs die des Abends mit Zischen 
»ich in das westliche Meer tauchende Sonne am Morgen aus 
dem Östlichen mit verjüngtem Glänzt* wieder emporkommen 
»uille. Allerdings scheinen d^e Chemischen Wirkungen d#s 



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70 



Lehrbücher der Physik. 



Lichtes mehr i\U die Emanation zu entscheiden, allein auch 
dieses oft gebrauchte Argument kann unmöglich hoch ange« 
schlagen werden , indem es doch nicht anders als durch die 
Erfahrung auszumitteln steht, ob blofse Schwingungen 
eines Lichtäthers gewisse bisher der Lichtmaterie beigelegte 
chemische Veränderungen hervorzubringen vermögen , deren 
Erklärung auch nach der älteren Ansicht nichts weniger als 
leicht ist, wenn man berücksichtigt, dafs der LichtstofF im 
Momente seiner Vereinigung mit den Körpern zur Wärme ge- 
bunden werden, und doch andere Wirkungen als diese letz« 
tere haben soll. Ungleich wichtiger sind die Erscheinungen 
der Lichtmagnete, namentlich des Pyrosmaragds nach Pallas 
und G r o tt h u s s , und wenn die Beobachtungen des Letzte- 
ren richtig sind, so mufs man auf allen Fall ein Gebunden- 
werden des noch problematischen Lichtstoffes annehmen , Was 
allerdings als triftiges Argument gegen die Undulationstheorie 
gelten kann. Ret. beruft sich indeis auf die von ihm oben 
rücksichtlich der Wärme aufgeworfene Frage, und erweitert 
sie auch in Beziehung auf das Licht , nämlich ob nicht etwa 
der hypothetische Aetber unter Umständen wie die Gasärten 
gebunden seyn und frei werden, im Allgemeinen aber sich nur 
durch Wellen, nach Art derer, welche den Schall fortpflanzen,' 
thätig äufsern könne? So leicht und , nach uuserrh Dafür- 
halten , so gewifs dieses übrigens in Beziehung auf die Wär- 
rneerscheinnngen angenommen werden kann, läfst es sich auf 
die Lichtphänomene nicht anwenden; es ist schwierig, in 
dieser Sache zu einer klaren Vorstellung zu gelangen, und die 
oben angegebenen Erfahrungen werden sich auf allen Fall nicht 
eben leicht unter die Theorie der Undulationen fügen. Was 
in dieser Hinsicht S. 260. zur Erklärung dieser Phänomene 
angegeben wird, nämlich dafs die Licbtmagnete durch die 
Schwingtingen des Aethers gleichfalls in Schwingungen ge- 
bracht werden, und diese dann noch eine Zeit lang fortsetzen 
sollen, ist offenbar ungenügend, denn die nach G r o 1 1 h u s s 
im Sonnenlichte gesättigten fyrosmaragde blieben Monate lang 
dunkel und leuchteten nachher durch Wärme, his sie wieder 
erloschen und durch gleiche Grade der Wärme nicht weiter 
leuchteten, wenn sie nicht zuvor durch Insolation diese Fä- 
eit wieder erhalten hatten. 

Der Verf. sagt in der Vorrede S. VIII, dafs sich die mei- 
sten Aenderungen dieser Ausgabe gegen die erste in der Aku- 
stik und Optik finden, indeis sind auch die übrigen nicht un- 
bedeutend, indem man einestheils mehrere Weglassungen, 
andererseits Zusätze findet, einen der bedeutendsten z. B. 




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I 



Lehrbücher der Physik. 71 

S. 35 bis 52 9 wo unter der Ueberschrift : „Eigenscha Ften 
der Grundstoffe und einiger Verbindungen der- 
selben««, eine kurze Uebersicht desjenigen Theilea der Che- 
mie eingeschoben ist, welchen man gewöhnlich in die Lehr- 
bücher der Physik aufzunehmen pflegt. Auch die Betrachtung; 
der KerngestaJten krystallisirter Körper S. öl bis 86. ist an- 
lebnlich erweitert, S. 93. ist Br ah ma's Presse nachgetragen, 
S; 99. der anatomische Heber, die Wassersäulenmascl ine und 
Real'i Extractionspresse; einen gröfseren Nachtrag aber 
giebt die Wellenlehre nach dem schon erwähnten klassischen 
Werke der Gebrüder Weber, und der Verf. bat daher die 
Hydraulik in zweiTheile abgetheilt, wovon der erste die fort- 
schreitende Bewegung, der zweite dagegen die schwingende 
oder Wellenbewegung begreift. Es wird dann der Stofs- 
heber unter die erste Classe gebracht, allein dafs derselbe, 
wenigstens »um Theil , auf einer schwingenden Bewegung 
beruhe, haben Eytelwein's und auch VVrede's Unter- 
suchungen genügend dargethan. Die Abänderungen in der 
Darstellung der Optik und Wärmelehre sind nicht bedeutend 
genug, um sie einzeln hier namhaft zu machen, jedoch sind 
die seit der ersten Ausgabe bekannt gewordenen neuen Unter- ' 
lachungen von einiger Bedeutung nachgetragen. Indefs will 
Ref. gelegentlich bemerken, dafs S. 406. die Entzündung des 
Knallgases durch Platinschwamm nach Döbereiner nicht 
eigentlich erklärt, sondern nur erwähnt ist; auch erklären 
Rumford und Davy die Wärmephänomene nicht aus den 
Schwingungen eines eigenthümlichen Aethers, wie aus den 
Ausdrücken S. 414. folgt, sondern aus gewissen, den Schall- 
wellen ähnl icben Undulationen der verschiedenen Körper. 
Letztere Hypothese consequent den Erscheinungen anzupas- 
sen, scheint für jetzt noch unmöglich, statt dafs Schwingun- 
gen eines Aethers, welcher unter Umständen auch gebunden, 
und diesem nach latent seyn könnte, durch anderweitige ana- 
loge Phänomene leicht erklärbar seyn würden. 

Mit Uebergehung der Abschnitte über Electricität, Mag- 
netismus, Electro- und Thermo - Magnetismus , welche im 
Ganzen nur wenig geändert sind, und worin die neuesten 
Entdeckungen Arago's noch nicht erwähnt werden konnten, 
eilt Ref. zur dritten und letzten Ahtheilung, welche die soge- 
nannte angewandte Physik enthält. Auch bierin findet man, 
aufier einigen Abkürzungen , hauptsächlich nur im Ausdrucke, 
nur wenige Aenderungen, wie aus leicht begreiflichen Grün- 
den erklärlich ist. Unter den zur Bestimmung der Erdgestalt 
dienenden Gradmessungen werden die in Fiankreich, Lapp« 



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> 



72 Lehrbücher der Physik. 

fand , Bengalen , Peru , England , Fensyl vanien , dem Cap und 
Italien angegeben , allein eben so gut hätten auch die ältere 
Ostindische und die Oesterreichischen erwähnt werden kön- 
nen. Es wird dann noch der ans La Caillc's Messung ge- 
folgerte Satz von einer ungleichen Gestalt heider Halbkugelti 
hei behalten , ohngeachtet die neueren Pendelversuche unlängst 
das Gegentheil dargethan haben, wenn man auch von denen 
durch Sabine und Fr eycinet angestellten abstrahirt, als 
welche dem Verf. noch nicht bekannt seyn konnten. Die 
Hagelableiter 9 welche neuerdings so viel Aufsehen erregt 
haben , werden vom Verf. aus begreiflichen Gründen ganz 
kurz als durchaus unnütz abgefertigt, wenn man auch der An- 
sicht Volta's von der Bildung des Hagels nicht beitritt, 
welche hier in Schutz genommen wird, nach unserm Dafür- 
balten aber unstatthaft ist. Mit Baumwollenflocken und electri- 
sjrten Brettern laTst sich zwar wohl ein dem hierbei voraus- 
gesetzten analoges Experiment machen , aber mit Wolken und 
pfundschweren Eisstücken ist. dieses sicher unmöglich. Eine 
Periodicität des Nordlichtes nach S. 682. ist jetzt wohl nicht 
mehr anzunehmen, da es nach den Beobachtungen in Island 
und Grönland regeimäfsig alle Tage sich entzündet; jedoch 
kommt es in den neuesten Zeiten selten so hoch über den Ho» 
rizont, da fs es in mittleren Breiten sichtbar werden könnte, 
was vielleicht in klimatischen Veränderungen gegründet seyn 
mag; endlich ist auch kaum mehr zweifelhaft, dais es eine rein 
elektrische Erscheinung sey, womit sein Einflufs auf dieMagnet- 
nadel sehr wohl vereinbar ist. 

■ — 

Einige, zum Theil schon in der ersten Auflage mitge- 
teilte, Tabellen sind am Ende des ganzen Werkes angehängt, 
welches allerdings bequemer ist, und zur Baumerspar ung bei- 
trägt. Die gröfste darunter ist diejenige, auf welcher« die 
verschiedenen Höben auf der Erde angegeben sind; und welche 
an Vollständigkeit alle bis jetzt bekannt gewordenen übertrifft. 
' Druck und Papier sind sehr gut, auch gehören die zahlreichen 
Figuren hinsichtlich ihrer Deutlichkeit und Sauberkeit unter 
die vorzüglichem. Druckfehler sind nur in- geringer Zahl 
vorhanden, einiges ist aber in beiden Ausgaben unrichtig, 
z.B. S. 90. Breuuet statt Breguet, S. 548. wo Fries 
statt K lies steht, S. 626. Mechanique statt Mecanique 
u. a. , was übrigens dem Werthe des Werkes im Ganzen kei- 
nen Abbruch thut. 

Ueber das unter No. 3. angegebene Werk kann Ref. sich 
kurz fassen, da der Verf. selbst in der Vorrede mit nur we- 
nigen Worten angiebt, dafs er die neuesten Entdeckungen 



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Leintücher der Physik, . 73 

dem ursprünglichen Plane des Lehrbuches gemSft nachgetragen 
habe, dagegen aber ist die Vorrede xur zweiten Auflage wie- 
der abgedruckt, worin man die Tendenz de* Verf. und die 
Zwecke, welche tr au erreichen wünscht, ausführlich ange- 
geben findet. Die erste Aullage war nämlich eigentlich für 
Schulen bestimmt, die zweite wurde ansehnlich erweitert, 
und so eingerichtet, dafs sie sich mehr für den akademischen 
Unterricht eignete, und der Umfang wurde deswegeu so 
grofs, weil das Buch zugleich zur Vorbereitung und zum 
Nachlesen dienen sollte. Es heilst nämlich nicht mit Unrecht 
S. XX: „Zu einem nur einiger mafsen vollständi- 
gen Vortrage der Physik ist wenigstens ein 
„einjährigerUursus von vier bis sechs wöchent- 
lichen Stunden erforderlich. Auf der Ecole po- 
„lyt«chniu;ue in Paris dauert der Cursus zwei 
»volle Jahre, was auch gar nicht zu viel ist. • 
Inzwischen ergeht es der Physik heut zu Tage ziemlich ebetr- 
so, als zu den Zeiten Lichtenbergs, welcher sich schon 
darüber beklagte, dafs sie überall eingeengt und zurückge- 
drängt werde, so unentbehrlich sie auch als Grundlage vieler 
wissenschaftlicher Zweige ist, und so schwer sie sich zu 
rächen pflegt, wenn Halbwisser sich gegen ihre unwandelbar 
bestimmten Gesetze versündigen. Während zum Theil an- 
dere durch eigenen Fleils und Selbststudium leicht zu erler- 
nende Sachen bis in die unbedeutendsten Einzelnheiten in deu 
Vortrag aufgenommen zu werden pflegen, soll die Physik nur 
neben allgemeiner Andeutung der wichtigsten Naturgesetze 
durch eine Masse belustigender, aber halb oder gar nicht ver- 
standener Experimente ergötzen. Eben so unbezweifelt hat 
unser Verf. vollkommen Recht, wenn er behauptet, die allge- 
meinen Naturgesetze müfsten schon ein Gegenstand des Schul- 
unterrichts Seyn, ohne deswegen die alten Sprachen ganz zu 
verbannen oder auch nur übetmäfsig zu beschränken. Es läl'st 
sieb nämlich auf keine Weise in Abrede stellen, dafs das Er- 
lernen der alten Sprachen eben wegen des in ihnen vorherr- 
schende« systematischen , nur den ausgestorbenen eigentüm- 
lichen , Charakters für die erste Ausbildung des Verstandes 
und als Anleitung zum Lernen überhaupt grofse Vorzüge dar- 
bietej wenn man aber glaubt, dafs jede grammatische Spitz- 
findigkeit von grösserem Nutzen sey, als alles, was die 
exakten Wissenschaften darzubieten vermögen, so widerlegt 
•ich dieses schon von selbst durch die Bemerkung, dafs ja 
«bei i die Griechen ihre vorzügliche Geistesbildung nicht durch 
Erlernung der Sprachtin, sondern durch das Studium der Ma- 



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74 L ein bü eher Jei Physik« 

thematik und der Naturphilosophie erhielten. Was würden 
die Philosophen der Griechen und Römer sagen , wenn sie 
fänden, dafs die jetzige Generationsich ausschließlich auf das 
Klauben der Worte und Sylben ihrer (unterlassenen Schriften 
beschränken wollte, mit gänzlicher Vernachlässigung] der 
Kenntnifs der Natur und ihrer zahlreichen Wunder, nach de- 
ren Enträthselung sie selbst so begierig forschten? Eine 
Hauptschwieri«keit aber, welche einem zweckmäfsigen Schul* 
unterrichte in der Naturlehre im Wege steht, liegt darin, dafs 
die Lehrer selbst, denen man diese Vorträge zutheilt y des 
Gegenstandes oft weit weniger mächtig sind, als zu der für 
den ersten Unterricht unentbehrlichen Deutlichkeit erfordere 
lieh ist, theils weil die Wissenschaft an sich so schwierig ist, 
dals sie auch bei unausgesetztem Studium kaum von einem 
Einzelnen völlig umfafst werden kann, theils weil das blofse 
Hören der gewöhnlichen Vorträge (Iber die Physik keine nur 
erträglich vollständige Kenntnils des Ganzen dieser Wissen* 
Schaft geben kann, und das eigene weitere Studium bei den 
raschen Fortschritten derselben durch die Kostbarkeit der lite- 
rarischen Hülfsmittel so ausnehmend erschwert wird. Ref. 
bat daher seit einigen Jahren nicht ohne glücklichen Erfolg an- 
gefangen | solchen Studirenden, welche künftig Schulstellen 
bekleiden wollen , und zu diesem Zweige der Wissenschaften 
einige Neigung haben , eine nähere Anleitung zum tieferen 
Studium derselben und zur Manipulation der Apparate zu 
geben, und würde hierin auch für die Erweiterung der Wis- 
senschaft selbst noch mehr zu leisten vermögen, wenn nicht 
die Fonds zur Anschaffung neuer Apparate auf- den meisten 
deutschen Universitäten so spärlich und mit Beschränkung auf 
das dringendst Notwendige zugemessen wären. 

Da die dritte Ausgabe des vorliegenden Lehrbuches der 
Physik der früheren zweiten durchaus gleich geblieben, diese 
aber im Jahrgange 1820 unserer Zeitschrift ausführlich ange- 
zeigt ist, so darf sich Ref. in der Hauptsache auf das dort Ge- 
sagte bezieben. Im Allgemeinen hat nämlich der Verf. dieses 
Lehrbuches, ein in jeder Hinsicht ehrwürdiger Veteran unter 
den deutschen Physikern , dessen literärische Wirksamkeit 
gerade in diejenige Zeit fällt, als die Kantische Dynamik und 
die sich hieran knüpfende neumodische sogenannte Naturphi- 
losophie eine allgemeine Herrschaft zu erringen strebte , der 
Tendenz dieser letzteren stets widerstrebt, und er gab seinem 
Lehrbuche wohl mit aus dieser Ursache den Titel der mecha- 
nischen Naturlehre, worüber er sich in der Einleitung 



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Lehrbucher der Phyiifc. 75 

ausführlicher erklärt. Zum TbeH lag die Ursache dieser wis- 
senschaftlichen Tendenz in seiner näheren Bekanntschaft mit 
französischen Gelehrten, späterhin namentlich und hauptsäch- 
lich mit Biot, welcher auch die Uebersetzung der ersten so* 
wohl, als auch der zweiten Auflage in das Französische v«r- 
anlafste und besorgte. In der jetzigen Zeit mufs es ihm Freude 
machen, wahrzunehmen, dafs jene großsprecherische , dun- 
ile, durch Wortschwall und Mystik verwirrende, aber rück- 
sichtlich des reellen Inhalts leere Systemsucht endlich) uro ihr 
Ansehen gekommen ist, und man allgemein angefangen bat, 
durch ernstes Nachdenken, ruhiges Forschen nnd anhaltendes 
Bestreben nach Erweiterung des Kreises wohlbegründeter Er- 
fahrungen mit den Ausländern zu wetteifern. In Überein- 
stimmung mit bei weitem der Mehrzahl aller Physiker steht 
nunmehr der Verf. noch immer auf dem nie von ihm verlasse- 
nen Standpuncte, indem er von dem bewahrten Grundsatze 
ausgeht , dafs hinlänglich sichere Erfahrung die Grundlage der 
Physik ausmachen mufs. 



In so fern es also bei unserer Anzeige blos auf eine Ver- 
gleichung der vorliegenden Ausgabe mit der im Jahre 1819 er- 
schienenen ankommt, kann im Allgemeinen bemerkt werden , 
dafs der fleifsige Verf., ohngeachtet seines schon weit vor- 
gerückten Alters, noch stets mit jugendlicher Anstrengung ar- 
beitet, und daht-r auch auf die wichtigsten neueren Erweite- 
rungen seiner Wissenschaft Rücksicht genommen bat. Ob alle 
neu gestaltete Ansichten zu seiner Kenntnifs gekommen und 
von ihm geprüft sind, läfst sich aus begreiflichen Gründen aus 
einem solchen Lehrbuche nicht entnehmen, weil man nicht 
Wissen kann, oh sie ihm insgesammt wichtig genug schienen, 
in einem Werke von beschränktem Umfange berücksichtigt zu 
werden. Will man indefg den Zeitraum, bis zu welchem das 
Bocb reicht, genau festsetzen, eine bei physikalischen Schrif- 
ten nicht unwichtige Bestimmung, so ist dieser der verflos* 
sene Sommer, und die Jahrssahl 1827, welche auf einem neu 
angegebenen Titelblatte des ersten Theils befindlich ist, steht 
•lso hier wirklich sehr an der unrechten Stelle. Im Wider- 
spruche mit dieser Angabe stehen die Nachträge, welche nach 
vollendetem Abdrucke noch hinzugefügt sind, nämlich eine 
kurze Darstellung des Wesentlichsten aus der Wellenlehre, 
wozu das unterdefs über diesen Gegenstand erschienene be- 
kannte und schon oben erwähnte Werk die nächste Veran- 
lassung gegeben bat, dann eine Erwähnung der von August 
erfundenen zwei sinnreich ausgedachten Apparate, des Dif- 



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76 Lehrbücher der Physik. 

ferena-Barometer» *) und de» P I y ch r o m e ter i , und 
endlich eine Nachricht von den neuesten magnetischen Ent- 
deckungen A rag 0*8. Letztere können noch wohl kaum als 
vollendet betrachtet werden, versprechen aber ausnehmenden 
Gewinn für die Aufklärung des aller Bemühungen ungeachtet 
noch immer räthselhafteu Magnetismus. In wie fern übrigens 
das Werk im Ganzen an Umfang zugenommen hat, läfst sich 
ohne eine mühsame ins Einzelne gehende Vergleichung mit 
der zweiten Auflage nicht ausmitteln, da die Seitenzahl um 
36 geringer, das Format aber grölser ist. Neu hinzugekom- 
men ist aber die seitdem erst bekannt gewordene Lehre vom 
Electromagnetisinus , desgleichen eine kurze Uebersicht 
der neuesten Erweiterungen der Optik, namentlich der Lehre 
von den Interferenzen und ihres Zusammenhanges mit 
der Undulationstheorie des Lichtes, der durch Frauen hofer 
entdeckten Streifen im Spectrum, und der neuesten Forschun- 
gen über die Gesetze der Inflexion. 

Im Einzelnen geben manche Behauptungen des Verf. aller, 
dings Veranlassung zu ausführlichem Erörterungen, wir wol- 
len aber nur einige wenige Sätze ausheben. Es ist eine nicht 
gemeine Behauptuug, wenn es Tb. II. S. 259. heilst: »New 
w ton ist weder Urbeber noch Anhänger des E m a - 
„nations - oder des Vibrations-Systems, und 
„beide sind viel älter. Die erstere Vorstellung»- 
„art ist uralt und eigentlich diejenige, die »ich 
„ de r Betrachtung am ersten darbietet. Van der 
„andern ist De» Carte* der Urbeber« u. s.w. So 
viel Ref. in den Schriften der Alten hat finden können, existirte 
vor Newton eigentlich gar keine wissenschaftliche Optik, 
wie schon daraus hervorgeht, dafs Kepler zuerst das Sehen 
nach richtigen optischen Grundsätzen erklärte, ohne »ich 
weiter auf eine Untersuchung des Lichtes einzulassen. Was 
Albaxen enthält, ist aus der Erfahrung entnommen und 
nicht zum System geordnet, Tbeodoricus de Saxonia 
zeigt in einigen hellen Blicken die Schärfe »eine» Verstandes, 
An t. d e Dom ini» und Kirch er gleichen mehr dem Alha- 
zen, Cartesiu» aber wollte überall die Wirkungen eine» 



*) Dieses allerdings brauchbare Werkieug ist in seiner ursprunglichen 
Gestalt etwas unbehülßich und theuer, nämlich dreißig Tualer. 
Von Horner hat es iodefs verbessert, wodurch es weit beque- 
mer und seinem Zwecke ungleich mehr entsprechend , »ugleick 
auch wohlfeiler geworden ist, S. Gehler Wort. N. A. Th. III. 



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4 



Lehrbücher der Phjdlt. 77 

Aethers finden, und war deswegen auch in der Darstellung der 
specialen Phänomene der Optik keineswegs klar* Der ein* 
«ige Huygens, dessen tiet' eindringender Scharfsinn nicht 
genug bewundert werden kann, hatte somit wohl am eisten 
eine klare Vorstellung von den Erscheinungen des Lichtes als 
Wirktingen von Undulationen eines Aethera, und mufs als 
Scböpfer dieser Theorie angesehen werden. Newton hatte 
anderweitig Grund genug, sieb gegen die überall uaurpirten 
Wirkungen eines nirgend nachzuweisenden Aethera »u erklä- 
ren, und obgleich er in der Regel nie entscheidet, wenn die 
Untersuchung aus den Grenzen der geometrischen Demonstra- 
tion heraustritt und sich auf das eigentliche Wesen der Dinge 
besteht, vielmehr meistens erklärt : baec Philosopbis re)inqui« 
mus, so war er in seiner Ueberzengung doch gewifs Anhän- 
ger der Emanatiorr des Lichtes , und zwar aus dem nämlichen 
Grunde, welchen der un vergefsliche P. Heinrich noch kurz 
vor seinem Tode in schriftlichen Mittheilungen an Ref. gel- 
tend machte, nämlich weil die Vibrationen der Schallwellen, 
wie er voraussetzte , sich gleichförmig nach allen Seiten ver-» 
breiteten, während ein Lichtstrahl eine scharf begrenzte Linie 
leiner Bahn bezeichnen sollte. Allein es ist in der That Selt- 
sam, wenn man dem unsterblichen N e w to n einen Vorwurf 
daraus machen will, dafs er nicht Alles aufgefunden, Alles 
entdeckt hat; genug, dafs er die Wissenschaft für die nach- 
folgende Bearbeitung eines ganzen Jahrhunderts weiter rückte. 
Lebte er jetzt und ständen ihm die gegenwärtigen Hülfsmittel 
zu Gebote, so ist wohl kein Zweifel, dafs sein tief ein,drin* 
gender Scharfsinn den noch bestehenden Streit «wischen den 
Anbängern beider Theorieen bald entscheiden würde. Auf 
der andern Seite mufs Ref. Newton gegen den Vf. in Schutz 
nehmen, wenn dieser S. 239. sagt : „Man sollte eigen t- 
„lieh nicht sieben, sondern nur sechs Haupt- 
„ferben im prismatischen Bilde annehmen, denn 
»Hellblau und Dunkelblau sind offenbar nut 
»Stufen derselben Farben. Dafs Newton sieben 
nFarben setzte, geschah im Grunde nur zu. Gun^ 
B sten einer kleinen poetischen Schwärmerei, 
»indem er eine Ue b er ei n s t i m m m un g der prisma- 
tischen Farben mit den sieben Tönen der Octa- 
»ve zu erkünsteln suchte.« Niemand wird wohl 
Newton einer poetischen Schwärmerei heschuldigen wollen, 
noch dazu, wenn es eine unmittelbare Darlegung der Resul- 
tate von Beobachtungen und Versuchen galt, auch zeigt ein 
Blick auf die durch Frauen hofer gezeichneten Spectra rück- 



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78 Lehrbücher der Physik. 

sichtlich der unvtn hait'nifsinäfsigen ' Länge, welche hiernach 
das Blau und Indigo einnehmen müiate , desgleichen auf die 
Individualität der diesen beiden Farben zugehörigen Streifen a 
dafs sie sieb unmöglich durch ein AI ehr oder Minder der Fär- 
bung unterscheiden können. Ueberbaupt legt unser Verf. bei' 
seinen Untersuchungen über die Farben zu viel Gewicht auf 
den Eindruck, welchen Pigmente auf das Auge hervorbringen % 
und dieser ist als optisches Entscbeidungsmittel durchaus trü- 
gerisch. Frauenhofer wufste vermittelst seiner Apparate 
jede der sieben Farben zn einer dem Anscheine nach größeren 
Helligkeit zu steigern, ohne dafs irgend eine ihre Individualität 
Verlor. Ref. wird später hierauf nochmals zurückkommen. 

In der Lehre von den Dämpfen (hier Dünste genannt) 
folgt der Verf. ausschliefslich den Bestimmungen von Bio t, 
welcher bekanntlich fast Mos Dal ton dabei zum Grunde legt. 
Hierüber ist seitdem noch manches zur Untersuchung gekom- 
men, was aber hier nicht berücksichtigt wird. Ehen so muf* 
der Verf. die bekannten gehaltreichen Untersuchungen nament- 
lich von G. G. Schmidt über das Ausströmen der JLnft aus 
verschieden gestalteten und ungleich weiten Oetfnungeu bei 
veränderlichem Drucke der sich ins Gleichgewicht setzenden 
Gasarten übersehen haben, indem derselben iu Th. I. S. 420, 
nicht gedacht wird. Und so Heise sich wohl noch Einiges auf- 
finden, worüber die Meinungen der Physiker getheilt si.lj 
allein Ref. beschliefst der Kürze wegen die Anzeige eines der 
gründlichsten und brauchbarsten Lehrbücher der neuesten 
Zeit, welches er auch diesesmal wieder mit Vergnügen durch« 

telesen hat, um noch ein ganz neues etwas ausführlicher zu 
eurtheilen. 

No. 4- Der Verfasser des oben zuletzt genannten neuen 
Lehrbuches der Physik, schon lange unter den Philosopherl 
als scharfsinniger Denker und namentlich als Vertbeidiger des 
berühmten Kantischen System* bekannt, welcher früher durch 
leine populäre Astronomie, seinen I8l3 erschienenen Ent- 
wurf der theoretischen Physik und die neuerdings erschienene, 
in diesen Blättern gleichfalls angezeigte, mathematische Natur- 
philosophie picht blofs seine Kenntnifs der Mathematik und 
Gewandtheit im höheren Calcul sattsam beurkundet, sondern 
auch genügend gezeigt hat, daf$ er in den einzelnen, zur 
Naturlehre gehörigen Disciplinen hinlänglich bewandert ist, 
welcher endlich nicht blofs hier in Heidelberg früher Vorle- 
sungen über die Experimentalphysik gehalten, sondern jetzt 
auch die Lehrerstelle dieser Wissenschaft in Jena übernommen 
bat, beschenkt jetzt das Publicum mit einem vollständigen 



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Lehrbücher der Physik. 79 



Handbache über diese Wissenschaft, welches von demselben 
picht anders als mit vie)er Erwartung und mit einem in Vor« 
aus bestehenden günstigen Vorurtlieile aufgenommen werden 
kann. Schon in der gegenwärtigen Stellung dieses Gelehrten 
liegt ein genügender Grund zu der Herausgabe dieses Werkes, 
denn was bisher von ihm ins Publicum gekommen ist, gehört« 
ganz oder hauptsächlich zum theoretischen Theile derjenigen 
Wissenschaft, welche er früher nur neben seinem Hauptfache 
zu studiren schien, jetzt aber in ihrem ganzen Umfange auf 
einer der ältesten und bekanntesten Universitäten vertreten 
soll. Er selbst äufsert sich aber in der Vorrede mit folgenden 
Worten hierüber: „Der grofse Reichthum der in vor. 
„liegendem Buche bebandelten Wissenschaft, die 
„vielfältige Berührung und Verbindung dersel- 
ben mit den Gewerbswissenschaften, mit der 
„angewandtenMathematik, endlich mit den phi- 
losophischen Speculationen nöthigen jeden 
„Lehrer dieser Wissenschaft eine beschrän- 
kende Auswahl der Gegenstände, welche er be- 
handeln will, und der Ausführlichkeit in der 
»Behandlung der einzelnen zu treffen, so wie 
* d e s Lehrers eigene wissenschaftliche Ausbil- 
dung und der besondere Zweck seines Unter- 
„richts es ihm als das Z wec k m ä f s i g s t e erschei- 
nen lassen.« Indem auch dieser Grund eben so richtig 
als klar ist, so würde es überflüssig seyn , irgend eine weitere 
Bemerkung hinzuzufügen. 

Gleich in der Vorrede tritt der Verf. als Gegner vieler 
Geometer, namentlich Poisson's (ursprünglich laPlace's) 
rücksichtlich der Formel für barometrische Hönenmes&ungen 
zur Erläuterung desjenigen auf, was darüber im Texte § 60 
gesagt ist. Der Gegenstand ist nichts weniger als leicht, und 
obgleich Ref. keineswegs gesonnen ist, sich als Schiedsrichter 
zwischen so gewandten Geometern zu geriren, so hält er es 
doch für 

seine. Schuldigkeit, diesen Stein des Anstofses weder 
ganz zu umgehen , noch auch nebenbei zu berühren , sondern 
Will seine Meinung gewissenhaft darüber aussprechen, wobei 
er indefs ganz auf Poisson's Seite übergeht, dessen ein- 
bringender Scharfsinn in solchen Aufgaben selten fehlt. Man 
pflegt nämlich bei der Formel zur Berechnung der Berghöhen 
vermittelst des Barometers einen Factor zur Correction der mit 
der Höhe abnehmenden Schwere anzubringen, welcher zwar 
unbedeutend ist, allein doch dann berücksichtigt werden mufs, 
Wenn es sich von einem absolut richtigen analytischen Aus- 



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80 LtfhrUclier Jet Physik« 

drucke handelt. Unser Verf. verwirft diesen Factor, weil 
mit der Zunahme der Höhe die den vorausgesetzten, auf die 
offene Quecksilberfläche drückenden , Luftcylinder begrenzen- 
den Seiten nicht mehr als parallel, sondern als divergirend zu 
betrachten sind, hiernach aber die Dicke der gegenwirkenden 
Luftsäule in eben dem Verhältnisse wächst, als die Schwere 
abnimmt, mithin diese beiden entgegengesetzten Gröfsen sich 
aufheben. Dieser Beweis ist aber in seiner fundamentalen 
Begründung durchaus unzulässig, wie der Verf. selbst also« 
bald finden wird, wenn er übetlegt, da Ts in diesem Falle das 
Barometer mit seiner Quecksilbersäule und ("wie der Leichtig- 
keit dtr Uebersicht wegen hier angenommen werde) der auf 
den offenen Schenkel des Hebeibarometers drückenden Luft- 
säule als communicirende, mit ungleich specifisch schweren 
Flüssigkeiten an gelullte Röhren anzusehen sind, wobei es also 
auf eine Erweiterung des einen oder des andern Schenkels nicht 
ankommt; dafs ferner die Grenzen der auf das Quecksilber des 
offenen Schenkels drückenden hypothetischen Luftsäule über- 
all, wo sich das Barometer befinden mag, selbst wenn man 
damit tief in die Erde stiege, oder sich zur höchsten Höhe er- 
heben wulhe, be» gleicher Basis stets gleichmäfsig divergiren. 
Hiermit wäre also das Argument zwar erledigt, aber ganz an- 
ders stellt sich die Frage über die Correction wegen abneh- 
mender Schwere, wenn man berücksichtigt, dafs diese Ver- 
minderung das Quecksilber im Barometer ebenso als die gegen- 
drückende Luftsäule afficirt. Hierüber denkt Ref in kurzen 
( Worten so: Wenn die Schwere des Quecksilbers mit der 
Höhe abnimmt, so muff man sich die Säule desselben im 
Barometer als aus lauter Schiebten eines leichteren Metalle» 
bestehend vorstellen, welche ebendeswegen eigentlich höher 
seyn'müfsten. Wenn man sie aber mit gleichem Mafse mifst, 
als unten an der Oberfläche der Erde, so mifst man sie 
offenbar zu grofs, und diese Unrichtigkeit mufs daher durch 

den bekannten Factor (l + - ) corrigirt werden. Es liegt al- 
so hierin ein genügender Grnnd, denselben in der Formel 
für die Höhenmessungen vermittelst des Barometers beizu- 
behalten. 



(Der Beschlufs folgt,) 



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N-6. 1827. 

Heidelberger , 

Jahrbücher der Literatur. 



Lehrbücher der Physik. 

(Ir schilt Js.) 

m 

Auch dieses Lehrbuch gehört im AUgemcinen unter die 
vollständigsten und gründlichsten der neuesten Zeit. Ob es 
absolnt mehr enthalte, als eines der vorher angezeigten , die- 
ses iit selbst dann schwer za bestimmen , wenn man alle nach 
einander der Beurtbeilung wegen gelesen hat, und dieses kann 
auch bei ungleichem Umfange sehr wohl besteben, ohne dafs 
man einem derselben Mangelhaftigkeit vorzuwerfen Ursache 
bat, denn es ist sehr wahr, was Hr. Fries in der oben an. 
geführten Stelle der. Vorrede sagt, dafs vcw verschiedenen 
Wassern der eine diese, der andere jene einzelne Lehre mehr 
Hervorhebt und. ausführlicher entwickelt, während er andere 
nur kurz berührt, bios andeutet oder als unwesentlich und 
»ich von selbst verstehend ganz mit Stillschweigen übergeht. 
Wenn indefs etrie Vergleichnng unter den vier angezeigten 
Werken angestellt werden mfiUfo, so scheint dem lief, das 
ente am klarsten und für das Selbststudium am meisten geeig- 
net, dieses letztere dagegen das schwerste, zugleich aber auch 
das reichhaltigste, indem es nicht nur die meiste Literatur 
und viel Geschichtliches' enthält , sondern auch verschiedene 
einielue Thatsachen in kurzen Andeutungen berührt., welche 
in den andern weggelassen sind«. Endlich besteht e*in unter- 
scheidender Charakter dieses Werkes von den andern noch 
darin, dafs der Verf. die Kantiscbe Dynamik vorzüglich in 
Schutz nimmt, wie dieses schon in seinen beiden früheren 
physikalischen Schriften geschehen ist. . . i 

Kücksicbtlich der Anordnung der einzeln vorzutragenden 
Lehren ist der Verf. der üblichen £intheilung zwar gleichfalls 
getreu geblieben, bat aber zugleich des Systematischen wegen 
das Ganze unter gewisse Haupt- und Unterabtheilungen ge- 
bracht. Nach einer vorausgehenden Einleitung folgen- daher 
die beiden Haupttheile, deren erster er „Von den Natur- 

XX. Jahrg. i. Heft. . 6 



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ö > Lehrbücher der PhjMik. 

erschein ungen, bei denen wir die Beobachtung un- 
mittel her auf die wirkende Masse beziehen kön- 
nen«, letzterer aber „Von den Naturerscheinungen, 
bei denen die Beobachtung nicht u.u mittelbar 
auf die Masse des den Procefs b e s t i u» me ivde a 
Beweglichen bezogen werden kann«, handelt. Un- 
ter den eisten gehören dann die allgemeine Bewegungslehre, 
die Schwere und die Anziehung in der Berührung (A^grega- 
tion, Krystallisation , Capillarität und Chemismus); unter 
den zweiten die Lehre vom Schalle , vom Lachte, von der 
Wärme, dem Magnetismus und der Electricität. Gegen die- 
ses Eintheilungsprincip im Ganzen ist zwar nicht wohl etwas 
einzuwenden, allein wenn der Verf. nicht Anhänger von ßer- 
thollet's Theorie der chemischen Masse wird, so ist doch 
kaum abzusehen, wie man ohne Zwang die Erscheinungen des 
Chemismus unter den ersten Theil bringen könnte, wobei 
sich die Beobachtung unmittelbar auf die wirkende Masse be« 
ziehen soll. Beim Chemismus in seiner Wesenheit kommt 
doch die Masse an sich nicht in Betrachtung, ohgleich es 
ponderabele Materien sind, bei welchen derselbe sich wirksam 
zeigt. Dagegen kommt beim Schalle, wenn man nicht aus- 
schliefslich die Empfindung desselben berücksichtigt und da- 
durch in Beziehung auf andere Wahrnehmungen htu Inconse- 
quenzen geführt wird, die Dicke, Länge, Rigidität und El*, 
sticitätrler tönenden Körper, mithin die sich bewegende Masse 
unmittelbar in Betrachtung, und obgleich sich hierüber aller- 
dings streiten liefse , so scheinen doch diese beiden T heile im 
Ganzen eine umgekehrte Anordnung zu fordern. 

Diesen allgemeinen .Bemerkungen sey es erlaubt noch 
einige im Einzelnen hinzuzufügen. Vorzüglich gut und mit 
philosophischem Scharfsinne "»bat der Verf. in der Einleitung 
die Grenzen der eigentlichen Naturforschung festgestellt, und 
das sinnlich Wahrnehmbare von dem Uebersinnlichen , kurs 
die Physik von der Psychologie und Religion getrennt, somit 
also jenes dem Wissen, dieses dem Glauben zugewiesen, in- 
dem die Geschichte der Philosophie von den ältesten Zeiten 
an bis auf die neuesten sattsam beurkundet, dafs eine Vereint* 
gung von beiden zu unsäglicher Verwirrung führen muTs » 
welche aber eben ihrer Dunkelheit wegen die grofse Zahl der« 
jenigen so ausnehmend reizt, weiche bei vorwaltender Schwäche 
ihrer Seelenthätigkeiten lieber träumen als denken, phanta- 
airen als philosouhiren wollen. Ungleich weniger hat Ref. 
die allgemeine Einteilung der gesammten Naturlehre ange- 
sprochen , wonach dieselbe in drei Abtheilungen, nämlich 



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Lehrbücher der Physik. 83 

Djmaim* fVÄchiologi. un d Morphologie sei fallen soll, bie 
eigentliche Fby».v |fd hiernacb Äur blof-en Bewegungslehre. 
i\un besteht zwar fast j. J<f Veränderung in der physischen 
Welt mit und neben einer Bew^ng. ob ab? r die letztere ge- 
rade das lVincip ihrer Classification zu seyn r e i diene, bleibt 
doch immer eine ganz andere Frage. Selbst die Anziehung, 
als Ursache der Schwere, e r z e u g t zwar Bewegung, allem 
der Physiker strebt nicht [sowohl die letztere, als vielmehr 
die erstere zu ergründen, und die Lehren vom latenten qnd 
jpeeifischen Wärmestoffe , der Dampfbildung, ier Verkei- 
lung des Magnetismus u.a. lassen sich doch nicht füglich auf 
Bewegung ausschließlich oder ihrer Wesenheit nach zurück- 
bringen. Gehören aber alle diese Erscheinungen Zur Bewe- 
gungslehre, so ist dieses noch weit mehr der Fall bei den che- 
mischen Verbindungen, wobei sich nicht blos die Elemente - 9 
londern die aus diesen verbundenen Körper nach den Gesetzen 
der chemischen Verwandtschaft vermittelst ganz eigentlicher 
Bewegung und einer eigenthümlichen Kraft (dynamisch) vei> 
binden oder trennen — die Stöchiologie ist nur ein Tbeil 
der Chemie. Wenn dann aber die Morphologie wieder in 
Astronomie , Geologie und irdische Morphologie eingetheilt 
wird, wovon die letztere dr* Mineralogie und Örganologie 
begreift, so vermifst man in diesen Unterabtheilungen theils 
ein schulgerechtes Eintheilungsprincip (indem der irdischen 
Morphologie eine andere, etwa die h i m m 1 i S che , entgegen- 
stelle» müfste, welches dann die Astronomie seyn könnte j 
Wenn man die Geologie zür ersten rechnete), tbeils schliefst 
lieh dann die drei Haupttheile nicht genügend aus, indem 
lieb dann nothwendig die Frage aufdringen inufs. warum die 
Astronomie nicht zur Dynamik gerechnet ist, da wir doch von 
den Sternen durchaus nichts anderes als die Gesetze ihrer Bewe* 
^ung kennen. Beiläufig will Ref. sich gern den Vorwurf gefalleri 
lösten, dafs er etwas zlt prosaisch die Gesetze der Natur zu 
erforschen sucht; allein er kanri eben daher mit dem Verf. 
nicht übereinstimmen; wenn dieser irrt Weltall, dem Kosmos • 
'in Analogon des Lebens findet, von einem Leben der 
Erde redet, und diesem gemUfs eine höhere G eo lo g i e und 
eine in engerer Bedeutung annimmt: Wie auch die Erde enti 
standen und allmälig verändert seyn rhag, so sind keine Spu* 
ren eines Lebens derselben vorhanden, indem sie Sonst ent- 
weder jetzt noch leben oder irgend einmal gestorben Seyn 
nüfsfcej wovon keines füglich angenommen werden kann; 
Auf der Öberflüche der Erde, und wir wissen nicht bis zü 
weichet Tiefe * finderi sich allerdings zahllose lebende Wesen * 

6* 



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$4 ' Lehrbücher der Phyiik. " ( 

allein dieses ist ort verhältnifsrriäfsig noch w> aCfr FaU , ht \ l 
manchem von Milb« zerfressenen Käs- welchem wir docb 
— si licet parva conponere magnis — weswegen kein Leben bei- 
legen werden. Pie Erd« -Vann , wenn man Posie im Ausdrucke 
vermeidet, schon deswegen kein Leben haben, weil sie er- 
weislich aul ehern Flüssigen nach rein mechanischen Gesetze» 
der Anziehung und Schwungkraft ihre jetzige Form erhalte.» 
hat. Wenn « gleich noch dunkel 4*t, wie die Wechselwir- 
kung von Lfcht, Wärme, Electricität und Magnetismus aut 
die Lebensfunctionen der Vegetabilien und Animalieh seyn 
mag, so sind doch diese selbst und ihre Gesetze sehr deutlich 
von der eigentlichen Lebenskraft geschieden; die Gesetze von 
jenen kennen wir mindestens ziemlich genau, riur diese ist un* 
ihrem Wesen nach bis jetzt noch so gänzlich unbekannt, dals 
wir nicht einmal wissen, ob sie au ein materielles Substrat 
gebunden oder für sich bestehend ist. Endlich weicht es sehr 
von dem bisher «blieben Sprachgebrauchs ab, wenn der Verf. 
§. 8. »ag* : „Geologie nennen wir im Allgemeinen 
„die Wissenschaft von der Natur der Erde. Diese 
^steht Eigentlich im M i ttel p u n c t unserer gan- 
zen Naturwissenschaft. Die Theorie der Eide, 
„welche die Gesetze de* Lebenr der Erde erra- 
"then will, ist die gröfste, interessanteste Auf- 
gabe der Naturlehre. Unsere Wissenschaft 
^enthält dafür aber nur Bruchstücke, «wischen 
„denen unbeantwortete Fragen liegen bleiben. 
„Wir sehen wohl, dafs durch die Gegenwirkung 
„von Land, Wasser, Luft und Licht im Kreis- 
läufe des Wassers dem Leben der Erde die erste 
„Form bestimmt ist, aber geheimni fsvoll grei- 
fen die electrischen und magnetischen Kräfte, 
„noch unverstandener die organisirenden N a- 
turtritbe in dieses Spiel.« Ungleich deutlicher und 
sachgemäfser scheint es, unter Geologie die Forschung 
nach dem Ursprünge und den allmäligen Veränderungen der 
Erde durch die Wirkung physischer Kräfte, unter Geogno- 
sie (des Verf. Geologie in engerer Bedeutung) die Kenntnifs 
ihrer Bestandtbeile zu verstehen, und daneben die Unter- 
suchungen über das Leben der Animalien und Vegetabilien 
der Physiologie zu überlassen, welche in der Anatomie der 
Organe das Hülfsmitte) besitzt, der Kenntnifs der eigentlichen 
Lebenskraft vielleicht näher zu kommen. • 

Die ganze Einleitung wird jeder,* aurh der seiner Wissen- 
schaft vollkommen mächtige, Physiker mit grofsem Interesse 



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LthtbücUer du Physik. 8$ 

lesen, weil der Verf. aus seinem Studio der speculativen Phi- 
losophie die Gescbhbte der alteren Vorstellungen von den Na- 
turgesetzen mit denen der neueren und usuesten Zeiten ver- 
gleichen kann. Nur in tu,»,,, Puucte, wecher aber sehr we- 
sentlich und tief in die Ansichten des Verl, verflochten ist, 
kann Ref. nicht mit ihm einstimmen, wie er schon an einem 
andern Orte geäufsert bat, nümlicb über das Verbältnifs der 
Mathematik zur Erfahrung hei der Bestimmung der Naturge- 
setze. Nach des Ref. Ansicht, welche er für de herrschende 
hält, kann die Mathematik nichts anders, als die Erfahrungen 
unter allgemeine Gesetze ordnen, und sie kann licht bewei- 
sen, dafs irgend eine Materie, ein Gesetz, eine Kraft u. s. w. 
existire, wenn ihren Schlüssen und Formeln nicht eine gege- 
bne Erfahrung zum Grunde liegt. Der Verf. sagt dagegen 
S. 28 „allgemeine Eigenschaften der Körper sind 
„nicht nur die, welche bei allen Körpern, mit 
„denen wir Versuche anstellen können, ange- 
troffen werden, sondern vor allen Dingen die- 
jenigen, welche aller Materie nach den a priori 
„bestimmten Gesetzen der mathematischen Er- 
kenntnifs zukommen.*« Man darf hierbei zuvörderst 
die Frage au f werfen , ob es eine mathematische Erkenntnifs 
an sieb giebt, d. h. oh die Mathematik allein und ohne 
sonstiges Hülfsmittel zur Erkenntnifs von irgend etwas ausser- 
halb exiatirenden objectiv Reellen führen kann? Will man 
zugestehen, dafs irgend ein Gesetz oder irgend eine Erschei- 
nung deswegen objective Realität habe, weil sie innerhalb 
der Grenzen geometrischer Schlösse liegen, so verrückt man 
den Standpunct der Naturforschung und Philosophie« ver- 
strickt sich aber noch auTserdem in unauflösbare Widersprüche. 
Bücksicbtlich auf das Erstete ist niebt abzusehen, auf wel- 
chen Grund die Mathematik dieses ihr Vorrecht bauen will, 
und warum nicht alle sclmlgerechte metaphysische Schlüsse 
eine objective Realität des Geschlossenen beweisen sollen, 
wodurch indefs alle naturphilosophisebe Speculationen unge- 
bührliche Rechte erhalten. In Beziehung auf das Letztere ist 
bekannt, dafs der Verf. hierdurch den (Jon Hirt der beiden Kan- 
tischen Kräfte und die unendliche Theilbarkeit der Materie 
aufrecht erhalten will, weil, das mathematische Gesetz der 
Stetigkeit und des Ueberganges vom Positiven tum Negativen 
heides fordert, allein das nämliche Gesetz verlangt auch voll- 
kommen harte und vollkommen weiche, vollkommen elastische 
ind vollkommen unelastische, vollkommen dichte und voil- 
leommqp lockere Körper, welche bekanntlich sämtlich nicht 



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I 

06 v , Lehrbücher der Physik. 

* > 

e$tstiren« Werner mögt» Ref. doch a. B. *men rein mathe- 
matischen, von aller Erfahrung befreiten Beweis «eben, dal» 
die Schwere nicht im Centro der Erd* veteinigt sey, oder die 
Schichtungen der Erde an Dichtigkeit nacn I" n « n wachsen u. 
dgl. m. jLa, PlfCe z. B,. argumentirt in dieser Hinsicht so: 
wenn die gans« Schwere \rn Centrq der Erde vereinigt wäre, 
so müfste nacl geometrischer Pf mon^tration die Abplattung 
~ if n *eyn, c\e Erfahrung zeigt % da(* s.ie nicht so ist, folglich 
ist die Voraiisetzung irrig , ?ie geometrische Demonstration 
i^t zwar richte, allein sie hat Jteine objective Ilealität , und 
das erhaltene Resultat raufs verworfen werden, weil die Er- 
fahrung als letzte uiiö; höchste, &icbt*rin dessen, was im Ge- 
biete, der Nar^ir wirklich, ist, oder nicht ist , dasselbe nicht be- 
tätigt. 'Wie ir'\t\e Falle giebt es endlich, in denen der matbe- 
ma tische Ausdruck keine scharfe Bestimmungen , sondern nur 
Näherungen giebt, wollen wir deswegen annehmen die Natur- 
gesetze luid die Gröfsen in der physischen Welt existirten nur 
näberungtweise? Sie sind gewifs völlig begrenzt und scharf 
bestimmt, die Unvollkommenheit unserer Kenntnifs gewährt 
uns aber für sie «ur einen genäherten Ausdruck, welcher üb- 
rtgens, de^ Wirklichkeit weit näher kommt, als wir nur ver- 
langen können. Nach diesem allen kann nach unserm Dafür- 
halten die Mathematik nicht unmittelbar sondern nur 
mittelbar zur Kenntnifs der Naturgesetze führen, und will 
man »ich genau ausdrücken, so giebt es selbst keine mathe- 
matische Physik (obgleich dieser Ausdruck durch Biot 
Anseheil erlangt bat), sondern nur eine mathematische 
1YJ e t h o de oder eine mathematische Darstellungsart 
^tr Physik;, welche übrigens innerhalb der Grenzen des streng 
Wissenschaftlichen die einzig richtige und die beste, so wie 
die Mathematik seibat eine ganz unentbehrliche Holfswissen- 
adbaft'de; Na*ur lehre ist. Dieses fühlt auch der Verf. seibat 
sehr lebhaft , und empfiehlt daher ernstlich die vom unsterb- 
lichen: N« w to n' begründete Metbode der Naturforschung, 
wie unter andern in folgender Stelle S. 34 sehr nachdrücklieb 
gesagt ist. „Mangel an Kenntnifs undBeobachtung 
"(Iiuut uirtbudisclien Regeln . ... wiederholte 
„ d i e irrigen Phantasieen einer astronomischen 
„ VYitteruiigslebr e , WinterTa chemische Phan- 
„tiisieen, K i tte r's Spä fachen mit dem jungen Ty- 
„roler, den Aberglauben an alte indisebe Natur- 
„'Wissenschaft, das Schönthun der Naturforscher 
„mit dem. Aberglauben an Wunder, Zauberei und 
»A^ 6lo 8*°» «raeugte Wolfahrt'a thörigte mea- 



a 

\ 



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Lehrbücher der Physik. S7 

„m«ri ich e Kol M ologie, die irrigen Ansichten vom 
„thieri sehen Magnetismus und den Aberglauben 
a anWghriagung e n der Somnamhülen, und könnte 
„endlich noch nach Jung-Stilling'a Anleitung 
„die Gespensterlehre tu einem neuen Capitel 
^der Experimentalphysik erheben,« 

Der meobanische Theil der Naturlehre ist vom Verf. sehr 
vollständig abgehandelt, und sind dabei zugleich die haupt- 
sächlichsten Quellen angegeben und die verschiedenen Ansich- 
ten der Geometer geprüft. Zuweilen stölst man auf Schwie- 
rigkeiten oder Dunkelheiten in der Darstellung, welche min- 
destens Ref. lieh nicht völlig klar zu machen im Stande ist. 
Insbesondere gehört hierhin dasjenige, was über Natur- 
triebe gesagt ist, namentlich die ganze Stelle S. 124 % welche 
eine natui philosophische Ansicht der Bewegungslehre geben 
soll. Soheifstes: „Der physisch e Proceft der Cen- 
»tra Ib e w eg u n g iit also nicht nur die Wirkung 
„einer Grundkraft , sondern Erfolg der Verbin- 
ndung dieser Wirkungen (des Zuges) mit rein 
„geometrischen Verhältnissen (des Schwunges). te 
Jeder Leser wird Mühe haben zu begreifen wie geometrische 
Verbältnisse, mit den Wirkungen einer Grundkraft vei blin- 
den, eine Centraibewegung hervorbringen sollen | und dieser 
Satz kann unmöglich dasjenige deutlich machen, was unmit- 
telbar vorher hierüber gesagt ist, nämlich dafs Centraibewe- 
gungen durch die Zusammensetzung einer gegebenen Tan- 
gentialgeacbwindigkeit mit den Beschleunigungen entstehen, 
welche durch eine Anziehungskraft hervorgebracht werden. 
Letzteres ist deutlich, und wird dieses noch mehr, wenn man 
der gewöhnlichen Darstellung noch angemessener statt Be- 
schleunigung eine stetig wirkende Kraft setzt, 
welches hier der Sache deswegen noch angemessener ist, weil 
die einer stetig wirkenden Kraft allerdings eigentümlich zu- 
kommende Beschleunigung der Bewegung hierbei nicht zur 
Wirklichkeit kommt, indem die beharrliche Tangentialbewe- 
gung dieses in jedem Zeitelemente hindert. Noch undeut- 
licher aber findet Ref. dasjenige, was weiter über Natur- 
triebe gesagt ist, und damit diejenigen Leser dieser Anzeige, 
welchen das Buch selbst nicht zur Hand ist, durch eine ein- 
zelne Feriode nicht irre geführt werden, möge die ganze Stelle 
hier im Zusammenhange folgen, welche aus dem gegenwärti- 
gen Stand puncto der Naturlehre, demjenigen insbesondere, 
auf welchen die grofsentbeils mit Anwendung der geometri- 
schen Metbode angestellten Untersuchungen der Ausländer 



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Lehrbücher der Physik. 



53 



J3 



• I 



diese Wissenschaft erhohen haben, keineswegs angemessen 
scheint. „Die Ursache eines Ganzen von körper- 
licher Wechselwirkung oder von der Form ei- 
nes physischen Processes ist nicht eine Kraft, 
sondern wir wollen sie einen Naturtrieb nennen. 
^Der T roceis der Centraibewegung; ist nicht 
„durch die Anziehungskraft allein erklärt, son- 
dern es giebt nur einen Naturtrieb, we 1 cb er da, 
wo einander anziehende Massen ein« gegen 
einander schräge Richtung der mitgebrachten 
„Tangentialhewegung haben, eine Centralbe- 
„wegung entstehen 1 ü Ts t. So dürfen wir die Ur- 
sachen der Krystallisation, des Pflanzenle- 
„ ben s, Thierlebens nicht in einer K ry stall isa - 
„tionskraft oder Lebenskraft suchen, sondern 
M n u r in einem Naturtrieb zur K r y s t a 1 1 i s a*t i o n , 
„ein c in Lehenstrieb zur P f 1 a n z e n h i 1 d u n g , zur 
^Tbierbildung, Die Wissenschaft würde hier 
„erst erklären können, wenn sich diese Natuf- 
„ triebe in der höheren Mechanik eben so con» 
„struiren Ii eisen, wie die der Central hawegung,' 
„Ein Hauptunterschied unter diesen Natur tri *e - 
ben ist, dafs in manchen ein Spiel von Bewe- 
gungen nach und nach zur Ruhe im G 1 e i c h g e - J 
wicht gebracht wird, in andern hinge g en «e i n 
Spiel von Bewegungen sich in einem gewissen 
Kreislauf derselben wiederkehrenden Erschein- 
ungen selbst erhält. Ich nenne die erstehen* 
„mechanische , die andern organische Naturtriebe^ 
M die ersten Streben nach Gleichgewicht, die andern 
„Streben nach Kreislauf.« — Schwer/ich werden die me<. 
chanischen Naturtriebe bei den Geometern und die organischen- 
bei den gewiegten Physiologen Beifall finden. 

Bei der Schwere wird zugleich die Erdgestalt beiläufig 
erläutert, jedoch fehlen unter den Pendel versuchen die spani- 
schen, die neueren französischen und die von Kater äugt?-: 
stellten, die neuesten von Sabine und Fr ey c i n e t konnten 
dem Verf. noch nicht bekannt seyn. Eine mehr als gewöhn- 
lich ausführliche Angabe der verschiedenen Mafse und Ge- 
wichte ist sehr zweckroäfsig in die Hydrostatik eingeschaltet » 
ebendaseihst rindet man eine reichhaltige Tabelle der specifl- 
schen Gewichte der am meisten in Betrachtung kommenden 
Körper, und so ist auch die Aerostatik mit genügender Voll- 
ständigkeit abgehandelt, so dafs blofs die zur Pneumatik ge- 



I» 
1* 



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Leln-bücher der Physik. 89 

■ 

hörigen Lehrsätze etwas kurz ausgefallen sind, indem das 
meiste riabin gehörige blos angedeutet, die weitere Erlau«, 
terung also dem mündlichen Vortrage Uberlassen wird. 

Im dritten Abschnitte folgen dann die Erscheinungen, 
welche auf den Gesetzen der Gegenwirkung in der Berührung 
»wischen unmittelbar wahrnehmbaren Massen beruhen. Dals 
der Verf. diese, gröfstentheils zur Chemie gehörigen Phäno- 
mene auf andere Kräfte, als die Newtonsche Attraction zu- 
rückführt, irt anderweitig bekannt, und man kann hiergegen 
nicht wohl etwas einwenden, da alle diese Untersuchungen 
noch sehr im Dunkeln liegen. Allein so ganz ausgemacht ist 
die Sache über die hierbei wirksamen Kräfte noch nicht, wenn 
man nach Robison's eigenen und von andern entlehnten 
Versuchen annimt, dafs bei grofser Näherung fester Körper 
die anziehenden und abstofsenden Kräfte mit den Entfernungen 
wechseln, und Ref. Jäfot sich, wenn es vermeidlich ist, im 
Grunde nur ungern auf solche Untersuchungen ein, in denen 
das Experiment entweder ganz verläist oder mindestens mit 
fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Dane, 
ben ist es schwierig, die allgemeinen Ursachen der Naturer- 
scheinungen, und die allgemeinsten Gesetze dersellttn zu be- 
stimmen, indem auch hierbei nur zu leicht Aufnahmen sich 
»eigen; Man gewahrt dieses bald bei den auch hier S. 219 u. 
fF. gegebenen allgemeinen Bestimmungen. So soll die nach 
dem Mariotteschen Gesetze wirkende Ausdehnungskraft der 
ausd^hnsamen Flüssigkeiten nach dem Gesetze der Grundkräfte 
wirken, allein dals jenes Gesetz nicht ollgemein sey ist doch 
jetzt, als ausgemacht zu betrachten, wonach dasselbe aber 
oicht füglich auf eine Grundkraft zurückgeführt werden kann, 
vielmehr müi'ste nunmehro die Naturphilosophie zeigen, bis 
wie weit und aus welchen Gründen dasselbe nicht weiter rei- 
chen könne. Daneben ist es überhaupt etwas bedenklich, 
eine für sich bestehende Kraft authören zu lasseu, wobei sie 
docli eigentlich aus dem Seyn in das Nichtseyn, aus dem 
Etwas in das Nichts übergeht. Diejenige Kraft, welche nach 
unserer Ansicht als allgemein aller Materie zukommend voll- 
ständig erwiesen ist, nämlich die Newtonsche Attraction, 
ändert sich 'nie und hört nie auf. Ferner ist der Verf. nicht 
geneigt, die Wärme für die Ursache der Luftform zu halten, 
weil gerade die chemisch unzersetzbarsten Ijufrarten der Com- 
pression widerstehen; allein die zersetzbarste unter allen, 
die atmosphärische widersteht gerade am stärksten, und wenn 
man diese als hlofset Gemenge nicht gelten lassen wollte, so 
widersteht das Chlor als einfache Substanz der Compression 



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90 Lehrbücher der Physik. 

«» 

fast am wenigsten , die schwerer zersetzbare schwefliebe Säure 
ungleich weniger als das viel leichter zei setzbare oxydirte 
Stickgas. Diesen Einwürfen kann man begegnen, wenn man 
8.'B. Chlor, Cyan und schwefliche Säure nicht zii den Gas- 
arten , sondern zu den Dämpfen recnn'et, allein dann ver- 
wickelt man sich wieder in der »Bestimmung der Grenz« zwi- 
schen Gasarten und Dämpfen, wie' schon aus der einzigen 
Frage hervorgeht, wenn man die Bestimmung der Zahl von 
Atmosphären verlangt , deren Drucke eine ausdebnsatne Flüs- 
sigkeit widerstehen mufe , wenn sie den Gasarten beigezählt 
werden soll, und so kommt man in einem Kreise wieder da. 
bin zurück, dafs Gasarten und Dämpfe nur eine gemeinsame, 
durch specifische Unterschiede getrennte Classe von Substan» 
zen bilden, wie der Verf. anzunehmen nicht geneigt ist. Die 
Elasticität Starrer Körper S. 223 als eine Kraft der Zusammen» 
Ziehung zu betrachten ist genz unhaltbar, und leidet bluit auf 
das gewählte Beispiel gespannter Saiten Anwendung» nicht 
einmal auf die Drehung derselben um ihre Längenaxe, Wobei 
sie sich bekanntlich verkürzen. Wäre dieses richtig, so 
rnöfste diese Kraft, durch äulsuren Impuls unterstützt, noch 
stärker wirken, und kein zusammengedrückter Körper könnte 
sich wieder ausdehnen. tu* 

Der Ref, mufs abbrechen, weil et» zu weitläuftig; seyn 
Würde, alle diese Fragen hier zu erörtern, welche er grofsen- 
theils erst neuerdings nicht ohne grolse Mühe und Anstrengung 
ausführlich untersucht hat, dabei aber zu der Uebet zengung 
gelangt ist, dafs die Physik Sowohl in Rücksicht auf .die Er- 
fahrungen als auch die hierauf zu gründenden Theorieen noch 
•ehr weit von derjenigen Vollkommenheit entfernt ist, welche 
man ihr wünschen möchte (wenigstens soweit Ref. bisher sich 
dieser Wissenschaft zu bemächtigen vermögt«) , so dafs auch 
hierbei die Beschränktheit menschlicher Einsiebten im Verhält- 
nils zur unmefsbaren Gröfse der Natur und der Verborgenheit 
ihrer Gesetze sehr sichtbar wird. Es sey daher erlaubt» über 
den zweiten Haupttheil des reichhaltigen Werkes nur noch 
einige Bemerkungen hinzuzufügen. ,** m 

In der Akustik verläfst der Verf. die gewöhnliche Ord- 
nung, und untersucht zuerst dag Ohr und die Organe der 
Stimme (wovon aber jenes das einzige Schanwahrnebmende, 
dieses eins der vielen Schall erregenden Werkzeuge ist)* dann 
den qualitativen Unterschied gleich hober Töne, den Klang, 
welchen wir nach seiner Ansicht noch «jar nicht zu bestimmen 
vermögen, drittens die allgemeinsten Gesetze der Schallen e~ 
gung und endlich der Scballverbreitung. Die filtere Eiuthei- 



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4 



Lehrbücher der Physik. 91 

i 

Itwg hat indefs offenbar darin einen Vorzug, dafs sie das All- 
gemeine, nämlich die Gesetze der Schallerregung voranstellt, 
in der Ausrührung sind indefs diese anfangs angegebenen Ab- 
theilungen nicht von einander geschieden, indem zwar zuerst 
vom Obre und von der Stimme, dann aber von der Erregung 
und endlich von der Fortpflanzung des Schalles gehandelt wird. 
Savart's Bemühungen sind vorzüglich nur in Beziehung auf 
die Resonanz erwähnt, nicht aber in so fern sie die Ursache 
des sogenannten Klanges nachweisen; Ref. bat indefs schon 
fröber als jener französische Gelehrte ans anderweitigen Er- 
scheinungen jene Erklärung gleichfalls gegeben, ohne damit 
jedoch jenem Gelehrten das Recht der eigenen und ersten Erfin- 
dung, welches bekanntlich genau genommen dem hierin einzig • 
erfahrenen Chladni gebührt, streitig machen zu wollen. 

Die Optik beginnt mit den Farben, und zwar soll es fünf 
der Empfindung nach verschiedene Farben geben, nämlich die 
beiden entgegenstehenden Schwarz und Weils , welche sich nach 
den Graden der Helligkeit in den verschiedenen Abstufungen des 
Grau verbinden. Neben ihnen stehen die bunten Farben Gelb, 
ilotb und Blau, dann zwischen diesen Orange, Violett und 
Grün. Ref. will sich über diesen oft besprochenen Gegen- 
stand in keinen Streit einlassen , und hält es überhaupt für 
eine müsliche Sache, in der Farbentheorie den blofsen Ein- 
druck, welchen farbiges Licht auf das Auge macht, als ein- 
zigen Grund einer wissenschaftlichen Bestimmung anzuerken- 
nen. Der Maler mufs hierauf zwar vorzüglich achten, allein 
der Physiker hat andere Mittel, und verwirft daher die allge- 
meine nnd ausschliefsliche Zulässigkeit von jenem, weil es ja 
nach unzweifelhaften Thatsachen Augen giebt, welche eines 
Unheiles über Farben überhaupt nicht fähig sind, und, der 
Analogienach zu schliefsen , dieAngen allgemein ein verschie- 
denes Vermögen, die Farben zu unterscheiden, besitzen kön- 
nen. So vielweifs Ref. übrigens mit vollkommener GewiCs- 
beit, dafs jeder, dessen Augen die erforderliche Schürfe ha- 
ben, im Spectrum eines Frauenhoferschen Prisma die sieben 
Nevrtonscben Farben bestimmt erkennen , auch namentlich das 
prismatische, aus Roth und Blau zusammengesetzte, Violett 
von dem einfachen prismatischen deutlich unterscheiden mufs ; 
wer aber die Frauenhoferschen Versuche gesehen hat, worin 
er dt« sieben Farben rein als homogenes Licht darstellte, der 
wird gegen die Richtigkeit der hierüber bestehenden Ansich- 
ten weiter keine Zweifel mehr hegen. Die gemeinen Glas- 
pnsruen sind zu unvollkommen, das farbige Lacht gehörig 
darzustellen, sie geben unreine und schmutzige, aber keine 



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92 Lelubücher dei Physik. 

eigentliche prismatische Farhen. Nimmt man hierzu die einer 
j*den prismatischen Farbe eigentümlichen , unter sich specU 
lisch verschiedenen, höchst interessanten Streiten nach dej un- 
vergefslichen Frauenhofens Entdeckung, so; aiufa man , 
da diese dem Verf. sehr wohl bekannt sind, bei dem von ihm 
aufgestellten Farberisystem als dein eines Physikers doch fast 
fragen, ob es ihm damit auch wirklich Ernst sey, d. h. ob er 
als Optiker zwei Endfarben, Weifs und Schwarz, daneben 
drei bunte Farben und dann drei dazwischenliegende als einen 
Tbeil der physischen Theorie vom Lichte aufstellen wollte. 
Dafs dieses nicht der Fall sey, ergiebt sich aus dem Folgen- 
den , wo man die Newtonsohe Farbenlehre, wie sie iu der 
Optik aufgenommen und bisher beibehalten worden is-t, voll- 
Ständig vorgetragen findet. Sojlte'nun auch jene Darstellung 
als optische Theorie bestehen, so müfste hierbei bemerkt wer- 
den, dafs es unter den angesehenen sieben Farben noebeine 
achte, nämlich Weifs, und eine neunte, nämlich Schwarz« 
gäbe, erstere aus der Zusammensetzung aller Farben des 
Spectrums entstehend, letztere aus gänzlicher Abwesenheit 
derselben, also genau genommen eigentlich eineUntarbe. Ob- 
gleich übrigens jeder Sachverständige leicht und bald einsehen 
wird, was es mit der zuerst aufgestellten Farbentheorie für 
eine Bewandtnifs habe, so wäre es doch zu grösserer Deutlich- 
keit für Unkundige zweckmässiger gewesen, jene nicht voran- 
zustellen, sondern auf die Theorie der Farben*erstreuung fol- 
gen zu lassen, und dabei zu bemerken, dafs jene Darstellung 
nur eine, dem unwissenschaftlichen Genius der Sprache dar- 
gebrachte, Huldigung sey, nach welchem man allerdings 
Weifs und Schwarz zu den Farben zählt, das im Prisma zer- 
legte Licht buntfarbig nennt, und wohl gar als aus jenen bei- 
den zusammengesetzt betrachtet. Abgesehen hiervon ist die 
Optik sehr vollständig vorgetragen , und insbesondere hat 
Ref. mit grofsem Interesse die Neheneinanderstellung der bei- 
den jetzt streitigen Hypothesen gelesen, und die bestimmte 
Nachweisung der einzelnen Phänomene, welche sich aus der 
einen oder der andern leichter, schwerer oder (wenn dieses 
anders der Fall seyn sollte) gar nicht erklären lassen. Einen 
auch nur kurzen Auszug hieraus zu gehen , verstattet der Kaum 
nicht, und Ref. will daher nur zu S. 379. bemerken,, dafs 
sich höchst wahrscheinlich eine einfache Construction der l*o- 
larisation nach der Theorie der Wellen unter Frauen bof err^s 
Papieren rinden mufs. 

Ref. mufs hier abbreche*, weil er sich durch das Ver- 
gnügen, womit er den Darstellungen des Verf. folgt, allzu 



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/• 

A. Tibnlli oarmina ed. Ph. A. de Golberj. $3 

llicht tu eigenen Untersuchungen verleitet* läTst, und dadurch 
die Geduld des Lesers zu ermüden Gefahr läuft, welche er bei 
dieser Anzeig« von vier reichhaltigen Lehrbüchern vielleicht 
schon zu sehr in Anspruch genommen hat. Von dem Reste 
des stdetst beurtheilten Werkes gilt ohnehin vorzugsweise 
dasjenige, was gleich im Anfange gesagt ist, nämlich dafs die 
Lehren von der Wärme, der EJectridtät und dem Magnetis- 
mus mit der,| beiden angehöl igen ,. Untersuchung des Electro - 
und Thermomagnetismus vollständig und ganz dem gegenwär- 
tigen Standpuncte der Wissenschaf t gemäls vorgetragen sind. 

M u n c k e. 



Alhli Tihulli quae supersunt omnia opera 9 varietate lectionum, no~ 
vis commentariis + excursibus , imitationibus Gallicis , vita auctoris 
et imlice alsolutissimo instruxit Philipp. Amat. de Golbe'ry 9 
e regia antiquariorum societate et in snprema Alsatiae curia 
consil'iarius etc. Parisiis. Colligebat Nicolaus Eligius Lemaire, 
peeseos Latinae Professor, MDCCCXXV1. Excudebat Dondey- 
Dupre. CXVl und 580 S. in gr. 8. • 

Diese Ausgabe des Tibullus bildet eigentlich einen Theil 
der von Lernaire in Paris veranstalteten Sammlung Lateinischer 
Qassiker , welche auiser andern Verdiensten auch insbesondere 
das Verdienst hat, Frankreich , in welchem während der Na- 
poleonischen Schreckenszeit das Studium der alten Literatur 
tau ganz darniederlag , mit dem Besten bekannt gemacht zu 
liaben , was seitdem in Deutschland in dem Gebiete der Rö- 
mischen Literatur für die einzelnen Autoren geleistet worden 
ist, und so dem wieder auflebenden Studium der classischen 
Schriftsteller des Alterthums einen Aufschwung zu geben. Um 
ein Beispiel zu gehen , erwähnen wir nur des Virgils von 
Heyne, welcher in dieser Sammlung ganz abgedruckt worden 
ist. So konnte auch bei Tibullus ein Gleiches geschehen, 
man konnte den Heyne'schen Tibullus rein abdrucken, oder 
auch noch höchstens mit einigen Bemerkungen aus den späte- 
ren Commentatoren vermehren. Dies ist jedoch nicht gesche- 
hen t indem wir eine eigene selbstständige Bearbeitung dieses 
Dichters erhalten, die eben darum näher berücksichtigt wer- 
den mufs. Es konntedieselbe freilich von, LemaireJ keinen 
bessern Händen anvertraut werden, als Hrn. Golbe'ry. Be- 
kanntschaft mit Allem , was die Herausgeber des Tibullus 



. 9* A. TibuUi carmma ed. Ph» A. de Goibery. 

• 0 
\ 

in ölterer und neuerer, ja neuester Zelt geleistet, ein in keifte 
pedantischen Vorurtbeile oder Partheisucht befangenes LIr- 
theil, ein gesunder Sinn j ein scharfer Blick , der in schwieri- 
gen Fällen bald sich zu finden und das Rechte auszuwählen 
weifs — dies sind die Eigenschafterl dieses neuen Bearbeiter« 
eines Dichters, der vor andern Dichtern des Altertbuma da* 
. Unglück gehabt* in die Hände vörunheils Voller , von dichte-, 
rischem Gefühl, wie auch vörtl geSundärt kritischen Sinn verv 
lassener Ausleger tu ge ratheh | die ihn zerrissen und entstejlt 
haben, ohne zu bedenken \ daf* des grofsen Dichters einfacher , 
«chlichter Sinn ähnliche Eigenschaften bei dem Herausgeber 
und Erklürer erheischte. Dariiin will Ref. von dieSer auch 
durch glänzende typographische Ausführung sich auszeich- 
nenden Ausgabe näheren Bericht abstatten , und dabei haupt- 
sächlich auf die Gegenstände sein Augenmerk richten, welche 
hier neu behandelt oder in neues Licht gestellt sind. 

. Gleich die Vorrede ist geeignet, unsere Aufmerksamkeit 
in Anspruch zu nehmen. Hier lesen wir nicht die trockene 
Aufzählung dessen, was der Herausgeber Alles geleistet oder 
wenigstens geleistet zu haben verspricht — der bekannte lo- 
cus communis der Editoren — soridern der Herausgeber deu- 
tet uns in eine n AVgirten Gespräch die Absicht an, die er bei 
seiner Herausgabe des Tibullus gehabt, und stellt uns damit 
gleich auf den rechten Standpunkt, von welchem au* wir 
seine Bemühungen zu beurtheilen haben. *Der Herausgeber 
erzählt uns in einem naiven Tone, wie er aus Unwillen über 
die Vielen Fehler, welche Setzer und Drucker begangen , gar 
nicht zum Schlaf habe gelangen können. Da sey ihm auf 
einemmale Tibullus erschienen, mit einem Gefolge aller der 
Lieben, die er in seinen Gedichten besingt. Tibullus habe 
ihn tu besänftigen gesucht durch die Betrachtung , dafs es 
ihm selber (dem Dichter) weit schlimmer durch die verschie- 
denen Ausleget ergangen sey, als durch Setzer und Drucker. 
Denn Erstere dachten bisher nur daran, den armen Dichter 
bald um einzeihe Worte, bald um Verse und Distichen, bald 
um ganze Elegien, ja Bücher von Elegien zu bringen, seine 
Worte durch Einführung fremdartiger Worte zu verdrängen, 
einzelne Elegien von* einander zu reiften * kurz, seine Ge- 
dichte auf alle mögliche Weise zu entstellen» Dieses Alles 
wird nun in einem Gespräch weiter ausgeführt, indem der 
Dichter all' das Leid aufzählt* was die früheren Ausleger ihm 
angethan, Um so den neuen Herausgeber zu besserer Behau d- 
lungsweise zu gewinnen. So Sehen wir gleich im Anfang* 
dafs unser Herausgeber keineswegs zu den Neuerem gehört, 



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I 



A. TibuHi carmioa ed,, Di. A, d« GaJberj. 95 

die durch gewaltsames Auat4rtand*trreifsen ©der VerseUen der 
einseinen Gedichte, durch di* willkührlichsten und unnÖthig- 
iten Aenderungen in Worten und Versen dein Dichter wirk- 
lich eine ganz andere pestalt gegeben haben, als seine ur- 
sprüngliche gewesen seyn mag. Sein Zweck ist vielmehr, 
den älteren ursprünglichen Text des Dichters mit, den unum- 
gänglich nothwemiig«n Verbesserungen zu liefern, und die 
ursuiünglich« Beschaffenheit und <l«n Umfang der einzelne« 
Gedichte zu erhalten; wovon wir im Verfolg die Proben im 
Einseinen nachweisen Werden. t 

Auf die Vorred« folgt S. XIX r**> LXXXVIII: D* TibulU 
codicibut et editionibus , sehr genau und ausführlich , mit Benitz« 
lung und tbeilweiser Aufnahme der früheren Untersuchungen 
von Heyne und Huschite, aber auch mit einzelnen Berichti- 
gungen, Zusätzen und Vermehrungen bis auf die neueste Zeit 
üerabgeführt. Daran schliefst sich S. LXXXiX Vita TibulU 
ex cod. ins. bihliothecae regiae, descripta a F. Burmanno II. 
cum lectionis diversitate; dann: TibulU Vita^ auctore Hieronymo 
Alex and 'wo ; und nun folgen S. XCll ff. die zahlreichem judicia 
und testimonia älterer (besonders des Ovidius) wie neuerer 
Schriftsteller über Tibullus und seine Gedichte, wobei wir 
besonders auf La Harpe (Lyce'e Vol. II. p. 209.) aufmerksam 
wachen. S. C ff. kommen : Elegiarum Argumenta. Statt dafs 
in anderen Ausgaben dieses Dichters, so wie anderer Dichter 
überhaupt, die Argumenta jedem einzelnen Gedichte voran- 
gestellt werden, sind sie hier zusammengestellt, und zwar 
nach der Ordnung, in welcher dieselben nach Handschriften 
und den gewöhnlichen Ausgaben folgen , uud nicht nach der 
Folge der Zeit, in der sie muthmafslich geschrieben, obgleich 
dieselbe meistens einzeln bemerkt ist. Zur besseren Ueber- 
siebt findet sich jedoch am Schlufs eine Tafel, wo die Elegien 
m ihrer Folge nach der Zeit der Abfassung geordnet sind. Die 
Grflnde der Anordnung finden sich theiis in den Noten, theils 
in der eigenen Abhandlung De Vita TibulU, auf welche wir 
weiter unten zurückkommen werden. Hier wollen wir nur 
kurz das Resultat andeuten. In das Jahr 727 etwa fallen: 
Eleg. I t io. 3. 1. IV, 13. II, i. I, 7; in die Jahre 728 — 732 
oder 733 (bis wohin Tibullus Liebe zur Delia gebt): Eleg. 
UI,2.3. 4. 1.6. 7.5. 1,2.5. IV, tf. I; 6. Auf Maratbus 
beziehen sich dann in unmittelbarer Folge der Zeit: El^g. I, 
4 8. 9, dann weiter auf die Liebe der Suipicia und des Cerin- 
tbus (geschrieben vielleicht 732 und 733) : Eleg. IV, 2. 3. 4. 
5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. -II, 2. In die Zeit der Liebe des 
Dichters zur Nemesis am Ausgang von 733 bis 735 oder viel- 



96 ' A. Tibilli carinii!* ed. Ph. A. de Gälbery. 

leicht 736 fallen endlich: Eleg. II, 3. 6. 4- 6. Daran schlies- 
sen sich zwei andere «ehr brauchbare Tabellen , betreffend die 
Abweichungen des gewöhnlichen Textes und fjer ! Anordnung 
der einzelnen Elegien < von den Ausgaben des Scaliger und 
Brouckbuis. >«N > • 

Wir kommen nun zu dem Texte «elber. Was der Her- 
ausgeber beahs ich t igte und welchen Grundsätzen er folgte, 
ist im Allgemeinen bereits von uns angedeutet worden. 13er 
Herausgeber benutzte gewissenhaft die Arbeiten seiner Vor* 
gänger, er fügte eigene Bemerkungen beiy und übersah keine 
schwierige Stelle , ohne einen Beitrag zu ihrer Erklärung oder 
besseren Verständnifs zu 'liefern. £)afs er hauptsächlich an 
dre Autorität der Handschriften sich hielt, war hier beson- 
ders nothwendig und ersprießlich. Doch bat er auch in den 
Noten mancher, zwar nicht geistlosen, aber auch nicht not- 
wendigen Emendationen eines HeinsiüS und Anderer gedacht. 
Diese Noten beziehen sich theils auf di* oft so schwierige und 
durch frühere Herausgeber verworrene Kritik des Dichters, 
theils auf die Erklärung, was freilich oft mit der Kritik zu- 
sammenhängt. Der gesunde, vorurteilsfreie Sinn des Her- 
ausgebers lälst ihn hier selten das Wahre und Richtige in Kri- 
tik , wie in Interpretation verfehlen, und wir finden in seinem 
Commetitar zugleich eine Auswahl des Besten, was über die 
eine und andere Stelle von früheren Auslegern gesagt, deren 
Weitschweifigkeit unser Herausgeber keineswegs nachgeahmt' 
bat, indem er es vorzog, das Wesentliche kurz und bündig 
anzugeben und mit den erforderlichen Beweisen in derselben 
gedrängten Kürze zu , unterstützen. Für Französische Leser 
sind auch in vielen Stellen die Nachbildungen neuerer Franzö- 
sischen Dichter nachgewiesen, und am Schlüsse folgt S. 3i i 
— 348. ein eigener Abschnitt: Albii Tibulli imitationts Gallicis 
carminibus expressae. (Hier finden wir drei Nachbildungen der 
ersten Elegie, von den Goryphäen der Französischen Elegie 
La' Harpe, Lebrun, Loyson, ferner Nachbildungen von 
Eleg. 1, 2. 3. durch Lebrun, die griechische Uehersetzung 
des Morellus von Eleg. T, jo, und die Französischen Nach* 
bildungen derselben Elegie von Lebrun und Andrieux, 
endlich II, 3. von Lebrun.) 



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(Der Beschlufs folgt,) 



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IN. 


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1827; 



Heidelberger 



rbücher der Literatur, 




ii Tibulli Carmina ed. Ph. A. de Golbery. 

(Beschlnfj.) 



Ueber mythologische Gegenstände hat sich der Herausge. 
in den Noten Weniger verbreitet ; er hat dafür interessante 
ursus mythologici , zuui Theil nach Creuzer's Symbolik, de- 
reo Französische Uebersetzung durch Guigniaut damals noch 
nicht erschienen war, beigefügt. Es sind ihrer in Allem zehn, 
S. 351 — 4t8. bei kleinerer , «her sehr lesbarer Schrift. Sie 
betreffen Isis (zu Eleg. I, 3, 23.), V en u s Li b i t i n a (zu I, 
3, 37-)> Priapus (zu I, 4, 7.), Bona Dea (zu 1,6, 23.)» 
Bell o na (zu 1, 6, 43 ), O s i r is (zu 1 , 7 , 27. wobei Meh- 
reres aus Creuzer's Commentatt. Herodott. aufgenommen ist), 
Cere s und Bacchus (zu II, 1, 3. 40s Genius (zu II , 2, 
Sibylla (zu II, 5, 19). Dii fatidici atque ora- 
ctsla (zu III, 4, 45.). 

Uua nun näher zu sehen, in welcher Weise der Heraus- 
geber in Kritik und Interpretation verfahren, wollen wir eine 
Anzahl der schwierigsten und hestrittensten Stellen ausheben , 
un^ unser eigenes Urtheil gelegentlich beifügen. Eleg. I, 

U rs.2: . 

- 

Et teneat culti jugera multa soli 
Der Herausgeber hat sich nicht irre machen lassen, um an die 
Stelle dea natürlichen und nach dem Zusammenhang erwarte- 
ten multa* das poetisch seyn sollende magna zu setzcri ; ja er 
beweist die Aechtheit des multa aus mehreren ganz ähnlichen 
Stellen und Verbindungen bei Tibullus. — Ebendas. vs.^25: 

Jam 9 modo non, possum contentus vivere parvo , 
So acbreibt mit den älteren Heransgebern Hr. Golbe'ry. Be- 
kanntlich bat diese Stelle den Auslegern viel zu schaffen ge- 
macht. Hr. Gr lbe'ry folgt der älteren Erklärung des Cyllenius , 
welcher die Worte modo non gleich einer Parenthese betrach- 
tet , und giebt ihr mit Huscbke den Sinn: M ille ego, qui mo- 
do non contentus erain parvo, jam possum parvo vivere con- 

XX. Jahrg. 4. Heft. 7 



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I 



98 A. Tibutli carmiua ed. PI». A. de Golbery. 

tentus". Ref. bekennt, dafs diese Erklärung ihm etwas hart, 
dunkel und deshalb weniger annehmbar scheint. Eher würde 
ihinMuretSiaovpvouxi ansprechen, oder die Lesart zweier Hand- 
schriften : jam modo nunc possum, jedoch so, dais modo mit jam 
enger verbunden und von dem wiederholenden und stärker 
sich ausdrückenden nunc durch ein Comuia getrennt würde. 
Guyet's daraus gebildete Lesart : jam modo, jam possum giebt 
allerdings keinen unpassenden Sinn; aber ihr widerspricht die 
bandschriftliche Autorität. — Ebenda*, vs. 28: 

— ad rivos praetereuntis aquae 

ist der PJuralis rivos, den Neuere ohne Noth in den Singular 
rivum verwandelt, beibehalten, und durch Analogie, wie Bei- 
spiele vertheidigt. — Ebendas. vs. 44 : 

— et solito membra levare toro 

Hier haben Mehrere der neueren Herausgeber statt levare das 
in drei Handschriften stehende referre aufgenommen , welches 
mit dem Dativ tcro (statt ad torum) verbunden, hier so viel 
seyn soll als reddere (Juten ! Welch gekünstelter Sinn , der das, 
was zunächst liegt, abweist, um etwas Entlegeneres, Unna- 
türlicheres zu gewinnen! Wir freuen uns, den Herausgeber 
vor solchen Irrgängen bewahrt zu sehen; auch hatte schon 
der von ihm angeführte Bach das Richtige erkannt, — Eben- 
das. vs. 50: 

qui — — tristes ferre potest piuvias. 
Dafs piuvias beibehalten worden, können wir dem Herausgeber 
nicht verargen , da wir dies Wort in al 1 e n Handschriften fin- 
den, auch uns nicht überzeugen können, warum es durchaus 
falsch seyn soll, da die sonst geistreiche Conjectur des Hein- 
sius : Hyadas, welche in neueren Ausgaben Platz gefunden, 
doch keinen Wesentlich vei schiedenen Sinn enthält, eben daher 
aber v auch nicht nothwendig ist. 
Eleg. I, 2. vs. 14. 

— quum posti florea serta darem 

bat der Herausgeber sich nicht verleiten lassen, dem dabam 
neuerer Ausgaben den Vorzug zu geben, da hier die unbe- 
stimmte, aber öfters wiederkehrende Handlung durchaus den 
Gonjunctiv erfordert, analog dem Griechischen £ T 8» oxora 
mit folgendem Optativ in ähnlichen Verbindungsweisen. Der- 
selbe Fall kommt wieder Eleg. I, 10, 16, wo wir die Beibe- 
haltung des cursarem für cursabam vollkommen billigen. Eben 
so wenig konnte ibid. vs. 19. das lächerliche derepere dem Her- . 
ausgeber gefallen , er schreibt mit Dousa: 

lila docet furtim molli descendere lecto 
bemerkt jedoch, dafs decedere oder discedere, wie die Hand- 



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I 

I 

I 



A. Tibulli carmina ed. Ph. A. de Golbery. 99 

Schriften darbieten, wohl in gleichem Sinne vom Dichter habe 
getagt werden können, was unsere vollkommene Bestim- 
mung hat, 

Eleg. I. 3. vs. 7. 

Non soror, Assyrios cineri quae dedat odores 

So schreibt Hr. Golbery und hat die Autorität aller Handschrif- 
ten für sich. Unter den unnöthigen Conjecturen , welche trü- 
bere Herausgeber statt des dedat vorgeschlagen, kann dem un- 
befangenen Sinn weder ein fundut% noch ein condat gefallen, so 
dafs die Schwester für die Asche, d. i. zur Ehre der Asche, 
die in der Urne geborgen ist, assyrische Gerüche berge; was 
prosaisch heifsen soll, dafs sie die Asche mit hinzugefügten 
Specereien bestatte ! Welche Künsteleien l Eher könnt« 
noch von reddat die Rede seyn , welches Heyne vorschlug; 
aber es kann nicht in Betracht kommen gegen dedat , wenn man 
nur die Bedeutung dieses Wortes mit dem Herausgeber fest- 
hält , der passend an Muret's Bemerkung erinnert: „dedimus 
ea, quae volumus accipienti propria ac perpetua fieri«, und 
an den alten Erklärer des TerentiuS , welcher dedere erklärt 
durch dare äd perpetuum. So mufs jeder Zweifel an der Rich- 
tigkeit der Lesart dedat schwinden, die wir unbedingt für die 
wahrehalten. — Ebendas. vs 12: 

rettulit e trioiis omina certa puer 
ist billig auf Brouckhuis und Anderer trinis keine Rücksicht ge- 
nommen worden, da der Vorzug des klaren, in den Zusam- 
menhang so gut passenden trioiis am Tage liegt. — Vs. i3„ 
schreibt Hr. Golbe'ry: 

Cuncta dabant reditus: tarnen est deterr'ua nunquam 
quin fleret nostrasque respiceret vias. 
Ref. wiederholt nicht die zahlreichen Erklärungen und Emen- 
dationen, die man in dieser Stelle versucht hat, billigen aber 
mufs er es, dafs Hr. Golbe'ry sich von der handschriftlich be- 
gründeten Lesart nicht entfernt und mit Brouckhuis deterrere 9 
woran die Meisten Anstofs nahmen, richtig aufgefafst hat. 
Denn dies ist hier nicht mehr als: aluer per suader e : „ungeach- 
tet der glücklichen, eine Rückkehr verheifsenden Anzeigen, 
liefs sie sich nicht abbringen (aus Furcht des Gegen- 
theils) vom Weinen und vom beständigen Umblicken auf 
meinen Zug.« Wie sehr sticht gegen diesen einfachen Sinn 
die Lesart ab, welche demungeachtet in neueren Ausgaben hat 
Platz finden können: 

— Tarnen hand deterrita frustra est 
Qtwm fleret nostiasque respiceret vi.vs. 

7 * 



51 



55 
»> 



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100 A. Tibulli carmina ed. Ph. A. de Golbery. 

Ebenda*. ,vs. 18: 

Saturni aut sarram me tenuisse diem? 
Wer fßhlt hier nicht, um wieviel passender tenuisse , zumal 
nach vorausgegangenem caussatus ist, als das matte timuisse , 
was ganz einer Randglosse eines geneigten Lesers oder Gram* 
matikers ähnlich sieht. — Ebendas. ys. 50. herrscht bekannt* 
lieh grofse Verwirrung und Verschiedenheit in den Ausgaben. 
Hr. Golbe'ry schreibt : 

Nunc mare; nunc leti mille repente viae 
und Ref. sieht nicht ein, warum leti im Genitiv unpassend und 
deshalb durchaus mit dem Dativ leto vertauscht werden soll, 
da im Gegentheil mehrere Beispiele ähnlicher Verbindungen 
für den Genitiv leti sprechen. 'Viae halten auch wir wegen 
mille für passender als via. Noch weniger kann Ref. repenta 
anstöfsig rinden, und gar in ein reperta mit ausgelassenem est 
verwandeln wollen. — Ebendas. vs. 63. 

Ac juyenum series teneris immixta puellis 
konnte weder innexa noch das gekünstelte implexa eine Aufnah» 
me verdienen; eben so ist bilJigerweise vs. 71. die ältere Les- 
art der Codd. beibehalten worden : 

Tum niger in porta serpentum Cetberus ore 
Stridet et aeratas exeubat ante fores, 
wo Scaliger und Andere verbesserten (ohne handschriftliche 
Autorität): 

Tum niger in porta serpens, tum Cerberus ore 
Stridit etc. - 
Für die gewöhnliche Lesart sprechen viele Dichterstellen, und 
die Schwierigkeiten, die man in ihr hat finden wollen, ver- 
schwinden bei näherer Betrachtung völlig. Insbesondere 
macht Hr. Golbery auf das in aufmerksam, in welchem man 
einen Widerspruch mit dem folgenden ante im nächsten Vers« 
entdeckt au haben glaubte, während dieser Widerspruch doch 
nur höchst scheinbar ist, zumal wenn man in, wie in unzäh- 
ligen andern Steljen , nur allgemeiner und weiter, etwa wie 
apudy auffafst; da der Hund an der THoi schwelle, am Thore 
wacht, und so also auch ganz gut vor den Thürflügeln selber 
liegen kann. 

Elf g. I, 4, 6- ist beibehalten: 

Nudus et aestivi tenrpora sicca canis, 
da Brotickhuis und Anderer Gründe zu nichtig sind, um das 
in den Sinn passende, handschriftlich begründete sicca durch 
ein unnöthiges saeva zu verdrängen. Auch im nächstfolgenden 
Distichon ist die ältere Lesart beybehalten : 



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A. Tibulli oarmiua ed. Ph. A. de Golfeerv. N 101 

■ * « . 

- / 

— Tum Baccbi respondet rustica proles 
Armatus curva sie mihi/alce Deus, 

wo daa Unnötbige der Conjectur Jalcm minante 9 wovon in den 

Handschriften keine Spur ist, in die Augen springt. Eben 

10 vs. 12: 

Hic placidam niveo pectore pellit aquam, 
wo die in den Text gedrungene Conjectur Jacilem durchaus 
überflüssig ist; um so mehr, als placidae undae auch bei des 
Tibullus Nachahmer, Ovidius, vorkommt. S. auch un- 
ten I, 7, 14. — Ebendas. vs, 65 : 

Quem reftrent Musae, vivet, dum rohora tellus 
dum coelum Stellas, dum vehet amnis aquas 
konnte Hur Unkunde der Grammatik Zweifel an der richtigen 
Lesart der Handschriften- referent hegen ; dafs Hr. Golhe'iy 
nict t das dem Gehrauch der .Lateinischen Tempora widerspre- 
chende referunt aufgenommen, war zu erwarten. 

Eleg. 1, 7. vs. 1. hat Hr. Golbe'ry keine Rücksicht auf 
die Sophistereien genommen, womit der Accusativ hune dient 
durchaus falsch und in ein hac die verwandelt werden soll. — 
Ebendas. vs. 14 ; 

— tacitis qui leniter undis 
CaeruUus placidis per vada serpis aquis. 

Diese Lesart, welche die älteren Ausgaben nebst den Hand- 
schriften darbieten, hat Hr. Golbe'ry beibehalten. Die Tauto- 
logie oder vielmehr die Häufung der Epitheta desselben Sinnes 
veranlagte schon Statius zu der Aenderung: Caeruleis (mit 
a (juris zu verbinden) placidus ; Neuere schrieben: placidae — 
aquae als Genitiv zu vada. Letztere Aenderung könnte noch 
als die annehmbarste erscheinen, wenn sie durch Handschrif- 
ten bestätigt würde oder überhaupt nöthig erscheinen könnte, 
da wohl der blofse Grund einer Tautologie und des durch die 
Beifügung mehrerer Epitheta verwandten Sinnes verursachten 
Mißstandes bei einem Dichter wie Tibuilus, weniger genü- 
gend seyn kann, um darauf eine Conjectur in den Text auf- 
zunehmen. In solchen Fällen ist, nach des Ree. Ermessen j 
vorerst noch immer die Vulgata im Text zu lassen, wie hier 
Hr. GolbeVy weislich gethan hat. — Ebendas. vs. 61. billigen 
wir, dafs der Herausgeber sich von der durch Huschke gut 
vertheidigten Lesart nicht entfernt, noch das e ausgelassen 
hat, wie Andere gethan; er schreibt nämlich: 

Te canet agricola, e magna cum venei it urbe. 

Eleg. 1,8. vs. 1. sind auch wir der Meinung, dafs der das Be- 
stimmte der Aussäen mildernde Conjunctiv (wie im Griecbi- 



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■ 

102 A. Tiballi earruins ed, Ph. A. de Golbery, 

sehen der Optativ mit £ v ) den Voraug verdiene. Hr. Golbe'ry 
•schreibt nämlich mit Recht: 

Non ego celari possim , quid nutns amantis etc. 
statt -possum. 

Eleg. I, 10? vs. 37. schreibt Hr. Golbery: 
lllic percussisque genis ustotfue capil'o 
Errat ad ohscuros pallida turba lacus. 
Alle Handschrif ten geben hier percussisque , eine percissisque , 
eine andere perculsis f was auch in «ine neuere Ausgabe ühei> 
gegangen. In den meisten neueren Ausgaben wanl die Con- 
jectur des Nie. Heinsius aufgenommen : exesisque ; den passen- 
den Sinn dieser Aenderung wollen wir nicht in Zweifel ziehen; 
es fragt sich hier nur, ob sie nothwendig war, und ob die 
Lesart der Handschriften durchaus unstatthaft sey. So lange 
dies noch nicht erwiesen ist, wird man nach den Regeln einer 
gesunden Kritik bei der Vulgata bleiben, und wenigstens im 
Text selber sich keine Aenderung erlauben dürfen, wie Hr. 
Golbe'ry löblicher Weise gethan bat, — Ebendas. vs, 63. lesen 
wir hei Hrn. Golbery: 

Cui tencra irato flere puella potest. 
wo Andere Quo (im Ablativ), Andere die alterthümliohe Form 
des Dativs Quoi gesetzt. Auch wir halten den Uativ hier für 
gewühlter, als den Ablativ; es kommt auch ersterer in mehre« 
ren Stellen mit fiere verbunden vor. Was die Form Quoi he. 
trifft, so glauben wir, dafs diese Form, wenn sie hier aufzu- 
nehmen war, auch an allen anderen Stellen für Cui bei Tibull 
zu setzen war (wie auch in einer Ausgabe des Tibullus-ge- 
schehen) ; was indefs die his jetzt bekannten Hand- 
ichriften des Tibullus untersagen , ohne deren Zustimmung 
Ref. wenigstens in solchen Fallen sich nicht gern eine Aende- 
rung erlaubt. — Ebendas. vs. 68. finden wir auch wieder Hrn. 
Golbe'ry auf der Bahn der Handschriften, indem er schreibt; 

Perfluat et pomis Candidus ante sinus 
.Heinsius verbesserte Perpluat, was nach ihm Einige aufgenom- 
men, ohne zu bedenken,' wie sie hier dem Dichter etwas Un- 
nothiges und Gesuchtes aufbürden» an das er gewifs nicht ge- 
dacht. Eher noch war, wie auch geschehen, die Lesart eini- 
ger Handschriften Profluat aufzunehmen, welches aber wohl 
keinen sonderlich verschiedenen Sinn von Perfluat darbietet. In 
beiden ist der Begriff der Fülle aasgedrückt, und perjluere po- 
mir können wir mit Hrn. Golbe'ry annehmen in dem Sinn von 
abundare pomis ac <juasi luxuriari. 

Doch Ref., so Manches er auch noch anzuführen hätte, 
bricht seine Bemeikungen ab, um nich^allau ausführlich zu 



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A. Tibulli carmioo ed. Ph. A. de Golbery. 103 

werden; er ist überzeugt, das Angeführte werde hinreichen 9 
um zu beweisen , welch eine besonnen« Kritik Hr. Golbe'ry' 
auageübt, um uns einmal wieder zu einem wahren Tibullus, 
nicht zu einem zerstückelten und entstellten , zu verhelfen^ 
Noch müssen Wir indefs der Abhandlung De Tibulli Vita et Car- 
minibus S. 4 1 9 — 492. gedenken (sie erschien auch schon trü- 
ber besonders in einigen Abdrücken Lutet. Paris. 1825 bei 
Dondey-Dupre', rue St. Louis No. )fy,) ; sie hefafst, wie Jeder 
weifs , einen schwierigen , verworrenen Gegenstand. Hr. Gol- 
bery eröffnet seine Untersuchung mit einer rümlichcn Aner- 
kennung der groisen Verdienste, die der seelige Spohn in die- 
ser Hinsicht sich erworben , so dal's er lange im Zweifel war, 
ob er nach einem solchen Vorgänger noch eine neue Unter- 
suchung diesem Gegenstande widmen sollte. Die leider unvoll- 
endet gebliebene Arbeit Spohn's, der Zweifel an der Richtig- 
keit mancher von Spohn aufgestellten Behauptungen, bewogen 
jedoch den Verf. zu dem Entscblufs, den vielbesprochenen Ge- 
genstand einer neuen Prüfung zu unterwerfen. Er handelt dem- 
nach §. I. De anno Tibulli natalitio. Einen sicheren Haltpunkt 
im Leben des Tibullus bildet bekanntlich das Epigramm des 
Domitiua Mar aus, wornach der Tod unseres Dichters, bald 
nach Virgils Tod, in das Jahr 735 u. c. oder in den Anfang 
von 736 fällt. Desto schwieriger ist die Bestimmung des Ge- 
burtsjahres, wofür man früher eine sichere Angabe in den 
Worten des Dichters selber Eleg. III, 5. vs. 17. 18. gefunden 
zu haben glaubte, hiernach das Jahr 711 u. C als Geburtsjahr 
annahm, so dafs der Dichter frühzeitig (als juvenis nach obif»«m 
Epigramm des Domitius Marsus) gestorben. Aher man fand 
diese Lebenszeit zu eng, um manche einzelnen Data aus der 
Lebensgeschichte des Dichters darin unterzubringen, oder da- 
mit vereinigen zu können; man glaubte sieb berechtigt, wei- 
ter zurückzugehen , und das Jahr 690 oder 695 (wie Bach und 
Spohn) als das Jahr der Geburt anzunehmen, oder auch das- 
selbe unbestimmt in den Zeitraum von 689 bis 695 zu verlegen; 
die Stelle Eleg. III, 5. 17. 18. wufste man zu beseitigen , da 
sie in einer Elegie stehe, welche nicht von Tibullus herrühre, 
sondern von einem gewissen Lygdamus, oder, wenn man die 
Aechtheit der Elegie selber anerkannte, doch nur ein aus Ovid 
Trist. IV, 10, 5 , Wo der Vers 18 des Tibullus sich wörtlich 
wiederfindet, entlehntes fremdartiges Einschiebsel sey, keines- 
wegs aber Worte des Dichters selber. Gegen solche Annahme 
sucht Hr. Golbery die Stelle zu retten, er weiit uns eine Reihe 
von andern Stellen des Tibullus nach, die sich in ähnlicher 
Weise bei Ovidius wiederfinden, wie z. B. Eleg. III, 6- 26. 



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104 A. Tibulli carmioa ed. Ph. A. de Golbery. 

i 

bei OVid Trist. II, 451. Eleg. III, 6, 16. bei Ovid ibid. 458. 
Eleg. HI,5, 16. bei Ovid. Art. Am. II, 670; und stfltzt 
darauf gerade die entgegengesetzte Annahme von einer geflis- 
sentlichen Nachahmung des Tibullus bei Ovidius, was auch, 
wenn wir die einzelnen Gründe und das Verhältnifs des Ovid 
zu Tibullus nfiher erwägen, kaum zweifelhaft seyn kann (vgl. 
S. 426. 427.). Aenderungen in dem Texte jenes Distichons, 
wie ». B. Ayrmänn'a cessit für cecidit , sind bereits von Andern 
als unzulässig abgewiesen worden, wenn sie auch gleich zu 
dem bemerkten Zweck in so weit forderlich waren, als doch 
statt des Jahres 711 das Jahr 705 als Geburtsjahr des Dichters 
herauskam. So weit hätte Hr. Golbe'ry die Aecbtheit jenes 
Distichons und somit auch "die Richtigkeit der daraufgebauten 
Annahme gerechtfertigt. Aber es bleiben noch einige andere 
Einwürfe übrig, von denen wir die hauptsächlichsten hier vor- 
legen wollen; zuvörderst die Stelle des Ovid Trist, IV, 10, 51 : 

Virgilium vidi tantum ; nec avara Tibullo 
Tempus amicitiae fata dedere meae, 

Successor fuit hie tibi, Galle, Propertius £//;.• 
Quartus ab bis serie temporis ipse fui. 
Hier bezog man hie wie Uli auf eine und dieselbe Person , näm- 
lich auf Tibullus, und brachte dann so heraus, dafs der wahr- 
scheinlich 702 geborene Propertius , welcher sich seiher (Eleg. 
III, ].)-Rom*s ersten Elegiker nenne, jünger sey als TibulT, 
letzterer demnach nicht , wie jenes Distichon besage, 7f| ge- 
boren seyn könne. Iiidefs die Stelle des Propertius ist zu all- 
gemein, um daraus eine solche bestimmte Annahme zu fol- 
gern; und dann läfst sich in der Stelle des Ovidius nach der 
grammatischen Regel, dafs hie auf den näheren Gegenstand, 
ille auf den entfernteren gehe, hie auf das zunächst stehende 
Tibullo, Uli aber auf das entferntere Virgil'mm beziehen, wo 
freiisch ein ganz anderer, und nach unserem Ermessen gram- 
matisch richtigerer Sinn herauskommt, zugleich aber die ganze 
in der Beziehung von hie und Uli auf eine und dieselbe Person 
des Tibullus gestützte Annahme zusammenfällt (vergl. S. 430. 
43l.). Einen audein aus Horatius Od. I, 33 entlehnten Ein- 
wurf haben schon Heyne und Spohn ungenügend gefunden; 
Hrn. Golhe'ry's Auseinandersetzung S. 439 f. macht dies noch 
einleuchtender. Endlich machte man auch die Stelle des Ho- 
ratius Ep. 1 , 4» 1 9 wo ei den Tibullus anredet: „nostrorum 
sermonum candide judex", geltend, als wenn es unmöglich 
sey, dafs Horatius einen an Jahren so jungen Dichter, wie 
Tibullus , iu dieser Weise habe anreden können. Um solches 
glaublich sn machen, führt Hr. Golbery den jetzt in Frank« 



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i ■ 



A. Tibulli oarmin« ed. Ph. Ä. de Golberj. 105 

reich so berühmten Dichter Casimir Delavigne an, des- 
sen Urtheil auch wohl ältere Freunde und Dichter anrufen 
könnten (vergl. S. 441 f.) U« s. w. Aber wie ist es möglich, 
dafs Tihullus, wenn er 711 oder 710 geboren und 735 ge- 
storben, am AYjuitanischen Feldzug, von welchem er in seinen 
Gedichten spricht, hat Theil nehmen können? er müf/»te 
denn, in einem Alter von viersehn Jahren dies getban haben. 
Hier macht uns aber Hr. Golbe'ry auf einen eigenen Umstand 
aufmerksam. Während man nämlich bisher, sagt er, Tibull's 
Geburtsjahr iräch der Varroniscben Zeitrechnung bestimmte, 
folgte man bei der Zeitbestimmung des A (phänischen Feld- 
zugs plötzlich der Catonischen, so dafs statt sechszehn (oder 
siebzehn) Jahren i ur vierzehn herauskommen; dafs aber Ti- 
bullus als ein sechszehnjähriger Jüngling unter Messala in 
•jenem Feldzug gedient, findet er noch nicht unwahrschein- 
lich. Nach Varronischer Zeitrechnung ist Tihullus mit Bezug 
auf jenes Distichon 711 geboren, der unmittelbar oder doch 
wohl kurz nach dem Feldzuge in Aquitanien erfolgte Triumph- 
zug des Messala fällt 727, Tibulls Tod 735; so bedarf dann 
auch das Wort juvenis in dem Epigramm des Domitius , offen- 
bar bezüglich auf seinen frühzeitigen Tod, keiner gekünstel- 
ten Auslegung, etwa mit Bezug auf die Bedeutung, welche 
junior und juniores in der politischen Anordnung des Servius 
Tulliul hat. 

Auf diese Weise war Hr. Golbe'ry bemüht, die Aechtbeit 
der Stelle Eleg. III, 5, 17. 18. zu vertheidigen , und die kl- 
iere darauf gebaute Ansicht von dem Lebensjahr* des Tibullus 
zu rechtfertigen. Doch trägt er in dieser Hinsicht noch eine 
eigene Vennuthung vor (S. 436 ff.)» die wir nicht unerwähnt 
lassen dürfen. In den Worten jenes Distichons: 
Natalem nostri primum videre parentes 
Quum cecidit fato consul utercjne pari 
will er natalem primum nicht auf den Tag der Geburt, sondern 
auf den ersten Geburtstag bezieben, so dafs das Jahr 
710 als Geburtsjahr herauskomme. Aber natalis primus bezeich- 
net doch nicht blos das Geburtsfest, sondern auch wohl den 
Geburtstag (sc. dies); dann widerspricht die oben angeführte 
Stelle des Ovid ; weshalb auch der Verf. selbst kein sonder- 
liches Gewicht auf diese Vennuthung legt, sondern sich mit 
der rühmlichsten Bescheidenheit darüber äufsert (S. 438.). 

§. II, De puellis) quas amavit poeta. Was hier Spohn be- 
gonnen , sucht unser Verf. auf seinen Spuren fortschreitend, 
Weiter zu verfolgen und zu vollenden. Es gewinnt aber diese 
Untersuchung über die verschiedenen Geliebten , welche in 



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106 A. Tibnlli carmina e4- Ph. A. de Qolblry. 

Tibull§ Gedichten vorkommen , in so fern auch ein eigenes 
Interesse, als dadurch die Folge und Ordnung der einzelnen 
Elegien, nach der Zeit, in der sie geschrieben worden, eini- 
geriiialsen bestimmt werden kann und wir über den Charakter 
und die verschiedenen Gemüthszuatände, in denen der Dichter 
sich befand, manche Aufschlüfse erhalten. Wir wiederholen 
hier nicht, dala Glycera, Neaera und Delia nur ver- 
schiedene Namen einer und derselben Geliebte des Dichters 
sind, deren wahren Namen Plan ia uns Appulejus aufbewahrt, 
und die keineswegs eine Freigelassene gewesen-, wie aus der 
richtigen Interpretation mehrerer Stellen desTibullus, nament- 
lich aus \ 9 6, 67, wo Spohn an Vestalinnen denkt, hervor- 
geht. Auf die frühere ungestörte Liebe des Dichters zur Delia 
bezieht Hr. Golbe'ry EJeg. I, 10- 3. 1. IV, 13. Da nun die 
späteren an dieselbe Delia gerichteten Elegien I, 2, 5. 6. IV, 
14. einen gänzlich verschiedenen Charakter zeigen, und wir 
in ihnen Delia als Gattin eines Andern erblicken, so erklärt 
sich dies durch Annahme eines bedeutenden Zeitraumes, der 
dazwischen in Mitte steht und durch die im dritten Buche be- 
sungene Neära ausgefüllt wird. Delia, hier unter einem an- 
dern Namen nach einer jener Zeit nicht fremden Dichtersitte 
Lesungen, scheint einem Nebenbuhler den Vorzug gegeben ' 
und des Dichters Hoffnungen getäuscht zu haben. So erklärt 
sich die Heftigkeit und die ungestümmen Forderungen des Ti- 
JjiiIIus in jenen Elegien. Aufser dieser früheren Liebe des 
Dichters zur Delia fällt in die späteren Jahre desselben sein« 
Liebe zur Nemesis; worüber sich unser Verf., zum Theil 
mich Spohn, genauer verbreitet (vergl. auch unten §. IV.). 
Anzunehmen, dafsTibullus nach der Nemesis noch eine dritte, 
die Glycera, geliebt , geht nicht an , da dies die Zeit seines 
Lebens überschreiten würde. — Wir wiederholen übri gens 
unsere Bitte, diesen Abschnitt, aus dem wir, um nicht .allzu 
weitläufig zu werden, nur einige Hauptpunkte herausgeho- 
hon, genauer zu durchgehen. 

§. III. Lygdamus. Nach den siegenden Gründen, wo- 
mit Spohn und Andere gegen die Person dieses aus Eleg. III, 
11, 3ü. berausgefabelten Dichters aufgetreten, war freilich 
Nichts mehr zu sagen übrig, so dafs wir mit Hrn. Golbe'ry'* 
Worten: „nos vero librum aeque ac distichon servantes, non 
muh um in bis argutiis confutandis sudabimus", zu dem näch- 
sten Abschnitt eilen können. 

§. IV. D* Maratho et alüs , qui in Tihulli earminibus comp a- 
rent. Die Eleg. II, 5. bezieht Hr. Golbe'ry auf den ältertm 
Sohn des Messala; des Tibullus Liebe zu Marathus aber ver- 



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Eckerle Naturgesohichle. . . 107 

legt er in die Zeit zwischen der Liehe des Diehters *ur Delia 
und zur Nemesis. Die auf Sulpicia und Cerinthus sieb bezie- 
henden Gedichte hält er für ächt, jedoch aus den späteren 
Jahren des Dichters. „Eadem, sagt er S. 486, sentiendi 
ac cogitandi ratio, idem dictipnis color at numerorum de- 
lectus, neque ovum ovo similius quam baec reliqjis Nostri 
scriptis. Praeterea patet non ab ipsis araantibus scripta Luis- 
se, sed a media quadam interposita persona inter Cerinthum 
etSulpiciam; cui epistolarum commercio quis aptior, (TUM 
egregius poeta, qui, ut ex Elegiis II et III libri secundit ina* 
nifesto patet, Cerintbo valde erat amicus ? Sane nullum alium 
a iiissent , ut carmina suppeditaret sibi quam celeberrimum 
illutn et amicissimum poetam" etc. etc. 

§. V. De Carmine in Messalam. Mit Bach erklärt sich Hr. 
Golbe'ry für die Unächtheit dieses Panegyricus ; weshalb auch 
früher in den Untersuchungen über Tibull's Leben dieses Ge- 
dicht nirgends angezogen worden. 

S, 493. folgt; Synopsis Chronologica Vitae Albii Tibulli\ eine 
Tafel , welche die Hauptmomente aus Tibull's Leben , nach 
der Folge der Zeit geordnet, enthält; dann S. 497 — 580. *iin 
ausführliches Wortregister, wie wir es wohl bei jeder grölse r 
ren Ausgabe solcher Schriftsteller wünschten. Der Umfang 
dieses Registers, worin kein Wort, keine Stelle übersehen, 
ist schon aus der starken Seitenzahl, bei kleiner Schrift und 
doppelten Columnen einer jeden Seite, ersichtlich. 



Lehrbuch der Naturgeschichte, zum Schul' und Selbstunterrichte >&ear< 
leitet von PV. VT* Eckerle, Professor am Lyceum zu Rastatt. 
Zweite Abtheilung. Zoologie. Heidelberg und Speyer^ bei August 
Ofswald. 1827. 8. Beide Theile 5 A. 24 kr. 

Eine Anzeige des ersten Bandes dieser Schrift ist in Nr- 51 
dieser. Jahrbücher der Literatur von 1826 enthalten; wir wol- 
len nun hier den Inhalt des zweiten Bandes kurz angehen, in- 
dem es nach den Gesetzen des Institutes nicht erlaubt tat, eine 
ausführliche Kritik dieses inländischen Werkes aufzunehmen* 

Da der Hr. Verfasser sein Lehrbuch hauptsächlich dem 
Schulunterrichte bestimmt, so können wir darin keine neuen 
Untersuchungen erwarten, auch stellt er kein eigenes System 
auf, sondern folgt mit sehr wenigen Abänderungen der Lin- 
ne'schen Classification. Er theilt demnach das gosammte Thier- 
reich in sechs Classen, nämlich: 1) Säugthier e, 2) Vögel, 



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108 Eckerle Naturgeschichte. 

3) Amphibien, 4) Fische, 5) Iirsecten, 6)* Würmer. Die 
Säugthiere tbeilt er nach Blumenbacb's System, giebt aber 
die meisten wich tigern inländischen und viele ausländische 
Thiere in kurzer, bündiger Beschreibung; Genera und Speeles 
werden hauptsächlich mit deutschen Benennungen bezeichnet, 
doch sind auch die lateinischen Namen in parenthesi beige- 
fügt;. — Die Vögel zerfallen nur in Landvögel, Wasservögel 
und Sumpfvögel; die erstem scheiden «ich aber in Raubvögel, 
Grofsschnäbltr, Spechte, Raben, Sperlinge, Hühner und Lauf- 
vögol. Eine bedeutende Anzahl sowohl in- als ausländischer 
Vögjel ist gut und passend beschrieben. Alsdann wendet sich 
der Verfasser zu den Amphibien, welche er in kriechende und 
schleichende eintheilt ; zu den erstem rechnet er die Schild- 
kröten, Batrachien, Eidechsen und Molche, zu den letztern 
die Schlangen. Auch hier ist das für den ersten Unterricht 
taugliche sorgfältig ausgewählt. — Die Fische zerfallen in 
Knorpelfische und Grä teil fische ; die Knorpelfische werden in 
solche mit und ohne Kiemendeckel getheilt, während die 
Grätenfische in Ohnflosser , Halsflosser , Brustflosser und 
Baucbflosser sich trennen. Zu der fünften Klasse, den ln- 
secten , gehören nach der Linne'schen Eintheilung aufser den 
eigentlichen Tnsecten auch noch die Krebse, Scorpionen, Sco- 
lopeudern und Spinnen ; sie x zerfällt in folgende sieben Ord- 
nungen: 1) Käfer, 2) Halbkäfer, 3) Schmetterlinge, 4) Netz- 
flügler, 5) Hautfl tfgler , 6) Zweiflügler, 7) "Oh i flügler. — 
Auch die Würmer, als die sechste und letzte Klasse, sind nach 
Linne' eingetheilt, enthalten daher sehr viele ganz verschieden- 
artige Thiere, und besonders bei diesen und der vorigen 
Khiise hätte der Verfassser die neueren Zoologieen mehr be- 
nutzen sollen. Uebrigens sind auch hier die wichtigsten, zu- 
mal innländiscben Thiere redt genau beschriehen. 

Schon längst fühlte man allgemein das Bedürfnifs einer 
guten populären Naturgeschichte, und diesem Mangel hat der 
Verfasser durch dieses Werk abgeholfen. Wenn er auch die 
neuem Entdeckungen und Systeme, namentlich die Zoologie 
von Cuvier nicht ganz hätte übergehen sollen, so giebt den- 
noch sein Buch eine ziemlich vollständige Uebersicht der Na. 
turgeschichte, und wird dadurch dem Anfänger zu einem recht 
brauchbaren Hülfsmitte). 




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Theodosius vou Tripolis Kugelsehmtte. 109 

• * # 

Theodosius oon Trjpolis drty Bücher Kugelschnitie. ' Aus dem 
Griechischen mit Erläuterungen und Zusätzen. Herausgegeben 
von Ernst Nizze» Nebst 4 Tafeln in Steindruck. Stralsund % 
1826. 1 Tblr. # 

Die drey Bücher Kugelschnitte des Theodosius von Tri- 
polis haben mit der ausgezeichneten Schrift des Apollomut • 
von Perga de sectione rationis gleiches Schicksal gehabt. Von 
beiden gingen die griechischen Handschriften verlohren, fan- 
den sich aber arabische Uebersetzungen. Lange vorher , ehe 
man eine griechische Handschrift der ersteren wiederfand, war 
sie durch Uebersetzungen aus dem arabischen*bekannr. Dafa 
man immer einen grolsen Werth auf dieselbe legte , beweisen 
die mancherley Ausgaben und Bereicherungen, welche sie 
durch die Bemühungen ausgezeichneter Männer erhielt. Fin- 
den sich doch unter denen, welche sich mit ihr besonders be- 
schäftigten die Namen eines Job. Müller von Königsberg, 
Job. Trätorius, Franz Maurolycus, Crist. Cla- 
vius, Franz Millint Decsales, Barrow, Voegelin. 
Sie verdiente diese Auszeichnung. Denn sie enthält einen 
bedeutenden Reichthum interessanter Lehrsätze über die Ku- 
gel , in dem geometrischen Geiste der grolsen griechischen 
Geometer, Euclides, Archimedes und Apollonius bebandelt. 
Besonders reich ist sie in der Zusammenstellung der Eigenschaf- 
ten einander berührender Kugelkreise, und der mannigfaltigen 
Umkehrungen der dahin gehörigen Sätze. 

Was in den auf uns gekommenen griechischen Originalien 
etwa mangelhaft gefunden werden mag , däs haben die arabi- 
schen und späteren Commentatoren ergänzt und verbessert. 
Herr 'Nizze trennte die Uebersetzung der Urschrift von den 
Zusätzen der Bearbeiter,* welche in einem Anhange gegeben 
wurden, fügte nur hin und wieder seine eigenen Anmer- 
kungen fortlaufend hinzu. Die Uebersetzung ist, wie sich 
von dem Uebersetzer der Schriften des Archimedes erwarten 
liefs, wohl gelungen, und die eigenen Zugaben des Ueber« 
Setzers geben ein rühmliches Zeugnifs von dem eindringenden 
^Scharfsinn , mit welchem er sich die Werke der Alten zu eigen 
zu machen versteht. Es ist ihm auch als etwas recht Ver- 
dienstliches anzurechnen , dafs er, während ein grofser Theü 
der deutschen Mathematiker das Heil der Mathematik nur in 
dem Studium der Analysis der Neueren sucht, seine Kräfte 
den Alten zuwendet, und je länger, je mehr auf die Wichtig- 
keit des Studiums der über alles Loh erhabenen, von den 
neueren selten erreichten, noch nie übertroffenen , Schriften 
der Alten hinweiset. 

■ * 



t 

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1 10 Enbii Annale« et Naeviua de hello Pun. 

» * • 

* 

Quin ti Ennii Annaliam libb. XVlll. Fragmenia. Post Pauli Merulae 
curas herum recensita % auctiora reconcinnata et illustrata» Acc*~ 
ilant Cn. Naeoii Librorum de hello Punico Fragmenta collect a , 
» cpfnposita et illustrata, Opera et studio E. S» Lipsiae sumtibus 

libr. Hahnianae. i825. XLVl und 2l6 S* 8. 1 Rtblr. 

% e • 

i Der an den Anfangsbuchstaben seines Namens, und der 
Unterschrift der Vorrede QScripsi Cellis Hannoveranis die 27. Octobr. 
1824, £. S. JCtus) nicht schwer zu erkennende Herausgebet 
sagt in der Vorrede, P. Merula habe sich um die Fragmente 
der Annalen des Ennius durch seine Ausgabe derselben sehr 
verdient gemacht, da sie aber so selten geworden sey , und iri 
x d«n später gemachten Abdrücken dieser Fragmente dessen An- 
merkungen weggelassen seyen, so habe er schon als Jüngling 
den Entschlufs gtfafst , und bereits vor 18 Jahren Hand ange- 
legt, diese Fragmente mit Merula's Erläuterungen seihst her« 
auszugehen, sie mit fremden und eigenen Anmerkungen zu 
bereichern, endlich in den Sommerferien des Jahres 1824 seine 
Papiere wieder hervorgesucht , in Ordnung gebracht, ver- 
mehrt und zum Druck fertig gemacht. Uebrigens hahe er von 
Merulas Noten eine Auswahl inachen zu müssen geglaubt, 
manchen Fragmenten, seiner Ansicht nach, einen richtigem 
Platz angewiesen, in der Orthographie nur die erweislich 
Ennius'scben Formen beibehalten, die von Merula übersehe- 
nen oder erst später bekannt gewordenen Fragmente einge- 
schaltet, das (seltsam musivisch ausgearbeitete) Leben des 
Ennius von Merula und eine Notitia literaria vorausgeschickt, 
die Fragmente des Nävius'schen Gedichts de hello Punico sorg- 
fältiger zusammengesucht und geordnet, da sie auf das siebente 
Buch des Ennius ein bedeutendes Licht Werfen u. s, w. und 
schliefst endlich die Vorrede : „bis fruere, benigne lec- 
„tor , et utere! Kecordaris [wohl Druckfehler für r e- 
„corderisj tarnen, precor, Ii bellum huncce tibi 
„ e x h i b e r i a homine [ab hominel a philologiae, 
w quod vocant, studio jam duduin ad alia castra 
M advocato, forensibusque negotiis per quatuor- 
üdecim annos addicto. Mihi igitur indulgeas, 
»et condones, s i q u a e invenias, qu a e minus recte 
w ])osita, imo, quae deteriora tibi videanturl«« 
Dieser Sehl ufs entwaffnet die Kritik, und nöthiget sie, nicht 
ihren objectiven Maafsstab an das Werk zu legen , sondern zu 
erwügen, dals wir hier eine Arbeit eines Mannes vor uns ha- 
ben, die grolsen Theils seinen Jünglingsjahren angehört, dafs 
ferner nicht ein Philolog von Profession uns eine Bearbeitung 



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Ennii Annale« et Natvius de bello Pun. 111 

eines Schriftstellers anbietet , die auf Vollendung Anspruch 
macht, sondern ein Freund der alten .Literatur eine von Vielen 
(auch von Heyne) gefühlte Lücke in derselben ausfüllen will, 
bis etwa eine den strengsten Aufforderungen der Kritik ent- 
sprechende Bearbeitung die seinige überflüssig machen möchte. 
Und von dieser Seite betrachtet müssen wir Hrn. 'E. S. nur 
danken. Dem Ref. wenigstens,* der seit vielen Jahren verge- 
bens nach der Ausgabe des Merula trachtete, war diese Bear- 
beitung im höchsten Grade erwünscht, und sie wird es ge- 
wifs auch vielen Andern seyn ; sollten sie auch mit uns wün- 
schen, dafs der Herausgeber die Auswahl der Noten Heber 
seinen Lesern überlassen, d. h. dafs er sie vollständig gegeben 
hätte; sollten sie auch mit uns noch mehr Spuren der Berück* 
sicbtigung der neuesten philologischen Literatur wünschen 
(obgleich Niebuhrs, R. G , Cic. de rep. vonMajus und Stein- 
acker , Cramers Bearbeitung des Scholiasten zum Juvenal, 
Osanns Analecta, Lions Gelfius, Frouto und dessen Bearbei- 
ter, Cramers Hauschionik, Hermanns metrische Werke , frei- 
lich nur die äbern, nicht vergessen sind); sollte sich auch hier 
und da schärfere Kritik in Anordnung und Schreibung wün- 
schen lassen ; und sollte auch die Sprache des Herausgebers 
nichts weniger als rein erfunden werden; z. B. S. III. »cum 
w spem eorum egregie fefellerit; Heynius, divi- 
„ n a e memoriae vir; V. annotationibus suis meag 
„adjeci; wie S. 13. apud Hottingerum in editionq 
„sua Cir, de div, ; V. frustilla, quae allegantur 
M ab auctoribus, disjunctiin excitata, per a s t e - 
„riscos i n d i ca n t ur ; das beliebte forte legendum, 
derivare u. d. gl. Der Druckfehler dürften auch etwas 
wenigere seyn, zumal in den Citaten: z. B. S. 37. ist citirt 
Cic. de rep. II. 41 ; die Stelle steht aber im ersten Buche; 
Lactant. de fals. relig. I. 14; es ist aber das 15* Kap. S. 118 
wird Gaza's griechische Uebevsetzung einer Stelle des Ennius 
mitgetheilt, warum nicht auch S. 85. S. 84» (Vers 38) ist 
wohl in dem Verse: Quo nobis mente«, rectae qua« 
stare oidtbant, das letzte Wort ein Druckfehler für sole- 
bant? Zum Schlüsse will Ref. dem Herausgeber noch einen 
Beitrag zur Notitia literaria mittheilen: Q. Horatii Flacci 
de Ennio Poeta effatum — exposuit J. C. Cramer. 
Jenae 1755. 13. Seiten in 4. — Druck und Papier gereichen 
der Verlagshandlung zum Lobe. 

• 

■ 

1 



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112 Schüelein Register tu Gescnius. 

Wort- und Sachregister zu G p $en\jss heb r ; £ß i* sehe r Gr am- 
mar ik. Für alle Auflagen brauchbar und mit der Seitenzald der 

, . siebenten versehen, von Carl S chüelein 9 Professor ßm Lyceum 
zu Speyer. Heidelberg und Speyer. Verlag %ym August Ofs- 
wald. 1826. IV. S. 43. S. B. 30 kr. 

Der Vf., von dem wir d*> so empfehlungswerthen Mm. 
ter- und UebungsblÄtter zur ßtldung des Ausdrucks und Ge- 
schmacks bähen, zeigt sich hier auf* einem ganz verschiedenen 
Felde, aber auch in diesem recht eigentlich zu Hause. Er 
giebt den zahlreichen Besitzern der Gesenius'schen Grammatik 
Register in die IIa' ade , wofür sie ihm danken werden. Dem 
Re£ wenigstens waren sie sehr willkommen und für den Ge- 
brauch des genannten Werkes schon vielfach erleichternd. 
Das 1. ist ein alphabetisches sehr vollständiges lnhaltsregistec 
bis S. 16. Das zweite enthält Beispiele und öfters voi kom- 
menden Formen bis $.*£4; da« dritte und vierte auf S. 25 und 
26. das Verbum und die Conjugationen ; das fünfte geht üJttC 
die berührten verwandten Dialekte S. 27. Die sechste Abthei- 
lung bis zu Ende hat die Ueberschrift Recapi tu la tio ne n 
und Zusätze insbesondere zur Geschichte der 
Sprache inl8 Paragraphen, die das hei Gesenius Vorköm. 
mende duich viele interessante Notizen ergänzen, bereichern 
und erweitern, und wird Studierenden , die an der hebräi- 
schen Sprache und Literatur Geschmack gefunden haoen, be- 
sonders willkommen seyn. Einige Druckfehler wird eine neue 
Auflage zu verwischen haben; z. B. gleich anfangs die falsche 
Wurzel des Worts Hebräer *ON* die Fehler in den griechi- 
schen Wörtern; aus den zwei Männern (S. 42) Sebastund 
Münster wird wieder ein Sebastian Münster werden, 
und Meteg in Zukunft Methegh heifsen. Warum wird 
wohl S. 36 , unter denen , welche mehr Licht in die altern An« 
sichten gebracht haben, Vater nicht genannt? und warum 
mag wohl S. 38. in der Erklärung der hebr8iacben Buchstaben« v 
narnen und Figuren bei dem Mem die Bedeutung Wasser nicht 
erwähnt? S. Hugs Werk: Die ErEndung der Buch- 
stabenschrift (Ulm 1801. 4.) S. 40. und die Kupfertafel 
dazu. Doch diefs sind Kleinigkeiten in Vergleicbung mit der 
vielfach nützlichen Belehrung, die diese Blätter enthalten. 



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n. a 



♦ « 



Heidelberger 



1827, 



w » 



Jahrbücher der Literatur. 



üeber alleinseeligmachendc Kirch«. Von F. PV. Carove\ 
Frankfurt a. M. bei Hermann. 1826» 562 8. 4 A» 

Der Verfasser — so viel Ree. weifs , ein Mitglied der 
teutschkatbolischen Kirche 1 — giebt hier einen sehr gründlich 
Verweisenden Beitrag zur Geschichte eines Dog- 
ma, welches besonders zur gegenwärtigen Zeit nach seinem 
kirchlich ausschliefsenden Sinn genau gekannt tu werden ver* 
dient. Die, welche auf beiden Seiten prüfen wollen , werden 
an dieser Grundlehre, dafs das Seeligwerden Vpn Gott an ein 
gewisse« Kirchenthum gebunden sey, die Nichttheilnahme 
an demselben also oder die Ausschliefsung (Excommunication) 
ewiges Yerdammtaeyn bewirke, den Unterschied zwischen 
en, zarten Empfindungen für Humanität, oder starrer * 
> i .schliefslicher Kirchlichkeit finden müssen. Sie werden ihn 
wenigstens durch nichts anderes mehr noch überzeugend finden 
können. Die Spitze der Folgerungen aus diesem Kirchen* 
erundsatz ist, dafs, wie es auch die römitch allgemein aner- 
kannten Concilien zu Florenz und Lyon (8.113.) ausgesprochen 
haben, sogar alle ungetaufte Kinder ewig der Hölle 
angehören. 

Wie. Ree. immer, so hat auch der Verf. hierdurch nichts 
von Polemik oder theologischem Kriegführen zur Absicht, 
wodurch nicht das Richtige, sondern nur das Unrechthaben 
des Gegners gesucht würde. Er widmet seine Schrift allen, 
welche M in .Liebe die Wahrheit und in der Wahr- 



heit die Liebe suchen**. Und so ist er durchgängig nur 

Doi 



mit der gründlichen Darlegung, was jenes kirchliche Dogma 
in der That behaupte, und wie es sich in der (.bristen weit 
gebildet hab", beschäftigt, um desto genauer zu zeigen, 
woran sich der „römisch" Katholische entweder streng zu 
baiten möglich finden müsse, oder aber unwidersprechlich be- 
merken werde, ob die Humanität und das Ideal von Gott und dem, 
was gotteswf digseynkann, ihn von der alten (patristisebpapi- 
stucjben) Form a». Religion gewissenhaft abzugehen auffordere. 

XX. Jahrg. t.Heft, 8 



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1 1 4 Caro ve über alleinseeiigmacbende Kirche. 



Des Vfa. Hauptresultat scheint uns in der Note S. 428. aus. 
gedrückt zu seyn : „Nicbtdie absolut entgegengesetz- 
ten Formen [die mit einander gar nicht vereinbaren Grund- 
sätze entweder der KircbeninfalYibiljtät oder fortwährender 
Untersuchung! • und Berichtigungspflicht j geben in ein» 
ander über. Diejenige vielmehr, welche durch solche For- 
men aus einander gehalten werden, sagen sich [allmählig in 
ihrem GeniÜth] ganz oder theilweise von demselben los ; als- 
dann geben sie einander entgegen und reichen sich die Hände. 
So mufs [sagt der teutsch- katholische Verf.] der römische 
Katholik sich gänzlich von seiner absoluten Obedienz und In- 
toleranz lossagen ; der von dieser schon abgegangene Cb r i s rJ- 
glaubige hat sich nur von seiner theilweisen Spannung gegen 
manche Lebten und Einrichtungen der alten Kirche (Ree. 
möchte vielmehr sagen : des uralten flehten Urchristenthums) 
loszumachen."* Die kurze Frage ist: soll und will man unter 
der durch die Kirchenväter priesterlich, durch das Priester- 
thnm päbstlich gewordenen fremden Vormundschaft über Alle 
immer stehen bleiben? dahin aurücksebreiten ? oder mündig 
werden? 

S. 8. beginnt -von der Entstehung des Dogma der 
Alleinsee^ig mach ungskraft der Kirche nach rö- 
misch-katholischer Lehre und Ueberlief erun g. 
Ree. aber möchte die Frage doch noch etwas weiter zurück- 
führen , um deutlich zu. machen, wie denn aus der reinen, 
biblischen Cbristuslehre, in welcher die Wahrheit gewissen- 
haft frei machen sollte (Job. 8, 32.) und wirklich frei machte, 
dennoch dieses unerbittliche Binden an eine Menge kirch- 
licher, eigentlich- nur patristischer , aynodaliscber und schola- 
stischer, Lehrbehauptungeu entstehen konnte. Wir schicken 
darüber um so lieber einige Worte voraus, weil der Verfasser, 
so richtig Er sich mit dem Sinn des Kirchendogma bekannt 
gemacht bat, doch auch schon bei den Aposteln, vornehmlich 
bei Paulus, etwas von der Härte dieser Lehre rinden zu müs- 
sen meint (S. 15. 22. und sonst), wovon sie eine sorgfältige 
historische Interpretation loszusprechen unpartheiisch die 
Pflicht und die Freude hat. Die historisch treue, aber mit 
voller Sacbkenntnifs ausgerüstete Interpretation giebt immer 
die sichersten Ehrenrettungen des Bibelsinns. 

Allerdings nämlich theilte zü Jesu Zeit der jüdisch- mes- 
sianische Volksglaube das ganze Menschengeschlecht in zwei 
Theile, das Reich des Satans and seiner Engel, und das Reich 
der Gottheit und des Messiasgeistes oder Sohnes der Gottheit, 
der selbst 1 Kor. 15, 28. um alles , was sieh bessern lasse, »u 



UICJItl 



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Carotre über alleinseeligmaohende Kirche. , if3 

. 

Gott zurück su fahren (Job, 1, i4.)t eingekdrpert unter den 
Menschen erschienen sey. Hier scheintdenn freilich, beim ei sten 
Anblick, der nämliche ausschliefsende Unterschied schon vor- 
an zu geben, dafs im Gebiet des Teufels und also auch in der 
Theiinabme an seinem Schicksal ein Jeder seyn müfste >, der 
nicht in das Reich des Messias durch die als enge beschriebene 
Pforte sich hinüber gerettet habe. Das, was im Neuen Te- 
stament Reich Gottes genannt wird, ist das alleinseeligma- 
chende. Deswegen war es auch in der Folge sehr leicht, so« * 
bald man jenes neutestamentliche Reich Gottes und die Kir- 
che, welche doch nur eine der Anstalten für die Religiosität^ 
und nie die Religion ist, für ganz gleichbedeutend nahm, die 
Kirche für das alleinseligmachende zu nehmen. 

Der grofse Unterschied aber liegt darin, dafs man weder 
in das Satansreich, noch in das Reich der Gottheit durch das 
Nichtglauhen oder durch das Fürwabrbalten gewisser unprak« 
tischer , gebeirnnifsvoller Dogmen und Lehrbehauptungen 
versetzt zu werden lehrte oder meinte. Nur Wer in der Ge- 
sinnung, im Wollen und Handeln, dem Teufel ähnlich war, 
wurde auch als ein Theilnehmer seines (einst nach vorbeige« 
lassener Besserungsfrist ewig) unglückvollen Reichs undScbick« 
sals angesehen. Gott und das, was in der himmlischen Gei« 
sterwelc sey, setzte man voraus, glaube auch Teufel, aber 
mit Zittern t und ohne irgend durch Dogmenglauben seelig 
zu werden. f*- 

Der Weg in das Reich der Gottheit dagegen wurde eben 
deswegen für enge und schmal gehalten, weil man durchaus 
nicht vermittelst der gar leichten und bequemen Hingebung in 
das Glauben gewisser .Lehrbehauptungen , sondern nur durch 
ein gotteswürdiges Wollen und Handeln dahin gelangen könne. 
Hier beruhte also der grofse Unterschied zwischen dem Reiche 
der Verdammung und des Seeligwerdens durchaus auf dem 
Praktischen; er beruhte durchaus auf der Sache selbst, 
nämlich auf der Bescbaffenbeir , wie das GemÜth in dem, was 
von ihm eigentlich abhängt, in der Willensentschlossenheit, 
in der innern That, sich gebildet bat und festbesteht. Das 
Seeligwerden war eine unmittelbare Folge der Geistesrecht« 
schaffenheit und des Nichthandeins nach dem Unrecht. Luk. 
13 , 27. Matth. 25 , 34 — 46. Eigentlich theoretische 
Lebren hatten darauf gar keinen entscheidenden Einflufs. Nur 
in so fern die Anerkennung des gotteswürdigen Seyns und 
Wirkens (Hebr. 11, 6.) auch eine Lehre ist und in erweis- 
lichen Lehrsätzen dargestellt werden kann, hatten freilich 
auch Lebren, aber nur als Gegenstände des Willens , darauf 



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116 Carove* Ober alleinseeligmaehende Kirche. 

Einflufs, ob Einer der Gesinnung nach göttlich oder lata« 
niscb wäre. 

Deswegen wird auch in den Schriften der Apostel gegen 
keine Lehrtneinung geeifert, wenn sie nicht zu praktisch 
schädlichen Folgen sichtharlich Veranlassung gab. Paulus 
(1 Kor. 3 » 11 — 17.) giebt wohl au , dafs man auf den Grund- 
satz: n Jesus ist der Messias ! der wahre JLehrregent zu Befol- 
gung des göttlichen Willens allerlei Folgerungen und 
Einrichtungen bauen könne, die zum Theil dem Gold und 
Silber', aber auch dem Stroh u. s. w. ähnlich seyn könnten. 
Das Feuer der Prüfung aber, sagt er, das ernste Nachdenken 
und drängende Lebenserfahrungen zeigen, was bestehe oder 
in sich vergänglich sey. Dagegen aber eifert er wider den 
(pharisäischen) Meinungsglauben und das Bestreben, durch 
blos äufserliche Handlungen (e^ya, opera operata) ohne Ueber- 
zeugungstreue gottgefällig und seelig werden zu können. 
Ueberall ist ihm das Praktisch - Verderbliche ein Greuel , wie 

1 Timoth. 4» 1—4. Das Anderslehren aber (e'rf^o&fäaffxoAeTv) 
ist ihm 1 Timoth. 6* 3 -—5. nur dann unerträglich, wenn es 
der Lehre zur Gottseeligkeit (rg xar* tvcsßsiav bihiay.aha) 
schadet, wenn dadurch allerlei böse Leidenschaften er weckt 
und genährt werden. Selbst das harte Wort des Johannes 
(2 Jon. 10.), dafs seine Christusschüler gegen einen, der eine 
andre Lehre bringe, nicht einmal gastfreundlich seyn, nicht 
ihn begrüfsen sollten, gebt ausdrücklich, nach Vs. 11, gegen 
solche , deren Umgang Gefahr brachte, an ihren bösarti- 
gen Handlungen , nicht etwa an blofsen Dogmen , Antheil 
su nehmen (*otvwvatv TC , 5 §^yot; aurcu rot; irovtjfo/;). Und der,ganze 
erste Brief des Johannas macht klar, dafs er gegen eine Gno- 
sis, die den Sitz der Sünde nur im sinnlichen Leibe, nicht in 
dein vom Geiste abhängigen Wollen , suchte, blos wegen der 
sitten verderblichen Folgerungen eiferte, welche darauf gezo- 
gen und praktisch gemacht wurden, Sie folgerten nämlich 
daraus, wie manche in der Theorie ron Willensfreiheit und 
Einsichtsnotbwendigkeit sich verirrende , dafs es für den 
Geist keine Sünde gäbe, und der, welcher im Licht sey, seine 
körperliche Sinnlichkeit und Leidenschaftlichkeit ganz sich 
selber überlassen dürfe, ohne dafs dadurch sein Geistiges ver- 
unreinigt werden könnte. Selbst die historische Gewifsbeit, 
dafs der Messias „im Fleisch« gekommen sey, d. i. einen ächten , 
menschlichen materiellen Körper gehabt habe ( l Job. 4 t 2. 

2 Job. 7.)» worauf deswegen auch das Johannes- Evangelium 
(19, 34 — 37.) so sehr dringt, ist ihm nicht etwa um eines 
theoretischen Dogma willen so wichtig und willkommen , 



Carov* über alleinseeligmichend« Kirche* 117 

sondern deswegen 9 weil er dadurch die aittenverderbliche 
Meinung, wie wenn das Sündigen nur im Körper gegründet 
wäre , für alle Christen so augenscheinlich widerlegen 
konnte. 

Auch nach Petrus (l Fetr. i f 18. 19.) hatte Jesus zur 
Losmachung der Menschen gelebt, gelehrt und sein Leben 
geopfert , aber nicht um durch Dogmen sie von Dogmen oder 
von Sünden st raten an sich, loszumachen , sondern von der 
durch Traditionen entstandenen geistlosen Handlungs weise 
(«* r>j; fxaraia; tjpwv icarqoicaqaboTQu avaffTfo(ß>j;)» 

Und dieser sich immer gleich bleibende Gedankengang in 
den apostolischen Briefen war auch bei diesen nächsten Nach- 
folgern Jesu noch nicht leicht anders möglich , da Jesus selbst 
(Matth. 4, 17 ) eben so wie der Täufer Johannes nirgends 
von einem theoretischen Dogma, sondern immer von der An- 
forderung an den Willen (Matth. 3» 8. Luk. 3, 8 — 14.) aus- 
gegangen war. Jesus selbst dringt, wie die Rede vom Berge 
beweist, nur auf des Menschen wirkliche und eigene, aber 
nicht pharisäiscb-äufserlicbe Rechtschaffenheit , und auf Weg- 
rSumng aller entgegenstehenden Verkünstlurigen und Sophi- . 
stereien. Sein Wort: seyd (willens-) vollkommen, wie der 
beilig geistige Vater im Himmel , Matth. 5, 48, ist nicht etwa 
nur so ein Wort, gesprochen, damit etwas unmögliches ge- 
fordert wäre. Auch späterbin, da er sich Lebrgesandte aus- 
gewählt hatte, und sie zu diesem wichtigen Geschäft vorbe- 
reitete, ist ebenfalls wieder durchaus nicht ein Verbreiten von 
mancherlei Lehrbehauptungen seine Aufgabe an sie, sondern 
die einfache Aufforderung, ein frohwilliges (evangelisches, 
nicht blos gebotenes) Reich des göttlichen Willens eu verkün- 
digen. Matth. 10, 7. Daher war auch bei ihnen die nflmliche 
praktische Aufforderung x u r Ge s i 11 n u n gsä n d e- 
rung (zur Metanoia, und immer zur Metanoia) ohne alle die 
Umwege, welche erst durch die vielerlei dogmatischen Lehr- 
behauptungen dazwischen gestellt werden, geradezu der In- 
halt ihrer moralisch- religiösen Verkündigung (ihres «J dyysXt'- 
cVSai). Sie waren (Mark. 6, 12 ) «x^iWov, %a ujra- 

vofrwtrt. 

Daran demnach waren sie von Jesus gewöhnt, und des- 
wegen war nicht irgend eine Lehrmeinung, sondern nur 
das thätige Wollen des Bösen (wie die Natur der 
Sache es mit sich bringt) Ausschliefsung von dem urcbristlichen 
Reiche der Gottheit; weshalb sich jede wegen der Dog- 
men a u s s ch 1 i e f s e nde Kirche von dem Gottesreich Jesu 
gar auffallend unterscheidet. 



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I 

c 



I 

1 1 0 . Cvqy* über aiieioseeligmaehead« Kirch«. 

Auch die bekannte Stell«, aus welcher man die 'Macht der 
Kirch«, «in Mitglied so auszuschliefsen , dafs «s wieder wie 
ein Heide oder Zöllner würde, nach einem exegetischen Mifs- 
griff der die infallibl« Kirche begründenden, so sehr oft ral. 
libjen Kirchenvater abzuleiten gewohnt ist, redet durchaus 
nicht von einem Ausschliefsen wegen Lehrver* 
ach i «d« n h « it. Matth. 18, 15 ■ — 17. Nur wenn «in Christ 
dem Christen Unrecht that, und sich davon weder durch 
das. gütliche Zureden, auch von mehreren Freunden, noch 
durch die Erkenntnis der aus der Nähe sachkundigen „ Orts« 

femeinde« darüber, dafs er gegen den andern sündigte, zur 
Villensänderung sich bewegen Hefa , durfte ihm , wie es die 
Natur der Sache mit sich brachte, von ebenderselben näch- 
sten Beurtheilerin der Umstände (nicht etwa von einer über 
die halbe Welt verbreiteten Ökumenischen Kirche oder Synode ; 
woran in dieser Stelle kein Gedanke ist) die Erklärung g«- 
macht werden» dafs er durch ein solches Betragen nicht wie 
ein Bekenner des Christenthums, sondern wie ein Uncbrist 
handle, in so f«rn er hartnackig seinem Mitbruder Unrecht 
thun wolle. 

Eben darauf beruhet aneb jenes Beispiel eines pauliniscb- 
christlichen Anathema in der Gemeinde zu Korinth (1 Kor. 
5,1 — 5.). Nicht etwa ein theoretischer Dogmenläugner, 
sondern ein Mensch, der die christliche Freiheit sich als Ge- 
setz- und Sittenlosigkeit ausdeutete, und mit seiner Stief- 
mutter als Hurer lebte, nur ein solcher war es, von welchem 
der Apostel mit so vieler Feierlichkeit ausspricht, dafs er 
durch diese Handlungsweise von selbst aufhöre, ein Christ 
zu seyn, dafs er eben deswegen von der Christengesellschaft, 
um nicht beiden Heiden anstöfsig zu werden, und (Vs.6) um 
solchen sittenverderhlichen Sauerteig nicht unter ihr selbst wir« 
fcend zu machen, aus ihrerMitte weggewiesen werden solle. Wir 
müssen ihn, sagt Paulus, als einen solchen „dem Satan über- 
lassen«. Dies war nicht Verfügung oder Willkühr, sondern 
der unmittelbare Sinn und Inhalt seines eigenen Wollens und 
Thuns. Hatte er sich doch durch Sein Wollen und Handeln 
selbst wieder dem Satan ähnlich gemacht, und also nach dem 
oben angezeigten Begriff durch die Willensgleichbeit in das 
Satansreich versetzt. 

Aebnliches sagen Stellen späterer Brief«. Wenn zum Bei- 
spiel Einig« durch das Bezweifeln der thätigen organisirten 
Fortdauer des Geistes das Unrechtthun (die dh%i<t oder das 
Gegentheil der urchristlicben Grundlthre von der wahrhaften 
Qesinnungsändtrung ) in die Gemeinden einführen od«r «r- 



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Catovi über alleinseeligmachende Kirch«. i 19 

leichtern wollten (2 Timoth. 2, 2. 18« <9 ), dann ist des Apo- 
stels Eifer stark gegen sie; aber er bat nicht irgend einen Kir« 
eben glauben lum Zweck. Er will vielmehr (Vf. 21.) bewir* 
ken , dafs ein Jeder zu allen guten „Handlungen« bereit 
bleibe, und (V«. 22.) Rech tscbaffenbei t aus reinem 
Gemüth ist das, was Paulus durch das Abweisen unnöthiger 
Streitfragen (Vs. 23.) bewirken. will, in so fern sich einige 
(Vi. 26 ) dadurch in eine Aebnlicbkeit des Willens mit dem 
Teufel verwickeln liefsen. 

Dies war der ursprünglich praktische Gang der Christus« 
lehre; und auch nur diese unmittelbar den Willen aufregen« 
de, nicht erst durch eine fast endlose Dogmenreibe zu einem 
abermals theoretischen Moralisiren führende Lehrart macht es 
begreiflich, warum das Christenthum so unmittelbar und 
mächtig die Gemütber rührte, und bei allen feiner Empfinden-* 
den, welche eben dadurch schon in die bessere Richtung und 
Ordnung (Apostelgescb. 13, 48. Tiraypsvot oder nach Luk. 9, 
62. nSerot) für ein ewig bestehendes wahres Leben eingeleitet 
waren, so vielen Eingang fand. Nur dadurch aber, dafs man bald 
nachher diese geradezu den Willen erregende Lehrart verlief* 
und sie in die entgegengesetzte theoretUirende umkehrte, 
welche durch den unübersehbaren Umweg vieler nicht unmit- 
telbar überzeugender Lehrbebauptungeo endlich erst den Wil- 
len in Bewegung bringen zu müssen meint, verwandelte man 
in Kurzem das überall mögliche, wahrhaft universale oder ka- 
tholische innere Reich des göttlichen Willens in ein — Kirchen«» 
tbum, welches als äufsere Gesellschaft das Unentbehrliche und 
das Lehrunfehlbare zu seyn sich beredet bat. Die Früchte 
von dieser Umkehrnng des biblischen Vorbilds, von dieser 
nicht urchristlichen Lehrart sieht, wer sehen kann, in den so 
zahlreich gewordenen Christenkirchen, welche leer von Christen 
und voll von Dogmenglaubigen , das ist, von Menschen sind, 
die sich mit mehr oder weniger Anstrengung darein resigniren, 
alles ohne weiteres für wahr gelten zu lassen, wai zu glauben 
nun einmal von der Gottheit zur Bedingung des Seeligwerdens 
gemacht seyn möge. Statt dafs man nach der ursprünglichen 
Christuslebre überall zum Reich des göttlichen Willens gehö- 
ren konnte, wenn man die Gottheit im Geiste und wahrhaftig 
verehrte, so lenkte sich die von Jesus, Petrus, Paulus u. a. 
kaum über Tempel und Friesterschaft erhobene Christenheit 
schon wieder in einen Zustand , worin man zu Jerusalem oder 
su Rom besser, als auf dem Garizim, der Gottheit sich] nähern 
su können beredet wurde, und zwar deswegen, weil (nicht 
mehr das Wollen nach Gottes Willen , sondern das Wissen 
f 



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120 i Carove über alleinseeligmachonde Kirche. 

von seinem jWesen und Entschlüssen , dieses den armen Laien 
nur durch die Kirchen vor stände zugesicherte Wissen, die von 
ihm nach Gutdünken gesetzte Bedingung des Seeligwerdens 
geworden seyn sollte. 

Wie und wodurch aber , fragt man wohl, wurde dieses 
gänzliche Umkehren der Ordnung der Dinge in der kaum frei 
gewordenen Christenheit möglich ? ? Wir antworten : auf 
doppelte Weise, Eine allgemein begreifliche Ur- 
sache brachte noch eine besondere in den Christengemein« 
den hervor , durch welche das theoretische Wissen und Glau- 
ben, leider"! abermals statt des Wollens und Thuns die Haupt- 
sache wurde. 

So oft auch ein bildungsfähigerer Theil der Menschheit 
irgend einmal recht auffallend für das Praktische, für eine 
rechtschaffene Lebensthätigkeit aufgeregt worden ist, ent- 
stund zwar zunächst immer eine recht sichtbare und wirksame 
Bewegung der Gemüther , wie sie durch alle mögliche Syste- 
me von theoretischen Ueberzeugungen niemals erweckt wird* 
Aber gerade diese Erregung des Wollens durch das einfache 
Gewissen, d. i. durch das allgemeine Rewufstseyn, dafs man 
nur recht und gut, nicht aber unrecht wollen sollte, ist an 
sich dem Menschen eine unbequeme Aufforderung und Anstren- 
gung. Es wird ihm zwar allzu auffallend wahr, dafs er sich r 
mit dem, was recht, gut und gotteswürdig sey, von ganzer / 
Seele beschäftigen sollte. Weil aher hierdurch immer seine 7 
Angewöhnungen an das an sich viel leichtere, willkü In liehe, 1 
leidenschaftliche Wellen und Handeln gestört und bekämpft 
werden, so ist es ihm doch gar unwillkommen, immer von \ 
praktischer Religion , von solcher Vereinigung der Pflichttreue 
oder MoraJ mit der Gottandächtigkeit hören zu sollen und 
dazu angetrieben zu werden. Wird ihm alsdann entweder . 
von zuvorkommenden Gewissensrätben. und gefälligen Anbe- 
quemern, welche die Religion auch mit der menschlichen 
Schwachheit zu »versöhnen« verstehen, oder aber von überflie- 
genden Weisheitskünstlern als sogenannten Philosophen, au£ 
irgend eine Weise gezeigt, dafs er sich doch auch gewisser- 
mafsen mit der Gottheit — in Gedanken — beschäftigen könnte, 
ohne dadurch immer in seinem Gewissen angeregt zu werden 9 
so ergreift er dieses Auskunftsmittel gar gerue, und überredet 
sich, oder nimmt die Ueherredung an , wie wenn darin eigent- 
lich die Religion bestünde; wobei ihm oft nicht so sehr das 
Unterlassen des Sündigens , als das Erlassen der Sünden 
als der Trost und Hauptzweck der Religion dargestellt zu werden 
pflegt. So wähnt er dann dadurch recht religiös zu werden , 



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Carov* über all e I n seel i gmach en de Kirch«. Iii 

• * 

wenn er lieh das, was die Geweibeten der unwissenderen 

Jahrhunderte, tind folglich (?) die Sachkundigen, über Gottes 
Wesen, Eigenschaften und Wirksamkeiten recht bestimmt zu 
wissen behaupteten, pünktlich genug vorsagen liefse und 9 da 
es doch für ihn zu hoch oder zu tief wäre, es alle« am Ende 
lieber mit einer gewissen festen Resignation als w^hr annähme 
und festhielte. Hat er erst diese mögliche Richtung des Gei- 
stes gefunden, so meint er leicht, er lebe ganz in Gott, nam- 
lich in der meteorischen Betrachtung dessen, was Gott an sieb 
•ey, nicht aber dessen, was er für uns Menschen ist, und was 
wir hauptsächlich gegen ihn seyn sollen. Kr ist leicht cu über« 
reden, er ehre dadurch die Gottheit am höchsten , dafs er, 
immer anstaunend, das Unerforschliche sich zu beschreiben 
suche, oder wenigstens darüber von Zeit zu Zeit sich kmge 
Lehrvorträge machen lasse, die aber kaum in den Sellin Ts Wor- 
ten noch einige allgemeine Anwendungen auf die Notfrwen- 
digkeit, gotteswürdig gesinnt und mit Gott geistig versöhnt 
zu seyn, machen möchten. . *' ••" 

Jedesmal hingegen , wo jenes Praktische, besonders durch 
ein Beispiel der möglichen Ausübung, anschaulich unter die 
Menschen gebracht war, bat es dergleichen mächtige Erregun- 
gen hervorgebracht; jedesmal aber ist es auch noch dieser ge- 
heimen Ursache des Mifsbeliebens gegen die Gewissensreligion 
bald wieder durch die Metaphysik der Religion so gleichsam 
neutralisirt worden, dafs man sich recht viel mit der Gottheit 
äu beschäftigen meinte, und dennoch im tagtäglichen Wollen 
und Thun dadurch wenig incommodirt wurde. 

Sokrates brachte diese lebensthätige Weisheit Tag für 
Tag an seine Athenäer. Selbst die Alcibiades konnten sich 
nicht läugnen ; dafs sq zu wollen und zu handeln das eigentlich 
Wahre wäre ; und die Spitzfindigkeiten der Sophisten stumpf- 
ten sich ab an dieser einfachen Erreichung des Zwecks der 
Menschheit. Aber wie schnell gingen aus dieser sokratischen 
Quelle wieder vier bis fünf Ableitungen hervor, welche alle 
meist nur ein übersinnli^pus Wissen herausschöpfen wollten, 
das Wollen aber nach dem göttlich Uebersinnlichen grofsen- 
theils zurückliefsen, oder nur wie einen unbequemen, allzu 
wenig speculativen Anhang, ihrer Dogmenphilosophie die 
Schleppe nachtragen liefsen. 

Auch unsre Evangelische Reformation begann lebenskräf- 
tig gegen eine Menge MifsgrifFe und Mifsbräuche, welche das 
Unsittliche und eigentlich Irreligiöse beförderten. Durch 
diese ursprüngliche Ansicht und .Lehrart waren, wie im Au- 
genblick , die nicht ganz unempfängliche Gemüther fast durch 



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• * 

t 

I * 

tft CaYoV* über alleinsesligmachende Kirche. 

ganz E*tröpa aufgeregt und begeistert. Aber wie bald kam, 
leider, wieder die alte Gewohnheit, dafs das Wollen und 
Sollen zurücktreten mulste, seihst die Volkskatechismen kaum 
noch in der Mitte durch die mosaischen zehn Gebote etwas 
von legaler Morali tat in Anregung brachten , das Wissen aller 
Geheimnisse Gottes aber bis zur furchtbar consequenten Prä* 
destiaationslehre und bis zur trennendsten Uneinigkeit wegen 
eines in der Offenbarung nicht erklärten „ist** wie zum See* 
ligwerclen unentbehrlich verkündigt und besprochen wurde. 
Daher nun, dafs Jahrhunderte hindurch die mit den Ueberliefe* 
rungen verbundene Metaphysik als Dogmatik fast einzig für 
RehgionsUbre galt; nicht viel besser, als damals, da in der 
Regula fidei und in den Kirchensymbolen neben so vielen Nott* 
sen vom der übergeistigen Welt nicht ein Wort von mensch« 
lieber Geistesrecht: schaffe nheit und Tugend Platz fand, und 
alles Hechtthun höchstens an den Begriff von heiliger Kirche 
angereiht werden sollte, welcher selbst doch meist nur auf ein 
äußerliches Geweihtseyn sich bezog. 

Und erlebten wir nicht seibat in unsern Lebenserfahrungen 
ungefähr den nämlichen Gang abermals auch in der Philosophie i 
Kant hatte all' seinen Scharfsinn angewendet, um dureb Dia* 
lektik die ganze metaphysische Dialektik zu zernichten, alle« 
aber auf das Praktische oder Willensthätige des Gemüths und 
auf die praktische Vernunft d. i. auf das Vermögen * Ideale der 
Vollkommenheit um ihrer Verwirklichung willen zu denken 
und zu, wollen, kunstvoll hingeleitet. Wie erregt waren da* 
durch so viele Gemüther! Wie lebhaft die Beistimmung des 
Selbstbewufstseyns, dafs man wohl könne, wenn man nur 
ernstlich und redlich wolle ! Wie ergriffen war bei dem 
mit Selbstverleugnung nur nach dem W^hrguten forschenden 
Reinhold, besonders die noch unbefangene, die studierende 
Jugend durch das, worüber alle Wollende so tief im Gemütb 
einverstanden werden konnten. Ergriff man aber nicht gar 
zu bald nur wieder Kants Beispiel dialektischer Kunst , um* 
sein Dringen auf Einsichten von lischt und Pflicht, welche 
unmittelbar zu befolgen waren, abzulenken und das alte Ge- 
webe vom Wissen über das Nicht wifsbare der letzten Ur- 
sachen "nach mancherlei neuen Modeln zu versuchen? 

Aebnliches nun bat sich wegen dieser allgemeinen Nei- 
gung, lieber betrachtend als befolgend sich mit dem Göttlichen 
zu beschäftigen t noch weit umfassender in der äufsern> 
Entwicklung des Cbristenthums als Religion des 
Volks und der Kirchengelehrten verwirklicht ; und die all« 



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I 



gemein menschliche Ursache trat hier noch m it einigen 
be»ondern Ereignissen in Yerbindang. 

Anfangs waren fast immer nur Erwachsene zu dem, was 
im Christenthum die Hauptsache ist, zur Gesinnungsänderung 
(Metanota) das ist, zur Unterordnung alles Sinnlichen unter 
die Geistesrecbtscbaifenheit aufgefordert worden. Jünger« 
und Kinder schlössen sich an und lernten von den Aelteren 
auch das Recht - Wollen und Thun für die Hauptsache zu 
halten. Sie wurden, wenn sie wollten, mit einerlei Formel 
getauft zum Ablassen von Sünden, wodurch hauptsäch* 
lieh das Nich tbegehen (das Entscblossenseyn zum Unter« 
9 lassen des Sündigens), zugleich aber auch die Verzeihung des« 
•en , was. man jetzt anders machen wollte (die Erlassung der 
Furcht vor nichtbessernden Abstrafungen), bezeichnet war. 
Denn wenn die Formel &l; a<p*riv dfM^rtaiv von den Occidentalen 
durch n in remusiomsm peccatorum" übersetzt Wurde , so war nur 
e i n Theil ihres Inhalts , dasErlassen, nicht aber der andere 
noch wichtigere, das Ablassen von Sünden , dadurch der la- 
teinischen Dogmatik vor Augen gehalten. Gegen das Ende des 
apostolischen Zeitalters , wo ohnehin nach der Zerstörung 
Jerusalems die christlichen Gemeinden in eine solche Stille sich 
zurückzogen, dafs wir bekanntlich von allem , was in fünfzig, 
•eebszig Jahren zwischen dem Jabr 70 und 126 sich gebildet 
bat, nicht aus gleichzeitigen Schriften, sondern nur dadurch , 
dafs es nachher da ist, etwas wissen, waren nunmehr auch 
viele von, dem Kindesaher her als geborne Christen zu er% 
ziehen, viele als völlig unvorbereitete Heiden aufzunehmen« 
Hier wirkte dann der fast allgemeine Irithum, wie wenn man 
die Kinder nur immer lehren und etwas lernen lassen inüfste. 
Dies gilt freilich von Dingen, die man nur durch Lernen zur 
Uebung und Angewöhnung erhalten kann; die Religion aber 
und das Christenthum, weil sie im Wollen und Sollen nach 
dem, was der vollkommene, heilige, Gott wollen kann, be- 
stehen, sollte immer zuvörderst durch Anregung des Wüllens 
unfl durch die ganz einfache Willensrichtung auf die kunstlosen 
Unterschiede von Recht und Unrecht, von Böse und von 
Recbtschaffenbeit in die Gemüther gepflanzt werden. Statt 
dessen dachte man, der mündlich zu Unterrichtende, der 
Katecbumene, habe den Zweck nach der TaufFormel getauft 
zu werden. Nach derselben wäre das Nötbigste gewesen , so- 
fern ein Lehren und Lernen eintreten sollte, hauptsächlich zu 
lehren , was a.) der Wille der Gottheit, des heiligen , als voll- 
kommen väterlich gegen alle Geister gesinnten Urgeistes , an des 
menschlichen Geistes Willen fordern könne, wie b.) der Sohn 

* 

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124 Caro?e über alleinseligmachende .Kirche. 

I *w 

der Gottheit, den Menschen Kinder Gottes, Unterthanen des 
göttlichen Willens au werden gezeigt und dafür gewirkt habe, 
und wie c. ) hierdurch und durch die an Mitteln für dasüesser- 
werden reiche Weltordnung Gott für die Menschen ein Geist 
der Heiligung sey , und in einem jeden selbstthätigen Geiste 
seine Geistigkeit für das Heiligwerden sich über Alles erheben 
solle. Statt dessen hatten die, welche noch einigermafsen für 
Gelehrte gelten konnten, vornehmlich die sogenannte kateche«, 
tische Ge)«hrten-Schule in*Alexandrien , gar viel Metaphysisches 
über den unerforschlicben Gott und über die aus ihm hervor« 
gegangenen Mittelgeister , # welches meist schon, von allego- 
ristischen Juden und andern zum Philosophiren durch die 
Phantasie anstrebenden Orientalen ausgedacht war, auch als 
etwas für den Christenunterricbt anwendbares gelernt. Daher 
wurde dann der Unterricht der Katechnmenen nicht 
eine Erweiterung der Taufformel für das Praktische oder die 
Willensthätigkeit, sondern für ein Wissen über Gott und die 
drei, dem Täufling, wie in den Mysterien, auszulegende Be- 
nennungen. Daher bildete man die Taufformel zu Weitläuferen 
Symbolen aus, in denen lange nicht einmal ein Wort vom 
Praktischen des Christenthums zu hören ist und selbst später- 
bin kaum etwas sich findet, woran sich der Zweck der Reli- 
gion, die Aufforderung des Geistes zum Heiligwerden, mit 
Festigkeit auch nur anknüpfen läfst, während doch nach dem 
Urbild der Cbristuslehre in den Evangelien und apostolischen 
Schriften fast immer nur von der RechtschaiFen.heit , von dem 
Heiligseyn, wie Gott heilig ist, und von einer die Hand- 
lungen heiligenden Ueberzeugungstreue zu lehrendes Muster- 
bild gegeben war. 

Dies nun war fast Alles, was der Katechumene von jenem 
überfliegenden Wissen Über den unerkennbaren Vater (den 
agnostos Theos) und über den Logos, als aus Gott gezeugten 
Geist und als Mensch geboren, gelernt hatte; wobei über den 
heiligen Geist noch gar wenig gelehrt, etwas mehr aber über 
die heilige (gottgeweihte, aber mehr in Ceremonien, als in 
Sitten strenge) allgemeingültige Kirche beigefügt wurde. 

Natürlich war dieses schwer Erlernte auch in der Folge 
dem Getauften allein das Wichtige, Ohne diese Dogmen wäre 
er nicht getauft worden, ohne die Einweihung der Taufe 
wäre er nicht in die seeligmachende Kirche gekommen, und 
von wem hätte er diese dahin führende Dogmen rechtgläubig 
genug erhalten können, als von jenen Kirchenlehrern, die 
dieses mysteriöse Lebren selbst sicbtbarlicb grofse Anstrengung 
kostete. Die Väter dieser Generationen waren Christen ge- 



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Carove über alleinseeligmaeheude Kirche. 125 

Worden, Weil sie sieb überzeugt hatten, dafs die von Christus 
verkündigte und geforderte Geistes - Rechtschaffenbeit, wenn * 
sie seinem Lehren, Leben und Leiden gemäfs wäre, auch für 
jeden andern Geist das wahrhaft Seeligmachende sey. Des» 
wegen waren sie in die Kirche als Versammlung der Angehöri- 
gen des Herrn (als ecclesia dominica oder xu^anij) wie in einen 
llegierungszustand des göttlichen Willens getreten, Deswe* 
gen, weil das seeligmachende Wollen und Thun, da» Prak~ 
tischheilbringende, durch die Kirche, als Verein für Auffor- 
derungen zu allem Guten und für gesellschaftliches Zusammen« 
wirkeu dafür, sehr gefördert, also das Seeligwerden mög- 
licher gemacht werden konnte, hatten sie die Kirche als seelig« 
machend gedacht und hochgeschätzt, auch wohl schon zum 
Theil mit dem Reich Gottes allzu* ausschliefsend identificirt. 
Jetzt wollten die Nachkommen auch in dieser Kirche seyn, 
wurden aber in dieser Beziehung hauptsächlich nur von über* 
steigenden ( transcendenten) Dogmen belehrt, lernten also 
diese Dogmen und das Glauben oder Fürwahrhalten derselben 
als die Bedingung, ohne welche man nicht in die seelig- 
machende Kirche aufgenommen werde, mit Furcht und Zittern, 
in Ergebung auffassen. 

Daraus nun bildete sich der an unübersehbaren Folgen 
reiche Grundsatz, dafs das Glauben mancher, nur aus 
der überirdischen Wirklichkeit mittheilbaren, Lehren von 
Gott. zur Bedingung des Seeligwerdens gemacht 
sey. Diese Leeren, so mufste man dann weiter denken , 
sind nur in dieser Kirche; also auch nur in dieser Kirche 
können wir seelig werden. Und selbst mitten in dieser 
Kirche, von wem können wir sie erfahren und lernen? Am 
besten doch nur von den Geweiheten (die indefs aber auch aus 
Presbytern aufs neue zu Priestern geworden waren), und be- 
sonders aus den Entscheidungen, welche diese heilige Männer 
in ihren zweimaligen jährlichen Synoden mit einander so 
überlegt haben, dafs sie aussprechen können: „Uns und dem 
heiligen Geiste hat es so gut gedünkt « u, s. w. 

Nicht mehr Menschen müfsten nun diese" Kirchenvorsteher 
gewesen seyn, wenn nicht der meiste Theil unter ihnen diese 
ihnen entgegenkommende Ueherwürdigung in demülhigem 
Selbstvertrauen angenommen und bald den weiteren Folgesatz ' 
daraus aufgestellt hätten, dafs zwar über die ausführlichere 
Auslegungen der Taufformel und der auf sie gegründeten Sym- 
bole von jedem Christen Weitere Lehransichteu versucht wer- 
den dürften, aber nur so lange, bis die Bischöite gemein- 
schaftlich einen bestimmten Erklärungsversuch als den ent- 



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126 Gtrovo über aileiaseeligmaeheude Kirche. 

scheidend richtigen anerkannt und ausgesprochen hätten* 
Alsdann sey er ein Dogma der teeligmachenden Kirche,' 
Welches ohne Weiteres zu glauben eine von Gott festgesetzte 
Bedingung des Seeligwerdens wäre und bleibe. Durch Beför- 
derung des praktischen, des gottandächtigen Recht wollens r 
war die Kirche als Mittel zum Seeligwerden mit Recht aner» 
kennbar geworden. Man setzte für den Kutechumenen - Un- 
terricht nicht das Wissen der Gründe des Praktischen (die 
eigentliche Theorie oder Betrachtung des Wissbaren und An- 
wendbaren), sondern das Meinen (Bonaiv) und Gutdünken über 
übermenschliche Wirklichkeiten , die auf jeden Fall ohne unier 
Wissen und Wollen wären und fortwirkten. Diese Dogmen 
gewöhnte man sich , für den zum Seeligwerden unentbehr- 
lichen Glauben (Glaubensinhalt) zu halten. Sie fand man nur 
in der bischöfflich zusammenbängigen Kirche, nur bei den 
Sprechern dieses eine allgemeine Gültigkeit ansprechenden 
Vereins. Um ihretwillen mufste also die durch solche Lebren 
entscheidende Kirche für die a 1 1 e i n s e e 1 i p m a c h e n d e, des- 
wegen bald für die 1 e hr u n f e b 1 b a r e gehalten werden. All** 
hüngt folgerichtig an der Voraussetzung: gewisse Lebrbe- 
bauptungm von übet irdischen Wirklichkeiten zu glauben, i«t 
die erste und höchste von Gottes Willkübr (von einem abso- 
lutum arhitrium) festgesetzte Bedingung des Seeligwerderis. 
Alles hängt daran , dafs der willenthätige Hauptzweck des 
Urchristenthums und die durchaus praktische Lehrart Jesu 
und der Apostel in die Aufgabe, Lehrgeheimnisse zu glauben 
und in die Lehrart umgewandelt worden ist, wo man durch 
unübersehbare Metaphysik und Hyperphysik erst zur Über- 
zeugung vom Sollen und dadurch endlich zum Wollen ge- 
bracht werden soll; ein Umweg, auf Welchem nach tausend- 
jähriger Erfahrung noch weit mehrere praktisch untbätige 
Christen entstehen, als durch die praktische Lehrart Jesu, 
durch das unmittelbare Wirken auf das Wollen, willenstbä- 
tige ursprünglich erweckt Worden sind. 

Und nun, dünkt Ree, stehen wir auf dem Funct, wo 
wir die Entstehung des Dogma von dem Alleinseeligmacben 
einer Kirche begreiflich finden, von welchem jetzt der Verf. 
das wirkliche, unleugbare Daseyn gründlich nachweist, und 
später auch dessen Fortpflanzung durch den Lauf der Kirchen« 
gesebichte, durch die wichtigste Spuren der Ueberlieferung, 
richtig erkennbar macht. 

Weites seit dem Anfang des sechszebnten Jahrhunderts , 
aeit der Europäische Mensch in Sachen der Religion zum eige- 
nen , nicht blos eingelernten Selbitbewufstseyn erwachte» 

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• - 

- V 

I • 

Ca rov^ über all einseeligmaoLenda Kirche. 127 

nach und nach fast unglaublich geworden tat , dafs eine Kirche, 
eine Gesellschaft von lauter fehlbaren Menschen aich den«* 
noch für lebrunfehlbar und daher für ausschliesslich seelig- 
machend halten könne, ao wird es eine wichtige Aufgabe, 
eine solche traditionelle Kirche hei dieser ihrer Behauptung 
ao recht festzuhaken, und sie zu über weisen, -dafs sie diese« 
Unglaubliche zu behaupten und behaupten zu müssen entwe- 
der eingestehe, oder aber selbst ihre Veränderlichkeit (eine 
an sich erwünschte Veränderlichkeit zum Besseren) zugeben 
müsse. Deswegen hat der Verf. in dem ersten Hauptabschnitt 
aus dem Concilium von Trident, welches in Umsicht der 
Lehre von seiner ganzen Kirche allerdings als entscheidend au* 
genommen ist, und aus dem römischen Katechismus, wie er f 
dem Decret des Conciliums gemäfs , zwei Jahre nach der Be- 
stätigung desselben unter der Autorität Pius V. (Rom 1566») 
herausgegeben ist, mühsam, aber vollständig bewiesen, dafs 
der Satz, „aofser dieser alleinigen Kirche sey kein Seeligwer-* 
den**, der Grundsatz ist, mit welchem sie steht oder fällt. 

Der Verf. bemerkt zwar S. 16. Not. 3, dafs freilich das 
TridentiscbeGoncil geschichtlich betrachtet eigentlich nur eine 
Repräsentation der damaligen römisch- italienischen Geistlich- 
keit war. Zwei Drittheile der Stimmenden bestunden aus den 
übermäfsig vielen italienischen BischöflFen. Viele derselben 
waren erst zum Behuf dieses Conciliums stimmfähig gemacht, 
Nich den römischen Kirchenrechtsformen aber ist eben dieses 
Concilium dennoch durch seine eigene Erklärungen und durch 
die päbstliche Coniirmation als allgemeingültig aufgestellt/ Ja 
es bat selbst (S. 20.) jedes andere Concil überflüssig gemacht, 
• weil es alles, was noch eine Erklärung oder Bestimmung er* 
fordern möchte, dem Ermessen und der weitern Ausführung 
des römischen Oberbischoffs ausdrücklich übergeben hat. 

Dieser nahm jene Bevollmächtigung auch in der Confirma- 
tion (1563) ganz gerne ah , so dafs nunmehr Jeder, der einer 
Interpretation oder Decision zu bedürfen meine, „nur hinauf- 
„zusteigen habe an den Ort, den der Herr erwählt bat, näm- 
>3 lieh zu dem apostolischen Sitz, dem Meister aller Glaubi- 
»gen, dessen Autorität auch die hochheilige Synode Selber so 
„ehrerbietig anerkannt habe. " Diese dogmatische Thatsache 
erweist der Verf. eben so augenscheinlich, wie jener Grund« 
satz Gregor's VII. ist: „Verflucht sey, wer sein Schwert 
vom Blute (der Nichtgehorsamen) zurückhält". Wer dann 
aber die alleinseeligmacbende Kirche verloren bat, der ver- 
liert auch als Untertban den Schutz- der Gesetze und als Lan- 
desherr die Verbindlichkeit seiner Unterthanen. Denn wer 

» 

* « 

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128 Carove" Uber alleinseligmachende Kirche. „ 

aufser der Kirche ist, ist der Verdammung ausgesetzt, und ' 
. deswegen zu meiden. Der wahre Gottesdienst aber und das 
wahre Opfer wird nach dem römischen Katechismus nirgends 
gefunden , als allein in der römisch-katholischen Kirche 
(S. 24.). Alle übrigen (S. 25-), die sich auch den Namen 
Kirchen anroafsen, welche aber „vom Geiste 1 des Teufels ge- 
führt^ werden , schweben in den schädlichsten Intbümern. 
, Und der Verf. S. 93, weiset nach, dafs auch der neueste Ver- 
tbeidiger dieser »Alleingültigkeit , Dr. Ziegler, BiscboflE 
von Tiniez, in seinem Hirtenbriefe vom Mai 1Ö23. (über- 
setzt von Silbert, i824) S. 4t« sie dieSynagoge des Sa« 
tans nenne. Eben so consequent als intolerant, 
r Die durchgreifendste Definition des Glaubens dieser 
Art giebt (S. 44. ) der römische Katechismus in folgenden 
unvertilgbaren Worten: Was heifst in Betracht des evange- 
lischen Glaubens das Wort Glauben? — - Antw. Jener 
glaubt, der etwas. ohne den geringsten Zweifel für wahr hält, 
der von vorwitziger Untersuchungsbegierde ganz frei ist. 
Gott befahl uns, dafs wir glauben, nicht aber den 
göttliche n Urth eilen nachforschen und ihre Ver- 
hältnisse und Ursachen untersuchen sollen. Der 
Apostel (Röm. 3.) sagt auch: „Gott ist wehrhaft; jeder 
Mensch aber ist lügenhaft. Wie verwegen und 
wie thörtcht mufs der s e y n , der, da er Gottes 
Aussprüche hört, erst noch nach den Gründen 
der Lehre fragt.« So der römische Volksunterricht. 
Freilich wird alsdann davon nicht gesprochen , wie, wenn 
jeder Mensch lügenhaft ist (wenigstens immer irren kann), 
dennoch die durch Menschen (und durch was für Menschen?) 
gegebene dogmatische Aussprüche ohne Weiteres Gottesaus- 
sprüche seyen. 

Nachdem der Vf. den Sinn des Dogma erwiesen hat, zeigt 
Cap. 3, wie veränderlich denoch (und folglich wie nicht lehr«* 
unfehlbar) die Vorstellungen der Kirche über die seelige und 
unseelige Ewigkeit gewesen sind. (Nachdem alten Testament 
kamen alle Menscbengeister, böse und gute, in die Kluft des 
Scheol. Im neuen Testament gehen die guten Seelen in das 
Paradies des Hades, aber weder in ein Fegfeuer , noch vor 
der Körperauferstebung in den Himmel , die Ungebesserten aber 
in den Quaalort des Hades, aber auch weder in ein Fegfeuer» 
noch vor der Körperauferstehung in die Hölle.) 

» . - 

(Der Btschlufs folgt.) , 



0 

« 



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N. 9» ; . • 1827. 

Heidelberger ' 

Jahrbücher der Literatur. 



Carovc? übei* alleinseligmachende Kirche. 

. iBeichluft.) 

Öieraur* werden Von dem Verf. die kirchlichen Seelig* 
machungsmittel , die nur von Gott, aber nur in der Kirche 
aus Gnaden gegebene Kraft zu glauben*, alsdann die nur durch 
den Priester , aber auch durch diesen 4 wenn er tls Person 
nochsoschlechtfwäre, heilbringend gegebenen Sakramente und 
Geheimnisse beleuchtet. Denn hur das Organ Gottes , die 
geweihte Priesterschaft, kann das kirchlich Seeligmachende 
sur Ausübung bringen. Das siebente Kapitel, welches von 
diesem Centraipunkt handelt, hat das Motto,, aus den Ge- 
setzen des Menu Cap. I. Vs. 93: „Der Bramme ist von 
Rechtswegen das Haupt der ganzen Schöpfung *. 

Daher Cap. VIII. die Hierarchie* der kirchlichen Autori- 
täten, vermöge welcher (vergl. Matth. 23, 2« 3*) manche auf 
dem Lehrstuhle Mose's sitzen mögen, nach deren Handlungen 
man sich nicht zu richten habe, wenn man nur, was sie vor« 
schreiben, beobachte. Dagegen gilt dann freilich der Rath 
nicht, den des BischbfF Seiler's kleine Bibel dem Kranken 
giebt : „Lafs den Diener Christi kommen, dem da noch am 
meisten Christi Sinn zutrauen kannst«. 

Die meisten römisch-katholischen Theologen, auch der 
neuesten Zeit, sehen dieses Alleinseligmachende ihrer Kirche, 
folglich auch das Verdammende gegen alle andere, als ihren 
obersten Grundsatz , wohl ein. In der neuesten Zeit hat be- 
sonderes Aufsehen 1 gemacht der Biscböff von Tyniezj Thomas 
Ziegler, in seiner Schrift über das katholische GJaüfcrinsprificip 
1823. (siehe darüber aucn die Prüfung eines katholisch gewe* 
senen Geistlichen in des Ree. Ki rC h eh b el e ü ch t un g e n, 
1* Hft. 1827.) Ziegler meint, jene römische Wahrheit müsse 
in unsrer Zeit besonders fest ausgesprochen werden , weil 
sonst das giftige Ungeheuer des leidigen Indifferentismus 
immer Weiter greife. Wer aber ist wohl am wenigsten gegen 

XX. Jahrg. 2. Heft* 9 



J30 Carove über alleinseeligmaehende Kirche. 

die Wahrheit gleichgültig ? Etwa de*, welcher sagt : Gottes 
Gnade hat mir endlich dit* Möglichkeit verliehen , Alles und 
Jedes mit einander zu glauben , was nun einmal die römische 
Kirche glaubt ? Ist dies nicht blos ein Hingeben, eine^ Re- 
signation 9 die sich der Gleichgültigkeit sehr nähert? Ist aber 
nicht vielmehr derjenige gegen die Wahrheit am wenigsten 
indifferent, welcher immer aufs neue, sobald es ihm noch ein« . 
mal ndthig scheint , die Gründe seiner Ueberzeugungen zu 
prüfen und zu rechtfertigen sich vorbehält , indefs aber dieje- 
nige Ueberzeugung treu befolgt, deren ersieh jetzt als der 

fegründetsten bewufst ist? Und vergäfse man nur nie, dafs 
ie Ueberzeugungen, welche hieher wichtig sind, gar nicht 
etwa schwer speculative, ttbergeistige Sätze betre£Fen. Wenn 
diese das zur Seeligmacbung Nothwendige wären, dann wäre 
uns freilich miteiner infailiblen Kirche so, wieohne sie schwer- 
lich geholfen. Denn geht. man nur genauer ins Einzelne, so 
findet Jeder, der suchen kann, dafs oft mit der gröfsten Mühe 
nicht bestimmt ausgemacht werden kann, was denn diese Al- 
leinige über dergleichen meteorische Dinge eigentlich glaube 
und als etwas a. immer, b. von allen und c. überall 
christlich geglaubtes überliefere. Sobald diese drei äufserliche 
Kriterien angewendet werden, so mufs vielmehr der Sach- 
kundige immer finden, dafs man, nach ihnen die Gewifsheit 
mes8and 9 nie so eigentlich wisse , was die Kirche immer glaube, 
dafs er folglich am Ende sich wie eingewickelt (implicite) 
darein ergeben müsse, blos überhaupthin glauben zu wol- 
len, was nun eben die Kirche glaube, ohne dafs der Wilsbe- 
gierige sich selbst sagen kann oder die Kirche im Nothfall 
gesagt hat, was sie, die infallible, eigentlich zu glauben * 
glaube. • 

Man denke nur an die für die Beruhigung so wichtigen 
Streitfragen von der Gnade, von den Hülfsltistungen der Gna- 
de, worüber zwanzigjährige Congregationen niedergesetzt 
waren, nicht um am Ende, was denn die Kirche glaube, aus- 
zusprechen, sondern nur um das Fragen üher den Kircben- 
glauben Zur Schonung der streitenden Partheien einschlafen 
zu machen.« Es ist und bleibt aber auch für die Religion nicht 
die Glaubensentscbiedenbeit über viele dergleichen unent* 
scheidbare Dinge, sondern nur eine rege Wahrheitsliebe für 
das, was praktischen Einflufs hat — dieses redliche Glauben- 
wollen nicht des Unbegriffenen, sondern des für die Heili- 
gung, ohne welche niemand den Herrn sehen wird, wohl be- 
greiflichen — das Nothwendige, wogegen kein Redlicher in- 
different seyn kann. 



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Carove über alleinseeligmaehende Kirche. i 3 i 

Einige teutsche gutmüthige Dogmatiker haben jenes am- 
Ichliefsend Seeligraachende der römischen Kirche wegen der 
Verdammung der übrigen t die daraus folgen muls, redlich tu. 
mildern gesucht. £s ist nun aber einmal nicht zu Andern 
dafs zwei anerkannte grolse Gohcilien alle Ungetauftt, selbst, 
die unmündigen Kinder, infallibel in die Hölle sprechen. Des«, 
wegen behauptender Verf. S. 100. unlMu^bar richtig, dafs det. 
wohlmeinende Dr. Onymus, in seiner Glaubenslehre der ka- 
tholischen Kirche (Snlzharh 182Ö.J» von einem Widerspruch 

fegen die römische Kirchenlehre nicht freigesprochen werden 
önnej wenn er (edelraUtbiger und gotteswürdiger) behaup- 
tet: die Taufe; wenn man nicht eu derselben gelangen könne ^ 
werde einem solchen Unglücklichen durch eine vollkommene 
Liebe Gottes ersetzt. Man sieht hi.rin das milde^ humane 
Gemüth , welches die Inhumanität des Kirchenglaubens gerne, 
perfectibel machen möchte. Aber, leider (dies ist die Nemesis 
der Anmafsung), die Infallibilität darf nicht perfectibel seyni 
Gäbe sie dies zu, so zernichtete sie sich selbst. Man hat die 
nämliche Milderung bei Stolberg's Bekehrung (vermöge «ei- 
ner gedruckten Briefe an Lavater) angewendet. Sein Gemüth 
hätte Widerstrebt, in einen Kirchenglauben überzugehen 
nach welchem seine redlich protestantisch verstorbene Agnes 
ewig zu verdammen, ewig von ihm zu trennen gewesen wäre. 
Man versicherte ihn : bei einer redlich gesinnten Seele ersetze 
die vollkommene Liebe Gottes im Augenblick des Todes , was* 
ihr an der kirchlichen allei/iseeligmachenden Recbrglaubigkeit 
aus Erkenntnjfsoiange! und nicht aus Verstocktheit abgehe; 
Aber, alles dieses sind, 1 wie der Verf. zeigt ^ Distinctionen 
und Auskunftsmittel, welche die infallible Kirche selbst nir- 
gends gebilligt bat. 

Dieses erörtert der Verf. ausführlich gegen die beredt«' 
Schrift des ehemaligen Abbe Fraissinous, jetzt Bisch offs von 
Hermopolis, französischen Cultmtnisters und Directors' dest 
ganzen Unterrichtwesens. Dessen zwischen 1803 und 1 8 2 2 
gehaltene Kircbenvörträge , unter dem Titel „ Verteidigung 
des Christentums" zusammengedruckt, zeigen alle nur mög- 
liche Wendungen, um Über den ausschließlichen Hauptsatz 
der römischen Kirche orthodox zu seyn , und doch zugleich 
milde und human zu erscheinen. S. 108 bis 1 4 4 . wendet da« 
gegen def Verf. alle Mühe* an, deutlich zu machen, wie un- 
vereinbar dieses beides bleibe; Das Bedenkliche ist, dafs Hr; 
v. Fr. die Disti nctio'n einführt , dafs zwar Gott darnach rich- 
ten werde, oh einer mit Redlichkeit (de bonne foi> auiVer def 
alles andre verdammenden Kirctie gewesen sey/ dafl afber #?f 

9 * 



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132 Carove über alleinseligmachende Kirche. 

I 

__ 

Menschen (S. 117.) nach der Apparenz urth eilend alle die« 
jenige der Ketzerei und des Schisma anklagen mtifsten , welche 
aufser der äufseren Gemeinschaft mit der römisch-katholischer* . 
Kirche geboren Seyen und lehen. Darüber nun, dafs Gott 
richtig richten werde, dürfen wir ohnehin ohne Sorge seyn;. daf» l 
aber die nach der Apparenz urtheilende Kirche alsdann auch; 
alle, die aufser ihr sind, sobald sie kann, als Ketzer verur- 
theilt und, wo. möglich, durch das Inquisitionsgericht rei- 
nigen lassen möchte, dies ist für uns hienieden die Haupt- . 

frag«. !.;,»,.:< 
Das bisher Beschriebene ist so sehr das Wesentlichste" 

dieser Schrift und für unsre Zeit das Belehrendste, dafs Ree. 
sehr wünschen möchte, dieser Theil des übrigen, auch sehr 
schätzbaren, Ganzen möchte eben so gründlich, aber noch 
volksverständlicher allgemein lesbar werden. . 

Die Unpartheilichkeit heifst uns. noch hinzufügen, dafs 
eine schlimme Basis der nämlichen Grundsätze, als ob das 
Seeligwerden von Gott an das Glauben gewisser geheimnifsvol- 
ler übergeistiger Dogmen geknüpft wäre, auch noch unläug- 
bar in einen Theil der Symbolik der evangelischen Kirche sich 
hereingesAlichen hat, in so fern unsre Reformatoren , in jenen 
Angelegenheiten erwachsen und von Polemik gedrängt, sich 
noch nicht von dem Erbstück des Athanasianischen Symbolurns 
und seiner Verfluchungsformeln loszusagen vermocht haben. 
Dergrofse Unterschied aber ist zum Glück, dafs dieser schlim- 
men Erbübergabe die ganze Entstehung und Existenz des Pro- 
testantismus zuwider ist, und also der Geist untrer Kirche 
jene fremdartige übriggebliebene Krankheitsmaterie immer 
mehr aus sich absondert. Nur der Grundsatz, immer / ehe 
man glaubt, nach dem Warum zu fragen, hat die protestan- 
tische Kirche hervorgebracht. Ohne die fortwährende An- 
wendung dieses Grundsatzes hätte sie nicht werden, nicht 
von denMifsbegriffen und Mifsbi ätteben, die damals unerträg- 
lich und allzu sittenverderblich sich gezeigt hatten, loskom- 
men, und nicht fortwährend gegen sie sich vertheidigen kön- 
nen. Da man nun zu dieser rechtfertigenden Vertheidigung 
das freie Fragen nach Warum immer gleich sehr nöthig hatte, 
so konnte es nicht fehlen und auch nicht für immer gehindert, 
werden, dafs dieses Fragen nach Warum endlich doch auch auf 
diejenigen Punkte angewendet wurde, welche man anfangs 
noch wie einen gemeinschaftlichen Erbbesitz ununtersucht 
hingenommen hatte. Und so führt dann der Grundsatz unsrer 
Kirche dabin, dafs, wenn gleich das sogenannte Athanasiani- 
sche Symbolum wegen einiger unpraktischen Dogmen mit dem 




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Carove* über allcinseeligmachencle Kirche. 



133 



Anathema droht, wir alle doch wissen und bekennen, dafs 
alle Symbole, nur in so fern sie mit der schriftlich bekannten 
Christuslehre übereinstimmen , normativ sind, und nicht um- 
gekehrt | und dafs es also bei dem Ausspruch bleibt: weichet 
von mir, alle ihr Unrecht h a n d e 1 n d e (JLuk, 23, 2 7.), nicht 
aber: ewig verflucht seyd ihr Irrgläubige! 

Der Verf. untersucht im zweiter? Abschnitt die Idee der 
Seeligkeit, im dritten die Unmöglichkeit ewiger Verdammniis. 
Hierdurch geht er aus der Dogmengeschichte in die Dogmatik 
selbst über, um dort die Meinung, wie wenn eine aufsere 
Verfassung (eine Kirche) an sich etwas Seeligmacbendes seyn 
könnte, und wie wenn überhaupt ewige Unseeligkeit mög- 
lich wäre, ihre theoretische Wurzel abzuschneiden. Auch 
darüber ist recht viel Gutes gesagt. Die Ueberzeugungsbe- 
gierigen werden dadurch sich noch mehr, als durch alles Pole- 
mische ins Klare bringen können. 

Dort aber, wo der Verf. wieder auf das Historische zu- 
rückkommt, um im Kap. XVIF. aus vorchristlichen Religions- 
urkunden und Kap. XVIII. XIX. aus den Schriften des neuen 
Bundes selbst su zeigen, dafs ein Zurückkehren aller Geister 
zur Willensübereinstimmung mit der Gottheit in jenem Alter- 
thum vorausgesetzt oder wenigstens gehofft werde, bedauert 
Ree. nach der historischen Interpretation ihm nicht so leicht 
beistimmen zu können. Mag immer das Wort a !wvto; nur eine 
unbestimmte Fortdauer endlicher oder unendlicher Art be- 
zeichnen. Dies ist philologisch ganz richtig. Dafs aber am 
Ende nach der zu erwartenden Körperauferstehung alle Meu« 
«chengeister entweder in den Himmel oder in die Hölle gehen, 
und dafs die Wiederherstellung Aller zu Gott (dvanttyaXaiams 
1 Kor. 15» 25-) nicht die Feinde, sondern nur die Verbesser«, 
'"ten betreffe; dies liegt in der Oekonomie der ganzen Thei- 
lung in Gottes- und in Satansreich. Aber dies bleibt gewifs , 
dafs man nach dem Neuen Testament nicht wegen eines Man« 
gels im Kirchenglauben , sondern nur wegen vorsätzlicher Ver- 
letzung der Ueberzeugungstreue, welche der Glaube oder die 
-i<?n; des Neuen Testaments ist, in das Teufelsreich gerechnet 
worden ist. Ob von dort her eine Besserung und dadurch 
eine Wiederkehr zu Gott möglich sey, ist, so viel Ree. finden 
kann , eine Frage, welche die Verfasser des Neuen Testaments 
sich nicht gemacht, daher auch weder bejaht noch verneint 
haben, wenn sie gleich dem Wort nach sie eher verneinen als 
bejahen. 

Noch weiter ist sehr lesenswerth, wie der Verf. von 
S. 337. an bis ans Ende durch die ganze Kirchengescbicftte hin- 



1 34 Cavove über ajleinseeligraachencle Kirche. 

durch die auffallendsten Data historisch hervorhebt • wie maq 
nach und nach, aher erst nech Origenes und seit die Kirch« 
nicht mehr verfolgt war, sondern als Staatskirche j als herr- 
schend genannte Kirche (leider!) mehr Gewalt, als zuvor das 
Heidenthum gegen sie, mifsbrauchen und seihst verfolgen 
konnte, von der Wahrheit Christi, welche geistig frei macht, 
in die Unfreiheit gegen Kirchenglauben und fvircbengt walt 
kommen konnte. Wer aber dieses alles für veraltete Dinge 
halten möchte, welche nur'blos um der herkömmlichen Form-» 
lichkeit willen , auch bei unsern in der Stille weit aufgeklärteren 
Zeitansichten, dem Wort nach noch heibehalten witi den , dem 
fügen wir von S. 449. aus vielen anderen nur noch ein Datum 
an. In dem geheimen Consistorium den 17. Juni 1793. er- 
klärte (nach der römischen Ausgabe seiner Briefe) Pabat 
Pius VI, ungeachtet aller schon aus der französischen Revo- 
lution dem apostolischen Stuhl gewordenen Warnungen, Fol- 
gendes; „Die e i n z ige Religion , welche der Fürst anneh- 
men, bewaBren und mit aller Macht handhaben mufs, ist die 
katholisch römische. Diejenige, so anders denken und die 
Religionsfreiheit wollen, werden mit den Gottesleugnern und 
Politikern vom Himmelreich ausgeschlossen. Nichts ist thö*. 
richter, als die Behauptung, dafs ein jeder in seiner Religion 
seelig werden könne" (siehe die nach der römischen Ausgabe 
geroachte Uebersetzung, Münster 1797, BH. 2- S. 207.). — — 
S. 453. giebteine noch neuere Bemerkung dieser i^rt. ä Wenn 
man das von Voltaire unter Vertrauten mehr wider Personen, 
«ondern nur wider Meinungen und verfolgungssüchtig'i Super- 
•tition ausgesprochene: ^ecrasons 1' infame« zum Criminal- 
yerbrechen stemple, und den historisch anerkannten Sinn 
ecrasons P infame Fanatisme, gegen alle Wahrheit, in 
Christianisme verändere; so hätte mau nicht übersehen 
sollen, dafs jener Ausruf nur ein gerümpftes Echo der unge- 
zählten Verfluchungen ist, welche der dogmatisch verdam- 
mende Kircbenglauhe in anderthalb Jahrtausenden nicht blos 
gegen die Meinungen, sondern gegen die Personen der An- 
dersgläubigen ausruft.« Und hiehei wird ei innert an den en- 
eye] 1 sclien päbstlichen Brief vom 3. März 1024t welcher jeg- 
liche Toleranz verwirft und Gott aufruft, die (angeblich) 
gränzenlose Frechheit im Reden, Schreiben und Schriften - 
Herausgeben darnieder zu schlagen. Dort war die Rede vom 
Ecrasiren der Toleranz; hier soll Gott jeglic he. To- 
leranz ecrasiren. — - — 

Nach der Anlage des Ganzen ist' noch Ein Baqd, nebst 
zweckmäßigen Beilagen , zu erwarten. Schon die Fülle un- 

l 



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Ioghirami Mooumeoti eiruschi. 135 

terrichtender Notizen aus fast allen Zeitaltern, die in den No- 
ten dargelegt sind , macht, neben dem Hauptzweck, das Buch 
so inhaltsreich, dafs f wer vieles Denkwürdige zusammen- 
gedrängt liebt, das nicht blos einmal durchzublättern ist, son- 
dern immer neuen Stoff der Kenntnisse und des Nachdenkens 
darbietet, es bald vollendet wünschen un 1 als bleibendes Be- 
sitzstück wählen wird. Wir wünschen deswegen, dafs dem 
Ganzen ein Register angefügt werde, wenigstens ein Re- 
gister der Namen, auf welche sich gewisse Beleuchtungen 
beziehen. Erinnert man sich, eine Andeutung dieser Art ge- 
lesen zu haben, so wird es doch, ohne ein solches Hülfs- 
register, allzu schwer, sie in der Menge des Beinerkena- 
wcrtben wieder herauszufinden. 

H. E. G. Paulus, 



JWonumenti etruschi o dl etrusco nome , disegnati, incisi, illustrati e 
pubblicati dal Cav. Erancesco Inghirami. Poligrafia Fitsolan a 
182$ — 25. in 4. Fascicoli 31 — 52. 

[Vgl. H. J. d. L. 1824. N. 49. 50. *)] 

Betrachten wir die hier mitgetheilten bildlichen Darstel- 
lungen, womit die alten Etrusker gröfstentheils ihren theuern 
Verstorbenen die letzte Huldigung zollten, so eröffnet sich 
uns wieder eine freie Aussicht in den heidnischen Mytben- 
Limmel. Das Gleichartige von dem Ungleichartigen sondernd, 
stofsen wir abermal auf den Cyklus von dreierlei Ideen auf ' 
dreierlei Grabesdenkmalen: I. Todesgedanken, treffen 
wir auf den To d te n k i s t e n an, II. die Hoffnung zum 
Wiederleben auf den Spiegeln, und III. eine Man« 
nigfaltigkeit von Leben s f o raten und die Lebens- 
weihe auf den Vasen. Nur ausnahmsweise stellt ein 
Spiegel oder eine Vase vor, was auf der Todtenkiste , welche 
vielleicht ohne Abbildung mitgegeben wurde, stehen sollte, 
und umgekehrt. 

I. Todtenkisten von Volterra S. I; 

a) Mit Todesbildern. T. 99: Ein Greif als Sinn, 
bild der zerstörenden Zeit («. vor. Ree. S. 805.) zerfleischt 
einen Hirsch als Symbol des Bacchi$chen Leben«. (Der Verf. 

*) Daselbst S. 823. Z. I i. ist nach den Worten die Hesperiden 
hinzuzusetzen : mitdenPlejadcn. 



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136 Inghirami Momimenti etruschi. 

. - ■ 

deutet die Allegorie gerade umgekehrt: der Greif als Sonnen- 
kraft siege über der Sonne Schwachheit, die als furchtsamer 
Hirsch vorgestellt sey. Allein wenn auf einer Bronze von 
Perugia S, III. T. 33. n. 2. Tiger einen Hirsch zerreifsen, so 
erklärt es zwar Ingh. richtig für ein BiM der Zerstörung; 
wird aber dadurch der Greif nicht genugsam verdeutlicht und 
mit dem reissenden Tiger auf gleiche Linie gesetzt? Tritt 
nicht dieselbe Bedeutung hervor, wenn wir 5. HL T. %7. den 
Laomedon des vorenthaltenen Lohnes wegen von Neptun mit 
•einer Wasserscblange und von dem Greif des Apollo ange- 
griffen sehen ? Was den Hirsch betrifft, so ist er ja in alter* 
thumlicber Bildnerei im Gefolge des Dionysos ein Sinnbild des 
leichten Frohsinns und des freien Naturlebens.) 

T 69: ein will] es Schwein , welches als Symbol 
der Verwüstung öfter auf Grabesdenkmalen sich findet (S. I. 
p. 587.) , hat wegen seiner Beziehung« auf den Tod einen 
Leichnam unter seinen Füssen; zwei Kröten sind um das 
Thier beschäftiget, der eine vorn, der andere treibt es von 
hinten; gerade wie die Herbeibringung des adoniscben Ebers 
in dem Gedichte, das man dem Theokrit (a ) zuschreibt, ge- 
schildert wird. Mit diesem Todesbilde ist also zugleich des 
Todes IJtberwindung und die Hoffnung zum Wiederleben an- 
gedeutet: fortdauernde Zeugung (Eros) überwältiget des To- 
des Zahn (Eber). Ref. vergleicht diese etruskische Vorstel- 
lung mit einem ägyptischen Gemälde von Theben zur Berich- 
tigung der bisherigen Erklärung, welche Joniard Descriut. de 
l'Egypte Vol. II. p. 379 und Creuzer Cornment. Herod. c. 3. 
davon geben. (S. die Tafel bei Creuzer a. a. O. n. 3 — 7.) 
Vor dem Todtenrichter Osiris hält der Gerichtsdiener die 
Waage, und an den Stufen seines Thrones klimmen die Ver- 
storbenen hinan. Ein Schwein wird in einem Nachen in 
entgegengesetzter Richtung von zwei Affen geführt und hin- 
ten getrieben, d. {. der Tod wird gefangen, der Scblüssel- 
halter Osiris schliefst den Amenthes auf, und die Todten 
kommen wieder heraus. In der Gegend, wohin die Affen das 
gefangene Schwein im Triumphe führen, steht Anubis als 
freundlicher Lebensverkündiger , mit der Lebensschlange und 
dem l'erseablatt zur Seite. Gegenüber sind als Todeshilder. 
vier stymphalische Vögel kriegerischer und verderbenderNatur 
des Gegensatzes wegen angebracht. Hieroglyphen unter dem 
Gerichtsdiener scheinen damit im Zusammenhang zu stehen: 
nämlich zwei kniende Figuren (das Bitten in der Mehrzahl 
ausdrückend), ein Vogel (die Zeugung) und eine Schlange 



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> 



Inghirami Mouumenti ctruschi. 137 

• 

(da» Leben) über der untern Hemisphäre; d. i. wie Ref. rauth- 
mafst: wir (die wir an den Stufen de* Ricbterstuhls stehen) 
flehen, dals wir mittelst der Zeugung aus dem Schattenreich 
zum Leben erstehen mögen. ' (Die bisherigen Ausleger sahen * 
in dem Gerichtsdiener einen Verbrecher,* ob er gleich nicht» 
als die Waage trä{>t , in den Todten die Beisitzer de» Ge- 
richt», deren Osiri« schwerlich bedurfte, obgleich ein aner- 
kannt Verstorbener auf Creuzers Abbild, zur Myth. T. 15. n. 2. 
das Haupt gerade so eingebunden hat, und endlich in dem 
Schwein die Verwandlung des Verstorbenen in ein Schwein 
aur Strafe.) 

Verwandt hiermit ist das Todesbild auf einem Spiegel 
S.II. T.61. Aphrodite fällt in ihrem Tempel beim Anblick 
de» von einem Diener gehaltenen Eber köpfe» ohnmächtig 
in die Arme des struppigen Pan, der seinen Hirtenstab in der 
Linken hat? Ein Gefährte des Adonis mit dem Degen trauert 
über .den grofsen Unfall. Dafs Pan die leidtragende Natur- 
gdttin hält, ist wegen seiner siderischen Bedeutung begreif- 
lich, da wir ihn schon (s. vor. Ree. S. 792.) als den winter- 
lichen Steinbock kennen. Eben so wenig kann die Monds- 
sichel auf dem Haupte der Aphrodite befremden, wenn wir 
ihre Verknüpfung mit Persephojie Und hier ihren Gegensatz 
mit dem Sonnen - Adonis erwägen. (Die bisherigen Erklärer, 
den Verf. mit eingeschlossen, glaubten in dem Diener, der • 
den Eberkopf hält, den Meleager, in dem trauernden Jüng- 
ling die Atalanta, in Pan bald den Oeneus und bald einen 
P iester, und in Aphrodite bald Artemis, bald Althäa zu 
finden, und kamen so mit der überlieferten Sage von dein 
Jcalydonischen Schwein nicht Wenig infr Gedränge.) 

Ein anderes Todesbild finden wir S, II. T. 81 : Minerva 
(MNEPFA von der Rechten zur Linken geschrieben) erlegt 
nach dem Rathschlufs der Vorsehung den rohen Säufer Akra- 
tos (AKPAOE, von der Linken zur Rechten geschrieben, 
und O anstatt 0), und hält schon seinen abgerissenen Arm in 
die Höhe; d. h. die rohe, wilde Natur unterliegt der Fügung 
göttlicher VVeisheit. Ueber dem Dämon ist ein Stern, zum 
Zeichen, dafs hier nicht eine historische Person, sondern 
eine allegorische zu verstehen sey. Wenn flie Neueren bei 
Erklärung alter Kunstwerke diesen Akratos öfter zu sehen 

Glaubten, so ist diese urkundliche Abbildung mit'beigeschrie- 
enem Namen sehr bemerkenswert!). Wir sehen hier, dafs 
er von dem andern Begleiter des Dionysos , dem Silen , wohl 
zu unterscheiden ist. (Vermiglioli hält diesen Dämon für den 

0 « 

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138 - Inghirami Monumenti etruschi. - 

personificirten Mutb, Ingh. dagegen für^ die Personifikation 
eines Ueberwundenen , von.ä priv. und xfaro;. Ref. aber ent- 
deckt in ihm den Trinker des ungemischten Weines, von a 
priv, und xs^a'vvvp, und vergleicht den von Creuzer IVIyth. III. 
S. '216. angeführten* Pausainas I, 2, 4» dafs Akratos in Athen 
als Begleiter des Dionysos verehrt worden, und denselben 
Pausanias VIII, 39, dafs man in Arkadien dem Dionysos selbst 
den Beinamen Akratophoros gab.) 

i« ,i b) Leicben geprä nge. T. 95: Ein Leichnam auf 
der Bahre mit einem Tuch bedeckt , umgeben von seiner Fa- 
milie im Ausdruck des Schmerzens. 

T. 96 und 97; Ein Leichenzug, bestehend aus einem 
Flötenblaser , aus Sclaven, welche Weinkröge tragen , um den 
Scheiterhaufen zu begiefsen ; einer hat eine Leiter, um diesen 
su besteigen. Auf T. 96- bringt auch jemand' eine Axt , um 
den Scheiterhaufen zurecht zu hauen, gegen welche Ueppig- 
keit sich schon das Zwdlftafel • Gesetz erklärt. Auf T. b6. 
werden zwei Gefangene von zwei Freigelassenen, welche pi- 
leati sind , dem Verstorbenen zu Ehren durchstochen, und auf 
T. 97. fällt das Opfer bereits entseelt in die Arme eines Scla. 
Aen. (Vergl. Creuzers. Abrifs der röm, Antiq. pag. 379. 382. 
Um die Folgerung von Menschenopfern bei den Etruskern zu 
entkräften , erlaubt sich Ingh. die unwahrscheinliche Ausrede, 
dafs man durch dergleichen bildliche Vorstellungen den Manen 
etwas Angenehmes zu erzeigen glaubte, ohne solche Opfer 
wirklich zu schlachten. Ist aber in dergleichen Abbildungen 
sonst alles aus dem Leben gezeichnet, warum soll allein das 
Menschenopfer ein leeres Bild seyn?) 

T. 98: Zwei Glad ia toren im Kampfe, dessen Gegen- 
stand durch eine Todtenurne in ihrer Mitte vorstellig gemacht 
wird. 'Dahin gehören auch zwei Spiegel: S.II. T. 56: zwei 
Faustkämpfer mit den cestus in den Händen. (Der Verf. 
denkt ohne allen Grund an Pollux.) S.II. T. 80 : zwei Gla- 
diatoren. 

c) Abschied und Abreise. T. 100: Eine Frau 
reicht ihrem Gatten die Rechte, hinter welchem ein Grabmal 
abgebildet ist. (Ingb. hält dafür, die drei Pyramiden auf 
Würfeln Seyen das Ziel im Circus, und sollten hier das Le- 
bensziel andeuten; allein nach S. IV. p. 168 f. sind auch sonst ^ 
Grabmäler mit den circensischen Pyramiden versehen, um den 
Begriff auszudrücken, man sey ans Ziel gelangt. Es ist also 
hier wohl mittelbar an den Circus, aber unmittelbar an ein 
Grab zu denken.) 



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Ingliirami Monumcnti etrusehi. 139 

Eine ähnlich« Vorstellung findet sich auf einer Vase S. V. 
T. 46 • Ein nackter Schatten , als gewesener Kriegsmann mit 
dem Schwert in der Handy und als in die Unterwelt reisend 
mit dem Reisehut versehen , verabschiedet sich Ober seiner 
mit Bändern geschmückten Grabsäule von seiner Gattin. (Die 
bisherigen Erklärer sahen hier irgend ein Abentheuer aus der 
Heroenz.fi t , wo eine Frau gegen die Nachstellungen eines 
Heroen an einem Grabe Schutz sucht. Ref. dagegen ver- 
gleicht ein© andere Vase S. VI. T. L. n. 5 % wo gleichfalls 
eine Frau an einen Cippus gelehnt ist, und in mehreren Fel- 
dern verschiedenartige Vasen und Spiegel abgebildet sind, die 
man den Todten mitzugeben pflegte.) 

Die Abreise in die Unterwelt sehen wir auch S. V. 
T. 55. n. 8- in einer auf einem Seeungeheuer sitzenden Frau 
mit beigescbriebenem Namen, welche den Triton mit der 
Trompete zum Fuhrer hat. (Schiassi und Ingh. halten sie für 
die lateinische MeeresgÖttiu Salacia ; allein das Unangeraes- 
lene einer solchen Vorstellung in einem Grab und die Ver- 
gleichung mit ähnlichen Abbildungen, auf Todtenkisten — s. 
vor. Ree. S. 8ll f. — scheinen obige Ausdeutung zu rechtfer- 
tigen, wiewohl diese Tafel selbst dem Ref. nicht zu Gesicht 
gekommen ist.) 

S. V. T. 57. stellt die Todesart und die Abreise des Ver- 
lebten dar. Auf der einen Seite d*r Vase sprengen zwei Jäger 
zu Pferd mit Jagdhunden. Den Unglücksfall deutet ein omi- 
nöser Vogel und daneben eine Schlange als Todeszeichen — 
*. vor. Rec. S. 8 12. — bei einem der Reiter an. Die entge- 
gengesetzte Seite enthält den Leichenwagen, auf welchem der 
Schatten mit der Geifsel der Unterwelt zufährt. Neben ihm 
fliegt derselbe Unglücksvogel, vor und hinter ihm gehen Scla- 
yen , und die Richtung seines Fahrens bezeichnet die Gans, 
Welche eine Anspielung auf das Todtenreich enthält, wie auch 
sm untern Theil einer Todtenkiste S, I. T. 94« una * auf einem 
Spiegel S. II. T. 76- Vergl. Creuzers Erklärung der Abbild, 
zu seiner JVlyth. p. 59 f. 

d) Aus der H e roen geschi ch te sind die Leiden und 
der Todesjammer der Altvordern auf den Todtenkisten veran- 
schaulicht, vornehmlich mit Rücksicht aur das darin waltende 
Fatum. 

l) Die Abreise zur Todesgefahr. S. I. T. 6 1 r 
Bellerouh o n empfängt aus den Händen des Prötus das trü- 
gerische Schreiben an Jobades. Zum Zeichen der Abreise 
hält hinter ihm ein Diener ein Pferd und einen Wasserkrug 

i 



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I 



( 



140 Inghirami Monumenti etruschi. 

bereit. Die Urheberin de» lebensgefäbrlicben Abentheuer* ist 
auf der entgegengesetzten Seite abgebildet, nämlich die Ver- 
leumderin Antea , sich selbstgefällig im Spiegel beschauend und 
auf ein Polster gelehnt. 

T. 74 — 77 : Amphiaraus verabschiedet sich von sei. 
ner Gattin Eripbyle ; vergl. vor. Ree. S. 807 f. Das Aus- 
zeichnende obiger Vorstellungen besteht darin, dafr T. 74- 
auf dein Fufsschemel des Thrones der Eripbyle ihr Sohn Alk- 
mäon als' Rächer seines Vaters sitzt, und dafs T. 75- eine Die- 
nerin der Eripbyle ein offenes Schmuckkästchen — nach an- 
dern einen Spiegel — vorhält; eine Aufmerksamkeit, welche 
Öfter auf alten Denkmalen den Damen erwiesen wird. 

Den Tod des Amphiaraus sehen wir T. 8t und 84* 
vorgestellt. Umgeben von einem Waffengenossen und seinen 
Wagenlenker stürzt er mit seinem Viergespann in den Ab- 
grund, wohin die Todelker, welche T. 84* die Fackel trägt , 
die Rosse führt; auf T. 8l. rollt sie auf dem Rade der Ver- 
gänglichkeit hinab. (T. 8t. hat von der Zeit gelitten, und ist 
aus der besser erhaltenen T. 84« ZL1 erklären , da die Aehnlich- 
keit beider unverkennbar ist. lngb. dagegen sieht in ersterer 
die Geschichte, wie Adrastut die HypsipyTe seinen Kriegsleu- 
ten zeigt, damit sie ablicfsen , zu ihrer Rache den Lykurgus 
zu bekriegen. Allein die für eine Frau ausgegebene Person 
• bat nach Männerart die Chlamys über die linke Schulter herab- 
hängen, und die Ker zeigt deutlich genug den Todesfall mit 
Rofs und Wagen an.) 

2) Kampf und Tod, in der Heroengeschichte, beson- 
ders aus den Thebaiden nachgewiesen, 

T. 62 : Kadmus erlegt* mit dem Schwerte (nach Pbere- 
eydes , wie hier, nach Heflanicus dagegen mit einem Stein) 
den Drachen , welcber schon eine** seiner Gefährten in seinen 
Windungen umschlungen und erdrückt hat. Ein anderer Ge- 
fährte, oder nach dem Verf. Mars als des Drachen Beschützer, 
steht zur Seite. 

T. 66: Oedipus, dem die Ker zur Seite ist, mordet 
. seinen vom Wagen herabgerissenen alten Vater Laj us. Cha- 
ron mit den Bocksohren hat als Regent der Unterwelt dieStraJi- 
lenkrone auf dem Haupt und wartet aufsein Opfer. T. 715 
Dem Oedipus werden durch drei Waffenträger des Lajus in 
Gegenwart des mit dem Scepter versehenen Kreon die Augen 
ausgestochen. Auf den Seiten stehen im Ausdruck des Schmer» 
zens Antigone und Jokasta mit den Zwillingskindern Eteokles 

I 



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1 

Ingtiirami Monumenti etnwchi. l4l 

und Polynikes. Der Künitler folgte hier dem Oedipus des 
Euripides, Schol. Eur. Phoen 61, während Aeschylus, So- 
phokles und Seneca den Oedipus sich selbst die Augen aus- 
stechen lassen, wie 2annoni treffend bemerkt. 

Die verhängnifsvolle Ursache der tbebaniscben Kriege, 
der Fluch des Oedipus, ist auf mehr als einem Dutzend 
vojterranischer Todtenkisten vorgestellt (S. I. p. 636.), von 
Welchen drei mitgetheilt werden. T. 72, 73 und 82: Der 
blinde Oedipus mit dem Stab in der Linken verflucht mit auf« 
gehobener Hechte seine zurückschaudernden Söhne bei einem 
Gastmahl (vergl. Schol. in Sophocl. Oedip. Colon. 1375.), in 
Gegenwart der bestürzten und (auf T. 73 und 82.) in Ohn- 
macht fallenden Jokasta. Mundschenken, Sclaven , Lictoren 
([nach römischer Sitte) und Schildknappen sind die untergeord- 
neteren Personen. Auf T. 73. ist ein Vorleser mit einer Rolle 
befindlich. Auf T. 72. wird ein Pferd bereit gehabten, weil 
jenes Ereignifs nach Apollodor Bibl. III, 5. vor des Oedipus 
Abreise von Theben und vor seiner Abdankung vorgefallen 
seyn soll. Auf T. 82. sind beide Knaben weggelassen. — Ein 
ähnlicher fatalistischer Auftritt aus den Thebaiden ist der Ge- 
genstand von T. 78. Eteokles befrägt das Orakel, welches 
durch den Altar in einem Hain und durch einen daneben Schla- 
fenden angedeutet wird. Manto mit fliegenden Haaren führt 
den blinden Vater Tiresias, und deutet auf die hervorgerufene, 
auf einem Baume sitzende Larve. Eteokles bebt vor der Ver- 
kündigung des Schicksals von Theben zurück. Vergl. Stat. 
Theb. IV. 490 ff. 

T. 87 — 90: Der Sturm der Stadt Tb'eben. 
Kriegsleute zu Fufs und zu Pferd erstürmen ein Stadtthor« 
Gefallene liegen auf dem Boden, T. 87. fällt Kapaneus, 
von Zeus Blitzstrahl getroffen y von der Sturmleiter herab. 
T. 88 und 89. wirft ein Belagerter einen grofsen Stein auf 
P ar tb en opä u s, nach Eurip Phoen.. 1164. T. 88 und 90. 
wird ein abgehauener Kopf unter die Belagexten geschleudert, 
wie an der trajaniscben Säule, in welche Zeit der Verf. diese 
Todtenkisten setzt. 

T. 85: Ein jugendlicher Bogenschütze, wie es scheint, 
Parthenopäus, vor Ermüdung zu Boden gesunken, läfst 
dennoch nicht ab, seine Pfeile zu schieisen. Stat. Theb. 
IX. 844. 

T. 85: Der Sohn des Kreon, vor dem Tempel des Ares 
auf dem Altar kniend, durchsticht sich zum Schrecken der an- 
wesenden Familie, damit nach seiner Aufopferung in Gemäfs- 



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142 Inghirami Monumenti etrutclu. 

heit des Orakels Theben erobert werden möchte. Eine Ker 
mit der Fackel zeigt den wirklich erfolgten Tod an. Stat. 
theb. X. 634- 

T, 91 : Eteokles und Polynikes werden von Tisi- 
pbone und Megära zum Zweikampf" gereizt. Die eine spie- 
gelt dem einen, vielleicht mit Anspielung auf seinen Namen 
rolynikes, durch einen Palmzweig den Sieg vor. Stat. XI. 
T. 92 : Die beiden BrUder werden sterbend von Schildknap- 
pen gehalten. Eteokles, in der Weiche von einem langen 
Geschofs durchbohrt, deutet auf eine Todtenurne , die seine 
Asche verwahren sollte, welches Glück dem Polynikes nach 
Eur. Pbpen. 1640. nicht zu Tbeil wurde. Im Hintergrund 
stehen eine Furie und ein Tiompeter mit der Thurmkrone« 
entweder zum Angriffe zu blasen, oder die Kunde von der 
Helden Fall auszuposaunen. T. 93 und 94: Zwischen den 
sterbenden Söhnen , bei welchen Keren stehen , fleht der blinde 
OedipuS — mit seinem knotigen Stab, von einem Soldaten 
gehalten — auf den Knien zu dem hartherzigen Kreon, in 
Theben bleiben zu dürfen. Antigone vereiniget ihre Bitten 
mit den seinigen. Eur. Phoen. Act. 6. (Nach Ingh. würde 
Oedipus auf Taf. 94. seine Söhne nochmals verfluchen, und 
sein Niederknien geschähe aus Schwachheit. Jedoch ist Anti- 
gone mit ihren ausgebreiteten Armen jedenfalls in bittender 
Stellung. Den Kreoit, zu dem sie liehen, hat man sich unter 
dem Manne zu denken, welcher den einen der gefallenen 
Brüder hält.) 

Auch die Geschichte des Perseus lieh den Todtenkisterf 
mythischen Stoff. T. 57. 83. zeigen uns diesen Helden, dort 
durch die Fittige am Haupt, hier durch das Medusenhaupt 
neben dem Schilde in der Linken ausgezeichnet, im Kampfe 
mit Phineus und seinen Genossen, welche ihm die Braut An- 
dromeda stpeitig machen wollten. Ein Hund als Wächter 
rächt das verletzte Hausrecht und beiist den Phineus. Auf 
T. 83. ist die Wohnung, worin der Kampf vorgeht, überdies* 
durch eine Säule bezeichnet. Auf T. 57. verdecken zwei ihr 
Gesiebt mit dem Schilde vor dem schrecklichen Anblick de* 
Gor^onenbauptes; einen andern zu Boden Gefallenen straft die 
Furie mit brennender Fackel. (Ingh. sagt, sie reize ihn an, 
dem Perseus Hülfe zu leisten. Allein dieser bedurfte nach der 
Fabel Perseus nicht , und die Stellung des auf dem Boden 
Knienden und seine Hand, die er schmerzhaft da über den 
Kopf hält, wo die Flamme der Fackel hintrifFt, sprechen für 
die Richtigkeit unserer Erklärung. Auf T. 83. sieht Ingh. dert 



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Inghirami Monumenti etrusohi, i4J 

Kampf des Menalippus mit Tydeus nach Apollodor III. 6. 
<Et läfst aber Ha« Medusenhaupt, wodurch gerade auch T. 58. 
Perseus kenntlich gemacht ist, und die Aehnlichkeit mit T. 57» 
aufser Acht. Den etwa« grofs gezeichneten Windhund giebt 
er für ein Pferd aus.) 

T. 58: Perseus und Melampua, in dessen Gestalt 
Juno sich hüllte (Nonnus L. 47. v. 533.), knien auf einem Al- 
tar tind verfechten die argivische Volksreligion gegen die neu 
aufgekommene des Dionysos. Eine Ker harrt aut ihre Beute 
in diesem Religionskrieg. Vgl. indessen zwei Reliefs 5. VI. 
T. A 5. mit dem nämlichen Gegenstand. 

T. 63. 64. und sonst häufig in Stein und Thon: Echet- 
Ins richtet in der marathonischen Schlacht mit dem Pfluge 
unter den Persern Verwüstungen an: Pausan. I. 15. 32. Zur 
Seite stehen zwei Keren. (So erklärt Passeri richtig. Nach 
Ingb. bekämpft Kadmus die Kiesen, welche aus den Drachen- 
zähnen wuchsen. Der bezeichnende Pflug aber in den Hän- 
den des kämpfenden Helden ist durch die Bemerkung, dafs 
Kadmus die Zähne des Diachen gesäet habe, noch lange 
nicht gerechtfertiget). 

T. 65. 70. und S. II. T. 46 i Aktäon im Walde, mit 
Hirschhörnern auf dem Kopfe, wehrt sich mit einer Keule gt« 
gen die ihn zerfleischenden Hunde, T. 65. sind gerade vier 
Hunde, wie bei Hygin fab. l8l. T. 70. sitzt die Ker auf 
einem Felsen mit umgestürzter Kacke) , und als weiteres Sinn- 
bild des Todes ist ein Eberkopf an einem Baume angebracht. 
In derselben Bedeutung sehen wir auf einer Vase von JNeapel 
S. VI. T. M. 5. n. 1. neben Aktäon einen Scorpion. 

Auf den Spiegeln treffen wir einen ähnlichen Gegenstand 
eines gewaltsamen Todes an, S. II. T. 76. erkennt Tyro 
ihre Zwillingskinder Pelias (mit etr. Schrift) und Neleus 
(NEAE) an der vom erstem in der Linken gehaltenen Wiege 
(<rxa'4)jj), worein sie die Neugeborenen legte und einem Hirten' 
anvertraute* Der Stern über ihnen zeigt an, dafs sie Söhne 
des Poseidon sind. Die Mütter hat in deT Linken ein Wasser-» 
gefäfs an einem Strick, um etwa die Geschäfte anzudeuten, 
wozu sie von der harten Stiefmutter Sidero, der Gattin des 
Salmoneus, angehalten wurde. Der Gegenstand ihrer Unter- 
redung ist Rache an Sidero. Denn diese verbirgt sich hin- 
ter dem Altar der Here, ibr Schicksal erwartend. Am Altar 
ist die Schlange der Here, wie Sophokles in seiner Tragödie 
Tu£w beschrieben hat {Athen. XI. 7.). Die etr. Inschrift an 
demselben $AEP£, die auch anderwärts vorkommt, wird von 



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144« r Ingliirami Monumenti etrnschi. 



Lanzi für Heiligthum erklärt. Der Ausgang der Geschichte 
wird zum voraus durch eine Victoria über den Heroen und 
ihrer Mutter und durch die stygische Gans über derJSidero an- 
gedeutet. Die Handhabe des Spiegels enthält als Hotfnungs- 
hild die Büste der Mana Geneta mit dem Vulcansbut und mit 
Flügeln daran (Plüt. Quaest. Rom. 52). 

Die Etrusker liebten , des Todes unabänderliches Ge- 
schick in der Heroengeschicbte zu veranschaulichen. Ein 
Spiegel von Perugia S. II. T. 62. ist sowohl in diesem Be- 
tracht, als weil der betreffende Verstorbene in bestimmte 
Verbindung mit der vorgestellten Begebenheit gebracht ist, 
einer Beachtung werth. Die geflügelte und mit Blumen be- 
kränzte A t ro po s (AOBIIA, O steht statt 0, und der fol- 
gende Selbstlauter O fehlt, wie oft), die diva Necessitas des 
Horaz (Od. Iii. 24- 5 ), ist im Begriff einen Nagel in die 
Wand zu schlagen. Zu ihrer Linken sind Meleager (MEAIAKP) 
und Atalanta (ATAENTA), beide mit dem Jagerspiefs, und 
trauernd von der Parce abgewandt, jener wegen seines ver- 
hängnifsvollen Todes vermittelst eines von den Parcen ge- 
weihten Stückes Holz, diese als die Veranlassung der Ermor- 
dung der Oheime des Meleager und dadurch seines eigenen 
Todes. Zur Rechten der Atropos aber umarmt Venus Libi- 
tina (TV abgekürzt, wie KAS S. II. T. 54» der vollständige 
Name Turan oder Toran steht S. II, T. 15. 47.) als Leichen- 
göttin einen nackten Jüngling, welchem der Spiegel ins Grab, 
mitgegeben, wurde , und legt den andern Arm anf die strenge 
Parce. Hier ist also Altes und Neues y Geschichte und An- 
spielung. Die Handhabe zeigt wieder ditf geflügelte Mana 
Geneta mit der Thurnkrone auf dem Haupte, aus einem Blatt 
hervorkommend. (Die bisherigen Erklärer haben die Bezie- 
hung dieses Spiegels nicht entdeckt. Vermiglioli und Millii» 
sahen in der Venus die Mutter des Meleager, Althäa, und in 
dem Schatten einen ihrer Brüder, un,d Ingh. weifs nichts Bes- 
seres. Wie unangemessen wäre die vertrauliche ,Umhalaung 
der ernsten Atropos von Seiten ^er Althäa!) 

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* 

► > 

(Die Fort Sitzung folgt.) , 




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N. 10. . 1827. 

' ' ' ' • • f 

Heidelberger 



Jahrbücher der Literatur, 




Inghirami Monumcnti etruschi. J 

{Fortsetzung.) 

II, Spiegel S. II. 

») Sieg des Lebens, in der Geschichte der al- 
ten Heroen versinnlich t. , . 

1) Triumph der Sonnenhelden. T. 48: Meie a» 
ger (MEAAKPE) in nachdenkender Stellung fordert den 
JLA2TVP, den Polduke (iiVATVKE, welche Form zwischen 
der griechischen und lateinischen die Mitte hält und den Ur- 
sprung der letztern zeigt) und den Menelaus ( MENAE ) «ur 
Bekämpfung des kalydonischen Ebers auf. (Der letzt Ge- 
nannte ist sonst nicht als Theilhaber dieser Unternehmung be- 
kannt; sein Name wird aber auch T. 47. also geschrieben. 
Fasseri erklärt ihn für Menalippus, Bruder des Meleager.) 
Mit der Geschichte des kalydonischen Schweins verschmelzen 
sich die Ideen vom . Adonis-Eber , wie man schon aus der 
Menge von Eberjagden auf den Grabesdenkmalen schliefsen 
kann. Die Ereignisse werden zur Allegorie , Wahrheit ver- 
mischt sieb mit Dichtung Es wird hier das Nachdenken vor- 
gestellt, Wie man dem Tode (Eber) die Macht nimmt; wobei 
die Dioskuren als Penaten an ihrem rechten Platz sind. l£ine 
allgemeinere Allegorie bievon rindet sich T. 89, ohne dafs die 
handelnden Personen etwas Charakteristisches , haben. Ein 
borstiger Eber, der als Sinnbild der Verheerung einen Leich- 
nam unter seinen Füfsen hat und einen Mann mit den Hauern 
verwundet, wird von Jägern und Hunden verfolgt, und zwar 
mit Glück, indem die Jäger bekränzt sind. Dem Winter wird 
Einhalt gethan, dem Tod ein Ende gemacht. Im untern Felde 
keimen Pflanzen. Vergl. die Vase aus einem Grabe bei Capua 
S. V. T. 56. und eine Bronze von Perugia S. III. T. 25. 

T. 82, in einem Grabe bei Orbetello gefunden: Apol- 
Ion triumpbirt Aber den Dreifufs-Räuber Herakles. Letz- 
terer wird auf einer Opferschale ron Volterra S. VI. T, Q 5. 

XX. Jahrg. p Heft. 10 



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146 Inghirami Monumenti euruschi. 1 . ^ 

n. 1. als Wintergott, mithin als Feind. des Apollon, darge. 
stellt, und hat also auch das Amt des Fan. Auf dem ersten 
Wagen daselbst sitzt Minerva als Vorsteherin des Frühlings — 
s. vor. Ree. ^ »"f <* ero »w*U*n. Ceres jila Sommer, 

au* -dem-drftten-Mare als Herbse, und auf dem vierten Hera* J 
kies als Winter. Auf obigem Spiegel wird Herakles, an der 
Löwenhaut kenntlich, für seinen Frevel gezüchtiget. Apol- 
lon , von Ingh. für Typhon gehalten, fafst ihn bei den Haaren 
und will ihm mit dem. Schwert einen Streich versetzen. Der 
Grundrifs des Drfcifufseg ist im Hintergrund. Da gewinnt 
also die Sonne und das erstorbene Naturleben neue Kraft. 
Epbeu umranket die Vorstellung. 

T. 38 : Der Sieg des Lebens wurde auch mittelst der Per« 
teusfabel im Sonnenlauf nachgewiesen. Perseus ($£P£E)t 
von Joh. Lydus und Tzetzes für die Sonne erklärt , packt das 
mit Beihülfe der Menerva (sie) abgehauene Gorgonenhaupt 
auf. Unten sprofst das Pflanzenreich. D. i. die Macht des 
Sonnenhelden siegt über das versteinernde Winterreich« Sey 
getrost, so wollte man, wie es scheint, dem Entseelten* »u« 
rufen, das Medusenbaupt ist in der Hand des Perseus ! Da«* 
ber ward dieses Haupt auch zum .Todesbild , s. die vor. Ree. 
p ßi3. Eine Todtenkiste S. I. T. 54. «teilt den Perseus vor, 
wie er nach Erlegung der Medusa von deren zwei kriegerischen 
Schwestern verfolgt wird, 

•2) Die alten Heilande, die Retter aus Todesgefahr, 
verdienten hiereine Stelle, wovon zuerst einige Todtenkisten 
anzuführen sind. S. I. T. 55 und 56: Perseus errettet 
•eine Verlobte Andromeda auf der Meeresklippe von dem See- 
ungeheuer. S. I. T. 67 und 68: Oedipus naht sich mit auf- 
gehobener Rechten der jbebanischen Sphinx, ihr verderblieb« 
Rätbsel zu lösen. Sie hat nach griechischer Weise Flügel und 
eine weibliche Brust, und nach etruskischer einen mensch- 
lichen Bauch. Hinter ihr steht eine Furie mit der Fackel und 
wallendem Haupthaar. Auf T. 67. hat die Sphinx unter den 
Vorderfüfsen einen Todtenschädel , wie auch auf Gemmen 
(S. I. S. 567.). Auf T. 68. endigt sieb der Schweif dieser 
Tochter der Ecbidna in einen Schfangenkopf. Die zwei Ne- 
ienseiten von T. 60, stehen S. I. T. 2$,, nnd sind von ähn- 
licher Bedeutung. Auf der einen nämlich wird Iphikles von 
einer Schlange Überwältigt, und auf der andern tÄrftet'HerakleJ 
die ihn umwjndende^ TheOc'r. I<J*. Also unterliegen nnd 

siegen , sterben und Wied erleben ist der Sinn 'dieser Allegorie. 
Einen unteritalischen Heiland machen uns S. I. T. 60. 

und eine todtenkiste von Perugia S. VI; T. E 5. ». * 



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I„gWr.m5 Monum.oü mu.eM. l4l 

Heilig. Eutbymui gibt dem Dämon A 1 y b a n t e s , w elcher 
iqi einem Behälter in feinem Tempel zur Hälfte hervorragt', 
den Todesstreich. Pausanias VI. ö. sah schon ein ah ei Ge- 
mälde mit diesem Gegenstand. Der Dämon hatte ein VYolft- 
fell, schwarze Farhe und schreckliches Aussehen. In den 
etruikiichen Denkmalen zeigt sieb die stufenweise Ausbildung 
der Fabel. Auf der Todtenkiste von Perugia hat der Dämon. 



einen förmlichen Wolf*kopf, und auf der von Volterra ist er 
völlig als Wolf gettaltet. Auf T. E 5. liegt neben ihm ein« 
todte Jungfrau , Weil die Einwohner von Temesa in Calabrien 
ihm alljährlich eine zu opfern pflegten; und dicht bei ihm 
itebt zum Zeichen seiner menschenfressenden Wolfsnatur ein« 
Ker. Auf T. 60. libirt ein Priester über seinem Haupt »uir 
Sühne. — Sm hat Passeri diese Abbildungen richtig erklärt. 

Aach unter den Spiegeln ist einer, der um in dem Arzte 
Macbaon einen Retter vorstellt. T. 39: MAXAN heilt den 
Fufs des P h i 1 o k t e t e s (<frEAV6E)» 

3) Ein Beispiel ehelicher Aussöhnung und Lie- 
be erblicken wir auf einem Spiegel von Perngia T. 47. Me- 
relaus (MENAE) j an dessen Seite der Säbel (fidyc"^) neben 
tan Degen (£/$og) hängt , wie Homer lliad. III. 271 t ihn be- 
scoreihr 9 bat von der wieder eroberten Helena (EAINA) da» 
goldene Halsband empfangen, um es nach Demophil. beiAihen| 
VI. 4. dem delphischen Apollon zu weihen. Weil dieser 
Schmuck ein Geschenk der Aphrodite war , und diese zum Be« 
bufder Wiedervereinigung bedeutsam ist, so hat sie (TVPAN) 
der Künstler auch zur Anschauung gebracht » und Helena 
«cbeint dieselbe wegen der Auslieferung ihrer Gabe zu be- 
sänftigen. 

4j Als Vorbild der Palingeneaie wird Herakles 
dargestellt *T. 72 — 75. Dieser vergötterte Heros steigt, von 
Hermes geführt, über seinen Aschenkrug empor. Bald bat er 
die Löwenhaut und Keule, bald Schild und Lanze, bald ist 
er jugendlich 9 bald bärtig. Hermes bat die Flügel bald am 
den Hut, bald an den Schultern, hier hält er seinen Krumm- 
«lab, dort Schild und Lanze. Auf T. 74 und 75. fehlt der 



Aicbehkrug. (Ingh sieht T. 73 und 75. die Dioskuren, die 
doch, wiewohl oft abgebildet, nie mit einem Aschenkrug 
toter den Füfsen vorgestellt werden , wie T. 73 1 woraus die 
Äebnlichkeit mit T. 72 hinreichend erbellet. Auch wäre der 
Hermesfittig an einem der Dioskuren ungewöhnlich. Hera- 
Utt, welcher zwar keine besondere Auszeichnung hat , scheint 
gerade aus der Urne hervor zugeben und sich mit kindlicher 
Uf& ng eiih*it seinem Führer anzuscollerseh. Was T. 76. 

10 * 



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148 Inghirairu Monunienti etroschi. 




artigen Oegenstam 

b) Von den Heroen macht Herakles den Uebergang zu 
den Göttern. Gottheiten, welche der Zeugung und 
der Palinge nesie vorstehen und allen Dingen 
Daseyn und Leben geben, sind der Gegenständ einer 
Reihe von Spiegeln. 

Hier kommen l) in Betracht die Penaten, per quos pe- 
nitus spiramus, per quo« habemus corpus, per quos rationem 
animi poasidemus, wie Macrob. Sat. L.III, c. 4. «agt. ; 

In Absicht a ) auf die etruskischen Penaten ist 
die Stelle des Servius zu Virgils Aeneis II. 325. vorerst zu 
bemerken, womach die etruskischen Penaten Ceres, Päl es 
und Fortuna waren. Die erste stand ursprünglich der Ve- 
getation, der zweite dem thierischen und die dritte dem Men- 
schenleben vor. So bildeten sie eine zusammenhängende Drei- 
heit von Horten. Die erste scheint mit der böotischen Ceres 
Kabiria verwandt zu seyn. Sie lassen sich säinmtlich auf un- 
sern Spiegeln nachweisen. , T 
Fürs erste Ceres T. 58. Spiegel von Perugia. Sie ist 
wie die zwei andern Penaten mit langen Flügeln versehen, 
mit Diadem und Halsband geschmückt, und hat Granatapfel« 
blüthen zur Seite. Bittend naht sich ihr ein weiblich grfla« 
gelter Lar mit einem Halsband von drei Küchelchen , wie wir 
mit bestimmter Ueberscbrift solche fürsprechende Lare S. U. 
T. 15. und 71. finden* Nach Gori und Inghirami hätten wir 
zwei 

Zum andern Pales T. 52: ein geflügelter nackter Mann, 
lieben welchem eine Pflanze sprofst. T. 57 : Dei Palici, 
zwei geflügelte nackte Knaben, in Sicilien verehrt: S*rv. ad 
yirg. Aen. IX. 585. — Der Verf. gibt diese Vorstellungen 
schlechthin für das Fatum aus. 

Zum dritten Fortuna oder mit ihrem etruskischen Na- 
men Nortia T. 42 45. Aufser dem, was in vor. KeC 

J. 8t8f. beigebracht worden,, ist nur zu bemerken, dafs i« 
iesen Abbildungen die Norti* in der Rechten eine Pätera 
und in der Linken den Phallus hat, mit Ausnahme von T.43, 
WO sie als Schicksalsgöttin eine Loosurne zu halten scheint, 
Wenn man S. I. T. 77. die ähnliche auch vom Veif. daselbst 
für eine Loosurne gehaltene Gestalt bei dem Wahrsager A«v- 
phiaraus vergleicht. T. 86 — 88. findet sich eine Zwe j^ el ? 
von Nortis, sie sind in Bewegung gegen einander. —r Nacft 
Iugh. wäre« es Nemetes. Vgl. Plut. in Fabio T. I. p. X7 U 

•-^ . * ■ 



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iDghirami Mönumenti etruschj. x 149 

* m m » * • 

* T • 1 

Als Örtlicher Fenate erscheint unser» Eracbrens Alf T. 90, 
Ales us, als Ahnherr oder Tritopator der Königsfamilie von 
Veji verehrt. Es ist ein Jüngling in gewaltsamer Bewegung 
mit Händen'und Füfsen, und bat als Sohn Neptuns unter sich. 
Fische. Die heftige Bewegung hat er mit Nortia gemein, dia 
springenden Salier sind seine Priester, ihm von Morrius , 
König von Veji, erkoren, nach Serv. ad Virgil. Aen. VIII. 
285. — I°gh. gab. diesen im brittiscben Museum befindlichen 
Spiegel zuerst heraus, und führte als Zeichen «eines hohen 
Alterthums an: die Kürze des Oherleihes, rfie Gröfse des 

■ - s ' * 

Kopfes, die spitzen Winkel der Augen , die geöffneten Hände, 
die auffallende Länge der Hände und Füfse. Bei Erklärung 
desselben aber machte er sich's .allzu leicht, indem er den Jüng- 
ling das Fat um nennt, ohne an den Fischen den geringsten An« 
stand zu nehmen. 

ß) Die griechischen Penaten, die Dioskuren, 
sind ein häufiger Vorwurf der Spiegel. Bald sind es zwei 
Lanzenträger mit*Helm T. 49 und 51 , bald haben sie den Ka- 
birenhut auf dem Haupte, jedoch meist ohne Sterne, T. 5 f. 
65. 79! 84» Bald sind sie ununterschieden , T. 79, wo beide 
sich an ihren Schild lehnen : bald ist eine Verschiedenheit 
zwischen ihnen bemerklich gemacht: T. 48. ist Föllux ganz 
nackt und in Bewegung, Kastor bekleidet und in Ruhe; 
T. 51* bat sich der eine wenigstens den Helm abgezogen — • 
Sommer wärme , und hat neben sich drei Pflanzen, der andere 
aber hat den Helm auf dem Haupte — Winterkälte, das ge- 
zückte Schwert in der Hand — Tod, und zur Seite einen alten 
Baumstamm. T. 49. deutet der eine in ruhiger Stellung gen 
Himmel, der andere auf die Erde und ist in Bewegung. Füf 
Himmel und Erde erklärt ja Varro die Dii magni, diese Ur- 
beber aller Dinge, und sagt, sie seyen vor den Thoren von 
Ambracia gestanden Vor einem Tempeltbor stehen sie auch 
T. 49 $ und ihnen zur Seite zwei etwas kleiner gehaltene die- 
nende Waffenträger mit dem Hut und Stern ihres Gottes. 
(Der Verf. hält die zwei Hauptfiguren für Laren, die unter- 
geordneten Schildknappen aber für die Dioskuren; allein der 
■Oioskurenhut gieng auch sonst auf die Diener über, vergl. 
Creuzers Myth. II. pag. 347.) T. 64. hat der eine über sieb 
eine Wolke (obere Sphäre), und ist ohne Panzer, womit der 
andere bekleidet ist. T. 77. sitzen beide, aber der eine auf 
einem gepolsterten Stuhl, hat den Degen und die Zeichen der 
Mannheit, während der andere in Schwachheit seine Schaam 
verdeckt. Hinttr dem ersten als dem Gott in der Kraft hängt 
ein Gefäfa mit ausfliefsendeua Wasser als Sinnbild der Vermeh- 

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ami ^uuumh«. « UHMU .. 



7 



»ngt» w i e Büeam vom Volke Israel sagt 4 Mof. 24» 7: „es 
Ird Wasser aus seinem Eimer fiiefsen f und sein Saame wird 




p, 

die untere durch einePflaaze'angedeutet. S. I. T. 59. knien 
sie mit Schild' und Degen auf dem Herde als dem Hausaltar. 

Ihre bedeutsame Wechselbeziehung geht noch deutlicher 
aus S, II. T. 54« 5'5. 85. hervor, welche Vorstellungen mytho- 
logisch merkwürdig aind/ Wenn Epimenides und Varro die 
aamothracischen Kabireii mann weihlich ausdeuten, so werden 
auf diesen drei etrusklschen Spiegeln die Geschlechter aus 
einander gehalten, und den Dioskuren, wahrscheinlich mit 
Rücksicht auf den bekannten Raub der Töchter des* Leucip- v 
pus, Frauen beigegeben. Eine Abbildung dient zur Verdeut- 
lichung de* andern. T, 54. £* eDt » damit man in den Personen 
nicht irre, die Namen an: KAS IIA. IIVAT.VK (Kastor und 
Fo l lux), Kastor streckt in schandbarer Berührung gegen ein 
nacktes Weib seine Hand aus. (Lanzi hielt das aur T. 54« 
halb verwischte Weib für einen Jüngling.) Eine Strahlen« 
Jerone umgiebt des VVVibes HaUpt und zeigt ihre kosmi- 
sche Bedeutung einer Natur- und Mondsgöttin , mijt welcher 
die Erzeuger als Dii potes alles hervorbringen. T. 65. ist 
Pollux gegen eine bekleidete Frau gerichtet, welche sich zu 
der andern wie eine züchtige zu einer Hetäre verhält. Er 
scheint sich, wie auch T, 85, mit der Geberde des Harpokra- 
te'a Stillschweigen aufzuerlegen. T. 85. und vielleicht auch 
T. 54. fehlt das Weib des PolJux ganz. Es verhalten sich hier 
also die beiden Dioskuren zu einander, wie sonst der lüstern 
zeugende Dionysos zu dem Weibe- Dionysos. Auch in ihnen 
und in ihrem Gebiete Hegt abwechselndes Lieben und Sterben, 
Sommer und Winter, Tag und Nacht, Lust und Enthaltsam« 
keit , Genufs und Weihe, untere und ohere Sphäre, 

Der Dioskuren Verbindung mit Dionysos ist schon 
aus T. 77. bemerkt worden^ T. 84. tanzen vor ihnen die 
Hören; die mittlere als der Sommer hat ein reich verbräintea 
Gewand. Die Jahreszeiten wechseln und wir mit ihnen, aber 
die Jahresgötter bleiben unverrückt. (Ingh. schwankt in Er- 
klärung der fünf Figuren zwischen Nemesis, Hoffnung, Fa- 
tuin und Vorsehung hin und her, und achtet gar nicht auf der 
Hören tanzende Stellung.) 

2) MinVrva als Mutter der Dioskuren, die sie dem He« 
Ii os gebar, nach S trab o X. pag. 204» erscheint in besonderer 



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J 



I 

Ioghirami Monninenti eürmcbi. 151 
Verbindung mit ihnen. TV65* legt sie ahnend auf die Schul« 

tern eines jeden eine Hand, und T» 50. Steht sie in ibr#t. 
Mitte; gegeo-den einen ist das Weib nyt der Strablenkron« 
gerichtet! T. 41. hat sie den Kabirenhutttnd lange Flögeln 
M nd die Haltung: ihrer Füfae ist wie bei der Nortia. £4 -ist 
die mag«a Pales Virgils Georg. III, 1« Die Wortverwandt- 
schaft von Pales und Pallas ist von andern schon bemerJtlUb, 
gemacht worden/ T. 65. ist sie gleichfalls geflügelt. T. 50- 
hat sie als ein pantbeistiscbes Wesen die geflügelte und T. 66. 
die befiederte Weltkugel auf dem Haüfte * als Sinnbild des 
unendlichen Expansums; wobei man an die Isis auf der Mu** 
miendecke des üarmstadter Museums erinnert wird. \u # 
- T. 71. wird sie (JVIENPFA) von einem weiblichen Lar. 
(AAsA PEKV) durch Vorhalten eines Zweiges geboten,, wie. 
eg scheint, die Palingenesi« zu genehmigen. Solch« Bitte er- 
gehet billig eher an sie, als an *die Zeugungsgötter selbst, 
Welche mit Notwendigkeit wirkend gedacht werden. . Unten 
ist ein gehenkelter Aschenkrug. (Orioli erkennt in dem Lar 
die Begoe, auch Bigoe genannt, eine et ruskische Wahrsage- 
rin, welche Bücher über ihre Kunst hinterlassen hat. Denn 
V gilt für V und B, K für C und G, V f ür U und O. . Dia 
andern Erklärer deuteten den Lar für eine Victoria, a. aber 
T. 15 und 58.) 

, Als Schicksalsgöttin hat Minerva T. 41. Griffel und Roll« 
in den Händen, und mit den Farcen das Amt t heilend, er- 
scheint sie T. 66 und 83. in ihrer Mitte.« Ein« von diesen 
hält zum Zeichen des geheimnisvollen Schicksals den Zeig«« 
£nger an den Mund; eine andere hat als Lehensparce den Ka- 
Jbirenhut, wie S. VI. T. S. n. t. Der" Sinn dieser Zusammen« 
aetzung ist: der Knaul des Schicksals entwickelt sich nach 
Weisen Gesetzen unter Minerva's Hut. 

3) Die Gottheiten des allgemeinen Naturle- 
bens Werden auf den Spiegeln dargestellt, und zwar g 

a) Dionysos. T.,63. enthält sein Brustbild , von Son- 
nenstrahlen umgeben, d. i. von kleinen Pyramiden, gerade 
wie in späterer christlicher Symbolik das apokalyptische Son- 
nen weih auf dem vormals Weberseben Am.ulet, in dessen Be- 
sitz Ref. sieb durch die Güte des Hrn. J. D. Weber befindet« 
T. 69: Dionysos fährt auf einem von zwei musicireriden Cen- 
tauren gezogenen Wagen ; ein Satyr ist in seinem Gefolge; 
Eros mit der JLebensfackel steht auf einem der Centauren. 
T. 63 : Ein Satyr verfolgt ein widerstrebendes nacktes Mäd- 
chen, Epheu umrankt den bacchischen Auftritt. T. 70: Ein 
Satyr l.ng.» W,.de.ehw,i£ und Pferdefü W .cbKgt dU 

# 

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153 Inghirami Monnmenti etruschi. 

f • 

Leyer, eine Mänade tanzt dazu , Beide stehen auf dem Thyr- 
ius. ' lieber, ihnen ist ein Panther und unten- swei Tauben. 
Naturkraft (Panther) , Wohlordnung (Tonkunst und rbythmi«* 
•che Bewegung) und Erhaltung des Ganzen durch thierische 
Fortpflanzung (Vögel) ist der Sinn dieses Bildes. — Sehen 
wir hier etwa im Dionysos den bJofsen VVeingott, für welchen 
ihn die angeifernde Antisymbolik auf ihrem beschränkten Stand- 
punkt hält, den Tbeil mit dem Ganzen , das Bild mit der Sache 
verwechselnd ? 

ß) Aphrodite T. 67, mit dem Salbölfläschchen in der 
Hand, swei- bekleidete Nymphen sind um sie beschäftigt. — 
Der Verf. hält diese swei für Parcen und die üppig nackte 
Frau für Venus als Farce! Aus dieser Abbildung ist die Er- 
klärung Vermiglioli's undTngh. von einer Bronze S. III. T. 37. 
n. 2. tu berichtigen, wo eine für eine Nemesis gehaltene 
Aphrodite in der einen Hand einen Zweig und in der andern- 
das Salbbüchschen trä^t, das wir auch S. V. T. 25. bei einem 
Bade wahrnehmen. 

. j . Diese Göttin erscheint, um die Befruchtung der Netur 
anzuzeigen, in einem doppelten Liebesverhältnis; nämlich 
zuerst T. 64. mit Ares: sie hält das unter, die Hüften herab- 
fallende Gewand. Zur Seite des Paares stehen als dienende 
Zeugungsgötter die Dioskuren. — Die bisherigen Erklärer 
glaubten die Vermählung des Menelaus und der Helena zu 
»eben , welche aber doch nicht halb nackt vor ihrem Verlobten 
und ihren Brüdern erschiene. — T. 60: Der nackte Adoiris 
liebkost die fast nackte Aphrodite. Zuschauer sind eine be- 
kleidete Dienerin der «letztem und ein Gefährte des erstem. 
(Ref. deutet diese dem Verf. unerklärlich gebliebene Darstel- 
lung mit Vergl. von T. 15, wo die Namen beigesetzt sind.) 
T. 78: Adonis mit dem Jägerspiefs ist im Gespräch mit drei 
Gefahren. 

y) T. 53: Cybele verschleiert und der nackte Attis 
mit verhülltem Hinterhaupt , in behaglicher Stellung , in einem 
Tempel; zur Seite sind zwei Korybanten auf ihr© Schilde ge- 
lohnt. Pinienzapfen bilden den Umkreis ; denn die Pinie war 
der heilige Festbauro in diesem Religionszweig: Creuzer My* 
thol. II. p. 38. • T/59: Attis in der Mitte von zwei Kory- 
banten. Dem Verf. blieb diese Vorstellung ein Räthsel; Hef. 
vergleicht T. 9. 

III. Vasen S. V, welche sowohl an sich durch ihre 
Gestalt, als durch ihre A b b i 1 d u n g e n die Manchfaltigkeit 
der Lebensformen , die Lebens weihe und die beilsame Rück« 
kehr aus dem bunten Vielerlei vorstellen. Ingh. erweist in 



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Inghirami Monument» ttruwhi. 153 

dem Vorbericht cum fünften Tbei! , Heft 4t , M* dtvt« Veten 
eine eigene Gattung von Denkmalen aeyen, die für die Gräber 
beaondera bestimmt gewesen. Strabo VIII. pag. 38l. nennt- 
et« v £ « fS K5^5ia, und nacb Aristophanes Eccl*siaz. 533. 989. 
1024. dachten sich die Athener ein ordentliches Begrähnif» 
und das Mitgeben einer Todtenvase, wofür es eigene Künstler 
• gab, zusammen« Der Verf. führt p. V f. eine griechische In- 
schrift an, die auf einer Vase, noch ehe sie gebrannt worden, 
eingegraben wurde, worin ein Vater seinem Sohne Lebewohl 
sagt. Bisweilen finden sich Malereien in Grabgewölben und 
Reliefs an den Todtenkisten, welche man auf den gemalten 
Vasen wiederholt antrifft. Aus diesen Vordersätzen läfst sieb 
mit Sicherheit schliefen, dafs diese Gefäfse weder zum frü- 
heren Hau sge brauch gedient haben, wie denn aueb in den 
Wobnungen von Pompeji und Herculanum unter den vielerlei 
Gerätschaften gemalte Vasen nicht entdeckt wurden, noeb 
dafs sie als frühere Belobnungen für gymnisebe Siege oder alt 
Erinnerungen an empfangene Weihen den Verstorbenen mit- 
gegeben worden Seyen. Sonst wären sie nicht zum Theil so 
schmucklos , ' ja roh gearbeitet. Man könnte auch an das 
Zwölftafelgesetz T. X. lex l3. erinnern, dafs ein Siegeskran« 
dem verstorbenen Sieger und dessen Eltern im Hause und bei 
dem Leichenzug aufgesetzt,, folglich nicht mitgegeben wer* 
den solle. 

Vermiglioli Lez. Element. I. 8. pag. 126% hält zwar den 
Gesichtspunkt der Vasen als Grabesdenkmale fest, äufsert 
aber die Meinung, dafs, wo nicht alle, doch die meisten bei 
den Todtenoptern zu Weibwasser, Oel, Wein, Milch und 
Rauchwerk gebraucht worden seyen. Ingh. bemerkt dagegen 
p. 489 ff. , m in fi n d e zwar in einigen grolsen Hypogäen auch 
Opferschalen zu Libationen, jedoch von Erz, bisweilen von 
Silber, und nur sehr selten von Thon, neben diesen aber im- 
mer noch die irdenen Vasen. Wozu würden die drei Schuh 
hoben dienen, wozu die einen Zoll kleinen, die mit überaus 
engem Mundloch, wozu die ohne Boden, wie S. VI. X. q. 5. 
«• n. 1 , andere von Stein ohne alle Höhlung, die völlig unge- 
stalteten, die nicht einmal gestellt werden können, wie T. 50. 
n 12. 16. 26.? 

Es mag zur Aufbewahrung der Todtenascbe hie und da 
eine Vase gebraucht worden seyn , ähnlich dem gehenkelten 
Ascbenkruß des Herakles S. II. T. 72. 73, welche* Gestalt 
sich auch bisweilen an den Handhaben der Spiegel abgebildet 
findet. Es mögen die Vasen zum Theil als Wunsch, sich un- 
terwegs mit frischem Wasser zu erquicken, au.f die Reise mit- 

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154 iDgbirami Monumenti etruschi. 

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• 

gegeben worden seyn, Wie S. I. T. 61« ein Dinner dem ver- 
reisenden Bellerophon einen Wasserkrug in Bereitschaft hält, 
und wie S. VI. J. 5* n. 2. dem Schatten eines Kriegsmannes, 
4er die Abzeichen seines Standes auf der Schulter tragend zu 
»einer Bestimmung reitet, von einem Diener ein Labetrunk 
vorgehalten -wird. Indessen hiermit ist der Vasen Bestim- 
mung und symbolische Bedeutung in den Gräbern noch nichj 
erschöpft. Es liegen deren T. 47 — 64. nicht weniger als 
180 vor, die vier ersten Tafeln von Volterra , die vier letzten, 
von Grofsgriecbenland ; zum gröfseren Theil sind sie roh und 
.kunstlos, eine kleinere Anzahl ist bemalt, jedoch nur mit 
einigen Ornaten, mit einer oder zwei Farben. Die verschie- 
denartigste Form und Gröfse derselben, die oft seltsam je» 
suchten Gestalten, der Umstand, dafs unter den vielen keine 
der andern vollkommen gleich ist, die absichtliche VermeU 
dung von Copien in einer und derselben Werkstätte, die' be- 
ständigen Abweichungen in den nämlichen Vorstellungen auf 
verschiedenen Vasen scheinen unzweideutig den Satr auszu- 
sprechen : die Lebensformen der Natur sind unerschöpflich, 
Wenn ein Gefäfs zerbrochen ist, so tritt das Leben in einem 
andern hervor; du stirbst, aber es ist nur ein Wechsel des 
Gefäfses, du wirst in einem neuen wieder erscheinen. Daher 
wird in einem Grab ein Cyklus verschiedenartiger Gefäfse ge- 
funden ; und daher glaubt Ref. in mehreren Gestalten von 
Vasen eine Anspielung auf die Wiedergeburten in der Seelen- 
wanderung zu finden. Die Vase T. 50. n. 24- hat die Gestalt 
eines Widders, welcher mit Hindeutung auf das Sternbild ein 
bekanntes Symbol des Frühlings und der Wiedergeburt ist. 
T. 54. n. 2. ist oben eine Biene, ein Bild der Seele nach Por- 
phyr, de A. N. cap, 18, angebracht. Auf mehreren Vasen ist 
statt des Deckels oder am Deckel ein Menschen köpf abgebil- 
det, T. 47. n. 4. 18. T. 49. n. 9. 14- T. dt. n. 13. T. 54. 
n. 7. S. V^. T. Q 5. n. 1. 2; auf T. 53. n. 20. der Kopf 
eines Vogels. Die Gestalt eines Delphins hat die Vase 
T.. 54. n. i3. 

Nach Hermes bei Stobäus Ecl. phys. I. 52. geht die See- 
jenwanderung durch kriechende, durch Waas er-, durch Land» 
thiere, durch Vögel und Menschen hindurch. In der 
aber findet man in einem etru.skischen Grab fUnf bis sechs Ir- 
dengeschirre, welche diese Wanderungen anzudeuten schei- 
nen. Die ägyptische Bildritrei mag diese unsere Ansicht be- 
stätigen und verdeutlichen. Unter den Mumien sind auf 
ägyptischen Bildwerken öfter vier sogenannte Kanoben darge- 
stellt, d. h. vier KrUg« mit vier Köpfen, mit dem Kopf eines 



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« 



Inghirami Monument! etruschi. % 155. 

I 

I 

Falken, einet Hundes, eines Affen und einei Menschen , s. 

c.B. S. VI. "r, JSJ 4« n. l , T. P 4. und Creuzers Commentatt. 
ijerodott. Titelbl. n. 2. Daselbst ist unter jedem Gefäfs ein« 
Pforte, als Sinnbild des Eintritt» in die vier Lebensstilen der 
Metempsychose. In dieser Verknüpfung erhellet deutlich dio 
Beziehung der Vase als einer Lebensform. Der guten Vorbe- 
deutung wegen sind nur reine Tbiere gewählt, und die Wan- 
derung in die geringere Stufe der kriechenden ist übersprun- 
gen. Auf einem thebaniscben Wandgemälde (s. Creuzers Ab- 
bild, inj Myth. T. 15. n. 20 stehen die vier nämlichen Köpfe 
Hernien artig auf einer Lotusblume vor dem Todtenrichter Osi- 

3'«, um die vierfache Wanderung der Seelen anzudeuten, 
'ieselhe Bedeutung der Vase erkennt Ref. auf dem nämlichen 
Gemälde daraus, dafs in der einen Schale der Gerichtswaage 
ein Henkelgefäfs als Lebensform des vorgestellten Schatten 
liegt, in der andern eine Straufsfeder (wie aus den colorirten 
Abbildungen Belzoni'a PI. i7. deulich wird), als Symbol des 
Schicksals (womit die Parcen geschmückt sind). Das Schick- 
sal wird .durch die vorige Lebensform des Verlebten in die 
Höhe gezogen. Da ist nun der Lichtbringer Horus mit dem 
Falkenkopf geschäftig, ein anderes Gefäfs als die neue Lebens- 
form auf der Seite des Fatums anzuhängen 9 um so das alte 
lieben mit dem Schicksal abwägend das Resultat zu ziehen und 
die Waage ins Gleichgewicht tu setzen ; wobei auch der gute» 
Gott Anubis behülflich ist. 

Indem wir somit die blos sinnbildliche Bedeutung der Va- 
len behaupten, so müssen war gleichwohl die von Ingh. aus- 
«cbliefsend angenommene Beziehung auf die Mysterien zu 
enge finden. Hinsichtlich des Ursprungs der etruskischen 
Vasen afcer theilen wir vollkommen seine Ansicht. Weil sie 
griechische Schrift zu haben pflegen (T. 65- n. 8. hat ausnahms- 
weise etruskische Charaktere) , und weil die Vorstellungen 
darauf in Form und Inhalt griechischer Arbeit ähnlicher sind, 
alt den Abbildungen auf den etruskischen Todtenkisten, so 
erachtet Ingh. (Vorher. S. 19.) , dafs griecbiiche und erst spä- 
ter etruskische Künstler die Vasen gemalt haben. 

Die mitget heilten Vasengemälde stehen im unge- 
zwungenen Einklang mit obiger Auslegung von ihre* Se* 
ttimmung. 

Die vielgestaltige Beweglichkeit des mensch- 
lichen Lehens wird T. 44. n. 2. durch einen bacchischen - 
Tans versinnlichet , und die Palingenesie auf derselben 
Vase durch das Zurückführen der Alceste aus der Unterwelt 
Ermittelst des Herakles. Dieser steht bittend vor Hades, 



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156 Inghirami Monumenti ttruschi, 

und jene harrt hei Fersepbone auf des Richten Ausspruch. 
(Ingh. sah das Zurückführen der Eurydice aus dem Orcus 
durch Orpheus; die kriegerische Rüstung aber pafst nicht für 
den Sänger , welchem bei dieser Gelegenheit auf einer Gemme 
die schicklichere Leyer in die Hand gegeben wird, s. Creuzera 
Abbild, zur Mytb. T. 56. n. l.) 

Die Leiden und Freuden des Lebens selten wir 
im Bilde T, 45. in zwei Gruppen: in der obern kämpft eine' 
Amazone auf ihrem Kriegswagen mit zwei streitlustigen Grei- 
fen, und in der untern ruht Liber mit dem Tbyrsusstab auf 
einem weichen Polster mit Kissen , ihm gegenüber spielt Li- 4 
bera ein Saiteninstrument. Es lauschen die zwei bacchischen 
Gegensätze, auf der einen Seite der thierische Satyr, und auf 
der andern der himmelwärts schwebende Pothos. Ueber der 
ersten Gruppe ist ein und über der zweiten sind vier Epheu- , 
ilätter als Sinnbild des immergrünen Naturlebens angebracht. " 
(Ingh. hält den Bacchus für einen Eingeweihten, welcher sich 
ah der Sphärenmusik, die durch das Weib ausgedrückt seyn 
Söll, ergötze. In den Blättern siebt er Herzen, wiewohl sie 
unten gekrümmt sind , und erklärt sie. für Hieroglyphen der 
himmlischen Seelen. Allein eben so geformte Blätter erschein • 
nen z, B. an einem auch vom Verf. anerkannten Epheuzweig 
S. II. T. 63, und auch einzelne IJpheublätter , jedoch mit dem 
Stiel daran , S, Vf. T. M. 6. n. 2 , wo man nicht auf Herzen 
ratben kann. Wie in der Natur , so erscheinen auch auf Bild- 
werken zweierlei Epheublätter, herzförmige, wie hier, und 
ausgezackte, z. B. S. II. T. 65. Ref. vergleicht eine Vase bei ' 
Passeri T. 157. und bei Miliin T. 1. pl. 38, wo auf ähnliche ' 
Weise Liber und Lihera mit Festmusik unter einer Epheu - ' 
Jä übe das fröhliche Mahl halten)./ 

Den Wechsel des Lebens und des Todes zeigt 
ein Vasengemälde S. VI f. M 5. n. 2. an; nämlich zwischen 
*wci Panthern, die durch ein Epheublatt unter i)irem Bauche 
aTs Bilder des bacchischen Naturlebens verdollmetscht sind, 
steht ein stymphalischer Vogel mit verhülltem Frauengesiebt. ' 
Vier solcher mit merklichen . Krallen gewahren wir in dem 
oben erwähnten ägyptiscben^Bifdwerk (Creuzer Commentt. 
Herod.) Über dem Todtenrichter Osiris, wo sie so viel be- * 
deuten , als das ver ihm befindliche mit dem Pfeile durchbohrte 
Pferd in Creuzers Abbild, z Myth. T. 15. n. 2. (Ref. kann 
jene Vögel nicht für Jyngen haken, s. Comm. Her', p. 350. ff » , 
die wir nur als Vögel ohne menschliche Attribute kennen: 
dagegen zeigt Visconti Mus. Pio-Clem. T. IV. p. 263 die 
mythische Verknüpfung der stymphalischen Vögel mit weib- 



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Inzhirami Monumenti etruichi. 167 



lieben Wesen, und beruft sich auf Spanheim de usu et pr. 
num. T. I. p. 256.) Der Sinn jenes und des tbebaniseben Ge« 
mäJdes ist: der Tod ist mitten im Leben, und immer wieder 
neues Leben ersteht nach dem Tode. 

Die Vase von Volterra T. 55* n. 2- stellt den Hermes 
als Naturgott dar; seine Hand scheint sich in eine Blume 
zj verlieren, wie auf einigen Vasen von Grofsgriechenland 
bei Millingen. Sein Bart steht zopfartig hervor. Üeber die- 
sem Gott ist auf einer etruskischen Bronze S. III. T. 37. n, i . 
ein geflügelter Löwe. 

Die Ei u kehr aus dem bacchisrhen Leben 
durch Weihe wird T. 43. angedeutet. Perseus mit dem 
Sicbelmesser und mit Flugein am Helm und an den Schuhen 
icbreckt mit dem Gorgonenhaupt zwei Satyren, die Ausge« 
lauenen zur Besinnung zu bringen. Zunächst ist hier ohne 
Zweifel eine Anspielung auf des Perseus bekannten Kampf mit 
Bacchus in Argulis (wovon zu S. I. T. 68.). Allein dieser 
Mythus wird hier zur Allegorie, welche im Hintergrund durch * 
Diicus und Binde angedeutet ist. Diese beiden Hieroglyphen , 
die Millingen und lngb nicht fafsten, scheinen so viel zu 
lagen: durch Kampf und Weihe uiufs das bacchische Leben 
{«Hüter t werden. 

Das Bruchstück T. 55. n. 5. enthält die Aglauros mit 
ieigeschriebenem Namen, welcher die Athener ein jährliches 
Reiuigungsfest feierten (s. Creuzers Myth. II. S. 730). Der 
Mann neben ihr wird für Cekrops gehalten, dessen Tochter 
lie war. 

Merken wir auf den in den verschiedenen Typen etrus- 
kischer Grabeshildnerei vorherrschenden Grundgedanken, so 
ist es die ägyptische Lehre von der Seelen Wanderung, 
der wir sogar bei den Hebräern begegnen« Nach der Stelle 
Psalm i 39, 15* kommen die Seelen aus der Unterwelt herauf 
ins Fleisch. Dies war die sehnsüchtige Hotfnung der alten 
Aegyptier» In diesem Sinne reden ihre Monumente. In die« 
lern Sinne versteht Ref. die Hieroglyphen auf der Darmstadter. 
Mumie, deren Ausdeutung hier, vielleicht einen Platz verdient, 
weil ihr Inhalt in den bisher betrachteten Denkmalen wieder« 
hallt. Jedoch kann hier nicht eine begründete Auseinander« 
setsung erwartet werden. Die Winke Creuzers (Comraentt. 
Herod. p. 408 ff ) sind benutzt und nach seinem Vorgang 
Weiter verfolgt. Den Anfang macht eine Schlange — Leben , 
und daneben ist ein abgeschnittener Kegel (wenn zwei Zeichen 
beisammen stehen, so scheint das zweite das erste zu bestim- 
men, ab Beugfall oder Beiwort, hier: Lebens oder leben- 



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158 



Inghirami Monumenti etrnsehi« 



diges). Sodann folgt 2. das Zeichen des Wassers, 3, ein 

Handwerkszeug und daneben eine Hacke (das zweite scheint 
das erste als ein Thun, als ein Zeitwort zu bestimmen) also: 
schaffe, verschaffe); 4. ein Auge — Osiris; 5) eine Leyer — - 
gnädig; 6. ein Ochsenkopf' — deine Kraft; 7. ein Schlüssel 
und daneben eine Hacke (durch das zweite wird das erste ein 
Zeitwort, also: eröffne); 8. der untere Thei] eines Eys — 
die untere Hemisphäre; 9. eine Taube und ein Perseablatt — • 
Zeugen und Wachsen; 10. ein kniender Mensch (ist eine 
Handlung, also: ich bitte);. 11. ein Hase — leichtes Er- 
wachen ; 12 und 13. vor und nach dem Hjsen sind zwei un- 
deutliche Zeichen, etwa ein Arinschmuck (sie mögen sich als 
Beiwörter auf den Hasen beziehen, etwa fröhlich und leicht); 
14'. ein Werkzeug und eine Linie (diese mag jenes in Bezie- 
hung auf das Folgende richten und ein Vorwort anzeigen, 
etwa: zu); 15. ein aufwärts blickender Falcke — das Reich 
der Lebendigen ; 16. ein Handwerkszeug und eine Hacke — 
verleihe; 17. ein Auge — Osiris. Wenn man die Angaben 
der Alten zu Hülfe nimmt , sich in die Bebelfe einer symbo- 
lischen Zeichensprache hinein denkt und mit den Andeutungen 
alter Bildwerke einigermafsen vertraut ist 9 so wird man fol- 
gende Lesung picht unwahrscheinlich Hnden : Das Lebens« 
wasser verleihe, Osiris , gnädiglicb, deine Macht eröffne die 
Unterwelt, durch Zeugen und Wachsen, das flehe ich 
(Mumie). Ein leichtes Erwachen feinen fröhlichen Ausgang) 
zum Reich der Lebendigen verleihe, Osiris! Derselbe Oe- 
danke ist kürzer durch Symhole an den Füfsen der Mumie 
ausgedrückt. Da ist ein Schlüssel in der Mitte von zwei 
Schakalen angebracht. Diese sind ein häufiges Sinnbild des 
Nacht- und Todtenreicbes; also der Sinn ist: Eröffnung oder 
Ausgang aus der Unterwelt. Wir sehen hier an einem Bei. 
spiel den Unterschied zwischen hieroglypbischer und symbo- 
lischer Zeichensprache. 

Um schliefslicb die Frage von der Abstammung de* 
etrusk ischen Volkes zu berühren, in so weit sich aus 
den vorliegenden Denkmalen etwas folgern läfst f so finden 
wir nicht nur einen durchgreifenden Ideenverkehr mit 
Griechenland und Aegypten , nicht nur auf Bronzen von Peru- 
gia den kretensischeh Minotaurus (S. Hl. T, 3l. n. I. 
und T. 35 ) und den ägyptischen Typhon (5. III. T. 23. vom 
Verf. für Medusa gehalten, vgl» T. VI. T. V 5. n. alt 
häfsliche Mifsgestalt mit herausgestreckter Zunge, umgeben 
von seinen schädlichen Thieren , welche nach Flut, de Is. 
p. 371. seine Geschöpfe sind; sondern dieselben Bronzen wei- 



* 



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1 

) 



V 



laghirami Monmnenü etruiohi. [ 169 



sen uns noch in da» entferntere Morgenland. Wir sehen 
S. III. T. 24« n. 2. und T. 29. n« 1. an dem Bruchstück eines 
Wagens den babylonischen Fischgott Oannes, an welchem 
der Oberleib vom Menschen, das Uebrige vom Fisch ist, 
und die Menschenf'üfse treten, wenigstens T. 24* aus dem 
Fischsch wanze hervor , gerade wie Berosus bei Apollo.dor 
fragm. p. 403. f. den Oannes beschreibt. Und wie Berosus 
bei Syncellus mit diesem Wesen seltsame Thiergesttlten , 
welche anfänglich gewesen seyn sollen, zum deichen chaoti- 
scher Verwirrung in Verbindung setzt, SO treffen wir solch« 
mifsgestaltete Ungeheuer, zum Theil mit Menschenköpfen - 9 
Greife , Sphingen, nebst reissenden Thieren, die sich an- 
packen, nicht selten auf etruskischen Denkmalen an. Wäre 
unsere Kenntnifs der asiatischen Vorwelt vollständiger, so 
Heften sich gewifi manche Parallelen ziehen. Die Sprach« 
anlangend erinnern wir nur an die häufige Weglassung der 
VocaUeichen, z. B. S. II. T. 81..MNPPA* worin die etruski-, 
sehe den semitischen Sprachen gleicht. Aus diesen läfst sich , 
auch füglich der Ausdruck auf dem Boden einer silbernen 
Sttula von Cbiusi ÜAIKAENAE S. III. T. 20. (Lanai leitet 
ss von iroA'j; ab: Geschenk von vielen) erklären, nämlich be- 
waffnete Priester, von —73 Gott dienen, und V*TK * in 

CbaldSischen Waffen, indem auf der obern Reihe des Ge- 
fälles ein Waffentanz um einen Altar vorgestellt ist. Bei der 
Annahme der semitischen Abkunft der £trusker mufs man 
nicht einmal nothwendig von der hergebrachten Meinung, sie 
von Lydien herzuleiten, abweichen, indem nach der Völker* 
tskl 1 Mos. 10. der Abkömmling Sems von Josephus füt 
den Stammvater der Lydier gehalten wird, wodurch ein* .? 
Vereinigung der Geschichtsforscher zu Stande gebracht wer- 
den könnte. . 

Die Hefte XXVI — XXX* LIII — LV. sind dem Ref. erst 
•pSter zu Gesicht gekommen, woraus der Vollständigkeit 
wegen Einiges nachgetragen wird, da das Werk. mit dem Heft 
I.V. beschlossen ist! 

♦ 

I. Die Todtenkiste 8.1. T. 53. enthält als Todes- 
■ i 1 d den Raub der P e r s e p b o n e. Tisipbone ist die Wagen- 
lenkerin, und die Richtung der Fahrt wird durch einen mifs- 
gestalteten Schlangenmann angedeutet , welcher den Dolch des 
Verderbens in der Rechten Bückt. Vgl. vor. Ree. p. 803. . 

Ein anderes Todesbild erblicken wir auf einem Spiegel 
5. II. T. 37 f ein Medusenhaupt, mit beigeschriebenem 



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160 Inghirami Louumt nti ttruiobi. 

, ^ ' \ C 

Namen des Verstorbenen. Die geglättete Kehrseite enthält 

•eine Epbeuranke. 

-Kampf und Tod wird S. I. T. 54. in der Heroenge- 
ecbicbte Veranschaulicht. Zwischen Perseus und Phineu» 
steht die aufreizende Euroenid>. (Vgl. T. 57. 83.) Hierher 
gehört dem Inhalt nach S. II. 36: Bell er ophon auf dem 
Pegasus erlegt die Chimära. i >■ ••*.•-.« 

II. Auf den Spiegeln zeichnen wir unter den abgebil- 
deten Gottheiten, welchen alle Dinge Daseyn und Lehen 
verdanken , folgende aus, T. 33: Apollo und Diana, Üjjei 
jenem ist das Zeichen der Sonne, über dieser ein Halbmond , 
in ihrer Mitte steht die Weltkugel. (Jener heilst AnOAN, 
diese liest der Verf. AAAA; allein da die Buchstaben und die 
ganze Vorstellung nacbiäfsig eingegraben- sind , so gehört viel« 
leicht ein Ober dem v* befindlicher Querstrieb mit zum Buch- 
staben, welcher dann ein T wäre, und wenn A für N genom- 
men wird, so hätten wir TANA, wie T. 10. der etruskisebe 
Name der Diana lautet.) 

T. 34* stellt die geflügelte Minerva mit dem Schild in 
schreitender Bewegung dar, und T. 35. ein Brustbild des 
Hermes mit dem Petasus, und zu dessen Seite einen Delphin. 

Als Allegorie der Palingenesie zeichnen wir hier von 
den Todtenkisten aus S. I. T. 52: die wollüstige Umarmung 
dea Eros und der Psyche; vgl. vor. Ree. p. 8l7. 

III. Von den Vasen nilden mehrere 1. bacchischei 
Leben und bacebische Weibe ab. T. 38 Dionysos 
(nach Ingh. eine Seele) mit dem Myrtenzweig empfängt von 
eingeweihten Frauen Gaben und musikalische Huldigung; vor, 
ihm sind auf einem Tisch 3 Aepfel (Jahreszeiten). Auf der 
andern Seite fährt Aphrodite (nach Ingh. abermal eine 
Seele), mit der Maiblume in der Hand, auf einem Schwan 
Übers Meer , welches durch' Fische »angedeutet ist. Zu ihrer 
Hechten ist der Sinnengott Ero # s mit dem sinnlichen Spiegel 
tind dem Korb, zu ihrer Linken der mystische . Pbtbos mit 
Weibebinden in den Händen; hermaphroditisch hat der lets- 
tere seine* Haare nach Weiber Sitte aufgebunden.. (Ans dieser 
Vorstellung erklärt sich am füglichsten S. II. T. 32 : Aphro* 
dite mit dem Spiegel in der Hand auf dem Schwane sitzend.) 

' . V ' • • i 

(D.r B,„hl»ft folgt.) ; * 




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N. 11. 1827, 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Ingliirami Monumenti etruschi. 

CBeschlufs.) 

f. 63. Dionysos im untern Felde, mit Ilebschdssen , 
einem Epheublatt und einem . Trinkgeräfs zwischen zwei 
Satyrn, von welchen einer einen Bock führt; Apollo und 
Artemis in der ohern Gruppe, unter einer P.ilme ruhend. 
Der TempeJdienst von Delos hatte diese drei Gottheiten 
gleichfalls verknüpft. 

T. 63. Eine alte Vaie von Athen, ein bacchiscbes 
Trankopfer vorstellend, von sechs Bacchantinnen darge- 
iracbt, in deren Mitte Dionysos oder dessen Priester ist. 
Dieser spricht sie rein mit den Worten KAA ESI J[*.aXat i -.). 
Neben einer jeden steht KAAE (*aA>J), Reine s Geweihte. 
Die Schrift ist die ülteste griechische von der Rechten zur 
Linken. (Vgl. die Aufschrift T. 25. am Becken zur Wasser* 
reinigung KAAOlEI.) 

T. 4L Zwei fast nackte Jünglinge, der eine mit der 
Citbar, der andere mit einem langen Stab, ein jeder mit der 
Ueberscbrift KAAOS* in ihrer JVIitte ist eine Frau, welche 
aus dem Weihekästchen eine lange Binde hervorzieht. 

T. 61 1 von Pitigliano in Etrurien : eine Mänade hält eine 
Fackel , eine andere zwei Zweige. T. 62 » von Bologna : meh- 
rere Frauen in einero Tempel halten Zweige. 

2) Todeskampf und W iederkehr ins Leben 
Werken wir auf T. 39. In der untersten Gruppe streiten 
griechische Helden (nach Millin Theseus) mit Amazonen; 
über .dem Kampfplatz stehet eine schauende und berathende 
Götterversammlung, bestehend aus Apollo und Artemis, 
Atbene und Herakles. Im obern Feld aber fährt als Verkön- 
digerin des neuen Lebenstages Eos mit dem Viergespann auf- 
wärts, von Hekate mit zwei Fackeln angeführt. 

Dasselbe finden wir in andern Bildern wieder auf T. 65 
^66. Dort packen sich zwei Lö w e n an , und zwei Fe CK' 

XX. Jahrg. 2. Heft. Ii 



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162 Beneke über Seelenkrankheit- Kunde. 



ter befehden sich im Angesicbtfdes Kampfrichter«. Hier aber 
ist der Sieg über des Todes Grauen durch Nike versinnlicht, 
welche ein Trankopfer über einer deichen urne bringt. 

3) Ruhe und Lohn nach des Lebens Mühe se. 
hen wfr in der Apotheose des Herakles T. 35 und 37. 
Dort ruht der Held auf seine Keule gestützt; die Waffen sei. 
nes thatenreichen Lehens , Bogen und Köcher, hangen an der 
Wand; Hermes bekränzt nacb überstandenem Laut den Sie- 
ger, und dieser weibt seinerseits dankhar der ihm gegenüber 
sitzenden Athene einen Kranz. Auf T. 37. empfängt Herakles 
demüthig Nektar und Unsterblichkeit aus den Händen der 
lohnenden Athene, und auf der andern Seite schreitet der See- 
lenführer Hermes. 

W. F. Rinck. 



Beiträge zu einer rein seelenwissenschaftlichen Bearbeitung der Seelen' 
krankheit- Kunde j als Vorarbeiten für eine künftige streng wissen" 
schaftliche Naturlehre derselben , von Dr> F. E f Beneket Privat* 
doeenten an der Universität Göttingen* Leipzig , bei Karl Heinr. 
Reclanu 1824. LX und 530 S. gr. 8. 3 Thlr. 8 Gr. 

• 

Der durch mehrere philosophische Schriften als Selbst- 
denker bereits rühmlichst bekannte gelehrte Verfasser hat sieb 
in dem vorliegenden Werke das grofse Ziel gesetzt : ein« 
solche Bearbeitung der Seelenkraukheits - Kunde aufzustellen, 
wobei die bisherige somatische Betrachtungsweise völlig aus- 
geschlossen bleibe, und alle, selbst die bisher für rein leiblich 
gehaltenen. Erscheinungen bei den Geisteskranken auf seelen- 
artigo Veränderungen zurückgeführt werden sollen. Je mebr 
sich gerade gegenwärtig die Aerzte , die Psychologen und 
Philosophen , wozu bald auch noch die Theologen sich ge'sel- 
len-dÜrften, einander darüber befehden: *ob in den sogenann- 
ten Geisteskrankheiten die Seele wirklich erkrankt sey oder 
nicht? Je weniger dieser Streit blos einer um lana caprina 
ist, sondern am Ende doch die Vindication* der ausschiefs- 
lichen Behandlung der Geisteskranken gilt; mit je gröfserer 
Zuversicht der Verfasser sein Werk, um diesen grofsen Streit- 
punkt zu endigen, als gelungen darstellt; mit je mebr Auf- 
wand von Scharfsinn er in dieser eben so wichtigen als 
schwierigen Untersuchung sich Licht zu schaffen bemüht war; 
und endlich je mehr Recensent bescheidene Einwürfe zu erhe- 
ben hat ; um so mebr gerechtfertigt mag er erscheinen , wenn 



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Bencko über Seelenkrankheit-Kunde. |6S 

er sowohl in seiner Relation Ober die dem Verf. eigenthümlicben 
Ansichten, alt auch in feinem Urtbeile über dieselben, mit 
einiger Ausführlichkeit verfahrt. 

Dem Werke gebt eine starke und gediegene Abhandlung 
roran, in Form einer Zuschrift an Hrn. Profestor Herbart 
in Königsberg, mit der Ueberscbrift : Soll die Psychologie 
metaphysisch oder physisch begründet werden? Hier tritt 
der Verf. in würdiger Haitang gegen den Königsberger Phi* 
loiophen auf, und zeigt, dafs die Begründung der Psychologie 
durch die Metaphysik auf allen Seiten Lacken lasse, und das 
Heil nur in der ohne alle metaphysische Vorurthrile bearbei- 
teten Erfahrung zu suchen sey, aus welcher allein dann eine 
gründliche Metaphysik hervorgehen könn.-; wie denn alles 
menschliche Wissen, auch das metaphyiische und moralische, 
tut der Erfahrung stamme; wobei jedoch der Verf. den Be- 
griff von Erfahrungsurtheilen in der philosophischen Bedeu- 
tung nimmt, wornacb die Bestandtheile df*s Urtheils und der 
Act ihrer Verknüpfung in das der innern Erfahrung offen lie« 
Z^nde Seelen sey n fallen, so dafs ihre Ent*tebu ngsweise in Mie- 
sem Seeieriseyn nachgewiesen werden könne; mithin gegen* 
über stehend den Urtbeilen a priori im engern Sinne, von 
denen behauptet wird, dafs sie vor allem der Erfahrung offen 
hegenden Seelenseyn gegeben sind. 

Das Werk selbst zerfallt in neun Abschnitte. 

T . Plan zu einer rein seelen wissenschaftlichen 
• Bearbeitung der Seelenkrankheit-Kunde 
und Aussichten für das Gelingen des« 
sei ben. 

Nachdem der Verf. das Mifsliche und Unfruchtbare des 
bisher eingeschlagenen Weges 9 die Erscheinungen der Seelen« 
Krankheiten auf Eine Reihe von lauter k ö rp e r 1 i cb en Ver- 
änderungen zurückzuführen, klar aus einander gesetzt hat, so 
»teilt er nun den entgegengesetzten Versuch auf, alle Erschei- 
nungen der Seelenkrankheiten auf s e e 1 e n a r t i g e zurückzu« 
führen, oder doch an diese, zum Behuf der Erklärung, zu 
knüpfen. Die hier entgegen kommenden, meist namhaft ge- 
dachten, vielen Schwierigkeiten, die zum Tbeil dieselben 
sind, welche den erstem Versuch der somatischen Erklärunge- 
* r t vereitelten, sucht der Verf., sinnreich genug, dadurch zu 
beseitigen, dafs er alle jene körperlichen Veränderungen« 
Welche mit den Seelenkrankheiten in offenbarer Verbindung 
"eben, psychisch zu bezeichnen oder psychisch zu Über- 
»«tsen sucht, indem nicht blos die seelenartigen WtrJtüfJ* 

11 * 



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164 



Beneke über Seelenkrankheil-Kunde. 



gen, sondern auch ihre als körperliche bezeichneten Ur- 
sachen etwas Seele n artiges seyn müfsten; was man nur 
bishrr nicht als solches aufzulassen verstanden habe. Indem 
das eigentlich Kranke ja doch die Seele sey; indem ihre 
krankhaften Abweichungen unser vorzüglichstes Interesse in 
Anspruch nehmen, und ihre Genesung uns als Ziel aller un- 
serer Bemühungen vor Augen stehe; so bewege sich eine rein 
seelenwissenschaftliche Theorie unmittelbar in dem Gebiete 
des eigentlich Erkrankten , und arbeite mit offenen Augen auf 
die Hinwegschaffung des kranken Stoffes hm; Während derje-. 
nige 9 welcher die Seelenkrankheiten nur somatisch betrachtet , 
doch immer nur im Vorhofe der Wissenschaft und in einer Art 
von Blindheit ui*hertappe. 

Hier komme es zuvörderst darauf an, das Verhältnifs 
von Leib und Seele bestimmter, als bisher geschehen, darzu- 
stellen. Denn mit wie anscheinender Sicherheit wir uns auch 
im gewöhnlichen Leben der Ausdrücke Leib und Seele be- 
dienten, so dafs der Gegensatz und die Verknöpfung der da- 
mit bezeichneten Begriffe keiner Unbestimmtheit unterworfen 
scheinen; so müfsten wir dieselbe doch bei genauer Prüfung 
als überaus schwankend erkennen. Von den gewöhnlichsten 
Erscheinungen Seyen wir ungewifs, ob wir sie dem- einen oder 
dem andern einordnen sollen. Während z. B. die Empfindung 
des Hungers gewöhnlich dem Leibe zugeschrieben werde, so 
fänden wir den Geschmackssinn und seine Lust auf den ersten 
Seiten jeder Psychologie unter den Vermögen der Seele auf- 
gezählt. % 

Der Verf. urtheilt nun weiter also: indem alle Vorstel- 
lungen von unserm Leibe ihren Ursprung in Sinnen Wahr- 
nehmungen haben,* welche wir dann , wie andere Sinnen- 
wahrnehmungen reproduciren ; hingegen alle Vorstellungen 
von untern Seelenthätigkeiten ihrem Wesen nach nur Repro- 
duetiorten eben dieser unserer Seelenthätigkeiten , d.i. nur 
mehr oder weniger vollkommene Ansätze zu ihrer Wiederho- 
lung sind; so haben wir hiermit und jetzt erst ein philoso- 
phisch bestimmtes Unterscheidungsmerkmal für die Begriffe 
von Leib und Seele gefunden. Das Seelenartige, nicht aber 
das Leibliche , stellen wir durch die Reproduction seiner selbst 
vor. Wollen wir also wissen, ob eine Vorstellung die Vor- 
stellung von etwas Leiblichem oder von etwas Seelenartigem 
•ey , so brauchen 'wir uns nur zu fragen : ob dieselbe mit dem 
in ihr Vorgestellten übereinstimme oder nicht? In so fern 
nun z. B. keine andere Vorstellung des Hungers denselben so 
wahrhaft vorstellt, als die durch einen Ansatz zu ihm selber 



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Beneke über Seelenkrankheit-Kunde. 165 

geschieht ; und also doch eine Vorstellung dieser Art möglich 
ist» und mit jedem Seyn des Hungers wirklich eintritt, su 
gehört der Hunger unstreitig zu den durch sich seihst vorstell- 
Laren Dingen und daher zur Seele. 

Was wir Ding nennen, ist üherall nichts Anderes , als 
ein Aggregat von Wahrnehmungen oder von diesen abgeleite- 
ten Vorstellungen, die durch ihr stetes Zusammenseyn für 
unser Bewufstseyn in eine gewisse nothwendige Verbindung 
getreten sind/ Aul diese Weise bilden sich gewisse kleinere 
Äggrrgate leiblicher und seelenartiger Thätigkeiten , indem 
sieb z. ß. die Seelehthätigkeit des Sehens an die leibliche Ver- 
änderung des Augenaufschlagens knöpft; auf diese Weise 
endlich bildet sich auch das gröfsere Aggregat der gesammten 
leiblichen und der gesammten seelenartigen Thätigkeiten und 
Zustände , welches wir mit dem Ausdrucke Leib und Seele 
bezeichnen. In allen diesen Aggregaten sind nun die Vorstel- 
lungen des Leiblichen und des Seelenartigen auf das engste 
miteinander verbunden. Die Vorstellungsweise des gewöhn- 
lichen Lebens läfst nun die meisten jener kleineren Aggregate 
des Leiblichen und Seelenartigen unaufgelöst, und theilt 
sie als unge trennte Ganze 'dem Leibe oder der Seele z.u, 
je nachdem dieser oder jener Bestandtheil von ihr am deutlich- 
sten vorgestellt werden kann. Mit dem Denken z. B. , als 
einer bewnfsten , durch sich selber vorstellbaren und also see v 
lenartigenThätigkeit, sindgewisse Veränderungen indem räum- 
lich anschaubaren menschlichen Leibe verbunden, und beide 
bilden also in so fern eines jener kleinern Aggregate von Leib 
und Seele. Aber hier werden gewöhnlich die leiblichen Ver- 
änderungen ganz ignorirt, und das Denken als Ganzes und 
mit diesen leiblichen Veränderungen zugleich der Seele auge*< 
schrieben. Dagegen der Hunger, obgleich er unstreitig , in 
so fern er unmittelbar empfunden wird, der Seele angehört, 
im gewöhnlichen Leben, auch als Empfindung, dem Leibe 
beigelegt wird. Und auf diese Weise geschieht es denn, dafs 
die Gränzen zwischen Leib und Seele, obgleich sie sich mit 
der strengsten wissenschaftlichen Bestimmtheit ziehen lassen, 
doch im unwissenschaftlichen Vorstellen schwankend er- 
scheinen. 

Durch den Farallelismus zwischen leiblichen" und seelen- 
artigen Thätigkeiten ist uns die Möglichkeit geöffnet , gewisse 
leibliche Veränderungen in seelenartige, und umgekehrt, zu 
übersetzen. Wo wir eine gefaltete Stirne wahrnehmen, kön- 
nen wir auf die Seelenthätigkeit des Nachdenkens , wo einen 
düstern Blick, auf Unlustgefüble u, s. w. schliefen. Also 



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. > ' - 
> • 

166 Beneke öber Seelenkraniheit-Kunde. 

. ■ 

jeder leiblichen Veränderung entspricht eine seelenartge, je. 
der seeleuartigen eine leibliche. Wie richtig auch, ihrem 
Grunde nach , die Unterscheidung seyn mag zwischen bewufs« 
ten und nicht bewufsten menschlichen Thätigkeiten , indem 
/•ehr viele Seelenartige Thätigkeiten, welche leiblichen Verän- 
derungen parallel geben, in ihrem gewöhnlichen Zustande fast 
alles Bewufstseyns und also aller Fähigkeit, durch ihr Seyn 
vorgestellt zu werden, entblöfst sind; so dehnen sich doch, 
bei genauerer Untersuchung, indem ja unter andern Umstän- 
den jene Fähigkeit mit einer höbern Bewufstseynstärke ein- 
tritt, die Gränzen der bewufsten Thätigkeiten über das ganze 
Gebiet der unbewufsten aus , und jener Unterschied wird zu 
einem Unterschied zwischen solchen, welche gewöhnlich den 
Grad des Bewufstseyns haben, der sie der Vorstellung durch 
sie selber möglich macht, und solchen, welchen diese Be- 
wufstseynakrart nur unter gewissen Umständen zukommt« 
Auch wo wir nur leibliche Veränderungen wahrnehmen, ist 
die Seele thätig. Und so können wir denn allerdings hoffen, 
alle leibliche Veränderungen) welche in der Lehre von den 
Seelenkrankheiten aufgeführt werden , durch ihnen entspre- 
chende Seelenthätigkeiten aufzufassen, und so Eine aus lauter 
seelenartigen Gliedern bestehende Reihe von Erscheinungen 
zu erhalten. Indem nun aber von dem entgegengesetzten Ver- 
fahren dasselbe gilt; denn wir können ja auch die seelenartigen 
Veiänderungen in leibliche Übersetzen, wiewohl diese Ueber- 
tragung wegen der ihr anklebenden Unbestimmtheit den An- 
forderungen einer gründlichen Wissenschaft nicht entspricht; 
so entsteht nun jetzt freilich die gleiche Besorgnifs, dafs es 
•ich eben so mit der Uebertragung der leiblichen Veränderung 

§en in seelenartige verhalten, und auch diese in vielen Glie- 
ern unbestimmt und schwankend bleiben möge. Diese Be- 
sorgnifs verschwindet aber wieder, wenn wir tiberlegen, dafs 
in einer rein seelenwissenschaftlichen Theorie der Seelenkrank- 
beiten , d. h in einer solchen, welche nur aus Vorstellungen 
seelenartiger Veränderungen besteht und auch alle leiblichen 
durch solche bezeichnet , aTies Seelenartige durch sich selbst 
vorgestellt, und so diese Theorie recht eigentlich das inner- 
ste Wesen der Seelenkrankheiten aufdecken wird. 

Aber dafür tritt jetzt die weitere Besorgnifs auf, ob dies 
auch wohl möglich sey? Denn indem wir die Theorie der 
Seelenkrankheiten so entwerfen, dafs wir sie durch sie 
selber vorstellen, so fragt es sich: wie es wohl irgend 
einem Seelengesundeu möglich sey, in den Zustand eines See- 
lenkranken sich so hinein zu versetzen, dafs er, wenn *uch 



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Beneke über Seclenk rank heit- Kunde. 167 

mit auf einen Augenblick, denselben vollkommen in sich nach- 
bildete? Aber nicht unmittelbar aus der Betrachtung der See- 
lenkrankbeiten , sondern aus der des gewöhnlichen gesunden 
Seelenlebens will der Verf. die Grundsätze für unsere Wis- 
senschaft ziehen, indem er von dem gesunden Seelenleben zu« 
erst zu den mancherlei) Seelenunpäfslichkeiten über- 
geht, welche sich auch in dem Leben der nicht eigentlich 
Seelenkranken häufig einfinden, und also unserer Schürfern 
Betrachtung offen liegen; und er versucht dann in dein Fol- 
genden, wie weit man diese, durch die in Gedanken ange- 
stellte Steigerung und Wiederholung derjenigen Einwirkun- 
gen, welche sie hervorgebracht, den eigentlichen Seelenkrank- 
heiten anzunähern vermöge. 

^ II. Krankhafte Aeufserungen der SJinnenthä- 
tigkeiten. 

« 

Krankhafte Aeufserungen der Sinnenthätigkeiten finden 
sich bei allen Gattungen von Seelenkrankheiten, wenn auch 
nicht als beständiges, doch als sehr häufiges Symptom. Die 
Augen des Kranken z.B. sind geöffnet und auf einen bestimm- 
ten Gegenstand gerichtet, und dennoch erkennen wir aus Sei- . 
nen Aeufserungen, dafs ihm gar kein Gesichtsbild oder ein 
ganz anderes entstanden ist, als wir Gesunde von jenem Ge- 
genstande in uns bilden. Dem Verfahren gemäfs, das sich 
der Verf. vorgesetzt, fragt er , ob sich nicht vielleicht etwas 
Aebnlicbes in dem gesunden Zustande unserer (Seele nachwei- 
sen lasse? Es wird uns nicht schwer werden, auch in dem 
gesunden Bewufstseyn Beispiele des NichtSehens bei geöffne- 
ten Augen aufzufinden; wenn wir nämlich angestrengt nach,- 
denken, heften wir unsere Augen unverwandt auf denselben 
Fleck, und wissen doch nichts von dem Gegenstande anzu- 
geben, Also gehört zum Wahrnehmen mehr als ein gesun- 
des Organ und die Einwirkung des Gegenstandes auf dasselbe. 
Wir bezeichnen dies mehr mit dem Ausdrucke Aufmerk- 
samkeit. Aber was ist die Aufmerksamkeit ? Ist sie eine 
einzelne Thätigkeit der Seele ? oder ist sie eine Kraft, 
welche dieselbe, wie aus einem unbekannten Mittelpunkte, 
bald dieser bald jener ihrer TbStigkeiten mittheilt? Die See- 
lenlehre giebt darüber folgenden Aufschlufs. Die meisten 
Thätigkeiten der menschlichen Seele haben das EigenthUm« 
liehe, dafs, sie, durch andere Thätigkeiten aus dem Bewufst- 
ieyn verdrängt, nicht für immer aus demselben verschwin» 
den, sondern für eine künftige Anregung, als der 
Erweckung fähjig, festgehalten werden, Auch die 



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168 Beu«ke über Seeleakraukheit-Kuade. 

Sinnen Wahrnehmungen gehören grofsentheils zu diesen, im 
relativen Unbewufstseyn erregungsfi|hig beharrenden, Thä- 
tigkeiten. Die Aufmerksamkeit besteht nun bei den Wahr« 
nehmungen in nichts Anderen, als dafs , mit der äufsern Am e- 
gung," zugleich die dieser entsprechenden Reste früherer 
gleichartiger Tbätigkeiten geweckt werden., Der Verf. will 
diese, in so fern siel als der Seele schon einwohnende 
tigkeiten, die neue Sinnenanregung gleichsam in sich aufneh- 
men und empfangen , E m p f ä n g n i f s -T b ä t i g k e i t e n der- 
selben genannt wissen. Nur diejenige Sinnenanregung also 
wird bewnfst oder wird zur wirklichen Wahrneh- 
mung, welche in der Seele die ihr entsprechendem 
Empfängnifs-Thätigkeiten vorfindet. Wo dies 
nicht geschieht, da entsteht auch bei gesunden Organen keine 
Wahrnehmung. Nimmt daher zur Zeit der Sinnenanregung 
eine dieser überlegene andere Thätigkeit das Bewufst- 
seyn ein, wie in dem eben angeführten Falle des angestreng- 
ten ' Nachdenkens , so bleibt die Empfängnifsthätigkeit ganz 
ungeweckt und die Wahrnehmung unterbleibt. — Vorstel- 
lungen sind nichts Anderes als vervielfältigte Empfin- 
dungen, und diese aus der geistigen Kraft der menschlichen 
Seelenthätigkeiten hervorgehende Vervielfachung ist nothweu- 
dig, wo eine Vorstellubg, und also auch wo eine Wahrneh- 
mung (eine besondere Gattung der Vorstellungen) zu Stande' 
kommen soll. * t 

Nach diesen hier in Gesunden aufgefundenen Gesetzen 
mögen sich denn auch die Abweichungen in den Sinnenthä- 
tigkeiten der Seelenkranken in folgendem Versuche er- 
klären lassen. 

Am leichtesten lassen sich nach diesen Gesetzen die Er- 
scheinungen des Blödsinnes ableiten, dessen Wesen in einein 
Mangel an geistiger Kraft besteht. Durch diesen näm- 
lich wird der ßlödsinnige aufser Stand gesetzt, die auf ihn 
geschehenden sinnlichen Eindrücke kräftig auf zufassen ; 
was er aber nicht kräftig gefafst, kann er nicht festhal- 
ten; was er nicht festhalten kann , kann er nicht aus sich 
selbst wieder erzeugen. Die Seele des Blödsinnigen 
ist aiso aus Mangel an geistiger Kraft überhaupt unfähig zur 
Bildung von Empfängnifs-Thätigkeiten für die sinn- 
lichen Eindrücke. Statt der Wahrnehmungen finden sich 
bei ihm auch in den höbern Sinnen nur Empfindungen, 
wie sie die übrigen Menschen in den niedern Sinnen erzeu. 
gen. Am nächsten in der gesunden ausgebildeten Seele (und 
einer solchen wird doch das wissenschaftliche Denken des 



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Beoeke über Seelenkrankheit-Kunde. 169 

Blödsinnes sugeinuthet) kommen die Tbätigkeiten ihrer nie« 
dern Sinne den höhern Sinnenthätigkeiten dieser Kranken. 
Der Blödsinnige sieht v »wie wir Seelengesunde riechen und 
schmecken und tasten. In allen Beziehungen unstreitig am 
verwandtesten ist die Seele der Thiere der des blödsinnigen. 
In dem menschlichen Daseyn selbst sind uns zur Vergleichung 
noch die Sinnenthätigkeiten in dem frühesten Kindheitsleben 
übrig. Aber das Bewufstseyn des Seelenzustandes in unserer 
frühesten Jugend ist uns ja eben so fremd , wie das thierische. 
Nichtsdestoweniger besitzen wir eine Erzählung, wie die 
eines mit der Gabe zu sprechen' ausgerüsteten kleinen Kindes 
w^re, in demjenigen nämlich, was uns der englische Arzt 
Cheselden von einem Blindgebornen mittheilt, welcher im 
J. 1728 durch ihn das Gesicht erhielt. Die Seele dieses Blind, 
gebornen befand sich ja in Bezug auf die Gesichtsthätigkeiten 
genau in demselben Zustande, wie die noch uliausgebildete 
der frühesten Kindheit. - 

Wir ühergehen die von dem Verf. aus diesem so merk« 
Würdigen bekannten Falle gezogenen neuen Folgerungen, und 
machen noch aufmerksam auf den von ihm nicht blos dem 
Grade, sondern der Art nach aufgestellten Unterschied zwf- 
schen dem Blöds i n,n, der freilich, seine Grade hat, und der 
Dummheit, die- gleichfalls ihre Grade hat, doch so , dafa 
Blödsinn und Dummheit verschiedene Arten bleiben. Wäh- 
rend die Unvollkommenheit des Blödsinnes in dem Mangel 
an geistiger Kraft des Fassens und Festhaltens besteht; so 
kann diese Kraft selbst bei sehr grofser Dummheit in aus- 
gezeichnetem Maafse vorhanden seyu. Man erinnere nur einen 
solchen Dummen kräftig an das, was er gesehen oder gehört 
oder gelernt. f und man wird erstaunen über die w Vollkommen- 
heit , mit der er dasselbe festgehalten. Der Fehler des Dum- 
men ist also nicht Mangel an Kraft, sondern Mangel an Le- 
bendigkeit; weder die ursprünglichen Tbätigkeiten noch 
die festgehaltenen werden mit dar Schnelligkeit in ihm 
erzeugt , welche zu einer fruchtbaren Geistesentwicklung 
noth wendig ist; er kann viel wissen, aber er vermag es nicht 
am rechten Orte anzuwenden; wohingegen der Blödsinnige , 
bei dem äufsersten Grade geistiger Unfähigkeit , durch eine 
r erstaunenswürdige Lebendigheit und Beweglichkeit in allen 
Tbätigkeiten, so wie durch eine sehr feine Reizbarkeit sich 
auszeichnen kann; wiewohl vi ir auch sehr oft beide, Mangel 
an Kraft und Mangel an Lebendigkeit , also Blödsinn und Dumm- 
heit vereinigt finden. 

t 

■ 

- . *' • Digitized by Google 



170 Beseite über Seelenkrankheit- Kunde. 

Aber niebt blos die Erscheinungen des Blödsinnes 9 auch 
die Erscheinungen bei dem Vorherrschen anderer Seelentbä- 
tigkeiten lassen sich nach den oben angedeuteten Gesetzen er« 
klären. Kehren wir noch einmal zu dem Beispiel aus dem 
gesunden Seelenleben zurück, wo wir, im angestrengtesten 
Nachdenken begriffen, weder sehen noch hören. Die Ge- 
sichts- und Gebörempfindungen werden hier zwar in ihrer 
ursprünglichen einfachen Bewufstseynsstärke erregt, aber ihr 
Stärkerwerden durch ihre Verschmelzung mit de^n ihnen ange- 
messenen Empfängnifsthätigkeiten verhindern diejenigen Tä- 
tigkeiten , welche in diesem Augenblicke als Bestandteile 
unseres angestrengten Denkens übermächtig unsere Seele ein- 
nehmen. Man denke sich nun jene, im Denker nicht Krank- 
heit zu nennende, Unfähigkeit gesteigert, so dafs sie auch 
durch die stärksten unter den Reizen nicht überwunden wird; 
man denke sie sich fortdauernd durch einen längern Zeitraum, 
und man erhält diejenigen krankhaften Sinnenabweichungen, 
welche die sogenannte fixe Idee begleiten.' Wir können 
hier mit unsern Vorstellungen der krankhaften Abweichung 
sehr nahe kommen ; was uns bis jetzt noch fehlt , ist nnr die 
KenntniTü der Gesetze, nach welchen die Macht einer Thätig- 
keit in dem Maafse wachsen kann, dafs diese selbst starken 
sinnlichen Reizen dauernd widersteht. 

Diesem aufgehobenen oder doch ü b e r m ü fa i g verlang- 
samten Wechsel der Tbätigkeiten , wo eine Thätigkeit oder 
ein Aggregat von Tbätigkeiten dauernd in der Seele lastet, 
-steht gegenüber der übermäfsig schnelle Wechsel der 
Tbätigkeiten, wodurch ebenfalls die Wahrnehmungen ver- 
bindert oder krankhaft verändert werden können. Eine jede 
Seelenthätigkeit bedarf nämlich zu ihrer vollständigen Bildung 
einen gewissen Zeitraum. Nach dem Abflüsse dieses Zeit- 
raums, gesetzt auch, die ihre Bildung bedingenden Ursachen 
dauerten noch fort, wird sie nur sehr langsam an Vollkom- 
menheit zunehmen, oder u«it er gewissen Umständen p.ar ab- 
nehmen ; wird sie aber vor seiner Vollendung durch eine an- 
dere Thätigkeit verdrängt oder sonst in ihrer Bildung gestört, 
so kann diese nur einen unvollkommenen Grad erreichen; Er- 
scheinungen, die wir bei Berauschten, bei Fieberkranken, 
bei derGedankenflucbt, und im höchsten Maafse bei der Wuth 
und Tobsucht beobachten. 

Die Sinnenvor siegelungen finden besonders in Fol- 
gendem ihre Erklärung. Wenn der äufsere Sinnenreiz ein 
dauernder, und dabei die Folge der Tätigkeiten nicht se 
schnell ist, dafs sie alles Bewufstwerden der Wahrneb- 



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Bentie Ober Seelenkrankbeit-Kund«. 



rtjr\ 



mungen verhindert; su^ wird die vollkommene Ausbildung 
derselben allein dadurch gestört, dafs die Empfindung nur im 
ersten Anfange ihres Gegebenseyns die ihr entsprechende Em- 
pfängnifstbfitigkeit, später aber andere Thätigkeiten vorfin- 
det, durch welche jene aus dem Bewufatseyn verdrängt wor- 
den ift. Diese andern Tbfltigkeiten nun sind der wahren Em«* 
pfängnifstbätigkeit, und mithin der dieser entsprechenden 



entweder ganz ungleich, oder mehr oder weniger 
gleich. Im letztem Falle nun treten sie zu der Sinneuem- 

endung in ein besonderes Verbältnifs. Als vollständige 
lpfängnifstbätigkeiten können sie ihr nicht dienen, wegen 
der in beiden enthaltenen verschiedenartigen Bestandteile; 
doch aind sie auch wiederum, wegen der ihnen gleichen, 
nicht ganz unfähig, Empfängnifathätigkeiten zu sryn. Ueber- 
wiegt also die Gleichheit, so werden sie dennoch wirklich zu 
Einer Tbätigkeit z u a a m m e n f 1 i e f a e n ; und hat in 
diesem Zuaatnmenfliefaen die Vorstellung daa Lebergew icht 
fiber die Empfindung, so wird eine Si n nen vorspt ege« 
lung entstehen, d. b. wir werden dasjenige, was wir 
vermöge der unächten Eihpfängnifstbätigkeit vorstellen, 
zugleich auch zu empfinden und wahrzunehmen 
glauben. 

Hier wirft nun der Verf. die Frage auf: Wie unterscbei- 
den sich Vorstellung und Wahrnehmung desselben Gegenstan- 
des, und worin kummen sie auf der andern Seite überein ? 
Das Gemeinsame in beiden ist die Vo rstell u ng; denn diese 
findet sich ja auch in der Wahrnehmung ganz, nur dafs hier 
noch die Empfindung zu derselben hinzukommt. Aber ist 
nicht die Vorstellung eine Verschmelzung reproducirter Em- 
pfindungen? Also verwandelt sich der specifische Unter* 
schied beider in einen blofsen G r a d - Unterschied, Und den« 
noch unterscheiden wir Vorstellen und Wahrnehmen, wenn 
lie zugleich beide gegeben sind, sehr klar von einander, 
weil sie unmittelbar durch ihr Nebeneinanderseyn 
als verschieden sich kund tbun. Anders freilich, wo nur 
Eines, wo nur Vorstellung, oder wo doch für das Wahrneh- 
men die Empfindung sehr unvollkommen gegeben ist. Der 
Träumende hält seine Einbildungen für (wirkliches) Sehen und 
Hören, weil ihm Sehen und .Hören zur Vergleicbung fehlt; 
und im Dunklen glauben wir bald dieses bald jenes wahrzuneh- 
men, was nur unsere Phantaaie una vorgaukelt, weil wir da 
überhaupt nichts klar wahrnehmen, sondern die zu den Vor- 
stellungen hinzutretenden Empfindungen so schwach sind, dafs 
«ie sich von reproducirten fast gar nicht unterscheiden. 



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- 



172 Beneke übet Seelepkrankheit- Kunde. 




Die Veranlassungen , unter welchen Sinnenvorspiege- 
lungen eintreten, sind also entweder Steigerung der 
Einbildungsthätigkeiten zu einer b esondern Kraft und 
Lebendigkeit, die sie den wirklichen Wahrnehmungen wenn 
auch nicht ganz gleich macht , doch in ausgezeichnetem Maafse 
nähert; oder aber Stu mpt'heit der Sinne, aus welcher 
diese Annäherung hervorgeht , welche die Unterscheidung 
beider unmöglich oder doch sehr schwierig macht. 

• • • 

III, Uebersicht der einfachsten Entwick- 
lungen in den Thätigkeiten der. mensch. 
liCüen be ele, 

Uns von nun an kürzer fassend bemerken wir hier blos, 
dafs in des Verfassers Theorie der Raum der Seelenthätig- 
keiten eine grofse Rolle spielt, der wieder ein zweifacher ist, 
eingewachsener und angewachsener Raum. Es 
giebt nämlich zwei Arten von Wacbsthura der Bewufstseyn- 
stärke einer Thätigkeit. Die meisten der durch äufsere 
Reize in uns geweckten Thätigkeiten d. i. der Sinnenthätig- 
keiten verschwinden keineswegs ganz, wenn sie von andern 
Thätigkeiten aus unserm Bewuistseyn verdrängt werden, 
sonclern werden für eine künftige Wiedererweckung erre- 
gungsfähig in^ uns festgehalten. Geschieht nun diese 
Wiedererweckung durch dieselbe Sinnenempfindung f so wird 
diese nun nicht mehr einfach, .sondern^ fast doppelt in der 
Seele enthalten seyn. Auf diese Weise kann es dann ge- 
schehen, dafs eine und dieselbe Thätigkeit mehr als tausend- 
fach in unserer Seele erregungsfähig liegt — eingewachsener 
Raum der 1 Thätigkeit. Aufser diesem durch die Verviel- 
fachung des Gleichartigen entstandenen Wachsthum 
der Bewufstseynstärke einer Thätigkeit, giebt es noch eine 
andere Art von solchem Wachsthum , nämlich durch die 
Wiedererweckung, wodurch eine relative unbewufste 
Thätigkeit in. eine bewufste verwandelt wird und also an Be- 
wufstseynstärke zunehmen mufs — angewachsener Raum. 
Zu solcher Wiedererweckung einer Thätigkeit mufs offenbar | 
eine erweckende vorausgesetzt Wörden, wobei die erweckende 
der erweckten von ihrer Bewufstseynstärke mittheilt. 

Die Regel und das Maafs für die Erweckung der Thätig- 
keiten geht von folgenden Associationsgesetzen aus: 1) nicht 
jede Thätigkeit ist im Stande jede frühere tu wecken, son- 
dern es können durch eine Thätigkeit blos die frühern 
ihr gleichen zu neuer Bewufstseynstärke angeregt werden. 
2) Jede Tätigkeit steht mit allen denen, welche mit ihr 



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• 9 ■ 

Beneko über Seelenkrankheit-Knn^. 1 73 

zugleich im Bewufstseyn sind oder waren, in dem Verhält- 
nisse gegenseitiger Mittheilung. 3) Die Gröfse der mitge- 
teilten Bewufstseynstärke richtet sich nach dem Grade der 
Verwandscbaft der in der Mittheilung begriffenen Thätig- 
keiteir. Das z. B. einer Gesichtsvorstellung , als solcher, 
Eigenthümliche i^ann sie von einer Gehörvorstellung nicht er- 
halten; so wie sie das der Gehörvorstellung, als solcher, 
Eigenthümliche nicht von ihr annehmen kann. Nur was bei- 
den gemeinschaftlich ist , theilen sie einander mit, also das- 
jenige, wofluÜbh beide Tbätigkeiten einer und derselben 
menschlichen Seele sind. 

IV. Ueber diejenigen' Seelenkrankhei'ten, 
welche in dem zu grofsen Räume der 
Seelenthätigkeiten ihren Grund haben. 

Die Aeufserungen dieser Gattung von Seelenkrankheiten 
betreffend, so braucht sie nicht immer zu Sinnenvorspiege- 
lungen sich auszubilden. Eine desto genauere Betrachtung 
verdient das dieser Gattung von Seelenkrankheiten eigenthüm- 
liche *U r t h e i l e n und Handeln» Nämlich bei dieser Gat- 
tung der Seelenkrankheiten (beim Wahnsinn), wo eine Vor- 
stellung einen so ttbermäfsigen Raum gewinnt, dafs sie 
die Bildung anderer und daher auch des mit ihnen in Verbin- 
dung stehenden Begehrens und Fürcbtens unmöglich macht t 
wodurch das Handeln ein krankhaftes wird, ist genau genom- 
men das Handeln an und für sich vollkommen ge- 
sund, und das Fehlerhafte liegt nur in den zu dem Handeln 
bestimmenden Vorstellungen, von welchen dann das Handeln 
•o fehlerlos, wie bei dem seelengesunden Menschen, ange- 
regt wird. 

Gerade so verhält es sich nun auch mit dem sogenannten 
verrückten Urtheilen. Man hat die Urtheilskraft des- 
jenigen Krank genannt, welcher seine papierne Krone für eine 
foldkrone nahm. Aber nichts weniger; vielmehr ist sein 
Urtheilen, d. b. seine Verknüpfung von Subject und Prä- 
dicat vollkommen wahr und gesund. Was er sieht, ist 
wirklich die Wahrnehmung einer Königskfone; warum sollte 
er dies nicht im Prädicat davon aussagen? Das Krankhafte 
Hegt also hier ebenso wenig im Urtheilen, als in dem vor- 
hin angeführten Falle im Handeln, sondern allein in den Sub- 
jecten der Urtheile, wie vorher in den dem Handeln zum 
Grunde liegenden Vorstellungen. DerErzeugung der richtigen 
Subjecte ist er unfähig, weil andere Vorstellungen einen KU 
grofsen Raum in seiner Seele tinnehmen; und nur deshalb ist 



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174 ' Beneke über Seelenkrankheit-Kunde. 

sein ürtheilen falsch; gegen welches, als Urtheil, nichts aus- 
zusetzen ist, indem es ja ein wirklich im Subjecte enthaltenes 
Frädicat als solches bezeichnet. — Wiewohl manche Bear« 
heiter der Seelenkrankheitskunde dies wohl eingesehen, und 
anerkannten, dafs die falschen Urtheile im Wahnsinne nicht 
aus einem falschen Schlüsse, sondern vielmehr aus falschen 
Voraussetzungen herrühren; so stellen sie doch dieser Krank« 
heitsgattung eine andere an die Seite, die in einem wirklich 
fehlerhaften ürtheilen oder Sehl i efs e n bestehen soll, 
namentlich HofFbauer, welcher den Wahnwfcz, im Gegen« 
satze vom Wahnsinne, in der Hinderung oder Unterdrückung 
der ürtheilskraft, durch den Einfluls anderer Vermögen, 
bestehen läfst; woraus dann der Form nach falsche Schlüsse 
hervorgingen, während die Schlüsse des Wahnsinns nur der 
Materie nach falsch, das Schliefsen selbst aber in ihnen 
fehlerfrei sey. 

Ueher die Heijung dieser in einer übermäfsigen Raum- 
Steigerung der Seelenthätigkeiten bestehenden Krankbeitsgat- 
tung sagt der Verf. so viel treffliches , praktisch Brauchbares 
und Interessantes, dafs es uns wahre Üeberwindung kostet, 
um nicht zu weitläufig zu werden, hier nur zwei Punkte be- 
rühren zu dürfen. Die so vielfach bestrittene Frage: ob für 
die Beschäftigung der Kranken ihre frühere Beruf sge- 
sebäfte gewählt werden dürfen und sollen, oder nicht? 
entscheidet der Verf. dahin : Stehen diese nicht mit den 
krankhaften Thätigkeitefl in dem Verhältnisse gegenseitiger 
Erweckung; sind z. B. die Kranken in ihre Einbildung zu 
einer Zeit gefallen , wo sie nicht in ihrem Berufe beschäftigt 
waren, und haben sie die Arbeit darin seitdem ausgesetzt; so 
ist gewifs keine Beschäftigung zweckmäßiger für die Be- 
kämpfung der krankhaften Einbildungen; denn keine andere 
Seelenthätigkeiten finden ja einen so grofsen Raum in ihrer 
Seele vor. Da jedoch solche Fälle selten sind, so werden 
meistentbeils die Berufsgeschäfte, als zur Heilung untauglich 
verworfen und vielmehr denselben so viel als möglich entge- 
gengesetzte Tbätigkeiten angeregt werden müssr-.n. Daher 
z. B. von allen Beobachtern anstrengende Feldarbeiten so sehr 
gelobt werden. JLandleute, deren Beruf sie gewesen, würden 
dadurch nicht geheilt werden; aber. diese kommen überhaupt 
nur selten zu fixen Ideen. — Tbätigkeiten, durch welche 
nicht die ganze Geisteskraft der Kranken in Anspruch genom* 
men wird, sind zur Heilung untüchtig. Ein Satz, der S0 
leicht einleuchtet, dafs man sich wundern mufs, wie noch 
immer Stricken, Nähen und andere Beschäftigungen, die gar 



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Beneke über SeeleDkranklieit-Kunde. 



175 



keine Einwirkung auf den Geist bedingen, sondern vielmehr 
den krankhaften Vorstellungen die ganze Seele öffnen, unter 
den Beschäftigungen in Irrenanstalten angeführt werden können. 
Man mache nur mehr von dem Mittel Gebrauch, einen 
Kranken durch den andern zu beschäftigen, und 
man wird bald durch das schnelle Fortschreiten der Besserung 
den Aufwand an Geld und Mühe, welcher sonst nöthig seyn 
möchte, belohnt sehen. 

V. Ueber diejenigen Seelenkrankheiten, 
weiche in einem zu geringen Räume der 
S eele n t h ä ti gke i ten besteben. 

Hier wird der Blödsinn insbesondere abgehandelt. Wir 
führen blos ein weiteres Unterscheidungszeichen des Blödsinns 
von der Dummheit an. Das Gedacht n i f s nämlich des 
Dummen ist nicht selten anfserordentlich stark; nur dafs die 
lange Zeit und in grofser Vollkommenheit bewahrten Seelen- 
thätigkeiten, wegen ihrer Leblosigkeit, nur träge oder gar 
nicht, wenn er gerade ihrer bedarf, ins Bewufstseyn treten. 
Ihm fehlt es also an Erinnerungskraft, worin im Gegen- 
teil der Blödsinn sich zuweilen auszeichnet. 

VI. Ueber diejenigen S ee 1 e n k ra n kb e i t e n , 
welchen eine Ueberreizung zum Grunde 
liegt. 

Hier ist die Rede von der Manie. — Der Verf. unter- 
scheidet zwei Hauptgattungen von Reizen: Kraft reize und 
Lebensreize, und dem gemäfs auch zwei Haupgattungen 
krankhafter Ueberreizungen , von welchen er die durch die 
Kraftreizung erzeugte übermäfsige Anspannung, die 
durch Lebensreize hervorgebrachte L r h i t z u n g nennt. Die 
rch beide bedingten krankhaften Erscheinungen unterschei- 
den sich wesentlich von einander. Als das vorzüglichste 
Merkmal der Erhitzung hat sich uns schon oben der schnelle 
Wechsel der Tbätigkeiten gezeigt. Ganz anders bei der An- 
spannung der übermäfsigen Kraftreizung. Jeder Kraft- 
reiz nämlich bedarf zu seiner Aufnahme in das durch ihn. an- 
geregte Vermögen einer längern Dauer. 

Bei den höchsten Graden der Erhitzung sind gar keine 
Wahrnehmungen möglich. Bei geringem Graden der Er- 
hitzung kommen zwar Wahrnehmungen zu Stande, aber nur 
sehr flüchtig gebildete; und wenn während der Affection 
durch die Sinnenempfindung irgend eine dieser ähnliche, je- 
doch in manchen Stücken ungleiche, Einbildungs- Vorstellung 



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176 



Beneke über Seelenkrankheit -Kunde. 



angeregt wirr], «o kann es leicht geschehen , dafa diese mit 
der Sinnenempfindung zu Einer Tbätigkeit verschmilzt , und 
so eine Sinnen-Vorspiegelung entsteht y nach welcher 
wir jene Einbildungs • Vorstellung als Wahrnehmung zu er- 
zeugen glauben. 

VU. Ueber diejenigen Krankheiten, welchen 
Mangel an Reiz zum Grunde liegt. . 

Hierher ist hauptsächlich die Melancholie zu rechnen. 

VIII. Entwicklung der übrigen Gattungen 
• der Seelenkrankheiten. 

, > 

Der regelmäfsige Schematismus, nach welchem der Verf. 
alle, gewöhnlich als Seelenkrankheiten aufgeführten, Uebel 
als entweder aus dem Uebermaafs an Kaum (Wahnsinn), oder 
aus dem Mangel an Raum (Blödsinn), aus dem Ueherinaafs an 
Reiz (Manie), oder aus dem Mangel an Reiz (Melancholie) 
hervorgehend, darlegte, leistet ihm nicht Bürgschaft, dafs 
mit den dargestellten vier Gattungen das Gebiet der Seelen- 
krankheiten erschöpft sey. Er bezieht hierher noch folgend« 
Seelenzustände. , 

1) Unsittlichkeit. 

Unsittlichkeit ist nichts anderes als übermässiger Raum 
einer Begierde. Hier entsteht zunächst die Frage: wie ent- 
steht überhaupt das Begehren? . Das Begehrte ist zwar auf 
der einen Seite, in sofern es nämlich als zukünftig erstrebt 
wird, nicht in unserer Seele; auf der andern Seite aber mufs 
es unstreitig auch wieder auf gewisse Weise in unserer Seele 
seyn; denn sonst würden wir ja nicht dieses oder jenes Be- 
stimmte begehren , welches doch als ein Bestimmtes unserer 
Seele bekannt und also in ihr gewesen, und irgendwie noch 
in ihr seyn mufs. Begehrungen also scheinen Reproductionen 
früherer Seelentbätigkeiten zu seyn. 



(D*r Beschlufs folgt*) 



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N. 12. ' " . 1827. 

TT • I 11 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 

•• • , 
Beneke über Seelenkrankheit-Kunde. 

• * 



Man wird die Natur der Störungen, welche der über« - 
mäfi ige Raum einer Begierde im Handeln hervorbringt, leicht 
eingehen. Was uns im Handeln leiten soll, und bei der Ab» 
Wesenheit eines krankhaften .Begierderaumes wirklich leitet* 
ist die richtige Vorstellung derjenigen* Güter, welche durch 
unsere Handlungen erlangt werden oder verloren gehen. Hier 
soll das Kleinere dem Gröfsern weichen, und dasjenige also, 
was von allen Seiten betrachtet als das Beste sich zeigt , un- 
sere Thätigkeit in Anspruch nehmen. Aber man setze den 
Fall f es stünden uns zwei Güter vor Augen, deren jedes nur 
mit Aufopferung des andern erstrebt werden kann, und wir 
hätten bei ihrer Vergleichung eines derselben als das bei wei« 
tem überwiegende erkannt, dem geringem aber käme ein 
grofs^r .Strebungsraum in unserer Seele zu; so wird, 
sobald es auf das Handeln ankommt, und also jene Güter nicht 
mehr ,in der Vorstellung, sondern im Bekehren mit ein- 
ander gemessen werden , das geringere, trotz dem, dafs es 
auch von uns als das geringere erkannt worden ist, zum Ziel- 
punkt unserer Handlung werden können. 

Nicht selten fehlt es bei ruhiger Ueberlegung dem Un- 
sittlichen keineswegs an der Einsicht, dafs er uniecht thue, 
seinen Begierden nachzugeben ; in diesem Augenblicke also 
fafst er den Entschlufs zum Widerstand; aber im nächsten, 
wenn die unsittliche Begierde angeregt worden ist, sehen wir 
ihn dennoch von ihr hingerissen« Die Falle jedoch , woselbst 
der, unsittlichste Mensch solcher ruhig vergleichender Ueber- 
legungen fähig ist, werden um so seltener seyn, je gröfser 
der Raum der Begierde ist; denn um so mehr natürlich wird 
sich dieselbe vordrängen und schon bei dem blofsen Urtbeileq 
ihr verderbliches Uebergewicht geltend machen. Eben dies 
gilt von dem Genüsse. Der Unsittliche handelt also seiner 

XX. Jahrg 2. Heft. 12 



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178 Beneke über Seelenkrankhcit-Kunde. 

eigenen richtigen Einsicht von dem Werthe der 
Güter entgegen, derjenigen Einsicht nämlich, welche 
ihm unabhängig von dem krankhaften Strebungs- 
raiime einwohnt, und also zum B#wufstseyn kommt, so- 
bald die Vorstellungen jener Werthe ohne diesen letztem ge- 
weckt werden. 

Nun schreitet der Verf. zur Beantwortung der Frage: ist 
Unsittlichkeit eine Seelenkrankheit? 

Zurechnen bedeutet nicht mehr und nicht weniger als 
zuschreiben oder als Prildicat beilegen. Ist also 
eine That wirklich von jemandem ausgegangen, sO mufs sie 
ihm zugerechnet werden, mag er sie nun in einem Anfalle von 
Wahnsinn oder auf den Antrieb einer unsittlichen Begierde 
verübt haben. Die Frage nach dem „Ob der Zurechnung", 
als auf einem. unklaren Denken beruhend, führt nur zur Ver- 
wirrung, und man mufs vielmehr immer die Frage nach dem 
^ Was der Zurechnung c< stellen, Ist ein Unterschied zwi- 
schen Seelenkrankheit und Unsittlichkeit, so kann dieser also 
nicht in der Zurechnung oder Nichtzurechnuhg , oder in den 
Graden derselben, sondern allein in demjenigen liegen, was 
zugerechnet wird. In dieser Beziehung nun gründet man die 
Verschiedenheit beider auf die Lehre vom freien Willen. 
Der freie Wille, ans welchem bei dem Verbrecher, so wie 
Überhaupt bei jedem Menschen , sein Handeln hervorgeht, 
ist der siegende Wille, oder dasjenige- Wollen , welches, 
als allen übrigen in der Seele vorhandenen Mächten , für die- 
sen Augenblick wenigstens, überlegen, durch die Mitthei- 
lung des ihm einwohnenden Aufstrebens , die Anregung der See- 
lenthätigkeiten bestimmt» Ein solches freies Wollen braucht 
keineswegs ganz und durchaus frei zu seyn, so nära« 
lieb, dafs ihm in seinem Aufstreben nichts in der Seele entge- 
genstünde; sondern in den meisten Fällen wird es vielmehr 
nur nach einem schweren Kampfe als siegende Macht hervor- 
gehen, und also ftei seyn, nur in Bezug auf den Ueberschufs 
•einer Stärke über die der ihm entgegenstehenden Seelenthä- 
tigkeiten. So ist in dem sittlichen Menschen das sitrlicbe, 
in dem unsittlichen das unsittliche Wollen frei. 

Die völlige Unkenntnifs über die Ursachen , aus welchen 
in der menschlichen Seele das Wollen hervorgeht, hat nur 
Verwirrung in die Lehre der Freiheit gebracht. Dafs die 
Erkenntnisse, so wie überhaupt die in dem Gebiete des 
Vorstelllens liegenden Verknüpfungen und Entwicklungen 
nicht ohne gewisse Vorbereitungen in uns werden, hat man 
von jeher allgemein anerkannt. Die jedem Menschen eigen- 



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i . Bonek« über Seelenkrankheit-Kunde. 179 

thflmlicbe Art zu fühlen leitet man eben ao von seinem Tem- 
peramente oder von seinen Schicksalen u. a. w. ab; in 'Bezug 
auf da« Wollen aber will man diese n^ch bestimmten Ge- 
setzen vor sich gehenden allmäligen Entwickelungen nicht an- 
erkennen; vielmehr soll hier, gegen alle Erfahrung, eine jede 
einzelne That eine vollkommen ursprüngliche seyn , 
welche mit keiner der ihr vorangegangenen in irgend einem 
ursächlichen Zusammenbange stehe. Keiner wird auf die Ge- 
danken kommen, ein einiältiger oder unwissender Mensch 
werde ohne alle weitere Vorbereitungen einen schwierigen 
philosophischen Satz einsehen; kein Mensch wird behaupten , 
ein in Tiefsinn Versunkener werde einen ihm begegnenden 
Unfall mit derselben Heiterkeit, wie ein leichtsinniger Knabe , 
aufnehmen, ohne dafs äufsere Umstände ihn durch fortgesetzte 
Einwirkungen umgebildet hätten ; aber der Unsittliche, meint 
man, könne ohne alle weitere Vorbereitungen, rein aus 
• ich selber und durcb einen einzigen Act seines 
freien Willens, sittlich wollen. Vollkommen wahr ist 
der Satz , dafs der Unsittliche sittlich handeln könnte, wenn 
er wollte ; aber bei aller seiner Wahrheit ist dieser Satz nicht 
reicher an Gebalt, als wenn man sagen wollte, der Unwis- 
sende könnte .dieses oder jenes recht wohl wissen , nämlich 
wenn er es gelernt hätte, oder der Melancholische könnte 
das ihm widerfahrene Unglück leicht tragen , wenn er Sangui- 
niker wäre. Jener Satz beifst als« nicht mehr, als wenn der 
Unsittliche sittlich wäre» so wäre er sittlich. Durchaus 
falsch aber ist er, wenn man in ihm das Wolfen nicht als sitt- 
liches Wollen, sondern als Wollen des sittlichen 
Wollens fafst, so dafs er also bedeuten soll: durch da» 
blofse Wollen des sittlichen Wollens, gleichviel 
ob es stark genug sey, gleichviel ob es von äufsern und in. 
nern Hölfsmitteln unterstützt werde oder nicht, könne im 
Augenblick ein sittliches Wollen erzeugt wer- 
den. Das ist eine Magie, welche die menschliche Seele nicht 
kennt. Oder wer irgend wäre so stumpf, dafs er nicht zu- 
weilen die Würde und Hoheit des sittlichen Wollens empfin- 
den und dadurch veranlafst werden sollte, auch für sich das- 
ielbe zu wollen ? Wenn also das sittliche Wollen dadurch 
allein schon, dafs man dasselbe wollte, hervorgebracht wer- 
den könnte , so würden wir überhaupt nicht mehr über Un- 
Sittlichkeit zu klagen haben. Der Unsittliche, als ein unsitt» 
lieh Wollender, kann nicht anders als unsittlich handeln ; eben 
weil die für sein Wollen gebildete Beschaffenheit seiner Seele^ 
nach den für die psychische Natur geltenden Gesetzen , notb„ 



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180 Beneke über Seelenkrankheit-Kunde. 

wendig in unsittlichen Willenstbätigkeiten hervortreten mufs. 
— Es ist endlich einmal Zeit, dals man aufhöre, Sittlichkeit 
und Unsittlichkeit, obgleich man sie doch der Seele als. I'i Sili- 
cate zuschreibt, als etwas über und aufs er aller Na- 
turbetrachtung Liegendes anzusehen. Wij nehmen sie 
beide, als wirkliche Facta, in der Entwicklung der seelenar- 
tigen Natur wahr, und wie sie nach bestimmten Na» 
turgesetzen mit strenger Nothwendigkeit ent- 
•steben, so lassen sie sich auch nach bestimmten Naturgesetzen 
auffassen und von andern psychischen Entwickelungen unter- 
scheiden. — (Auf die Erkenntnifs dieser bestimmten Gesetie 
ist auch die Hoffnung gegründet, dafs die Bemühungen des 
Staats um die Besserung der Verbrecher mit einem glücklichen 
fcrfoige gekrönt werden.) 

Indem Unsittlichkeit in einem unsittlichen Strebungs- 
räume besteht, sq,müssen wir denselben bei der Heilung der 
Unsittlichkeit zu vernichten suchen. Das Vermögen, wenn 
es durch keine neue Reizung gestärkt wird, stirbt allinälig 
ab ; und ist es also nur gelungen , eine Begehrung eine Zeit 
lang ganz aus der Seele zu verdrängen, so hört sie von selber 
auf, Begehrung zu seyn, oder bedarf doch bald keines so 
grofsen Gewichts mehr Zu ihrer Unterdrückung. 

Die Verdrängung der unsittlichen Begierde durch andere 
Thätigkeiten kann auf doppelte Weise geschehen : entweder 
durch solche, die mit ihr in gar keiner Verbindung stehen, 
oder durch solche, welche man so an sie zu knüpfen gewuist 
hat, dafs mit der Erweckung der Begierde zugleich jedesmal 
auch jene geweckt werden. Auf die erstere Weise wirken 
edlere Strebungen, Geschäfte, Krankheiten u. s. w., auf die 
andere Ermahnungen , Strafen, Bufsübungen aller Art. Hier- 
her gehören auch die Heilungen einer Leidenschaft durch das 
Anwachsen einer andern. Dafs schmerzhafte Krankheiten 
gerade für dieses Uebel eine so ausgezeichnet heilende Kraft 
äufsem , erklärt sich dadurch, dafs die unsittliche Begierde 
gerade im Uebermaafse des Vermögens besteht, und dieses 
•ich in den durch die schmerzhafte Kranhkeit überreizten Thä- 
tigkeiten (als welche eine bedeutende Bewufstseynstärke für 
•ich erfordern und daher überaus geeignet sind , grofse Mit- 
theilungen von Vermögen autzunehmen) ablagern und also 
eine bedeutende Schwächung erfahren mufs. — Ueber Ermah- 
nungen , welche doppelter Art sind , erhebend oder nieder- 
schlagend, zumal Über letztere, welche unter gewissen Um- 
ständen zur Herzensverhärtung führen können, wird viel Vor- 



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» 

Beneke über Seclenkrankheh-Kunde. l8l 

■ 

treffliches gesagt; daher in den meisten Fällen beide Arten von 
Ermahnungen verbunden werden müssen. 

Ueberhaupt kommt es vorzüglich darauf an , denjenigen 
Thätigkeiten , deren man sich als Besserungsmittel bedient, 
erst den gehörigen Raum in der Seele zu gewinnen; es mufs 
jadasUebergewicht des Raums entscheiden , welche 
von beiden Thätigkeitsmassen durch die andere wachsen soll. 
So lange also, bis man dieses Uebergewicht für die' der un- 
littlicben Begierde entgegenstehenden Thätigkeiten erworben, 
scheue man keine Anstrengung ; ist dies gelungen, so ist der 
Sieg desftedlern Lebens entschieden, und man bat nicht wenig 
Beispiele, dafs gerade diejenigen, welche am tiefsten gesun- 
ken waren, sieb zu den höchsten Stufen sittlicher Hoheit er- 
hoben haben. 

2) Falsche Wertbgebung oder falscher Lustraum. 

3) UnlustaiFecte. 

IX. Rückblick auf das Ganze der vorgetrage- 
nen Wissenschaft. 



Nach dieser, bei der vorgeschriebenen Kürze möglichst 
deutlichen , Darstellung der Hauptmomente der neu aufgestell- 
ten Theorie der Seelenkrankheitskunde, in welcher manche 
tiefe Idee herrlich leuchtet, wie z. B. nur schon die so frucht- 
bare von den Empfängnifsthätigkeiten , und nach welcher un- 
gemein viele Erscheinungen, die wir bfer nothwendig über- 
sehen mufsten, ihre höchst sinnreiche Erklärung finden, ist 
es nun unsere Aufgabe, diese Theorie unserer Prüfling, so 
weit dazu unsere Kräfte reichen mögen, zu unterwerfen. 

Unstreitig ist es dem Scharfsinn des Verfassers vollkom- 
men gelungen-, die leiblichen Veränderungen in <^en sogenann« 
ten Seelenkrankheiten in seelenartige zu übe rse t z en. Aber 
was scheint damit anders gewonnen zu seyn , als dafs wir 
eine, wenn auch noch so wohlgerathene, Uebersetzung 
besitzen, die, als Uebersetzung, eben doch nichts Mehreres 
giebt, als das der Uebersetzung unterworfene Original, das 
wir nun nur in einer andern , den Namen seelenartig führen- 
den, Sprache besitzen. Zu dem Original selbst ist nichts rein 
seelenartiges hinzugekommen. Denn die Psychologie des Ver- 
fassers ist nichts weniger als eine rein seelenartige, sondern 
«ine Psycho - Physiologie. In dieser unserer Behauptung liegt 
jedoch das freudige Geständnifs schon enthalten, dafs diese 



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■ 

182 Beneke ubeT Seelenkrankheit-Kunde, 

UebeneUung der leiblichen Veränderungen in aeelenartige 
seibot schon einem Bedürfnils abhelfe, und dafs der Verf. da- 
mit der Wissenschaft einen Dienst erwiesen habe. Diese un- 
sere doppelte Behauptung haben wir nun zu erweisen. 

Der Verf. geht von dem Satze aus , dafs in den sogenann- 
ten Seelenkrankheiten das eigentlich Kranke ja doch die Seele 
sey, indem ihre krankhaften Abweichungen unser vorzug- 
lichstes Interesse in Anspruch nehmen, und ihre Genesung 
uns als Ziel unserer Bemühungen vorschwebe. Der Satz hat 
allerdings vielen Schein für sich, allein er, ist es eben, was 
erst bewiesen werden mufs, und nicht als schon erwiesen vor- 
ausgesetzt werden darf. Wirklich scheint in den Geistes» 
krankheiten vorzugsweise die Seele zu leiden. Aber, vernünf. 
tiger Weise vorausgesetzt, dafs die Seele selbst, als ein ein- 
faches geistiges Wesen betrachtet, — und eine andere Be- 
trachtungsweise giebt uns keine Seele mehr, sondern einen 
Stherisirten Körper — nicht krank seyn könne; So entsteht 
Llos noch die Frage; ob nicht die durch- das körperliche See- 
lenorgan wirkende Seele, also gleichsam der durch das Medium 
des Körpers gebrochene Seelenstrahl, also nicht die Seele 
selbst krank sey; oder ob nicht vielmehr alle Krankheit blos 
auf das körperliche Seelenorgan , auf das brechende Me- 
dium des Seelenstrahls bezogen werden müsse; so dafs nach 
der ersten Ansicht eben die Täuschung statt finden würde, 
welche zutrifft, wenn man den halb ins Wasser gesteckten 
geraden Stab wirklich als einen in der Hälfte gebrochenen er- 
blickt? Hier nun stofsen wir auf die vom Verf. selbst, wie- 
wohl nur als eine zufällige, anerkannte (Jebereinstimmung 
•einer Erklärungsweise mit der Brown'schen Erregungstheo- 
rie. Wir sagen aber; es findet hier nicht blos zufällige Ue- 
bereinst im mang, sondern wirkliche Identität mit Brown's 
Hauptaxiomen statt ; und bei dieser Gelegenheit wiederholen 
Wir uqser in .einer Hltern Recension dieser Jahrbücher ausge- 
sprochenes Wort: „Ree. giebt nämlich zu, dafs wir atheni- 
sche und asthenische Fälle von Irrseyn in der wirklichen Er- 
fahrung die Menge sehen ; aber er läugnet den Satz : dafs die 
Seele eine innere Thätigkeit sey, welche, wie alle Tbätigkei- 
ten f die wir aus Erfahrung kennen , widernatürlich erhöh t 
oder herabgestimmt werden könne; und er ist vielmehr 
der Meinung, dafs die Seele selbst keine innere i TbfUigbeit 
sey, sondern die Qu eile aller Tbätigkeiten ; und diese Quells 
'selbst kann, ohne sie mit der erst aus ihr fliefsenden, orga- 
nisch bedingten, Thätigkeit zu verwechseln , unmöglich wi- 
dernatürlich |erhöht oder herabgestimmt seyn. Diese krank- 



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Beneke über Seeleukrankheit- Kunde. |83 

hafte Erhübung und Herabitimmung der Tbätigkeit geht Mos 
in der Erreg u ng (Brown 's indtatio) des belebten materiellen 
Seelenorgans vor sich. Das ist es allein , worauf dem Begriff 
von Hyperstbenie und Asthenie Anwendung gestattet seyn 
kann; höher hinauf nicht. Die Seele selbst kann nie browni- 
$irt werden; und jede Krepuscularpbilosophie mufs vor dieser 
Veite den Rückzug antreten und auf demselben einen nicht un- 
bedeutenden Verlust an grobem Geschütze als Einbufse erlei- 
den. Also sind Wahnsinn, Melancholie und alle die verschie- 
denen Formen von psychischer Exaltation und Depres» 
sion im Seelenorgan , und nicht in der Seele selbst ge- 
gründet.« 

Die hieraus zu ziehende Folge ist wohl die: dafs das, 
was man f ür rein seelenartig hält, dieses nicht rein sey , son- 
dern schon etwas psychisch- somatisches. Lehrt ja doch der 
Verf. selbst, dafs es unmöglich sey, in irgend einer Tbätig- 
keit des Menschen Leib und Seele von einander zu scheiden, 
und dafs der ganze Mensch thätig seyn müsse, wenn über- ' 
haupt eine Thätigkeit in ihm entstehen soll. 

Die Gesetze des Gleichgewichts der Seelenkräfte , 
die Gesetze der Mittheilung der Kräfte, welche in der 
raumlosen Seele bald als die nämlichen wirken sollen, als wie 
auf der geräumigen Ebene des Billiards , und welche — da 
hier die Schwerkraft stillschweigend denn doch mit in Rech» 
nung zu bringen ist — selbst au^eine Schwerkraft der Seelen« 
ausflösse schiiefsen lassen würden; die Aggregate der See- 
lenthätigkeiten u.s. w, — alle diese Pspcho-pbysicalia stellen 
wobl mehr nur ein kunstreiches Modell von der Seele vor, 
dem aber, statt einer geistigen Seele, nur irgend eine wun- 
derbare Naturkraft inwohnt. Es ist die verkörperte Seele, 
wie sie nämlich durch ihre leiblichen Organe in ihrer wirk- 
lichen Thätigkeit in der Sinnenwelt modificirt ist, was der 
Verf. als reine Seele auagiebt; und es sind die physischen Ge- 
setze der blos sinnlichen Welt zur böhern Potenz gesteigert, 
welche er in die geistige Welt übergetragen , wie wir noch 
näher erweisen werden. 

In so fern es jedoch wirklich die Psychologie nicht mit 
der reinen, sondern mit der durch den Körper modihcirten 
Seele, mit den schon organisch bedingten Seelenthätigkeiten , 
also mit dem beseelten Menschen zu thun bat; in so fern ist 
a J»ch wohl des Verf. Erklärungsweise, wenn gleich auf Phy- 
«iologie basirt, dennoch zugleich ächt psychologisch, oder, 
eigentlicher zu reden , anthropologisch ; und indem <*i im See* 
knkranken eben diesen beseelten Menseben, und nicht, wie 



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1 84 Beneke über Seelen krankheit- Kunde. 

die meisten Aerzte zu tbnn pflegen, den blos belebten Körper 
de* Seelenkränken in Betrachtung zieht, so hat er allerdingt 
die Lehre von den Seelenkrankheiten um eine Stute über eine 
blo» organische Lehre erhoben. Wäre seine Betrachtungs- 
weise eine rein seelenartige, so würde sie auch aufhören , eine 
Betrachtung des seelenkränken Menschen zu seyn, und dar- 
um auch, als eine blos speculative Geisterlehre, aufhören, 
eine praktisch brauchbare Kunde des psychischkranken Men- 
schen zu seyn. Wir erklären es daher geradezu als einen 
Vortug der Lehre des Verf., dafs sie das nicht ist, wofür sie 
sich ausspricht. _ 

Einen Widerspruch glauben wir jedoch darin zu finden, 
dafs der Verf., alle körperliche Erklärungsart verwerfend und 
alles rein seelenartig erklären wollend, für die mehr oder we- 
niger angewachsene Macht der Vorstellungen, die doch in 
Geistesacten besteben, den Namen Raum wählt, welcher, 
wenn auch bildlich genommen, doch offenbar auf eine körper- 
liche Erklärungsart hinausläuft. 

Wir sagten oben, dafs .allerdings in eleu sogenannten 
Geisteskrankheiten vorzugsweise die Seele kranjc zu seyn 
scheine. Der Verf. giebt selbst zu, dafs es der Blödsinn sey, 
welcher sich nach den von ihm aufgestellten rein st elenartigen 
Gesetzen am leichtesten erklären lasse. Wir wollen also hei 
der Betrachtung des Blödsinnes stehen bleiben und unsere 
Folgerungen daraus ziehen. « Sieht man auf den stumpfen 
Geist, so wie auf den, denselben so gut bezeichnenden, Na- 
men Blödsinn, so haben wir an ihm allerdings eine Seelen- 
krankheit vor uns. Aber ist denn. nicht auch der Blödsinnige 
eben so körperlich als geistig arm ? Welche Abnormitäten 
und Mängel bietet nur schon sein Gehirnorganisraus dar? 
Mithin bezeichnet der Name Blödsinn und der damit verbun- 
dene Begriff blos die eine, psychische, Reihe von krankhaften 
Erscheinungen, und übersieht gänzlich die andere körperliche 
Reihe; und diese Betrachtungsweise, welche nicht den gan- 
zen Menschen im Blödsinnigen umfafst, mufs der Einseitig- 
keit beschuldigt werden. Wir müssen diel jedoeb noch näher 
nachweisen. 

Der Verf. setzt das Wesen des Blödsinns in einen Mangel 
an geistiger Kraft, aus dem Grunde, weil der damit Behaftete 
die auf ihn geschehenen Eindrücke weder kräftig aufsufassen r 
noch kräftig festzuhalten, also auch nicht kräftig wieder za 
erzeugen fähig, sohin keine Wahrnehmungen zu machen ins 
Stande ist. — Hier erblicken wir also als die letzten Ele- 
mente, worauf sich der Blödsinn reduciren läfst, die kraft« 



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/ 

k 

Beneke über Seelenkrankheit-Kunde. i85 

loten Sinnenempfind un gen; die kraftlose Wiederer Zeu- 
gung derselben und die Unfähigkeit zu Wahrnehmungen sind 
nur die Folgen aus diesen kraftlosen Si«ineaempfindungen ; 
und diese letztern nicht auf die Schuld des kraftlosen Organa 
der Empfindung, sondern auf die Schuld der kiattlos seyn 
tollenden Seele seihst schiehen , heilst so viel als , den zu« 
nächstliegenden hinreichenden Grund vorübergehen und dafür; 
eine entfernte blofse Vermuthung ergreifen. Freilich fehlt es 
den Seelenthätigkeiten des Blödsinnigen an Kraft. Dieser 
Msngel an Kraft ist aber darum noch nicht geistiger Mangel 
der Seele selbst ; denn seine Seelenthätigkeiten siuct ja nur die 
mehr oder weniger getrübten y organisch bedingten, 
Ausflüsse aus der Seilenquelle. Diese organische Gebunden- 
heit der Seelenausflüsse ist aber ein Factor, den der Vf. nicht 
mit in Rechnung bringt, wiewohl er ihn unbewufst mit ins 
Spiel zieht , wie wir bald noch näher zeigen weiden. 

• Wenn übrigens der Verf. (S. 191.) von lebloser, von 
träger Seele spricht, so ist eine solche Seele entweder gar 
keine Seele mehr, es müfste denn nur, wie wir oben befürch- 
teten, die Schwerkraft vom Mittelpunkt der Erde aus sich 
wirklich ins Geisterreich hinaufziehen; oder aber es sind hier 
die organisch gebundenen Seelenstrahlen mit der Seele selbst 
verwechselt. Weun er ferner von sinnlichen' Reizen 
spricht, welche die Trägheit der Seele zu überwinden im 
Stande sind; so sollte man schliefsen, dafs die Macht der 
sinnlichen Reize, als überwindende Macht, höherer und 
geistigerer Natur sey, als die Natur der reinen Seele. Wenn 
er endlich gesteht, dafs Blödsinn , sowohl der später entstan- 
dene als selbst der angeborne, wo die Vernunft überhaupt 
nicht vorhanden seyn soll, in vielen Fällen geheilt worden 
sey, wo man die Heilung für unmöglich hielt; so weisen 
solche Heilungen des vermeintlichen Mangels der Seelenkraft 
so offenbar auf Hebung eines organischen Hindernisses hin, 
dafs dieser Beweisgrund für den organischen Ursprung des 
Blödsinns fast alle anderen Gründe überflüssig macht. So hat 
man ja auch Beispiele von dummen Kindern , welche d ufcb Hirn- 
erschütterung nach einem Sturze klüger geworden sind. 

Höchst sinnreich läfst der Verf. die gesunde und ausge- 
bildete Seele des Erwachsenen (als welcher das wissenschaft- 
liche Denken des Blödsinns zugemuthet wird) sich in den Zu- 
stand des, dem Bewufstseyn des Blödsinnigen analogen, Be- 
wufstseyns des Seelenzustandes unserer frühesten Kindheit 
versetzen, — in der Anwendung des Beispiels des durch Che» 
»elden zum Gesicht gelangten Blindgebornen , dessen neu er- 



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186 Beneke über Seelenkrankheit -Kunde. 

t 

• v - 

langte Gesichtsthatigkeiten sich genau in demselben Zustande 
befanden, wie die noch unausgebildeten der frühesten Kind- 
heit, und der, nachdem er das erstemal sah', wie das Kind, 
das nach dem Monde greift, wie der Blödsinnige/ der mit oife- 
nsn Augen die Gestalten nicht unterscheidet, so weit entfernt 
war , irgend eine Entfernung heu rt heilen zu können, dafs er 
glaubte, alle Gegenstände berührten eben so seine Augen, 
wie das, was er mit den Fingern fühlte, dieselben berührte. 
— Nichtsdestoweniger glauben wir gerade dieses Beispiel 
gegen den Verf. anwenden zu dürfen. Der Blindgeborne ward 
ja durch die Staaroperation nach und nach dem, dem Zustande 
des Blödsinnigen so analogen, Zustande enthoben. Die auf 
das erstmalige Sehen folgenden, dem Blödsinne so verwandten, 
psychischen Erscheinungen lassen sich also, wenn auch auf 
eine Unerfahrenbeit, doch auf keine natürliche Schwäche der 
Seele, sondern auf das von der Geburt an im Wege gestandene 
organische Hindernifs in der Krystalllinsd zurückführen; und 
je mehr diese psychischen Erscheinungen der Gesichtstbätig- 
keiten dem Blödsinne analog sind, um so unwillkürlicher 
wird man auf die Idee geführt, dafs, wie hier der transitori- 
sehe Blödsinn des plötzlich sehend Gewordenen, eben so gut 
auch der permanente Blödsinn von einem organischen Hinder- 
nisse, das eben nur nicht immer erkannt, oder doch nicht so 
leicht entfernt werden kann, herrühren, und die Schuld einer 
mangelhaften Seele ganz wegfallen möge. Wie? wenn das 
organische Hindernifs nicht mehr in der Krystalllinse, wenn 
es in der Tiefe des Gehirns, in den edelsten Theilen des Sen- 
soriums verborgen liegt, wie die Leichenöffnungen so oft leh- 
ren, müssen da nicht blos die Gesichtsthätigkeiten , müssen 
nicht vielmehr alle Sinnenthätigkeiten einen Blödsinn der 
Seele vorlügen ? 

Indem der Verf. den nicht angebornen Blödsinn theils aus 
Ueberreiz, theils aus Mangel an Keix entstehen läfst, 
und su denjenigen Fällen des Blödsinns, welche unmittelbar 
in den geistigen Thätigkeiten ihren Ursprung haben, vorzüg- 
lich die&urcb tief eingreifende Gemüthsbewegungen hervor- 
gebrachten rechnet: als durch Freude, welche eine Ueber- 
reizung der Seele sey; durch Schreck und Kummer, wel- 
che plötzliche oder länger fortdauernde Keizent Ziehungen 
seyen; so bemerken wir hier, dafs wohl die reine Seele selbst 
nicht überreizt werden könne, wenn sie nicht als ein organi- 
sches Ens gedacht werden soll; nur der Organismus kann über- 
reizt werden. Sey auch der krank machende Reiz noch so 
seelenartig, er ist zugleich in eben dem Grade körperlicher 



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I , 

p 

Beneke über Seelenkrankheit-Kunde. 187 

Reis für das Nerven- und Blutsystem. Die im Blöd« und 
Wahnsinne statt findende Ueberreizung auf die Seele, und 
nicht auf den Organismus beziehen wollen, ist etwas sehr 
natürliches j möchte aber doch der eben so natürlichen opti- 
schen Täuschung ähneln , wenn wir zu sehen meinen und da« 
her auch den Schlufs ziehen, dafs die Sonne um die Erde gehe, 
und wenn wir den Regenbogen mit seinen schönen Farben 
nicht in die Retina , sondern hoch oben in das Himmelage* 
wölbe versetzen. Ist es also wirklich Ueberr ei zu n g, die 
in der plötzlichen grofsen Freude, und Reizentziehung, 
welche in Schreck und Kummer so nachtheilig wirkt — wie 
es denn wirklich so ist; — so ist mitbin der Blödsinn, wel- 
cher durch tief eingreifende GemUthsbewegungen hervorge- 
bracht wird, sehr klar auf organische Ueberreizung und 
Reizentziebung zurückgeführt , und damit der wahre Finger- 
zeig gegeben, die schwersten scheinbar rein psychischen Fälle, 
als wohin gerade die durch starke AiFecte erregten gehören, 
in organisch krankhafte aufzulösen. Ein durch psychische 
Reize , welche allemal noth wendig auch physische sind , krank- 
haft reizbar oder torpid gewordenes Nervensystem, wenn 
nicht andere organische Kpunkheitsursachen vorbanden sind, 
möchte die Basis der Geisteskrankheiten bleiben. Und so be- 
wirkt eine zu grofse Freude Blöd- oder Wahnsinn und selbst 
den Tod, nur durch Ueberreizung des Nerven- oder Blut- 
lystems. 

So, wenn der Verf. bei Gelegenheit der Sinnenvorspiege-, 
Jungen sagt : „Wenn Vaillant auf seiner Reise bei einer Hitze 
von 100° F. Wagen, Häuser, Städte, zahlreiche Heerden 
und unzählige andere Dinge zu erblicken glaubte, die ihre 
Gestalt alle Augenblicke veränderten , und dabei jeder seiner 
Begleiter etwas verschiedenes sähe; so gi engen diese Sinnen- 
vorspiegelungen überwiegend aus der Abstumpfung der Sinne 
hervor , welche vorübergehend durch die ungeheure Hitze 
vermittelt wurde"; — so ist hier die gewifs richtige Erklä- 
rungsart des Verf. doch offenbar eher eine körperliche , als 
eine rein seelenartige. Und eben darum sind wir auch berech- 
tigt, die im Gegensatze stehenden 9 durch Steigerung der 
Einbildungsthätigkeiten hervorgebrachten, Sinnen- 
vorspiegelungen bei Künstlern, die in fortdauernder Anspan- 
nung der Phantasie begriffen sind, und, durch diese gegen 
sinnliche Eindrücke isolirt, am leichtesten auf diesem Wege 
»u einer Vermischung ihrer Einbildungen mit den Wahrneh- 
mungen kommen können , — aus Ueberreizung des Nerven- 
systems abzuleiten. 



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168 Beucle über Seelenkraukheit-Kunde. 

« • *. 

Endlich wenn der Vf. bei der Heilung der Ueberreizungs- 
Krankheiten als ein Heilmittel vorschlägt, die an Vermögen 
geschwächten Thätigkeiten gänzlich zu ertödten, ent- 
weder durch Ueberreizung , wie durcb's Opium in grofsen 
Gaben, welches die im delirium tremens überreizten Thätig- 
keiten ertödtet, oder durch längere • Reizlosigkeit ; so kann 
diese Tödtung der Thätigkeiten offenbar nur auf die in in- 
directe Schwäche versetzten Organe, nimmermehr aber auf 
die Seele selbst bezogen werden, oder aber die Seele ist kör- 
perlicher Natur, bestehend zum Theil aus überflüssigen und 
schädlichen Theilen,, und, wie theil weise, so auch endlich 
gänzlich vertilgbar durch's causticum des Todes. 
• Die vom Vf gegebene Erklärung der Sinnen - Vorspiege- 
lungen und des Traumes findet Ree. so einfach, klar und be- 
friedigend und zugleich so reichhaltig an Aufschlüssen über 
das innerste Wesen des Wahnsinns, dafs er es nicht am un- 
rechten- Orte glaubt, noch Folgendes dem vom Verf. Gesagten 
hinzuzufügen: Wir sehen die Gegenstände aufrecht, ob- 
gleich das Bild davon im Auge verkehrt ist; bekanntlich 
darum nämlich, weil auch das Bild unserer Erde selbst, als 
worauf sich das Aufrechte und Verkehrte zuletzt bezieht, in 
unserm Auge verkehrt steht. Wir -sehen also richtig, weil j 
alle aufrechte Gegenstände, selbst die Erdkugel, im Auge 
verkehrt abgespiegelt sind, Würde hingegen nur Ein auf- 
rechter Gegenstand nicht verkehrt, sondern aufrecht im Auge 
.abgebildet seyn , so hätten wir einen V er g 1 e i c h u n gs - 
punkt, und wir würden dann die übrigen aufrechten Gegen- 
stände, weil sie wirklich verkehrt im Auge abgebildet sind, 
auch verkehrt zu sehen schließen. Hier ist also für das auf- 
rechte Sehen der aufrechten , , aber im Auge verkehrt ab- • 
gebildeten, Gegenstände der Mangel an einem V er- 
gleich ungspunke die unerläfsliche Bedingung , so wie zu- 
gleich unsere gröfste Wohlthat. Durch die Anwendung die- 
ses in der Physiologie des Sehens so merkwürdigen Umstände« 
glaubt Ree. des Verfassers Ansicht bestätigt zu haben. Denn 
gerade ebenso ist für den Träumenden, um seine Vorstellungen 
für wirkliches Sehen und Hören halten z,u können, der Man- 
gel an Vergleichung mit den jetzt fehlenden gleichzei- 
tigen wirklichen Gesichts - und Gehör - Wahrnehmungen die 
noth wendige Bedingung, und auch hier, wenn er anders 
glücklich träumt, seine Wohlthat. 

Endlich, was der Verf. über die Natur der Sittlichkeit 
und Unsittlichkeit sagt, enthält so viel Wahres und wieder 
so viel Anstöfsiges, dafs Ree. hierbei etwas langer verweilen 



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Beneke über Seel enk rank hei t- Kunde. 1 69 

muff. Mit tief eindringendem Scharfsinne stellt der Verf., 
die hessern Gefühle im Kampfe mit dem grofsen Strebungs» 
räume der Begierde darstellend, eine neue psychologische Er- 
klärung der Unsittlichkeit auf, welche mit der wirklichen 
Erfahrung und Menschengescbicbte , und selbst mit der Beur- 
teilung der Unsittlichen im Geiste der christlichen Liebe, 
ungleich mehr übereinstimmt, als die metaphysische Ablei- 
tung derselben aus einem absolut Bösen. Wahrheit ist es, 
siegend über alle Einwürfe, und die Lehre der übersti engen 
Moralisten mit einem Schlage widerlegend, wenn er lehrt: 
„Wer irgend wäre so stumpf, dafs er nicht zuweilen die 
Wörde und Hoheit des sittlichen Wollens empfinden und da- 
durch veranlafst werden sollte, auch für sich dasselbe zu „ 
wollen? Wenn also das sittliche Wollen dadurch allein schon, 
dafs man dasselbe wollte, hervorgebracht werden könnte, so 
würden wir überhaupt nicht mehr über Unsittlichkeit zu 
klagen haben." , — Gewifs, das jedem Menschen , wenn auch 
hnr zeitweise, in wohnende sittliche Wollen würde und 
müfste auch unfehlbar durchwein sittliche^ $ o 1 1 b r i n g e n ge- 
krönt werden ! 

Indem ferner der Verf. das W>sen der Unsittlichkeit 
psychologisch bestimmt, so eröffnet er zugleich eine freudige 
Aussicht zur Heilung derselben , und hat hierzu wohl die 
Bahn angedeutet. 

Wenn übrigens in der hier aufgestellten Erklärung der 
Unsittlichkeit Ree. dem Verfasser beistimmt, so ist dennoch 
dieser Beifall weder unbedingt noch vollständig. Ree. kann 
sich nicht überzeugen, dafs Sittlichkeit und Unsittlichkeit, 
wiewohl wir sie als wirkliche Facta in der Entwicklung, der 
seelenartigen Natur wahrnehmen, sich darumjiach bestimmten 
Naturgesetzen ga nz auffassen und begreifen lassen. Soweit 
zwar der wissenschaftliche Beweis reicht, so weit liegt auch 
Sittlichkeit und Unsittlichkeit innerhalb der Gränzen der 
Psychologie, und dieses Feld hat der Vf. mit glücklichem Er- 
folge durchmessen. Weiter als der wissenschaftliche Beweis 
reicht, sollte auch keine Wissenschaft, also am allerwenigsten 
dteCriminaljurisprudenz mit ihren Todesstrafen, gehen wollen. 
Daher die billige Anforderung an die Strafgesetzgebung , ihre 
Maafsregeln eher in Heil- und Besserungsmittel, wenn auch 
noch so bittere, als in eigentliche, im Sinne der Rache ge- 
meinte, Strafmittel umzuwandeln. Aher Sittlichkeit und Un- 
sittlichkeit, als etwas zum Theil doch über und aufser aller 
Naturbetrachtung Liegendes, zu verwerfen, ist auf der an- 4 
dem Seite zu weit gegangen. Die Wissenschaft des Menschen 



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190 Beneke über Seelenk rankheit- Kunde. 



bleibt Stückwerk. Der Mensch, durch ein Wunder erzeugt, 
dai keine Physiologie erklären; unter Wundern ei n hergehend , 
die keine Astronomie nur zählen , geschweige ergründen; sich 
selbst bestimmt fühlend zu einem noch höhern Wunder , das 
keine Metaphysik begreifen kann , — ist also mehr als er 
wissenschaftlich von sich selbst weifs. Er ist, seinem eigenen 
reinen Gefühl nach, ein hohes geistiges Wesen in Staub ge- 
hüllt; und nur diesen Staub mag die Wissenschaft messen, 
wägen und zersetzen , nach bestimmten Naturgesetzen. Oder 
stölst das Messer lies Anatomen auf einen Unterschied zwi- 
schen den Muskelfasern zweier Herzen , deren das eine im 
Leben für Tugend und Menschenliebe glühte, das andere nur 
für Hais und Verfolgung die Pulse schlug? Nichts weniger! 
Also gelangt die feinste Physiologie nicht einmal bis zum 
Vorhofe des Heiligthums im Menschen. Eben so wenig ver- 
mag die Psychologie mit der Schärfe ihrer Schlüsse. Wenden 
wir des Verf. Psychologie gegen ihb selbst an] Er lehrte 
oben: ^Das Begehrte müsse auf gewisse Weise in unserer 
Seele seyn; denn sonst würden wir ja nicht dieses oder jene* 
Bestimmte begehren, welches doch als ein Bestimmtes unserer 
Seele bekannt, und also» in ihr gewesen, und irgendwie noch 
in ihr seyn mufs.« Fragen wir nun die Psychologie nach den 
Gesetzen, woraus die Hoffnung auf ein jenseitiges Leben, 
die so tief in die Brust der bessern Menschen eingeprägt ist, 
wissenschaftlich deducirt werden könne? Sie schweigt, wie 
auf einmal verstummt, und weifs nichts zu antworten. Und 
dennoch — so sind wir aus des Vf. eben angeführten Worten 
zu scbliefsen berechtigt — indem diese Hoffnung, und diea 
Begebren gen Himmel gerichtet sst , so mufs also schon 
etwas Himmlisches in der Seele des Sehnenden wohnen, denn 
sonst würde er sich ja nicht nach dem Himmel, als etwas Be- 
stimmtem, sehnen. Dieses Himmlische nun in der Seele, 
meinen wir, ist es, was keine Wissenschaft ergründet. 

Wie moralische Freiheit ein beiliges Rätbse] ist und 
bleibt, so bleibt es auch Sittlichkeit. Die Criminal* Gesetz« 
gebung mit ihrer blutigen Zurechnung sollte freilich die Hei« 
ligkeit solcher Aäthsel nicht antasten wollen, vielmehr nur 
beim wissenschaftlich Ergründbaren, als dem allein Klaren 
und Siebern stehen bleiben, sonst übt sie mit ihren Todes- 
strafen selbst ein Wagstück aus, würdig vor einem höhern 
Gerichte belangt zu werden. Auf der andern Seite erscheint 
es aber auch als etwas zu viel Gewagtes und zugleich die ganze 
menschliche Natur in ihrer geheimnifsvoll eingehüllten Hoheit 
nur gar zu mangelhaft Darstellendes, wenn der Vf. das Seelen- 



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t 



Taciti et Quiocaliani Opera ed. Luoemann. |9$ 

gebeimnifs, was uns nur eine andere Welt aufseh Ii eisen kann, 
alt wirklich enträthselt darstellt, und er Sittlichkeit und 
Tugend ganz aus den Naturgesetzen herleiten will. £• giebt, 
nach des Ree. Dafürhalten, über dem Standpunkte des Dog- 
matismus noch einen hohem Skepticismus, der, indem er mit 
dem Skepticismus im schlimmen Sinne nicht zu verwechseln 
ist, über Freiheit und Tugend die wissenschaftliche Be- 



weise unpartheiisch dafür , wie dagegen standhaft läugnet, 
und ebendarum allein sicher zu gehen glaubt, dafs der bessere 
Mensch, mit edlem dogmatischen Stolse, gegen sich selbst, 
als sich frei und verantwortlich fühlenden, streng sey; und 
dafs er, mit skeptischer hoher Demuth und edler Selbstver- 
leugnung, gegen Seines Gleichen, in der Sinnenwelt und 
soweit die beschränkte Wissenschaft reicht, ihm wenigstens 
als Unfreie Erscheinende, milde doch ernste, mehr bessernd 
und heilend, wenn auch durch bittere Mittel, als strafend und 
liebend verfahre. 

F. G r o o s. 



Nova Bibliotheca Romana classica, probatissimos utriusque 
orationi* scriptotes Latinos exhibens. ' Ad optimarum editionum 
. fidem scholar um in usum adornaoit G. H. Lüne mann, ph. Dr. 
ac Gymrujs. Gotting. Recior. Tom III. und IV. Taciti Opera; 
Auch unter dem besonderen Titel: 

C, Cor ne Iii Taciti Opera» Ad optimarum editionum fidem scho- 
lar um in usum curavit G. H Lünemann etc. Pars I. SlS S. 
die Annalen enthaltend. Pars II» 520 S. die Iiistor. German. 
Agricol. und Dialog, de Oratt» enthaltend. Hannoverae 1825» in 
bibliopolio aulico Hahniano. gr, 8» 20 Gr» 

Desselben Werkes Tom. V. und FI. Quinct ilianus; 

Auch unter dem besonderen Titel : 

M. Fabii Quinctiliani De institutione oratoria Libri 
duodeeim , ad optimarum edd. fidem scholar um in usum curavit 
G. ff. LUnemann. Pars I. 261 S. Pars II. 265 S. gr. 8. 
Hannoverae 1826. in bibliop. aulico Hahniano. 

t 

\ 

Es ist in diesen Blättern bereits mehrmals von dieser 
Sammlung der Römischen Autoren in ihren ersteren Theilen 
die Rede gewesen; die beiden hier angezeigten Autoren 
«Cbliefsen sich würdig den früheren Theilen an, oder über- 
treffen vielmehr dieselben. Durch Correctheit des Drucks , 
durch Lesbarkeit desselben, vor Allem durch einen nach den 



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192 « Taoiti et Quinotiliani Opera ed. Lünemamu 

betten grßfseren Ausgaben berichtigten Text, eignen sich 
diese Ausgaben trefflich für den Gebrauch auf Schulen y wotür 
•ie auch zunächst bestimmt sind, und wo soche Ausgaben 
allein eine Stelle finden können, oder doch wenigstens et 
sollten. Der höchst billige Preis (worauf* man bei Schul- 
büchern so sehr zu sehen hat) erleichtert überdein die An- 
schaffung und macht die allgemeine Einführung, möglicher. 
Bei dem Tacitus ist, was man in jedem Fall billigen mufs v die 
OherJinsche Recension zu Grunde gelegt ; doch ist der Heraut- 
geber hie und da abgewichen; um aber Verwirrung zu ver- 
meiden , ist am Schlafs ein Verzeichnift der Stellen bemerkt, 
welche in dieser Ausgabe von dem Oberlinschen Texte ab- 
weichen, öfters auch mit kurzer Angabe der Gründe, die den 
Herausgeber bewogen, von Oberlin abzugehen, und selbst 
mit einzelnen Verbesserungsvorschlägen; auch Berichtigungen 
v6n Druckfehlern (wie z.B. Annall. IV. 52.4. der aus Gronov t 
Ausgabe in die übrigen Ausgaben übergegangene forma statt 
Jama), So ist z.- Annale IV. 74 u"d 17. 1. das richtige Jigressi 
wieder hergestellt, das Ernesti mit Unrecht in ein «iegressi 
verwandelte; dagegen XIII. 552 mit Ernesti und Ruperti die 
Vulgata beibehalten und kurz erklärt; da abditis in dem Sinne 
von occultus genommen und zu tergo Patrum supplirt wird, 
istOberlins o&clitis unnöthig. Annall. XIII. i9. § 3. „Kubel- 
lium PlaTütum, per maternam originem pari ac Nerb gradu a 
"divo August'ö« schl3gt der Herausgeber vor äc A Heroftem\ ■ was 
die Grammatik erheische. Allerdings* findet sich diese Con- 
struction als die gewöhnlichere nach qui (z. B. Cic. pro Ligar. 
I. 2. Finn. IV. 20. De Amicit. 2. Tuscull. I. 17 »bitr. Davis.); 
allein damit ist nicht erwiesen; dafs dies in allen Sätzen, ins- 
besondere in solchen, die als Nebensätze blos einen einzelnen 
Vorhergehenden Begriff bestimmen und in dieser Hinsicht ganz 
selbstständig betrachtet werden müssen , der Fall seyn müsse. 
Darum würde auch Hist. I. 5. Ref. beibehalten : eundem in 
pace, qui in hello, locum; wo Ernesti quem änderte. Glück- 
licher war der Herausgeber in der viel angefochtenen Stelle 
Annall. XIV. 58. §.3, wo er folgendermafsen schreibt : effu- 
geret segnem mortem : otii suffugium et magni nominis 
miserationem : reperturum, auf welche leichte Weise dem 
Satz allerdings geholfen scheint; eben so Hitt. III. 54. $.2, wo 
er Ernesti gefolgt ist. So schreibt er auch riebtig Germ. 3. 
barztum, da diese Schreibart sowohl die altern Ausgaben und 
Codd. so wie die Etymologie für sich hat, Ref # verweittnur 
auf Hefs't Note zu d. St. S. 10. ; . . • 

(Der Beschlufs folgt.) 



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N. 13. ■'• • • 1827. 

Heidelberger 1 

Jahrbücher der Literatur. 



Taciti et Quinctiliani Opera ed. Lünemann. ' 

* 

(Besch tufs.) . 

Bald darauf schreibt er: Nec tarn voc*s itf*# 9 quam vif 
tutis co nee n Clis videtur statt ille — videntur, und erklärt Erstere 
für die richtigste Schreibart, Letzteres fflf „meri errores*. 
Indessen hat Hefs weislich das videntur nehst Hartmann beibe- 
halten; s. S. 19. — Auch halten wir mit Hefs cap. X, 2 st 
publice consultftur für richtig, ebenso, wie gleich darauf si 
prohibuerunt im Indicativ, und können uns durchaus nicht 
von der Noth wendigkeit des Conjunctivs Überzeugen, Welche 
auch Hrn. Lünemann bewog, hier mit Rhenanus consulatiir 
su schreiben. Mit Vorsicht 'ist Hr. Lünemann Verfahren bei 
den Schlufs Worten cap. XXi: „Victus inter hospites comis* 
Er bat sie nämljcb bloa eingeklammert. Auch haben PaasoW, 
Orelli und Andere Gründe für die Aechtheit dieser Worte bei- 
gebracht, die man nicht so leicht wird beseitigen können. — 
In Cap. XL VI. ist Hr. L. zwei Conjecturen 4 e « Rhenanus ge- 
folgt t indem er schreibt Li beatius für das handschriftliche 
sed beatius (wobei allerdings ein Pronomen, wie So oft, hin- 
zuzudenken ist; s. Hefs ad n 1. p. 210.) und : ut illis opus - i - 
sit statt esset , was ebenfalls die Autorität der ältern Codd und 
Edd. für sich hat und auch von Ref. beibehalten worden wäre, 
— Dial, de Orat. XXVI, 4. schreibt Hr. Lünemann: „plus 
viri (als Genitiv von virus) babeat quam sanguinis" 9 . und ibid. 
IV, 1, XXXIX, 2. atque assidua , so wie atque alter» wo in 
beiden Fällen ae stand. Auch German. XLI, §. 2. schreibt 
<r: Atque in splendidissiina Rhaetiae provincia, wo dieselbe 
Variante vorkommt , aber auch von Hefs pag. 1 8 1. verworfen 
Wird. Indessen dürfte auch da, wo die Handschriften über- 
einstimmen, zumal bei Schriftstellern der spätereu Zeit, Vor- 
sicht su empfehlen seyn. Dazu berechtigen Refer. die von 
Ramshorn in der Lat. Grammatik pag. 515- 5 1 6. aufgeführten 
Beispiele aus verschiedenen Autoren mehr noch, als .die dort 

XX. Jahrg. *. Heft. l3 



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194 Taciti et Quiactiliani Opera ed. Lüoemann« 



angeführten Inschriften , auf die Ref. kern Gewicht legen 
wird» oder sie als Belege gegen den herrschenden Sprachge- 
brauch geltend machen will, da gegen diesen überhaupt so 
manche Verstöfse in den Inschriften vorkommen , die nur auf 
die Schuld unwissender Abschreiber gesetzt werden können. 
In so fern ist Ref. auch mit Frotscher Excurs. V ad Quinctil. 
Inst. Oratt. X , 7, 24. p* 257 ff. vollkommen einverstanden, 
der übrigens in den „libris editis" das ac vor einem Vocal 
durchaus nicht dulden, will (p. 260 ff. 262.)« So entgeht er 
freilich dem harten Ausspruch F. A. WolPs (ad Sueton. Caes, 
26,)$ au den imperitis gerechnet au werden, unter die dann 
Ramshorn und der bedenkliche Ree. au setzen wären ! — 
Der ausführliche Index historicus der Oberlin'scben Ausgabe 
ist, was wir sehr billigen, am Schlüsse abgedruckt; der In* 
dex Latinitatia derselben Ausgabe mufste bei dieser, ihrer 
Bestimmung wegen 9 natürlich wegfallen. Die Angaben der 
Jahrszahlen, welche bei Oberlin neben an dem Rande jeder 
Ausgabe stehen, sind hier oben zu den Columnentiteln beige- 
setzt 9 und so Nichts übersehen , was diese Ausgabe ihrem 
Zweck entsprechend und für das Bedürfnifs des Schülers cenü- 
gend machen konnte. 

Bei dem Q u i n c t i 1 i a n u s 1 von welchem wir , aufser den 
gröfseren, dem Gelehrten zuganglichen und für seinen Zweck 
eingerichteten Ausgaben, nur emen einzigen von Wolf (Leip- 
zig 1816 und 1821. II Voll.) besorgten und für Schulen zwar 
passenden , aber durch die häufigen Druckfehler und Auslas- 
tungen von einzelnen Worten, wie von ganzen Zeilen wie- 
derum unbrauchbaren Textesabdruck des Ganzen besitzen, 
folgte der Herausgeber Spalding's Recension, auf deren rich- 
tigen Abdruck er die höchste Sorgfult und Genauigkeit ver- 
wandte; und wird eine nähere Vergleichung und Einsicht 
einen Jeden davon zur Genüge überzeugen, so dafs wir diese 
Ausgabe, veranlafst durch ein wahres Bedürfnifs, und einem 
fühlb aren Mangel abzuhelfen bestimmt, aus gleichem Grunde, 
,wie die vorhergehende empfehlen können, mit der sie Such 
die äufsere Einrichtung in Format, Druck und Lettern (die 
sehr deutlich und grofs genug, das Auge nicht angreifen), 
so wie Correctbeit des Textes von falschen Lesarten , und von 
.Druckfehlern gemein hat, und durch einen eben so nraTsigen 
Preis sich empfiehlt. Nur an wenigen Stellen ist der Heraus- 
geber von Spalding abgewichen, und auch hier nicht ohne ge- 
nügende Gründe ; sie sind in den am Scblufs des Ganzen beige« 
fügten „Notulae maximam partem criticae* (S. Ö59 — 265.) 
berührt, nabst manchen andern Stellen , zu Aeren Berichtigung 



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« 



Heues Archiv für Philologie und Pädagogik von Seebode. 195 

oder besseren Erklärung hier Vorschläge gemacht werden, na- 
mentlich solchen; wo Spaldings Erklärungsweise nicht gebil- 
ligt werden" konnte. Ein Tbei) dieser Bemerkungen gebührt 
nach der Vorrede dem Hrn. Director Grotefend zu Hannover. 



Neues Jrchiv für Philologie und Pädagogik. Im Ver- 
ein* mit Fr. Tr. Friedemann in Braunschweig, Ph. K. Hefs 
in Hanau, Jfr. CA. G. Kapp in Hamm, C. A. Rüdiger in 
Freiberg/ J. D. Schulze in Duisburg herausgegeben von G. 
Seebode. Erster Jahrgang. Erstes und zweites Heft. Han» 
nover, 1826. Im Verlag der Hahnsehen Hofbuchhandl. 472 S. 
in gr. 8. nebst Umschlag. 16 Gr. 

(Der game Jahrgang von acht Heften« jedes tu 6 — - 7 Bogen» 
3 Thlr. oder 5 fl. 24 kr. rhein.) 

# • 
* * * 

' Die Notwendigkeit eines solchen Instituts» daa der freiep 
Mittheilung der Ansichten Ober die verschiedenen Gegenstände 
des ynterrichts, oder der dabei von den Einzelnen gemachten 
Erfahrungen, oder auch der Wünsche, die sich dem Einzelnen 
darbieten, gewidmet ist, ist so einleuchtend, die Nützlich- 
keit desselben so in die Augen springend, sein Mangel aber 
um desto fühlbarer, dafs Ree. darüber wohl keine Worte bei 
Ankündigung dieses Archivs zu verlieren braucht, zumal bei 
der Einrichtung, welche dasselbe erhalten, und schon im Titel 
durch Verbindung des Pädagogischen und des streng wissen- 
schaftlich Philologischen sich ausspricht. Denn es soll dieses 
in Verbindung mit mehreren andern rühmlichst der gelehrten 
Welt bekannten Schulmännern von dem verdienten und über- 
müdet thätigen Hrn. Seebode herausgegebene neue Archiv 
nächst den philologischen Aufsätzen auch pädagogische ent- 
halten, so dafs durch dieselben die beiden Hauptzweige der 
Pädagogik, das Unterrichten (Didaktik) und das Erziehen 
(Pädeutik) eine weitere Ausführung gewinnen dürften (S„ 3:)* 
Darum durften aber auch Nachrichten von Schulen, oder so- 
genannte Schulchroniken, ferner Verordnungen, betreffend 
die Einrichtung neuer Bildungsanstalten oder die Verbesse- 
rung bereits gegründeter, nicht ausgeschlossen werden, weil 
eben durch ihre allgemeinere Verbreitung auch allgemeinerer 
Nutzen und allgemeinere Verbesserungen möglich gemacht 
werden. Aus gleichem Grunde durfte ferner die Mittbeilung 
der verschiedenen Schulschriften nicht fehlen. Die Heraus- 
geber versprechen uns, eine Anzeige der Materie und der Be- 

13 * 



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196 Neuei Arohiv für Philologie und Pädagogik von Seebode. 

* • 

handlang derselben zu liefern, und ein möglichst vollständiges 
Verzeichniis derselben zu geben; was wir um so verdienst« 
licher finden, je enger öfters der Kreis ist, innerhalb welchem 
Schriften der Art , oft höchst schätabar und wichtig durch 
ihren Inhalt, eingeschlossen bleiben, ohne zur allgemeinen 
Kenntnifs zu gelangen. Es hildeft demnach den Inhalt 
dieses Archivs folgende Gegenstände: I. Philologische 
Aufsätze; II. Pädagogi sehe A ufsä tze;' Iii. Anzeige 
von Schulschriften ; IV. Schu Inachr iebten. Aus 
dem reichen Inhalte der beiden ersten Hefte erlaubt sich lief. 
Einiges auszuheben und darauf aufmerksam zu machen. Unter , 
den pädagogischen Aufsätzen erwähnt er der »Bemerkun- ' 
gen, gemacht au feiner zu pädagogischen Zw ek- 
ken unternommenen Reis.e« von Hrn. Dr. Kapp in 
Minden. - Der Verf. giebt hier ausführliche Nachricht von dem 
Öffentlichen Unterricbtswesen im Herzogtbum Nassau , und 
der jetzt bestehenden Einrichtung desselben, dann auch von 
dem Privatinstitut des Hrn. Hofrath Del'Aspe'e zu Wiesbaden. 
Den Beschlnls , worin wahrscheinlich noch von einigen andern 
Privatetziebungsanstalten die Rede seyn wird, sollen \nrir im 
nächsten Heft erhalten. Daran schliefst sich ein anderer Auf- 
satz allgemeineren Inhalts vom Prof. Kunhard in Lübeck: 
„Ueber die Natur der Sprache, ihren Ursprung 
und Inhalt, mit besonderer Rücksicht auf Rein- 
beck'» Handbuch" S 36—46. Ferner rechnen wir dahin 
die Schulcbroniken des Gymnasiums zu Gera und zu Hamm, 
die Instruction für die Directoren und Rectoren in der 
Provinz Brandenburg, die Bekanntmachung der Königl. Preus- 
«ischen Regierung und des Consistoriuro* der Provinz Sachsen 
für Eltern und Vormünder , die ihre Kinder und Pflegbefohlenea 
der Landesschule zu Pfor ta übergeben wollen. 

Unter den philologischen sind es besonders zwei Aufsätze, 
welche Ref. vorzüglich der Aufmerksamkeit empfehlen zu müs- 
sen glaubt. Dereine von Hrn. Consistorialrath Gernhard 
in Weimar enthält einen berichtigenden Nachtrag zu der gram- 
matischen Untersuchung über niscio an und haud scio an S. lö ff. 
mit Bezug auf eine frühere Abhandlung des Hrn. Gernhard 
über denselben Gegenstand im Archiv für Philologie und Pä- 
dagogik Jahrg. I. H, |- und eine andere dagegen gerichtete 
Abhandlung von A. Matthiä ebendaselbst Jahrg. I. H. 2. 
Der Verf. äufsert sieb gegen die von ihm selbst früher aufge- 
stellte Ansicht, dafs das vorhergehende haud oder die Negation 
in niscio diesen Wörtern verneinende Kraft verleihe, da diese 
ihnen nur durch eine «weite Art su fragen zu Theii werde , 



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: 



Neues Archiv für Philologie und Pädagogik von Seebode, 197 

welche Frage hier als Widerlegung! frage bezeichnet 

wird, im Gegensatz gegen die in der frühern Abhandlung aus« 
fübrlicb erörterte Beua uptungsfrage. Beide Fragen sind 
ohnehin nur Seht- infragen , wo man in einem Fall der Behaup- 
tung, im anderen der Widerlegung im Grunde nur den Schein 
der Frage gieht. Der Verf. wiederholt aus jener früheren 
Abhandlung das Nötbigste über die Behauptungsfrage , und 
verbreitet sich dann ausführlicher über die Widerlegungsfrage ; 
auch ist am Scblufs, um die Uebersicbt des Gesagten zu er« 
leichtern, eine Zusammenstellung der verschiedenen Anwen- 
düngen dieser Hedeformeln nach der Ansicht des Verf., So wie 
er sie in einer Lateinischen Grammatik aasgesprochen haben 
würde , geliefert. Die andere Abhandlung, die wir auszeich- 
nen, betrifft einen Punct der Römischen Literaturgeschichte, 
nämlich die Beantwortung der Frage , warum die Römer 
gegen die Griechen im Trauerspiel zurückge- 
blieben, von G. Köpke in Berlin. * Die ursprüngliche 
Veranlassung dieses Aufsatzes, der in einer öffentlichen Ver- 
sammlung vor einem gemischten Publikum vorgelesen wurde, 
wird in den Augen jedes Unbefangenen den Verf. hinreichend 
entschuldigen, dafs er nicht diesen Aufsatz mit Citaten ge- 
spickt oder mit einem literärischen Apparat begleitet hat. 
Desto mehr wird «Jer aus den Quellen geschöpfte Inhalt 
gentigen, mit welchem Ref., der sieb ebenfalls jetzt gerade, 
mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigt, die er dem Publi- 
kum demnächst in einem Handbuch der Römischen Literatur- 
geschichte vorzulegen gedenkt, vollkommen einverstanden 
ist. Auch mufs er offen bekennen, dafs ihn selbst Lange*« 
gelehrte und gründliche Schrift (Vindiciae tragoediae Roma- 
nae. 1822.) noch nicht von der Trefflichkeit und Selbststän- 
digkeit der Römischen Tragödie hat vollkommen überzeugen 
können, und dafs er es tust lieber mit Hrn. Köpke hal- 
ten möchte, wenn dieser S. 49. es als unbedenklich (!) 
annimmt, dafs die Römer in tragischen Hervorbringungen 
schwach waren, da ihnen die tragische Schöpfungskraft ge- 
fehlt, und ihr gelungenster Versuch doch nur ein schwacher 
Nachhall Griechischer Erzeugnisse gewesen, obschon es an 
einheimischen Stoffen durchaus nicht gemangelt, die treffliche 
Aufgaben für die tragische Kunst dargeboten. Die Ursachen 
dieser Vernachlässigung in der Bildung der Tragödie entwic- 
kelt der Verf. sehr befriedigend. Er findet sie theils in der 
Spaltung der Stände zu Rom, welche nie, wie in Athen, zu 
einem auf derselben Bildungsstufe stehenden Geaammtvolke 
sich vereinten , dann in dem durch Kriege von aufsen undStrei- 



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198 Schulaufgaben des Horath« , Virgiliu« und Terentius 

— 

tigkeicen im Innern veranlassten Mangel an derjenigen Ruhe, 
welche die Beschäftigung mit den Wissenschaften und den ern- 
steren Musen erheischt , in der Vorliebe des Römischen Volk* f 
selbst der Vornehmeren, für Landbau, ländliches Lehen, Ru- 
sticität , in dem beständigen Kriegsdienst, der für zartere und 
feinere Gefühle abstumpfte , in der Verachtung der Schauspie- 
ler und dem ausserordentlichen Hang für Gladiatorspiele, Tri- 
umpbzüge und äufseres Gepränge, endlich selbst in den beiden 
philosophischen Systemen, denen in der späteren Periode die 
gebildete Welt vorzugsweise huldigte, dem Stoicismus undEpi- 
cureismus, die beide keineswegs als förderlich der Tragödie 
erscheinen. Diese Elemente der Römischen Nationalität und 
der stets nach Aufsen gekehrte Sinn des Volks haben gewifs die 
Entwicklung einer Tragödie im wahren Sinne des Wortes ge- 
bindert, und erklären uns hinreichend die Schwäche oder viel« 
wehr die geringe Bedeutung derselben. — Aufser diesen inhalts- 
reichen , gröfseren Aufsätzen befinden sich noch in diesen Heften 
eine Anzahl von Lesarten und Bemerkungen zu Griechischen 
und Römischen Schriftstellern von verschiedenen Verfassern, 
ferner unter den Miscellen mehrere gelungene Lateinische und 
Griechische Gedichte (z.B. auf den Kaiser Nicolaus und seinen 
Vorgänger Alexander, auf F. A. Wolf von Francke in Dorpat 
"U. s. w.) und sonstige Notizen. Wir wünschen dem Unter- 
nehmen einen gedeihlichen Fortgang und zahlreiche Mittheilun- 
gen Aller derer, denen gründliche Bildung unserer Jugend und 
Belebung durch ächt wissenschaftlichen Geist am Herzen liegt. 



1) Q. Horatii Opera ex Fr. Gull. DÖringii recensione. Edith 

ad scholar um usum accommodata , cur ante Henr. Lud, Jul. Bil m 
l erb eck, philo*. Dr. Hilde siensi. Hannoverae 1824. e libraria 
Aulica Hahniana. IV und 218 S. in B. 8 Gr. 

2) P.^Virgilii Moronis Opera ad optimarum editionum fidem 

scholar um in usum curavit H. L. J. Billerbeck) phüos. Dr. etc. 
Hannoverae 1824. etc. 824 S. in 8. 10 Gr. 

3) Pubiii Terentii Jfri Comoediae sex. Edith ad schola« 

rum usum accommodata atque commäntatione de Metris Terentianis 
ornata, curante H. L. J. Billerb eck etc. Hannoverae 1826. 
etc. XU und 236 6\ in 8, 9 Gr. 

* * . 

Wir verbinden diese drei Ausgaben verschiedener Autoren 
mit einander, theils weil sie einen gemeinschaftlichen Heraua* 



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▼OD Bil leib eck. 199 

geberhaben, tbeils in Zweck und Bestimmung ; so wie in 
Einrichtung und Form ganz gleich sind. Ihre Bestimmung ' 
nämlich ist zunächst der Schulgebraüch , i fi t den Ref. immer*' 
bin blofse Textesabdrücke, besonders bei Schriftstellern , wie 
die hier vorliegenden, unbedingt verziehen würde. Nur 
müssen diese Abdrücke in höchstem Grade coirect seyn, d. h. 
sie müssen einen nach den besten Ausgaben berichtigten oder 
auch an diese unmittelbar sich anscbliefsenden Text liefern, 
auch frei seyn von allen Druckfehlern, es sey ia einzelnen 
Worten, oder in Interpunction u. dergl. Kommt dazu ein 
lesbarer Druck, gutes Papier, gute, scharfe, nicht allzu kleine 
oder spitze Lettern (wie wir sie leider in mehreren der neue, 
sten zu Leipzig herausgekommenen Sammlungen, z.B. bei 
Tauchnitz, Weigel u. A. finden), wodurch die Augen des 
Schülers schon frühe verdorben werden ' 9 so werden solche 
Ausgaben ihren Zweck nicht verfehlen, und eine empfeblens- 
werthe Aufnahme in den Schulen verdienen. Diese Eigen- 
schaften sind es, die Ref. bei den hier bezeichneten Ausgaben 
angetroffen , die er deshalb auch, zumal bei dem höchst billi- 
gen Preis — — und darauf bat man doch bei Einführung von 
Schulbüchern billige Rücksicht zu nehmen «— dem Gebrauch 
auf Schulen vor andern Ausgaben, die zwar eine ähnliche Be- 
stimmung haben , aber wie die eben bezeichneten , jene dazu 
erforderlichen Eigenschaften nicht alle vereinigen, anzuem- 
pfehlen kein Bedenken trägt. Hier findet sich ein sehr les- 
barer, die Augen durchaus nicht angreifender Druck, und 
eine Coriectheit des Textes, so weit es nur immer zu errei* 
chen möglich war, verbunden mit andern vortheilhaften Ei- 
genschaften , die wir im Einzelnen demnächst kurz andeuten 
wollen. 

tfo. 1. enthält aufser dem Texte des Horatiua die Vita 
Horatii a C. Suetonio conscripta auf einem Blatt, ivid auf 
einem andern am Scblofa eine kurze Uebersicht der bei Hora- 
tius vorkommenden Metra, worauf mit Nummern bei jeder 
einzelnen Ode verwiesen ist. Der Text selber ist zwar, wie 
es auf dem Titel heifst: ex F. G. Döringii recensione, 
und läfst sich auch behaupten, dais die Döringsche Recension 
(die sich zur Grundlage eines für den Schulgebraüch bestimm- 
ten Textes auch am besten eignet) im Ganzen sehr genau hier 
wiedergegeben ist. Nur an wenigen Stellen fano\ Ref. bei ge- 
nauer Vergleichung eine Abweichung ; den Herausgeber des- 
halb zu tadeln, kann er aber um so weniger, als er selber von 
der Richtigkeit dieser Aenderungen überzeugt ist, und über 
mehrere schon früher bei einer Beurtheilung des Döring'schen 



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200 Schulausgaben des Horatiua, Virgil!« und Terentius 

Horatius in diesen Blattern (Jahrg. 1825. No. 9.) seine Stimme 
abgegeben. So z. B. Sat. I, 1. 95, wo Döring schreibt: 

Ummidius, fjui, tarn (non longa est fahula) dives 9 
Jrjr. Billerbeck aber das Comma nach (jui, wie in früheren Aus* 
gaben, wieder weggelassen. Eben so Sat. I f 6. vs. 4. billi- 
gen wir t dafa Hr. Billerbeck beibehalten: 

Olim qui magnia legionibus imperitarent, 
WO Döring regipnibus geschrieben. Epist. I, 6, 12. finden 
wir die von uns früher schon gebilligte Lesart wieder zurück- 
geführt : 

Quo mihi fortuna, St non conceditur uti ? 
wo Döring daa Comma vor fortuna setzt und letzteres zu dem 
folgenden Satz zieht. Eamsborn citirt in seiner Grammatik 
§ 120. not. 2. p. 207. diesen Vers: 

• Quo mihi fortunam, si non conceditur uti? 
wo wir uns jedoch von der Notwendigkeit des Accusativa 
noch nicht haben überzeugen können; freilich wenn der Inhalt 
des Quo mihi (sc. prodest) ein ganzer Satz ist, so mufs dieser 
in der Construction des Accusativa mit dem Infinitiv natürlicher 
Weise folgen , wie in andern Fällen, auch wo nicht ein quo 
mihi den Satz. beginnt; s. auch Juven. VIII, ] 42 : 

Quo mihi te solitum falsas signare tabellas. 
Epist. I, 10, 24- verläfst Hr, Billerbeck Döring und schreibt 
mit Fei, und Obbarius: 

Naturam expella/ furca, tarnen usque recurret, 
wo Döring das vönBentley und Gesner aufgenommene expell** 
beibehielt 9 das durch die gröfsere Gleichförmigkeit der Con- 
struction mit dem Folgenden sich ihm vielleicht empfahl. 

No. 2. empfiehlt sich durch gleiche Eigenschaften für seine 
Aufnahme auf Schulen. Druck und Lettern sind gleich mit 
No. l; dieselbe Correctbeit mit Berücksichtigung der Haupt- 
ausgaben in Anordnung des Textes , auch eine rühmliche Ge- 
wissenhaftigkeit in Beibehaltung angefochtener Verse, womit 
man bekanntlich bei Virgil sehr freigebig gewesen ist, bis in 
neueren Zeiten, noch zuletzt Weichert und Jahn« eine an- 
dere Bahn eingeschlagen So bat z. B. Hr Bjllerheck noch 
Eclog. I, 18. den selbst von Jahn ausgestrichenen Vers 

Saepe sinistra cava praedixit ab ilice cornix 
im Texte beibehalten, jedoch in eckige Klammern eingeschlos- 
sen, andern Versen sind die Asterisken beigefügt, wie z. B. 
Eclog. III, 109, 110. VII, 70, welchen letztem Vers auch 
Jahn durch eine Erklärung der Wiederholung des Wortes Co- 
rydon zu retten sucht. So bat er sich nicht verleiten lassen, 
Eclog. III, 10. mit einigen Neuern das tum in ein tuno zu ver- 



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. , / 

Wifs Praxis der lateinischen Syntax. 80t 

wandeln, eben so wenig wie Georg, I, 341 % während er Eci* 
1, i9. (al t i 8.) 11- 19. das qui sim richtig beibehält, auch in 
den angefochtenen Versen III, 109 und 110. nichts ändert, 
sondern die Vuigata , die ueuerdings noch von Jäck nach dem 
Vorgange früherer Kritiker geändert Worden , beibehält, was 
unstreitig das beste ist. Eben so ist auch» Ecl. VII, 19. vole- 
bant stehen geblieben, wo Neuere vole&am schreiben, und 
Ecl. X, 10. periret , wo Ref. sich noch nicht von den gramma- 
tischen Granden hat genügend tiberzeugen können, die hier 
den Indicativ pgribat nothwendig inachen sollen. Hie und* da 
ist bei fremden Eigennamen ein Accent zur Erleichterung des 
Lesens für den Schüler beigefügt, z. B. Ecl. X, 12; auch dies 
wahrscheinlich der Grund, warum sogar Georg. 1, 437, die 
Versabtheilung angegeben ist. 

Bei No. 3. kann Ref. um so kürzer seyn, da diese Aus« 
gäbe den beiden andern eben aufgeführten völlig gleich ist. 
Aus der gröfseren Lateinischen Grammatik von Grotefend zu- 
• sainmenge stellt ist eine Abhandlung von den Versarten 
des Terenti us, und dem Texte vorangeschickt in deutscher 
Sprache, damit der Schüler desto leichter es aufzufassen ver- 
möge; worin die Hauptpunkte in befriedigender Kürze auf 
acht Seiten vorgetragen Werden (S. VII verbessere man Te- 
renzius in Terentius). Aus dieser Ursache findet sich auch 
auf den einzelnen Wörtern jedes Verses der Accent bezeich- 
net. Uebrigens haben wir den Text eben so correct und be- 
richtigt nach den besten Ausgaben gefunden, wje bei Na. 1. 
und 2, und wird es dazu keiner wetteren Belege im Ein- 
zelnen bedürfen. 

m > 

i 

Praxis der lateinischen Syntax in zusammenhängenden teut- 
schen Beispielen aus der alten Geschichte, nebst den nöthigen latei- 
nischen Redensarten nach Ramshorns gröf serer Gram" 
tnatik 9 mit angehängter Hinweisung auf Bröder , Grotefend und 
Zumpt , in einem grammatischen Und rhetorischen Cursus für die 
höhern C lassen der Gymnasien von D. C. CA. Gottlieb Wifs* 
ConsistOrialrathe , Director Und Professor des Gymnasiums zu 
Rinteln , einiger gelehrten Gesellschaften MitglieJe. Erster 
oder grammatischer Cursus. Leipzig ±826, in der 
Hahhschen Verlagsbuchhandlung. XIV, und 177. S. in 8. 12 gr. 

Die bald nicht mehr übersehbare Masse von Büchern zur 
Uebung im lateinischen Styl, die alljährlich und (könnte man 



i 

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202 Wif« Praxis der lateinischen Syntax. 

in mifsmuthigem Recensententone hinzusetzen) in umgekehr- 
tem Verhältnisse mit der Zahl der guten Stylisten, zunimmt, 
wird hier mit einem neuen Ankömmlinge vermehrt, der sich 
auf der schon vo!lcedräng$«n Bank erst auch noch einen Platz 
erkämpfen mufs, der von den frühem jedem schwer, wo nicht 

far streitig gemacht wird. Unser Ankömmling bringt in« 
essen gleich einen guten Namen mit, der ihm die Aufnahme 
erleichtert, und seine Existenz zu sichern verspricht, wenn 
er sich anders dieses hegleitenden Namens nicht unwürdig 
zeigt. Oder, ohne Allegorie: So wie es längst eigene Uebungs- 
iücher nach den Paragraphen der Bröderschen Grammatik, 
seit 'kürzerer Zeit eins nach der Zumpt'schen, auch zu der 
griechischen von Thiersch dergleichen giebt, so tritt hier ein 
Hülfsbuch des lateinischen Styls auf, das den Schüler durch 
die Paragraphen der trefflichen Kamshornschen Grammatik zu 
hegleiten verspricht. Wenn nun dieses Buch für die höh er n 
Classen der Gymnasien berechnet seyn soll, weil auch Kams- 
liorns Grammatik vorzüglich für die höbern Classen tauge; so 
könnte man fragen, warum der Vf. überhaupt für jene Classen 
diesen ersten Theil , der sich über die §§. 90. bis 174. er- 
streckt, und die Kedetheile und deren Formen in ihrem syn- 
taktischen Gebrauche behandelt, welcher Gebrauch doch auch 
schon neben der Benützung einer Grammatik für Anfänger in 
•den drei untern Classen des Gymnasiums (wenn es deren sechs 
bat) gelehrt werden mufs, warum er, sagen wir, diesen 
ersten Theil für die obern Classen nicht überhaupt für über- 
flüssig gehalten und uns nicht blos den versprochenen zweiten 
gegeben habe, den er den rhetorischen nennt, und der, von 
§. 175. der Kamshornschen Grammatik bis ans Ende derselben 
ebend, die Lehre von den verschiedenen Arten der verbun- 
enen Sätze und deren Verhältnissen zu einander enthalten 
soll. Allein theils kann eine Recapitulation der in den nie« 
dem Classen schon vorgekommenen grammatischen Kegeln 
nicht schaden, sondern ist vielmehr notb wendig; theils ist es 
ja nicht nöthig, dals dieses Buch von den Schülern durchaus 
schriftlich übersetzt und das Geschriebene von dem Lehrer 
durchcorrigirt werde : sondern es kann ein Begleiter des münd- 
lichen Unterrichts über die Grammatik seyn, wo die lateini- 
schen Beispiele die Kegel aus Classikern belegen , und nun der 
Schüler aus diesem Buche gleich selbst mündlich die Anwen- 
dung davon zu machen gelehrt werden kann ; theils zeichnet 
sich dieses Buch vor fast allen den Regeln einer bestimmten 
Grammatik folgenden dadurch aus, dafs es keine einzelnen ab- 
gerissenen Sätze enthält, sondern dafs diese Sätze , obwohl 



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Wifi Praxis der lateinischen Syntax. 203 



ihre Form durch die grammatischen Lehren und deren Folge 
bedingt ist, dennoch in Hinsicht des Stoffes im Zusammen- 
hange stehen, und bestimmte grdfsere und kleinere Aufsätze 
Uber Gegenstände aus der alten Geschichte, besonders der 
römischen Archäologie und Literatur bilden. Dadurch nähert 
sich das Buch des Verf. den trefflichen Uebungsbüchern von 
Zumpt y Grotefend und Weber , ohne sie jedoch überflüssig 
zu machen, da dieselben durch ihre eigenthümlichen bekann« 
ten Vorzüge, jedes in seiner Art, einen nicht leicht zu über- 
bietenden Werth haben. Wer es aber aus Erfahrung weif*,, 
welche Schwierigkeit es hat, einen fruchtbaren Zusammen- 
hang in eine Reihe von Beispielen über eine bestimmte Regel 
an bringen , wer an der so vorzüglichen Krebsischen Anleitung 
manchmal das freilich fast unvermeidliche, aber unbehagliche 
Gemisch von unzusammenhängenden und absichtlich den Blick 
vom Stoff auf die Form und die Regel ziehenden Sätzen lästig 
gefunden bat, der wird den Ffeifs, der auf diese Aufsätze ge- 
wendet ist, nicht verkennen, sollte er auch aus Grünten oder 
Ursachen sich an ein anderes Hülfsmittel dieser Art halten oder 
halten müssen. Dafs nicht ein blindes und gedankenloses Ein- 
üben einer bestimmten Regel nach den am Rande angegebenen 
Paragraphen Statt finde, dafür hat der Verf. durch besondere 
Aufsätze jedesmal nach einer Anzahl von bestimmten Regeln 
gesorgt, mit der Ueberschrift Wiederholung, dergleichen 
sich fünfzehn finden, an welche sich am Schlüsse eine all- 
gemeine Wiederholung in vier Aufsätzen anschliefst. 
Wenn wir nun nach genauer Betrachtung des Buchs dem Verf. 
das Zeugnifs nicht versagen können, dafs er seine Aufgabe 

tut aufgtfafst und gelöst habe, dafs der Stoff sehr bildend und 
elehrend ist, die untergesetzten Redensarten aber, da die 
meisten Aufsätze mit Berücksichtigung von bestimmten Stellen 
der lateinischen Classiker abgefafst sind, sich gröfstentheils 
auf gute Autoritäten gründen ; so müssen wir doch im Allge- 
meinen bemerken, dafs einem Lehrer, der sich dieses Buches 
zu mündlichen oder schriftlichen Uebungen bedienen will» 
eine nicht unbedeutende Masse klassischer Wendungen und 
Formen zu Gebote stehen mufs, um nicht die picht (wie Hr. 
W. fast fürchtet) allzu reichlich gespendete Phraseologie in 
eine Menge von Barbarismen und Germanismen einzuhüllen. 
Freilich darf man dies bei einem Lehrer der höhern Classen in 
der Regel voraussetzen; indessen ist es doch ein Uebelstand 
bei allen Büchern der Art, die blose Phraseologie geben, dafs 
viele Lehrer, sich blos auf augenblickliche Einfälle verlassend, 
es unterlassen , sich auf dergleichen Uebungen durch vor- 



■ 



204 Wir« Praxis der TateiuUchen .Syntax. 



läufige Ausarbeitung der Aufgaben vorzubereiten, und man 
könnte für solche, entweder zu viel beschäftigte, oder für zu 
wenig tactfeste Lehrer Uebersetzungen aus anerkannt guten 
neuern Meistern und Mustern für zweckmäßiger erklären 
(z. B. CreuZers und Zumpts Sammlungen); wenn nicht ein« 
tadelnswerthe Industrie, wie bei Zuuipt geschehen, den 
Schülern die Originale leicht in die Hände spielen könnte. 
Für eine künftige Auflage theilen wir dem Vf. über einige 
wenige Stellen unsere Bemerkungen mit, die wir, um den 
Raum zu schonen, nicht um abzusprechen, ganz kurz vor. . 
tragen. S. 51. „damals stand überhaupt die griechische 
Literatur zu Rom sehr in Ansehen, und die gebildeten 
Männer beschäftigten sich damit." Es mufs heifsen die ge- 
bildetsten. S. 55- wird gesprochen, als ob nur Bruns sich 
durch den Fund des bekannten Fragments des Liyius ein Ver- 
dienst erworben hätte, es konnte üiovenazzi, Kreyssig und 
vorzüglich auch Niebuhr genannt werden. S. 59. steht, es 
§ey von den Schriften des Cbrysippus Nichts auf die Nachwelt 
gekommen, und die Welt habe auch wahrscheinlich nichts 
daran verloren. Diese beiden Sätze wird der Vf. vielleicht 
nach der Leetüre von Baguet de Chrysippp: Lovanii , 1822. 

4. zurücknehmen. S. 80. steht seltsam: es sey dem Trajan 
ein (Namens) Verzeichniis (von Christen) ohne Namen (an- 
statt ohne Nartlensunterschrift) eingereicht worden. 

5. 99. wird das bekannte II ora zische: demitto auriculas, ut ini- 
quae meniis asellus gegeben : ich lasse dieOhren hängen, 
w i e e i n M ü 1 1 e r tn i e r. Da fehlt das so bezeichnende iniqune 
ntentis. S.102J steht: wenn ihr die vorigen Bedingungen 
nicht halten — wollt: aber es mufs nach Liv. 30, 30. das 
Wort nicht gestrichen werden. S. 103. wober hat Hr. W. 
doch das seltsame Wort undiquaque? S. 105. ist risu diducere 
rictum nicht ganz gut durch durch Lachen den Mund 
verzerren übersetzt. $ 107. ist das bekannte Distichon: 

Nocte pluit rota , redeunt spectacula manes 
\ Divisunt Imperium cum Jove Caesar habet ; 

durch folgendes mislungene deutsche gegeben: Ganz durch- 
regnet die Nacht, am Morgen kehren die Spiele, 
Jupiter hat das Reich mit seinem Cäsar getheilt. 
Ebd. das sie vos non vobis: Ihr aber nicht für Euch. Noch 
schlimmer ist gegeben : 

JVIantua me genuitf Calabri rapuere , tenet nunc 

Parthenope : cecini pascua 9 rura, duces: 
mit: Mantua zeugte, Calabrien raffte mich bin« 
und die' Jungf rau fesselt mich n un, ich sang König** 



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Nouiuj Marcell. et Fulgent. cd. nov. 205 

Flurin und Au * n* DeV proounculms S. 112- ist natürlich Druck- 
fehler. S. 117. ist das trojanische Pferd* .die fatalis machiaa, 
durch verderblicher Bau übersetzt. S. 119* sollte gesagt 
seyn 9 dafs Elisa mit der Dido Eine Person ist. S. \_2ü. ist 
die Zeile: dafs unter seiner Anführung der Krieg 
gegen ihn begonnen würde, Dicht zu verstehen. S.i3l. 
ist res publica richtig dufeb Freistaat übersetzt; S. i4Ö. 
aber fordert der Zusammenbang eher S taa t oder Va terUnd. 
S. 1 49. ist in mercedein mitti seltsam durch an den Tag lohn 
geschickt werden übersetzt. S. 150. sollte die Con- 
struction : So p ho des machte bis ins hohe Alter 
Trauerspiele, von welchem man er zahlt, dafs er 
u. s. w. doch der deutschen Sprache mehr angepafst werden. 
Auch ist S. 165. der Ausdruck: am Abende, wo das Ge- 
räusch der Welt um uns her verstummt, wohl mit 
einem andern zu vertauschen, da das Geräusch der WeLt 
nur bildlich gebraucht wird. — Eine schätzbare, und nicbt 
nur zu diesem Buche, sondern überhaupt zur Vergleichung 
der syntaktischen Regeln der Grammatiken sehr brauchbare 
Zugabe ist die von Hrn. Cand. W. Zeifs ausgearbeitete ver- 
gleichende Hinweisung auf die lateinischen Sprachlehren von 
Ä3in»horn, Bröder, Grotefend und Zumpt. Auch einzelne 
gute Bemerkungen des Hrn. W. , z. B. S. 65. über Perf. und 
Imperf., die wir nur etwas zahlreicher wünschten , erhöhen 
die Schätzbarkeit dieses achtungswerthen und keineswegs 
überflüssigen Baches. 



Nonius Marcellus de proprietate sermonis. Addltus est FuU 
gentius Planciades de prisco sermone, — Ex recensione et 
cum notii Josiae Mercerii. Ad 'editionem Parisiensem anni 
1614. quam fidelissime repraesentati. jiemdit Notitia li'eraria. 
Lipsiae, inbibliopolio Hahniano. 1826. {Auch mit dem besondern 
Titel: Nonii Marcelli nova editio — Additus est Libellus F«/- 
gentii de prisco sermone et notas in Nonium et Ful gentium* Parisiis 
in ojßcina Hadriani Parier. MDCXUW) XIX. und 782. S. 
in 8. 2 Rthlr. 16 Gr. 

Seit dem Jahre 1622 oder auch vielmehr seit dem Jahre 
1614» also seit mehr als zwei Jahrhunderten hatten wirkeine 
Ausgabe dieses, wenn auch in seinem Inhalte und nach seinem 
innern Werth dem Friscian weit nachstehenden , so schon 
durch seine zahlreichen Anführungen meist verlorengegangener 

. » 

> 



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206 Nonius Marceil. et Fulgenf. ed. nor, 

. t y 

Schriften, insbesondere aus dem Gebiet des alten Drama, 
höchst wichtigen, ja unentbehrlichen Lateinischen Gramms- . 
tiker* erhalten. Bei dem jetzt wieder erneufeten und mit leb* 
hartem Eifer betriebenen Studium der Lateinischen Grammatik 
und damit aucb der Lateinischen Grammatiker war daher eine 
neue Ausgabe des Nonius etwas sehr nothwendiges und für 
das Studium der Lateinischen Grammatik erspriesliches, da 
die früheren Ausgaben selten, auch dabei' öfters mit Druck- 
fehlern und dergl. mehr entstellt sind, kurz ihr Gebrauch 
in mehr als einer Hinsicht erschwert und nur Wenigen zu« 
gänglich ist. Die vor uns liegende Ausgabe zeichnet sich 
durch Correctheit , Sorgfalt und Genauigkeit im Abdruck, 
gute Lettern und einen sehr lesbaren , die Augen nicht angrei- 
fenden Druck aas; sie ist nach der Pariser Ausgabe des Jo- 
sias Mftrcerius veranstaltet und zwar mit einer solchen 
Pünktlichkeit, dafs Seite der Seite und Zeile der Zeile genau 
entspricht, wodurch das Nachschlagen der Stellen, die mei- 
stens nach eben dieser Pariser Ausgabe citirt sind, ungemein 
erleichtert wird. Alles, was diese Ausgabe enthält, findet 
sich aucb vollständig in der neuen; die zahlreichen Druckfeh- 
ler derselben, wovon am Schlufs ein langes Verzeicbnifs auf- 
genommen, sind bier gleich im Texte berichtigt, ohne dafs 
(was leider zuweilen geschieht) neue hinzugekommen, über- 
dem ist eine Notitia literaria (die in jener Ausgabe fehlt) vor- 
angeschickt. Sie bandelt über die Person des Nonius Marcel- 
linus, der zur Zeit des Kaiser Gonstantins um 337 v. Ch. 

§elebt, und den schon Vossius g«»gen viele Gelehrte billig in 
chutz nahm, die, wenn sie den oft schwierigen Grammatiker 
nicht verstanden, ihn verunglimpften und so ihn überhaupt in 
einen übeln Ruf als einen Schriftsteller ohne Werth und 
sonderliche Bedeutung gebracht haben. Es werden einige 
Literärnotizen weiter gegeben, auch in Bezug auf die Hand- 
•scbriften des Nonius, deren zuletzt Reuvens (Collectt.literr. 
'p. 185 ff.J ausführlicher gedachte, und dann die Ausgaben vom 
-Jahr 1470 bis 1622, wo die letzte erschien , aufgeführt. Eine 
ähnliche kurze Notitia literaria ist auch über den Fabiua 
Plan ci ad es Fulgentius mitgetheilt, einem Afrikaner 
wahrscheinlich, der um das Jahr 500. v. Chr. gelebt und von 
einem Spanischen Bischof dieses Namens aus dem siebenten 
Jahrhundert unterschieden werden mufs. Auch dessen Aus- 
gaben, zunächst die, worin die hier abgedruckte Grammatische 
Schrift sich findet, werden aufgezählt. Darauf folgt nun der 
sorgfältige und genaue Abdruck des Nonius nach seinen neun- 
zehn Büchern oder Abschnitten von S. i — 557, dann bis 

* 



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Ludwig r. Vofs Ahnungen und Liclisblicke. 



207 



S. 567. des Fulgentius Schrift: De prisco lerraone oder 
Expositio lermonum antiquorum ad Cbalcidium Grammaticuin. 
Vorzügliche Indices schliefsen sich an, wie sie freilich zum 
Gebrauch eines solchen Werkes noth wendig sind , zuerst 
S. 568. i£ ein Index Notarum Nonii et Fulgentii« dann S.5Ö7. 
Index Vocum Graecarum, S. 598.- 632. Index Auetor um, 
qrui laudantur a Nonio (höchst wichtig und umfassend)« 
S. 632. Index Auccorum, qui laudantur a Fulgentio. S, 633» 
'—778. folgen des Herausgebers (Mercerius) Noten zn 
Nonius und S. 779 — 782. über den Fulgentius. 



Ahnungen und Lichtblicke über Natur und Menschen- 
leben, Von Dr. Ludwig von Vofs. Berlin, i82G. bei 
Carl Friedrich Plahn. 576 S. in 8. 1 Kthlr. 12 Gr« 

Vorliegende Schrift enthält eine Reihe von einzelnen Re- 
trachtungen über die wichtigsten Gegenstände im Gebiete der 
-Wissenschaft überhaupt« so wie des menschlichen Lebens« 
deren Würdigung wir um so mehr unsern Lesern an das Herz 
legen müssen, als die geistreiche Behandlungsweise des Ver- 
fassers , seine klare und deutliche Darstellung gewifs geeignet 
ist, für diese inhaltsvollen Betrachtungen zu gewinnen 9 und 
Manches, was in dunkler Ahnung vor uns schimmert, zu 
klarem Bewufstseyn und deutlicher Anschauung zu bringen« 
um so mehr, als der einfache« in keine Schulsätze irgend 
'einer philosophischen Sekte verstrickte oder befangene Sinn 
überall unläugbar hervortritt, und eine schöne Sprache den 
Vortrag schmückt, 

Ref. erlaubt sich, aus den einzelnen aphoristischen Be- 
merkungen, welche in dieser Schrift zu einem Kranze ver- 
einigt sind, Einiges auszuheben, und dadurch den Inhalt 
näher anzudeuten. Gleich der erste Aufsatz, überschrieben: 
Weltseele und Musik, erregt unsere Volle Aufmerksam- 
keit, da der Verf. in Betrachtungen über das Wesen der Mu- 
sik und ihre tiefsten Verhältnisse eingeht , insbesondere über 
das Verhäitnifs zwischen Ton und Licht sich verbreitet, wie 
solches so bedeutsam selbst im alten Mythus hervortritt, von 
denen aber, welche nur das Oberflächliche zu sehen gewohnt 
sind« übersehen wird. So bot sich dem Verf. auch die treff- 
liche Mythe von der Harmonie der Sphären dar, in welcher 
er eine fernere tiefftthlende Vorzeit erkennt« welche dem Ton 
eine nicht weniger bildende Kraft zumuthete, als dem Licht. 



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Süd -Ludwig v. Vofs Ahnungen und Lichtblick*. 

„Ton drückte eich dort ge wissermafsen ahnend schon aus als 
schöpferisches Princip, wie im Dualismus verharrend mit dem 
Licht" (S. 11.). So, wird uns auch das ganze Verhält ni Ts des 
Lichtgottes Apollo, des Musageten, klarer aus dem Alter» 
thum hervortreten^ und der tief ahnende Sinn der,Vörwelt 
auch hier erkannt werden. Wir überlassen es dem Leser, 
dem Verfasser weiter zu folgen in dem , was er in Beziehung 
der Musik auf Religion (Kirchengesang) und andere Verhält- 
nisse angiebt, da ein trockner Auszug, wenn wir ihn hier zu 
liefern gedächten, dem Eindruck nur schaden und das Ganze 
verkümmern würde. Mit gleichem Interesse wird der Leser 
weiter eilen zu andern Abschnitten, wie sie hier ohne aufse- 
ien Zusammenbang an einander gereiht sind, theils allgemein 
philosophischen, theils ästhetischen Inhalts. Zu bezeichnen , 
welche dieser Abschnitte besonders anziehend und empfehlens- 
wert» Seyen, würde für den getreuen Berichterstatter eine 
schwere Aufgabe seyn, da in ihnen allen ein gleich würdiger 
Sinn und tiefe Gedanken , in klarer, tinfach -schöner Sprache 
vorgetragen, zu finden sind. So in den Betrachtungen über 
das jetzige und künftige Leben, über die Macht des Wortes 
und die Liebe im Wort, über Psyche, über irdische Ver- 
nunft, Zeit und Raum, Liebe in der Mythologie -und Lieb« 
im Cbristenthum , Allgemeiner Menschencharakter u. s. w. 
Mehrere theologische Betrachtungen erregen das höchste In- 
teresse, wir errinnern nur an die Darstellung der Princip ien 
der Hölle und der Liebe Gottes und Aehnlicbes, was auch 
des Laien Aufmerksamkeit in Anspruch nimm*» Dafs der 
Verf. in einzelnen Schilderungen oder Beschreibungen nicht 
minder glücklich ist, beweist unter andern der treffende Auf- 
satz: „drr Mensch im Gebirge« % oder der Aufsat*: „die N*. 
tur im Frühling und im Herbst« u« s. w. - Passend gewählt 
und ergreifend ist der Scblufs: „über Unsterblichkeit oder 
Ewigkeit des Geistes«* den Ref. gern zur Probe den Lesern 
vorlegen möchte, wenn der Raum dieser Blatter solches mög- 
lich machen könnte. Möge der würdige Verf. uns bald mit 
einem ähnlichen Kranze beschenken! 




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N. 14 ' 1827. 

HeUel b e r g e f 

Jahrbücher der Literatur. 



# » ■ .. 



Evangeliseher Glaub ens s child , oder vergleiclutnde Darstel- 
lung der Unterscheidungslehren der beiden christlichen Hauptkirchen, 
Von Ludwig Sackreuter , Freiprediger und Lehrer ander 
zweiten Stadtmädchenschule zu Darmstadt. Leipzig, bei Jiaum- 
gärtner 9 4827. 264 S. in 8. — Mit einem Vprworf von 
Dr, Ernst Zimmermann* 



Auch unter dem Titel : 



• - 



K ate chismus der Unter s che idung s lehr e n der römisch- 
hat ho Iis che n und evangelisch - protestantischen 
Kirche u. s. w. Dem (lange und vielfach verdienstvollen) Di" 
rector des Gymnasium zu Darmstadt , Dr. Job, G e. Zimmer- 
mann, zugeeignet. , . ; f v 

Dia Menschheit, sagt das würdige Vorwort des Hrn. 
Hofpredigers Dr. Ernst Zimmermann, verträgt die Gleich- 
förmigkeit eines ungestörten Friedens nicht lange. Die Kräfte, 
die geistigen wie die physischen, bedürfen durch Thatäufse- 
rungen und Reihungen sich zu üben und immer von neuem 

aufzufrischen. Im Gebiete des Geistes ewinen Frieden stiften 

o ■ 

zu wollen, hiefse , der Natur neue Gesetze aufdringen. Nicht 
aufhalten und rückwärts leiten läfst sich der brausende Strom; 
aber ihn zu bewachen , dafs er nicht aufserhalb seiner Ufer 
Verderhen bringe, ist Aufgabe und Pflicht der Kiinst.. . 

Der Geist des Friedens, welcher am Schlüsse des vorigen 
und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts die beiden christ- 
lichen Hauptpartheien zu versöhnen begann, ist gewichen 
(neue feindselige Anstalten,, heftige Aufreizungen und An- 
griffe gegen alle Prüfungsfreiheit und besonders gegen die über 
Religion und Kirche sind, seit die Kirchenmacht nach Rom 
zurückkehrte, unläugbare Tbatsache); die Verlockungen trü- 
gerisch schmeichelnder Proselytenmacherei suchen aller Orten, 
in hohen und niedern Ständen , in Häusern und Familien das 
unwürdige Spiel ihrer schlauen Künste zu entwickeln. . Wohl 
thut es da Noth , dem unkundigen Theil der Zeitgenossen, 

XX. Jahrg. 3. Heft. 14 



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210 Sack reut er s Katechismus der Unterscheidung*] ehren 

mehr apologetisch als polemisch, die Arten des ob- 
waltenden Streithandels in den rnanchfacbsten Formen vorzu- 
legen. Auch der Verf. der Vorworts hat schon vor längerer 
Zeit, hauptsächlich für Theologie Studirenrie , den „Prote- 
stantismus und Katholicismus im Gegensätze" darzustellen he- 
ahsichtigt. Er wird, hofft Ree, nicht mehr allzu lange durch 
seine, einem grofsen Theil des Publikums mit Recht will« 
kommene anderweitige Beschäftigungen abgehalten werden , 
die (auf einen etwas höher gefällten Standpunct gerichttte) 
beinahe beendigte Schrift der Presse zu übergeben. 

Einen andern, bisher wenig betretenen VVeg hat der, 
sebön durch seine mit Beifall aufgenommene „Kurze Ge- 
schichte der christlichen Religion und Kirche« (zweite Aufl. 
Darmstadt, 1825.) -rühmlich bekannte Verfasser der gegen- 
wärtigen Schrift mit recht glückliebem Erfolg sich vorgezeich- 
net. Er hat die katechetische Form gewählt, welche eigen- 
thüm.liche Vortheile gewährt, besonders für jeden, der nicht 
gerade einem zusammenhängenderen Vortrage die nöthige Zeit 
und Aufmerksamkeit widmen könnte. Hr. S. verbindet, in 
einem vorzüglichen Grade, Klarheit und Deutlichkeit mit 
Gründlichkeit, Wahrheitsliebe mit Leidenscbaftlosigkeit. Be- 
sondern Vorzug hat seine Schrift dadurch, dafs er jeden der 
abgehandelten Streitsätze nicht nur mit den nöthigen Schrift« 
stellen, sondern auch mit den eigenen Worten der Bekennt- 
nifsschriften beider Partheien belegt. 

Ein dringendes Bedürfnifs der Zeit heischt das Aufstellen 
des co nfession eilen Lehrbegrirfs der römisch katholischen 
und der evangelisch - protestantischen Kirche. Bretschnei- 
der durch seinen einleuchtenden historisch - theologischen Ro- 
man „Heinrich und Antonio, oder die Proselyten der römi- 
schen und evangelischen Kirche«« (Gotha, 1826.), und Otto 
unter dem Titel: »Der Katholik und Protestant, oder die vor- 
züglichsten Glaubenswahrbeiten , in welchen die katholische 
Kirche von der protestantischen abweicht« 4 (Dresden, 1824» 
zweite Aufl. 1826.) bereiteten der Liesewelt durch schätzbare 
Geisteserzeugnisse der Art eine anziehende Belehrung. Der VI. 
wünscht vorzüglich dem gebildeten Bürger und Landmann , dem 
Volksschullehrer und besonders den bei der.evangel. Kirche in 
religiösen Kenntnissen schon ziemlich vorgerückten Confirman- 
den nützlich zu werden — und zwar recht im protestantischen 
Sinn und nach einer zur Denkglaubigkeit führenden LehrarC; 
nämlich so , dafs sie sieb über die abweichenden Lehren' bei- 
der Kirchenpartheien auch selbst zu unterrichten im Stande 
waren , Und nicht zum gebotenen und anerzogenen Nachbeten, 



I 



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der beiden christlichen Hauptkirchen. 21 ) 

♦ 

sondern zur klaren Ansiebt der Lehrbebauptutigtn um! ihrer 
Grunde gelangten. Deswegen wählt« er die katechetische 
Form. Oiu et) eine bestimmt abgefafste' Frage und «ine ihr 
entsprechende bflndige , lichte Antwort wird jeder Nachden- 
kende weiter geführt, wenn er den nöthigen Jrlath befolgt f 
nicht eher zum Folgenden überzugehen , bis er das Vorher* 
gehende als geistig Aneignung in sich aufgenommen hat; wo- 
zu ihm diese Dar* lerWn gl weise bequeme Kuhepuncte ge- 
währt. Es ist des Vf». Hauptaugenmerk , die UehereiristinW 
roung der protestantischen mit der reinen Lehre Christi 
darzuthun — ; darum die stete Hinweis^ ng auf die Bibel, 
diese Grundfeste der evangelischen ächten Glaubensüherliete- 
tungj g^g er > welche j als die Quelle des von JeSus und den 
Aposteln her noch gleichzeitig aufbewahrten, alle später!; 
kirchenväterlicbe Meinungsuberlieferungen und meist nur ge- 
mutbmafste Auslegungen sich selten wie Ableitungen , oft nut 
wie stehende, oder aus trüben Klüften hervorgepumpte Ge- 
wässer verhalten. Mit den Bibelbeweisen verbindet diese ' 
Schrift recht zweckmäfsig die Angaben aus den symbolischen 
Schriften in ihrer (immer beabsichtigten , wenn auch nicht 
immer gleich gut erreichten). Uebereinstinirüung mit dem hei« 
Ilgen Gottes worte Jesu und seiner Apostel. 

Auf gleiche Hechte hat bei Behandlung der Unterscheid 
dungsieh ren auch die katholische Kirche Anspruch: es fehlen 
daher auch ihre biblische Beweisstellen nicht , und zwar ange- 
führt nach der von vielen Katholiken hochgeschätzten Verdeut* 
fchung des Dominikus Brentano (die beilige Schrift des 
alten und neuen Testaments, auf Befehl des Fürsten und Herrn 
Rupert II. u. s. w. herausgegeben von Dominikus von Bren- 
tano, fortgesetzt von Thad. Ant. DereJer, zwei Bände; 
Frankf. ä. M. 1797.). Eben so folgt die stete Hinweisung auf 
ihre Bekenntnifsschriften , worin ihr Lehrbegriff nach der all« 
gemeinsten Anerkennung am vollständigsten entwickelt ist, 
vorzüglich die Hinweisung auf das Concilium zu Trident und 
den römischen Katechismus, Wobei der Verf. Egli's und 
Fei ner's UeberSetzungen dieser Schriften zu Rathe zieht, 
ond den Verdacht, zu Gunsten des evangelisch- protestanti- 
schen Lebrbegriffs übersetzt zu baben , abschneidet. Hierbei 
AenntJe zwar das Polemische nicht ganz vermieden werden; 
In Wahrheit aber ist der Verf. vorsichtig und schönend / iim 
Weder den Vorwurf der Intoleranz, noch den der Lauheit zu 
verschulden. Individuelle, etwas mehr gereinigte Ansichten 
einzelne* erleuchteter Katholiken oder idealisirende ^erschö. 
Gerungen de* neueren Zeity so wie manche (besonders Neü- 



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212 Sackreuters Katechismus der Unterscheid uogslehren 



bekehrte, welche die frühe Glaubensangewöhnung nicht mit- 
bringen und gegen die Vernunft noch etwas verschämt sind) 
ihre kirchliche Dogmen nach Vernunft und Schrift sorgfältiger 
zu bilden versuchen (in der That aber dadurch vom obersten 
durchgängigen Lehrunfeblbarkeitsgrundsatz ihrer Kirche ab» 
weichen), durfte der Verf. nicht berücksichtigen. Denn es 
handelt sich nicht um Privatmeinungen, sondern um den Lehr., 
begriff der Kirche und deren Praxis. Noch aber gelten die 
Beschlüsse des Tridentiner Kirchenraths in voller Strenge; 
denn bekanntlich hat die katholische Kirche noch nicht den 
aherunbedeutendst^p der damals im Gegensatz zum Protestan- 
tismus geltend gemachten Glaubenssätze und Verordnungen 
zurückgenommen ; auch kann sie dies nicht, ohne ihrefelsenfeate 
Lehi Unfehlbarkeit zu beeinträchtigen. Solche Neubekehrte 
dagegen scheinen noch daranzudenken, was für ein Uebelstand 
sich offenbaren müfste, wenn E.B. die Medicin oder die Came- 
ralwissenschaft u. s. w. sich vor tausend Jahren für unverbes- 
serlich erklärt hätte. Die Folgen davon, dafs sich das Unver- 
besserliche, wenn auch alles rings umher sich bessert , sich nicht 
verbessern darf, streben sie in guter Meinung von ihrer neu- 
gewählten Kirche abzuwenden. Aber gegen den Willen einer 
wahren Petra. Diese pflegt vielmehr (man sehe die neuesten rö- 
mischen Breven gegen die tinabhängigere Kirche von Utrecht, 
im Sophronizon 1826. 5. Hft. S. 97 — 100. vergL 4. Hfu de- 
ren Selbstvertheidigung S. 62 — 103.) das Anathema über alle 
zu sprechen, welche an dieser Strenge etwas zu mildern ver- 
suchen, und zu reineren, dem Geiste des Urchristenthums 
angemesseneren Glaubensformen, .oder auch nur zu dem ein- 
facher bischöflichen Kirchenregiment zurückkehren wollen. — 
Historische Bemerkungen finden sich gelegentlich eingestreut, 
auch der Unterschied der römischen von der griechisch-katho- 
lischen Kirche wird beiläufig in den Anmerkungen erwähnt. 
Als Zugabe ist der katholische Religionseid, welchen 
jeder Convertite völlig zu glauben und zu beschwören hat, 
und das Mü h 1 h ä us er Glaubensbekenntnifs beigefügt , 
welches den Austritt eines Theils der Mühlhäuser Gemeinde 
aus der römischen Kirche feierlich und förmlich durch die Un- 
terscheid ungspunete bezeichnete, ohne dafür ein Abschwören, 
vielmehr nur eine willige, ungebundene Erklärung der sich 
selbst erhaltenden Ueberzeugung zu fordern. 

Ree. findet diese meist von dem ehrwürdigen Verf. des 
Vorworts und dem rühmlichst sich bekannter machenden Verf. 
der Schrift selbst in der Vorrede entworfene Charakteristik 
des Geleisteten richtig, und kennt für jetzt keine in diesem 



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der beiden christlichen Hauptkirchen. 21 3 

Fach belehrendere, und für jeden, der auf beiden Seiten sein 
Gewissen durch erweisliche Kenntnifs der Sache beratben will, 
ohne Weitschweifigkeit verständlichere, gründliche und ge- 
•näfsigt» Durchführung der ganzen vielseitigen Materie. 
Was die > versuchten Verschönerungen oder Milderungen des 
buchstäblich römischen Kirchensystems betrifft, oder solche 
' Steigerungen zu einem höhern, geistigeren Katholicismus , 
wie Werner, laut seiner Briefe von 1804. (*• Blätter für 
literar. Qoterbaltung, Jan. 1827. No. 2. S. 7.) dort ein „un. 
be wufstes Umarmen des Gefühls und der - Ver- 
nunft« zu finden hoffte, so sind gerade alle solche sogenannte 
„Abklärungen« das von jener Kirche verbotenste Aus- 
strecken nach Früchten des Erkenntnifsbaums. Oder spricht 
nicht der Kömiscbe Katechismus (übersetzt vou Feiner. Mainz, 
1820.) B. I. S. 17. 18. auf die Frage: Was heilst in Betracht 
des evangelischen Glaubens das Wort Glanben? die einzig dort 
orthodoxe Antwort aus : m Jener glaubt, der etwas ohne den 
geringsten Z weif el für wahr hält . . der von vorwitziger 
Untersuchungsbegierde ganz frei ist. Gott befahl uns, 
dal's wir glauben, nicht aber den göttlichen Ur- 
tbeilen nachforschen und ihre Verhältnisse und 
Ursachen untersuchen sollen . . . Wie verwegen und 
wie thöricht mufs der seyn, .der, da er Gottes Aussprüche 
Uört , erst noch nach den Gründen der Lehre fragt!« 
(Vergl. Carove von der alleinseeligmachenden Kirche S. 44.) 
Eben dieser römisch - entscheidende Katechismus , welcher so- 
gleich zwei Jahre nach der päbstlichen Confinnation des Tri- 
dentisieben Conciliums 1566. zu Rom Fii V. jussu edirt ward, 
bestimmt ,für alle ächtrömische für immer (I. Bd. Kap. 10. 
Fr. 15. S. l3Ö.) folgendes: „Wie diese Eine Kirche in 
den Lehren des Glaubens und der Sitten nicht irren kann, 
da sie vom heiligen Geiste regiert wird , so schweben alle- 
übrigen, welche sich auch den Namen Kirchen an- 
mafsen (!), die aber vom Geiste des Teufels ge- 
führt werden, in den schädlichsten Irrtbümern der Lehre 

und der Sitten« (s. hier S. 46.). — Welchen Menschen 

von gebildetem Geist mufs nicht eine einzige solche Stelle 
üher den Weg, wo gewifs schon der allererste Grundsatz ein 
Irrtbum ist, sogleich orientiren und zurechtweisen ? 

Hie und da wären allerdings einzelne Bemerkungen für 
eine ohne Zweifel baldige neue Ausgabe zu machen. Wenn 
Antw* 56. sieb gegen die päbstliche Untrüglichkeit auf die 
Geschichte beruft, so möchten doch einige der auffallend- 
sten Beispiele zur Ueberzeugung unentbehrlich seyn. Bei 



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21 ; > Sackreuters Katechismus der Unterscheiden gilehreu 

Antw, 64. bemerkt Ree. \ dafs das Binden und Loosen 
( Verbieten u ndErlauben) nie nach der Weise patriotischer q s, w. 
Exegeten mit den Worten von den Schlüsseln zusammen ge- 
mischt werden sollte. Dafs Jesus den Aposteln die Schlüs- 
sel des himmelartigen Reiches Gottes auf Erden anvertraute, 
bedeutet die Pflicht^ dafs sie zu ihm und seiner' Qesin- 
nungsbesserung hereinfahren sollten, so viele sie konnten. 
Vom ßinden und Lösen aber spricht Jesus so ernstlich, weil 
fr sieauch an die heilige Pflicht erinnern will , denen , welche 
ihnen vertrauen, nichts zu verbieten, nichts zu er lau« 
ben, als was sie als erlaubt oder verboten vor Gott ge- 
wissenhaft denken könnten. Antw. 71. ist richtig bemerkt, 
dafs Matth, f 8 , 15 — 17. offenbar nicht von einer Macht einer 
Kirche | über Lehr en, sondern nur über B el e i d i g u n g e n 
zwischen ihren Mitgliedern zu entscheiden, die Hede ist. 
Vielmehr ist die bischöflich traditionelle Kirchenerklärung jener 
Schriftworte, wie rast immer , handgreiflich wider den Con- 
text. Bestimmter möchte auch noch beizufügen seyn, dafs 
ebendeswegen, weil vQrt Beleidigungen die Rede ist, auch 
nicht die Kirche im späteren ökumenischen Sinn* zu ur- 
theilen aufgefordert wird; nur die nächste Ortsge- 
meinde ist als die Efeklesia genannt, welche natürlich 
die letzte nächste Instanz war, wenn der Mitbruder weder 
auf des Einzelnen , noch auf mehrerer Mitchristen Zureden 
die Beleidigung aufgaben wollte. Ein solcher war dann 
in der That nicht, wie ein chi istlicher Mitbruder seyn sollte, 
sondern wie ein Unbekehr ter. — In der Apost. Gesch. i'5. 
bei dem oft so genannten ersten Concilium entscheiden nicht 
Petrus, nicht Jakobus , sondern geben der O r t s g e m e i n d e 
yon Jerusalem, der wahren Muttergemeinde aller Kirchen, 
jhre Qrürjde, Q*r Brief dieser Versammlung der gesammter» 
Ortskirche ist von den Aposteln , Aeltesten und den Brüdern 
d.i. der ganzen Ortsgemeinde,, welche nicht sagt, was ihr 
und (J) dem heiligen Geiqte gutdünke (welch ein sonderbares 
Und? ein Nachsetzen des heiligen Geistes hinter die all er- 
heiligsten Bischöfe auf den Concilien). Ndch dem T ext 
die Ortsgemeinde, dafs auch ihr, was dem Paulus und Bar- 
nabas, gut dünke ^durch" heilige Geistigkeit. — Zu 
Antw. 8 1. könnte bemerkt werden : „Heiliger Vater" ist 
nach Jesus Christus nur der Gott, den er selbst als den Allei- 
nigen wahren Gott anbetete. Joh. 17, 11 und 3. — Vornehm- 
lich verdient die Lehre von der Tradition noch allen Fleifs. 
Denn nach i c'i m i scher Co n serj ti e n z darf der gesunde Menschen- 
yers^and bis dahin mitgeben % dals er sich von der Lehrunfehlbar- 



Praktische Theologie. 



215 



ieeit derKirche, von der Unmöglichkeit, einen Lehri rrth u m kirch- 
licb geglaubt zu sehen, und von der Zuverlässigkeit einer 
yielbundertjährigen Ueherlieferung (??) überzeuge. Alsdann 
beginnt entschlossenes Glauben. Paulus weiset allerdings 
2 Tbess. 2, 16* auf Ue b « r 1 i e fe r u ri g , aber gerade, weil 
dies» damals noch eine allernächste, eine unmittelbare war. 
Aas mündlicher Ueberlieferung durch viele Generationen 
herab etwas richtig wissen, wäre ein gröfseres Wunder, als 
alle Wunder ; wie jeder bei jeder Geschichte des Tages und 
der Vorzeit die handgreifliche Erfahrung hat. Die ununter« 
brochene Zuverlässigkeitaber der Lebrqberlieferung soll an dem 
Bischofsstubl und der Weihung hangen. Wie kann denn von 
einem Bischor dem Nachfolger die wahre Erb lehre mündlich 
überliefert seyn , da jener den Nachfolger nicht voraus weils i 
Wie wenige selbst der römischen Bischöfe waren dogmenfest, 
oder sind es jetzt. Wie sehr sind die schriftlichen Ue- 
berlieferungen der ältem Kirchenlehrer, z. B. Cyprians, von 
den späteren der Kirche verschieden! Wozu wäre auf Con- 
cilien das Votiren per majora, wenn alle legitime Bischöfe die 
reine Erblehre hauen, ehe sie dabin kommen? Wozu die* 
päbstlicbe Confirmation der Beschlüsse , wenn jede saerdsaneta 
tynodus in Spiritu saneto congregata die unfehlbare Erblehre 
mit sich zusammengebracht haben mufs ? — — — 

So uur einiges, um auch dadurch dem Vorredner und dem 
Verf. des „ Glaube nsscbilds « wahre Achtung und Zustimmung 
erwiesen zu haben. 

'Dr. Paulus. 



Darf in einem kateefotischen Lehr buche die christliche Glaubenslehre 
dem Dekalogus vorangestellt werden? Ein Fürwort zu den f dem 
protestantischen Bayern diesseits des Rheins bevorstehenden Ge- 
neralsynoden) gesprochen von A. Th. A. F. Lehmas % der 
Philosophie Doctor, Dekan und StaUtpfarrer in Ansbach, Nürn- 
berg, bei Riegel und Wiefiner. r827. 6a S. in 8. ' 30kr. 

Die Verbandlungen der beiden Generalsynoden , welch« 
tu Ansbach und zu Baireuth im Jahre 1824. gehalten worden, 
sind dem Publicum bekannt, und wir haben in diesen Blättern 
unsern JLesern seiner Zeit darüber referirt. Die vorliegende 
Schrift bezieht sich auf einen Hauptpunct derselben, welcher 
damals nur vorbereitet worden, und für dessen Berathung, 
die demnächst bevorsteht, der ehrwürdige Verf. vorliegender 



216 Praktisch« Theologie. 

• 

Schrift | dessen Stiaiine in der Theologie zu den geachtetesten 
gehört, gewichtige Worte vorausschickt. Ein Katechismus 
ist nicht so leicht anzusehen, und in jetziger Zeit vielleicht 
die schwerste Aufgabe, Zwar ist in jenen Synoden beschlos- 
sen worden, Luthers kleinen Katechismus beizubehalten, in- 
dem man sich über keinen andern vereinigen konnte, allein 
desto mehr wurde ein katechetiscbes Lehr Luch verlangt; auch 
wurde durch einen Beschlufs des Königlichen Ober- Consisto» 
riu ms die Anordnung für 'dasselbe angegeben, wornach der 
Glaube voranstehen und hierauf die zehn Gebote folgen sollten. 
Zwei in jenen Verhandlungen abgedruckte Referate hatten 
dieses motivirt.' Herr Dekan Lehmus tritt gegen diese An- 
ordnung mit Gründen auf, welche die Voranstellung des 
Dekaloj£us verlangen; und so möchte die Titelfrane statt des 
Darf ebenso bescheiden aber bestimmter anfangen: Sollte 
nicht u. s. w. Es wird nämlich, wie gesagt, für dieses 
Sollen entschieden. Aus dein Wesen des Cbristenthums will 
es der Verf. beweisen; es ist die Heilsordnung selbst, welche 
er auch der Lehrmethode zum Grunde legt. Vorerst bestimmt 
er den Begriff des Dekalogus dahin, dafs man dabei nicht an 
das Dürftige einer Sittenlehre , für das Aeufsere, auch nicht 
an das Honestum , das eine Tugendlehre dem Innern vorstellt, 
zu denken habe, sondern eine recht eigentliche Gesetzeslehre, 
welche beides, das Innere und Aeufsere, auf einem höhen» 
Standpuuct einigt, an den gesetzgebenden Willen Gottes (len- 
ken müsse, wenn man richtig gehen wolle. Die Glaubens- 
lehre sey ebenfalls in ihre*m ganzen christlichen Gehalt, und 
nicht etwa blos nach dem ersten Artikel, ins Auge zu fassen. 
Unser Verf. erinnert hierauf an den Gang der ewigen Weis- 
heit in der Geschichte der Offenbarung, als Vorbild für den 
Gang eines katecbetischen Lehrbuchs. Hiergegen hätte in- 
dessen Ree. einzuwenden, dafs der auch sonst wohl in der 
Methodik und Pädagogik und mehrmals vorgekommene Vor- 
schlag, das Kind die Geschichte der Menschheit selbst durch- 
leben zu lassen, sich immer als MisgrifF und Misverstand be- 
wiesen hat. Denn was uns aufgezeichnet worden, ist uns 
zur Lehre zu geben, um nicht immer wieder denselben Kreis- 
lauf zu wiederholen, sondern um von dem Punct anzufangen, 
in welchen die Vorsehung das Kind gesetzt hat. Wir wollen 
damit keineswegs dem Verf. abstreiten, dafs der Sündenfall 
eben der Punct sey, von weichem die christliche Erkenntnis 
anhebe, aber bei dem Christenkind ist es die Selhsterkennt- 
nifs, wie sie ihm durch das Ganze der christlichen Erziehung« 
und durch seine individuelle Bildung aufgehen muff. Sie 



Prakiiiehe Theologie. %M 

wendet hierbei also von christlichen Lehren diejenigen an, 
welche sich auf das von frühem an erweckte christlich fromme 
Gefühl des Kindes bezieben. Es ist mit einem Worte in der 
christlichen Zeit eine andere Ordnung der Dinge, als es vor 
derselben war. Und das erfuhr man schon zu der Apostel 
Zeiten, weshalb diejenigen, welche aus Heiden Christen 
wurden, nicht erst Juden zu werden brauchten. Unser Verf. 
hat diesen Einwurf sich selbst gemacht und auch zu beant- 
worten gesucht, nämlich in drei Momenten, Das erste ist, 
dals dabei übersehen werde, was bei jeder gründlichen Be- 
lehrung statt finde, wie überhaupt das früher Gegebene durch 
das spHter Gegebene dein Verständnisse klarer werde, „des- 
halb aber die Ordnung darum nicht umgekehrt werdeu dürfe, 
weil in jenem die Voraussetzung dieses gegeben ist.« Allein 
beweiset dieses Argument nicht zuviel? Würde nicht aus 
demselben folgen , dafs der Katechismus - Schüler mit den 
Grundsprachen und der Wissenschaft der Theologie anfangen 
müsse? ynd ist es nicht längst entschieden, dafs die Ord- 
nung des Jugendunterrichts überall eine ganz andere ist, als 
die Ordnung der Wissenschaft und des Systems an sich? Auch 
ist es anerkannt in der Ordnung, dals man über manche Dinge 
im Religiösen und Sittlichen, Kindern noch gar nichts sagt, 
weil sie noch nicht für ihr Alter sind, wobei man darauf rech- 
net, dafs es erst später klärer werden möge; so wie auf der 
andern Seite nach dem allgemeinen Gesetz der Methodik das, 
was dem Schüier nach seiner jetzigen Fassungskraft das Kla- 
rere ist, auch im Unterricht das Frühere seyn mufs. Kurz», 
das Objective, sey es nun der Wissenschaft oder der Weltge- 
schichte, ist etwas anders als das Subjective in der Entwick- 
lung des Kindes und als der Lehrgang für seine Bildung. 
Eben dieses ist auch die Antwort auf das zweite Moment, 
„dals der von der ewigen Weisheit gewählte Gang das Bedürr- 
nifs der menschlichen Natur berücksichtige, und was von 
dieser überhaupt gefordert wird, auch für jeden Menschen zu 
jeder Zeit gefordert werden müsse". Allerdings wahr in 
einem gewissen Sinne, aber keineswegs in dem, der die vor- 
liegende Sache trifft. Denn was das Menschengeschlecht im 
Ganzen durchgekämpft hat, liegt nicht dem einzelnen Men- 
schen auf, und so gewifs als der am Kreuz für uns Geopferte 
alle Wiederholung des Opfers aufgehoben hat, aber die Kreu- 
zigung des immer verderbten Menschen fortwährend verlangt, 
so gewifs ist die Belehrung der Jugend unter den Christen 
nicht mehr die der vorchristlichen Zeit, sondern die des Glau- 
bens an den Erlöser zur Erweckung der demüthigen Und dank- 



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i I 



218 Praktische Theologie. 

baren Liebe und der aus dieser erwachsenden Gesetzlichkeit. 
Hiermit fällt auch das dritte Moment, das unsern Einwurf 
abweisen könnte, von selbst weg, welches sagt, „dafs sonst 
das Gesetz ein anderes, oder der Mensch ein .anderer, oder 
die Genesis des eigentlich christlichen Glaubens eine andere 
geworden seyn müsse«. Das ist das alles auch wirklich; es 
ist bei dem Christenkinde zur Belehrung im Christenthum alles 
anders, als es in jenem grofsen Gange der Weltgeschichte 
war, obgleich manches Allgemeine der Menschheit auch in der 
Entwicklung des Einzelnen ebenfalls vorkommt. 

„Das göttliche Gesetz nimmt zunächst und recht eigent- 
lich das Herz in Anspruch; das erste Gebot gebietet völlige, 
unbedingte und ungeteilte Hingebung des ganzen Menschen 
an Gott, das wahrhaft einzige Gut; — und dieses Gesetz 
wird durch den neuen Bund nicht aufgelöst, sondern aufge- 
richtet«; welches alles der Verf. biblisch und mit erleuchte- 
tem Geiste ausführt. Schlagend sind seine Erläuterungen der 
evangelischen Grundlehre von der Bufse ((xeravcia) .g^g*" die 
rationalistische Ansicht« welcher denn auch unter andern die 
hier angeführten Stellen von Luther und aus der Apologie 
d. A. T. ausdrücklich widersprechen. Dafs er sich hier , bei 
der Berichtigung üefgewurzelter und weit verbreiteter Mis- 
verständnisse , verweilt, ist schon wegen seines Haupt« 
Zweckes zu billigen. Er betrachtet hiernächst, was etwa die 
Rationalisten für die Voranstellung der Glaubenslehre an« 
führen könnten, dafs es nämlich genug sey, wenn nur jene 
inhaltschwere Fordernng voranstehe : Ihr sollt heilig seyrs 
u. s. w. und: Du sollst lieben Gott u. s. w. und dafs die 
einzelnen Gebote doch nur einzelne Lebensregeln enthalten, 
welche am schicklichsten auf die Glaubenslehre folgen möchten. 
Eine Stelle aus Luthers grofsem Katechismus wird von dem 
Verf. entgegen gesetzt, welche sich mit den herrlichen Wor- 
ten schliefst: „Also siebest du, wie das erste Gebot das 
Haupt und der Quellborn ist, so durch die andern alle gehet 
und wiederum alle sich zurückziehen und hangen an diesem, 
dafs Ende und Anfang alles in einander geknüpft und ge- 
bunden ist«. Dieser tiefe Gedanke schlagt indessen nur jene 
oberflächliche Meinung, und dahin trifft auch, was der Hr. 
Verf. zur Erläuterung von dem Inhalt der einzelnen Gebote 
hinzufügt. Auch ist es des Theologen würdig, dafs er erin- 
nert, wie auch das Gesetz, das Gott durch Moses gab, gött- 
lich war, wie es aber nur Christus am besten verstand, und 
dasselbe Pcincip zur Vollkommenheit durchführte. Es ist zwi- 
schen der Gesetzlebre des A. und des N. Test, kein Gegensatz , 



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■ 

Praktische Theologie. 219 

i 

wob] aber ein Unterschied in so fern vorbanden, „als das Ge- 
setz als Moses Gebot und Verbot keine lehendigmacbende 
Kraft in sich trägt, und diese erst durch die Erscheinung der 
heilsamen Gnade Guttes, durch die Wirkung des heil. Geistes, 
oder durch den Glauben gegeben wird, der den neuen Men- 
•chen schafft, die Liebe hervorruft, frohen Gehorsam , Freu« 
digkeit und Geschicklichkeit zu jedem guten Werke erzeuget, 
oder das Gesetz in die Herzen schreibt.» Im N. T. ist also , 
nicht sowohl Gesetzeslehre als Heiligungslehre. Indem nun 
der Vf. dieses klar aus einander gesetzt bat, tnufste sich auch 
der Einwurf noch höher erheben, den er zuletzt mit wenigen 
Worten zurückweiset. „Wer, wird mit Aecht gesagt, das 
Gesetz als göttliches Gesetz erkennen will, mufa zuvor Gott 
erkennen, und darum hat das Gesetz oder die Erkenntnifs des 
Gesetzes im Glauben seine Wurzel, Allein es handelt sich 
hier um das Ohjecr des Glaubens, und dieses ist nicht Gott 
als Erlöser, nicht Gott als heiliger Geist, ja nicht einmal Gott 
als Vater — es ist vielmehr Gott überhaupt, oder Gott in 
Ansehung seines Wesens und seiner Eigenschaft.« Wäre 
aber nicht hierauf zu erwiedem, dafs es Gott ist, wie der 
Christ ihn erkennt? Wie auch schon unsere Kinder zu ihm 
beten sollen, als ihrem lieben Vater? Und wir kommen dar- 
auf zurück : Die Christenlehre in unserer Gemeinde soll nicht 
Heiden und Juden voraussetzen , sondern soll unter den Chri- 
stenkindern das neue Leben von frühem an entwickeln, damit 
diejenigen, welche durch die beil. Taufe zu demselben ge- 
weihet sind, vermittelst des Unterrichts bis zur Confirmation 
zur neuen Geburt gelangen , und in das volle christliche Leben 
eintreten. Der katechetische Unterricht ist alsdann das 
rechte Mittel, wenn er den methodischen Gang nimmt. Die» 1 
ser aber theilt sich in zwei Wege. Der eine ist der sub- 
jective; nach welchem das Kind zu Hause und in der Schule, 
in der Lehre und im Leben auf Gott hingewiesen, zum Ge- 
horsam gegen ihn gewöhnt, im sittlichen Fühlen und Handeln 
gebildet, zur kindlichen Liebe gegen den himmlischen Vater 
erweckt, mit einem Worte christlich erzogen wird. Der 
andere Weg, der theils jenen aufnimmt, theils neben ihm her 
läuft, ist der objective; nach welchem die Lehren für den 
Unterricht so aufgestellt werden , wie sie aus dem Grunde 
der christlichen Gesinnung sich in natürlicher Folge entwic- 
keln ; und darin findet das katechetische Lehrbuch seine rieh« 
tige Anordnung. Da können wir aber auf keinen andern 
Grund kommen , als auf den Glauben ; und so ist, unsers Er- 
achten«, die Glaubenslehre voranzusetzen, worauf dann die 



s 



. / 



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220 , Praktische Theologie. 



Sittenlehre folgt. Die Ordnung von Luthers Katechismus 
konnte noch nicht jene durchdachte seyn , wie sie sich ioi 
Heidelberger Katechismus zeigt. Diesem letzteren liegt der 
Brief: an die Römer zu Grunde ; da nun Ree. mit dem Verf. 
die Meinung tbeilt, dafs man lieber auf das bewährte Alte 
zurückgehe, als eine moderne Ansicht befolge t so möchte er 
Heber auf jenes erste evangelische Lehrbuch zurückgehen , und 
• gewifs läfst sich der Brief an die Römer eben so gut für mi- 
sein kirchlichen Volksunterricht zur Grundlage nehmen, — 
woran auch unser Verf. durch Chemnitzens capita catecheseos 
apostolicae S. 67. (in seinen Zusätzen) selbst erinnert, — 
als ihn Melanchthon für den wissenschaftlichen nahm. Luthers 
Vorrede zu demselben widerspricht uns von Seiten des Refor- 
mators selbst nicht , wie keine Stelle, die der Verf. anführt, 
solcher Anordnung widerspricht. Selbst die gleichsam im La- 
pidarstyle abgefafste Erklärung des ersten Gebots im kleinen 
Katechismus, und die ausführliche fr u cht - und blüthenreiebe 
im grolsen Katechismus setzen schon irgend einen Unterricht 
in der Glaubenslehre vorau,s. Denn den wahren Gott will er 
vorerst erkannt wissen, wie schon gleich Vorn aus seiner Fra- 
ge : „Was heilst einen Gott haben, oder was ist Gott?« und 
aus der hierauf gegebenen Antwort erhellet. Nur nach sol- 
cher Glaubenserkenntnifs , in die Gesetzeserkenntnifs herein- 
geführt, ist es zu erwarten, was der grofse Katechismus in 
der Schlufserklärung 2ru den zehen Geboten'sagt , unter an- 
dern: „Also soll nun das erste Gebot leuchten, und seinen 
Glanz geben in die andern alle, darum in u Ist du dies Stück 
lassen gehen als den Reif oder Bügel im Kranz, der Ende und 
Anfang^ zusammen füge nnd alle zusammen halte, auf dafs 
raan'a immer wiederhole und nicht vergesse.« Es kommt 
also nur darauf an, wie viel von der Glaubenslehre voraus- 
gehen müsse, dafs sie so recht licht - und lebenvoll die Sitten - 
oder Gesetzeslehre hervorti eibe. Das aber ist die Sache des 
vorhergebenden Lehrcursus, welcher den vollständigen des 
Confiruianden- Unterrichts vorbereitet. Unser Verf. erklärt 
sich praktisch für solcher^Lehrgang durch seine wohl gereifte 
und gewifs reich gesegnete Methode, die er (S. 48.) selbst 
angiebt, dafs er „in seinem Confirmanden - Unterriebt bei 
jedem Gebote den unendlich reichen Inhalt desselben und das 
Unvermögen des natürlichen Menschen, ihn im eigentlichsten , 
Sinn zu erfüllen, nachweiset, und dadurch die Nothwendig- 
keit der Demuth und der Erlösung begreiflich und das Bedürf- 
nils eines göttlichen Erlösers rege zu machen sucht.« Denn 
solches Einlenken auf Glaubenslehren würde in leeren Worten 



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Praktische Theologie, 221 

verhallen , wenn nicht der Verstand der Kinder schon gelernt 
hatte, was dabei zu denken sey. Allerdings verlangt eben 
diese ächte Methode, da Ts man auch bei der Glaubenslehre 
überall auf die Sittenlehre hinweise, in wie ferne schon im 
früheren Cursus and im Leben selbst sittliche Begriffe gelernt 
worden. Der Hauptpunct für das eigentliche Lehrbuch aber 
ist, dafs Gott erkannt werde durch Christum, und dafs Kin- 
dern gezeigt wird, wie er in seinem Sohne seine unendliche 
Liebe offenbart, die Kinder den Geist der Liebe in sich auf- 
nehmen, so dafs als Grundton in ihrem Gemüt he bei der Er- 
klärung der Gebote das heiligende Wort forttönt : „Lasset 
uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.« — Ree. hat 
ehedem nach Kantischen Grundsätzen einmal die Meinung ver- 
sucht, dafs man mit der Moral anfangen müsse, allein die 
Praxis wies ihn bald wieder zureebt. Die vorliegende Schrift 
will aber nach evangelischen Grundsätzen von dem Gesetze 
ausgehen; und das hat allerdings mehr auf sich. Denn nach 
dem Evangelium mufs dieErkenntnifs der Sünde vorausgehen, 
welche durch das Gesetz kommt, ehe der die Gnade ergrei- 
fende Glaube erfolgen kann. Nur dürfen wir dabei nicht über- 
sehen, dafs diese Heilsordnung nicht in einer Zeitfolge aus 
einander liegt, als Lehre so wenig, wie als Methodismus, 
z.B. einst in der IIa 11 isch - Pietistischen Schule, sondern dafs, 
wie in der ersten Zeit das ^srjvs£?r« *at tictsCst- in Einem Zuruf' 
zusammen lag, so bei unsern Kindern in der christlichen Er- 
ziehung beides möglichst vereint seyn soll, damit in jedem 
Lehrpuncte der sittlichen und religiösen Bildung Selbst- und 
Gotteskenntnifs zugleich begründet und gefördert werde. Das 
geschieht, wie sich, von selbst versteht, in dem fortwirken- 
den bildenden Einflufs der Eltern und Lehrer. Kommt es aber 
nun zu einem zusammenhängenden, vollständigen Unterricht, 
dann müssen die Begriffe, welchen jene Herzensbildung ihr 
Leben giebt, in derjenigen Ordnung stehen, wie sie zum 
besten Verständnifs auf einander folgen, und da wird man 
auf keine andere geführt, als die Glaubenslehren vorne, die 
Sittenlehren hernach. Dafs bei diesen letzteren Luthers nicht 
mehr genug gekannte Auslegung in seinem gröfseren Kate- 
chismus benutzt werde, darauf weiset unser Verf. mit Recht 



*) Es ist daher eine erwünschte literarische Erscheinung t Luthers 
grofser Katechismus. Als christliches Lehr-, Er- 
bauung* - und Communionbueh nach den Original- 



i 



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Ö22 Praktische Theologie. 

/ 

Ree. stimmt also in Absicht der Anordnung eines kateche- 
tischen Lehrbuches mehr, dein in der vorliegenden Schrift mit- 
getheilten Referat und Vorschlag, als der von dem Hrn. Verf. 
verlangten Einrichtung bei ; eigene vielfältige Behandlung 
und Berathung in diesem Gegenstände hat ihn hierin entschie- 
den. Indessen scheint unser Verf. nach seiner Aeufserung in 
aeinen Zusätzen S. 67. eben das zuzugestehen, wenn von 
einem Lehrbuch zur Wiederholung des bereits erhaltenen 
Unterrichts die Rede ist; es möchte also wohl ein Misver- 
ständnifs obwalten, das sich durch genanere Bestimmung des 
Lehrganges im Religionsunterricht vom frühesten an heben 
würde. Jene beiden Aufsätze sind sehr belehrend und die 
ganze Verhandlung höchst achtungswerth ; denn die Angele- 

fenbeit wird, wie es sich gebührt, als beilige Sache des 
Vossens und Gewissens berathen. Ein Katechismus ist 
nicht so leichthin zu machen. Freilich , wenn man nicht an 
die Bedrückung der Gewissen bei Lehrer und Volk denkt, 
oder unbemerkt seine Meinungen an die Stelle der kirchlichen 
Lehre einschieben will, oder auch gleichgültig den Inhalt an- 
sieht, so ist die Sache leichtfertig. Nur wo alles, auch Form 
und Anordnung von christlichen Theologen bedächtlich erwo- 

Sen wird, da steht die Sache in guten Händen. 
• • - m . i : P. • i .•• 

Der Verf. läfst ein Nachwort folgen, und ein Vorwort 

vorausgehen, beides als ,\Vorte zu «einer Ze,it, für den Offen« 
harungsglauben mit Geist und philosophischer Denkkraft ge- 
sprochen. Das Nachwort zeigt auf den Glauben an das gött- 
liche Wort in der heil. Schrift, deren Verständnis, die gram- 
matisch -j historische Interpretation vorausgesetzt, von dem 
Geiste Gottes selbst eröffnet wird, so dals die Wahre Penk- 
freiheit nur in jenem Glauben erwächst. Das Vorwort ist 
insbesondere gegen diejenigen gerichtet} die ein Chris ten- 
tbum ohne Christus wollen; gegen solche, die nur- von An- 
sichten ausgehen, die ihre Ueberzeugung zur Norm für Andre 
machen wollen, die den gemeinen Menschenverstand gern für 
den gesunden, das vernunftlose Denken für das der Wahrheit 

■ 

# 

# ausgaben auf's neue herausgegeben. Frankfurt 
a. M. Druck und Verlag von Heinr. Lndw. Brönrrer. 
1827. Auch sipd einige erklärende Anmerkungen beigef3|f. 
Der schSne Druck, wie man ihn von jener Officio gewohnt ist f 
empfiehlt auch das Aeufsere« 



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Schott Briefe über Religior 



223 



ausgeben wollen. £• wird dieses zum mindesten als Seichtig- 
keit bemerkt, und gezeigt, wie der Protestantismus die 
christliche Freiheit sey , und zwar dadurch, dafs er „das 
Medium zwischen der menschlichen Individualität und der 
wahrhaftigen oder christlichen Freiheit , die Selbsttätigkeit 
im Denken und Wollen aufstelle, und auf solche Art Ueber- 
einstimmung der Genüssen unserer Kirche mit der durch das 
Wort und den Geist des Wortes offenbar gewordenen Wahr- 
heit« suche, während die sogenannte ö subjective Ueher Zeu- 
gung begriffgemäfs nur als Ueberredung und Selbstbelügung 
bezeichnet werden kann, und also nur bei der RegriiFJosigkeit 
den Namen der Ueberzeugung usurpirt«. Unsere Kirche for- ■ 
der t also von ihren Dienern, „dafs ihre Subjectivität selbst« 
tbStig dem Objectiven sich hingehe, oder dafs sie durch die 
Wahrheit und durch die lebendige Erkenntnifs derselben in 
das Heiligthum der christlichen Freiheit eindringen. — Der 
Unfreie aber, der sich als Freier geberden will, will nicht die 
Freiheit, sondern seine Willkühr, er will seine Finsternrfs 
all wäre sie Licht, und seine Geistlosigkeit als wäre sie 
Geist, in die Gemeine einschwärzen, oder der Gemeine seine 
Gemeinheit aufdringen, und ist daher der eigentliche Despot, 
der Lögen redet, wenn er die Freiheit im Munde fuhrt". 
Diese starken Reden könnten dem Vf. wohl Kämpfe zuziehen 9 
da der Zeitgeist, „die noch dominirende Vorstellungsweise« 
(nach S. 9.) so was nicht erträgt, und dafür lieber seinen Gang 
n ium Versinken in der absoluten Leerheit« als Fortschritt« 
anpreisen mag. Aber der Kampf gegen die schlechte Denkart 
iit und bleibt immer der würdige Kampf des Theologen; und 
die Aufforderung unserer Zeitgenossen, besonders der „theo« 
logisch -literärischen, dafs sie doch erst die Stufe der Erkennt- 
niis, die die Reformatoren wirklich erreicht haben, zu er* 
reichen suchen mögen « , ist eine Stimme, auf welche diejenigen 
mit Beifall achten werden, welche das Heil der evangelisch- 
protestantischen Kirche wollen und verstehen. 



w a r z. 



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224 Schott Briefe über Religion. 

Briefe über Religion und christlichen Offenbarung* glauben , Worte des 
Friedens an streitende Partheien von Dr. Heinrich August 
Schott, Professor der Theologie (jetzt Geheimen Kirchenrath) 
*uJena. Jena, in der Crökerschen Buchhandl. 1826. 2 Tblr. 

Ein Sühneversucb , unternommen von einem redlichen 
Forscher der Wahrheit in der Absicht, dieser ihre Wirkung 
zu sichern durch Einigung der Gemütber in den Grundan. 
sichten, unterstützt durch gründliche Kenntnifs der Verhält- 
pisse, der Quellen der offenbarten Erkenntnifs , einer gesun- 
den, überall anwendbaren Hermeneutik und durch unpar- 
teiische Würdigung divergirender Ansichten. 

Und in der That, soll in unserer Zeit der Sprachenver- 
wirrung eine Ausgleichung zu Stande kommen ; so kann die- 
ses nicht anders geschehen , als entweder auf historischem 
Wege, indem dargethan wird, welchen Einflufs die Ereig- 
nisse der Zeit und die dadurch herbeigeführten Bedürfnisse 
a,uf die Gestaltung der Begriffe von religiösen Dingen übten, 
oder auf rationalem, indem der Stand der Partheien, ihre 
Anforderungen und Bestrebungen aus einem möglichst hohen 
Gesichtspunkt mit Ruhe*. Würde und Unbefangenheit beur- 
theilt und durch offenes Darlegen einer selbstständigen Ansicht 
ein Weg versucht wird, auf welchen) die einander gegenüber 
stehenden Partheien sich begegnen und zu Nutz und Frommen 
der guten Sache, zur Beschämung aber der Gegner,, denen 
der Systems Wechsel so ärgerlich ist, sieb vereinigen möchten. 

Eine solche Vereinigung ist möglich und zu bewirken, 
so lange sich noch die Streitenden, wenn auch auf verschie- 
denen, doch insgesamt auf wissenschaftlichen Wegen be- 
finden; so lange man noch Gründe und Gegengründe zu hören 
und zu erwägen geneigt ist, und innerer, nicht äufserer Mit- 
tel sich bedient, seine Ansicht geltend zu machen; so lange 
die Partheien sich bescheiden, nicht ihre eigene Ansicht, son- 
dern die Wahrheit als Siegerin aus diesem ehrlichen Kampfe 
hervorgeben sehen zu wollen. Zu diesem Behufe aber ist Ver- 
ständigung vor Allem nöthig und Aufsuchung des Mittelpunk- 
tes, der von den Extremen gleich weit entfernt ist. Denn wo 
die letzteren liegen , ist längst kein Gebeimnifs mehr, da unter 
unsern Augen die Betheiligten ihre verschiedenen Richtungen 
genommen. 

». 

(Der Beschlufs folgt.) 



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N. 15. - 1827. 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



SchotrtBriefe über Religion und christlichen Offen- 

barungsglaubeni 

i 

{Besch lufs.) 

Erwägt man mir, welche Stadien die Theologie in dem 
letzten Halbjahrhundert durchlaufen, von dem Candidaten, 
der im Postwagen durch die leicht hingeworfene Aeufserung: 
er räume mit der Philosophie in der Theologie auf , dem inni- 
ger) und klaren Geliert einen frommen Schauder erregte, bis 
zu den jungen Glaubensrittern unsrerTage, welche eben diese 
Philosophie aJs den Drachen zu Babel bekämpfen; von dem 
jungen Dichter Werner, der im Jahre 1806 auf die Frage 
Merkels, dem er seine Weihe der Kraft brachte: ob er die 
mystischen Dinge darin für wahr halte? antwortete: er glau- 
be, sie würden eine vorteilhafte Wirkung tbun — - bis zu 
dem jungen Theologen in Berlin, der 1816 demselben ein Paar 
Weihnachtslieder für Kinder brachte, worin der Satanas als 
gar mächtig geschildert wurde, und der auf die nämliche Frage 
mit andächtiger Erhebung ein : Jawohl] antwortete: so thut 
man doch wohl, endlich nach einem Resultate, einem Aus- 
gangspunkte dieser Meinungskampfe zu fragen. Dieses kommt 
aber Niemanden besser zu , als dem , der diese Phasen mit An- 
tbeil beobachtet, unter denselben eine Ueberzeugung gewon- 
nen öder sich erhalten bat, so da Ts er nicht jeder neuen An- 
sicht unbedingt zu huldigen braucht, sondern vielmehr, was 
Ohjectives und Subjectives in jeder derselben ist, zu sondern 
und zu sichten im Stande ist. 

Männer dieser Art, die durch ihre Erfahrung, ihre Ver- 
dienste, ihr gediegenes Wissen im Voraus Ansprüche auf Ach- 
tung sich erworben haben, Kenner des Menschen und der 
Wissenschaft sind nicht nur berechtigt, sondern auch beru- 
fen, als Schieds- und Friedensrichter in die Mitte erhitzter 
fartheien zu treten, deren jede mit mehr Wärme des Gefühls, 
als ruhigem Nachdenken ihre Meinung durchführt ; und das 

XX. Jahrg. 2. Heft. 15 



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226 Schott Briefe über Religion. 

Verdienst dieser Männer ist alsdann ein gedoppeltes , einmal: 
Repräsentanten zu seyn der bei weitem zahlreicheren gemäs- 
sigten Part hei, die in diesen Meinungskriegen kein Vergnü- 
gen und kein Heil findet, sodann auch der Wissenschaft und 
Gesellschaft, denen zwar eine lebenvolle Bewegung in ihrem 
Gebiete höchst erspriefslich ist, nicht aber eine Ausartung 
derselben zum Sturm, der das Gute mit dem Schlimmen ver- 
nichtet. 

Dieses Ehrenamt eines Vermittlers nun hat der ehrwür- 
dige Hr, Verf. übernommen; neben dieser Haupflache aber 
geht sein Bemühen dahin, die Grundwahrheiten des Christen 
thums den Zweiflern und Kaltsinnigen, besonders in gebilde- 
ten Ständen, näher zu bringen, 4ie Forderungen dieser Reli- 
gion eindringlicher , ihre Würde anschaulicher darzustellen, 
und indem er ihre erhebenden und tröstenden Seiten in volles 
Licht stellt , einen in Ueberzeugung , That und Liebe leben- 
digen Glauben zu erwecken. 

Mit der kritischen und daher negativen Tendenz ist so- 
nach :die positive Erörterung der wichtigsten Glaubenslehren 
innig verwebt : und in der That kann es nur auf diesem We- 
ge, dadurch, dafs diese beiden Seiten sich unterstützen , zu 
einem wirklichen Resultate kommen, Auf praktisches Chri- 
stenthum dringen, die belebenden Wirkungen der Religion 
von ihrer Uebung abhängig erklären, ist und bleibt stets die 
Hauptsache ; nicht unfruchtbare Speculationen , sondern eine 
auf tiefem Erkenntnifsgrunde ruhende edle Popularität ist das* 
Mittel und der Weg , auf welchem dem armen Menschenge- 
schlechte ihre Früchte zukommen und ihre Segnungen zu ge- 
niefsen gegeben werden. Ev. Job. 7, 17. Hierdurch allein , 
durch Gründlichkeit und lebenskräftige Wärme, ist uns eine 
Achtung gebietende Stellung gesichert denen gegenüber, die 
dem Protestantismus den Vorwurf machen, er sey entweder* 
willkührlich in seinen Dogmen und durch keine erhaltenden 
Gesetze beschränkt, oder verschwimme in unklaren Gefühlen 
eines in That und Liebe unfruchtbaren Mysticismus f welcher 
nichts anderes sey als unvollkommener subjectiver Katholi- 
cismus; dadurch allein, nämlich durch eine teleologische 
Richtung, schlichten sich jene gelehrten Zwistigkeiten , die, 
selbst wenn sie nicht entzweiend und erkältend auf die Ge- 
mttther wirkten, doch offenbar unfruchtbar und nutzlos sind, 
sobald sich die Individualität in ihnen geltend zu machen 
anfängt. 

Um jedoch in dieser Sache den wahren Indifferenzpunkt 
zu finden, sollten immer einige Vorfragen beantwortet werden, 



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Schott Briefe Über Religion. 227 

nämlich: Welches sind die bezeichnenden Merkmale der theö- 
jogiscben Ansichten , wo sie am weitesten von einander ah« 
Heben? Welche Grundbehauptung 'hält sie besonders au« 
einander? Was kommt der Anerkennung Würdiges und Ver- 
dienstliches einer jeden zu, welches den Uebergangspunkt zu 
einer Vereinigung oder wenigstens zu einer Milderung der 
ichärfsten und äuTsersten Gegensätze bilden könnte, nach der 
apostolischen Ermahnung Phil. 4, 8: Was wohl lautet, ist 
ttwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denkt nach. 

Der Hr. Verf. hat diesen Weg freilich erst gegen den 
Schlufs seines Werkes eingeschlagen, theils weil er allgemeine 
Sätze besonders in Beziehung auf Dr. Schleiermachers Darstel- 
lung behandelt, theils weil er eine polemische Richtung zu 
vermeiden strebt; allein er g.iebt in den zwölf vorderen Brie- 
fen so viele gemässigte und doch gediegene Ansichten, eine so 
schdne und umfassende »Darstellung der Natur und des We- 
lens des Christenthums, dafs Seine Absicht, auf indirectem 
Wege das versöhnende Princip aufzustellen, nfchi zu ver- 
kennen ist. 

Indeis, so sehr zu wünschen ist, dafs diese erzielte Aus- 
gleichung zuStandekoromen möge; so ist doch zu bezwei- 
feln, ob vorliegende Briefe dieses bewerkstelligen, vielmehr 
aber zu fürchten, dafs auch unser Hr. Verf. das Schicksal der 
Mittler tbeilen und keiner der divergirenden Partheien Genüge 
leisten werde. Denn abgesehen davon, dafs er Systeme, die 
sich in Extremen gefallen , in ihrer diametralischen Entgegen- 
setzung mit Schärfe hinzustellen und zu zeigen vermeidet, 
wohin dieses Auseinandergehen führe, und welche traurige 
Verirrungen und Verwirrungen in Wissenschaft, Kunst tuid 
Lehen es herbeizuführen vermöge, in welches Labyrinth von 
Widersprüchen es führe, und wie nachtheilig es dem Chri- 
stenthum als einer geistigen Heilsanstalt zu werden drohe; 
abgesehen von diesem Umgangnehmen, berührt diese Schrift 
manches, was keiner Seite gefallen dürfte. So werden Aeus- 
serungen , wie S. 359: „Ich glaube Ihnen durch den Inhalt 
meines (des eilften) Briefs klar gemacht zu haben , warum ich 
bei der Begründung dieses Glaubens von der innern Beschaffen« 
heit der Lehre Jesu ausgebe, aber auch gewisse historische 
Thatsachen hinzunehme, deren Verbindung mit jener Prü- 
fung des Geistes der Lehre Jesu das Resultat vollendet", und! 
wenn die Vorzüge Christi gesetzt werden in „eine durch Gott 
m ihm bewirkte Freiheit von allen Beschränkungen mangel- 
hafter Ansichten des Zeitalters, die ihn fähig machte, durch« 
gängig göttliche , objectiv gültige Wahrheit (wenn auch tutti 

15* 



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228 , Schott Briefe über Religion. 

: 

Tbeil in menschlichen und zeitgemäfsen Formen , doch ohne 
Vermischung seiner eigenen richtigen Erkenntnifs mit einzel- 
nen unrichtigen von ihm selbst für objectiv wahr gehaltenen (?) 
Vorstellungen) zu verkündigen« S. 465. 463- vergl, 438 , und 
Christi Wesen in;\,eine besondere, natürliche Originalität des 
Geistes und etwas Eigentümliches , das Gott in Beziehung 
auf ihn veranstaltet habe, um jene ausgezeichneten Kräfte in 
ungewöhnlichen Fortschritten zu einer ganz eigentümlichen 
Stufe von Bildung empor zu heben (ob mit mittelbarer oder 
unmittelbarer Einwirkung? gilt gleich)«, dem, Supernatura- 
listen als zu schwankend und ausbeugend erscheinen; wäh- 
rend seine Ansicht über Weissagungen, unmittelbare Bezie- 
hungen der Propheten auf Christi Person (Micha auf Bethle- 
hem), Behauptungen, wie S, 436: „dafs aus der Natur des 
menschlichen Geistes (sind ihre Tiefen schon erforscht?) und 
seiner erfahrungsmäfsigen Wirksamkeit die Erwartung nicht 
als eine gegründete und rechtmäfsige (?) nachgewiesen werden 
könne, dafs an die Stelle alles Positiven eine solche, die hei- 
ligsten Bedürfnisse aller Menschen befriedigende Vernunft« 
religion treten werde,, die jeder Mensch mit gesundem Er* 
kenntnifsvermögen und unter den gewöhnlichen Bedingungen 
seiner Entwicklung (ohne erst durch einen Offenbarungsgtau- 
hen angeregt, geweckt und geleitet zu werden) aus sich seihst 
mit entschiedener Klarheit und Festigkeit hervorbringe«, dein 
Rationalisten nicht zusagen werden, indem er die besonderen 
Veranstaltungen Gottes S. 497. bei der Stiftung des Christen- 
thums nach Gesetzen der moralischen Weltordnung auch in 
andern und allen Fällen wiederfindet, wo sich „ein Zusam- 
mentreffen von Thatsachen für einen sittlich guten , das Wohl 
der Menschen umfassenden Zweck darstellt« S. 372. 

Ueberhaupt ist der eilfte Brief derjenige, dessen Zweck 
und Tendenz nicht alsbald in die Augen springt, indem erst 
später sich zeigt, dafs er eine Christodicee und Apologie des 
historisch geoffenbarten Glaubens seyn soll, worin jedoch der 
Verfasser, so innig warm und bewegt er sich manchmal darin 
ausspricht, übersehen zu haben scheint, dafs er manche An- 
sichten bekämpft, welche anzuführen nicht gerathen war, wie 
z. B. der Fall ist bei der Verteidigung Christi gegen den Vor- 
warf „einer schwärmerischen Seelenstimmung , in welcher sich 
Jesus fälschlich beredet habe, er stehe mit Gott in einer eigen- 
tbümlichen geistigen Verbindung, und sey von Gott zum Er- 
löser der Welt bestimmt«. Ist hier vielleicht das „fälschlich 
sich bereden 9 der „eigenen innigen Ueberzeugung« S. 351. 
entgegengesetzt? Nun dann sieht Ref. nicht ein, wie man 

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Schott Briefe über Religion. 229 

die letztere religiösen Schwärmern absprechen kann. That- 
sachen des Gefühls lassen sich ein für allemal nicht erklären 
noch analysiren. Das Gefühl ist unmittelbar, und eben darum 
so stark und wahr, so felsenfest und innig beglückend , eines 
Beweises eben so wenig fähig als bedürftig. Wer richtet 
über das Wahre und Falsche seines Inhalts? Dafs eine unge- 
trübte Erkenntnils von Gott und göttlichen Dingen daraus 
hervorgehe, welche das Rath sei unsres Daseyns uns befriedi- 
gend löst und veredelnd unser Wesen durchdringt, ist die 
Hauptsache. Dafs dieses aus tieferem Borne geschöpft sey, 
gesteht jeder su ; ob dieser aber abgeleitet oder ursprünglich 
sey, das läfst sich in der physischen Welt so wenig als in der 
geistigen sohin entscheiden; denn was wir Quelle nennen, ist 
nichts, als der Ort, wo die reine Fluth dem Menschenauge 
zuerst sichtbar wird , des Lichtes Kind und Auge, wie der 
Morgenländer schön sie nennt. 

Darauf beruht auch der ganze Unterschied zwischen Ra- 
tionalisten und Supernaturalisten. Gewissermafsen hat ihn 
Gott selbst bei der Vertheilung der geistigen Kräfte und Ga- 
ben gemacht. 

Verschiedenheit der Meinung ruht auf Verschiedenheit 
des Erkenntnifsgrundes. Diese Verschiedenheit ist eine noth- 
wendige Folge der verschiedenen Erkenntnilsweise , des Gan« 
ges, den das in sich einige, aber in seinen Operationen ge- 
trennte menschliche Erkenntnifsvermögen nimmt, um in den 
Besitz einer objectiven Wahrheit, zu einer Ueberzeugung zu 
gelangen.« Hier aber üufsern die natürlichen Anlagen, die 
vorherrschende Richtung eines geistigen Vermögens, welches 
befördert und begünstigt wurde bald durch die ersten Ein- 
drücke der Jugend und .Lebensweise , bald durch Erziehung, 
bald durch Zeit- und Ortsverbältnisse , oder die im Gefühle 
selbstständiger Kraft sich Bahn brachen und eigentbümlich 
sich entfalteten, einen mächtigen Einfluß auf Einen wie auf 
den Andern. 

Bei Allen jedoch ruht der Glaube an religiöse Wahrheit 
auf Thatsachen des Bewufstseyns. Wenn nun in dem Einen 
ein Bestreben sich äußert, übersinnliche Dinge »ich auf er- 
fahrungsmäfsigem Wege aus den nämlichen Gesetzen der Cau- 
salitflt zu erklären, aus welchen er die Erscheinungen seiner 
innern Natur und der objectiven Reihe der Dinge von einem 
gemeinsamen Grund« abhängig macht; so sucht er, durch Ein- 
ordnen des Einzelnen und Mann ichfaltigen in eiVie stetige Rei- 
he, Zusammenhang in seine Vorstellungen zu bringen, durch 
den Zusammenhang aber gelängt er zur Einheit, indem er auf 



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230 Schott Briefe über Religion. 

dem Wege der Abstraction und Generalisation den Begriff an 
die Spitze setzt, und in. ihm das System seiner Vorstellungen 
für geschlossen erklärt« 

VVas über diesen geschlossenen Kreis seiner Erkenntnifs 
hinaus liegen mag, dessen Realität bleibt ihm problematisch, 
so lange er es nicht mit seinem Verstände nach den Gesetzen 
des Denkens analysiren und) durch die universalisirende Ver- 
nunft einem höhern Grunde unterordnen kann: und darum er- 
scheint ihm alle Erkenntnifs vermittelt durch den Verstand, 
mitbin mittelbar und durch strengen Causalzusammenhang 
bedingt, in den Schranken logischer Gesetzmäfsigkeit , also 
beschränkt auf Thatsap^en und Begriffe oder Verbältnisse 
you Thatsachen und ^griffen. 

Wie aber di-r"Gesetze des Denkens, Urtheiiens und 
Schltefsens auf Thatsachen des Bewufstseyns beruhen, eben 
so ist es unwidersprechliche Thatsache des Bewufstseyns, 
dafs die übersinnliche Welt nicht blos durch die Vernunft er- 
schlossen wiid, sondern dafs sie sich unmittelbar dem Be- 
wufstseyn ankündigt, und zwar mit einer eben so unbezwing- 
lichen Notwendigkeit, als die da im Anreihen der Begriffe 
und ihrer Verhältnisse die logische Gesetzmäfsigkeit bedingt, 
also mit eben der Realität, die den Operationen des Verstan- 
des zugeschrieben werden mufs. 

Oder wie wäre Kunst, wie wäre Liebe zur Wahrheit 
und Tugend, Bewunderung und Ehrfurcht, wie Heroismus 
und Fähigkeit, alles Irdische der Idee zum Opfer zu bringen, 
zu erklären ohne einen solchen unmittelbar empfundenen Zu- 
sammenhang -mit dem Unendlichen? Von einem göttlichen 
Hauche berührt, fühit der Mensch sich erhoben und eine gei- 
stige Kraft in sich, die er für keine andere als eine ursprüng- 
liche erklären kann, weil sie au« dem vorhandenen Causal- 
nexus sich nicht deriviren läfst, sondern^ d e in Verstände, 
nicht von dem Verstände erschlossen wird, sohin Bürge und 
Wahrzeichen einer der Gottheit verwandten und zugewandten 
Syite in der menschlichen Natur ist 

Diese unmittelbare Erkenntnifs benennen wir richtig Of- 
fen barung. Jede Offenbarung aber ist eine Erhebung des 
Geistes zu der Idee der Gottheit, und ein Einwirken dersel- 
ben auf das menschliche Gemüth« Folglich tritt anch hier 
etwas Vermittelndes, ein geistiges Organ ein — es ist aber 
nicht der trennende Verstand , sondern die in Einheit lebende 
Vernunft, und zwar nicht die schliefsende , sondern die an- 
schauende. In jedem Falle aber ist die Vernunft der Träger 
der Erkenntnifs , sey es der mittelbaren oder unmittelbaren, 

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Schott Briefe über Religion. 23i 



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welchesich vo^ einander nur darin unterscheiden , dafs wir 
bei jener das Wie? die Genesis nachweisen können, nicht so 
aber bei dieser. 

Also sind es auch hier mancherlei Gaben und Wege, aber 
nur Ein Geist, der in ihnen sich äufsert, und in diesem Sinne 
nimmt der Verf. die Vernunft als Vermögen der Ideen an , dem 
die Religion — aber nicht ihm allein — angehöre S. 397. 
Vielmehr ist sie als Organ, und die Selbsttätigkeit der mensch- 
lichen Seele als die Offenbarung vermittelnd anzusehen S. 398; 
womit auch Hr. Dr. Pa u 1 u s in seiner Jahresschrift : derDenk- 
glaubige, welche öfters mit gebührendem Lobe angeführt ist, 
übereinstimmt. 

In t der That Jäugnen die gemässigten Supernaturalisten 
die mitwirkende Tbütigkeit des vernünftigen oder Selbstbe* 
wufstseyns keineswegs, nur sprechen sie ihm die ausschlie/s- 
licbe Auctorität mit Gesetzeskraft ab. „Die OiFenbarung, 
sagt Lehmas, des absolut vollkommenen Wesens wäre keine 
Offenbarung, wenn sie nicht vernommen würde, und darum 
ist das Bewufstseyn des-an sich Seyenden das recht eigentlich 
vernünftige Bewufstseyu — das wahre und sittliche Bewufst- 
leyn « (Grundlinien zu Vorlesungen über die Religionslehre. 
Berlin 1"821.), und selbst Franz Baader sagt in seinem 
Sendschreiben an Gör res vom Seegen und Fluch derCreatur, 
welches des Dunklen, ja Grundlosen so viel enthält, S. 25: »die 
christliche Lehre von der Bestimmung des Menschen in Bezug 
auf die gesammte Schöpfung, welche der heilige Paulus ein 
durch das Christenthum offenkundig gewordenes, bis dahin 
aller Welt verborgenes Geheimnifs nennt, ist nun allerdings 
vernü n f t i g, d. h. der einzelne Mensch sieht mit seiner Ver« 
nunft dieselbe als solche ein , wenn schon er so wenig als ir- 
gend ein anderer Mensch von sich selber zu dieser Einsicht 
hätte gelangen können. Weswegen man Lessing allerdings 
Recht geben kann, wenn er behauptet: das sey keine Offen- 
barung, Welche den Menschen nichts offenbart, oder kein 
Liebt, (keine) Einsicht oder Wissenschaft ihm ertheilt, weil 
der Charakter des Geoffenbarten nicht im Haben und Besitz 
Oer Einsicht , sondern im Ursprung oder der Weise des Er- 
werbs derselben liegt; ob es übrigens schon eben so gewifs 
Ht, dafs die meisten nns gegebenen Offenbarungen nicht so- 
fort auch völlig enthüllt uns gegeben werden, und dafs die 
Arbeit des Menschen und der Zeit die gänzliche Enthüllung 
derselben erst bewirken mufs.« 

Was bezeichnet also das Wesen des Supernaturalismus ? 
Der Supernaturalist , welcher sich versteht, beantwortet die 



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232 Nopit$ch Literatur der Sprichwörter. 

■ 

Frage: bat Gott wirklich, gesorgt , dafs das Gebiet dessen, 
was für die Erkepntnifs göttlicher Dinge das Innere des Men- 
schen und die Natur darbietet, noch erweitert werden 
soll? mit Ja, und setzt die Vernunft dadurch unter eine hö- 
here Einwirkung, aber als einen Leiter höherer Kraft Ober 
Sufsere Erfahrung, und er setzt sie damit weder a b noch 
berah. 

Der Rationalist seinerseits dringt auf lehrprüfenden Ver- 
nunftgebrauch , dafs nicht einer, wie im Sophokles Jokaste, 
zum lyrischen Apollo bete: ich hin deswegen in deinen Tem- 
pelgekommen, weil er der nächste war. Er verwirft nur den 
Glauben, von dem der Dichter sagt: er greift vertrauend — 
in die Wolken. Und, wahrlich, wer aus den Stürmen des 
v Lebens und den Kämpfen der Meinungen einerseits den frohen, 
kindlichen, thätigen Glauben an die Nähe des Ewigen, an- 
drerseits ein redliches von Dünkel und kalter Dialektik be- 
freites Streben nach Einheit und Harmonie seiner gesammten 
Geistesthätigkeit gerettet hat, der wird ruhig die Andern ge- 
währen lassen; wie der Geist sie treibt. Für dieses friedliche 
Mit- und Nebeneinanderbestehen ohne Frivolität und kecke 
Aufklärerei, so wie ohne Gleisnerei und übertünchte Geistes- 
armuth und Enge des Herzens, die verketzernd subjective Ge- 
fühle andern als real aufdringen will, hat unser ehrwürdiger 
Hr. Verf., wie wir hoffen , mit Erfolg gewirkt. Ueber die- 
sem edlen Zwecke übersieht der Leser gern einige Uuvollkom- 
menheiten, wie den oft weit ausgesponnenen Vortrag und 
Wartaufwand, so wie die weniger befriedigenden Ansiebten 
über Accommodatioo, und in der Form den Briefstyl, der sich 
leicht durch interessante Uebergänge >hatte besser ersetzen 
lassen; und Ref. empfiehlt Jedem, dem es ein Ernst ist, mit 
seiner religiösen Ueberzeugung in's Klare zu kommen, beson- 
ders lauen Theologen und Nichttheologen, diese gehaltreiche 
Schrift aus voller Ueberzeugung. 



Literatur der Sprichwörter. Ein Handbuch filr Literarhisto- 
riker | Bibliographen und Bibliothekare. Verfasset von Christian 
Conrad NopitSch. Nürnberg, bei Lachner. 1822. VI und 
284 gr. 8. 3 fl. 

Sprichwörter greifen tief in das Leben der Völker ein 
und gehören wesentlich in die Sitten-, Rechts- und Geistes- 
geschichte derselben. .Da,her ist eine Sammlung derselben oder 

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Nopltsch Literatur der Sprichwörter. 233 

auch selbst nur ein Handbuch ihrer Literatur Jedem, der in 
der Geschichte auch noch etwas mehr sucht als Schlachten — i. 
einen Geist und der eine Volksthumsgeschichte erstrebt, 
von grofsem Werthe, nicht nur für „Literaturhistoriker, Bi- 
bliographen und Bibliothekare«, denn sie beurkunden am 
frischesten die Naturkenntnifs , Menschenkenntnis , Erfah- 
rung und sittliche Würde eines Volkes; und man ist dem dop« 
pelt dankbar, welcher das mühevolle Geschäft solcher Samm- 
tungen unternimmt, zumal wenn es noch, wie bei* unserem 
Verfasser, am 63sten Geburtstag (VI) geschieht. Der Ver- 
fasser des vorliegenden Handbuches , .Fortsetzer und Ergänzer 
von G. A. Will's Nürnbergischen Gelehrten - Lexicon , hat 
sich nicht allein auf die Literatur der Deutschen Sprich- 
wörter beschränkt, sondern giebt uns auch „nebenbei, wäs 
auf die Sprichwörter anderer Nationen Bezug hat« (S. VI). 
So finden wir denn hier neben den Deutschen (und Dänischen, 
Flämischen, Holländischen , Niederländischen , Holsteinischen, 
Hennebergischen, Isländischen, Niederdeutschen, Plattdeut- 
schen, Sassischen, Schwäbischen, Westphäliachen) Sprich- 
wörter-Literaturen auch die der Äthiopischen, Arabischen, 
Böhmischen, Chaldäischen , Chinesischen, Englischen, Esth- 
nischen, Französischen, Galischen, Griechischen^ Neugrie- 
chischen, Hebräischen , Italiänischen , Neapolitanischen , La- 
teinischen % Magyarischen , Fersischen, Fohlnischen, Portu- 
giesischen, Spanischen, Provenzalischen, Kussischen, Scla- 
vonischen, Tamulischen, Türkischen, Ungarischen Sprich- 
wörter. 

Dem Leser dieses wird bereits, besonders bei der obigen 
Angabe der Deutschen oder Germanischen Literatur 
der Sprichwörter, die sonderbare Trennung der Mundarten 
neben der Rubrik „Deutsche Sprichwörter« aufgefallen 
seyn. Aber so ist es in dem Buche selber. Hier nämlich tritt 
ein Grundfehler der Anordnung hervor, an den sich sogleich 
ein bedeutender zweiter anreihen wird. 

Die Ordnnng des Buches gehet nach dem Alphabet der 
Ueberschriften , da entstehen dann Ueberscbriften , wie die 
obigen und die ganz unpassend Verwandtes zerreissen, oder 
andrerseits wieder nicht genug sondern. Noch Andres ist 
ganz vergessen. So finden wir die Rubrik Dänisch S. 8« 9* 
und 254» aber kein Schwedisch und Norwegisch, da doch 
Isländisch (S. 275 ) da ist. So ist zerrissen Holländisch, Nie« 
derländisch, Flämisch — Französisch und Provenzalisch — 
Italisch und Neapolitanisch — Griechisch und Neugriechisch. 
— Und wann neben „Deutsch« Hennebergisch , Holstei- 



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234 Nopitseh Literatur der Sprichwörter, 

niscb, Schwäbisch gesondert dasteht , warum nicht auch her- 
ausgehoben die ähnlichen, die im .Laufe der Deutschen Ru- 
brik vorkommen , als Schjesisch S, 58. 59 , Bayrisch 90. 95, 
Nordgauiscb 59, Ulmiscb 71, Nürnbergisch 69 75. u. s. w. ? 
Ref. scheute sich nicht hier so bunt zu reiben , wie der Verf. 
bunt und ohne allen Grund gesondert hat Niederdeutsch S. 238, 
Plattdeutsch 240 und Sassisch 238. üeber letzteres Wort, 
das seit Wflke'j Anleitung der Halberstadter Schell er be- 
sonders wieder aufwärmt, siehe beiläufig J. Grimm 's Be- 
merkungen in den Göttinger Anzeigen 1825. St. 184. S. 1840. 
und F, Xj. Jahn's Bereicherung des Hochdeutschen Sprach- 
schatzes. Eine Nachlese zu Eberhard's Wörterbuch. 

Schweizerisch ist ganz vergessen. Und Isländisch und Ita- 
dänisch wurde „durch Z u f al 1" gar in die alphabetische Reihe " 
einzurücken übersehen, und sind daher dieselben, „weil sie 
nicht mehr schicklich eingeschaltet werden konnten, erst am 
Schlüsse das ganzen Werkes abgedruckt worden**, d, h. selbst 
* nach den Verbesserungen und Zusätzen. 

So wunderlich wie obige Abtheilungen sind ebenfalls die 
zusammenfassende n Ueberschrirten der einzelnen Oberab- 
schnitte d?s Buches. Warum steht: S. 1, da doch die ein- 
zelnen alphabetischen Ueberschriften wieder gesondert werden 
mufften , oben darüber „Liter at ur Aethiopischer, Arabi- 
scher, Böhmischer, Chaldäischer , Chinesischer und Däni- 
scher Sprichwörter«? Warum S. 9. dann die halbe Seite leer 
und S. 10. erst „Literatur der Deutschen Sprichwörter"? 
Warum D(änen) zu C(hinesen), wenn, wie es nach S. 96 und 
100. schiene, immer alle Ueberschriften Eirfes Buchstabens des 
ABC zusaminengefafst werden sollten unter gemeinsamer Ue- 
berschrift ? Dort (S. 96.) stehet so drollig beisammen Eng- 
lisch und Esthnisch , als oben Chinesisch und Dänisch , S. 100. 
Flämisch und Französisch u, s. w. Wollte man die Deutschen 
Sprichwörter gern ganz für sich getrennt halten, warum dann 
— die alte Frage — Hennebergisch u. s. w. herausgescbie« 
den, umso mehr, als dies gar keine so gar gr o fl e Literatur 
hat, sondern nur vier Zeilen (S, 170.)! Und wie verschie- 
den ist der Druck der Uebejschriften von Joh, Agricola's 
IS. i3.j Seb. Frank 's (S. 24.) Sammlungen! 

Kurz, die Anordnung ist eine höchst unglückliche zu 
nennen, da sie gänzlich aller Gliedbaulichkeit , auch der ein« 
fachsten Uebersichtlichkeit entbehrt. Und nach der Vorrede 
«u schließen, hat doch der Verf. über zwölf Jahre gesam- 
melt. Aber so zufällig, als anfangs die Rubriken seiner 
Collectaneen entstanden seyn mögen, bat er dieselben auch, 



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Nopitsch Literatur der Sprichwörter, 235 

mit aller Üngelenkigkeit und, ohne alle selbst blos alphabeti- 
sche Logik abdrucken lassen. Wie yiel besser in dem ähn- 
lichen "Werke von Dr. ?T. H, Julius (Bib)iotheca Germano- 
Glottica oder Versuch einer Literatur der Altertbümerj der 
Sprachen und Völkerschaften der Reiche, germanischen Ur- 
a prungs und germanischer Beimischung. Hamburg, bei Per- 
thes und Besser. 1817. gr. 8 ) die Anordnung, obschon auch 
hier noch Genqueres hätte gegeben werden können. Da wer- 
den gesondert I. Gothisch, lt. Nordisch (Isländisch , Schwe- 
disch, Dänisch-Norwegisch^, III. Teutsch (Schwäbisch u n d 
Oberteutsch, Sächsisch und Niederteutsch, Friesisch, Hol- 
ländisch, Teutsch im engeren Sinne), IV. Britannisch (Kym- 
risch oder Walisisch und Bretagnisch , Ersiach* oder Irisch« 
Gälisch oder Beigschottisch - Manisch , Angelsächsisch, Schot- 
tisch, Englisch), V. Französisch (Keltisch, Kymrisch oder 
Bretagnisch, Normannisch, Provenzalis.ch oder Sprache von 
Oc, F^nzÖsisch oder Sprache von Wil ^ Waskisch), VI. Py- 
renäisch (Waskisch , Limosinisch oder Sprache von Oc, Ka- 
»tilianisch oder Spanisch, Portugiesisch), VII. Italisch (Tos- 
kanisch oder Italiänisch , Mundarten), VIII. Romanisch. 

Und unter diesen Rubriken tritt alsdann passend bei Dr. 
Fulius die alphabetische Namenordnung der Verfasser und 
Titel ein. 

Aber statt in seinem Handbuch hier die alphabetische 
Folge eintreten zu lassen, bat* Nopitsch den todten, un- 
»eeligen Gedanken gehabt, blos nach den Jahren der Erschei- 
nung zu ordnen, wodurch die zusammengehörigsten Titel- 
angaben zerrissen werden, und da nicht nur beim Druck 
„manche auffallende Druckfehler stehen gebliehen sind * 
(S. VI.), sondern schon bei jener Jahrordnung viele falsche 
Zahlen vorhanden waren, die in den Verbesserungen und Zu- 
sätzen „daher oft von ihrer Stelle« getilgt und .umgewiesen 
werden müssen. Das macht dem Besitzer nicht nijr infthjiche 
Umschreiberei , sondern er mufs obenein sich no^h ein sach- 
liches Register entwerfen, ähnlich etwa einer solchen Anord- 
nung, wie sieSailer in seiner Sammlung von SprichwÖrterni, 
die Weisheit auf den Gassen« angewendet hat« Oder etwa 
nach folgenden nur schnell gemachten Rubriken bei den deut- 
schen Sprichwörtern : 4 

Geschichte der Sprichwörter S. 56. 72. 76. 83.90. 93. — 
Herkunft einzelner 57. 58. 62, historisch - Örtlicher 58. 59. 
70, von Ländern und Städten 67» studentische 52. 6l. 62» 
258 — 259. — Ihre Weisheit 64, Volks Weisheit 69, Volks- 



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235 Nopitsch Literatur der Sprich würt er. 

sttten 91) einzelne Sitten 55. 60. 66. 68- 72. 79. 82. 92. — 
Sittenlehre 69. 72. 73. 74. 75. 76. 77. 90. 94- 95. — für Lebr- 
jungen 85. 90. — Volksschulen, Bauernstand 67. 74. 76. 80. 
83, §6. 88. — Erziehung 79. — Liebe, Ehe 80 — 81. 93. 

— politische 38. 39. 46. — - kaufmännische 54. — Predigten 
darüber 33. 73. 79. 84. 87. 88. 89. 39- 62. 63. 67. 72. 73. 
4L 8l. 82. 84. 38, von Thieren 47. — geistlich 36. 45. 47. 
48. 50. 51. 53, unchristlich 56. 52. 85, theologisch 56. — 
Recbtssprichwörter 46. 49i 50. 51. 53. 54. 55. 56. 57 — 58. 
59. 60. 61. 62. 63. 64— 65. 67. 68. 69. 70. 75. 78. 87 , vom* 
Nutzeh derselben 50, vom Beweis damit 63. u. s. w. — Büh- 
nenspiele darüber 42, 66. 67. 68. 70. 71- 72. 74. 75. 77- 78. 80. 
82. 83. 84. 85. 87. 8y. 92. 93. 94- 95- — Mundartliche (s. oben) , 

— Sprichwörter in Reimen 33. 36. 63 —64- 8l. — Vergleich 
mit griechischen und lateinischen 27. 50. 53. 54. 77. 78, 171. 

Grofssammlungen (Bebel's: 10 — 12. Agrikola's, S. 10. ff. 
Freidanks, Renner's*, S. Frank's: S. 24« , IVJeyer's :$3l. 32. 
35 44. 50, Schottels: 46, S. Brand*«: 68, Heckenauer** : 51.) 
u. s. w. — 

Nur zn sehr pafst daher nach dem Gesagten, so wie nach 
dem nun auch unter den einzelnen Rubriken Fehlenden das 
selhstgewäblte Motto des Verf. von' seinem Buche „Nullus 
liber tarn est elaboratus , quin reddi pötest absolutior« (Eras- 
mus); obschon er in Altdorf („wo er als Pfarrer in Alten- 
bann wohnen mufste«) „die dortigen öffentlichen Bibliotbe« 
ken, so wie die reichhaltigen Büchersammlungen der dasigen 
Professoren, besonders aber des im In- und Auslande berühm- 
ten Literators Herrn Dr. und Prof. Joh. Chr. Siebenkees, 
der seit 1810. eine Zierde der K. Baier, Universität zu Lands- 
hut ist« (S. III.) dessen eigene, zu diesem Behuf „angelegten 
Collectaneen gefälligst*« ihm mitgetheilt wurden (S. IV.) und 
dem daher das Werk auch gewidmet wurde, benutzte und er 
„mit grofser Aufmerksamkeit und Sorgfalt alles sammelte« 
(S.IV.). 

Ref. will diese Anzeige für die Besitzer des Buches mit 
einigen, freilich nur «ach dem zunächst zur Hand Liegenden, 
beizubringenden Nachträgen schliefsen. Manche allgemeine 
Sammlungen wären wohl noch zu nennen, auch in mancher 
besondern Inhaltsbeziehung; so Z. B. Alani ab insulis Pro- 
yerbici, doctrinale paraboluui, lateinisch, deutsch, französisch 
(siehe L. Hain's Refertorium, Stuttg, Cotta. 1Ö26. Theil I. 
S. 42 — 43.), oder Othlon is proverbia (siehe Pez Thesaur. 
anecd. III. 2. 485.), die unter andern auch in Cod. monac. 
Emmeram. E. CXI1I. membr. 11. seculi. 4- M. 23 — 49. 



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f 



Nopitsch Literatur der Sprichwörter.. 237 

enthalten sind« Ref. geht das Buch nach den Seiten durch, 
der bequemsten und noch besten Anordnung. 

S. 5. fehlt das Jahr 1694: »Lea paroles remarquables, )es bona 
mots et les maxiuies des orientaux, traductions de leur 
ouvrages en Arabe, Persan et en Türe, parMiger. A 
laJHaye. 1694. 8. seconde edition. Paris. 2) Murale des 
Orientaux. 

S, 6* ad 1795. al meidani — edid. L. G. Schröder. — Es 
sind 454 Sprichwörter. — Siehe auch Fundgruben des 
Orients. Bd. T. S. 400- und Bd. 3 und 4. 

S. 8. Zeile 5. ad l8l4. Arabische Sprichwörter im Classical 
Journal. X. 22. London l3l4- 8. p. 194 — 195. 

S. 9. ad 1515. Auch Petri Leg i i te Laglandici Parabole sen- 
tentiose et argumentose cum familiari explanatione tarn 
danica quam latina. Paris, 1515. Herausgegeben vom 
Domherrn zu Lünd, Christian Pedersen. 

S. 10. Im Allgemeinen: J. Frid. Maius De proverbiorum 
Germanicorum collectoribus. Leipzig 1756. 4- Breitkopf. 

S. H. ad 1508. P. Faustii Andrellini epist. proverb. 
Strafsburg. 

S. 12. ad 1515. Anton Tun nie ii in proverbia german. monaat. 
Cöln. 

S. 25. Seb. Frank's Sammlung ausB^glich besprochen von 
Zumpt in Wachler'a Philomathie. Frankf. a. M. 
Theil I. 181 8. 8. 

S. 49. ad 1686. heifst vollständig: Jo. Festingii (nicht Fei- 
sting) J, C. De Gennanorum proverbio: Wo nichts ist, 
da hat der Kayser sein Recht verloren. Hoc est de 
actione Inani, commentatio juridica. Jenae, ex offic. 
Ritteriana. 1745- 4. 48S. defensio a Joachimo Zinckia 
Wismariensi. Rostock, 1686* 

S. 50. ad 1696: Disputat. juridica vulgato dicto „ Unus testis 
null us testis " f Germ. Ein Zeuge, kein Zeuge; oppö- 
sita — Fraeside Dn, Joh. Amseln . . , subjicit Henrich 
Rademin. Hamburg , 1694« Regiomonti typis Revs- 
nerianis. 4« 

— 1698. Rationalitäten! canonis juris lubecensis, Hand 
muls Hand wahren, praeside Dn. Johanne Amseln — - 
subjicit Henr. Christianus Wulff, Lubecensis. Regio- 
monti, typis Reusnerianis. 1698. 4. 32 S. 
S. 51. ad 1700. Job. Nicol. Hertii JCti Observätiones 
iuris germanici in paroemiam : Da nichts ist, hat der 
Kayser sein Recht verlohren. 4. 8 S. 



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* 

23$ Nopitscli Literatur der Sprichworter. 

S* 52* 1704. „KauffhebtMiethe nicht auff<% sive cömmentatio 
etc. qua communis sententia et binc enata vulgaris paroe- 
mia Kauffgebt vorMiethe denuo et fusins relellitur auc- 
tore Herttiannö Zollio Icto. 1704. Rintheiii sumptibu» 
et typis Hermann! Augüstini Inak. Acad. typ. 4* 61 S. 

S. 62* ad 1705. Zeile 6 — 7. von unten. Die Veriüutbung , 
dafs unter 4 MEISner: Job. Erb. Michaelis Sax. 
zu verstehen sei , der S. 51. schon vorkam (J. E. Michae- 
lis apopbtegmata sacrö-profano . . .) wird nicht bestätigt 
durch folgende Anführung in Krause de pröverbiorujn 
fontibus 1725. §. 7. S. i3: „nesciö cui htenti sub nomine 
Ernesti Meisneri Centum triginti obscoena et inproba 
proverbia germanica" (das ist: „einhundert drei und 
dreifsig gotteslästerliche« gottlose, schändliche und schäd- 
liche, auch unanständige und theils falsche Teutsche 
Sprichwörter«)* 

S, 57« ad 1720. „Sprichwörter von Ländern und Städten.« 
Sie sind recht fleifsig und in guter Auswahl zu sammeln 
begonnen (zum Theil aus dem „Neueröffneten Antiqui- 
täten - Saal «*) io Dr. H. Dittmars „Eichen- und Buchen« 
zweigen* Eine Lesegabe für die Jugend.« Mannheim, 
bei Schwan und Götz. 1Ö26. S. 315— 334- Curiöse 
geographische und historische Älterthümer < so wie der- 
selbe Verfasser S. 348 — 374. und in seinen ähnlichen 
Ritten Lesebüchern* , als: der Knaben Lustwald , Tbeil I. 
Nürnberg, l82l. S. 845 — 353, Theil II. Nümb. 1822. 
S 405 413, d-r Mägdlein Lustgarten Theil I. Erlangen 
S. 391 - 399, Lehensspiegel, für die deutsche Jugend, 
Theil f. Berlin, 1823- S. 406 — 4ll. *• w., Lebens- 
frühling, Lustfeld, Frankfurt, 1827, Waizenkörner , 
Frankf. i827, Minnebüchlein, Berlin, 1324. eine gute 
Auswahl von Sprichwörtern der jugendlichen Anschauung 
wieder vorführt. 

5. 58. ad 1725: Bartels praeses, Kravse responden*: De 
Prov«irbiorum Fontibus. Wittenberg, Wittwe Gerdes. 
* 4. 16 S. Auf S. 14. werden besprochen die Sprichwör- 
ter: Auf ein Maul -Schelle gehört ein Dolch. — Bischoff 
oder Bader. — Wir wollten Bischoff werden , so sind 
wir Bader wprdeu. — Wer sich in Herren Diensten zu 
tod arbeitet , den bohlet der Teufel. — Es ist besser 
mitmachen, als ein Narr allein sein. — Wer sein Haus 
will halten keusch und rein, der lafs keine Studenten 
und Tauben hinein. Da wird auch angeführt: D. Joh. 

Schmidii Decad. proverbiorum falsi verbiorum. 

1 

1 



r 



Nopitsch Literatur der Sprichwörter. 239 



S|5Ö. ad 1726, Fichtner war praeses, Job. Dan. Geibel 
Wetzlariensis exponit. Altorfii literis magni Danielis 
Meyeri. 4. 152 S. 

S. 59. ad 1726. Georgii Heinrici GoetziiD, superint. Lube- 
censis diss. tbeoiog. penvulgatum illud „D. Lutbera 
Schuhe sind nicht allen Dorff* Priestern gerecht« expo- 
nens . . . Lubtcae et Lipsiae apud J. Pb. Haasium. 1726. 

4. 40 S. 

S. 59. ad 1730. vollständig: B. C. D. Juristen, gute Christen 
sive Schediasma historico literarium de pietate et scrip- 
tis Tbeologicis Juris - Consultorum etc. Job. Philipp. 
Sch m i d i u s Kostochii. 1730. 4* 200 S. 

S. 60. ad 1 7 4 1 - vollständig: Car. Gottl. Knorr professor 
uium paroemiae iuris Germ, Der Letzte thut die Thür 
zu, in Successione conjugum demonstrat. IJalae Mag« 
deb. litteria Joannis Christiani Hendelii 4* 12 S # 

S. 60. ad 1742* vollständig: Jo. Ge. Werneri Marburgetuis 
Hassi Diss. iqaugur. jurid. de Pactis Dotalibus, sub formula: 
Hut bey Schleyer und Schleyer bey Hut, confectis. Hai. 
1742. 4. Vitembergae, recusa A. 1742. 4« 47 S. 
61. ad 1742. Disput, iuris naturae de necessitate extreme* 
vitae conservandae , praesidio vulgo Noth bricht Eisen, 
oder von der Noth, als dem allerletztem Mittel das Leben 
zu erhalten. M. Christ. B ea t u s Faber Vitember£ensis. 
Saxo - Vitembergae prelo Ephraim Gottlob Eichsfeldii 
academicae typis. 1742. 4* 16 S. 

S. 63. ad 1750. Eisenhart, Erfurt. Zu haben bey Johann 
Heinrich Nonne. 20 S. 

S. 65« ad 1759- Eisen harts Grundsätze des Deutsch. Rechta 
in Sprichwörtern sind bekanntlich neuerdings wieder 
aufgelegt worden. Dritte Auflage von Otto. Leipzig, 
1823. 8. Dazu vergleiche M i 1 1 e r in a i e r ' s Teu(achel 
Privatrecht, S. 62. * 

S. 68. ad 1780. ^ £. Nosch. Kleine Beiträge z«ir näheren 
Kenntnifs der Deutschen Sprache. Berjiu hei Mylius, 
1780. Stück 2. S. 94—97. und St. 3. S. 1 13 — 115 ^120) 
niederdeutsche Sprichwörter, die also bei Nopitsch 

5. 238. so zu stehen kämen! \ 

S.79.adl797. S ch el 1 h o r n : Prof. der ünivers. zu Würz- 
burg — gesammelt, in Ordnung gebracht und mit den 
nÖthigsten Erklärungen begleitet. Nürnberg, bei Stein. 
160 S. Daran : Paroemiae et Sententiae insigni versibus 
latinis expressae a Andr. Schell ho r n. 

S. 82. vor 1800. Diss. iuridica de Conjugio maris pauperia et 



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240 Nopitscb Literatur der Sprichwörter. 

foeminae locupletis , exhibens veritatem proveiLü „Geld 

1 schadet der Liebe nicht quam sub praesidio Johannis 
Stein ii submittit Christian Cramer Schiffe nb. Borufs. 
Jenae, recusa litteris bornianis. 40. 38 S. 

S. 88. ad 1804. Wilh. Boll mann: Hoffnung läfst nicht zu 
Schanden werden 1 und: Wer Recht hat, behält den 
Sieg! Ein Wort des Trostes an meine Erben, gr. 4. 

S t 91* ad l8l4 • Einmal ist keinmal. Sinnige Deutung dieses 
Sprichwortes hat Claudius in seinen Werken (Ham- 
burg, bei Perthes). 

S. 95. ad 1821. J. S. M — r. Alphabetisch geordnetes Wör- 
terbuch über deutsche Idiotismen, Provincialismen , pro- 
verb. Spreebarten .... in entsprechendes Latein übertra- 
gen, gr. 8. Leiprig, bei Baumgartner (1 Rthlr.) — bis 
auf den Titel wörtlich — mit M. Gr, Thom. Serz: 
Teutsche Idiotismen, Provincialismen, Volksausdrücke, 
aprüchwörtlicbe und andere im täglichen Leben vorkom- 
mende Redensarten in entsprechendes Latein übergetragen. 
Nürnberg, 1797. gr. 8. N o p i t s c b , S. 78. 

S. 95. ad 1822. Ernst von Houwald: Fluch und Segen, 
Drama in 2 Akten. 2) Seinem Schicksal kann Niemand 
entgehen. Dramatisch Sprichwort. Stuttg. bei Maklot, 

— — 1822. D. L. A. X. Moralische Sprichwörter der 
Deutschen. Halberstadt, bei Vogler. 8. Vorrede über 
Agrikola. 

fJ- — 1824. T. Henize* Potpourri auserlesener Deut- 
scher Sprich wöiter, Aforismen, Gnomen. Hirschberg. 
3te Auflage. 

1825. Sprüchwötter in Bildern für die Jugend. 
Düsseldorf, bei Aren«. 1825. 42 kr. 

— — 1826. Neus Weisheitsregeln, aus den gel'äuch- 
licbsten Sprichwörtern der Deutschert, für die erwach- 
sene Jugend. 8. Augsburg, bei Kranzwider. 

— — 1826. 563 Sprüch Wörter, Einfälle und satyriscb« 
Bemerkungen berühmter Gelehrten und Künstler alter und 
neuer Zeit, Prag. 3. Von May r egg. 

*- — 1826. Acht und vierzig Bayerische Sprüchwörter 
bildlich dargestellt zur angenehmen Unterhaltung für 
Jung und Alt. München bei Fleischmann. 8. 

S. 98. ad 4768. J. Ray 's Compleat Collection of englisch 
proverbs. London. 1768. 8. 

S. 99. In Hungers Esthnischer Sprachlehre kommen an 
500 Sprichwörter vor. 

(t)er Beschlufs folgt.) 



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N. 16, • ■ 1827, 

Heidelberger 

* ■ • , • ' • ■ 

Jahrbücher der Literatur. 



~ ' i, , ,..-T, . 1 1 " ■■ 

* * V 

Nopitsch Literatur der Sprichwörter. 

(Beschlufs.) 

S. 1 1 3. Zu den Griechischen Sprichwörtern vergleiche Fa- 
hr icii BibliotheCa graeca V. S. 105. 

S. 115. ad 1505. Ze n ob i i Proverbia Graeca. mitAesopus. 
Veftet. bei Aldus. 

S. 122. ad 1546. Antonios (i 100) Sammlung von griechischen 
Sprichwörtern, mit andern, von L. Gesner. Zürich 
1546. fol. 

S, 170. ad t80$. Hennebergische Sprichwörter. — Rednisse 
auch in Reimwald's Hennebergischen Idiotikon Tb. lu.2. 

S. 236* ad 1825. Fhilippi Kleines Lateinisches Conversa- 
tions-Lexicon (mit Sprichwörtern u. s. w.). Dresden» 
Hilscher. 1825. 

S. 238. ad 1726. Siehe auch Tuymann'a Briefe an Peter 
o e r a n t. 

SI 243. Russische Sprichwörter. Eine Anaahl auch im Ber- 

■ liner Gesellschafter VOnGubitZ, 1825. 
S. 244* Schweizerische Sprichwörter. Melchior Kirch- 
hofer, Pfarrer zu Stein am Rhein: Wahrheit und Dich* 
'tung. Sammlung Schweizerischer Sprichwörter. Ein 
Buch für die Weisen und das Volk. l824. Zürich, bei 
Orell. VIII und 360 S. 12. (s. Morgenblatt 1825). 
S. 253. Westfälische Sprichwörter. S. auch Medem West* 
phänische Sagen. Hamm, 1825. und den Rheinisch- West* 
phänischen Anzeiger von Schulz. Hamm. 
S. 275. ItaliänischeöprichwÖrter. Ueber den Ursprung meh- 
rerer siehe das seltene Buch des P. Faoli Sugl. Idiotismi 
della lingua toscana. 

Zum Schlüsse fügen wir noch folgende Betrachtung 
hinzu. Für die Deutschen Sprichwörter sollten doch die fri- 
schesten und ältesten Quellen , unsre altdeutschen Gedichte, 
viel mehr durchsucht werden. Davon ist in Nopitsch gar 

XX. Jahrg. 3. Heft. 16 



242 Nopitsch Literatur der Sprichwörter. 

• * • 

keine Spur, weder durch ihn und noch durch andre schon vorhan- 
dene Arbeiten darüber. Ref. gie)>t hier eine solche Probe der 
reichen Ausbeute, die schon hinlänglich das Uralterthutn die« 
ser Ä Besprochenen Worte«* beurkundet, wie der Pf äff Kuon. 
rät (um 1180 etwa) die Sprichwörter;rie*ut, (Cod* palat. 112. 
Bl. 26 a.)> indem er von Genelun sagt: 

— irvolte daz altsprochene wort: • 

under sconem scaden luget : 

iz en ist allez golt , daz da glizzit. 
So heifst es in der gleichzeitigen Kaiserchronik (Cod. palat. 
361.) v. 4319 — 21 : 

Nuo hört ich sagen dicke (oft) , 

Daz man dem riebe 

Billiche solde entwiche, 
d. h. fitr des Reiches Wohl Alles thun oder lassen. Da heifst 
es ferner v. 3829; 

Guten uruont alden 

Sol man wol bebalden. 
oder Bl. 78 c; , 

vor untruowen nemac sich nieman bewarn *). 
In den Haniionskindern (Cod. palat. 240. B1.335a.) heifst es: 

bezwungeneide bedutet nicht, 

want bezwungen eide 

die sint gote leide. 
Im Tristan von Heinrich v. Friberg (Hagens Ausgabe Th. 2. 

S. 9.) v. 318: 

als daz sprich wort saget 

vremde scheidet herzen liep, 

so machet State manchen diep. 
und vers 3 192. (S. 48.): 

nu ergienk diz sprich wort, als ich las : 

wem got wol, dem nieman übel. • 
Im Herzog Ernst von Kaspar von der Rhön 23« 8 (Hagen's, 
Sammlung Altd. Gedichte Theil I.): 



*) Andere Spruche stehen v. 8030 — 3l : 
Swär mennisken hant mao gemachen , 
Daz mao mennisken hant ouh cebrechen, 
V. 3806 : ir ist die zunge oe laue. — 55 d, vberraut und mein- 
, tut Das ist der ttmele rat« AI dar mit gote ist Das uerkerent ire 
list. — v. 8543 — 45 : Alliz weinen ist airboten Von dem al« 
mächtigen Gote, Waa die Sunde eine «—> Wer wolte gote misse« 
truwen a, i. w. 



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Nopitich Literatur der Sprichwörter. 243 

- 

vnd es mufz hie ge waget sein, 

die wurst wol an den pachen. 
d. i. die Wurst nach der Speckseite werfen* — Im Wartburg« 
kriege — Maness. 17 i 

•wer uberladet sinen wagen 

der briebet liebt *), 
Ebendaselbst ->- Maness. 18: 

iwa muee loufent eine kazen ane f 

ob du durchbissen wirt f 

dd muos der rnuse sin gar vi). 
Ebendaselbst — Maness. 70: 

Swer grünt suoebet do nie grünt en wast, 

der kumt von wizen gar. 
Ebendaselbst — Maness. 87 : 

Got tet als er noch dicke tuot: 

Unrecht hochvart nimt er die lenge nicht vur guot. 
Ebendas. — Maness. 20 : . 

unkunde fürte muebent manigen der s i s uochen w i 1 **). 



*) Daselbst auch : vor zorne muz ich zabeln als ein kint, dem man 
daz ei versaget. Siehe dazu andere Stellen aus Freigedank , Wil- 
helm von Oranse u. s. w. in Grimm* s Kinder - und Hausmahr- 
eben Th. II. S. V. 

**) Die Zeile vorher neifst es . Ein froseb m suessem towe sprang in 
aine heifse glut. Solcher Fabelbeziebungen sind viele im Warth. 
Kriege. So M. 21 : Ich ban getan rechte als der vons toefel* rate 
slant den apfel und was doch nicht des muotes sinewel; M. 12 : 
Ein tumber sties des pfannen Stil ins venster an dem tor f du 
schote moht niht hinne mit , nu horeret wies geschach ; ebendas. : 
Ein kater duhte sih so zart, das er die sunnen frien wolte so si 
fruge ufgienc , und näm doch sit nach siner rebten art ein tier , 
das muse vieng (erklärt durch Kater Freier in den Altd. Wildern 
III. S. 1Ö5 — 202 4 der schon im Bidpai vorkommt nach Polier 
Mythologie des Bindoüx II. 577 — 580^ nud in det altd. Üe- 
bersetzung der alten Weisen cap. 5.) ; ebendas. 7 : Ein kr* tud 
einem edeln valken sprach : her guguk sint ir da ; ebenda«. Jen. 
25 : ein bi.pel ich uch allen sage : es lae ein ur in witem wall al uf 
'der Ii cid e tot, den wolte ein raben alein iu sinen krage , dez quam 
er sit in not u. s. w. — ■ Ich knüpfe ahnliehe hier au : Warth* 

, Kr. M. 25 (Zeune's Ausgabe S. 14 , 240 : 
— vor Megenz gat 
die wile wol des klaren Rines vil. 

16 * 



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244 Nopitsch Literatur der Sprichwörter. 

Ebendaselbst — Jen. 26 t 

sprechen ane meinen daz ist gar der sele einslac. < 
Die wort gent die den werken vor 
und leiten die den blinden , daz er sich irvellen mac, 
Ebendaselbst — Maness. 79: 

Got getruwen lip noh nie verliez 

ern machet ende guot. 
Ebendaselbst'—* Maness. 35: * 

Vf'diz selbe zimmer hört von erz ein tacb. , 
Ecko von Repgow sagt vor dem Sachsenspiegel : 

Ich zimbre 9 so man saget, bi wege : 

Des muz ich manig meister han. 
Im Wolfdieterich (Cod. pal. 373. Bl. 82.): 

hus ere muz vor gan. < 
In den Predigten des Bruder Berhtold (Ausgabe von Kling 
S. 215 ) : 

und davon singet man von den mertelern ; 

unser SÖle sint entbunden, als der spar 

von dem stricke der jagenden. 
Wer denkt dabei nicht an Luthers Lied: 

Strick ist entzwei 

Und wir sind frei l 
Der tugendhafte Schreiber sagt (MS. IT. 104.): 

Die alten sprueche sagent uns das: 

Swes brot man essen wil. 

Des liet sol man ouch singen gerne 

Und spiln mit Vlisse, swes er spil. s 
Der Spervogel (MS. II, 230.): 

Vil dike er selbe diinne lit, 

Der dem andern grebt die gruoben. 
Derselbe (ebendaselbst) : 

Man sol den in*nte) keren als das weter gat. 
Derselbe (ebendaselbst) : 

Es ist hi Ute min 9 morne din. 



Aehnlich im Mereulf :2,1t Er soll Vergebung seiner sunde 
findet^ erst wenn der Teufel sie erlangt. — Ferner! Bis der 
schwarte Schnee schneit. Historisch - örtlich ist z. ü . im Koker 
ni edd. Spruchbuch S. 10: 

Wor gokehnel un der Straten vart 9 

Dar is starke by hanTz van Jenen, 
d. i. Hans von Jena — am Rathhause. Wie bei Basel am Brük- 
kenthurm — - wie Hans in allen Gassen. 



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Nopitseh Literatur der Sprichwörter. 345 

f 

J. Misner (MS. II. 156.): 

Pas werden wel ze bage, 
, Das kriumbe aich bi zitt». 
Aehnlich der Winabeckio (MS. II. 854.) * 

Sun sie iebent alle ; es brenne fru<*, 

Daz z' einer nesaelen werden aol. 
Die Winabeckin (MS. II. 258.): 

Sie sagent : wib haben kurzen muot, 

Dabi doch alle langes har. v 
Dieselbe (MS. II. 253.) : 

An muote al ze geher man 

Vil tregen esel rifcen sol. 
Reim mar von Zwetar (MS. II. 127.): 

., Gedank« mues man ledic ungevangen lazen gan* 
Gedanken sind zollfrei. 

Fast ganz gebaut auf Sprichwörter sind dieSprucbgedicbte 
des Frigedank, des Renner u. s. w. Frigedank"s Gedicht ist 
um 1226 — 1230 zu setzen. Bei ihm erscheinen unter An- 
dern.: Sorgen machen graues bar — - Der hunger ist ein guter 
koch v. 1049. — Eigenlob stinkt v. 1070. — man kan nicht 
allen recht thun y. io80. — die Jugend mufs getobet haben 
v. 1155. — Unkraut verdirbt nicht v. 1173. — Alles ha* 
seine Zeit 1251. — Gedanken sind zollfrei 1257. Neue 
Besen kehren gut 1269. — Des Herren Auge sieht am schärf- 
sten 1444* — Wann die Maus satt ist, schmeckt das Mehl 
bitter 1601. — Ein Narr macht zehen 2287. — Stille Wasser, 
sind tief 1859. — Hochmuth kommt vor dem Fall. Eben so 
sprichwörtliche Redensarten: Das fünfte Rad am Wagen 
v. 1632, Wasser in den Brunnen tragen 1853, Der Wagen 
geht vor dem Werde, Die Katzen im Sack kaufen u. s. w. In 
Arnpeks Reimchronik von Liefland von 1296. heilst es S. 87 a : 

ein alt sprich wort han ich vernommen f 

das manchem zu der kur ist komme», v 

wenn ez dem manne missegat. 

das note ein schade eine stat * 

er enbrenge zween oder dri. 
Andre im Renner, wo unter andern altfränkisch imgutenSinne 
vorkommt (Aretin's Beiträge 7, 325.): 

Ouch sol man nu Eesunder danken 

Eins Sprichworts allen frumen Frankens 

man spricht gern wen man lobt hüte 

„Er si der alten frenki sehen lute«, 

Die waren einfältig, getriw vnd gewere : 

Wolt got daz ich also were. 



246 Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik, 

Doch genug zur Probe. Vergleiche noch Büscbing's Wöchent- 
liche Nachrichten 1816. 9<1.<1I. S. 104. 133. 169. 169.239. 395 
— 397. und III. 271 — 272. — Peber ehehafte Noth den 
Iwain (Cod.palat. 3Öi. fil.6|.). — Auch im Pateifa! v. 16090. 
u. 8. w. — Saxö Grammat. histor. Danorum ed. Klotz. IV. 
pag. 92. Ein altes angelsächsisches Sprichwort in Bonifaclus 
Briefen, von Perz im Frankfurter Archiv für Geschichte aus 
guter Handschrift hergestellt. . 



Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik für den praktischen- Unterricht in 
der Buchstabenrechnung und der Algebra oder Gleichheits" Lehre , 
den Funktionen und ihren Veränderungen oder Dißerenzial - und 
Integral - Rechnung und den höheren Gleichungen , bearbeitet von 
Georg Carl Otto, Premier - Lieutenant der Infanterie und 
Lehrer der Mathematik im Königl, Sächsischen adelichen Cadetten" 
Corps. Dresden, in der Pyogner' sehen Buchhandlung (Judenhof 
Nro. 590.) 1826. gr. 8. 278 Seiten. ± Thlr. 

* * » - 

Es ist kein unbedeutendes Geschäft , ein Lehrbuch der 
Mathematik , welches den Anforderungen , die an dasselbe ge- 
macht werden, genügend entsprechen soll, zu schreiben; um 
es dem Schüler mit Hoffnung auf guten Erfolg in die Hand 
geben zu können, und ihn dadurch in blas Gebiet einer so 
ausgedehnten Wissenschaft, als die Mathematik , einzuführen. 

Erschöpfende Kürze, die keinen Hauptsatz übergehet, 
keine wichtige Lehre vernachlässigt, kein Glied der Kette 
überspringt, richtige Darstellung und Klarheit in dem Vor- 
getragenen, das sind im Allgemeinen die Eigenschaften, die 
jede« Lehrbuch einer Wissenschaft zieren. Derjenige selbst 
aber, der es unternimmt ein Lehrbüch zu schreiben, der 
mufs das Gebiet der Wissenschaft genau kennen , damit er zu 
beurtbeilen im Stande sey, was bei dem Unterrichte beachtet 
werden müsse, was als nothwendig, was als unbedeutend zu 
betrachten sey j ferner mufs er die Fähigkeiten der Subjecte, 
für die er schreibt, im Allgemeinen nie aus den Augen ver- 
lieren. Nicht das Talent darf den Lehrer blenden und ihn 
vom, Pfade abführen, nicBt schwachen Geisteskräften darf er 
feine Aufmerksamkeit schenken, und so den Vortrag ins Ge- 
dehnte ziehen. Die Mittelstrafse ist auch hier das Beste. 

Diese allgemeine Anforderungen scheint der Vf. des vor- 
liegenden] Lehrbuches der allgemeinen Arithmetik, das be- 
stimmt ist bei dem Unterricht in diesem Theile der Mathe- 



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Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 247 

matik im königlich sächsirchen Cadetten - Corps zu Grunde 
gelegt su werden, wohl gekannt und berücksichtigt zu haben» 
und sein Zweck bei Ausarbeitung dieses Lehrbuches ia|, den« 
jenigen einen Leitfaden in die Hände zu geben , die sich die 
unentbehrlichsten Kenntnisse in diesem Tbeile der Mathema- 
tik erwerben wollen. Ein lobenswertber Eifer für die Wis- 
senschaft beseelt ihn, denn er will, dafs die Wissenschaft 
von dem Schüler gründlich erlernt, und dafs Kunstfertigkeit 
erworben werde, damit dadurch der Scharfsinn des Mathe- 
matikers unterstützt werde. Hierin stimmen wir vollkommen 
der Ansicht des Verf. bei; denn derjenige wird nie Freude 
und Geschmack an den abstracten Lehren der Mathematik be- 
kommen, dem diese Kunstfertigkeit abgehet, und der mit 
den Elementen noch zu käinpten hat, wenn er den Zusammen- 
hang des Calculs auffassen soll« Aber bierin können wir dem 
Verf. nicht beistimmen, dafs zur gründlichen Erlernung dieses 
Theils der Wissenschaft, den er bebandelt, nichts als Fleifs 
und ein wenig Mühe gehört. Denn gewifs behauptet in keiner 
Wissenschaft so sehr, als gerade in der Mathematik das Talent 
das Uebergewicht. Fleifs und Beharrlichkeit werden oft hier am 
wenigsten mit dem verdienten Erfolg gekrönt. Ja die Erfah- 
rung zeigt, dafs sich sogar das Talent umsonst an ihr versucht 
bat. Giebt es nicht Fälle in Menge, dafs Jünglinge, die iu 
andern Wissenschaften Talent gezeigt und erfreuliche Fort- 
schritte .gemacht haben, gerade in der Mathematik sich gar 
nicht finden konnten ? Diese Erscheinungen würden doch ge- 
wifs nicht vorhanden seyn, wenn die Sache mit Fleifs und 
ein wenig Mühe abgethan wäre. 

Das ganze Werk zerfällt nach der Vorrede in folgende 
drei Cursus. 

Erster Cursus I — X. Buchstabenrechnung ur^d die 

Gleichungen des ersten Ranges. 
Zweiter Cursus XI — XV. Allgemeine Proportion*, 
lehre, die Wurzelgröfsen, die Wurzeln quadratischer 
Gleichungen und die Logarithmen. 
Dritter Cursus XVI — XX. Die Lehre der Funk- 
tionen und ihrer Veränderungen, ihre Umwandlungen, 
die Reihen und höhere Gleichungen. 
Vieles hat der Verf. auf 267 Seiten (p. 258 — 278. enthalten 
den Anhang, worin nur die Resultate der im Werke gege- 
benen Beispiele mitgetbeilt sind) zusammengestellt, und es 
ist nicht zu verkennen, dafs bei dieser Kürze, welcher sich 
der Verf. in dem vorliegenden Werke beflissen hat, die Deut- 
lichkeit in der Darstellung nicht vernachlässigt ist, und dafs 



243 Otto Lefcrboch der *Ugemeioeu Arithmetik. 

• 4 

er besonders in dieser Hinsicht seinem Zwecke entsprochen 
hat. 

Nicht so glücklich ist der Verf. in der getroffenen Anord- 
nung #nd Zusammenstellung der einseinen Materien. Wir 
rinden hier gar keine leitende Idee, welche dem Verf. bei, der 
Ausführung dieses Geschäfts vorgeschwebt hätte, und ver- 
missen gänzlich das Ineinandergreifen einer systematischen 
Anreihung, die bei einem Werk vorliegender Art nothwendig 
gefordert werden niufs. Dieses Urtheil wird durch die ein- 
lache Zusammenstellung der Materien , in der von dem Verf. 
befolgten Ordnung, gerechtfertigt. Es sind folgende zwanzig 
Abschnitte. - 

I. Allgemeine Arithmetik. II. Summirung der 
Gröfsen. III. Subtrahirung der Gröfsen IV, Mul- 
^iplicirungder Gröfsen. V. Erhebung der Gröfsen 
$u Potenzen. VI. Dividirung der Gröfsen. VII. Ab- 
sonderung der gemeinschaftlichen Tb eil er aus 
Suramen und Differenzen. VIII. Reduction gebro- 
chener Gröfsen. IX. Grundsätze der Gleichheit. 

Aufgaben. XI. Gleichheit der Differenzen oder 
Differenz -Proportion. XII. Gleichheit der Quo- 
tienten, Zahlenverhaltnisse , Proportion der 
Vielheiten. XIII. Wurzelgröfsen. XIV. Wurzeln 
quadratischer Gleichungen. XV. Logarithmen. 

XVI. Funktionen und ihre Verändernngen. 

XVII. Umwandlung gegebener Funktionen 'in an- 
d>re gleicbar t ige Funktionen. XVIII. Logarith- 
mische Funktion. XIX. Reihen oder Progressionen. 
3JX. Höhere Gleichungen. 

Die Abschnitte I — VIII. mögen als derjenige Theil,. 
Weichet die Kunstfertigkeit des'Rechnens betrifft, beisammen 
stehen und den übrigen vorausgeschickt werden. Die Anord- 
nung der Abschnitte von VIII — XIV. können wir nicht bil- 
ligen , denn hier wird die Lehre von den Gleichungen, 
arithmetischen und geometrischen Proportionen, 
Wurzelgröfsen, Gleichungen vom zweiten Grad 
\vil!kühi lieh unter einander geworfen. Warum ist die Lehre 
von den Gleichungen nicht in einem Zusammenhange gege- 
ben? warum XL XII. und XIII. dazwischen geschohen : da 
doch XIII nichts mit der Lehre von den Gleichungen gemein 
hat, also auch ganz anderswo, wie sich weiter unten noch 
näher zeigen wird, seine Stelle erhalten mufs. XL und XII. 
setzen wohl die Grundsätze der Gleichheit voraus; aber des- 
wegen hatten sie doch nicht die L,ehre von den Gleichungen 




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Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 249 

• 

unterbrechen tollen. Untere Bemerkungen Über die Aut- 
führung und Anordnung der Materien im Einseinen werden 
wir am tchicklicben Orte beifügen. 

Im ertten Abschnitt legt Hr. Otto teine Erklärung von 
allgemeiner Arithmetik oder Gröfsenlebre, Algebra und Buch- 
stabenrechnung nieder. Den Begriff Grdfse definirt er so: 
Der Begriff der Grdfse ist der Begriff der Erzeugung der Vor- 
stellung einet Gegenstandes durch die Zusammensetzung des 
gleichartig Mannigfaltigen nach gemeinsamen Merkmalen ge- 
dacht. Da dieses Zusammensetzen des gleichartig Mannigfal- 
tigen überhaupt in der Zeit geschieht, und die Zeit die Bedin- 
gung zur Vorstellung eines jeden Gegenstandes ist, so hat 
jeder Gegenstand (jedes Ding) eine Gröfse, die man nach den 
verschiedenen derselben auf mancherlei Art zu bezeichnen 
gesucht hat. Gerade hier scheint der Verf. seinem Vorsatze, 
die mittefmäfsigen Köpfe und die Natur der Wissenschaft 
icbarf in's Auge zu fassen, ungetreu geworden zu seyn. Diese 
Definition ist keineswegs gelungen zu nennen , denn der Be- 
griff einer Grdfse, der überdies ziemlich abstract gegeben ist , 
nimmt nach ihr das Moment der Zeit als Merkmal auf, was 
ganz ausgeschlossen bleiben sollte. Sie mochte wohl dem Be- 
riff Gr 6 La e im Allgemeinen genügen, aber nicht dem Begriff 
er Grdfse, wie er in mathematischer H insicht ßenehen wer- 
den soll; denn die Arithmetik beschäftigt sich nicht mit der 
Untersuchung und Zusammensetzung des gleichartig Mannig- 
faltigen nach gemeinsamen Merkmalen, sondern schliefst alle 
diese Untersuchungen aus, und fragt nur nach dem Dinge an 
und für sich als Einheit betrachtet, ohne Rücksicht auf seine 
Merkmaine, zählt die Mengen der Gegenstände, ohne sich auf 
ihre Eigenschaften einzulassen, legt ihnen die Zeichen bei, 
und macht nur das Zeichen oder die Zahl zum Gegenstande 
ihrer Untersuchung. 

Zu dieser Definition scheint der Verf. dadurch veranlafst 
worden zu seyn, dafs er glaubt, alle Behandlung , die durch 
Erzeugung und Veränderung der Gröfsen möglich ist, gewis- 
sen allgemeinen Regeln , deren Inbegriff die allgemeine Grös- 
senlehre oder Arithmetik ist, unterworfen zu haben ; dieser 
Vortheil ist aber auch dann nicht ausgeschlossen, wenn er die 
einfachere Definition des Begriffs Grdfse, wie wir sie in an- 
dern guten Lehrbüchern gegeben finden , zu Grunde ge- 
legt hätte. 

Die allgemeine Arithmetik ist nach der Ansicht des Verft. 
nichts als eine allgemeine Formenlehre der Quanta, 
in so ferne diese in allgemeinen Zeichen oder Symbolen dar- 



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250 Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 

gestellt werden. In dieser Definition, .die im Uebrigen gut 
und richtig ist, findet sich der Ausdruck Quanta, ohne dafs 
eine Erläuterung desselben im Vorhergehenden oder Nachfol- 
genden gegeben ist. Der Mangel der nöthigen Erklärung. der 
vorkommenden Ausdrücke ist um so auffallender, da das vor- 
liegende Werk ein Lehrbuch zur Erlernung der in einer Wis- 
senschaft vorkommenden Begriffe abgeben soll. Auch recht- 
fertigt sich hier das oben über die gegebene Definition des 
Ausdrucks Gröfse Gesagte durch die Erklärung des Verfs. 
selbst, indem die Arithmetik nur eine allgemeine Formenlehre 
ist, und sich keineswegs mit den Eigenschaften der Gröfsen 
beschäftigt. Diese Definition hätte ganz anders ausfallen 
müssen, wenn der oben aufgestellte Begriff von Gröfse bei- 
behalten worden wäre. 

Ueber die Art der Bezeichnung der Quanta und über die 
Benennungen der Arithmetik theilt Hr. Otto folgende histori- 
sche Notizen mit: Vie'te (von Fontenai , maitre de requetes 
der Königin Margaretha) führte (i5 jo — - 1603) die lateini- 
schen Unzialen als Zeichen für die (Quanta ein und nannte sie 
Species, wodurch die Algebra denNamen Arithmetica speciosa 
(Algorithmus speciosus) bekam , vorher hatten die unbekann- 
ten Grofsen besondere Zeichen. Harriot, ein Engländer, 
führte (1560 — 16*21) die Buchstaben als Symbole allgemeiner 
Gröfsen ein, und legte dadurch den Grund zur B ucbstaben- 
rech n u ng (Literalcalcul). 

II. Abschnitt: Summirung der Gröfsen. Es wer- 
den hier nähere Erörterungen über die Gröfsen vorausgeschickt. 
Hierin beifst es gleich am Anfange: Denken wir uns eine an- 
dere Gröfse nach denselben gemeinsamen Merkmalen, als wir 
.schon eine Gröfse gedacht haben , so sind beide überein- 
stimmende (homogene) Gröfsen. Die Verbindung dieser 
beiden Gröfsen zu einem Aggregate erzeugt eine neue Gröfse, 
die gröfser ist, als jede der beiden Gröfsen einzeln genommen; 
es erhält nämlich jede dieser Gröfsen, die eine durch die an- 
dere, einen Zuwachs. Auch hier führt der Verf. den Ausdruck 
Aggregat ein, ohne die nöthige Erläuterung zu geben. Aus 
den Worten „die Verbindung dieser beiden Gröfsen zu einem ' 
Aggregate" kann keineswegs die Bedeutung des Wortes Ag- 
gregat gefolgert werden, und der aufmerksame Jüngling wird 
unwillkührlich zu der Frage veranlafst : was das Wort Aggre- 
gat bedeute, ohne sich eine andere Antwort als. die, dais es 
eine besondere Art der Verbindung sey, folgern zu können. 

Bei der Ableitung der verschiedenen Arten des Kechnens 
geht der Verf. von einer allgemeinen Idee aus, wenn er sagt: 



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Otto Lohrbuch der allgemeinen Arithmetik. 251 

Eine Rechnung bestehet in weiter nichts, als in einer Ver- 
bindung oder Vereinigung der einzelnen Gröfsen (Rechnungs- 
posten) als des Mannigfaltigen, welche die Bestandteile einer 
Rechnung ausmachen, zu einem Ganzen , und zwar in keiner 
andern Absicht, als dieses Ganze und dessen Begriff durch 
jenes zerstreute Mannigfaltige näher zu bestimmen. Diese 
Vereinigung oder Zusammensetzung mufs von jedem Rechner 
in jedem Falle vorgenommen werden, sowohl wenn er das 
Mannigfaltige zu individuellen Gegenständen , einzelnen Grös- 
sen, als auch wenn er die mannigfaltigen Gröfsen überhaupt 
Vereinigt. Diese Art der Ableitung, die zweckmäfsig ist, 
{ dehnt er nur auf die Addition und Subtraction aus, obgleich 
die Multiplication und Division auch unter die nämliche An« 
sieht hätte gebracht werden können, und bei folgerechter 
Darstellung nach ihr beurtheilt werden mufs. Das Verviel- 
fachen ist nichts anderes als ein wiederholtes Addiren einer 
und derselben Gröfse zu sich selbst, das Theilen ist nichts an- ' 
deres als ein wiederholtes Wegnehmen einer und derselben 
Gröfse von einer andern, und somit ist das Vervielfachen ein 
speci eller Fall des Addirens und das Theilen ein specieller Fall 
des Subtrahirens. Verfolgen wir diese Idee weiter, so stellt 
sich das Erheben zu Potenzen als specieller Fall des Verviel- 
fachens und somit des ÄddirenS, und das Wurzelausziehen als 
specieller Fall der Division und somit der Subtraction dar, 
und wir erhalten in dem Gange der Darstellung des Lehrge- 
bäudes der Arithmetik eine genaue Richtschnur ,^ die wir nicht 
aus der Hand lassen dürfen, ohne inconseejuent zu seyn, und 
die uns vor einem unzweckmäßigen Durcbeinanderschieben der 
Materien, wie wir oben gezeigt haben, schützt. Da der Vf. 
diese glückliche Idee hatte, so hätte er sie als ordnende Idee 
für die Anordnung seines Werkes beibehalten sollen. Sie hätte 
eine schönere Ordnung und bessere Harmonie hervorgebracht. # 

Die Vorschriften für die Addition der Gröfsen werden in 
dreizehn Nummern mitgetheilt; sie zerfallen in die Summi. 
rungs weisen für einzelne Gröfsen und für Summen aus- 
drücke, letztere mögen aus zwei, drei oder mehreren Grös- 
sen bestehen. Dieses führt auf den Begriff der zusammenge- 
setzten algebraischen Gröfsen, welche in einnamige 
(monomige eintbeilige oder auch eingliedrige und 
mehrnamige (polynomige) vieltheilige eingetheilt 
werden. 

In No. 2 — 7. dieses Abschnittes geht der Verf. von 
seinem Gegenstand , nämlich der Addition der Gröfsen ab , 
gibt die Vorschriften zur Bildung der Versetzungen , und leitet 

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251 Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 

sie von der Art, wie oft die Glieder einer mehrtbeiligen Gröfse 
zusammengestellt werden können, ab. 

Wenn wir auch zugeben müssen, dafs die Lehre von den 
Versetzungen auf die von dem Verf. angegebene Art dargestellt 
und abgeleitet werden könne, so können wir doch nicht, um- 
bin, diese Anordnung und Zusammenstellung oder vielmehr 
das Abspringen von einem Gegenstand und VViederaufgreifen 
desselben, nachdem eine fremde Materie eingeschoben ist, als 
unzweckmäfsig und störend au verwerfen. Die Versetzungen 
sind ein eigener Gegenstand, welcher mit der Addition der 
Gröfsen ganz und gar nichts gemein hat. Allerdings geben die 
Versetzungen die Anzahl der Fälle an, unter welchen die ver- 
schiedenen Zusammenstellungen der Glieder einer Summe er- 
folgen können, aber deswegen müssen doch nicht gerade die 
Versetzungen in der Lehre von der Addition vorgetragen 
werden. Hätte der Verf. demungeachtet diesen Gegenstand 
in dem Abschnitt, welcher von der Addition handelt, vorlegen 
wollen, so hätte er demselben doch füglich seine Stelle am 
Ende anweisen sollen , damit der Gang der Untersuchung nicht 
so auffallend und unangenehm durch Einschieben eines fremden 
Gegenstandes unterbrochen worden wäre. Ist dieser Gegen- 
ständ aber nur deswegen hier eingeschoben, um die verschie- 
denen Zusammenstellungen, worin die Glieder complexer 
Gröfsen unbeschadet des VVerthes des ganzen Summenausdrucks 
vorkommen können, was wohl daraus zu vermuthen ist, weil 
er von diesem Gegenstand in der Folge gar keinen weitern 
Gebrauch macht, so hat der Verf. dieser Ansicht zu viel Wich- 
tigkeit beigelegt. Eine kürzere Argumentation hätte dieselbe 
Wahrheit begründen können. Am Ende dieses Abschnittes 
sind mehrere zweckmäfsige Beispiele zur Einübung der vorge- 
tragenen Lehren beigefügt. 

III. Abschnitt : Subtrahirung der Gröfsen. Ueber 
die Subtraction äufsert sich Hr. Otto im Anfange dieses Ab- 
schnittesso: DasSubtrahiren oder Abziehen der Gröfsen von 
einander ist weiter nichts, als das Hinwegnebmen einerGröfse 
von einer andern. Die Subtrahende wird von der Minuend« 
getrennt und dadurch der Unterschied (Differenz) die« 
ser Gröfsen angezeigt. Geschieht diese Trennung mittelst 
wirklicher Abziehung, so entsteht ein Rest. Das Trennungs- 
zeichen ist ein Strich ( — ) mit dem Namen minus (weniger) 
belegt. Dieses Zeichen steht stets vor der Subtrahende und 
darf nie verwechselt werden. 

Hier fehlt die Definition der Subtraction ganz, denn die 
Art, wie sich Hr. Otto über das Abziehen ausspricht, ist 



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Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 253 

nichts als eine Tautologie oder eine Definition eines Begriffs 
durch ein anderes Wort. Der Verf. hätte sich auch so aus- 
drücken können : das Subtrahiren oder Hinweg'nehmen der 
Gröfsen von einander ist weiter nichts, als das Abziehen einer 
Gröfse von einer andern. Subtrahiren, Abziehen, 
Hinwegnehmen sind hier vollkommen gleichbedeutende 
Worte, können für einander gesetzt werden, aber eben des- 
wegen sich nicht gegenseitig erklären, , Die Definition könnte 
auch so gegeben werden : das Subtrahiren der Gröfsen von, 
einander ist- weiter nichts, als das Abziehen oder Subtrahiren 
einer Gröfse von einer andern. Das Geschäft, worin die Aus- 
führung der Subtraction besteht, ist hier als Definition zu ge- 
ben , und dieses besteht in dem Verkleinern einer Gröfse um 
so viele Einheiten oder Theile, als in einer andern Gröfse ent- 
halten sind. Das Unbestimmte in der Definition des Verfs. , 
das besonders in dem Worte Hin wegnehmen liegt, hat 
Hrn. Otto auch noch zu einer weitern Unrichtigkeit verlei- 
tet, indem er nämlich den Ausdruck trennen für das Ge- 
schäft des Abziehens gebraucht. Dafs dieser Ausdruck ganz 
unzulässig und in falscher Bedeutung gebraucht ist, den Schü- 
ler deswegen irre führt und zu unrichtigen Begriffen verleitet, 
liegt klar vor Augen, denn nie kann eine Trennung statt fin- 
den , wenn nicht eirie Vereinigung irgend einer Art vorher- 
gegangen ist. Ware also der Begriff des Trennens bei dem 
Subtrahiren zulässig oder gar damit gleichbedeutend, wie 
der Verf. annimmt, so mülste eine Vereinigung des Subtra- 
hendüs und des Minuendus vorausgegangen seyn , was bekannt- 
lich nicht der Fall ist. Bei der Division kann von Trennung 
die Rede seyn, weil hier eine Vereinigung oder Verbindung 
vorhergegangen ist, oder doch als vorhergegangen gedacht 
werden kann, bei der Subtraction aber nicht, weib die Sub- 
traction nur das Kleiner- oder Gröfserseyn oder den Unter- 
schied der Zahlen berücksichtigt. Eben so unrichtig ist es 
daher, wenn der Verf. das Zeichen der Subtraction ( — ) mit 
dem Namen Trennung« sei eben belegt. Die Subtraction 
ist' vielmehr eine Vereinigung oder eine Verbindung zweier 
Gröfsen unter bestimmten Bedingungen, oder eine Vereini- 
gung derselben mit entgegengesetzten Zeichen zu nennen. 

Der Gang, welchen der Verf. bei der Mittheilung der 
Vorschriften über die Subtraction genommen hat, ist folgen- 
der: Die Minuende ist eine Summe und die Subtrahende eine 
einzelne Gröfse; die Minuende eine Differenz und die Sub- 
trahende eine einzelne Gröfse; die Minuende ist eine einzelne 
Gröfse und die Subtrahende eine Summe; die Minuende und 



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254 Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 



Subtrabende ist eine Summe \ die Minuende eine Differenz und 
die Subtrabende eine Summe; die Minuende eine einzelne 
Gröfse und die Subtrabende eine Differenz (hieraus wird die 
bekannte Regel gefolgert: man verändere die Zeichen der Sub- 
trabende in die entgegengesetzten und verbinde auf diese Art 
die Subtrabende ihit der Minuende) ; die Minuende ist eine 
Summe und die Subtrahend« eine Differenz; die Minuende 
und Subtrabende sind Differenzen« 

Diese Weitläufigkeit in der Darstellung der Vorschriften 
für die Ausführung der Subtraction kann unmöglich für den 
Unterricht zweckmäfsig seyn. Eilf Fälle behandelt der Verf., 
um die Regeln der Subtraction zu entwickeln , und dabei kann 
der Jüngling, der die Wissenschaft erlernen soll , keinen ge- 
deihlichen Ueberblick über das ganze Verfahren gewinnen, 
was doch Hauptsache bei dem Unterrichte und das erste Er- 
fordernis für die gründliche Erlernung der Wissenschaft ist. 
Warum hat der Verf. nicht die vier einfachen Fälle, 'die einen 
ganz bequemen Ueberblick gewähren, bebandelt, die »ich so 
darstellen lassen i 

die Minuende hat das Zeichen -f — + — > 
die Subtrabende hat das Zeichen + + r? — 
und die Art des Verfahrens für diese Vier Fälle Querst an ein- 
fachen Gröfsen gezeigt? Ist dies geschehen, so ist der Schritt 
zu den Summen und Differenzen sehr leicht , denn unter jedem 
Zeichen für eine einfache Gröfse kann auch jede beliebige 
complexe Gröfse begriffen werden, und die Gesetze , welche 
für einfache Gröfsen gelten, gelten auch für complexe, da die 
cornplexen Gröfsen aus einfachen bestehen. Hierdurch wäre 
statt der Zusammenstellung von eil£ Fällen nur die Darstellung 
vo* vier Fällen nötbig geworden, und Kürze, Einheit und 
Ueberblick gewonnen worden , was Zweck des Verfassers ist. 
Noch ist zu bemerken, dafs hei der Art, wie der Verf. die 
Lehre der Subtraction bebandelt, der für den Schüler schwie- 
rige Fall, warum die Subtrahende, wenn sie eine Minusgröfse 
ist, zu der Minuende addirt werden müsse , mehr Umgangen, 
als gehoben ist* Nach de* Verfassers Ansicht stutzt er sich 
auf den Fall, wenn die Subtrahende eine Ditfetens i*t< wo- 
durch die Hauptschwierigkeit, warum die Subtraction in eine 
Addition, bei einfachen mit dem Zeichen Minus Verseheneri 
Gröfsen übergebe, gar nicht erörtert ist. Auch; hier hat der 
Verf. zwischen die Votschr iften, welche für die Subtraction 
gelten, zwei Folgesätze No. 11, und 14. eingeschoben. Beide 
Sätze hätten fü&lich ihre Stelle n ach vollendeter Untersuchung 
der Lehre der Subtraction finden können, ; 



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• - f 

• ♦ 



Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 265 

1 Diesen Abschnitt scbliefsen die Vorschriften für die Sum- 
menbildung der complexen and gleichnamigen Gröfsen mit ent- 
gegengesetzten Zeichen, welche früher noch nicht mitgetheilt 
werden konnten. 

Vierter Abschnitt: Multiplier rung der Gröfsen. 
Die Ansicht des Hrn. Otto über das Vervielfachen ist fol- 
gende: Eine Grüfte wächst durch die Hinzufügung (Addirung) 
einer andern, nur nimmt dabei die eine nicht die Form der 
andern an, Soll eine Gröfse die Form einer andern Gröfse an« 
nehmen, so mufs man die eine Gröfse als Einheit denken oder 
setzen, und diese so oft setzen, als die andere Einheiten ent- 
halt. Denkt man sich a als Einheit, so i&t 3 a auf dieselbe 
Art geformt, als die 3 aus der Eins geformt ist , und darum 
heilst a die Inbaltsgröfse oder die Multiplicanda, und 
3 die Fo r mj> r ö f s e , M u 1 ti p 1 i ca t o r. 

Wir' müssen gestehen , dafs diese Art der Darstellung 
nicht den Grad der Deutlichkeit und Einfachheit hat, wie er 
bei einem Werke vorliegender Art zu wünschen ist. Es ist 
nicht zu verkennen, dals der eine Factor (Multiplicator) das 
Bildungsgesetz für den andern Factor (Multiplicande) enthält 
und enthalten mufs; aber in wie fern der Verf. dieses wieder- 
holende Setzen des einen Factors dadurch bezeichnet, dafs er 
sagt; der eine Factor nimmt die Form des andern an, ist nicht 
eben so klar und deutlich, und es ist nicht abzusehen, wie 
diese Art des Vortrags dem Jünglinge vollkommen klare Be- 
griffe erwecken soll s Nicht neue Worte oder ein Streben 
nach neuen Ausdrücken verleiht einem .Lehrbuch Werth und 
Eingang, sondern einfacher und klarer Vortrag. Dafs aber 
diese Art der Darstellung kein Gewinn für den Unterricht sey , 
leigt sich ganz deutlich, wenn wir diese Definition auf das 
Product ab anwenden. Denn das \V r esen dieses l'roducts wird 
keineswegs deutlicb.entziffert , wenn wir sagen, b nimmt die 
Form von a, oder a nimmt die Form von b an. Dieses Man- 




gan 

Wäre, wenn 3ie Definition an Und für sich schon den Begriff 
klar vorlegte, und wir können unmöglich eine Darstellung 
gelungen nennen, wenn der Verf. den Commentar zu seinen 
eigenen Worten giebt oder geben mufs. 

In i4 Numern werden die Vorschriften über die Multipli- 
kation mitgetheilt, und wie das Frühere, so trifft auch diese 
Untersuchung der Vorwurf, dafs keine gute Anordnung in ihr 



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256 . Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 

• 

herrscht, und keine leitende Idee dem Verf. bei der Bearbei- 
tung dieses Abschnittes vorgeschwebt habe* 

Der Gang der Untersuchung ist folgender: Beide Factoren 
sind positive GröTsen; der eine Factor ist positiv, der andere 
negativ (oder mit dem Ausdruck, des Verf. aubtractiv). 
Bezeichnungsart eines Products , Multiplication eines Products 
mit einer einfachen Gröfse; eines Productes mit einem Pro- 
ducte; Multiplication der Gröfsen, welche Coefficienten mit 
sich führen; einer Summe mit einer einfachen GrÖfse; einer 
Differenz mit einer einfachen Gröfse; einer vielgliedrigen mit 
einer einfachen; Definition ähnlicher, oder gleichnamiger 
# Gröfsen; Vorschriften für Summirung und Subtraction der 
Producte; Multiplication einer zusammengesetzten Gröfse mit 
einer Summe; einer mehrnamigen Gröfse mit einer Differenz; 
Vorschriften für die Multiplication in dem Fall, wenn jeder 
Factor eine negative Gröfse ist. ' 

Wie wenig Ordnung hier herrsche, ergiebt sich gans 
deutlich auch hei dem flüchtigsten tfeberhlick über die zusam- 
mengestellten Puncte. No. 1 und l4. die erste und letzte 
Numer erstrecken sich üher die Regeln, die bei der Multi- 
plication hinsichtlich der Zeichen zu heachten sind, die doch 
füglich zusammen gehören , und die der Verf. so einfach und 
klar nach der Art, wie es in No. 1. geschehen ist, hätte be- 
handeln können. Der Raum verbietet, diese Darstellung im 
Sinne der vom Verf. so glücklich begonnenen aber wieder ver- 
lassenen Behandlungsar t zu gehen. No. 4— 8 sind nur specielle 
Fälle, und müssen daher eine untergeordnete Stelle erhalten; 
sie folgen sämmtlich aus dem Falle , wenn einer der Factoren 
oder beide complexe Gröfsen sind. Es kann ihnen daher nicht 
die Wichtigkeit beigelegt werden, welche ihnen der Verf. 
beilegt. Mo. 9 — 11 würden besser ihre Stelle nach geschlos- 
sener Lehre von der Multiplication finden. Statt der vielen 
Fälle, welche Hr. Otto hervorhebt, hätte die ganze Lehre 
von der Multiplication auf vier Fälle, welche die Grundlehren 
für diesen Abschnitt enthalten, zurückgebracht werden können. 
Es sind folgende: 

Der eine Factor ist versehen mit dem Zeichen + + 

Der andere Factor . . . . . . . . + — + — 

An diese hätten sich alle übrigen besondern Fälle leicht an- 
schliefsen lassen. 

(Der Besehlufs folgt.) 

* 

i 



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N. 17. ' . ' 1827; 

• » « 

Heidelberger 

■ 

Jahrbücher der Literatur. 



G. C. Otto Lehrbuch der allgemeinen 

Arithmetik* 

- 

(Besch luff.) 

* 

Fünfter Abschnitt: Erhebung der Gröfsen tu Po- 
tenzen. Der Verf. giebt zuerst seine Ansiebt Ober die Ab« 
leitung der Potenzen aus dem Begriff des Vervielfachens , 
wobei wir jedoch die weit ausgeholte Darstellung nicht 
billigen können 9 dann folgen die Bestimmungen der Begriffe: 
Exponent , Gr und - Stamm - oder Wurzelgrölie. In No. 1 — 6 
wird die Anleitung zur Erhebung einfacher Gröfsen EU Poten- 
zen gegeben , sie erstreckt sich über positive und negativa 
GröTsen. Diesen Vorschriften ist eine Tafel beigegeben» 
welche die Quadrate und Cubikzahlen der Zahlen von 1 — 9 
enthält. Hierauf folgt: Die Erhebung eines Products zu 
Potenzen — eines Bruches zu einer beliebigen Potenz; Er- 
klärung ähnlicher oder gleichnamiger Potenzen; Regeln 
für die Addition und Subtraction mebrnamiger Gröfseo, deren 
Glieder Potenzen enthalten; Multiplication der Potenzen von 
einerlei Grundgröfsen ; Erhebung einer Potenz in jede be- 
liebige Potenz ; IVIultiplication einer vielglledrigen Gröfse, 
welche Potenzen enthält, mit einer einnamigen GrÖfee der- 
selben Art; Multiplication mebrnamiger Gröfsen mit einan- 
der, Erhebung einer zweinamigen Gröfse in die zweite und 
dritte Potenz; Gesetze, welchen diese Bildungsweise unter- 
worfen ist. 

Sechster Abschnitt: Dividirung der Gröfsen. Wir 
müssen hier auch auf einen eigenthtimlichen Sprachgebrauch 
des Verf. aufmerksam machen, wornach er neben den ange- 
nommenen Ausdrucken Subtraction, Multiplication, 
Division die ungewöhnlich gebildeten Worte: Subtra- 
hirung, Multipjicirung, Dividirung einführt. Diese 
Neuerung kann keineswegs gebilligt werden, denn biedurch 
bat die deutsche Sprache nifht an Reinheit gewonnen) und die 

XX. Jahrg. 3. Heft. 17 



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»58 



Otro Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 



Regeln , welche bei der Einführung fremder Worte in die 
deutsche Sprache gewöhnlich beobachtet werden, sind ver- 
nachlässigt. Warum bat der Vf. nicht lieber deutsche Wörter 
gewählt? Warum nicht eine oder die andere Bezeichnung« - 
Art üherall beibehalten? Ueber die Division Sufsert sich Hr. 
Otto im Anfange dieses Ahschnittes so: Die Division ist das 
Entgegengesetzte der Multiplication. Das f was in der Mul- 
tiplication ein Vielfaches oder Product heifst, ist hier Divi- 
dende (die zutheilende (sie) Gröfs*). Ist a X b s ab, so ist 
ab : b ss a und ab : a Eh, denn die Quotient« zeigt mit ihren 
Einheiten, wie oft die dividirende Gröfse (Divisor) in der 
Dividende enthalten ist. Die Dividende ist daher stets eine 
Gröfse, die aus der divtdtrenden Gröfse und den Quotienten 
Lestebt. Bei aller Umschreibung und Redseligkeit ist keine' 
genaue Definition vorgelegt. Die eigentliche Definition der 
Division ist, anstatt an der Spitze zu stehen und Aufmerksam- 
keit auf sich zu ziehen, und den Gegenstand, wovon hier die 
Rede ist , zu bezeichnen, in einem Nebensatz beigegeben. Die 
Ansiebt des Verf. die Division aus der Multiplication abzu- 
leiten ist nicht zu billigen , da die Division , wenn auch schon das 
Entgegengesetzte der Multiplication , keineswegs die Multipli- 
cation voraussetzt, sondern unabhängig von der Multiplication 
und als für sich bestehend abgehandelt werden kann* und 
wenn eine deutliche Einsicht in ihr Wesen erzweckt werden 
soll, abgehandelt werden mufs. Ferner müssen wir hier auf 
einen eigentümlichen Schlufs aufmerksam machen, wornach 
es heifst „Ist aXbsbj so ist ab : b =: a und ab : a =: b. « 

Hier i«t etwas als Schlufs dargestellt, was erst erwiesen 
■Werden «oll. Die Bekanntschaft des Jünglings mit dem Zei- 
chen der Division wird vorausgesetzt, wahrend er doch durch 
das Lehrbuch erst damit bekannt werden soll. Erst in No. 2. 
folgt die Bemerkung, dafs man sich zur Andeutung des Ge- 
schäfts der Division auch der Bezeichnungsart der Bruchform 
bedient; das schon gebrauchte Zeichen wird gar nicht erklärt. 
Der Gang der Untersuchung ist folgender: No. 1 — 4. Division 
der Producte durch einzelne Gröfsen und durch Prodocte; 
Division der Gröfsen, welche mit Coefficienten versehen sind. 
Eine übertriebene Genauigkeit liegt in den Worten No. 5. 
t,So ist 2a in' 8a bestimmt 4 mal enthalten«, wo 
das Wort bestimmt nicht nur nichts zur Deutlichkeit bei- 
trägt, sondern ihr schaden kann , da es gftnz Überflüssig steht; 
hoch auffallender ist der unmittelbar darauf folgende Ausdruck 
„eben so ist 4b in 4^ gewifs lmal enthalten**, wo 
das Wort gewifa ganz unrichtig gebraucht wird, und wo 



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Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik, 259 

man verleitet wird zu glauben; 4b sey in 4b wohl mehr als 
1 mal enthalten. 

Den Ausdrück 9ad : 6 a s 3/2 d erlaubt sieb Hr. Otto 
auch unter folgender Gestalt 1 1/2 d vorzustellen. Diese Dar- 
stellungsart möchte nicht wohl , am wenigsten in einem Lebr- 
huebe der Arithmetik , zur Nachahmung zu empfehlen seyn. 
Man gebraucht diesen Ausdruck unter der hier angegebenen 
Gestalt im gewöhnlichen Leben, jedoch ist dies keineswegs 
eine Bezeichnungsart, welche den Anforderungen der Arith- 
metik genügen kann, da der Ausdruck 11/2 eigentlich I+1/2 ge- 
schrieben werden mufs f und also statt lr/zd der Ausdruck 
Ct+l/2) d oder d+i/id zu setzen ist. Hierauf folgt: Division 
der Potenzen einer und derselben Stammgröfse; Erklärung des 
Ausdrucks a u , Behandlung der Gröfsen mit negativen Expo- 
nenten; Division einer Summe oder Differenz durch einua- 
rhige Gröfsen; Vorschriften für die Division der Gröfsen in 
Hinsicht der Zeichen; die Division mehrnamiger Gröfsen 
dureb mehrnamige. 

Siebenter Abschnitt: Absonderung der gemein- 
schaftlichen Theiier aus Summen und Differenzen, 
Sehr zweckmäfsig hat der Verf. die Absonderung der gemein- 
schaftlichen Theiier aus Summen und Differenzen in einem be- 
sondern Abschnitt hebandelt. Ein Gegenstand , der in d^n 
meisten Lehrbüchern übergangen wird 9 der aber besonders 
zur Uebersicht im Calcul nnd zur Fertigkeit bei Ausführung 
der arithmetischen Geschäfte viel beitrügt. Hr. Otto gebt 
hierbei von dem Beg-rifTe, des gemeinschaftlichen Maafses der 
Gröfsen aus, bestimmt das Wesen der ursprünglich einfachen 
Gröfsen lind das der abgeleiteten oder zusammengesetzten ; 
hierauf folgt die Anleitung zum Auffinden der gemeinschaft- 
lichen Theiier für zwei - und mehrnamige Gröfsen. 

Achter Abschnitt : Reduction gebrochener Grös- 
sen. Die gebrochenen Gröfsen stellt der Verf. als das nicht 
vollendete oder ausgeführte, sondern nur angedeutete Geschäft 
der Division dar , und da solchen Ausdrücken oft eine ein. 
fächere Gestalt gegeben werden kann, so gibt er zu ihrer Um- 
formung Vorschriften. Es werden folgende Fälle behandelt: 
Eine ganze GrÖfse tritt mit einer gebrochenen in Verbindung; 
Abkürzung der Brüche durch Ausscheidung des gemeinschaft- 
lichen Factors im Zähler und Nenner; Addition und Subtraction 
ganzer und gebrochener Gröfsen, so wie gebrochener Gröfsen 
unter eupander; Multiplication eines Bruches mit einer ganzen 
oder gebrochenen GrÖfse; Division einer gebrochenen Gröfse 
durch eine ganze oder gebrochene Gröfse. Hierauf gebt der 

17 * 



' 260 Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 

Verf. zu den continuirlichen Brüchen über , und gibt ihre Bit- 
dungsart folgenderweise an: Wenn man einen ächten Bruch, 
dessen Zähler und Nenner Piimzablen unter sich sind, mit 
dem Zähler aufhebt, so erhält man einen Bruch , dessen Zäh- 
ler l , der Nenner aber eine gemischte Zahl ist ; hebt man den 
am Nenner angehängten Bruch wieder mit seinem Zähler auf, 
so wird dadurch der gegebene Bruch in einen zusammenhän- 
genden Bruch verwandelt. Man nennt diese Brüche Ketten- 
hrüche, weil sie eine Verknüpfung mehrerer Brüche sind, 
mittelst Verbindungen des folgenden Bruches mit dem Nenner 
des vorhergehenden. Wir vermissen , dafs hier mebt ange- 
geben ist, wie weit sich dieses Geschäft erstrecken könne, 
obgleich diese Eigenschaft der Kettenbrüche erst später ange- 
geben wird. Zuerst wird die Entstehungsart der Kettenbrüche 




deren 
luchung 

wird geschlossen mit einer Anwendung der Reihe 

a a . a a a . ji 

• • • ♦ 




b r b a T b 3 r b* ' b» 

auf periodische Decimalbi ücbe ; wobei jedoch zu bemerken 
ist, dafs die entstandene Reibe unrichtiger Weise als endlich 
bezeichnet wird, da sie doch unendlich ist, und so bezeich- 
net werden mufa : 

a _- a . a , a . a . , a , 

= k' + -k2-t-^-+-Ki-t- — -+-i^-» 



b— 1 b ' b 2 9 b 3 ' b* ? ^ b» 

Neunter Abschnitt: Grundsätze der Gleichheit. 
Nachdem der Verf. den Begriff der Gleichheit näher untersucht 
hat, gibt er folgende Definition einer Gleichung: Jede 
Gröfse ist sich selbst gleich? a 53 a 9 10c 10 ; keines von bei- 
den, j« zwei und zwei verglichen, übertrifft das andere, 
darum sind sie einander gleich. Ein solcher Ausdruck heilst 
eine Gleichung, und die verglichenen Gröfsen Theile der 
Gleichung; so ist 3 x + 10 S 82 eine Gleichung, Di« 
Gröfsen , die auf der einen oder der andern Seite des Gleich- 
heitszeichens mit + oder — verbunden sind, heifsen Glie- 
der der Gleichung. 

Wir müssen gestehen, dafs der Begriff einer Gleichung 
sehr unrichtig abgeleitet und verworren gegeben ist. Wenn 
der Verf. sagt: jede Gröfse ist sich selbst gleich, so schlieist 
sich dies ganz folgerecht an das Vorhergehende an ; wenn er 
aber tagt : ein solcher Ausdruck (worin nämlich eine Grösse 



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Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 261 

mit «idi selbst verglichen und sich selbst gleich gesetzt wird) 
sey eine Gleichung, so widerspricht dies geradezu dem Vor- 
hergehenden t wo es heifst: „Eine Gröfse mehreremal t jedes- 
mal aber mit denselben Bestimmungen (Qualität und Quantität) 
gedacht oder dargestellt, ist immer dieselbe Gröfse" und kann 
also keine Gleichung genannt werden. Wenn nun der Verf. 
fortfährt: M £in solcher Ausdruck heilst eine Gleichung und 
die verglichenen Gröfsen Theile der Gleichung, so ist 
3x + 10 £S 82 eine Gleichung«, so supponirt er in den Wor- 
ten „und die verglichenen Gröfsen Theile der Gleichung« et- 
was, was gar nicht supponirt werden kann. Denn bisher 
war von dem Gleichsetzen nur einer und derselben Gröfse, 
nicht mehrerer Gröfsen, nur von einer Gröfse in ihrer Tota- 
lität , nicht von Theilen derselben die Rede. Anstatt also 
*len Begriff zu geben, supponirt er ihn, folgert, wo nicbt ge- 
folgert werden kann, fügt sogar ein Beispiel hinzu. Hierauf 
erst folgt die' Definition einer Gleichung in folgenden Worten : 
Eine solche Bezeichnung, wo zwei aut verschiedene Art aus- 
gedrückte Gröfsen einander gleich sind % -in so fern man den 
datin vorkommenden Buchstaben einen gewissen Werth bei- 
legt, heifst eine wirkliche algebraische Gleichung. Was eigent- 
lich mit den Worten wirkliebe algebraische Gleichung 
gesagt seyn soll, ist nicht abzusehen, da die Erklärung hier- 

i r i i - i ii t> * /y* . i v • 




folge 

chen -J- oder — versebenen Glieder von der einen Seite des 
Gleichheitszeichens auf die andere. Hier wäre weniger Weit- 
läufigkeit zweckmäfsiger gewesen. Es werden nun die Vor- 
schriften über die Division und Multiplication, Veränderun. 
gen, welche mit den Gleichungen selbst und den einzelnen 
Gliedern, welche die Auflösung der Gleichungen bezwecken, 
gegeben. 

Zehenter Abschnitt: Aufgaben. Da eine Aufgabe die 
Entwicklung unbekannter Gröfsen aus bekannten, welche die 
unbekannten auf irgend eine Art bestimmen, verlangt, so 
werden zweckmäfsige Vorschriften mitgetheilt, wie man sich 
bei der Auflösung einer Aufgabe benehmen müsse. Hierauf 
folgt eine Sammlung von Aurgaben, und zwar zwanzig Bei« 
spiele für eine unbekannte Gröfse, zeben für zwei und mehr 
unbekannte Gröfsen , zwölf Beispiele, die für die unbekannte 
Gröfse keinen bestimmten Werth finden lassen (diophantische 
Aufgaben). Auch diejenigen Aufgaben y deren Auflösung un- 
möglich ist, weiden berührt. . . 



26G Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 

Eilfter Abschnitt: Die Gleichheit der Differen- 
zen oder Differenz-Proportion. Zwölfter Abschnitt : 
Die Gleichheit der Quotienten od er der Zahlen- 
Verhältnisse, oder die Proportion der Vielheiten. 
In diesen beiden Abschnitten werden die arithmetischen und 
geometrischen Verhältnisse und Proportionen untersucht. Diese 
Leiden Abschnitte hätten sich zweckmälsiger als Unterabthei- 
lungen eines und desselben Abschnittes darstellen lassen , da 
sie von einer Idee abgeleitet werden können , und nur darin 
von einander verschieden sind, dafs in dein einen Falle das 
Gröfserseyn und im andern Falle das Vielfache der Gröfsen 
betrachtet wird. 

Der Gang, welchen der Verf.. bei dieser Untersuchung zu 
Grunde gelegt hat, ist in beiden Abschnitten der nämliche. 
Wir übergehen daher den Abschnitt, welcher von den arith- 
metischen Verhältnissen und Proportionen handelt, und zeigen 
die Art, wie der Verf. diesen Gegenstand behandelt hat, am 
zwölften Abschnitt: Bezeichnung der Vielheitsverhältnisse 
durch Buchstaben; Gleichheit derselben ; Proportion der Viel- 
heiten ; Zahl und Benennung der Glieder einer Proportion ; 
das Product der beiden äufsern Glieder ist gleich dem Product 
der beiden innern Glieder; Bildung einer Proportion aus zwei' 
gleichen Producten ; Versetzungen der Glieder einer Propor- 
tion unbeschadet ihrer Gültigkeit; Auffindung eines Gliedes 
aus drei gegebenen; die Summen der Glieder der beiden glei- , 
chen Verhältnisse verhalten sich wie die homologen Glieder; 
die Differenzen der homologen Glieder verhalten sich wie die 
Glieder der gleichen Verhältnisse ; die Differenzen der gleichen 
Veihältnisse verhalten sich wie die homologen Glieder (der 
Fall ist übergangen: die Summen der homologen Glieder ver- 
halten sich wie die Glieder der gleichen Verhältnisse); eine 
Proportion behält ihre Gültigkeit, wenn die beiden ersten 
oder letzten oder die homologen Glieder mit einer und dersel- 
ben Gröfse vervielfacht oder gemessen werden ; Zusammen- 
setzung der Proportionen; zusammenhängende oder stetige 
Proportionen; mittlere Proportionalgröfse. 

Dreizehnter Abschnitt: Wu r z el g r ö f s e n. Ueber die 
Stelle, welche dieser Abschnitt in einem zweckmässig geord- 
neten Lehrbuch hätte einnehmen sollen , haben wir schon 
oben gesprochen. Dieser Mangel einer streng folgerechten 
Anordnung wird um so fühlbarer, da der Verf. gleichsam zu- 
fällig durch das Aufsuchen der mittleren Proportionalgröfse auf 
diesen Abschnitt geführt worden zu seyn scheint. 

Die Definition der Wurzelgröfse , welche so lautet: „die 



Otto Lehrbuch der allgemein«! Arithmetik. 963 

Wurzel (radix) aui einer gegebenen Grölse heifit die Gräfte, 
die, so viel mal mit «ich oiuhiplicirt , als der Grad der Potens 
erfordert, die gegebene Gröfse zum Vorschein bringt«, wäre 
viel deutlicher ausgefallen, wenn Hr. Otto von dem Segriff 
des Zerfällens in gleiche Factoren und nicht von dem Begriff 
der. Zusammensetzung ausgegangen wäre. Aus dieser Ent- 
wicklungsart hätte sich wenigstens das über die Darstellung 
der WurzelgrÖfsen durch gebrochene Exponenten Gesagte 
besser und anschaulieber ableiten lassen, denn der von dein 
Verf. hierüber geführte Beweis ist mehr eine Probe über die 
Richtigkeit des Verfahrens, als eine Einsicbtsnauine in das 
Wesen des fraglichen Gegenstandes zu nennen. 

Der in diesem Abschnitte genommene Gang der Unter- 
suchung ist folgender: rationale und irrationale Gröfsen; 
Eigenschaften der Wurzeln ganzer Zahlen ; Verfahren aus ^ 
zwei - öder mebrziffrigen ganzen und gebrochenen Zahlen die 
Quadratwurzel zu ziejben; Verfahren auf dem Wege der An- 
näherung die Wurzel einer Irrationalzahl zu finden (dieses 
Annäherungsverfahren eignet sich nach unserer Ansicht nicht 
für ein Lehrbuch , und hätte daher besser weggelassen werden 
können); Darstellung der Wurzeln der irrationalen Zahlen 
durch Decimalbrüche ; Wurzeln der Decimalbrüche; Vorschrif- 
ten den Nenner eines Bruches rational zu machen, wenn die 
Wurzel aus demselben verlangt wird; Anleitung die Cubik- 
Wurzel aus ein - und mebrzi fingen 9 ganzen und gebrochenen, 
rationalen und irrationalen Zahlen zu finden; eben so für De- 
cimalbrüche; Anleitung die Nenner der Brüche rational zu 
machen, wenn aus ihnen die Cubikwurseln gezogen werden 
sollen. Nähere Erörterung über die Potenzen mit gebrochenen 
Exponenten; Veränderungen, welche mit Potenzen von ge- 
brochenen Exponenten unbeschadet ihres Werthes vorgenom- 
men werden können; Veränderungen, welche mit den Gros« 
sen, woraus Wurzeln ausgezogen werden sollen , unbeschadet 
des Werthes des ganzen Ausdrucks, vorgenommen werden 
können ; Rechnung mit Wurzelgröfsen. 

Vierzehnter Abschnitt: Wurzeln quadratischer 
Gleichungen. Unter Wurzel einer Gleichung wird, hier 
der Werth der unbekannten Gröfse , welcher, an die Stelle der 
unbekannten Gröfse in die Gleichung gesetzt, der Gleichung 
ein Genüge leistet, verstanden. Hierbei sollte die Bemerkung 
nicht übergangen seyn, wie eine solche Gleichung überhaupt 
beschaffen seyn mufs, und dafs darin die unbekannte Gröfse 
in einer höheren als der ersten Potenz vorkommt. Auf diese 
Definition im Allgemeinen folgt die einer quadratischen und 



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264 Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 

die| Eigenschaften einer Wurzel, welche einer quadratischen 
Gleichung Genüge thun soll. Folgendes sind die Hauptpunkte, 
welche der Verf. mitgetbeit hat : reine quadratische 
Gleichung, beigegeben sind Uebungsheispiele für Gleichun- 
gen mit einer und mit mehreren unbekannten Gröfsen und acht 
Aufgaben; gemischte quadratische Gleichungen mit; 
der Art ihrer Auflösung; Vorschriften für die Falle,' wo die 
einzelnen Glieder , ausgenommen dasjenige , welches die zweite 
Fotenz der unbekannten Gröfse enthält , negative Gröfsen sind; 
Behandlung des Falles, wenn das Quadrat der unbekannten 
Gröfse mit einer Vorzahl versehen ist; beigefügt sind Ue- 
bungsbeispiele für Gleichungen mit einer und mehreren unbe- 
kannten Gröfsen und neun Aufgaben; Betrachtung der ge- 
mischten quadratischen Gleichungen, welche zu. irrationalen 
Zahlen führen; sieben Aufgaben hierüber; nähere Beleuchtung 
der imaginären Gröfsen; Gleichungen von der Form 

X M -f. ax n = b 

Fünfzehnter Abschnitt: Logarithmen, Zuerst wer- 
den Untersuchungen über ihre Darstellung und ihre Eigenschaf- 
ten angestellt'; dann folgt : der Begriff eines Logarithmen- 
systems, geschichtliche Nach Weisung über die Logarithmen; 
das briggische Logarithmensystem ; Anwendung der> Logarith- 
men auf die Multiplication und Division ; Logarithmen der 
Brücbe; Anwendung der Logarithmen auf die Erhebung zu 
Potenzen und auf das Ausziehen der Wurzeln; Anweisung, 
aus Logarithmentafeln die Logarithmen zu gegebenen Zahlen 
und Zahlen zu gegebenen Logarithmen zu finden; Ableitung 
des Logarithmensystems für irgend eine Grundzahl aus dem 
Logaritbmensystem einer andern Grundzahl. 

Secbszebnttr Abschnitt: Functionen und ihre Ver- 
änderungen. Der Begriff einer Function wird gegeben, 
und zweckmässig durch die Zusammenstellung verschiedener 
Formen, worunter die Functionen vorkommen können, ver- 
deutlicht. Hr. Otto hat eine eigene Ansicht über die Diffe- 
renzialrechnung in diesem Abschnitt mitge'tbeilt, wornach 
sich, wie er sich in der Vorrede äufsert, die Regeln der In- 
finitesimalrechnung (Differential- und Integralrechnung) ohne 
Einmischung des Begriffs des Unendlichen, und un vermischt 
mit geometrischen oder mechanischen Aufgaben, als Gegen- 
stände der reinen Arithmetik darstellen lassen. Allerdings 
kein geringes Verdienst, wenn der Erfolg das Unternehmen 
gekrönt hätte. Das Millingen dieses Unternehmens aber liegt 
nach unserer Meinung nicbt darin, als ob es überhaupt nicht 



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Otto Lehrbüch der allgemeinen Arithmetik. 265 

möglich wäre, die Differenz!«! - und Integralrechnung ohne 
Einmischung des Begriffs des Unendlichen darstellen zu kön- 
nen, als vielmehr in der Unzulänglichkeit der Principien, 
worauf Hr. Otto seine Ansicht gründet. Um diese zu wür- 
digen , müssen wir Folgendes mittheilen. 

Der Ver£ geht von der Veränderungsfähigkeit der Grös- 
sen aus, gibt dann den Begriff der veränderlichen Gröfsen 
und nennt von zwei veränderlichen Gröfsen, in so fern die 
eine den Werth der andern bestimmt, die bestimmende, 
und in so fern die andere dadurch hervorgebracht ist, die 
gewordene; dann fährt er so fort: „Eine werdende 
Gröfse kann nur eine solche seyn, die nach einem gewissen 
Gesetze wachsen oder abnehmen soll , so dafs dadurch die 
ganze Function geändert wird; eine solche werdende Gröfse 
y, die von einer andern x nach' einem gewissen Gesetze so 
abhängt, dafs sie stets mit x zugleich geändert wird, nennt 
man vorzüglich eine F u n et i ö n. e « Der Ausdruck werdend 
scheint nicht gut gewählt, indem der Begriff des Werdens 
das Nochnichtvorhandenseyn voraussetzt, während der Verf. 
von einer seyenden Gröfse, die aber der Veränderung un- 
terworfen ist, spricht. Es folgen nun die nähern Erörterun- 
gen über veränderungsfähige Gröfsen. Hieraus geht hervor, 
dafs alle Functionen einer veränderlichen Gröfse eine Verän- 
derung erleiden , wenn die veränderungsfähige Gröfse wächst. 
Der Veränderungstheil der Gröfse wird durch 3x angegeben, 
und es ergibt sich also für x 2 , wenn x um 3x wächst, das 
Resultat 

x 2 -f- 2x<*x + CM* 
Nun fährt der Verf. so fort: die so eben erwähnte Verände- 
rung mufs immer erfolgen, wenn bestimmt ist, welchVGröfse 
einer Veränderung unterworfen wird, und welche Gröfse un- 
verändert bleiben soll. Die Gröfse , die sich verändert, ist 
bleibend, nur ihr Zustand wechselnd, und dieses Wechseln 
des Zustandes trifft nur die Bestimmungen , die anheben und 
aufhören können. ^Dieser Uebergang findet immer in der Zeit 
statt und wird von zwei Funkten, des Beginnens und der 
Vollendung begrervzt. Das Folgende gehen wir mit den Wor- 
ten des Verfassers: „Die, Erzeugung der Gröfsen ist ein Fort- 
gang in der Zeit, welcher alles bestimmt; denn die Bestim- 
mung eines Dinges dadurch , wie viel mal die Einheit in ihm 
gesetzt ist, ist die Gröfse, und dieses wie viel mal gründet 
sich nur auf successive Wiederholung, auf die Zusammen- 
setzung des Gleichartigen in der Zeit; nehmen wir daher (wie 
es seyn mufs) 3x als einen gleichartigen Theil von x an, so 



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266 Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 

mufs die Gröfse x durch die Zusammensetzung der Theile 3x 
in einer gewissen Zeit entstanden seyn, und wenn $x in sei- 
ner Allheit (Totalität) in einem Zeittheile entstanden ist 9 so 

ist x in — entstanden ; denn es verhält sich 3x : x — 1 : — 
5x , ax 

und es ist daher der Veränderungstheil der gewordenen Gröfse 

'x x 
kein anderer, als x : — ~ 3x, denn wie in — Zeit x entstand, 

3x i 3x 

so mufs in 1 Zeittheile x * — 55 3x entstanden seyn» Ist die 

gewordene Gröfse y, so ist ihr Veränderungstheil ay ; ist die 
gewordene Gröfse z , so ist ihr Veränderungstheil 3«. Ist die 

gewordene Gröfse xxz x 2 , so kann hier x für sich allein nicht 

x 

in der Zeit ~ — erzeugt seyn, sondern nur in der halben Zeit 

~ t denn e * müssen sich hier in einem Zeittheile zwei 
23x " 

Veränderungstheile von x, d. i. 23x erzeugen, daher der Ver- 

x 

änderungstheil der gewordenen Gröfse x 2 stets x 2 : - - 83 

23x 

2x3xist.« 

Dieser Theorie Ober das Di.fferenzial der veränderlichen 
GrÖisen können wir nicht beistimmen ; denn wenn nicht ge- 
läugnet werden kann , dafs jeder Uebergang und jede Verän- 
derung in der Zeit vor sich geht, so gibt doch die Zeit kein 
Bestimmungsmoment für die Bildung irgend einer Gröfse, also 
auch des DifFerenzials ab, denn die Veränderungsfähigkeit 
liegt in der Gröfse selbst und nicht in der Zeit. Hr. Otto 
sagt ferner: die oben angegebene Veränderung mufs immer 
erfolgen, wenn sich eine Gröfse verändert; in x 2 ist die ver- 
änderliche Gröfse bestimmt angegeben, .also mufs auch hier 

x 2 4- 2x<?x (6*x) 2 
entstehen, warum hat der Verf. die Gröfse (3x) 2 gar nicht 
beachtet, die doch nach seinem eigenen Urtheil entstehen 
mufs«? Hierüber finden wir keine Auskunft, und die Schwie- 
rigkeit, welche durch die Aufstellung einer neuen Ansiebt 
über die Differenzialrechnung gehoben seyn soll, ist nur um« 
6 a ngen. 

Hr. Otto entwickelt nun, seiner Ansicht zu folgen, die 
Lyhren der Di£Ferenzialrechnung, welche nun weiter keiner 
Schwierigkeit unterworfen sind, wenn die ersten Grundsfitse 
zugestanden sind. Es folgt also: Veränderungstheil oder Dif- 



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Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 267 



ferenzial veränderlicher GrÖfsen mit negativen Exponenten; 
der Wurzelgrölsen, oder der veränderlichen Größen mit ge- 
brochenen Exponenten; Differenziale der »Potenzen mehrna- 
miger Gröfsen ; derProducte; gebrochene Functionen ; Auf- 
suchung der zweiten, dritten u. s. w. Differenziale; Integral- 
rechnung. Der Verf. ,nennt die Integralrechnung das Wie- 
d erb er stellen .de r Functionen aus ihren Verän- 
derungen, und gibt folgende Nach Weisungen über die 
Integralrechnung: Man hat dieses immer das Summiren ge- 
nannt, so wie die gesuchte Function aus irgend einer Verän- 
derung eine Summe, und dieses stets also erklärt, dsfs die 
Summe einer Function , in welcher Veränderungen vorkom- 
men, soviel heilst, als eine Function, woraus die gegebene 
veränderte Function entstanden ist. Die Engländer nennen 
es : die fliefsende Gröfse einer Fluxion finden, und ist weiter 
nichts, als eine werdende Gröfse aus irgend einem Verände- 
rungstheil finden, welches in allen teutschen Lehrbüchern der 
Integralrechnung dadurch bewerkstelligt wird, dafs man ge- 
hörig beobachtet, wie di* Veränderungstheile (von Einigen 
Elemente, von Andern D i ff e r e n z i a 1 e n genannt) aus ge- 
gebenen Functionen entstehen, und dadurch für mehrere ein- 
fache Fälle die Regeln zum Herstellen werdender Grös- 
sen (zum Integriren von Differenzialien) auf entgegengesetz- 
tem VVege aufsucht. Das Wiederherstellen der Functionen 
bezeichnet der Verf. nicht mit dem gewöhnlich gebrauchten 
Integralzeichen, sondern dadurch, dafs er ein F vor die ver- 
änderte Function schreibt. Statt dem für die konstante üb- 
lichen Zeichen C wählt der Verf. das Zeichen SB, und es ist 
also die Bezeichnung des Integrals, wenn $y s3 ngz ist, F n3z 
+ 83, wo dieses 25 eine jede beständige Gröfse bedeutet, deren 
Bestimmung davon abhängt, dafs min wisse, welchen Werth 
die ganze Function y in dem Falle erhält, wenn die verände- 
rungsfähige Gröfse 'a irgend einen bestimmten Werth be- 
ko mmt. 

Die Entwicklung des Integrals aus der vom Verf. aufge- 
stellten Ansicht über das DifFerenzial übergehen wir, da es 
uns zu weit führen würde. Es folgen nun: Vorschriften für 
die Aufsuchung des Integrals, welchem das Differential von 
folgender Form dy 72 a2xm — 1 dx zu Grund liegt. Integrale 
solcher Differenziale , welche aus der DiiFerenziation der Pro- 
duete der veränderlichen Gröfsen ; ferner solcher, welche 
durch DiiFerenziation der Brüche entstanden sind; Integral der 
Differenziale, welche aus der Differenz iaüon der Differenzia* 
len entsprungen sind. 



- • 

268 Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik» 

In diesem Abschnitte sind nur die Fundamentalregeln für 
die Veränderungen der Functionen und ihre Wiederholungen 
gegeben, die Auflösungen verwickelterer Fälle kommen im 
Spätem vor. 

Siebenzehen^er Abschnitt : Umwandlung gegebener 
Functionen in andere gleich werthige Functio- 
nen. Unter dieser Umwandlung versteht 'der Verf. das Ge- 
schäft, solchen Functionen, wo es nöthig ist ^ eine bequemere 
Gestalt zu geben. Der Begriff einer bequemeren Gestalt ist 
•ehr relativ, und es wäre zu wünschen, dafs sieb Hr. Otto 
deutlicher hierüber ausgesprochen hätte ; denn aueb dadurch, 
dafs es beifst: diese Umwandlung geschieht am häufigsten da- 
durch, ,dafs man aus der gegebenen Function eine Summe 

» mehrerer Functionen macht, zu welchem Zwecke die unbe- 
stimmten Coefficienten (deren Beschaffenheit gleich darauf 
noch näher erörtert wird) gute Dienste feisten , ist das eigent- 
liche Geschäft der Umwandlung* noch immer nicht erörtert. 
Diese Unbestimmtheit in der Definition scheint besonders da- 
herzu rühren, weil der Verf. viele und verschiedene Gegen- 
stände in diesen Abschnitt zusammengedrängt hat, die sich 
nicht leicht unter einen Gesichtspunkt bringen lassen. Fol- 
gendes hat der Verf. in diesem Abschnitt mitgetheilt. Die 
Gestalt, unter welcher eine Function hinsichtlich ihrer Glie- 
der und der mit ihnen verbundenen Coefficienten erscheinen 
könne, wird vorerst erörtert. Entwicklung einer gebroche- 
nen Function mittelst Division in eine Reihe; wiederkehrende 
Reihen. Pag. 179. lesen wir Folgendes: die gebrochenen 

* Functionen haben die Eigenschaft gemein, dafs, wenn msn 
dieselbe in eine vielgliederige Function umwandelt, ein jedes 
folgende Glied aus einem oder einigen vorhergehenden Glie- 
dem gefunden werden kann. Das Gesetz, nach welchem dies 
geschieht, liegt im Nenner. Ist z. B. die allgemeine Form 
einer gebrochenen Function 

A -f- Bx -4- Cx 2 . . . . 



i ax -f- bx 2 -f-*dx 3 . j . . 

so ist auch 

A-f-I3x4-Cx 2 = ($l-f-8x4-gx 2 ) (i 4-ax-f-bx 2 -+-ax 3 .. v *) 

und ^ 

o = i5l 4- S5x 4- <5x 2 -f- Dx" 4. <£x 4 4- . . , . . 
— A -f- a?lx 4- a$x 2 4- a@x 3 4-a£x 4 4- .... . 

— Bx-hb2ix 2 4-bS3x»4-b(5x 4 

— Cx 2 -r- cSTx 3 4- c$x 4 
— Dx 3 4-d2fx 4 
- Ex 4 



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1 



/ 

I 

Otto Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik. 269 

*~ _ > 

In diesem Berapiele haben sich so viele Unrichtigkeiten einge- 
schlichen, dafs wir sie nicht alle unter die Druckfehler rechnen 
können. 

In der Function / 

A -f- Bx -f- Cx 2 4- 

t 4- ax bx 2 -f- dx 3 + . . . . 
ist Zähler und Nenner unter der Form einer unendlichen Reihe 
gegeben, und in der darauf folgenden Zeile, wo der Nenner 
i auf die andere Seite dea Gleichheitszeichens gebracht ist , finden 
wir endliche Reihen. Es ist also statt . 

A f Bx f Cx* = f t ( i t t bx* f dx 3 + . . . . ) 
zu setzen 

A f Bx f Cx* 

X (i t ax f bx* f dx 3 f . . .) 
Offenbar ist im Nenner das Glied cx 3 ausgelassen, und der 
Nenner obiger Funktion mufs 

i f ax f bx* f cx 3 f dx 4 
heifscn, denn sonst mufsten die Glieder der 4ten Horizontal- 
reihe so bezeichnet seyn 

— Cx* f d2tx* f *%* 4 
während sie mit dem Coefficienten des im Zähler des Bruches 
fehlenden faen Gliedes vervielfacht sind. Ferner ist in der 
. 3ten Horizontalreihe b(5x 4 statt b{£x* zu lesen. 

■ 

Hierauf folgt die Zerlegung der gebrochenen Functionen 
in einfachere Brücke. Darstellung der Quadratwurzeln irra- 
tionaler Zahlen durch unendliche Reihen. Darstellung des 
Binoiniums mittelst der DifFerenzialrecbnung. Da die Ent- 
wicklung der Functionen in Reihen nur dann bequeme An wen« 
dung zuläfst, wenn die Glieder der entwickelten Function 
schnell couvergiren v so werden die Eigenschaften der conver- 
girenden Reihen näher betrachtet, und auf die Vortheile, 
welche sich hieraus für die Integralrechnung ergeben, auf- 
merksam gemacht; Taylorsche Reihe ; Umkehrung der in Rei- 
hen entwickelten Functionen. 

. Achtzehenter Abschnitt : Lo £ a r i t b m i sch e F u n et i o- 
nen, Entwicklung der Grflfse e (welche Hr. Otto durch ß 
bezeichnet) mittelst der DifFerenzialrecbnung; DilFerenzial 
oder Veiänderungstheil der logarithmischen GröTsen; Diffe- 
renziale der Exponentialgröfsen ; höhere DifFerenziale der Ex- 
ponentialgröfsen; Ableitung der gemeinen oder künstlichen 
Logarithmen aus den natürlichen ; Gebrauch der natürlichen 
Logarithmen bei der Integralrechnung. 



t = <* f «te + «*» t . . .)X 



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210 Otto Lehrbach der allgemeinen Arithmetik. 

... . . 

Neunzehnter Abschnitt : Reihen oder Progressio- 
nen. Begriff und Arten der Reihen; steigende, fallende; 
endliche, unendliche; Differenzreihen (arithmetische) ; Quo- 
tientenreihen (geometrische). Als Beispiel für wiederkehrende 
Reihen, welches nach XVII, 3- berechnet werden soll, ist 
folgendes angegeben, welches unrichtige Resultate enthält. 
Wir setzen es so, wie es angegeben ist, her, und lassen es 
darauf so, wie es heifsen toll, folgen. 

ofofi ofif3 of3ti» 3fnf4o 

1. 2. 3. i. 3. 3. i. a. 3. l. 2. 3. 

ofof3=3 of2f9=ii if6f33=4o 3f22f43=68 
giebt die Reihe i , 3 , i i ,4o, 6o (soll 68 heifsen) u.'S. f. 
Dafür ist zu lesen 
ofofi ofif3 «t^t*» 3fnf4o 

1. 2. 3. 1. 2. 3. 4. 2« 3. ' 1. 2. 3. 

ofof3=3 of2f 9^=i i ii-6t33=4o 3t22fi2o=i45 
giebt die Reihe i ,3, i i ,4o, i45 ü. s. t\ 

Der weitere Gang der Untersuchung ist: allgemeines 
Glied einer Reibe, Summe oder Summirendes Glied; Anlei- 
tung wie das allgemeine Glied einer Reihe durch Induction zu 
finden sey. Darstellung der summirenden Glieder der Reihen 
mittelst des Taylorschen Lehrsatzes; die Bernoullischen Zah- 
len; Herleitung des allgemeinen Gliedes aus dem summirenden 
Glied; die arithmetischen Progressionen werden näher unter- 
sucht; die Auflösung der 20 Aufgaben, welche bei den arith- 
metischen Progressionen möglich sind, werden mitgetheilt und 
acht Beispiele beigegeben ; Polygonalzahlen mit beigegebenen 
Beispielen, die figürlichen Zahlen, die Summirungsmethode 
derselben ist durch die Integralrechnung abgeleitet, was nicht 
gerade die überzeugendste und deutlichste Methode ist; Dif- 
ferenzreihen, bei welchen die 2te, 3te etc. Differenzen gleich 
sind; Geometrische Progressionen, Auflösung der hiebei mög- 
lichen 20 Aufgaben, mit ihrer Anwendung auf Zinszins und 
Rentenberechnung; wobei durebgehends Beispiele beigefügt 
sind. 

Zwanzigster Abschnitt: Höhere Gleichungen. Be- 
griff der höheren Gleichungen und Eigenschaften derselben in 
Ansehung der Zahl ihrer Wurzeln und der Bildung ihrer 
Glieder; unmögliche Wurzeln der Gleichungen ; Folge und 
Abwechslung der Zeichen; Anleitung zur Aufsuchung der 
Wurzeln der Gleichungen; Gleichungen mit gebrochenen 
Coeffiicienten, Cardan's und Rombelli's Regeln. Der Vf. hat 
hier einen kurzen Ueberblick gegeben Ober die ermüdenden 



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Fohmauu das Saugadersystem. 271 

Schwierigkeiten , welche sich bei der Auflösung der höhern 
Gleichung dem Calcul entgegenstellen , um den angehenden 
Jüngling in den Stand zu setzen, die weitere Untersuchung 
über diesen Theil der Mathematik mit Vortheil studiren zu 
können. 

Diesem Lehrbuche ist noch ein Anhang beigefügt, worin 
die sä mint liehen Aurgaben, welche im Buche vorkommen,, 
aufgelöst sind. 

Manche interessante kurze historische Nachweisungen 
sind gehörigen Ortes beigefügt. Druck und Papier ist gut 
und der Preis des Buches nicht zu hoch. 

Druckfehler, die wir bemerkt haben, und die nicht in 
der Vorrede angegeben sind, sind folgende: 

P. 4 Zeile 7 von oben ist zu lesen Aggregate statt Aggra- 
gate. P. 19 Z. 4 von oben 1 . 2 . 3 . 4 • 5 . 6 . . . . (n — 1) n statt 
1.2. 3. 4. 5.. .6 (n — 1) n. P. 33 Z. i o von unten einem 
statt einen. F. 46 Z. 7 von unten 3b 4 statt 3b. P. 137 Z. 12 
von oben Funktionen statt Fuctionen. P. 155 Z. 1 1 von oben 

dafs statt das. P. 193 Z. 3 v. oben i/6y 5 5y statt i/6y 5 . P.208 
2. 3 von unten n SS 2 statt n 53 3. P. 234 Z. 7 von oben in 
dem Schema q, x, S statt x,x, S. Zeile lOvon oben a, S,z 
statt n , S , z. 



Das Saugadersystem der Wirbelthiere. Von Vincenz Fohm ann , 
Doctor der Medicin , ordentlichem Professor der Universität zu 
Lattich S. W, Hrstes lieft' Das Saugadersystem der Fische* 
Mit XVIII Steindrucktafeln, Heidelberg und Leipzig , im Ver- 
lage der neuen akademischen Buchhandlung von Karl Groos. 
1827. fol. 

Preis 14 fl. 24 kr. Ausgabe auf Velinpapier 18 1. 

Diese Schrift mufs gewifs zu den interessantesten gezahlt 
werden, welche über vergleichend- anatomische Gegenstände 
in den letzten Jahren erschienen sind. Die Lehre vom Lymph- 
gefäfssyateme überhaupt und besonders von dem der Thiere, 
gehörte ohnstreitig bis zu den neuesten Zeiten unter die 
schwierigsten und dunkelsten im Gebiete der Anatomie, Vor- 
züglich ist dies vom Lympbgefafssysteme der Fische, Amphi- 
bien und Vögel zu bemerken. Der Hr. Doctor Fohmann, ' 
jetzt Professor der Anatomie in Lüttich, der sich schon früher 
durch eine kleine Schrift über jene Gefäfae rühmlichst bekannt 
machte, unternahm in den letzt verflossenen Jahren die müh- 

* 



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272 Fol) mann das Saugadersystem. 

. 

same Arbeit, das Lympbgefafssystem aller vier Gassen der 
Wirbelthiere zu untersuchen und, mit der niedrigsten jener 
Gassen beginnend, liefert er uns in dem vorliegenden ersten 
Gleite eine musterhafte Beschreibung des genannten Systems , 
wie er es in mehreren, zu verschiedenen Abtheilungen und 
Geschlechtern gehörenden, Fiscbarten gefunden hat. — Wenn 
gleich schon frühere Anatomen, und namentlich W. Hewson 
und AI. Monro, die Existenz der Lympbgefäfse nicht allein 
bei den Vögeln und Amphibien, sondern auch bei den Fischen 
nachgewiesen hatten, so fehlte doch bis jetzt theils eine ge- 
nauere Bestätigung des von ihnen Beobachteten, besonders 
da von einigen, selbst in der neuesten Zeit (z.B. von Mar- 
gen die) ihre Existenz gänzlich oder groisentbeils bei den 
genannten Thieren geläugnet, und zwar ganz eigenmächtig 
und ohne vorher angestellte aufmerksame Nachforschung, 
geleugnet wurde; theils fehlte es aber auch an fortgesetzten , 
ausführlicheren und ausgedehnteren Untersuchungen über die* 
sen Gegenstand. 

Sowohl in der ersten wie in der andern Hinsicht müssen 
die Untersuchungen des Verf. mit Interesse und Billigung auf« 
genommen werden. Er hat weit mehr geleistet als seine , 
Vorgänger. Sein »Werk ist reich an eigenen Untersuchungen, 
die auch den %ei weitem gröfsten Theil desselben ausmachen , 
reich an neuen Entdeckungen; so dafs Jedermann, dem es um 

gedeihliche Fortschritte der Wissenschaft zu thun ist, die 
aldige Fortsetzung desselben wünschen mufs. Dazu aber 
gehört natürlich auch thätige Theilnahme und Aufmunterung 
durch das Publicum, sowohl für den Verfasser wie für den 
Verleger. Kaum zu bezweifeln ist es jedoch, dafs es bei 
einem so wichtigen und reichhaltigen Werke daran fehlen 
könne. — Es sind besonders die Lympbgefäfse verschiedener 
Rochen und namentlich die eines Zitterrochen (Torpedo mar- 
morata), die des Aals, Hechts, Welses, der Steinbutte, des 
Salms, Kabliaus und Seewolfs genauer untersucht und auf 
18 Tafeln, unter denen sieb 9 Lineartafeln beAnden, sind die 
nöthigen Abbildungen jener Gefäfse aus den genannten Fischen 
mit grofser Sorgfalt und Deutlichkeit sehr gut dargestellt. — 
Da eine eigentliche Kecension dieses Werks nicht von uns 
beabsichtigt wird, so wollen wir nur ganz kurz seinen Inhalt 
angeben, und das Studieren desselben, indem es sich nicht zu 
einem Auszuge eignet, anempfehlen. 

(Der Besehlufs folgt.) 

t 

» ■ 



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N. 18. ' 1827. 

# 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Folimann, das Saugadersystem der Wirbelthiere. 

(He schlu fs.) 

Der Verf. hat dieses erste Heft seinem Lehrer, dem Herrn 
Geheimen Rathe Tiedemann gewidmet. Nach der Vorrede 
folgt ein kurzes Inhaltsverzeicbnifs und von S, 1 — 17 berührt 
er in einer allgemeinen Einleitung das Geschichtliche über 
das Lymphgefäissystem , bemerkend , dafs, trotz der Unter-b 
suchungen so vieler ausgezeichneten Anatomen, doch noch 
verschiedene Puncte in der Lehre vom Saugadersysteme unent- 
schieden geblieben seien. Diese Puncte sind namentlich: 

1) Auf welche Weise die Stoffe aus dem Darmcanäle in 
die Saugadern gelangen ; 

2) ob die Lymphgefüfse noch an anderen Stellen und 
mit anderen Venen als den Schlüsselbeinvenen zusammenmün- 
den , und , 

3) ob aufser den Saugadern auch die Venen ein Einsau? „ 
gungsvermögen besitzen oder ob dieses nur den ersteren zuzu- 
schreiben sey. 

Besonders über die beidejp letzteren Puncte erklärt sich 
der Verf. deutlich und bestimmt und nimmt nach seinen Un- 
tersuchungen an, dafs nicht allein die Schlüsselbeinvenen 
durch die Milchbrustgänge Lymphe aufnehmen , sondern 
dafs sich verschiedene Verbindungspuncte zwischen Lympb- 
und Venensysteme nachweisen lassen (wie dies auch schon in . 
seiner frühern Schrift geschehen war), und dafs auch nicht 
allein jenem Gefüfssysteine , sondern auch diesem Einsaugunga- , 
vermögen zugeschrieben werden müsse. — Der Hr. Verf. ver- 
spricht nun , um jene Puncte weiter auszumitteln und zu prü- 
fen, zuerst eine anatomische Untersuchung des Saugader- 
systems der Wirbelthiere, auf welche der physiologische Theil 
folgen soll. Am Schlüsse der Einleitung werden die nöthigen 
Handgriffe zum Auffcnden und Einspritzen der Lymphgefäfse 
beschrieben, und dazu die geeigneten Vorrichtungen und In-. 

XX. Jahrg. 3. Heft. , 18 



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274 Fohmann das Saugadersystem. 

strumente angegeben. Alsdann folgt ein kurzer Abschnitt 
über die Entdeckung der Saugadern in den drei niederen Clas« 
sen der Wirbeltbiere , und es werden hierin namentlich die 
Verdienste von Alex. Monro und Will, H e w s o n gewür- 
digt. — Von S. 20 — 37* wird eine sehr umständliche 
Erklärung der Abbildungen geliefert und zugleich manche in- 
teressante Bemerkung mit eingellochten. Tafel 1 und 2 stellen 
die Saugadern eines weiblichen Zitterrochen, den der Verf. 
zu diesem Zwecke von L euc k ar t erhalten hatte, dar; Tafel 3 
und 4 zeigen die Saugadern und Sangadersäcke der Verdau- 
ungsorgane und der Geschlechtstheile des Aals (Muraena An- 

fuilla), so wie dessen Mflchbrustgänge, ihre Verbindung mit 
en Drosselvenen und die Lymphbehälter (Cysternae Chyli), 
Die letzteren liegen unter Knochenscherbeben der Kiemen- 
Logen; durch die Action derselben drücken sie auf die unter- 
liegenden Lymphbehälter und treiben so den ChyJus aus den- 
selben fort. Tafel 5 versinnlicht uns die Saugadern der Ver- 
dauungswerkzeuge find Geschlechtstheile des Hechts. Die 
sechste Tafel stellt die verschiedenen Gefäfse auf dem Magen 
des Welses (Silurus Glanis) und der Steinbutte (Pleuronectes 
maximus), so wie die Verbindung kleiner Saugaderzweige 
mit kleinen Venenzweigen dar. Tafel 7 enthält einzelne Dartn- 
stücke des genannten Zitterrochen und des Welses mit den 
äufseren und tieferen Saugadernetzen und den Verbindungen 
kleiner Saugaderzweige mft Venenästchen. Die Masse und 
Gröfse von Saugadergefäfsen auf dem Darme, besonders des 
Ro hen, ist ganz erstaunungswürdig. Auf Tafel 8 sehen wir 
d ; i Anordnung der Saugadern im Darmcanale des Seewolfs 
(Anarrhichas Lupus), und die neunte lehrt uns zuletzt die 
Saugadern der Tförtneranhäng^i (Appendices pyloricae) vom 
iau (Gadus Morrhua), die Lymphgefäfse der Kiemen an 
dem Salme (Salmo Salar) und dem Aale kennen. Sehr bemer- 
kenswerth ist hiebei die Feobachtung F oh mann**, dafs sich 
lymphatische Gefäfce völlig in den Kiemenblättchen auflösen. 
Die Lymphgefäfse gehen übrigens von den Chylus- oder 
Lymphbehälterh aus zu den Kiemen, wo sich ein zuführendes 
und ein ableitendes Gefäfs der Art beun Salme, wie beim Aale, 
an jedem Schenkel der Kiemenbögen findet; drei zuführende 
dagegen und zwei zurückführende an jedem Kiemenblättchen 
des Salmes, zwei zuführende und zwei ableitende aber nur 
beirti Aale an jedem sokben Blättchen. — Zum Schlüsse gibt 
der Verf. von S. 38 — 46. noch eine Uebersicht von den Ff- 
schen* in welchen die Saugadern bis jetzt beobachtet wurden, 
nebst einer vergleichenden Darstellung der älteren Lehren 



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Fohmann das Saugadewystem. ( x 275 

mit seinen eigenen Erfahrungen über diesen Gegenstand. Es 
würde uns zu weit führen , aus diesem letzten Abschnitte das 
Wichtige mitzutheileO, und wir müssen den Leser auf das Ganze 
selbst verweisen. Nur das wollen wir bemerken, dafs der 
Verf. nie bei Fischen freie Mündungen der Saugadern rinden 
konnte, wie sie Monro und Hewsoh angaben, sondern sie 
endigen nach ihm immer blind* an den meisten Körpertheilen 
Bläschen oder Erweiterungen bildend, die eine innere glatte 
und eine äufsere mehr dem Zellstoff ähnliche Flffche darstel- 
len. Sie saugen Flüssigkeiten durch ihre Wä^durigeri ein, 
es ist ein Durchdringen oder Durchnässen der Substanzen, 
abhängig von dem Gewebe jener Gefäfse und nach den Ge- 
setzen der CapillargefaTsanziehung erfolgend. Höchst selten 
hat der Verf. Chylus jn den Saugadern beobachtet , und wo 
er dies konnte, hatte der Chylus keine railchähnlicbe, son- 
dern eine ins Grauliche spielende Farbe. Er erklärt sich ge- 

Sen Mol) ro 's Meinung , nach welcher die Saugadern wahre 
luskelfasern Besitzen sollen , obgleich er sich von dem Con- 
tractionsvermögen dieser Gefäfse deutlich überzeugte. Wo 
die gröfseren Saugaderstämme in die Venen münden, werden 
Klappen wahrgenommen, sonst nicht; die schwachen Ein- 
schnürungen aber, die sich an den Saugadern der Fische zu 
linden pflegen, sind nach dem Verf. Andeutungen der Klap- 
pen, wie sie bei den höheren Thiereh in jenen Gefäfsen er- 
scheinen. — Dies mag hinreichen , um den Zweck und das 
' Ziel, die der Verf. bei Herausgabe dieses Heftes vor Augen 
gehabt, kennen zu lernen. Viele schöne Materialien für die 
folgenden Hefte hat Ref. schon zu sehen Gelegenheit gehabt. 
Alle Präparate von Lympbgefäfsen der Fische, die Dr. Foh- 
mann gemacht bat und die theilweise nur in diesem Hefte 
abgebildet sind, hat Ref. entweder nach oder während ihrer . 
Anfertigung bei dem ihm befreundeten Verf. selbst gesehen , 
hat sich oftmals von der Verbindung der Lympbgefäfse mit 
den Venen selbst überzeugt, so wie überhaupt von der Rich- 
tigkeit der angestellten Untersuchungen, wobei er gegen- 
wärtig seyn konnte. —- Was die Präparate betrifft, so finden 
sich' diese theils in Heidelberg in der vergleichend -anatomi- 
schen Sammlung j theils* sind sie vom Verf. nach Lüttich mit- 
genommen. 

L. 



18* 



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276 Ueber die nordischen Vögel« 

1) Tagebuch gehalten auf einer Reise durch Norwegen im Jahre 1817 , 

von Boje. Herausgegeben mit Anmerkungen von H. Boje, 
Doct.PhiL Mit einer Karte. Schleswig , 1322. Gedruckt und 
verlegt im Kön. Taubstummen' Institute. 852 S. 8. 1 Tbl. 8 Gr. 

2) Prodromus der isländischen Ornithologie oder Geschichte der Vögel 

Islands, Von Friedrich Fab e r , Mitglied* der Isländischen 
literairen {Itter ärischen) Gesellschaft* Kopenhagen, 1822. 110 S. 
8. Auf Kosten des Verfassers. 20 Gr. 

3) Ueber den Haushalt der nordischen Seevögel Europa' s , als Erläu- 

terung zweier nach der Natur gemalten Ansichten von einem Theile 
der Dünen auf der nördlichsten Spitze der btsel Sylt unweit der 
Westküste der Halbinsel Jutland, Von Joh t Fried r. Nau- 
mann, Mit zwei colorirten Kupfertafeln, Leipzigs bei Ermt 
Fleucher. 4824. 19 5. Querfolio. .4 Thlr. 16 Gr. 

4) Ueber das Leben der hochnordischen Vögel, Von Friedrich 

Fab er. Heft 1. 1825. Heft t, 1826. Leipzig , bei Emst 

Fleischer. 821 S. 8. 2 Thlr. 4 Gl. 

» 

Besonders in neueren Zeiten ist sehr viel für die Natur- 
geschichte der Vögel gethan. Es sind nicht allein eine grofse 
Menge neuer Arten beschrieben, wie dies namentlich von 
Temminck und mehreren anderen geschehen ist, man bat 
nicht allein die Vögel in eine richtigere systematische Ord- 
nung zu bringen gesucht, sondern man hat auch mit Eifer 
und Genauigkeit die eigentliche Naturgeschichte jener 
befiederten Thiere, d. h. ihre Lebensweise, ihre jährlichen 
Metamorphosen u.s. w., näher kennenzulernen gesucht. Kein 
Land hat in dieser Hinsicht eifrigere Forscher aufzuweisen, 
als unser Teutschland. Sind gleich in anderen Ländern pracht- 
vollere Werke «her jenen Zweig der Zoologie erschienen — 
wir erinnern s B. an die ausgezeichnet schönen ornithologi- 
•chen Werke eines Buffon, Le Vaillant, Audebert, 
Temminck » Vieillotu. a.; — so können wir Teutsche da- 
gegen auch musterhafte Arbeiten, nicht selten vorzüglich 
wichtig in Betreff der Lebensweise der europäischen Vögel 
fiberhaupt, und besonders der teutschen Arten, aufweisen. 
Bekannt zur Genüge sind in dieser Hinsicht die Untersucbun- 

§en von Bechstein, Leisler, Naumann, Vater und 
ohn, Meyer und Wolf, Bork hausen, Lichthammer 
und Bekker, Nitzsch, Brehm, Thienemann u. m. a. , 
so wie auch die musterhaften anatomischen und physiologi- 
schen Arbeiten, die uns Tiedemann, über die Vögel im 
Allgemeinen, geliefert hat. Genaue Untersuchungen über die 

■ 



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Ueber die nordischen Vögel. 277 

Vögel der Schweis stellten Meisner, Schinx u.a. an; über 
die in Schweden vorkommenden R e 1 1 i u s, Sparrmann u.a M 
in den neuesten Zeiten besonders N i 1 s I o n. Vieillot ar- 
beitet an einer Ornithologie franr^aise, von der schon mehrere 
Lieferungen erschienen sind. Prof. Koux in Marseille giebt 
jetzt eine Ornithologie proven^ale heraus , von dpr bereits 
die ersten Hefte, mit mittelmäfsigen Abbildungen begleitet, 
ausgegeben sind. Die brittischen Vögel bearbeitete Levin; 
jetzt liefert Selby ein Werk darüber. In Betreff der außer- 
europäischen Vögel ist in den neuesten Zeiten kein vortreffliche- 
re» Werk erschienen, als das, die Naturgeschichte der nord- 
amerikanischen Vögel behandelnde, Prachtwerk von Wilson. 
Südamerikanische, namentlich brasilianische Vögel haben der 
Prinz Maximilian vom Neuwied, Spix u. a. beschrieben. 
— Was übrigens der grölste jetzt lebende Ornitholog, Herr 
fem minck, für die Naturgeschichte der europäischen sowohl 
wie der exotischen Vögel geleistet bat und noch leistet, inufs 
jedem Zoologen bekannt seyn. — — 

Als vorzüglich interessant, allein sehr schwierig dabei, 
wurde von jeher die Naturgeschichte der Wasser- und Sumpf- 
vogel angesehen ; interessant, wegen der eigentümlichen 
Lebensweise und des Nutzens, welchen sie dem Menschen 
gewähren; schwierig, wegen der oft so bedeutenden Ver- 
schiedenheit ihres Gefieders in den verschiedenen Altersperio- 
den und selbst zu den verschiedenen Jahreszeiten, so wie 
auch wegen des oft wenig zugänglichen Aufenthalts , da vie- 
len von fliesen Thieren vorzüglich der hohe und höchste Nor- 
den der Erde zur eigentlichen Heimath von der Natur ange- 
wiesen ist. Höchst wünschenswerth und erfreulich müssen 
daher Beobachtungen und Untersuchungen in Betreff der Na- 
turgeschichte jener Thiere seyn, und besonders deshalb, aber 
auch in Betreff anderer Vögel - Geschlechter und Arten, haben 
uns die vorliegenden Werke, die wir hier anzeigen werden , 
bei einem genauem Studium derselben, ein vorzügliches Ver- 
gnügen gewährt. 

No. i. Herr Fr. Boje ist auch xu jenen teutschen Or- 
nithologen xu zählen, die in mehrfacher Hinsicht die Natur- 
geschichte der europäischen Vögel bereichert haben. Vor Er- ' 
jeheinung seiner Heise erhielten wir von ihm schon in Wie- 
demar! n's Zoolog. Magaz. Bd. I. St. 3. 1819. S. 92 f. ver- 
schiedene interessante Bemerkungen über xu den Temminck- 
schen Ordnungen Cursores, Grallalores, Finnatipedes und 
Valmipedes gehörige Vögel, mit besonderer Rücksicht auf die 
Herzogthüiner Schleswig und Holstein, und späterhin lieferte 

» 



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278 üebcr die nordischen Vögel. 

er noch, aufser seiner Reisebeschreibung, einige ornitbologi« 
sehe Aufsatze, z. B, über Classification , insbesondere der eu- 
ropäischen Vögel, und andere Beiträge in Oken*s Isis.. 

Das vor uns liegende Tagebuch; welches der Akademie 
der Wissenschaffen in Copenhagen gewidmet ist, verdankt 
seine Enptehuug einer Heise durch Norwegen, die der Verl. 
im Jahre 1817 mit einem Freunde , dem Lieutenant v. Wöl- 
dike, machte, und deren Hauptmotiv war, die Naturge. 
schichte der nordischen Vögel überhaupt zu bereichern , vor- 
züglich aber Beobachtungen über die nordischen Seevögel an- 
zustellen und von denselben Exemplare zu sammeln. Ersteres 
sowohl wie letzteres ist ihm, da er ein leidenschaftlicher und 
geübter Jäger ist, sehr wohl gelungen, nur müssen wir be- 
dauern , dafs er so sehr wenig auf andere Thiere Rücksicht 
genommen hat, was er doch wohl leicht gekonnt hätte. Wir 
erfahren sehr wenig über einige dort lebende Säugthiere, fast 
gar nichts, über Fische , Amphibien (von welchen letzteren zwar 
wohl wenige oder keine Artep mehr in dem hohen Norden von 
Norwegen vorkommen mögen) und wirbellose Thiere. Dafs auf 
der andern Seite während einer solchen Reise die eifrige Verfol- 
gung eines Hauptgegenstandes wieder Nutzen bringt, indem 
dadurch allerdings die Untersuchung desselben an Ausführlich- 
keit und Genauigkeit gewinnt, ist nicht zu leugnen ; es scheint 
dem Ree. jedoch , dafs eine naturhistorisebe Reise so vielseitig 
als möglich seynmufs. Po n t o p p i d a n' s hinlänglich bekannte, 
weit frühere Bemerkungen über Norwegen sind daher, was letz- 
tem Punct anbetrifft, der Boje'schen Arbeit weit vorzuziehen. 
Wir dürfen aber dabei auch nicht mit Stillschweigen über- 

fehen, dafs Hr. Boje nur sehr kurze Zeit, Pant oppidan 
agegen so viele Jahre in Norwegen war. Aufser dem letzt- 
genannten sind noch für die Zoologie von Norwegen wichtig 
Linne'i und Reuius Fauna Suecica , die Zoologia Danica 
Von Müjler, die neueren Arbeiten des wackern N il s son , 
der ein Jahr früher als Bo j e Norwegen bereiste, und die in- 
teressante und wichtige Reise von J. VV. Zetterstetjt (Prof. 
in Lund), sowohl für Naturgeschichte, Botanik u. s. w. wie 
auch für Geographie (Resa genom. Sverige* octl Norriges Lapp- 
marcker forrättad Aar. lQgl.). Die von Leopold v. Buch 
(worauf in Bezug aufGepgnosie öfters verwiesen worden ist), 
Hausmann, yargas, Bedemar ußd später von Nau- 
mann (l82| und 22.) durch Norwegen unternommenen Reisen 
berücksichtigten vorzüglich das mineralogische Fach. 

Hr. Boje hat seine Reisebeschreibung in Briefform ab- 
gefafst und die Briefe an seinen vortrefflichen Bruder, den 



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Utber die uordisclun Vogel. 279 

Herausgeber des Tagebuchs , — der jetzt den Naturschätzen 
Java's zugeeilt ist, und dem wir, von freundschaftlichen und 
herzlichen Gesinnungen für ihn erfüllt , eine fröhliche Heim- 
kehr wünschen , — gerichtet. Dieser hat verschiedene wackere 
Bemerkungen noch zugefügt und mitunter lrrthümer des Bru- 
ders berichtigt. 

In jedem Briefe wird zuerst eine Beschreibung der Reise 
geliefert, und dann werden Nachrichten Über die naturhisto- 
nschen Beobachtungen und Acquisitionen mittet heilt. — Der 
Verf. reiste gegen Ende des März von Kiel nach Copenbagen , 
und, den Landweg durch Schweden einschlagend, über Hel- 
singör, Heisingborg u, s. w. nach Christianja und von 6ier 
nach dem 56 nordische Meilen davon entfernten Drontheim, 
wo er am dritten Mai anlangte. S. 50. wird kürzlich der 
Geschichte eines Copenhagener Uhrmachersohns gedacht , der 
mit vierzig Mann Island eroberte und sich zum Könige von 
Island proclamiren Uefs. Seine Flagge führte drei Stockfische 
im farbigen Felde. Die Engländer machten diesem Königs- 
tbume wie seinen Stockfischen bald ein Ende. — Die Lage 
von Drontheim, diesem uralten nordischen Heldensitze, ist 
sehr schön. Verschiedene Streifereien wurden in der Gegend 
angestellt, und vorzüglich wird auf einen Wasserfall, die Nid 
Elve, aufmerksam gemacht, der bei den romantischsten Um- 
gehungen mit bedeutender Wassermasse an siebenzig Fufs 
hoch herabstürzt. Von Drontheim ging es zu Lande weiter 
üher Hangau, die Höfe Vaardalen, Hammer, Holme, Aargard 
(im Stifte Drontheim gelegen) nacb den Höfen Foldereid und 
Terraack, am Bindalsfiord. Von hier ging es nun durch die 
Fogderie Helgeland gröfstentheils zu Wasser, immer zwischen 
dem Festlande und den Inseln bin, von welchen letzteren ver- 
schiedene , wie Alstenöe, Löötland und Arenoe gesucht wur- 
den, bis zu der Stadt Hundholmen, in Saltens Fogderie. Ein 
Fahrzeug führte dann den Verf. (iber den Vest Fiorden nach 
Loffodens Inselkette über Stamesund, Insel Moskenoe zur In- 
sel Väroe und von da wieder zurück nach der Insel Ost Vaagen 
und der nördlicher gelegenen Vest Vaagen (hierauf Vaagen). 
Jene Dänischen nördlichsten Fogderien , aus mehreren gröfse* 
ren und kleineren Inseln und Inselgruppen bestehend, sind 
in Hinsicht der Fischerei die wichtigsten des Landes. Nach- 
dem auf jenen Inseln vielfache Acquisitionen gemacht waren, 
schiffte der Verf. über den Vest Fiorden zurück, und gelangte 
wieder, nachdem er die Insel Grytoe (Grydoe , auf der Karte) 
hesucht hatte, zum Festlande, wo zuerst der Hof Keringöe 
besucht wurde. Nach einem Umweg theils zu Lande theils 



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280 üeber die nordischen Vögel. 

zu Wasser über den Sör-Folen Fiord kamen die Reisenden zu- 
rück nach Hundholmen. Von hier aus wurden früher grofse 
Sendungen von Fischen bis nach Spanien hin gemacht, jetzt 
nur noch nach dem übrigen Norwegen, besonders nach Oront- 
heim, nach England und Rufsland. Nachdem die Reisenden 
jene Stadt verlassen hatten, ging der Weg über den Saltens 
Fiord in den Fiord Bejeren ; dann an dem rlusse Bejeren hin 
ins Innere des Landes. Sie hatten einen höchst beschwer- 
lichen Weg, über hohe Gebirge, kamen nahe an der Schwe- 
dischen Gränze vorbei und durchschnitten zwischen dem 66 
und 67° N. Br. den Polarkreis. An dem Ranenselve hin , im 
Innern des Landes, ging die Reise zu dem Ranens Fiord und 
über denselben zur Insel Loötland; von hier aus bestündig 
z.ur See, an verschiedenen Inseln Helgelands, z.B. Tiötoe, 
noch einige Zeit weilend , längs der Küste hin wieder nach 
Drontheim., Ankunft daselbst in der Mitte des September. 
Nach einem mehrtägigen Aufenthalte wurde die Rückreise an- 
getreten , und in der Mitte Octobers kamen die Reisenden 
über Christiania, Heisingborg und Lund in Copenhagen wie- 
der an, — Viele Mühseligkeiten , die bei einer solchen Reise, 
welche bis über den 68° N, Br. sich erstreckte, nicht gering 
waren, selbst lebensgefährliche Momente, waren glücklich 
überstanden. 

Aufser der Besclneibung der Reise selbst und den mitge« 
theilteri naturhistorischen Beobachtungen rinden wir in diesem 
einfach und getreu ausgearbeiteten Tagebuche noch verschie- 
dene interessante Bemerkungen. Schilderungen verschiedener 
Gegenden und manche Nachrichten über die Sitten und Ge- 
bräuche des Landes , worüber wir jedoch, allein von früheren 
Zeiten her,' weit vollständiger in des ehrwürdigen Pantop- 
pi dan Werken belehrt wurden und werden konnten. — Bie- 
derbe, gastfreie, treuherzige, einfach lebende Menschen sind 
die Normänner, deren Element die See ist. Ein Festtag ist 
es für sie, die meistens einsam wohnenden , wenn Fremde zu 
ihnen kommen. Ihre Kirchen, ihre Höfe, die meistens aus 
mehreren Häusern bestehen, alles liegt einzeln. In einer Fog- 
derie sind jedoch oft sehr viele; so zählt z.B. Helgeland allein 
1233 immatrikulirte Höfe. Ein gar mühsames, für den Un- 
terhalt aber wichtiges Geschäft ist es den armen Küsten - und 
Inselbewohnern, die Eier der verschiedenen Seevönel aufzu- 
suchen; oftmals selbst lebensgefährlich. S. 207. werden zwei 
Beispiele erzählt von Menschen, welchen das Aufsuchen der 
Eier das Leben kostete. Obstcultur ist in jenem Norden 
nicht zu Hause. Einige Meilen von Hundholmen sah Boje 



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Ueber die nordischen Vogel. < 2öl 

(S. 237.) zwar Apfel - und' Kirschbaume in einem Garten, sie 
Latten aber noch nie Blüthen hervorgebracht; u. s. w. 

In naturhistorischer Hinsicht finden sich in dieser Reise 
vorzüglich interessante Beobachtungen und Angaben über 
die nordischenFinken, Ammern, die Schneehühner , verschie- 
dene Mövenarten , Enten, Lurnmen u.a., benutzt schon in 
neueren Werken , z. B. der zweiten Aufl. von Temm inck's 
Manuel d* Ornithologie etc., in Brehm' s Naturgeschichte 
aller europäischen Vögel u. s. w. Nur einige wenige Bemer- 
kungen mögen deshalb genügen. — Ueber Säugthiere haben 
wir nur ganz wenig gefunden; so z B. dafs der Bür auf den 
Loffodischen Inseln nur in Vaagen einheimisch ist (S. 235.); 
dafs die Existenz von zwei verschiedenen Arten von Lüchten, 
in Norwegen nicht zu bezweifeln sey (S. 272.) j dafs der 
sitzer einer Insel eine JLutra vulgaris hesafs, die g;tnz jung 
eingefangen, ein völliges Hausthier und einem grolsen Hof- 
bunde unzertrennlich befreundet geworden sey , seine Nah- 
rung aber immer aus der See selbst geholt habe (S. 32t ); dafs 
Pterömys volans nie von Boje in Norwegen gefunden und 
nirgends von den Einwohnern gekannt ist (S. 272-)» dafs der 
Edelhirsch noch im Orontheimer Stifte, aber nicht häufig, 
vorkommt, besonders auf der Insel Olteroe , und, wie der 
Verf. bemerkt, dürfte dies leicht der nördlichste Punct seyn , 
den diese Hirschart bewohnt (§. 76.) ; dafs man nahe der 
höchsten Spitze der reisen der Insel Sandhoven, hoch über 
dem Meere, das vollständige Gerippe eines VVallfisches gefun- 
den habe (S. 265.). Die Wandermäuse , Mus (Hypudaeus) 
Lemmus, ziehen vom Festlande oft schaarenweise , das Meer 
durcbschwimmencr, auf die Inseln , z.B. Notdherroe. 

Ueber Norwegens Vögel erfahren* wir , wie schon be- 
merkt, in dieser Heise ungleich mehr und manches Neue. 
Strix (Otus) brachyotus wird, wo sie sich häufig zeigt, sehr 
nützlich bei Vertilgung der Mäuse, ^nd folgt oft den Zügen 
der Lemmings z. B. (S. 151.). Diese Art, Strix flammea und 
Falco (Pandion) HaliaÖtos scheinen alle Welttheile zu be- 
wohnen. Weit verbreitet mufs auch, wie wir hier gleich 
noch bemerken wollen, die Tringa alpina seyn, die von den 
Nordküsten an sich weit gegen Süden findet,, bis nach dem 
Vorgebirge der guten Hoffnung hin, wo Kühl, nach einer 
Bemerkung des Herausgehers, ein Exemplar geschossen hat. 
Corvus infaustus kömmtauch in Norwegen vor, und ist of- 
fenbar zu den Hehern (Garrulus, Cuv.) zu zählen. Hat einen 
deutlichen Zahn vor der Spitze des Oberschnabels , wie der 
Herausgeber auch bei allen Exemplaren des Corvus Glandarius 



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282 üeber die nordischen Vögel. 

fefunden hat (S. 44.). Unser Reisender fand Elstern auf dem 
Vege nach Drontheim in grofser Menge, und glaubt, dafs sie 
wohl eigentlich mehr dem Norden angehören; sie nisten dort 
in den Gebäuden, man achtet sie sehr hoch und vermeidet sie 
zu tödten (S. 45.). ^ m südlichen Teutschlande, z. B. im Ba- 
denschen, finden sie sich schon nicht so häufig als im nörd- 
lichen, wie der Herausgeber anmerkt und wie auch Ref. be- 
stätigen kann. Das Geschrei von Picüs tridactylus ist nicht 
von dem der Buntspechte zu unterscheiden, und auch die Le- 
bensart scheint ganz dieselbe (S. 256.)- Herr Bre,tvm be- 
merkt in seinem sehr trefflichen Lehrbuche der Naturgeschichte 
aller europäischen Vögel Bd. 1. S # 194» dafs Fringilla Mon. 
tium selbst in Norwegen so scheu und vorsichtig sey , dafs 
selbst der aufmerksame Boje das Nest dieser Art nicht Enden 
konnte. Vermutblich 4 sind Eier und Nest wenig von denen 
unsers Bluthänilings verschieden. Das Nest von Fringilla Ii. 
naria fand Boje in der Bauart auch ganz dem unsers Hänflings 
ähnlich, vier Eier darin , nicht gröfser als die von Fringilla 
serinus und diesen ähnlich; grünlich weifs mit braunröthlichen 
Tüpfelchen (S. 253.). Emberiza nivalis vertauscht ihr Som« 
merkleid gegen das Winterkleid , wie Fringilla cannabina u.a., 
durch Abstofsen der Federspitzen, nicht aber durch eine 
Frühlingsmauser (S. 31.). Der merkwürdige Cinclus aquati- 
cus lebt gern, wo der Strom # recht wild und reissend ist, und 
taucht selbst kühn in den Strudel hinab. Gesang mehr gras- 
inücken- als drosselartig, Soll im Frühjahre vom Laich der 
Fische leben. Geht nach Skiöldebrand (Reise nach dorn 
Nordkap) bis gegen den 70* N. Br. (S. 47.) Ref. bemerkt, 
dafs dieser Vogel zuweilen wohl, zum besondern Erstaunen 
der Fischer, in Netzen mit den Fischen gefangen wird. Jener 
nordische Cinclus ist von Brehm a. a. O. S. 287. als eigne 
Art unter dem Namen Cinclus septentrionalis von C. aquaticus 
unterschieden; ob aber mit Recht und ob die angegebenen 
Unterscheidungszeichen^tich halten, mufs die Folge bei ver- 
gleichender Untersuchung lehren. Hrn. Brehm ist bekannt- 
lich nicht immer bei seinen neugeschaffenen Arten zu trauen. 
Turdus pilaris nistet zwischen den gröfseren Aesten der Bir- 
ken, und oft finden sich mehrere Nester auf einemBusche nahe 
hei einander (S. HO.). Dieses gesellige Nisten wäre, nach 
dem Herausgeber, eine Aehnlichkeit und Annäherung dieser 
Drosselart zu den staarenähnlichen Vögeln mehr, worauf schon 
Le Vaillant (Oiseaux d'Afrique Vol. II. p. i85.) hindeutete. 
Ein Pärchen der Fensterschwalbe (Hirundo urbica) hatte sei- 
nen Aufenthalt ganz in der Nachbarschaft grofser Schneehaufen 



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Ueber die nordischen Vögel. 283 

und eines noch halb zugefrorenen Teiches gewählt , wo sieb. ) 
Mücken und Heuschrecken fanden. Boje führt dies wohl mit 
Recht als einen Beweis an , dafs weniger die Temperatur der 
Luft als der Mangel an Nahrungsmitteln den Wanderungen 
der Vögel ein Ziel setzt (S. 273.)» Nach S 60. will man auch 
in Norwegen im Winter Schwalben unter dem Eise hervor- 
gezogen haben. Es ist doch merkwürdig, dafs an so vielen 
Orten Beispiele von der Wintererstarrung der Schwalben er» 
zählt w er 4 en - Ref., dem wobl die Gründe, welche von 
Leisfer und anderen dagegen angeführt wurden, bekannt 
sind, und der sich selbst noch nicht entschliefsen kann, recht 
daran zu glauben, hat schon so viele Fälle, und zuweilen von 
glaubwürdigen Leuten , unter anderen von einigen seiner Zu- 
hörer, die wohl eine Schwalbe kannten, gehört, dafs er wirk- 
lich immer ungewisser über diesen Funpt wird und fast anneh- 
men mögte, es könnten doch einzelne, namentlich wohl Ufer- 
schwalben , durch manche Umstände gezwungen, in eine Art 
Wintererstarrung verfallen. 

Was Boje über Tetrao albus und Lagopus bemerkt hat, 
ist von Brehm alles getreu in dessen schon angezeigtem 

Werke Bd. IL benutzt Das Frühlingsgeschrei des Totanus 

Glottis gleicht dem Tacte nach ganz dem Thiü-hü-hü des 
Totanus Calidris, nur sind die Töne höher und durchdringen- 
der. Es hat jener Vogel die Gewohnheit, sich auf die Spitzen 
der Tannen zu setzen (S. 58 f.)» — Von den Seevögeln wird 
vom Herausgeber S. 9. bemerkt, dafs sie sich weniger an das 
Clima binden als Landvögel, dafs aber allen doch eine Re- 
gion vorzüglich zum Aufentbalte angewiesen sey. Schwer 
ist die S. 201. aufgeworfene Frage zu beantworten , was 
so viele Seevögel bestimmen mag, nur einzelne Felseninseln 
gerade vor vielen anderen, die nicht minder passend für ihren 
Zweck zu seyn scheinen, vorzuziehen und jährlich an ihre 
Brutplatze zurückzukehren. Gewohnheit, Hang zur Gesellig- 
keit, passendere Nahrungsmittel, bequemere, schützender? 
und günstigere Lage einer Insel, können dafür angeführt wer*« 
den ; ohne Zweifel ist es aber wohl ein höheres JVaturgesetz. , 
Welches, den Aufenthalt dieser Thiere bedingt. Man möge da?;u 
die interessanten Bemerkungen des Herausgebers vergleichen« 
— - Manche Möven bewohnen die^ gleich an den Küsten so 
tiefen nordischen Meere, wo sie hinlänglich Nahrung finalen 
können; in anderen Gegenden aber ziehen gröfsere und klei- 
nere Arten dieses Geschlechts, wie Larus argentatus, camcis, 
ridibundus, die seichteren Gewässer den tieferen vor, und 
unter diesen wieder die klaren den trüben (S. 293.)» — Anas 
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234 Ueber die nordischen Vögel. 

(Somateria) mollissima, die sich auf manchen Inseln der Pro- 
vinz Helgeland , z.B. Rödoe, Svinevär, in vorzüglich grofser 
Menge findet, baut ihr Nest in die Holzstöise ohnweit der 
Häuser, und man kann nahe an sie herangehen. Ja sie soll 
sich sogar auf dem Neste sti eichein lassen und selbst in den 
Küchen brüten. S. 120. — Soweit der Vf. Norwegen kennt, 
hält man keine Günse dort gezähmt. Jedes Jahr werden lunee 
Graugänse nur an manchen Orten für den Hausbedarf einge- 
fangen. Der Herausgeber glaubt nicht, dafs die Stammart 
unserer zahmen Gans allein die Graugans (Anser cinereus) 
sey; vermuthet, dafs in einigen Gegenden Teutschlands , . wie 
am Rheine, die zahmen Gänse von Ans^r alhiirons, die in 
Holland häufig vorkommt, abstammen möchten (S. 3ll.). 
Ein neuer SteiTsfufs wird unter dem Namen Podicepi arcticus 
von Boje S. 309 beschrieben. Man vergl. Brehm a. a. 0. 
II. S. 872. In Norwegen, vielleicht in dein ganzen nördlichen 
Europa zu Hause, Faber fand ihn auf Island. Auf dem Zuge in 
mehreren Ländern. ColymbuS septentrionalis zeigt sich im 
Herbste z. B. an den Häfen der Ostsee einige Wochen lang 
in grofser Menge, selbst in Zügen. Im Fiühlinge fast gar 
nicht (S. 157. Anm.). Sein Geschrei* klingt* sehr widerlich. 
Cephus Grylle hat eine doi>pelte Mauser; das Winterkleid 
ist heller als das schwarze Sommerkleid (S. 294 ) > l e gt zwei 
Eier, deren Schalen sehr hart sind, auf nacktes Gestein, in 
Felsenspalten (S. 177.)* — -Der nordische Papageientaucher 
gräbt sich Höhlen mit Hülfe seines grofsen harten Schnabels 
und seiner Klauen, von denen als Sonderbat keit angegeben 
wird, dafs die der innern Zehe horizontal gerichtet sind 
(S. 205.), 

Ucber die Naturgeschichte der Amphibien und Fische, so 
-wie der wirbellosen Thiere , erfahren wir so gut wie gar 
nichts. Nur der wunderbaren Erzählungen von jenen groisen 
nordischen S; eschlangen (Soe - Orm), die noch jetzt beschrie- 
ben werden, wie wir sie im Puntoppidan beschriehen 
finden, wird an einigen Stellen (S. 165 und S. 3 15.) gedacht. 
Es sollen solche Ungeheuer selbst in Sülsen Gewässern gesehen 
worden seyn. (Man vergl. Dtt Kongerige Norge ved E. J. 
Jessen. T. I. p. 628.) — 

Nirgends fand Boje eine solche Mannigfaltigkeit von 
Conchyhenarten und anderen Bewohnern der nordischen See 
als bei Kraakoe und Appelvär. Ein daselbst bemerkter See- 
stein (Asterias glacialis) hatte über eine Elle im Durchmesser, 
lief, bemerkt, dafs er diese Art, oder doch wenigstens eine 
ganz ausserordentlich nahe verwandte, auch im Mittejineere 



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üeber die nordischen Vogel. 



285 



an der franzosischen Küste und namentlich bei Cette nicht 
selten gefunden hat, und zwar manche Exemplare von fast 
eben solcher Giöfse. — — 

Der Reise, von welcher wir manches Bemerkens werthe 
angegeben haben, sind noch angehängt l) C. Sommerfei d's 
Nachrichten über die im Amte Chtistiania vorkommenden 
Siiugethiere und Vögel; übersetzt aus dem topographischen 
Journale für Norwegen. Heft 14. Bekannt uns schon aus 
Oken's Isis. 1823. S, 103. 2) Ausmessungen verschiedener 
nordischen Vögel , die meistens an Ort und Stelle gemacht sind. 
Die einiger anderen Arten sind vom Herausgeber zugefügt. 
Es sind im Ganzen vierzehn, nämlich Garrulus (Corvus) in- 
faustus , m.; Fringilla montium, fem.; Fringa maritima, f.; 
Fodiceps arcticus; Lestris pomarina, m. , f. et pull. ; Lestris 
parasitica , m. et f. ; Carbo cristatus , f.; Procellaria glacialis; 
Fratercula (Alca) arctica, m.; Larus eburneus, m. — Der 
dritte Anhang liefert ein Verzeichniis der in Norwegen vor- 
kommenden (bekannten) Vögel; 139 Arten im Ganzen, z.B. 
iöllaubvögel, 40 Palmipeden, u. s. w. 

Zu bemerken ist noch, wie der Hr. Verf. wohl nicht zu 
loben ist, dals er so viele Geschlechter der Vögel annimmt. 
So ist z. B. das Gen. Anas von ihm zerfallen in die Genera 
Tadorna, Anas, Aythya, Melanitta, Clangula, Somateria ; 
das Gen. Strix in Otus, Bubo, Surnia, Noctua (letzterer* 
Name auch schon für ein Geschlecht der Schmetterlinge ge- 
braucht). Solche Zersplitterungen müssen wir immer für 
unnütz und verwerflich erklären, — 

In dem Reiseberichte sind manche Ortsnamen, Tnsdnamen 
u. s. w. anders genannt, als auf der, nach Pontoppidan 
gröfstentheils angefertigten, ryirte. So z. B. in dem Reise- 
berichte Hundholmen , auf der Karte Hundholm ; Kerringoe in 
dem Reiseberichte, Kierringoeaufder Karte; Lofodden meistens 
in dem Reiseberichte, LofFoden auf der Karte; Rammesvick 
auf der Karte, Ramsvik im Reiseberichte; Insel Moskenesoe 
auf der Karte, Moskenoe im Reiseberichte; Kabelvaag im 
Reiseberichte, Kabel vog auf der Karte; Käpperdal in dem 
Reiseberichte, Kobberdal auf der Karte, u. s. w. 

Einige wenige Unrichtigkeiten und Druckfehler. sind uns 
aufserdem noch aufgefallen: so wird S. 109 Wi edemann's 
Archiv citirt ; soll heifsen Wiedemann's zoologisches 
Magazin» S. 58 steht Linsler statt Leisler. S. 137 Sing, 
drossel statt Ringdrossel. S. 257 und 273 pragmitis statt 
phragmitis. — — 

-* 



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286 üeber die nordischen VögeL 



No. 3. Der um die teutsche Ornithologie hochverdiente 
Naumann, der Jüngere (sein wackerer Vater ist im Mai des 
verflossenen Jahres in einem Alter von 83 Jahren gestorben) 
besuchte im Mai Und Juni 1819 unter anderen verschiedene 
dänische Inseln; B. Pelvorm , Norderoogg Süderoog, 
Sylt, besonders Unjpdie Lebensweise nordischer Vögel näher 
kennen zu lernen *Jg Er wurde hier in seinen Erwartungen 
weit übertroiFtn; denn statt dafs er nordische Vögel daselbst 
wohl in Menge auf dem Zuge anzutreffen hoffte $ aber weni- 
gere nistend, fand er eine ganz aufserordentliche Anzahl da- 
selbst nistend und brütend. Friedlich Vereinigt brüteten, oft 
Nest an Nest, Larus argentatus , Sterna arctica, Haematofua 
Ostralegus, Recurvirostra Avosetta, Totanus Calidris^ Tringa 
alpina, Numenius arquatus, Cbaradrius pluvialis, Anas Ta- 
dorna , Anas mollissima, u. m. a. An eine Million kentischer 
Seeschwalben (Sterna cantiaca) fand der Verf. auf Norderoog 
nisten und an manchen Stellen lagen ihre Eier so dicbt zusam- 
men, dafs man* nicht gehen konnte, ohne welche zu zertreten; 
so dafs es kaum glaublich zu seyn scheint, als könnte jeder 
Vogel seine eigenen Eier immer wieder finden. Auf allen den 
Inseln dieser Küste, wo grofse Colonien von Seevögeln nisten, 
bat immer eine Familie der Bewohner das Monopol, die darauf 
sich findenden Eier, oder wenigstens doch die eines gewissen 
X)istrikts, zu sammeln. Dies geschieht, wenn die Vögel legen , 
regelmässig alle Tage, etwa zwei Wochen lang, bis sie Eier 
zu legen müde werben. Die zuletzt gelegten werden den- 
selben dann zum Brüten überlassen. Auf den niederen In- 
selri wird in manchem Jahre f wann hohe Meeresfluthen die- 
selben überschwemmen * die ganze Nachkommenschaft zu 
Grunde gerichtet. — Die Eier der Anas Taddrnä sind heller 
als die mehrerer anderen Seevögel, und haben einen widrigen 
Thfangeschmack (so wie auch das Fleisch)^ was man* besonders 
bei Tauchenten und ähnlich lebenden Vögeln findet. — Es 
ist übrigensrjene Zeit des Eierlegens für viele Bewohner der 
nördlichen Küsten Sehr angenehm und einträglich. Um letz- 
teres zu beweisen, führe ich rjur an, dafö , nach Naumann, 
z. B. der Besitzer eines Vogelgeheges bei Lyst, auf der Insel 
Sylt i über 200 Rthlr. jährlich einnahm. Er liefs durch seine 
Leute an 30*000 Stück grofser Möverieier sammeln, die 
. < i 

*) Sein Reisebericht findet sich in Oken's Isis. 1819. S. 1845 f. 

**) Die Eier der Silbermöve (Larus argentatus) sind nicht viel 
kleiner als Gä'nseeier« — 



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Zaehariä Handbuch des Französischen CivÜrechts. 287 

zum Verkauf nach dem Festlande geschickt wurden. Von ' 
S. 9 an wird eine Schilderung der zwei colorirten Kupfertafeln 
gegeben. Von S. 13 bis gegen den Scbluf» ist aus Boje's 
Tagebache und aus Faber's Prodromus eine Schilderung des 
Aufenthalts verschiedener hochnordischejgjfeevögel anf einigen 
norwegischen Inseln und auf Island rnitAheih. — Der ge- 
schätzte Verf. hat kurz und treu, lebendfjj und angenehm auf 
wenigen (j 9) Seiten die Lebensweise meSSrer oben genannten 
Vögel uns beschrieben und durch die zwe* beigegebenen, im 
Ganzen gewifs getreuen , aber nicht besonders schönen, colo- 
rirten Tafeln versinnlicht. Die eine stellt flie Oekonomie und 
namentlich die Brutplätze u. s. w. der grofsen Möven (Larus 
argentatusj in den Dünen von Lyst au£ der Insel Sylt, die 
andere die der grofsen Meerschwalben (Sterna caspia) hinter 
den Dünen von jLyst auf derselben Insel, dar. Dankenswerth 
in jeder Hinsicht. Der Preis jedoch voiy 4 Rthlr. 16 gr. oder 
8 fl. 24 kr. ist in der That fast noch mehr als unver- 
schämt. — • f , ' • 

(In einer der folgenden Nummern folgp die Anzeige von 

No. 2 und 4.) | 



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Handbuch des Fran&Ösischen Cioilr e^hts. Dritte , ver~ 
*mehrte und verbesserte Auflage. Von D. K* S* Zaehariä, 
Erster Band. Heidelberg, bei Mohr. i827. 8. 

Da die Einrichtung dieses Handbuches sattsam bekannt 
ist , so wird es genügen , das Verbältnifs dieser Ausgabe 
zu der vorigen anzugeben, — Der Vf. hat sich entschlos- 
sen , das Werk noch einmal von neuem aufzuarbeiten. 
Denn fünfzehn Jahre waren seit der Vollendung uer vorigen 
Ausgabe verflossen. Viele und wichtige Werke waren »eit 
dieser Zeit über das Französische Givilrecbt erschienen. 
Grofs ist die Zahl der Rechtsfälle, welche seitdem entschie- 
den und samt den Entscheidungen durch den Druck bekannt 
gemacht worden sind. So ist es geschehn , dafs kein ein- 
ziger Paragraph der vorigen Ausgabe unverändert oder ohne 
Zusätze geblieben ist, mehrere Paragraphen ganz neu hinzu- 
gekommen sind. Es geht dieser erste Band der neuen Auflage 
seinem Inhalte nach gerade so weit, als der erste Band der 



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288 



Günther Jnris ecclesiaslici delinealio. 



vorigen Auflage. Da der Druck viel enger , auch die Bogen- 
zahl starker, als in der vorigen Auflage, ist, so sind die 
Lehren, die der erste Band umfafst, in der neuen Auflage im 
Ganzen um ein Drittheil ausführlicher, als in der 
vorigen , vorgetragen worden. Mit der Ausarbeitung und 
dem Drucke der neuen Auflage, die, wie die vorige, aus 
vier Bänden hestehn wird, soll ununterbrochen fortgefahren 
werden. V 



Juris ecclesiastici puhlici et privativ quod per Gernianiam obtinet brevis 
delineatio % — quam ad prineipia juris canonici G. ZJ* Boehmeri 
a Schoenemanno animadversionibus aueta in usum lectionum aca- 
demicarum adumbravit D. Cas. Aug. Günther^ Aug. Bav. 
Regi ab aulae consil. et Prof. P. 0> in Acad. Friderico- 
Alexandrina. Erl, sumpt. Palmii. 1827. 43 S. 8. 

» 

Die Schrift enthält einen Grundrifs des Systemes des 
katholischen und protestantischen Kirchenrechts, in*s beson* 

. dere des in Deutschland geltenden Kii chenrechts , mit Rück- 
sicht auf Böhmers Handbuch des K. R. Der Vf. stellt drn 
ganzen Organismus des Systemes durch die Aufzählung der 

% einzelnen Abtheilungen und durch die Bezeichnung des Inhalts 
der Paragraphen, die unter eine jede Abtheilung gehören, 
vollständig dar« Er bemerkt zugleich bei einem jeden Para- 
graphen seines Systemes die Zahl des Paragraphens, welcher 
ihm in Böhmers Handbuche entspricht. — Die Schritt, 
schon als eine neue • und zweckmäfsigere Anordnung der 
Paragraphen des Bohmer.schen Handbuche schätzenswertb , 
(denn in der That läfst die von Böhmer gewählte Ordnung 
nicht wenig zu wünschen übrig,) verdient noch überdies um 
deswillen Beachtung, weil sie auch theils auf mehrere Leh- 
ren, die in jenem Handbuche fehlen, aufmerksam macht, 
theils andere Lehren, (namentlich die Rechtsgeschichte,) 
schon durch deren Stellung als solche heraushebt, welchen 
eine ausführlichere Darstellung gebührt, als ihnen Böhmer 
widerfahren lies. 



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N. 19, 1827. 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Ueber das Studium des Homer und seine Bedeutung 
fil r unser Zeitalter, Nebst einem Anhange, mythologischen 
Inhalts und einer Rede über das Verhältnifs des Studiums der Ge- 
schichte zu der allgemeinen Nationalbildung» Von Christian 
Her mann fV eifse, Privatlehrer an der Universität zu Leipzig. 
Leipzig, bei G. Fleischer. 1826. 2 Tblr. 

Sollen die Wissenschaften , sagt der Verf. S. 9, des hoben 
Berufs.sich würdig zeigen,' der ihnen im Laufe der Weltge- 
schichte für unser Zeitalter zu Theil ward — das vor andern 
dazu bestimmt scheint, nach einer allgemeinen Zurücknahme 
und Einkehr alles Geistigen in das Urwesen des Vaters, oder 
die Idee der Wahrheit, von Neuem das hehre Schauspiel der 
Erzeugung des göttlichen Sohnes und des Geistes vor der wie- 
dergebornen erstaunten Menschheit zu beginnen — , so müs- 
sen sie sich vor allen Dingen in ihrem eigenen Gebiet und in 
ihrer Stellung zur Aufsenwelt orientiren, d.h. ein klares 
Bewufstseyn erlangen über ihre Bestimmung, ihren Inhalt und 
den Geist, womit derselbe beseelt seyn will* und die Rich- 
tung suchen und annehmen nach dem Orient des' Geistes, dem 
Aufgang des Göttlichen und Ewigen. Eine solche Orientirung 
bezweckt der gegenwärtige Aufsatz für die Homerische Alter- 
thumskunde, oder, um unsern Lesern den Geist der Schrift 
sogleich näher zu bezeichnen, es bandelt sich hier um nichts 
Geringeres, als die Aufgabe, das Studium der Homerischen 
Poesie mit Hülfe der HegeFscben Philosophie, zu welcher 
sich der Verf. bekennt, aufzuklären. Je mehr originelle Zeit« 
erscheinungen dieser Art sich selbst charakterisiren , desto 
mehr glaubt Ref. seine Pflicht grofsentheils schon mit einer 
einfachen Darlegung des Ideengangs und der Hauptansichten 
des Verf. zu erfüllen. 

Sehr richtig wird S. 20* bemerkt, dafs nach den Wol- 
fischen Forschungen die eigentlich philologische Kritik keinen 
zweckmäfsigern vVeg einschlagen konnte, als diejenigen ein- 
zelnen ThejTe , deren Unäcbtheit gegen die wesentlichen und 

XX. Jahrg. 3. Heft. 4 19 



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290 Weifte ßber das Studium des Homer. 

kernhaften mit philologischen und historischen Gründen dar« 
gethan werden kann, von diesen abzusondern. Ein solches 

Geschäft könne aber stets nur vereinzeltes leisten , und bleibe 
seiner Natur nach ein blos negatives, ja selbst der Mos nega- 
tive Tbeil der Forschung bleibe bei der blns philologischen 
Behandlungsart unvollständig. Dagegen zeige uns, fährt der 
Veif. S. 21. fort, eine höhere von positiver, historischer und 
künstlerischer Anschauung beseelte Scepsis, auf die Schrift- 
steller des Altcrthums angewandt, vieles als unächtes, unter- 
geschobenes und werthloses Machwerk , was die einseitige 
Verstandeswissenschaft, die Philologie, ah classische Meister- 
werke verehren müsse, weil sie auf ihrem Gebiete keine 
Gründe finde, es zu verwerfen. Einen Versuch zu tiner 
Scepsis dieser Art hinsichtlich der Homerischen Gedichte, 
welche nicht wie die bisherige philologische Kritik blos den 
Zweck hat, frühere Vorurtheile hinwegzuräumen und ihren 
Gegenstand von Verunstaltungen, fremden Zusätzen oder wi- 
dernatürlich angezwängten Formen zu befreien, sondern un- 
mittelbar darauf ausgeht, durch Betrachtung des Unächten 
nicht nach äufsern Kennzeichen, sondern in seiner Eigen- 
tümlichkeit und seinem innersten Wesen die entgegengesetz- 
te, aber mit Nothwendigkeit entsprechende positive Anschau- 
ung des Aecbten sogleich zu begründen, unternimmt der S. 24 
— 59* folgende Aufsatz über die Unächtheit des fünften Ge- 
sanges der llias. Gleich das Bild, mit welchem dieser Gesang 
beginnt, soll sich alseine unverständige, phantasieloseNach^ 
ahmung ankündigen , weil es nicht in der Mitte einer feurigen 
Beschreibung eines Kampfes auftrete, und auf die Athene be- 
zogen werde, von der weiter nichts gesagt sey , als dafs sie 
dem Helden Muth und Kampfsucht gab, und ihn nach der 
Mitte der Kämpfenden zu trieb. Was soll aber hieinit ge- 
sagt werden? Die Vergleichung mit dem glänzenden Sterne 
dient nach ächt Homerischer Weise dazu, das innerlich in der 
Seele des Helden erweckte Gefühl in dem Eindrucke einer 
iiufsern Anschauung darzustellen. Welcher ästhetische Un- 
terschied seyn soll, ob ein solches Bild zu Anfang oder in der 
Mitte einer feurigen Beschreibung des Kampfes steht, ist 
nicht zu begreifen; und wenn auch in dieser Hinsicht irgend 
ein Unterschied sollte behauptet werden können, so enthält 
ja das fünfte Buch nur eine Fortsetzung des schon im vierten 
Buch geschilderten Kampfes. Der siebente Vers soll ganz 
matt und überflüssig seyn , und eine solche zusammenfassende 
Wiederholung im ächten Homer nur bei längern und schwie- 
riger zusammen zu fassenden Gleichnissen vorkommen. AlUin 



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Weifte über das Studium des Homer. 291 

rorov bezeichnet hier blos die bei Homer ganz gewöhnliche und 
beinahe niemals fehlende ausdrückliche Anwendung vom BiU 
de, nur steht hier in Beziehung auf *up, statt ypra oder 
wie sonst. «vaAryK/ev, worin aber niemand etwas auffallendes 
finden wird. Eben so wenig wird jemand das Widersinnige 
sehen können, das in der Darstellung des Dichters liegen soll, 
dafs nach v. 8. Diomedes in die Mitte, das gröfste Gewühl 
der Streitenden, versetzt wird, während wir ihn sogleich 
zwei von den übrigen abgesonderten Kämpfern begegnen 
sehen. Können denn nicht auch in der Mitte des Kampfei 
zwei Kämpfer einzeln hervortreten, und heifst denn wgt, er 
aey sogleich in die Mitte des Kampfes versetzt gewesen ? Die 
Erzählungsart v. y. soll so schleppend seyn, als irgend etwas, 
und das Prädicat : aller Weise des Kampfes wohl kundig, 
schwerlich im ächten Homer an einer Stelle aufgezeigt werden 
können, wo es durch die unmittelbare Folge so offenbar Lü- 
gen gestraft werde. Es weifs aber wohl jedermann, dafs 
solche Frädicate (man denke z.B. nur an $ 8 io;) bei Homer 
eigentlich stehend sind , und öfters so allgemein genommen 
Werden müssen , dafs wir an ihrer Beziehung auf die einzelnen 
Fälle, in welchen sie vorkommen, nicht zu ängstlich hängen 
bleiben dürfen. Ueberdies drückt ja das genannte Frädicat so 
wenig eiqen besondern Vorzug aus, dafs er bei Homer sogar 
von gewöhnlichen Kriegern stehen könnte. Bei v. l3. wird 
bemerkt: Wie kommt Diomedes plötzlich und ohne Veranlas- 
sung auf die Erde, da er doch wohl auf dem Streitwagen aus- 
zog, als Athene ihn so mächt»' auszeichnen wollte? Hätte 
der Verf. den Zusammenhang des fünften Buchs mit dem vierten 
beachten wollen, so hätte ihm IV. 4l9. stf. diese unnöthige 
Frage ersparen können. — Doch wozu sollen wir einer sol- 
chen Kritik, wie sie der Verf. Vers für Vers fortsetzt, weiter 
folgen ? Nur von der ästhetischen UrtheilskVaft des Verf. und 
der Feinheit seiner Behandlung mögen hier noch einige Proben 
4 gegeben werden. Was v. 85. von Diomedes gesagt wird, 
dafs man nicht unterscheiden konnte, ob er den Troern oder 
Achäern angehöre, wird S 29. für vollkommen unstatthaft er- 
klärt, denn hierdurch werde das lebendige Schlachtengemälde 
unvermeidlich zerrissen und zerstört, und statt seiner eine 
todte, räumliche, materielle Anschauung festgehalten, auf die 
es in der Poesie gerade am wenigsten ankomme. Man sieht, 
der Verf. ist zu ideell, als dafs er das Materielle selbst in der 
poetischen Anschauung dulden könnte. Kein- Wunder , dafs 
er auch der Mentorstimme der Juno und der massiven Ge- 
wichtigkeit der Minerva, die durch ihre Schwere den Wagen 

19* 

* 

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192 WeJfsc über das Studium de« Homer., 

fast zerbricht, seinen Beifall nicht ertbeilen kann. Denn 
„wir müssen würdiger vou den Hellenen denken, als dafs wir 
glauben sollten, sie hätten in solchen Götterschilderungen; 
einen andern als den schlafenden Homer (also doch immerhin 
einen Homer!) erblickt: im Traume ist es allenfalls erlaubt , 
das geistig Grofse unter der Gestalt ungeheurer Massen ru 
sehen, wir aber wissen es besser , dafs kein grofser Geist ja 
sich erlaubt hat, im Schlafe zu dichten und die göttlich lichten; ' 
Tagesgeburten seiner Brust und seines Gehirns (!) durch die 
nächtlichen ungestalten Erzeugnisse der Leber und des Unter- 
leibs zu verpfuschen" S. 56. Allerdings gibt sich ein grofser 
Geist keine solche Bluffen J „Die beständige Ermahnung der 
Minerva auch in den Worten des Diomedes (v. 256)> dafs sie 
ihm nicht sich zu fürchten erlaube, hat wirklich etwas komi- 
sches, es kommt heraus, als fürchte der Held sich in der Tbat 
ein wenig, und sehe sich nur nach seiner Schutzgöttin um, 
ob sie ihn auch nicht verlasse, wie ein bellendes Hündleiu 
nach seinem Herrn, der es auf ein Thier gehetzt hat, vor dem 
es sich sonst fürchten würde** S. 34. ^ ^ s lst kein gutes Zei- 
chen, dafs die Göttin ihre Begünstigung dem Diomed erst be- 
kannt machen mufs, dafs sie ihm den Geist gegeben habe, 
gleichwie eine sorgsame Hausfrau dem abziehenden Krieger 
nachruft , dafs sie ihm die Scbnappsfiasche in sein Ränzel ge- 
steckt" S. 3l. Der Verf. scheint trotz seiner metaphysischen 
Ader und ästhetischen Ekstase doch auch einen Anhauch der 
Blumauer'scben Muse in sieb zu verspüren! „Die Götter 
sindV in Unserw Gesang mit i'.-er persönlichen unverstellten 
Erscheinung wider ihre sonstige Gewohnheit ausnehmend 
freigebig, wahrscheinlich weil sie dem stümperhaften Dichter 
nicht zutrauen, dafs er durch die blofse Kraft seines Gesanges 
die Gegenwart eines Göttlichen empfinden zu lassen vermöge« 
S. 36. »Die Erzählung, wie Ares sogleich geheilt und gerei- 
nigt sich über seine Götterwürde erfreut, neben dem Kronion 
niedeisetzt, erweckt unwillkührlich das Bild eines Hundes, 
der, geschlagen oder von andern Unfällen getroffen, zu sei- 
nem Herrn zurückläuft, und sich, froh über die Sicherheit, 
deren er hier geniefst, zu seinen Füfsen setzt« S. 53» Und 
doch soll sich n«ch S. 55. von demselben Ares, ihrem Gegner, 
die Athene auch nicht durch. der. kleinsten Zug unterscheiden«! 
Der Verf. schliefst seine Kritik mit den Worten: „Es wäre 
leicht, aber uberflüssig, das Unpoetische und Stümperhafte 
der Erzählung und des Ausdrucks noch mejtr ins Einzelne zu 
verfolgen, da es wohl nicht zu viel gesagt ist, dafs nicht 
Jeicht Ein Vers in der ganzen Rhapsodie frei sey von dein . 

* 



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Weifse über das Studium des Homer. 293 

« 

Stempel der Plattheit und der Unpoesie: um dieses einzu- 
sehen, wird freilich eine poetische Auffassungsgabe erfordert, 
und dem gemeinen Sinn wird der Unterschied von Schönem 
und Häuslichem , Poetischem und Prosaischem ewig unver- 
ständlich bleiben, wenn man sich auch noch so sehr bestrebt, 
ihm denselben mit Fingern zu zeigen. Für den Kenner äcbter 
Poesie aber werden diese kurzen Andeutungen hinreichen, 
suf die Notwendigkeit einer vorurteilsfreien , nicht t)los 
philologischen, sondern auch künstlerischen Auffassung jener 
Dichter werke aufmerksam zu machen.« Hätte es doch dem 
Verf. aus Rücksicht auf den gemeinen Sinn gefallen die Grund- 
sätze seiner auf der höhern künstlerischen Anschauung beru- 
henden Kritik mit philosophischer Schärfe zu entwickeln! So 
sber können wir in dieser Kritik, so weit sie nicht mit son- 
derbarer Selbsttäuschung doch wieder mit der von dem, Verf. 
so vornehm verachteten gemeinen verstandesmäfsigen philo- 
logischen Kritik zusammenfällt, nichts anders sehen, als eine 
Reihe von willkührlich absprechenden Behauptungen, dieses 
oder jenes sey matt, unpoetisch, plump, abgeschmackt, 
stümperhaft, erbärmlich, widersinnig u.a. w. , worauf dann 
am Ende sehr consequent das Postulat der poetischen Auffas- 
sungsgabe folgt, als gewöhnlicher Nothbehelf, den Beweis, 
den man selbst zu geben schuldig ist, auf den Leser zurück 
tu schieben. Gibt man auch zu, was allein in der sogenann- 
ten ästhetischen Kritik des Verf. einige Beachtung verdient, 
dafs die ganze Erscheinung der Götter im fünften Buche der 
Ilias sinnlich -anschaulicher und menschlich-persönlicher, so 
zu sagen, körperlicher ist, als wir es sonst bei Homer fin- 
den, so müfste doch vor allem gezeigt werden, ob denn die 
hier gegebene Darstellung die Grenzlinie des Sinnlichen und 
Geistigen, wie sie nach dem ganzen Geist de^ Homerischen 
Poesie gezogen werden mufs, so auffallend überschreitet, dafs 
wir sie für unbomerisch erklären müssen , und ob nicht eben 
dieser stärkere sinnliche Gehalt, der in diesem Tbeile des Ho- 
menschen Gedichts vorherrscht, aus der Stellung und Bedeu- 
tung, die der fünfte Gesang in dem ganzen Gemälde der llias 
einnimmt, sich sehr natürlich rechtfertigen lasse. Eine solche 
Einsieht hätte aber freilich ein tieferes und ideelleres Eingehen 
in die wahre Bedeutung des in der Ilias geschilderten Krieges, 
der nach dem Sinne der Dichtung in den verschiedenen Gesäu- 
gen nach seinen mannigfaltigsten Gestalten und Scenen, bald 
als der in seiner ganzen schweren Masse wildstürmende, wie 
im fünften Buch, bald wie in andern mehr nach seinen indi- 
viduelleren Beziehungen dargestellt werden soll, erfordert, 



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294 Weifte über das Studium des Homer. 

als wir bei dem Verf. l SO vieles er auch über Homer zu sagen 
weils , auch nur angedeutet gefunden haben., Uebrigens ver- 
sichert der Verf., und wir tragen kein Bedenken, ihm hierin 
unbedingt Recht zu geben, dafs er auf ähnliche Art, wie den 
fünften, mit leichter Mühe auch den siebenten und achten Ge- 
aang nebst dem Anfange des neunten , etwa bis v. 88, so wia 
nicht weniger dem Schlüsse des sechsten von 503. an , durch- 
gehen, und den unpoetischen, also unhomerischen Character 
derselben darthun könne. Ja nicht blos Homer ist ein Beweis 
yon der in der That merkwürdigen Erscheinung , wie so gans 
werthlose und keine Spur dichterischen Geistes an sich na- 
gende Machwerke , wie diese Gesänge sind, Jahrtausende 
hindurch als integrirende Bestandteile des göttlichsten Dich« 
terwtrks betrachtet , und das schreiende Miisverbältnifs der« 
selben zu den ächten Gesängen nicht einmal bemerkt werden 
konnte, S. 59; auch mit Piaton und Pindar verhält es sich 
nicht anders, und der Verf. ist nach S. 25. bereit, mit dersel- 
ben überzeugenden Klarheit, die man in der gegebenen Kritik 
hoffentlich nicht vermissen werde, zu erweisen , daf* unter 
ihrem Namen die alte wie die neue Zeit zugleich Göttliche» 
und Erbärmliches verehrt bat. So verdienstvoll der Anfang 
sey, welchen Ast mit einer wahrhaft philosophischen und 
künstlerischen Kritik, obwohl zum wahren Skandal der an der 
alten Metbode hängenden Philologen unserer Tage, gemacht 
habe (S. 23.), so schwere Irrthümer habe sich doch auch Ast 
noch in der Kritik und Anordnung der Platonischen Werke 
zu Schulden kommen lassen ; und was Pindar betrifft, so seyen 
dessen sämmtliche sogenannte nemeiscbe und isthmische Oden 
ganz werthlose Productionen , in denen man auch die leiseste 
Spur des göttlichen Dichtergeistes der Olympioniken verge- 
bens suche. Somit hätten denn, da nun erst diese wichtige 
Entdeckung rür Welt bekannt gemacht wird , auch Böckh und 
Dissen , bei allem Aufwände von Scharfsinn und Gelehrsam» 
keit, doch nur leeres Stroh gedroschen!! 

Der Verf. setzt S. 59- seine ästhetisch-kritischen Betrach- 
tungen weiter fort. Nach Aussonderung und Ahwerfung alles 
entschieden Unächten besteht der zurückbleibende, wahrhaft 
poetische Kern der Ilias aus dem ersten, zweiten, dritten, 
vierten , sechsten, neunten, zehnten, eilften (mit Ausschlufs 
einiger später eingeschalteten Erzählungen) und sämmtlicben 
folgenden Gesängen bis zum Anfange des achtzehnten. S. 76* 
Die sechs letzte/i seyen, wie S. 72. bemerkt wird, schon von 
Wolf als diejenigen bezeichnet worden, die nach Ton, Cha- 
racter der Dichtung und Sprache von einem andern Verfasser 



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• * 

vyeifse Ober das Studium dti Homer. 295 

< 

herrühren müssen. Bei dieser Ansicht fehle allerdings ein 

vollkommen befried igen der und rundender Schlufs des Gänsen, 
aber dies tbue dem Kunst werthe keinen Eintrag, da es viel- 
mehr in der Natur des eigentlichen Epos liege, als ein Frag- 
ment aufzutreten. S.Öl. 

Mit der lebendigsten Ueberzeugung von diesen Grund« 
snsichten gebt der Verf. S 85» an die Betrachtung des andern 
grofsen Homerischen Epos, und stellt hier ohne viele Um« 
schweife sogleich den einfachen Satz auf: Die ganze Odyssee, 
mit Ausnahme des letzten Theil* vom vierten Gesänge, und 
des von Spubn als unächt erwiesenen Schlusses des Ganzen , 
sowie verschiedener kleinerer Interpolationen 9 welche an- 
zusuchen er Andern überlasse , sey das Werk Eines Dichters 
und des Dichters der ächten llias. — Wir gestehen aufrieb» 
tig, dals uns dieser Theil der Schrift am besten gefallen hat. 
Die Hypothese, riafs die Odyssee, wie die llias, das Werk 
einer Dichterschul» sey, wird mit guten Gründen beleuchtet, 
und der schon von den Alten gemachten Bemerkung , dafs sie 
das Werk eines bejahrten Dichters seyn müsse, die treffende 
Wendung gegeben, dafs dieser Dichter kein anderer Seyn 
könne, als der Verfasser der llias, denn was wäre sonst aus 
den trübern, unstreitig grdfsten Werken seiner jugendlichen 
und IVIannesjahre geworden ? Doch wird auch so der viel- 
besprochene Gegenstand seiner Natur nach der Entscheidung 
nicht naher gerückt. Dafs die Einheit der Dichtung (und zwar 
dann besonders, wenn man zu derselben vor allein die durch 
die ganze Anlage bedingte Katastrophe rechnet, und nicht wie 
der Verf. das Wesen des Epos in das Fragmentarische setzt) 
auch die Einheit des Dichters voraussetze, ist ebenfalls unsere 
Ueberzeugung; ob aber der Verfasser der Odyssee gerade auch 
a)s der Verfasser der llias anzunehmen sey, scheint uns aus 
den vom Verf. angegebenen Gründen deswegen nicht zu fol- 
gen, weil die Verschiedenheit der Darstell ungsa^rt, aus welcher 
man das höhere Alter des Dichters scblielsen will ,' eben so 
gut auch in der eigentümlichen Beschaffenheit des poetischen 
Stoffs, welchen die Odyssee bebandelt, ihren Grund haben 
kann, und somit auch die Voraussetzung einer Jugend- und 
Mannes- Poesie des Dichters, welche die llias seyn so]}, von 
selbst hiuwegfällt. Die Homerische Poesie bat einen zu ob- 
jectiven Chat acter, als dafs sie irgend einen sichern Schlufs 
von Bedeutung auf die Subjectivität des Dichters erlaubte, 
und man verfällt gar zu leicht in mikrologische Folgerungen, 
Wenn man z. B. mit dem Verf. von solchen Zügen, wie das 
»ebnere Einschlafen der Penelope, ehe sie in den Kreis der 



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• ■ 



296 • Weifse über das Stadium des Homer. 



Freier tritt, XVIII, 184» oder de* Odysseus XX, » oder 
die Klage Ober Schlaflosigkeit alt dein höchsten Gipfel des 
Leidens und der Trailer, ebendas. v. 83, nach S. 100. ur- 
tbeilt, difs sie schwerlich einem andern als einem greisen 
Dichter eingefallen seyn würden. Noch weniger können wir 
billigen, was der Ver£ aus seiner Anschauung der Horner!« 
sehen Composition im Grofsen und Gänsen noch hinzusetzt, 
indem er nach derselben nichts natürlicher findet, als die Art* 
nähme, dafs ursprünglich der fünfte Gesang der Odyssee', in 
Verbindung mit den 95 Versen des ersten, den eigentlichen 
Anfang des Gedichts ausmachte; der Anfang des fünften Ge- 
sanges kündig« sich ohnehin als Flickwerk an, u, s. w. 
Diese vorgeschlagenen Aenderungen sind auf keine Weise mo- 
tivirt. Gewifs konnte der Dichtungskreis der Odyssee nicht 
lebendiger eröffnet werden, als durch dieScenen im Hause des 
Odysseus , die auf der einen Seite in die Mitte der poetischen 
Handlung versetzen, auf der andern doch nur die Außenseite 
bilden , von welcher aus man erst dem Innern der Dichtung 
und der Person des 'Odysseus selbst näher geführt werde. 
Und warum sollte es eines so originellen Dichters nicht Wür- 
diger seyn, bei dem Anfange und in der Anlage der Odyssee 
auf eine etgenthümliche Weise von der llias abgewichen zu 
seyn, oder nach einer Analogie gestrebt zu haben, die im 
Grunde doch nur eine Selbstnachahmung seyn würde? 

Durch das Bisherige hat sich jedoch der Verf. nur die 
Bahn gebrochen Zu einer allgemeineren Betrachtung der Natur 
und des Wesens der epischen Poesie Überhaupt. S. 106. Am 
wichtigsten ist das Verbältnifs des Homerischen Epos zu der 
frühereq Poesie , die es voraussetzt, der Natur- und Volkfc- 
poesie, von welcher eine wahre und lebendige Schilderung 

fegeben wird. Den Sufsern Unterschied der Homerischen 
oesie von jener frühern Sagenpoesie bestimmt nach der Mei- 
nung des Verf. das regelmässige Sylbenmaafs der Kunstpoesie 
des Epos, und die schriftliche Entstehung und Abfassung, 
welche, wenn auch Stifter« Gründe keine vollständige Ent- 
scheidung zu geben vermögen, doch durch die Betrachtung 
dieser Gedichte als Kunstwerke sich als eine nothwendige An- 
nahme ergebe. „Ein Werk, welches den Inhalt des Lebens 
und der Menschenwelrmit geistigem Griffel auf den vorliegen- 
den Grund einer bestimmt begränzten Zeitreihe niederschrieb, 
und zu so vollendeter allumfassender Objectivität gestaltete, 
wie nach ihm kein DichterWerk je wieder sie erreichen konn- 
te, bedurfte hiezu durchaus auch des äufsern Mittels, Gedan- 
ken und Rede objectiv und für unendliche Dauer zu gestalten. 



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- •> 

WtiJ&e über das Studium des Homer. 297 

Der erste Gedanke, der Plan zu einem solchen, -.Werke setzt 
schon die Schreibkunst voraus , ohne die das Bewufstseyn von 
seiner Möglichkeit nicht entstehen konnte« S. 116 r- 1*7. — * 
Ks ist leicht zu sehen, dafs der Verf. hier verschiedenartige 
Begriffe von Objectivität mit einander verwechselt. Man 
schreibt den Homerischen Gedichten Objectivität der Darstel- 
lung zu, weil sie den Character innerer allgemein gültiger 
Wahrheiten sich tragen f und es gewissermafsen nur der Ein- 
druck der ewigen Naturnotwendigkeit ist, mit welchem sie 
uns ansprechen, während die Persönlichkeit des Dichters 
völlig hinter die ßedeutung und Idee seines Werkes zurück- 
getreten ist. s Nur in diesem Sinne kann der Verf* von der 
Objectivität des Werkes reden, wie sie nach ihm kein Dich« 
terwerk je wieder erreichen konnte. Nun aber schiebt der 
Verf. sogleich einen andern Begriff von Objectivität seiner 
Folgerung unter, wenn er in Beziehung auf die Scbreibekunst 
objectiv dasjenige nennt, was als äufserer Gegenstand ein 
Mittel der Fixirung und Concentrirung des Bewufstseyns ist. 
In ähnlichem Sinne sagt der Verf. S. HO. von der Sagen- 
poesie, die man doch sonst im Gegensatz gegen die bewuiste 
Thätigkeit der Dichter-Individuen eine objective nennt, sie 
vermöge deswegen, weil sie eine Thätigkeit nicht des Indi- 
viduums J sondern der Gattung sey, ihren Erzeugnissen nicht 
die wahre Objectivität zu geben, welche nur denjenigen 
Geistesproducten zukomme, in denen der Begriff des Volks» 
geistes aus der Allgemeinheit herausgetreten sey, und seinen 
vollständigen Kreislauf durch die Besonderheit und Einzelheit 
im Schlüsse der Notwendigkeit vollendet habe (nach Hegels 
Logik Bd. II. S. 179. 192.). Soll für die obige Frage, welche 
allerdings in Verbindung mit der verwandten über die Einheit 
' des Dichters eine noch genauer zu erörternde Aufgabe bleibt, 
etwas gewonnen werden, so müfste vor allem weit strenger, 
als von dem Verf. geschehen ist, untersucht und unterscbie- , 
den werden, wie fern das Homerische Epos ein Natur - und f 
Kunsterzeugnifs ist, und in welchem Verbältnifs der Dichter 
mit seinem individuellen Bewufstseyn zu der jenseits dessel- 
ben liegenden Volkstradition gedacht werden mufs. Eine 
solche Untersuchung müfste die Resultate der Wolfischen 
Forschungen in die nunmehr geltenden Ansichten über das We- 
sen der Volkssage und mythischen Tradition aufnehmen . und 
insbesondere auch die noch keineswegs gelöste, obwohl auch 
in dieser Beziehung nicht unwichtige, Frage 4 beachten , wie 
fern wir überhaupt den Inhalt der Homerischen Gedichte, na- 
mentlich die Begebenheit des Trojanischen Kriegs, als eine 



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298 Weif«» Ob« das Studium des Homer. 

wirkliche historische Thatsache oder als eine bloi mythische 
Handlung, als eine blofse Idee , tu betrachten habe. — - Im, 
Verhältnis zu den ahrigen Kunstgattungen ist dem Verf. 
■S. 120. sq. das Homerische Epos vollkommen einzig in Seiner 
Art , die epische Poesie die eigentlich ad liehe Kunst, der Ge- 
genstand einer solchen Kunst konnte nur eine Welt seyn,. 
welche selbst an sich einig und noch durch keine Reflexion 
oder Trennung der Seelenkräfte zerrissen ist» Und doch stel- 
len uns ja diese Gesänge den grofsen Streit und Krieg, nicht 
blos der Völker 9 sondern des Menschengeschlechts selbst dar, 
den durch alles Zeitliche und Endliche hindurch gehenden, 
erst durch Leiden und Kampf allmälig wieder auszugleichen- 
den Gegensatz! Allein nach der Ansicht des Verf. S. 123. 
wird durch die Kriege und Schlachten der Heroen weit jene 
Einigkeit und Harmonie des Göttlichen, welches sich in ihr 
verwirklicht hat, so wenig gestört, wie durch die Wettkäm- 
pf'e und die Spiele der Palästra die Einigkeit der Kämpfenden, 
-r- Das Homerische Epos ging hervor aus einem von der Herr- 
lichkeit der WeJt in ihrem ganzen Umfange erfüllten und be- 
geisterten Sihn. Alles trägt in ihm den Charakter der Unmit- 
telbarkeit, nämlich nicht der uranfänglicben logischen, son- 
dern der künstlerischen, welche durch die Einheit des Wesen« 
mit seiner Erscheinung erzeugt wird, S 124* — «- "So lange 
noch im Glänze der epischen Poesie alles Zeitliche als unmit- 
telbarer Ausdruck des Göttlichen erschien , fühlte man kein 
Bedürfnifs weder der lyrischen noch der bildenden Kunst. 
Denn alle Künste waren im Epos enthalten , und hatten , als 
dieses blühte, noch kein gesondertes Daseyn. S. 126« Was 
im Homer von Bildwerken, erwähnt wird, ist nicht eigentliche 
Kunst , sondern Zierrath. Ein selbstständiges Daseyn erhält 
die Kunst erst, wenn das Leben des Menschen durch den Ge- 
gensatz zwischen dem Göttlichen und Endlichen als Räthsel 
«racheint, und alle nunmehrige Kunst und Wissenschaft, ja 
die Religion selbst und der Staat sind nichts als Versuche zur 
Lösung dieses Rätbsels, Die erste Vermittlung aber des Zeit- 
lichen mit dem Göttlichen geschieht durch das Gesetz, welches 
gleichsam das Thor ist, durch welches die Gottheit sich ent- 
schliefst, den Zugang zu sich den unglücklichen verlassenen, 
Sterblichen zu eröffnen« Durch das Auftreten des Gesetzes, 
durch welches nach der Zeit des Dichters ein neues Zeitalter 
herbeigeführt wurde, wurde die Poesie didactisch, und zur 
lehrenden, ermahnenden und gebietenden Rede gesellte sich 
die Baukunst (gleichwie der spruchreiche Salomo auch der 
Tempelbaumeister ist) , an diese reihten sich die eigentlich 



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Weifse über das Studium des Homer/ 299 



logenannten bildende^ Künste, die Plastik* und Malerei, Dia 
reinste Schönheit zeigt sieb in dem vollkommensten Aufser- 
sichseyn der Idee, also im Steine. (Wie der Verf. diesen Satz 
mit seiner sonst so ideellen Ansiebt vereinigt» ist niebt ge- 
sagt.) Ehe aber noch die Kunst in die Kür pei weit sieb nie- 
derkniet , strebt sie noch einmal der in das Allgemeine und 
Uebersinnlicbe entfliehenden Seele nach« und umklammert sie 
mit fast krampfhafter Heftigkeit. Dies ist der Geist der lyri- 
schen Poesie, deren Seele bei den alten Völkern ebenfalls das 
Gesetz war. Ganz dem Gesets angehörig und von ihm einzig 
beseelt war hei den Griechen auch die Musik, und so war das 
Gesetz die Form, unter der die Völker des Altertbums die 
Reste jener Offenbarung, welche als Erbt heil von ihrem Ur- 
sprünge her ihnen mitgegeben war, zu bewahren, und den 
Weg zur Gemeinschaft mit de/ Gottheit sieb offen zu erhalten 
suchten. S. 127 — 137. 

Uebersetzen wir uns den Inhalt dieser Sätze in unsere 
Sprache, so wird damit nur dies gesagt: NJch der Homeri- 
schen Zeit schritt die Menschheit zu einem helleren, bestimm- 
teren Selhstbewufstseyn fort, hauptsächlich dadurch, dafs 
nun die Künste, von welchen im Homer kaum die ersten Kei- 
me erblickt werden , entstunden und allmälig weiter ausgebil- 
det wurden. Was soll aber biemit neues gesagt seyn, und 
warum spricht der Verf., wenn einmal das aus dem Homeri- 
schen Epos bekannte Zeitaltar in seinem Verhältnifs zu der 
folgenden Zeit betrachtet werden soll, blos von den genannten 
Künsten , deren Beziehung zum Homerischen Epos grofsen- 
theils srbr allgemein ist ? Sollten doch in Homer die Keime 
nicht blos der Künste, sondern auch der Wissenschaften. ent- 
halten aeyn. Vor allem aber ist hier die begriffslose Unbe- 
stimmtheit zu rügen , mit welcher der Verf. unter dem Worte 
Gesetz das Gemeinsame der didactischen Poesie , der Bau- 
kunst, Plastik, Malerei, Lyrik, Musik, und in Beziehung 
auf die ihm vorschwebenden Ideen eines Abfalls und einer 
Versöhnung das Cbaracteristische des nachhomerischen Zeit- 
alters dem Homerischen gegenüber, in welchem die Idee eine 
seyende und gegenwärtige im unvermittelten Daseyn gewesen 
sey, S. J24_, zusammenfafst. Dieser Gegensatz wird mit 
solchem Nachdrucke aufgestellt, dafs S. 127. die Behauptung, 
durch die'Begründung der Herrschaft des Gesetzes aey in der 
politischen und sittlichen Welt Griechenlands nach den Zeiten 
des Dichters ein neues Zeitalter herbeigeführt worden, sogar 
dadurch bestätigt werden soll, dafs selbst der Name des Ge- 
setzes dem Homer unbekannt gewesen aey. Der Verf. dachte 



300 Weifse über das Studium des Homer. 



also nicht daran, dafs Gesetz nicht bldt vc/jc;» sondern auch 
BstTpos herfst! ( Dagegen weifs er S. 220. von einer griechi- 
schen Partikel die er mit der Präposition zusammen- 
stellt | und in der Bedeutung nach geradezu von der Zukunft 
versteht.) Wenn aber einmal das, Gesetz in diesem weitern 
Sinne genommen wird , gehört darin nicht auch die Schreibe« 
kunst und die Metrik, durch welche der Verf. das Wesen der 
Homerischen Poesie von der frühem Sagenpoesie äufserlich 
unterscheidet, dem Gesetz ah? In' keinem Falle können wir 
in den naturphilosophischen Reflexionen, welche über die ge- 
nannten Künste angestellt werden, so geistreich auch die Be- 
trachtungsweise ist, wie z.B. in dem Ausspruche, dafs die 
lyrische Poesie in dem Reiche der Kunst dasselbe sey, was in 
der Thierwelt die Klasse der Insekten , einen bedeutenden 
Gewinn für die Förderung des Studiums der Homerischen 
Poesie erkennen. 

Was das Verhältnifs des Drama zum Epos betrifft, so 
erscheint dem Verfc S. 138. das attische Drama als der vollen- 
detste Vorläufer des künstlerischen Christentums und der auf 
Kolonos verklärte Oedipus als sein wahrer Elias. — Die 
Komödie vollendete die Aufgabe des Drama, den Wider- 
spruch darzustellen, in den die Idee sich auflöst, wenn sie in 
das Endliche und Zeitliche eingeht. S. 141. Die epische und 
die dramatische Poesie sind gleichsam zwei entgegengesetzte 
Pole def gesammten Kunst. Hiebei wird die schon oben 
berührte Behauptung wiederholt, das eigentliche Homerische 
Epos bedürfe keines Schlusses , und könne ins Unendliche 
fortgesetzt gedacht werden; eben weil das Epos die gotter- 
füllte Breite der Welt und des Lebens zu umfassen bestimmt 
ist, würde ein eigentlich ahschliefsendes Ende diesem Berufe 
Eintrag thun. Dadurch soll sich das Epos von der drama- 
tischen Dichtkunst unterscheiden, die unter allen Künsten 
diestrengste^ Abgeschlossenheit ihrer Werke verlange, ja allein 
im vollen Sinne des Worts künstlerische Organismen und 
Individuen liefere. S. 143. ' Wie schief und geradezu falsch 
diese durch das Haschen nach Gegensätzen erzeugte Ansicht 
ist, fällt Von selbst in die Augen. Ist auch allerdings zuzu- 
geben, dafs das Epos, sofern es eine bereits geschehene Hand- 
lung blos erzählt, sie nicht in der unmittelbaren Gegenwart 
als eine sich erst entwickelnde darstellt, wie das Drama, 
nicht eben so streng abgeschlossen ist, und dieses oder jenes 
mehr oder minder Zufällige, welches das Drama ausschliefst 
würde, ebenfalls rtoch mit der Haupthandlung, die den eigent- 
lichen Schlafs bildet, verbinden kann (wovon namentlich die 



Digrtizecf by G 002U 



Weilse über da* Studium dea Homer. 301 



b«iden letzten Gesänge der Odyssee ein Beispiel geben), so 
mufs doch das wahre Epos immer mit einer bestimmten Hand- 
lung endigen, die seine Katastrophe ist, und über welche 
hinaus alles andere nur zufalliges Neben werk ist. Wie hätte 
denn sonst das Epos den Cbaracter der Einheit, eines, orga- 
nischen Ganzen, welchen jedes Kunstwerk seinem, notwen- 
digsten Grundbegriff nach haben mufs, und was sollen wir 
uns unter der. höbern künstlerischen ästhetischen Anschauung 
denken, die der Verf. zum Frincip seiner Kritik erhebt, wenn 
er nicht vor allem die organische Einheit als wesentliche 
Eigenschaft eines Kunstwerks anerkennt? Eine Ilias, die, 
wie der Verf. meint, mit dem Tode des Fatrok-los aufhören 
kann, ist und bleibt ein Unding, wenn wir nicht etwa auch 
eine unvollendete oder gar zertrümmerte Statue für eine voll- 
kommnere Schönheit halten sollen, als eine künstlerisch vollen- 
dete, und wenn der Verf. S. 143. sagt: was bindet t z. B., dais 
nicht an die Odyssee die fernem Schicksale des Telemach sich 
anknüpfen, und mit ihr ein und dasselbe Ganze bilden? — so 
wäre eine solche Fortsetzung der Odyssee, wenn sie nicht 
als neues Epos angesehen werden soll , doch immer nur 
eine mehr oder minder störende Zugabe, wir mufsten denn 
zuletzt die Einheit des Epos in den blofsen chronologischen 
Zusammenhang der dargestellten Begebenheiten setzen, was 
doch das gerade Gegentheil der ideellen Kunsteinheit ist« 
Ist das Epos nach, dem Ausdrucke des Verf. bestimmt , die 
gotterfüllte Breite der Welt und des Lebens zu umfassen, 
welcher verwirrende Widerspruch ist es eben auf dem Stand- 
punkt, auf welchen der Verf. sich steilen will, die Bestim- 
mung des Epos nur in der räumlichen und zeitlichen Aus- 
dehnung zu suchen und nicht vielmehr in der innern Fülle und 
Bedeutung seines universellen Inhalts? Es hängen damit 
auch die weiter unten folgenden ungenügenden Bemerkungen 
über die Stetigkeit der Zeit als Merkmal des Homerischen 
Epos zusammen. 

In gleichem Geist folgen Betrachtungen über das Ver- 
hältnifs des Homerischen Epos zu den Dichtungen anderer 
Zeiten und Völker, über Dante's Gedicht, den Germanischen 
Heldengesang , das romantische Epos , den Roman , Don 
Quixote und Wilhelm Meister, ein reiches Fefd, wie man 
lieh denken kann, für die naturphilosophischen Constructio- 
nen, die den Leser in diesem Abschnitt wenigstens den Reis 
der unterhaltendsten Mannigfaltigkeit nicht vermissen lassen 
werden. 



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302 Weifte fiber das Studium dei Homer. 

\ 

i 

' Von dieser Abschweifung wendet sich der Verf. zu der 
Betrachtung der poetischen Composition des Homerischen Ge- 
dichts in Besiehung auf die Geschieht* und die besonder n Be- 
gebenheiten und Zustande der Zeit, aus der es hervorging. 
Besonders bedeutsam scheint es demselben S, 157 , dafs Homer 
gerade in dem ruhmlosen jonischen Stamme, dessen Yorfahreri 
an den von dem Dichter besungenen Thaten wenig Antheil 
genommen* hatten, aufgetreten (wie wenn dies so geradezu 
angenommen werden dürfte , vergl, K. O. Müller Orchomenot 
S. 389 1 auch was über den Jonism der Homerischen Sprache 
S. 162. bemerkt ist, ist aus MüllerV Dotern S. 512. f. tu 
berichtigen); denn die tiefere philosophische Betrachtung er* 
kenne dies als noth wendige Folge jener Stufe der Unmittelbar- 
keit und Natürlichkeit alles Seyns, auf der die epische Poesie 
nicht nur, sondern ihr ganzes Zeitalter steht, und auf 
Welcher alle idealen Momente zugleich als reale Besonder- 
heiten erscheinen. S. 160. Zugleich soll aber die so gan« 
absichtliche Auszeichnung Nestors bei Homer den Zweck ge- 
habt haben, die. Söhne und Nachkommen des Kodrus, aU 
Anführer der Jonier, zu ehren , d* doch auch die andern 
Heroen Umsicht und Weistieit genug besessen haben werden, 
um den Rath eines alten Mannes entbehrlich zu machen. Der 
Veif. ratsoiinirt hier sehr prosaisch. Je mehr er sonst selbst 
auf de« objectiven Cbaracter des Homerischen Epos Gewicht 
legt, desto weniger vertragt sich damit, schon in dieser Hin- 
•icht, die Annahme, dafs es Absicht des Dichters war, so 
ganz subjective und individuelle Verhältnisse hindurchblicken 
zu lassen. Wenigstens müfsten solche Spuren auf einem 
andern Wege, als den von dem Verf. eingeschlagenen verfolgt 
werden. Fruchtbarer hatte in dieser Beziehung die vom Verf. 
S. 153. angedeutete Bemerkung benutzt werden können, dafs 
die Wanderung der Griechischen Stamme nach Kleinasien 
einen bedeutenden Einflufs auf die Ausbildung der Sage vom 
Trojanischen Krieg gehabt habe, nur sollte auch dabei vor 
allem die gewöhnliche Meinung von dem Jonismut Homers 
entfernt werden. Der Verf. verliert sich auch da , wo ihn 
sein unmittelbarer Gegenstand auf den Vfad der geschicht- 
lichen Forschung von selbst leiten zu müssen schien, sogleich 
wieder in vage, ausschweifende Comhinationen. Um auf ein 
richtigeres Verstandnifs der Bedeutung der Sage vom Troja- 
nischen Krieg zu führen, wird von ihm auf zwei weit« 
historische- Erscheinungen aufmerksam gemacht , * die sich tf> 
jenen Ländern bei einander finden, und in weit engerem Zu- 
sammenbang stehen, als man gewöhnlich zu bemerken pfl«*g c » 

1 

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t 



Weifte Sber da» Studium des Homer. 303 

die wild« zügellose Natur- und PbaDusreligion und die Nei- 
gung sur Vermischung und Verschmelzung der Völker und der 
.Stämme S. 170. 1 Dieser Neigung zur ausschweifendsten Wol- 
lust und zur Völkervermiscbung «tehe eine ander« nicht 
Weniger merkwürdige Erscheinung gerad« entgegen. Das- 
selbe westliche Asien , welches der Schauplatz jenes Natur- 
dienstes war» erscheine als die Haimath der männlich gesinnten 
und Männer bassenden kriegerischen und heroischen Frauen. 
Am grellsten stelle sieb uns dieser Gegensatz auf der einen 
Seite in der alle Fremden in ihrem Tempel tödtenden amazo- 
nischen Artemis Scytbiens und der die Fremden durch den * 
Lohn der Wollust an sich lockenden Mylitta oder Anais auf 
der andern Seite dar. In der Ilias ist dies nun das Verhältnils 
der Athene und Here zur Aphrodite. M Was hindert uns nun 
Troja als einen Hauptsitz eines völkervermischenden Natur- 
dienstes zu betrachten, welcher in den grofsen Städten West- 
asiens am schnellsten überband zn nehmen pflegte 9 und den 
Raub der Helena als einen Versuch, auch «i»s frei« Volk der 
Hellenen in den Strudel jenes schmelzenden und Alles ver- 
schlingenden Wollust rausches hineinzuziehen, in welchem die 
Kraft des Orientes unwiderbringlich versanken war?« S. 174. 
Der Krieg der Hellenen gegen Troja war der Kampf der jun^. 
fraulichen Volksfreiheit des Heroenthums, S. 329» in der 
Tbat der Kampf europäischer Freiheit , Sittlichkeit und 
Selbstständigkeit gegen den alle freie Gestaltung auflösenden 
Völkerdespotismus und die sinnliche Schlauheit des Orients. 
S, 175. Der Vf. bat dieser Idee noch einen besondern mytho- 
logischen Anbang gewidmet, wir sind aber auch so nicht im 
Stande ans einen deutlichen Begriff von diesen merkwürdigen 
welthistorischen Erscheinungen zu bilden , und noch Weniger 
die genannte Vermischung und Sklaverei der Völker, die der 
Vf. in der sittenlosen Wollust des orientalischen Naturdienstes 
sieht (wobei offenbar verschiedene zum Theil heterogene Er- 
scheinungen , wie namentlich die Reden der Israelitischen 
Propheten gegen Unkeuschheit S. 171. zusammengeworfen 
werden) historisch begründet zu finden. Die Behauptung, 
dafs die Trojanischen Gottheiten einem wollüstigen Natur- 
cultus, die Griechischen einer reinem mehr ethischen Religion 
angehören, müfste, wenn sie sich auch durchführen läfst, 
weit gründlicher dargethan seyn. Aber wie läfst sieb auch 
nur denken, dafs eine solche religiöse Differenz von den Völ- 
kern der ältesten Zeit mit so klarer Reflexion in das Bewufst- 
seyn aufgenommen wurde, dafs sie nicht blos von dem Dichter 
»um Gegenstand seiner Darstellung gemacht werden konnte, 



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304 Weifte über das Stadium des Homer. 

so oder n sogar in eines offenen Völker krieg ausbrach, denn 
offenbar muis der Verf. nach jener Idee den Krieg der Hellenen 
gegen Troja als wirkliche ThaUache voraussetzen. '£ Im Grunde 
scheint uns aber die ganze Idee aus einer sebr modernen Be- 
trachtungsweise geflossen zu seyn. Der Verf. trägt den Ge- 
gensatz 9 den man gewöbnlicb zwischen der Sinnlichkeit und 
dem Despotismus der Orientalen und der ethischen Kraft und 
dem Freibeitssinne der Europäer macht (obgleich eine richti- 
gere Kenntnils des Orients zeigt , dafs dieser Gegensatz gerade 
für die älteste Zeit nur eine sebr untergeordnete Bedeutung 
hat), auf den von Homer dargestellten Krieg der Hellenen und 
Trojaner über, der ja auch ein Krieg zwischen Europa und 
Asien ist. Zum Schlüsse dieses Abschnitts kommt der Verf. 
von der Helena als der (jedenfalls zweideutigen l) Repräsen- 
tantin des jungfräulichen Hellenenthums auf die Fenelope der 
Odyssee, und somit wieder auf den Gegensatz der Ilias und 
Odyssee , und daher nun auch noch von Homer auf Götbe, 
der im Götz v*i Berlichingen seine Ilias. aufstellte, im 
Wertber seine Odyssee S. 177. Schwerlich war die sitten- 
los*? Völkervermischung, gegen welche die Griechen im Krieg 
nach Troja zogen , ärger als die Völker- und Zeitenver- 
mischung, welcher sieb der Verf. überall hingibt. 

Ihren höchsten Schwung nimmt jedoch die Darstellung 
des Verf. da erst, wo er den Dichter nicht mehr als Zweck der 
wissenschaftlichen Forschung, sondern als Mittel betrachtet 
(eine Unterscheidung, für die man in der' Ausführung des 
Verf. nirgends eine feste logische Grenzlinie finden kann), 
und in seinen Werken wie auf einer Spiegelfläche die Ge- 
schichte und den Geist seines Zeitalters anzuschauen und die 
Bedeutung dieser Erkenntnifs für das unsrige zu erwäge* 
sucht, S. 179, denn die epische Poesie war die erste allge- 
meine. Selbstbespiegelung des Menschengeschlechts, wie die 
Philosophie und Wissenschaft unsers Zeitalters die zweite 
ist, S. 180., d. b. der Verf. spricht jetzt vom Wesen dei 
Heroenthums, indem dieses der Mittelpunkt jener Welt ist . 
welche Homer us schildert, und von ihm alles andere, was in 
dieselbe eingeht und ihre vollendete Gestalt hexvorbriogen 
hilft , abhängig erscheint. S. i&2. . . > 

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N. 20» 1827. 

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Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Weifse über das Studium des Homer. 

(Betthtujs.) 

• Das Heroentbnm wird in Hinlicht der gewaltigen 
Leiheskraft , welche als Mitgäbe der Heroen erscheint, 
naturphilosopbiscb erklärt , sodann in das Auftreten der 
Individualität und des Genius als einer höheren Natur in 
der Natur, welches der Inhalt aller Geschichte und Kunst 
des Griechischen Alterthums sey, gesetzt, sd jedoch, dafs 
jenes Hervortreten der Individualität sich sowohl als ein Sieg 
des Geistes über die Natur darstellt, wie auch umgekehrt 
als ein Eingehen des höheren Geistes in die Gestalten und 
Kennen der Natur j wodurch der Geist sein von der Natur 
gesondertes Besteben aufgegeben hatte. S. 187. Hieraufzeigt 
der Verf., wie das Heroenalter die Europäischen Völker vor 
denen des Morgenlandes auszeichnet. Mit dem Uebergang 
über das Meer hatten die Vorfahren der Hellenen sich losge- 
macht von jener Macht des Bodens, die in den ungeheuren zu- 
sammenhängenden Erdstrichen Asiens und Afrikas die Völker 
gebunden hielt. Denn wie in dem Element des WasseTS die 
starre Allgemeinheit des Steines sich löst und der freien Indi- 
vidualität des Organismus Ursprung und Nahrung wird, so 
erteugt das Meer auch unter den Völkern, die es umwobaen, 
Freiheit und Lehen der Individualität. S. 189. So steht die 
Zeit, wo die Idee, welche in der Menschheit und der Welt- 
geschichte lebt, ganz einging in die Individualität und Persön- 
lichkeit, in der Mitte zwischen der asiatischen Menschen weit 
und der europäischen. Vollständig aber ging die Mensch ge- 
wordene Idee in die Person Jesu Christi von Nazareth ein, 
S. 195. Dem Verf. schwebt hier über den hellenischen He- 
roenbegriff etwas vor, was ihm jedoch nur eine fluchtige 
Truggestalt bleibt , welcher er sich nicht mit fester Hand be- 
mächtigen kann. Wie vag und oberflächlich ist auch hier wie- 
der der Gegensatz zwischen dem Orient und Griechenland a uf- 

XX. Jaiirg. 3. B*& 80 



305 Weifse über das Studium des Homer. 

. ; • ' » • . 

gefafst! — Eine Geschichte des heroischen Zeitalters , fährt 
der Verf. fort, könne es zwar keineswegs geben, aber die 
wissenschaftliche Betrachtung der geistigen Momente und Zu- 
stände des heroischen Zeitalter« und seiner Besiehungen *u 
der vorangehenden und nachfolgenden Menschenwelt bleibe 
eine wesentliche Aufgabe der historischen Wissenschaft über- 
haupt. Die Darstellung selbst aber der Welt des Heroenthums 
könne man unter drei Gesichtspunkte zusammenfassen, von 
denen der erste die Sprache, der zweite den Staat, der dritte 
die Religion begreife , welche drei Gebiete auf geistige Art 
alles umfassen, was zu -der Idee des Menschlichen gehört, in- 
dem die Sprache als das 'Element der {Unmittelbarkeit, in wel- 
chem alles Menschliche schwimmt, die Möglichkeit dieser Idee 
bedingt, der Staat als das Wesen, dessen Erscheinung das 
Leben der Individuen ist, sie zur Wirklichkeit erbebt, die 
Religion endlich als der Begriff, in den die Wirklichkeit ein- 
gehen mufs, um sich als Wahrheit zu behaupten, die Noth- 
wendigkeit der Idee darstellt. Der Verf. versucht es nun, in 
der Begleitung des Homer diese drei Gebiete dem Dante gleich 
zu durchwandern, indem man die Sprache die Hölle, den 
Staat das Fegfeuex, die Religion das Paradies des Menschen- 
geistes- wohl nennen könnte. S. 212. 

Wir müssen es sehr bezweifeln, ob die Leser dieser 
Blätter, welche bisher die Geduld gehabt haben, dem Gange 
des Ver£ zu folgen, nun auch noch Lust haben werden, sich 
von ihm durch die Hölle und das Fegfeuer in das Paradies 
führen zu lassen. Fühlen sie sieb aber gleichwohl stark und 
inuthig genug, die Wanderung durch die Schreckens- und 
Jammerscenen der abstractesten natur philosophischen Specu- 
Jationen anzutreten, so empfehlen wir ihrer besondern Auf- 
merksamkeit die Abhandlung über die nun zum erstenmal na- 
turphilosophisch beleuchtete Homerische Sprache. Insbeson- 
dere, hoffen wir, wird sie die vom Verf. gegebene Erklärung 
des Homerischen 'Nichtgebrauchs des Artikels durch das ihnen 
aufgehende Bewufstseyn der völligen Unwissenheit, in welcher 
sie sich bisher über den Artikel, der doch „der Brennpunkt 
der Wirklichkeit in der Ellipse der Ideenwelt ist, der, so 
lange der Kreis des unmittelbaren harmonischen Daseyns sich 
noch nicht zur Ellipse der Reilectionswelt verzogen bat, in 
dem Einen Cent nun der Idee verborgen liegt", S. 218, be- 
funden haben, in einen des Eingangs in die Hölle würdigen 
Zustand der contritio versetzen. Die gleiche Wirkung wer- 
den auf sie die nicht minder tief philosophischen Ansichten 
des Verf. über den Homerischen Zahlengebrauch haben können. 



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Weifsc über das Studium des Homer. 30? 

m 

• 

Ist ihnen dadurch über ihren geistigen Zustand und das Eine, 
was ihnen Noth thut, das wahre Licht Aufgegangen, so wer« 
den sie gewifs nichts mehr bedauern, als dal's dem Verf. in 
Ansehung des Symbols, welches wie die Zahl noch dem Ge- 
biet der Sprachenbölle angehört, als dem Reiche der geschieht« 
lieben Unmittelbarkeit des Menscbengeistes , S. 230, »die 
Grenzen der gegenwärtigen Abhandlung nur flüchtig zu erin- 
nern gestatteten an jene denkwürdigen Verhältnisse der selbst- 
Händigen Maafse und der Steigerung ihrer Intension in das 
Maafslose, so wie an das Hervorgehen neuer qualitativer Be- 
stimmungen auf der Knotenlinie der durch qualitatives Seyn 
geschwängerten Quantität, welche logischen Wahrheiten, 
übergetragen auf die Symbol weit des Orients, über die rät- 
selhaftesten Paradoxien des Alterthums ein eben so helles Licht 
verbreiten würden, wie über die befremdendsten Erscheinun- 

Sen der Natur , und nicht wenig mitwirken zur Aufzeigung 
er hoben geistigen Gesetzmässigkeit , die in der Weltge- 
schichte waltet« S. 23 1« Doch dies mufs Ref. jedem seiner 
Leser als seine eigenste Gewissenssache anheimstellen, er 
Selbst aber wagt es, mit Uebergehung der Hölle und des Feg- 
feuers des Vf., sich sogleich zu dessen Paradiese aufzuschwin- 
gen , eine Vermessenbeit , die zwar in einem andern Falle 
nicht ohne die verdiente Strafe bleiben konnte, hier aber, 
wie er hofft, keine Todsünde nach sieb ziehen sollte $ da er 
such in dem Paradiesesgarten des Verf. nur so lange Zu ver- 
weilen gesonnen ist, bis er sich durch eigene Anschauung von 
der Aninutb und dem Wohlgeruch seiner Paradiesesblumen 
überzeugt hat. Als eine der trefflichsten in jeder Beziehung 
stellt sich uns sogleich der Mythus von den letzten Schicksalen 
und dem Tode des Herakles dar, welchen der Verf. Selbst als 
ein Beispiel Seiner Verfahrungsart bei der Behandlung des he- 
roischen Mythus aufstellt. Um kein Mifstrauen in seine Wahr- 
haftigkeit Zu veranlassen, mufs Ref. auch hier noch einmal 
den Verf. selbst reden lassen. Es sagt also derselbe S. 3lö: 
»In dieser Fabel erblicken wir nichts anders, als einen öfter 
sich wiederholenden Hergang welthistorischer Begebenheiten 4 
und finden sie daher anwendbar auf ganz fremde und entfernte 
Ereignisse, Betrachten wir zu diesem Behuf die Schicksale des 
Christentbums. Christus sey uns Herakles, daS Heidenthunt 
der Centaur, den 4 er erschlug, Dejanira bezeichne die Völker,- 
denen Christus sich vermählte,- oder die christliche Kirche, 
ihr Gewand aber die Gebräuche derselben oder den äufseien 
Gottesdienst und die Bilderwelt des KathoJicismus. Was bin- 
dert uns zu sagen, dafs das Heidenthum der Kirchs ein Zauber* 

20 * 



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308 • Weifse Aber das Studium des Homer. 

mittel vermachte, um ihr Gewand damit zu tränken, damit 
sie die ewige Liebe ihres Gatten dadurch gewinne? Es war 
aber dieser Zaubertrank gemischt aus dem Blute, dem Lebens- 
safte des Hekienth ums , welches durch die tödtlichen Pfeile , 
mit denen es Christus verwundet hatte , vergiftet Worden war , 
und aus dem Samen , den dieses bei seinem Untergange auf die 
Erde Warf. Denn auf doppelte Weise mulste der ächte Geist 
des Chfistenthums in dem reichen Schmuckgewande des Katho- 
licismus ersterben: indem einerseits Christus seihst die Natur- 
religion und die Bilderwelt des Heidenthums, mit deren Safte 
dieses Gewand gesalbt worden war, zu einer abgöttischen und 
teuflischen, welches sie vorher nicht war , umgewandelt hatte , 
andererseits aber auch der ächte unvergiftete Same des Heiden- 
tbums fortwucberte und zur Zeit der Wiederherstellung der 
Wissenschaften dem Christentbum Eintrag zu tbun begann. 
Selbst jener Zug läfst sich allegorisch deuten , dais Herakles 
in dem Augenblick den Nessus erschlägt , als er bei der Ueber- 
fahrt über den Strom der Dejanira Gewalt anthun will: denn 
eben zu jener Zeit zerschmettert Christus das Griechen - und 
Romertbum, als es sich den Völkern des Nordens aufzudringen 
im Begriff war, die er zu seiner Braut sich ausersehen. — 
Eben so gut aber , wie auf die Schicksale des Cbristenthums , 
lälst jene tiefsinnige Sage auf andere Ketten historischer Be- 
gebenheiten , z, B. auf die Schicksale des Römischen Staate 
sich anwenden, wenn man in dem bezwungenen Griechenland 
den Centaur, in der Göttin Roma den Herakles erblickt, und 
dann die Gesammtheit ihrer Unterthanen und die Weltherr- 
schaft für die Dejanira nimmt, die griechische Cultur aber für 
das durch die Pfeile der Sklaverei vergiftete Zaubermitte], — 
Hat man auf diese oder ähnliche Weise den geistigen Sinn 
einer mythologischen Fabel entdeckt, so ist es nun die Auf- 
gabe der mythologischen Forschung, die besondern histori- 
schen Begebenheiten aufzufinden, welche auszudrücken die- 
selbe bestimmt war; da man, dem Cbaracter des heroischen 
Mythus zufolge, nicht annehmen darf, sie sey blos in ab- 
stracter Allgemeinheit erfunden.« 1 — In diesen letzten Worten 
hat in der Tbat der Verf. selbst das Urtheil über seine Methode 
gesprochen, und es wäre überiiüssig , wenn wir nach einem 
so unumwundenen GestÜndnifs auch nur ein Wort noch über 
diese mit so hohem Ernste vorgetragene Pbantasiespiale hinzu- 
setzen wollten; nur dies dürfen wir unsern Lesern nicht vor- 
enthalten, dafs diese neueste Behandlungsart des Mythus vom 
Terf. sehr treffend die welthistorische genannt wird , gegen 
Welche freilich die historische, als ihr gerades Widerspie}, 



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Wcifse übet das Studium dei Homer. t ' 309 

etwas sehr Gemeines seyn mufs. Kein Wunder daher, dafs 
der Verf. von der Höhe seiner wehhistorischen Anschauungen 
auf Forscher vornehm herabsieht, „die das tiefere geistige 
Verständnils entbehrend das Wesen der Wissenschaft der My- 
thologie darin suchen: die Umstünde und Beziehungen aulpu- 
finden, unter denen der Mythus entstand, damit dieser in sei- 
nem beimischen Boden, in seiner Wurzel gefafst , sich von 
8%)bst deute, da sie doch vom Herakles lernen konnten, dafs 
man gerade umgekehrt diesen Augiasstall der mythologischen 
Aeufserlichkeiten nicbt anders auszumisten vermag, als wenn 
man den Strom der Idee über ihn wegleitet« S. 290. Wie 
glücklich die Zeit, in welcher nun erst ein Mann, wie der 
Verf., gleich in seinem ersten Geistesprodnct den Strom der 
Idee in so reichem Maafse über den Augiasstall der Mensch- 
heit dabinleitet ! N 

Ref. gehört keineswegs zu denjenigen, die Philosophie 
und Geschichte durch eine unübersteigliche Kluft trennen wol- 
len , und jede höhere Idee nur als eine Beeinträchtigung der 
reinen Behandlung der Geschichte ansehen. Es ist vielmehr 
seine innige Ueberzeugung , dafs ins Grofse gehende historische 
Forschungen nur dann zu einem ihrer Aufgabe würdigen Ziele 
führen können, wenn die Resultate derselben an die Ideen an- 
geknüpft werden , die sieb aus einer methodisch geleiteten phi- 
losophischen Betrachtung ergeben. Je mehr ihm aber Philoso- 
phie und Geschichte gehen, desto weniger kann er ein vages, 
willkührliches Spiel mit allgemeinen, aller logischen Deutlich- 
keit und Bestimmtheit ermangelnden Begriffe für Philosophie 
halten , wobei die aufgestellten Sätze sich so oft nur durch das 
Imponirende einer angenommenen philosophischen Terminolo- 
gie geltend machen wollen, und, wenn sie aus ihrer hochtra- 
benden Sprache in die gewöhnliche übertragen werden, grofsen- 
theils etwas sehr gewöhnliches und längst bekanntes aussagen. 
Eben so wenig kann er die Geschichte nur dazu bestimmt 
glauben, sich nach den Ansichten einer jedesmaligen Theorie 
modeln lassen zu müssen. Oer Bund beider Wissenschaften 
wird vielmehr nur dann ein wahrhaft lebendiger und frucht- 
bringender seyn , wenn beide in ihrer vollen Würde und Selbst- 
ständigkeit anerkannt werden. Es ist daher in der That auf- 
fallend, wenn der Verf. in allem, was er über Sprache, Staat 
und Religioo sehr weitläuftig ausführt, sich doch immer nur 
in dem alltäglichen Gegensatz, der zwischen dem Orient und 
Griechenland, als der Welt des Despotismus+ijnd des sinnlichen 
Naturcultus und der Welt der Freiheit und der freieren Geistes- 
entwicklung gemacht wird, und zwischen welche er «o.dann 



JIO Sa/s Nationaloconomie. 

das Heroenthum mit seiner „Unmittelbarkeit des Seyns" und 
seiner „Herrlichkeit der Individualität« hineinstellt, ,vvie im 
preise herumdreht, ohne das eigentümliche Wesen dieses Ge- 
gensatzes, was freilich nur durch historische Untersuchungen, 
nicht aber durch blofse Uebertragung apriorischer Begriffe ge- 
schehen kann, tiefer und richtiger aufzufassen. Niemals aber 
werden Anmafsung und vornehmes Absprechen in der Einbil- 
dung einer höheren philosophischen Erleuchtung, welcher ge- 
genüber „untergeordnete Fähigkeiten, nur auf Handlanger- 
arbeit Anspruch machend, sich bescheiden sollten, dasjenige 
|ra Glauben zu verehren, was ihnen im Schauen zu erfassen, 
nicht yergönnt ist« S. 244» die Stelle des geordneten metho- 
dischen Wissens und der gründlichen historischen Forschung 
yertreten, 



— 



Sayi J« B. Erweiterungen und Verbesserungen seiner Darstellung 4*T 
Nationalökonomie oder der Staatswirthschaft. Als Nachtrag w» 
seiner Bearbeitung des Hauptwerkes zusammengestellt von Prqfk 
Dn C. £. Mörstadt. gr. 8. Heidelbergs bei August 
Ofswald. 15 Bogen. # * fl. 45 kr. 

Kaum war die dritte Ausgabe von Say'i Traite d'e'conomi* 
politique, nach welcher meine Uebersetzung verfafst ist, ans 
J-»icbt getreten, so erschien in England ein Werk , worauf 
puropa lange schon begierig geharrt hatte, aus der Feder 
e^nes Mannes, den sein genannter Freund selber längst schon 
den „gröfsten Kenner von Theorie und Praxis des Geld- 
wesens« genannt hatte; es erschienen Ricardo's Principle$ 
of jfolitipal economy and taxalion: ein Werk, worin dem grofsen 
5taa^swirthe Frankreichs , auf der einen Seite, hohes Lob ge- 
zollt, steht, auf der anderen Seite aber mehrere Elementar* 
pijncipien desselben bestritten werden. 

Sofort machte der Angegriffene es sich zur Pflicht , in 
ausführlichen Noten j womit er Constancio's französische 
{Jebersetzung dieses Buches (t8l9) begleitete, seine ange- 
fochtene Theorie, in möglichster Bündigkeit, zu rechtferti- 
gen, und zugleich, in Betreu; der wenigen Nebenpunkte, 
worin ihm Ricardo's Correcturen gegründet erschienen, 
sich, dankbar, für belehrt zu erkennen l). 

i) Vergl. meine Eeeension dieses Werkes , im Hermes , Jaßf* 
* SWS 1821- 



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Saj's Nationalökonomie. 3t 1 

Noch im leiben Jahre ward die nationalökonomiiche 
Literatur durch die Nouveaux principe* d*economie politique , ou de 
la richesse dans ses rapports avec la population: von Simon de 
de Sismondi bereichert, worin dieser geistvolle Publicist, 
gegen Say und Ricard o, zu erweisen sucht, dafs eine 
Nation zuviel produciren könne. Da dieses Paradoxon, 1 
(welches auf- einem Mifskennen der ewigen Wahrheit, dafs 
jedes Product mittelst eines anderen Frodüctes bezahlbar ist 
und bezahlt wird, beruht) in seinem Capitel über die Absatz« 
wege 2) schon klar genug widerlegt stand, so verschob Say 
dessen specielle Recension bis zum Jahr 1824, wo Sis- 
mondi, in einer Abhandlung „Sur la Balance des consommations- 
aoec les productions" 3), mit denselben Ideen, Besorgnissen, 
Warnungen und Vorschlägen , nochmals auftrat, und in einem 
Aufsatze von gleichem Titel 4) seine, — wenn auch nicht ihn 
selber 6), so doch das noch schwankend gewesene Publicum, 
— überzeugende Zurechtweisung erfuhr. 

Im folgenden Jahr (1820) förderte der berühmte Verfasser 
des "Essay on the principle of population: Professor M al t h u 8 in 
Hertford , seine , von den zahlreichen Verehrern seines 
Talentes und seiner Kenntnisse, lang ersehnt gewesene Pr£/i- 
ciples of political economy endlich zu Tage, worin ebenfalls 
Say 's Theorie von den Absatzwegen bestritten steht. Seiner 
Widerlegung widmete Letzterer, weil es der grofsen Ange- 
legenheit unserer Tage — der allgemeinen Stockung der Ge- 
werbe, und vorzüglich des Handels, — galt, auch die ver- 
einte Autorität zweier Namen, wie die eines Malthus 
und eines Sismondi, einem gefährlichen Irrthum in der 
Diagnose jener „chronischen Krankheit " unserer Völker Ein« 
gang zu verschaffen drohte, sofort (l820) eine Monographie, 
unter dem Titel: Lettres a M. Malthus sur diffe'rens Sujets d'eco« 
nomie politique , notamment sur (es cause s de la Stagnation generale du 



i 

2) Bach I. Cap. 15. 

3) In der Revue encyclopedique ; Paris, Bd. XXII, S. 264—298. 

4) In derselben Revue: Bd, XXlll. S. i8— 31- 

5) In seiner, Anno 1826 erschienenen , zweiten Auflage hat Sis« 
moudi seine Meinung nicht zurückgenommen, Vergl. auch' sei« 
neo Recenseoten im G lobe; Monat Februar, 10 27. 



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31 2 Say's Nationalökonomie. 

canmurc* 6) t eine Schrift, worin die Gediegenheit des Inhal- 
tes mit der Urbanität der Form wetteifert. 

Früher schon (lQl5) hatte ein um die Staats wirtbscbaft, 
*r- vorzüglich durch seine classisxhe Entwickelung vom Ein- 
flüsse des Leibeigenthums und Oer Sklaverei, — hoch ver- 
dienter Deutscher, Staatsrath Storch in St. Petersburg', in 
feinem Cours £ economic politique , ou exposilion des principe* qui de» 
terminent la prosperite des nations 7), und namentlich in der darin 
enthaltenen Theorie der Civilisatian, unseres Verfassers Lehre 
vpn der Constitution der immateriellen Wertbe bestritten. 
Die umständliche Widerlegung dieser Schrift lieferte Say 
erst Anno 1823, in sehr zahlreichen Noten, womit er einen 
in Paris veranstalteten Nachdruck derselben bereicherte 8). 

Es erhellt hieraus, mit welch rastlosem Eifer der vererane 
Meister sein Werk inzwischen, nach allen Seiten, vertheidigt 
habe, und dafs, — weil er natürlich eine kurze Relation 
dieser Streitverhandlqngen in seine Hauptschrift aufnehmen 
mufste, '— schon allein die Abfertigung seiner Qegner ihm 
ein reiches Material zur Erweiterung seines Vortrags in der ' 
vierten und fünften Auflage (von 1 3 1 9 und 1Ö26) gewährte. 

Nicht minder üppigen Stoff hierzu bat aber die neuste 
Geschichte der Völker geliefert. Noch im Erscheinungsjahre 
der dritten Edition ( 1 Ö 1 7) stürzten zwei Haupt t Nationen 
Europens (die Deutschen und die Franzosen) in gräfslicbe 
Hungersnot!}, und die Mangelhaftigkeit der bisherigen Korn« 
polizeigesetze machte blutig sich fühlbar; Auswanderungen 
aus den gesegnetsten Ländern Europens versetzten den Pöbel 
in den Wahn, als aeyen diese Länder wahrhaft übervölkert; 



. 6) Sie findet sich übersetzt in Rau's Schrift: Malthus und Say, 
i3ber die Ursachen der jetzigen Handelsstockung. 
Hamburg, 1821. 

7) Ebenfalls von Rau ubersetzt und gtossirt , unter dem Titel: 
Handbuch der Na tional wirthschaf tslehre, Hamburg 
1820. 3 Bde. 

8) Paris 9 bei Aillaud und Bossange; 4 Bde. 8. Es findet 
sich darin auch eine treffliche Skitie der Geschichte der Pariser 
Bank, von Say. (Bd. IV. S, 168—180.) 

Zu bedauern ist es, dafs Herr Staatsrath Storch, gegen diese 
Kepliky nicht in französischer Sprache duplieirt hat, sondern 
deutsch, unter dem Titel: Betrachtungen über die Na- 
tur des Nationaleinkommens; Halle 1825. 



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'l Nahcnalökonomie. , 3l3 



eine nie erlebte Manufacturwaaren - Ueberschwemmung der 
Märkte von unserem und dem südamerikanischen Festland ge- 
bar das Vom 1 1 Ihm I, dafs man zu viel fabriziren könne; die 
Verarmung des deutschen und des polnischen Landvolkes, 
mitten unter den herrlichsten Erndten, machte die Nothwen- 
digkeit der Ausfuhrfreiheit, auch dem Blödsichtigsten , ein- 
leuchtend ; die Aufhebung der Restriction des englischen Bank , 
und das darauf gefolgte Phänomen, dafs deren Noten ihr Pari 
wieder erstiegen , lehrte, was die weise Verwaltung einer 
Zettelbank vermöge; die Verzweiflung und der Aufruhr der 
englischen Handarbeiter machte selbst die besten Köpfe an der 
Ersprießlichkeit der Maschinen irre; der grofse Handelsge- 
winn, welchen die Europäer aus den freigewordenen Colonien 
Südamerika'« schöpften, brachte Millionen zur handgreiflichen 
Erkenntniis, dafs Glück und Wohlstand des einen Volkes 
der wahre Vortheil aller anderen sey; das Siechthum und 
die Abzehrung aller Gewerbe, während des niedrigsten Stan- 
des vom Disconto, bewies, zum Hohne der Mercantilisten , 
dafs üeberflufs des baaren Geldes weder Symptom noch Be- 
dingung vom Nationalwohlstand sey; bedeutende Anleben, 
Welche sogar die Hellenen, mitten unter Zernichtungsge« 
fahren, durch Unternehmercompagnien zu Stande gebracht, 
zeugten von der Wirksamkeit des Vertriebs der Staatsobliga- 
tionen durch Handelshäuser; beftigeund endlose Discussionen , 
in allen Repräsentativ - Versammlungen , über Heilsamkeit 
oder Verderblich keit gewisser Steuer- und Oekonomiepolizei- 
Gesetze, gefochten f ; wiesen allenthalben auf die dringende 
Not b wendigkeit hin , sich über die Elementargesetze der 
Reich rhu ms Wissenschaft baldigst zu verständigen; und Eng- 
lands erfolggekröntes Rückweichen vom alten Sperrsystem, 
seit Canning's ruhmvoller Verwaltung, war eine gesegnete 
Huldigung an den "Codex dieser Gesetze. 

Hiermit habe ich angedeutet, welch ein mannigfaltiges 
und wichtiges Thema mein gefeierter Lehrer neu zu verarbei- 
ten hatte, wenn er sein Werk im Gleichschritte mit Literatur 
und Weltgeschichte erhalten wollte. „ Vorliegende Bogen *i/id 
die Frucht seines dahin abzielenden Strebens. Mit Ver- 
gnügen überliefere ich sie in die Hand des parteilosen vater- 
ländischen Denkers« 

\ Mörstadt. 



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3 1* Opuscoli di G. B. VermigHoli. 

» < • i 

Opuscoli di Gio. Batt. VermigHoli, ora insieme raccohi cor* 
» quattro Decadi di Lettere inedite di alcuni celebri Letterati italiani 
defonti nel sec. XIX* Fol, J. Perugia , p/wo Barte Iii e Con- 
stantini. 1825. Ti// um/ 205 & 8. 

Ein Veteran der Italiener, wohlverdient um die Archäo- 
logie und Epigraphik, beginnt mit dem vorliegenden ersten 
Bande eine Sammlung seiner zerstreuten kleinern Werke , 
welche dein deutschen Publicum meist unbekannt geblieben 
seyn mögen , und daher, als wären sie eine literarische Neuig« 
keit, angezeigt werden. Wir übergehen seine biographische 
Lobrede auf ßalth. Ansidei, Bibliotbecar des Vaticans im 
sechszehnten Jahrhundert, seinen Auszug von Nicolai'* 
Geschichte der Faulskirche zu Rom, seine Erläuterung eines 
Pitschafts des Barth. Ermanno degli Ermanni, und die Briefe 
seiner gelehrten italienischen Freund« , welche im neunzehnten 
Jahrhundert verstorben sind , und beschränken uns auf die 
drei ersten Abbandlungen antiquarischen Inhalts. 

Die erste beschäftigt sieb mit der Erklärung eines alten , 
unweit Asisi gefundenen Grenzsteines, dessen Inschrift Mu- 
ratori MMCI, 4. und Maffei zwar bekannt machten, ihre Le- 
sung aber andern überliefsen : 

AGER. EMPS. ET 
TERMNAS. OHT 
C. V. VISTJN1E. NER. T. BABR 
MARONMEl 
VOIS. NER. PROPARTK 
T. V. VOIS1ENER 
SACRE. STAHV 

So richtig Hr. Vermigliol i die ersten zwei Zeilen und die 
letzte liest, wie wir sogleich sehen werden, so mufs es in 
der diitten gerechten Verdacht erregen, dafs er, VISTINIE 
für einen Eigennamen haltend , doch die Vornamen C. V. mit 
eippis quinque erklärt. Die nämliche Bewandnifs hat es mit 
der vorletzten Zeile, welche nach ihm: terminis quinque Vol. 
sinioruin oder Volsiennorum lauten soll. Ferner ist es be- 
fremdend, dafs in der dritten und fünften Zeile die Buchsta- 
ben NER. mit dem vorhergehenden Wort zusammen gezogen, 
und dort Vestiniorum, hier Volsiniorum gelesen wird; wäh- 
rend dieses NER. in einem S. 13« zur Vergleichung mitge- 
th eilten Denkstein, gleichfalls von Asisi, zu Anfang der 
zweiten und dritten Zeile als Nomen vor dem Cognomen vor« 
kommt, und mithin Nerva zu lesen ist, wie sonst im römi« 



/ 

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OpuscoU di G. B. Vermiglioli. 315 

sehen Lapidarstyl (t. Coleti Notae et Siglae pag. 274.)* ^ie 
Werte Zeile blieb dem Verf. unerklärlich, und das Ganze hat 
nach seiner Lesung keinen Sinn. 

Ree. versucht die Entzifferung folgendermaßen : Ager 
emptus et terminatus est Cajo Voleroni (so las die Namen 
schon Hr. Abt Costanzo) Vistinio (die Endung auf e statt o 
finden wir auch in der letzten Zeile und auf den eugubiniseben 
Tafeln) Nervae (filio) Titae Babriae marito, optimi nomine 
iuris. (Nach der Abtheilung MAR O NME I finden wir die 
angegebene Erklärung durchgängig durch ähnliche Beispiele 
lateinischer Inschriften bei Coleti a. a. O. s. v. gerechtfertigt.) 
Votis Nervae Propertii Caesonis (filii: K. kommt häufig als 
Caesonis vor, s. Coleti pag. 207. V. dagegen liest diese Zeile: 
Volsiniorum pro parte cardin.) Titi VoTeronis Voisii (oder 
Voesii) Nervae (filii) sacro (oder sacrificio , wie auf ähnlichen 
?on V. nachgewiesenen Inschriften) statuto (wie nach der Be- 
merkung des Verf. auf den eugubinischen Tafeln ataberen für 
itatuerint, stahas für atatutua est). 

Der zweite Brief verbreitet sich mit vieler Gelehrsamkeit 
über eine sogenannte etruskisebe Fatera oder vielmehr Spie- 
gel, welchen auch Inghirami Monum. etr. S. II. T. 62. mit- 
geteilt hat, Ree. kann sich daher um so kürzer fassen , und 
auf das in der Anzeige dieses Werkes Gesagte verweisen. 
Atropo*, nach Hrn. V. mit Escbenzweigen und Beeren be- 
kränzt m und mit hoben Holzscbuhen, den sogenannten Tyr- 
rheniseben Sohlen , angethan, schlägt einen Nagel in die 
Wand, den verhängnisvollen Tod des Meleager andeutend. 
Atalanta ist ?n Jägerschuhen und nackt, ihr Gewand in der 
Linken haltend. Venus Libitina , mit der Ueberschrift TV 
d.i. Turan oder Toran, umhalst einen nackten Jüngling , wel- 
cher den Verstorbenen vorstellend allein baarfufs ist. Hr. V. 
bekennt, das TV über der Venus, die er für Althäa ausgibt, 
nicht erklären zu können, und zeigt sich nicht abgeneigt, es 
auf die entferntere männliche Figur zu beziehen, und in dieser 
(die Ree. für den Verstorbenen hält) den Topeus, einen der 
Brüder der Althäa, zu finden. Die an der Handhabe befind- 
liche Lebensparce oder Mana Geneta mit dem Spinnrocken ist 
nicht als zur übrigen Vorstellung gehörig, sondern als ein 
trostreicher Gegensatz mit den obigen Todesbildern aufzu- 
fassen. • 

Zum dritten macht Hr. V. seine Untersuchungen über die 
ersten Anfange seiner Vaterstadt Perugia (lateiuiscb Peru* 
sia) bekannt, wovon Ree. am wenigsten befriedigt worden 
ist. Seine Geschichtsforschung ist, kura und deutlich gesagt B 



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316 Opuicoli di G. B. Vermiglioli. 

folgende : Die von Lydien her gekommenen Tyrrbener erbau- 
ten nach Strabo zwölf Städte, zu diesen gehörte nach Appian 
und Stephanus Byzant. auch Perusia. Justin sagt zwar, die 
Achäer bähen Perusia, gegründet, er meint aber damit nur 
Griechen überhaupt, oder die mit den Tyrrhenern vermisch- 
ten Pelasger. Diese wanderten aber zuerst von Italien nach 
Griechenland (S. 109 f.), bauten die Mauern von Athen, kehr- 

s ten von da einige Zeit nach dem trojanischen Krieg nach £tru- 
rien zurück (S. 110.)» und gründeten Perusia ungefähr fünf- 
hundert Jahre vor Roms Erbauung (S. 110). 

So viele Sätze bier aufgestellt werden , eben so viele Ver- 
•töfse gegen die alte Geschichte und irrige Folgerungen lassen 
•ich nachweisen. Für's erste sind die italischen Tyrrbener 
nicht erst in Folge einer Vermischung mit italischen Griechen 
oder Pelasgern pelasgische Tyrrhener geworden, sondern sie 
waren an und für sich ein pelasgischer Volksstamm (s. Anti- 
klides bei Strabo V. p. 339.)» Desgleichen werden die Tyr- 
rbener, welche einst in Lemnos und Athen wohnhaft waren, 
von Thucydides IV. 109. zum pelasgischen Stamm gezählt. 
Diese Tyrrhener aber, welche die pelasgische Mauer von Athen 
bauten, sind nicht von Italien gekommen; und die Geschichte 
Weifs überhaupt nichts von jenem Hinundherziehen, sondern 
das Gegentheil davon. Denn Myrsilus berichtet uns bei Dio- 
nysius Halia I. 1, die pelasgischen Tyrrhener Seyen sowohl 
nach Griechenland als in das Land der Barbaren (ohne Zweifel 
Etrurien) gewandert (jtyo/twv eY< n t>?v 'EU^a xai rj« ßu$ßa£ov)* 
Und Herodot I. 57. meldet von den Pelasgern , die einst bei 
den Athenern wohnten, dafs sie sich am Hellespont in Plakia 
und Skylake angesiedelt haben, welche beide Städte von Pom- 
ponfus Mela I. 19. für lydische Kolonien ausgegeben wer- 
den. Zu der Behauptung , als wären die pelasgischen Tyr- 
rhener von Italien nach Griechenland und von da wieder nach 
Etrurien gezogen, ist Hr. V. durch den falschen Vordersatz 

"verleitet worden, als ob der Name Tyrrhener erst von «lern 
Anführer der lydiseben Kolonie Tyrrhenus in Etrurien aufge- 
kommen wäre. Wer aber in die Sprache der mythischen Ge- 
schichte, welche dem einzelnen Heerführer den Gesammtnamen 
seines Volkes beizulegen pflegt, eingeweiht ist , der findet es 
nicht befremdend, den Namen Tyrrhener auch unabhängig 
von jenem Tyrrhenus in der Geschichte auftreten zu sehen , 
ohne darum zur Hypothese einer Wanderung aus Etrurien 
seine Zuflucht nehmen zu müssen. So gab es, um nur dies 
anzuführen f schon vor Hellen, dem Sohne des Deukalion, 
Hellenen in Hellas, einer Stadt von Thessalien (nach Schol. 

» 

* 

* 

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Opnicoli ai G. B. VermigKoK. 317 

Villois. Ilzmer. Iliad. V. v. 595.), und Joner vor dem Jon f 
des Xuthos Sohn. . 

Es wäre wobl Oberhaupt räthlieher gewesen, auf die 
Ehre, von den pelasgiscben Tyrrhenern in gerader Linie ab- 
zustammen , Verzicht zu leisten, als sie, welche mit der 
Gründung Perusia's zunächst nichts zu schaffen hatten, in die 
Untersuchung mit hinein zu ziehen. Denn obwohl Ferusia 
eine von den zwölf etruskischen Städten war (wir wissen 
aber nicht einmal, von welcher Zeit an), und obwohl den 
Tyrrhenern deren Errichtung im Allgemeinen von Strabo 
L. V. zugeschrieben wird, so ist doch die Meinung nicht, 
als hätten die tyrrhenischen Pflanzer alle Städte neu gebaut, 
die alten zerstört und die Einwohner vertriebet ; so wenig 
als die jonischen Pflanzer in Kleinasien ihre zwölf Städte alle 
selbst gebaut und ihnen den Namen gegeben haben. Die 
Gründung von Perugia betreffend, hätte llec. auf zwei Stel- 
len der Alten mehr Gewicht gelegt, und wäre davon als vom 
Mittelpunkt ausgegangen. Die erste ist bei Justin XX. 12 
Ferusini originem ab Achaeis ducunt; die zweite bei Servius 
ad Virgil. Aen. X. v. i98» wo Auletes, nach einigen der 
Gatte, nach andern der Sohn der Manto , der Tochter des 
thebanischen Tiresias, als Gründer von Perugia aufgeführt 
wird. Diese Zeugnisse sind nicht im Widerspruch; der Na- 
me Auletes weist ja selbst nach Griechenland. Hr. V. aber 
fertigt den Servius mit der leichten Bemerkung ab, dafs seine 
Angabe in die mythische Zeit hinauf reiche, und darum un- 
gewifs sey, und entkräftet die andere Stelle durch die Aus- 
legung, dafs unter der Benennung Achäer Griechen über« 
haupt zu verstehen Seyen. So unbestimmt drückte man sich 
sur Zeit des Pompejus Trogus nicht mehr aus, als zu der des 
Homer, auf welchen er sich beruft. Vielmehr wäre, die Fra- 
ge, von wannen die Achäer, die nicht immer dieselben Sitze 
hatten, eingewandert Seyen, einer genauem Prüfung werth 
gewesen. Hr. V. selbst gibt am Ende, als er sich nach einer 
ähnlich klingenden Stadt in Griechenland umsieht, einen Fin- 
gerzeig , welchen Ree. weiter verfolgt. Bei Apollonius Arg. 
I. 37. und seinem Scboliasten wird Ilc/pso-fa als eine Stadt in 
Magnesia aufgeführt, welche nach Stepbanus eben so hoch 
gelegen war, als Perusia in Etrurien. Letzteres wurde nach 
otephanus auch üsputf/a genannt. Nun aber kennen wir eine 
'A^oja $2twTts (s. Äntonin. Liber. 23. und daselbst Muncker, 
Thueyd. VIII. 3. und daselbst Wasse und Liv. Lib. XLII. 
am Ende). Ja Strabo VIII. pag. 588. sagt uns, die Acbäer 
Seyen ursprünglich Phthioter. Magnesia aber mit der Stadt 



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318 , Quacationos Allan ticae. 

Teiresia war an Fhtbiotis angrenzend, und die datigen 
Achäer haben sich wahrscheinlich in früheren Zeiten als ein 
bedeutendes thessaltscties Volk bis dortbin ausgedehnt. So 
gewinnt die Verrauthung viel Annehmliches, da£s sich die 
Achäer von Feiresia unter der Anführung des Auletes ein hal- 
bes Jahrhundert vor Troja's Zerstörung in Ferusia in Etrurien 
ansiedelten) und der Stadt den Namen gaben. 

. • 

m F. R i n c h 

• ■ • • • » . . « 

• 

♦ • • < • « . 

Quaesliones Adaniicae^ quae annectendae erant PrOgrammati sollennia 
in gymnasio regio Conßuentino per auetumnum habenda indicenti. 
Confluentibus , 1826. 18 S. 4. 

Hr. Frof. K. Ruckstuhl zu Coblenz bringt einen ge- 
baltreichen Gegenstand, der sowohl in die alte Erdkunde als 
Mythologie einschlügt, zur Sprache. Als ehemaliger Zögling 
der hiesigen Fflanzschule für Philologen hat er zuerst über dio 
Atlantis der Alten nachgedacht und eine Probearbeit verfer- 
tiget, wie dem Ref. als gleichzeitigem Mitgenossen erinner- 
lich ist. Es war eine nützliche Anregung, die schon oft in * 
ähnlichen Fällen der Same zu herrlichen Früchten in reiferm 
Alter geworden ist, wenn, wie bei dem Hrn. Vf., ausdauern- 
der Fleifs ünd tüchtiges Streben die frühern Keime pflegt und 
entfaltet. Er lieferte das erste einleitende Stück seiner atlan- 
tischen Untersuchungen in dem zu Bern erscheinenden Taschen- 
buch die Alpenrosen vom vorigen Jahrgang, über die wun- 
derbaren Inseln der Vorzeit überhaupt, und rückt nun in 
vorliegendem Programm näher zur Sache, nämlich zum Berg 
Atlas, welcher in der Homerischen und Hesiodeischen Göt- 
terlehre als ein Bild der Verbindung des Weltganzen , als 
die zusammenhaltende Brücke zwischen dem Himmesgewölbe 
und dem Erdhoden, gleichsam als der Stamm zwischen der 
Wurzel und den Zweigen, erscheint. Denn er steht nach 
der Theogonie (v. 74$.) an des Tartarus Pforten, und trägt 
mit dem Haupte den Himmel. Jedoch der Vf. läfst sich noch 
nicht auf die Atlasfabel ein , weil sein Programm die im 
Freufsischen gesetzten Grenzen von zwei Bogen nicht über- 
steigen durfte. 

Hr. R. beschäftigt sich zuerst mit dem Namen des Ber- 
ges, und leitet ahn mit den alten Grammatikern von a und 



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Queestfönes Atlaoticae. <3l? 

rXd* ab. Indessen itt bei der Ableitung aus dem Griechischen 
eine bedeutende Schwierigkeit nicht zu übersehen. Woher 
•oll das anwohnende Volk, die "ArAamc > deren Herodot 
(IV. 184) gedenkt,, den Namen erhalten haben? Sollen die 
Griechen auch ihnen aus ihrer Sprache eine beliebige Be- 
nennung gegeben haben? War diefs doch nicht bei den an- 
dern von Herodot erwähnten afrikanischen Völkerschaften 
der Fall. Es ist wahr, in der Landessprache der Eingebornen 
hiefs der Berg nach Strabo und Plinius Dyris, und noch 
heutzutage Daran; wober es wahrscheinlich wird, dafs die 
Ausländer den Namen Atlas aufgebracht haben. Allein es ist 
weit natürlicher, dafs diese den Atlas mit dem vorgefundenen 
Namen der Leute belegten, als dafs sie Berg und Leute. auf 
ihre Weise willkürlich benannten. Auch Heise sich mit Ver- 
gleichung einer alten abendländischen Sprache eine noch nicht 
versuchte Worterklärung beibringen, welche in Ueberein- 
st im mung mit der Beobachtung stände, dafs Urgebirge den 
BegrifF des Uranfanglichen vom Stier entlehnten und daher be- 
nannt wurden, wie der Taurus, die Alpen, die Apenninen. 
Nun bedeutet das Wort irakos in etruskischer Sprache einen 
.Stier (s. Creuzers Myth. II. S. 999 f.) , und wäre von dem 
.Wort Atlas nicht sehr entfernt. Der Zusammenhang beider 
Wörter wird um so glaublicher, als der einheimische Name 
.des Berges ganz sinnverwandt wäre, indem Dyris sich von 
dem chaldäiscben ^Jp (Rind) bequem ableiten läfst; womit zu 
vergleichen das deutsche Stier. 

Die weitere Frage betreffend, ob die Kenntnifs des Atlas 
der Fabel von dem Himmelsträger vorangegangen oder 
erst nachgefolgt sey, so läfst sich zwar nicht mit dem Vf, 
rechten, dafs er eine solche Frage aufgeworfen hat. Ref. 
erinnert nur an die Kabirenfabel , welche der Bekanntschaft 
und dem Zeitalter der Tyndariden voraus gieng , obgleich 
diese beiden eingeweihten Heroen nachmals als die kabirischen 
Weisegötter selbst verehrt worden sind. Ferner mag man 
unserm Vf. unbedenklich zugeben , dafs obige Fabel vor der 
.deutlichen geographischen Erkenntnifs des Beiges entstand, 
Dafs sie aber unabhängig von aller empirischen Kunde bloe 
darum ausgeheckt worden sey, weil man sich an der Welt 
Ende Säulen gedacht haben möge , was auf den später bekannt 
gewordenen Atlas übergetragen worden sey, wird bei dem 
auffallenden Zusammentreffen des Mythus mit der natürlichen 
Beschaffenheit seines Gegenstandes nicht angenommen werden 
können. Denn den bimmelhohen Atlas eine Himmelssäule zu 
nennen, ist eigentlich nur dichterische Sprechweise. Eine 



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320 Quaestiones Atlanticac. 

Fabel ist oft eine zur Prosa gewordene Poesie, wie dies hier 

der Fall ist.' Poetisch verstanden verliert sie das Fabelhafte 
und wird Wahrheit. Wenn dem Pindar (Pyth. I. 36.) der 
Aetna eine Himmelssäule ist, so sind schon im Buch Hiob 
(26* 11.) die Berge überhaupt die Säulen des Himmels« 

Letztlü^ stellt Hr. R. die Nachrichten der Alten über 
die Lage des Atlas zusammen , wobei er durch richtige 
Erklärung Herodots (IV. 184.) einen Fehler in Ritters Erd- 
kunde berichtigt, welche glauben macht, Herodot Setze den 
Atlas an das Mittelmeer. Dieser Vater der Geschichte hätte 
noch weiter in Schutz genommen und die zu t reifende Aehn- 
lichkeit seiner Eintheilung von Nordafrika mit der unserer 
Geographen nachgewiesen werden können. Denn nach ihm 
(IV. 1Ö1) Hegt oberhalb des Küstenlandes *j S^/ufa^ Ai/tfyi 
welches wir Biledulgerid nennen, ein an zahmen und wil- 
den Tbieren aller Art reiches Land, über, (das ist südlich von) 
diesem Hegt t^-Sv} ^ppiff 9 d. i. die Sa.hara. Wenn er die 
letztere bis an die Herkulessäulen sich erstrecken und den At- 
las mit begreifen läist, so nimmt er zur Sahara noch das 
Königreich Marokko. Wenn auch aus der angegebenen Ent- 
fernung von dem ägyptischen Theben bis zum Atlas, welche 
Herodot zu 50 Tagereisen anschlägt, und die nach der heuti- 
gen geographischen Kenntnii's ungefähr 620 Meilen beträgt, 
auf die von ihm angenommene Lage des Berges nicht mit Be- 
stimmtheit geschlossen werden kann; so «rhellet doch die 
vollkommene Richtigkeit seiner Kenntnifs schon aus der An- 

tabe c. 185, der ganze Strich (die Sahara) erstrecke sich 
is zu den Säulen des Herkules und über sie hinaus, und das 
Grenzvolk Seyen die Atlanten« Es war aber nicht nur der 
atlantische Ocean , sondern sogar die Verbindung desselben 
mit dem indischen Meer dem Herodot bekannt, Wie Hr. R. 
aus L. I. 202. erweist. 

Wir werden nicht säumen, unsre Leser mit dem Folgen- 
den bekannt zu machen, wenn diese atlantiseben Studien, 
wie wir wünschen, fortgesetzt werden; wobei ohrte Zweifel 
auch auf das' von D. Völcker in der Mythologie des Jape- 
tischen Geschlechts Gesammelte und Gesagte kritischer Bedacht 
genommen werden wird* 



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N. 21. 1827. 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 




Nachtrag zu der Recension der Schrift des Herrn von Reichlin* 
Meldegg über die Theologie des Manes. S. Heidelb. 
Jahrb. 4826. No. 59. S. 987. 

Nebst Beiträgen zur Beurtheilung der Schriften von Hrn. Prof 
Dr. Tholuck über den Suphismus und aber die s pecula» 
live Trinitätslehre des späteren Orients. 

In der angeführten Stelle der Jahrbücher ist es um einen 
(vermeintlichen) Beitrag zur Philologisch - theologischen Dog- 
mengeschichte zu thun. Die — an «ich böcbit sonderbare — 
Lebrvermuthung : dai Endliche werde dadurch, dafs 
dai Unendliche sich aelbat zum Endlichen mache! 
soll, nach Hrn. Dr. Tholuck'« Uebersetzung einer arabischen 
Stelle, auch eine orientalische, namentlich eine von den Dser- 
vaniten behauptete, seyn. Nach der (von mir dort beartbeil- 
ten und berichtigten) Uebersetzung des Hrn. Dr., bei welcher 
natürlich die Meisten der wörtlichen Genauigkeit des Ueber- 
•etzers trauen müssen und ihr nachsprechen würden, soll »der 
grofse Dservan oder Servau, in der Verzweiflung, dafs er 
nach 9999 Jahre langem Brüllen keinen Soha zu gebären 
(vielmehr zu erzeugen?) vermochte, seibat endlich, ge- 
worden seyn, oder eigentlich sich selbst endlich ge. 
macht haben«. » t t 

r Die armen Dservan i tischen Metapbysiker ! dachte ich f 

all ich zuerst blos die Uebersetzung las. In diesem sich selbst 
widersprechenden Quid pro quo, dafs da» Unendliche 
•fclbst auch das Endliche seyn oder werden könnte, sollten 
«ie das Räthsel des Daseyn» der endlichen Dinge gefunden 
baben? Sollten auch sie auf jene Spitzfindigkeit geratben 
aeyn, dafs das Infinitum 53 Non-Finitum sich seihst ne» 
gire (das „Non« gleichsam wegwerfe) und somit «in Fin^rum 
«ay? Wenn da« Infinitum (gewissermafsen ?) zugleich Fini- 
ta, das vollkommene Seyn auch (gewisser mafsen ? ) das un- 
vollkommene Daseyn , die höchste Geisteseinheit auch eine 
"als Vielheit — «eyn kann , alsdann ist freilich das Gtöfseste 

XX. Jahrg. 4. Heft. ' 2 i 



i 



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»»I 



I 

322 Dr. Tholuck. Suphismui 



zugleich klein, oder alles das Kleine zusammengenommen , 
das absolute oder unbedingte zugleich das bedingte und ab* 
gängige i alsdann ist weifs auch schwarz, das gute auch das 
Löse. Die Contradictoiia behen einander auf, und in der 
Mitte bleibt, als das Residuum, — -ein Nichts, das doch 
wieder auch ein Alles ist, und dann abermals ein „Nicht- 
alles" oder ein Endliches u. s. w. t§ 

Und eben dieses ist der tiefeste Tiefsinn?? Die Leute, 
welche das Unendliche so oft im Munde haben, sagen 
ohnehin davon gewöhnlich nichts mehr , als was das blos nega- 
tive Wort andeutet : es sey das , dem die Endlichkeit nicht 
zukömmt. Etwas positives (wie: vollkommenes Seyn) wird 
selten als eine Sinnerklärung , was denn unter dem nur ver- 
neinenden N itch t- Endlichen zu denken sey, gedacht und ge- 
sagt. Man meint etwas zu haben, wenn man den Begnff 
Endlich blo» negirt , blos ihn wegzudenken fordert. Was ist 
aber und bleibt alsdann ? Das blolse Seyn. In der That hat man 
dadurch nichts, als höchstens, dafs etwas seyn möchte, das 
nicht en<fce, oder wenn man noch mehr sieb anstrengt: etp 
was, das nicht begränzt sey. Was aber wird durch 
cKesea „Nicht" ?' Wenn es n i cb t- begränzt ist, was ist es 
denn an sich, ohne die Relation auf Begränatseyn oder 
auf Endlichseyn? — — Und auch die denkenden Dservaniten 
sollten sich in diesem Dunkel, wie im Wirbel, herumgedreht 
haben, wie wenn das Nichtendische auch das Doch -End- 
liche, Infinitum :=: omne Finitum, wäre oder würde, und 
wie wenn dadurch, dafs das Seyn auch ein Nicbtaeyn 
seyn sollte, einem, der nicht blos Worte will, etwas denk- 
ba-es gesagt wäre. 

- Wie haben denn, fragte ich aber zugleich mich selbst, 
wie haben die armen Dservaniten dieses auch nur in arabi- 
schen Worten sagen können? Gab ihnen denn ihre Sprache 
Worte, um diese Sonderbarkeit nur auszudrücken? um dasNon- 
finitum mit dem Finitum zu identificiren ? Ich sah also in den 
arabischen Text; und siehe da 1 dort ist vorerst kein Infinitum. 
Selbst dafs durch diesen Dservan cebir die ungemessene 
Zeit, wie Hr. Th. in der Monographie S. 63. will, bedeute, 
ist unerwiesen. Der „grofae Dservan« selbst wird n i cht ah 
d ^ i8 Unendliche beschrieben, sondern als ein Wesen, 
das i?ach 10,000 Jahren wieder neue 10,006 Jahre macht, also 
endlich*« macht nach dem endlichen. Zweitens aber ist auch 
für das Endlich ekein Wort da , sondern die werdenden 10,000 
Jahre sind beschrieben als ein neues und neu gern acht*«« 
nach dem ältern oder vorher dagewesenen, von 



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und speenlat. Trinit. Lehre des spSt. Orient«. 323 

welchem nicht gesagt ist , ob es ein im merseyendes, a n - 
fangsloses sey, oder nur ein anterius gegen das po- 
sterius. 

Weil dies nun nicbt einen Wortverstofs betraf, sondern 
die dogmengescbichtliche Frage: Isti in der Tbat so, dais 
auch diese genannte orientaliscbe Dcn&er sich beredeten und 
bereden Uelsen, das Unendliche könnt» seihst auch ein End- 
liebes seyn oder werden? so zeigte ich in einer motivirten 
Bemerkung: Die Dservaniten sprachen nicht vom »Endlichen« t 
fondern davon, dafs neu« 10,000 Jahre nach den alten, 
oder vorherigen kämen, durch „Dservan den Grofsen«, 
der seihst nicht als das Unendliche gedacht ist, 
sondern nur als ein Wesen, welches, wenn es zehntausend 
Jahre lang etwas anderes hervorzubringen meditire, doch 
nicht etwas anderes, nicht einen Sohn, sondern nur wieder 
das Gleiche , nämlich nach der alten Zeit eine neue gleich« 
Zeit, und so fort, hervorzubringen habe. 

Dagegen meint nun Hr. Dr. Tholuck: das Wort, welches 
neu bedeutet, habe in der philosophischen Sprache der Rah* 
bin*n , Samariter, Araber, Perser u. s. w. eigentlich den Be- 
griff e n d 1 i c h , angenommen und bezeichnet, und wenn der 
Morgenländer Gott einen Neumacher, tÖ^flEt nenne, so 

sey er eben dadurch im Verstand des Orientalen' der Unend- 
liche genannt. Deswegen schickte Er mir , damit man seinen 
Uebersetzungen aus den orientalischen, für die meiste unbe- 
kannten, Sprachen künftig als wortgetreuen Beiträgen zur 
Geschichte orientalischer Lehren trauen könnte, zum Ein- 
lücken folgende 

»> Gegenbemerkung«, 
welche ich auch, ungeachtet mir Hr. Th. "darin Uebel wol- 
len schuld giebt , wörtlich einrücke. \ 

„Herr Dr. Paulus hat neuerlich in diesen Blättern Gele* 
genheit genommen*, eine Uebersetzung zu tadeln, welche ich 
in meiner Schrift über die Trinitätslehre der morgenländiscbeji 

Tbeosophen von dem Worte siöts» gegeben habe. Ich wu'rde 

mich gegen jenen Vorwurf nicbt vertheidigen , wenn er nicht 
übelwollend *) andeutete, dafs ich jenem Woite, welches 



*) Behutsamer in seinen An sehu I d i gu n g en dürfte endlich der 
Mitgelehrte und Mitlehrer wohl werden, der sieb (s. die Allgem« 
Kirchenzeit. 1 82 G-) über seine (gelinde getagt) grofse üu vorsieht ig - 

21 * 



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324 Dr. Tholuck. Sophiimnt 



eigentlich nur „neu machen, erneuern« heilte, aui 
Liebe z u mystischen Ideen die Bedeutung „endlich 
machen«* beigelegt hätte. Ich halte es daher für nötbig, 
die Bedeutung, welche ich dem Worte gegeben habe, m 
rechtfertigen. Da Herr Dr. Paulus sich auch auf das He* 
hräische beruft, so berühre ich auch dieses. Im Hebräischen 

beifst allerdings, wie jedes Wörterbuch ausweist; flftjf „neu 

•• • 

machen, erneuern«. Desselben Wortes bedienen sich aber 
die spatern Hebräer, um das Schaffen des Endlichen zu be- 
zeichnen, Sie stellen sich gegenüber Q-vp und ^fi. Jenes, 
was eigentlich „altse-yn* heilst, nehmen sie in der Bedeu- 
tung ,ewig leyn«, So in der Stelle Hb.Cosri, p. 9: credo 
innovationam creaturarum et antiqmtatem Creator is. Daher in 
Castelli's lexicon beptag. u^fiE Creator. Derselbe Spracb- 

gebrauch ging zu den Arabern und Persern über, wo er sich 
in ihren philosophischen Schriften fast auf jeder Seite findet, 
in Dschami's Buch Sir Elisrar cod. ms. Berol. 

ei>v> ^ (oi y> ja 

„In dem Menschen sind zwei Meere vereinigt, das der End« 

wigkeit«. Daher giebt CastelLi, 



lrchkei t und das der E 
der besonders den Sprachgebrauch von Avicenna berücksich- 
tigt und daher die metaphysischen Bedeutungen genauer an- 
führt , die Bedeutung: nova existentia rei non ante visae. Hie- 
mit wird hoffentlich die von mir den Worten gegebene Be- 
deutung hinlänglich erwiesen seyn. Wenn übrigens Hr. Dr. 
Paulus hinzusetzt, dafs den Mystikern der Uebergang des 
Unendlichen in das Endliche ein Rflthsel sey, so, denke ich, 
wird doch wohl der Rationalist nicht eben derjenige Seyn, der 
mit dieses Rätbael & lösen vermag. 
Halle, den 18. März 1827. 

i- Dr. A. Tholuck. " 

Unverbesserlich also beweist sich, leider, auch hier wieder 
die Liebe zu mystischen Ideen (vielmehr: Phanta- 
sien) in ihrer Hinneigung zu ungeprüften, ja unbegriffenen 
Möglichkeiten sosehr, dals alles aus allem (quid pro quo) 
gemacht und das angewohnte überall hineingetragen wird; bis 



■•I 



tigkeiten, die offenbar geist» und kenntnisreicheren teut sehen Theo- 
logen bei den in der Theologie meist kläglich unwissenden Episko- 
palen in England In. den schlimmsten Leumund zu bringen, io 
auf «erst unbefriedigend entschuldigt hat« P. 



und ipeculat. Trinif . Lehre des spät. Orients. 325 

mm «um Beispiel — da, wo nur von einem „Neues machen«* 
die Rede ist, die ganze Unmöglichkeitstheorie: als ob das Un- 
endliche sich selbst endlich machte, eine im weisen 
Orient anerkannte Weisheitslehre gewesen seyn soll. 

Hr. Dr. Tholuck gab von der arabischen Stelle , welche 
ich in Nro. 59. 1826. S. 937. wörtlich angeführt und beur- 
tbeilt habe, die Uebersetzung : 

„Der grofse Servan erhob sich und brüllte, rj-^) 
(Dsemdsem) 9999 Jahre lang, um einen Sohn zu ge- 
bären (?), aber es entstand ihm keiner. Darum wur- 

de er selbst endlich" i^JS O Jc> ^ (thom cbadda- 
tha naphsaho). 

Der Sinn, um welchen es au thun ist, soll besteben in der 
Erklärung der Aufgabe: wie wird das Endliche? Nicht 
also um eines Wortstreits willen, sondern wegen einer schwe- 
ren metaphysischen Frage wäre die Uebersetzung von Wieb, 
tigkeit. Der Mysticistnus aber meint die Aufgabe dadurch 
tu lösen, dafs er ausruft: Das Unendliche raufl selbst 
endlich werden! s. Tholuck: Die speculative Trinitäts- 
lehre des späteren Orients (Berlin, 1826.) S.64» wo auch dem 
Theophilus ad Autolyc. der Sinn blos angedichtet wird : Das 
Unendliche mufste endlich werden, wo doch vom Er- 
zeugen des Logos, der bekanntlich nicht Endlich seyn 
soll, die Rede ist. Und in diesem Sinn soll denn auch die 
Secte der Servaniten eben dieses Dogma aussprechen : Der 
grofse Servan (der Unendliche??) habe in 9999 Jahren kei- 
nen Sohn gebären (?) können, „darum wurde er 
selbst endlich 0 ! 

Ich zeigte , dafs der Araber Sbaristani die Verehrer des 
grofsen Dservan (wahrscheinlich des Mitbra , als des gülden- 
glänzenden Sonnengottes und Sonnensterns, und daher als des 
grofsen Zeitgottes) nichts sagen lasse 1. von einem Brüllen 
des Dservan Cebir, noch weniger f. davon, dafs dieser 
(Unendliche?) sich selber endlich machte. Das letz, 
tere ist der Hauptpunkt. Das erst ere , dafs Qf "2T nicht b r ü 1 - 

len bedeute, ist Hr. Th., wie sein Brief an mich sich aus. 
drückt, »geneigt anzuerkennen«* , Ich dachte micb n&mlich, 
was doch auch dem Nichtmystiker durch Uebung, orientali- 
sche Bildlichkeiten psychologisch zu betrachten, sehr leicht 
wird, in die eigenthOmliche Denkweise des Dservanitischen 
Magers oder Parsen hinein. Wie der Mager , der Bramina 
und alle dergleichen Selbstbeschauer murmelnd und vor sich 



326 Dt. Tholuck. Supnismus 



bin brummend zu meditiren pflegen (vergl. auch das he. 
bräische fijH una> meine Clavis zu den Psalmen über dieses 

T T 

Lieblingswort für den in sich hinein murmelnden Beschauungs« 
zustand), so läfst der Dservanite den groJsen Mithra oder 
Dservan, sein Vorbild, meditirend brummen neuntau- 
send, neunhundert, neun und neunzig Jahre lang (also, nicht 
als einen Unendlichen, sondern als den Hervorbringer und 
Gott der endlichen Zeiten, der Jahrmyriade);* So brum- 
mend und murmelnd soll er lange, lange meditirt haben: 
ob er denn nicht einmal eine andere Art von Zeit und Daseyn, 
einen Sohn, hervorbringen könne. Da er dies nicht Kahn, 
— je nun, „so hat er sich selbst neu gemacht" ü 
lÄSOtf^tt' Das ist aber n ich t: „der Unendliche macht 

sich selbst endlich«! sondern: Wenn eine Jahrenmyriade 
vorbei ist, so kann der grofse Zeitgott doch nichts anderes 
als wieder eine ähnliche Zeitperiode erzeugen zz ein solches 
neues machen , wie sei n vor ig es auch war. Dies war meine 
Berichtigung wegen der zweiten, immerhin nichtrichtigen Ue- 
bersetzung des Hrn. Dr. Tb. 

Der Dservanite, sagte ich, denkt hier weder den Begriff 
unendlich, noch den Begriff endlich, sondern dieses , dafs 
der Gott der vorherigen Jahrenmyt iade nichts etwas ande- 
res , als wieder sich selbst, wieder eine neue solche Jah« 
reninyriade hervorbringe. Der Sinn ist : auf irgend eine Zeit* 
datier (Zeitperiode) vermag der Zeitengott, und wenn er 9999 
Jahre lang meditirte, nichts als, aufs neue, eine ähnliche 
Dauer, einen neuen Aeon, hervorzubringen. Daher das «; 
aiwva; rwv cuaivwv u. der gl. Er, der jetzt eine Ja h reninyriade 
war, macht sich seihst wieder zu nichts anderem , als zu einer 
Jahrenmyriade. Kurz; die Zeit ist Zeit. Auf 10,000 Jahre 
folgen wieder 10,000 Jahre, als ein Wechseln des altge- 
wordenen (nicht - unendlichen) in ein neugewordenes 
von ähnlicher, in Jahre t heilbarer Fortwährung. 

Mich wundert nunmehr nur, dafs Hr. Th. meinen kann, 
irgend in seiner Gegenbemerkung bewiesen zu haben: 
der Morgenländer (Hebräer, Kabbine, Araber, Ferser, Sa- 
maritaner) denke, wenn er das Wort jk\3, D"p» Kadam, 
Kadmon, Kaddim u. s. w. gebraucht, etwas anderes, als 
das oder den, der vorher ist; und bei Chadascb, 
Chiddesch, Chaddascha u. a. w. etwas anderes, als das. 
oder den, welcher etwas neues (also werdendes, nicht im- 
mer ebenso seyendes) ist. Der Kadmon c anterior mag ent- 
weder anfangslos und. endlos, aufser aller ,Zeit, seyn, 



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un J speculat. Trinit. Lehre des spat. Orients. 327 

oder er mag auch, wie der Dservan Cehir selbst, von 10,000 
su 10,000 Jahren wieder eine andere Jahrenmyriade werden, 
und folglich seihst nur als Zeitengott durch immer neue Zeit- 
pcrioden fortdauern; er ist immer Kadmon s anterior, und 
mit jener Benennung anterior ist kein Gedanke an »Endlich oder 
Unendlich«* von selbst verbunden. Eben so schliefst das Wort 
Chadaach keine Erinnerung an den Begriff endlich in sich. 
Das neue ist freilich ein Seyn, das vorher entweder gar 
nicbt, oder anders, auf andere Art, in der Zeit war. 'Ob es 
aber ende, enden müsse d. i. endlich sey und unvoll- 
kommen in der Fortdauer, dies ist, so oft der Orientale cha- 
dascb sagt, nicht ges igt und nicht verneint, kurz, von ihm 
durch dasselbe Wort noch gar nicht gedacht. 

Und dieses gerade ista, worauf bei jeder philologisch« 
philosophischen Dogmengeschichte ganz vorzuglich viel an- 
kommt, sie betreffe nnn, wie hier, ein einzelnes Dogma (den 
Denkversuch, wie das Endliche werde?) oder ein ganzes Dog- 
mensystem. Die längst durch eine treffliche Dissertation von 
Morus so sehr empfohlene Unterscheidung des Significatus 
und des Sensus lehrt, in der Bibelerklärung und anderwärts 
alle dergleichen Verwechslungen mit Besonnenheit vermeiden. 
Wie schädlich ist all das die Begriffsbestimmtheit verderbende 
Ueberspringen vom ähnlichen und verwandten auf ein anderes 
blos ähnliches, aber nicht identisches Prädicat ! Jene Fehl« 
erfindungsart des Pbilosopbirens durch Assimiliren liehen nur 
die, welche mehr durch die Phantasie, als durch die ver- 
schrieene ratio oder Verstandrechnungskunst (die streng unter- 
scheidende und dann erst das relativ identische relativ identi- 
ficirende Urtbeilskraft) philosophiren oder tbeologisiren, auch, 
wenn sie Philologie anwenden. 

Ebenderselbe Gegenstand hat nämlich neben einander gar man- 
cherlei Qualitäten und ihnen entsprechende Benennungen oder 
Prädicate. Der Pliuntasirende stellt sich gerne die mancherlei 
Qualitäten zugleich vor und denkt, wenn er die eine denkt, gerne 
auch die andern mit. Soweit gut. Aber wenn er dann leicht 
annimmt, wo die eine Qualität (z.B. das Prädicat neu) gedacht 
ist, da ists auch die andere (z. B. der Gedanke : Endlichkeit), *o 
irrt er oft sehr ' f und noch mehr, wenn er meint: jemand nenne ■ 
eine Sache endlich, sobald er sie neu nennt. Wenn nun 
ein solcher ohnebin in der Gewohnheit lebt, recht hochtönend 

4 — 

und viel dunkles ahnend von dem »Un • endlichen«« zu sprechen 
und das Endliche auf irgend eine Weise in das Un - oder 
Nicht • endliche hineinzuschieben, um damit im Wort 
(wenn gleich nie in der Wirklichkeit und im Begriff) beides 




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328 Dr. Tholuek, Sophismus 

i 

zu identificiren oder zur Indifferenz su bringen, so fällt ihm 
auch , wo von dem vorher« eyenden und dem nachher wer- 
denden oder neuen gesprochen wird, sogleich wieder nur 
sein Lieblingssatz hei: Das Unendliche seihst wird end- 
lich, macht sich zum Endlichen. Siehe da, auch , die 
weisen Dservaniten und der Tbeopbiius ad Autolycum, und 
wer nicht alles ? haben eben diese Weisheit auch sich ent- 
fallen lassen. 

Aber Hr. Dr. Tholuek hat ja doch über «ein Cbadasch 
als endlich und nin Kadmon als ewig, wie Ober lauter 
dem Orientalisten bekannte Wortbedeutungen, zum Ueber- 
flufs evidente Belege nachgewiesen ? Je nun. Was sagen die 
von Hrn. Th. jetzt angeführte Stellen ? Er sagt: Jenes Ka da m, 
was eigentlich alt seyn heilst, n eh me n s i e in der Bedeu- 
tung ewig-seyn«. Keineswegs. Das vorherseyende 
heilst Kadmon und ist anteriiu, ob es anfangslos seyn. 
toll, oder einen Anfang hat, wie z B. der rabbinisebe 
„Adam Kadmon" oder das nach den Kabbalisten vom Unend- 
lichen lange zuvor, ^ 0 aiwvwv, gedachte ideal der Mensch« 
heit. Diesem Vorherseyend^en (anffrim), wenn es selbst auch 
nicht anfangslos wäre, steht dann gegenüber das Chadasch ala 
das Neuwerdend e, aber wieder, ohne dafs dieses Wort 
den Begriff mit sich bringt, dafs es enden werde, oder 
nichtenden. Das dem Kadmon entgegenstehende Acha- 
ro n wurde oft auch endlos gedacht, wenn man z.B. 

die Menschengeister werden, aus dem Nicht seyn als Cha- 
dasch geschaffen werden lieh, alsdann aber doch sie 
endlos glaubte, 

Hr. Tholuek führt aus Lib. Cosri p. 9. Bnxtorft Ueber- 
setzung wie einen Beweis für sich an, dafs der Kabbine die 
Ewigkeit nenne Kadmanut Habbore. Aber übersetzt 
denn nicht Buxtorf selbst: mntiquitatem creatoris, das ist prio- 
ritatem , anterioritatem (ut barbare loquamur). Der dort re- 
dend eingeführte Christ giebt sein Glaubensbekenntnifs , dafs 
alles Geschaffene neu, eine novatio *) tffaft, »«y, der Neu- 



*) Nieht 9 wie Hr. Th. ohne Verbesserang des Druckfehlers eitirt , 
rredo //movationem , sondern credo in novationem er ea forum hat 
Buxtorf den Text übersetzt flifcOMfi tfWp Die * 
sps novare enthalt den Begriff schaffen < ohs« dafs vorher 
etwas als Stoff da war, cx mhilo facere ; aber nicht ex in- 
finito oder aus dem rollkommnen Seyn. 



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und ipeculat. Trinit. Lehr« des ipät . Orient«. 329 

m ach er ttf-ffta a ^ ef ein vorhergehender aey , die Kadmo- 

nut — Priorität habe. An den Begriff Endlichkeit und 
Unendlichkeit wird auch dort dadurch gar nicht gedacht. Für 
diese hätte der Rabbine fein jpg «p^ E i n - S o p h. Und eben 

deswegen »etat der Rabbinische Philosoph die prioritas und die 
aetemitas (oder die Uebermacbt über alles , das Absolutseyn) 
durch verschiedene Worte neben einander, »Der Name 
Jebovah zeugt — sagt er, nach Buxtorfs Lex. talm. 1380 — 
de priorhaU et aeternitate Dei f fayi ftp h foWlp"^ al kadmuto 

venizehijuto. (Dieses letztere Wort ist eigentlich prtuvalentia 9 
und nur in so fern das Absolutseyn auch das Ewigseyn in sich s 
schliefst , aetemitas) 

Endlich spricht, wie ja Hr. Tb. selbst anführt, auch Ca- 
stellus nach dem Ibn Sina von nova exiatentia rei non ante vi« 
aae, also von ante und post oder novum, gar nicht von finitum 
'Ob iT^Öft *ttftO und i»ßnitum. Und die neu angeführte Stelle 
aus Dscbami'sagt recht gut: „Im Mensthen ist eine Vereini- 
gung ■ weier Meere, das Neuwerden und das Zuvor- 
eeyii.« Das heifst: das Vorhergewesene ist ihm unüber- 
sehbar und das Erstwerdende auch. Der Mensch steht 
zwischen beiden für ihn meerartigen, unübersehbaren, Aus« 
eichten. Ihm ist das Erstwerdende, wie das, was 
vorher war, unbegränzt, unendlich. So gar nicht ist 
in diesei Stelle das Neu werdende das Endliche! 

Uebrigens ist es ohnehin eine ganz unfruchtbare, blo§ 
vor den Unwissenden glänzende Mühe, aus Arabern und Per- 
sern nach Mohammed orientalische Philosophie zusammen 
zu suchen. Alles dies ist nicht morgenländiscbe Denkweise, 
sondern eine exot isebe PBanze, bald eine Mischung von 
Plato und Aristoteles, bald der Myaticismus der Paeudo-Pla- 
toniker, nur in arabische oder persische Worte, nicht einmal 
in orientalischen Gedankenschwung, übergetragen. Dies alles 
führt nicht in den orientalischen Geist; nicht einmal in da», 
nach Alexander schon in etwas alexandrinisch gräcissirte In- 
dien ; selbst nicht in dessen noch viel spätere Weisheitsur- 
quellen, gegen welche die Vossischen unabläugbaren Nach- 
weisungen über Wilfords Pandit und die durch Damen- 
hände erst in der Vorrede bequem gemachte Reliquien 
Poliers u. s.w. jeUt endlieh die Steine schreiend machen 
(s. Berliner Jahrbücher. Jan. 1Ö27. die zweite Recension). 



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330 . Dr« Tholuck. Suphiimus 

— 

* • # • 

Der mystische Arabismus und Persismus führt mit einem Wort 
nur bis auf die allmähliche Folgen der von demgrofsen Gesetz- 
Neu macher Justinian I. verhängten gewalttbätigen Aufhe- 
bung der Neuplatonischen Schule zw Athen (529). 
Dieser bewunderte Nichtrömische , sondern Byzantinische Ge- 
seUconstructor , — welcher auch die problematischen Muth- 
raafsungen der metaphysischen Dogmatik in Gesetze verwan- 
delte f namentlich den Glauben an nothwendige Unverweslich, 
keit des Menschenleibs Jesu (eben So sicher, wie er die Tri- 
nitätslehre in seinem Codex feststellte und die besten Exegeteu, 
wie Theodor von Mopsveste etc. verdammte) nach seiner sacra 
und diva majestas imperatorisch befehlen au können meinte — 
eben dieser wollte auch jenen denkenderen Griechen ( Da- 
mascius, Isidor, Priscianus, Simplicius, Sulamius u. a.) die 
Kirchentaufe aufzwingen. Daher damals (s Agathias II.) die 
Auswanderung jener Classe von Philosophen in 
das immer antiröinische Pe,r sien (vergl. schon das inhalts- 
reiche Lehrbuch der Kirchengesch, von Gieseler I. S. 403.). 
Daher nun dort in Persien und Mesopotamien, in späterer 
Folge, der so wenig orientalische Suphismiis, bei welchem, 
wenn man ihn aus arabischer und persischer Sprache übersetzt 
erblickt , die Staunenden vergessen, wie gar sehr neu diese 
Seine Quellen sind, da selbst der Ursprung dieser Quellen so 
neu und nur ein fremdartiger war. Mich wundert nur, dafs 
der Verf. des Suphismus nicht längst auf diesen Zeit- und 
Sachzusammenhang achtete, da ihm einmal p. Iii. in der Note 
der Gedanke nahe gekommen war, der Dessatir u. dergl. 
Schriften fallen in Justinians Zeiten. Freilich aber fügt er so- 
gleich wieder hinzu: materiem ante m doctrinae antiquissimi esse 
aevi. Welch ein sonderbarer Hang für die Erblehre, wie 
wenn alles Tradition, alles per traducem gekommen und ge- 
erbt seyn müfste — die Weisheit, wie die Sünde u, s. w. I 
Solche daurende, lang mündliche Tradition schwerer Lehren 
sollte im Orient denkbar seyn, von welchem schon Leibniz so 
scharfsichtig bemerkt hat, dafs er deswegen so wenig zur 
Cultur komme, weil er (so gut wie gar) keine Geschiebte 
habe, wo also höchstens drei Generationen durch ihre Kennt- 
nisse unmittelbar auf einander wirken. 

Aufsehen oder Erstaunen machte mit solchen mystischen 
Erblehren 1321. bei den damals noch etwas mehr als jetzt eo« 
thusiasmirten Mystikern und Mystificatoren unserer Zeit der 
„SS ufism us, sive Theosophia Persarum pantheistica , quam e 
Mss. Bibliothecae reg. Berolin. versieh , arabicis, turcicis, eruit 



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und speculat Trinil. Lehre des spät. Oiicntf. 33 1 

atque illusravit Frid. A. Deofidua Tholuck, Licentiat, 
Theol.", weil die Fernsicbtigen , die über den Menschengfiat f 
ül»er Erfahrung, Verstand und Vernunft hinaus am schärfsten 
zu sehen sich gewöhnt haben, die naheliegende, kleine Klei- 
nigkeit übersahen, dafs die dortigen Gewährsmänner, aus 
denen alte, hohe orientalische Weisheit eruirt seyn* 
sollte, um sechs, sieben Jahrhunderte später sogar als Mu- 
hamrned sind, und folglich Zeugen von altorientalischer , ur- 
sprünglicher Theosophie eben so gut seyn können, als etwa 
der beilige Bernhard (im zwölften) oder Innocenz III, (im 
dreizehnten Jahrhundert) von der Lehre der Druiden oder 
auch nur der altchristlichen Guideer in Schott- und Irland. 

Zu lohen ist nun wohl, dafs Hr. Dr. Tholuck, welcher 
erst noch l82i. in seinem „Ssuphismus« Unbedingt verneinte , 
dafs die (Post-)Muhammedanische Mystik aus Griechenland 
entlehnt worden sey, und vielmehr den Quietisinus aus China 
bis Persien, von Persien aber nach Griechenland die Wande- 
rung machen liefs (Ssuph. pag. 79.), jetzt (1826.) in seiner 
„Monographie über die speculative Trinitätslebre des späteren 
Orients** S. 69. erklärt, wie er »sich nunmehr bestim- 
me, die theosophischen Ansichten über Gott in der Muham- 
medanischen Theologie sowohl als auch in den Schriften der My- 
stiker aus griechischen Quellen abzuleiten «*. Zunächst 
folgt hieraus, wie mich dünkt , eine starke Warnung, nicht 
mit so vieler Heftigkeit der Phantasie, auf diese oder jene kaum 
begonnene Untersuchung hin, sich zu entscheiden und dem 
Publicum das, was den Namen „ Ueberzeugung « noch gar 
nicbt verdienen kann, wie das wahre Licht, mit Zurückstos- 
sung anderer Ansichten und Personen (wie im Suphismus 
p. 1330 einzureden. 

Es Enden sich aber auch noch überdies in beiden Schrif- 
ten nur allzu viele Data., dafs der Vf. mit seiner Fertigkeit in 
mehreren orientalischen Sprachen, doch selbst als Uebersetzer 
für die Unkundigeren, noch weit mehr Genauigkeit in Wort- 
und SachkenntniTs zu verbinden und zu beweisen nötbig bat. 
Wie sehr hätte z.B. sogleich aus der Sachkenntnis sich die 
Unrichtigkeit der Uebersetzung entdecken sollen, statt dafs 
im Suphismus p, 148* wiederholt gesetzt ist: Asoddin . . . 
dispescit qualitates Dei . . in positivus et negativus ■ • 

.« • OU*0 

»negativam dicit , quae solius Dei est v. C unitas, positivam, 
quae gradu inferiori etiam hominibus COmpetit , velüti poten- 



332 Dr. Tholuck. Snphismas 

t „ 
tia , bonitas.« Die Rede ist vielmehr, von Eigenschaften oder 
Vorzüglichsten, welche der Gottheit allein festblei- 
ben, was die Scholastiker immanentes oder quiescentes nannten , 
und dann von solchen, die gleichsam zur Beute werden , d. i. 
auch andern Geistern zukommen können. 'Die Begriffe : po- 
sitiv und negativ gehören gar nicht bieher. = Fflttj 
bezieht sich auf ruhiges Feststehen, y-JL» auf das , was 

schnell oder weit weggezogen werden kann, wie z.B. 
eine Beute vom Raubthier, oder wie etwas leichtes vom war- 
men Bernstein angezogen werden kann. Dies betrifft also 
göttliche Eigenschaften, die auch der Mensch gleichsam at. 
trahirt und sich zu eigen machen kann. P. 205. führt der 
Suphismus seihst an, wie richtig de Sacy das vi^ola erklärt, 

von dem , quod Deo inest (et imtnanet). Aber freilich ist dies 
de Sacy! — Doch bemerke ich gerne zur Entschuldigung 
des neuen Liebersetzers, dafs der Sinn jener philosophischen 
Terminologie , weil in solchen Philosophemen die Worte, ohne 
Blick auf die Sache, oft sehr irre führen können, eben so in 
Reland de religione Mohammedica L. I, p. 9. und L.II, 
p. 135. verfehlt ist, wo die ^^JU oLr^o übersetzt sind 

attributa positiva et negativa, ungeachtet im Texte Selbst vi>ül3 
als permanens ist, die blos verneinende Attribute aber, wie: 
»lichtgestaltet,: nicht seines gleichen habend u. s. w. 
nicht unter den Begriff ^^JU gehören, welcher vielmehr die 

communicabilia bezeichnet. 

Auffallender ist, dafs Hr. Tb. die ^ M JL&U nämlich die 

Dialektiker, oder wie man sie später nannte, die Nomi- 
nalisten, gewöhnlfcb Religiunsphilosophen über* 
setzt (Monographie S. 4. 8. 73.). Ihr Wort £W ist doch 
nicht der Logos Suhstantialis. Auffallender ist ferner, dafs 
Hr. Th. die sogenannten öA*£jt welches die Gefühlsp hilo- 

aophen, die sinnlicher philosophirende sind, ge- 
wöhnlich die Orthodoxen übersetzt. ,n A bedeutet auf 

sinnliche Weise wissen. Daher wird Poesie, Musik 
u. a. w. nach diesem Wurzelwort benannt. Sind* denn etwa 
dem Hrn. Dr. Th, Orthodoxen und Gefühlsphilosophen Syno- 
nyma? 

Auffallend ist es schon im Ssuphism. p. 28. 29, dafs Hr. 
Th. nicht durch Hrn. v. Hammer, Gesch. der pers. Dichtk. 
S. 364» »ich bewegen liefs , zu unterscheiden , warum wohl 



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und speenUt. Trinil. Lehre des spät. Orients. 353 

die mystischen Suphier «ich selbst Sopbi nannten, und 
warum dann Andere ihre Benennung, wie einen Necknamen 9 
als Inniger von Supb J^o lana ableiteten, weil sie, die de« 

müthig sich auszeichnenden , atatt der feinen Lein wand rotbe 
Wolle zum Turban nahmen; s. in Hottingera Hist. Orient, 
ed. II. p. 598. die Erklärung des Leunclaviua. — Sopbi ist 
ein erleuchteter; im weltlichen Sinn etwa so , wie der Titel 
Durchlauchtig, Sie selbst nannten aicb, im geistlichen Sinn, 
was sie seyn wollten: die defaecati (abgeklärte, wie der 
Conversus, Werner, gerne von »Abklärung« statt Aufklä- 
rung — sprach), die klar und rein gewordene. Wie 
aber wird sich eine solche Farthie selbst die Wollenträ- 
ger, die Kothwolligte (KiselbasMari oder capita rubra) 
nennen? Dies, versteht sich , war nur , was Andere aus dein 
Sopbi -Namen machten und was sie, als Enkratiten, duldend 
hinnahmen. Zur Ableitung des Namens ist folgendes zu bemer- 
ken. Jes. 21 , 5. wie Lftwo bedeutet klar, abgekl är t f 

T T 

voo Mischung rein seyn. Daher ist im Hebräischen auch 
klar seyn — in Rücksicht der Augen, so viel als hei 1 
sehen, wie Ezech. 3, 17. *) ^ ■ftp tttk TtttO mB^S 
Aus der Stelle bei Ezechiel haben wir auf alle Fälle einen Zo- 
phehalsSe her , wie sonst einen j-^h = Prophet 1 Sam. 9» 

• * 

9. Aucb Zophim sind Jea. 52, 8. 62, 6. — Kamen nun 
allerlei Arten von Philosophien, besonders seit Justiniana 
Verjagung der Neuplatoniker von Athen, nach Persien, und 
nannten aicb die Mystischen, die sieb aucb gerne Q^i^Le yvu>- 

ermof nennen , lieber *o$ou; als Philosophen , so trat wahrschein« 
lieb der Fall ein, welcher bei Aufnahme fremder Namen so 
oft vorkommt. Man assimilirt, auch mit einigem Zwang ge- 
gen die etymologischen Regeln, das fremde Wort mit einer 
einheimischen Wurzel. Der <rc£a; nannte sich gerne, um dem 
Wurzelwort LLo abgeklärt seyn, klar sehen, nahe tu 



*) In der damit gewöhnlich in Verbindung gesetiten Stelle Je- 
rem« 6, 17, scheinen nicht Q^i, sondorn Ton Ji^) 

Heere, acies , verstanden werden zu müs sen , weil ein HBitDfi ?ip 
damit verbunden wird. 



334 Dr. Tholuok. Supliismu« 

kommen , einen Zöphi nach dem Passivum der dritten Con- 

jugation^yj^yo er ist klar gemacht worden. Der Spott 

aber kam nach, dafs nun andere sie Zuphier ~ Wollen- 
träger (den Schaafen verwandt) zu nennen sich die Lust 
machten. Dadurch, dafs wir an das Passivum der dritten 
Conjugation denken , hebt sich der (im Ssuphisra. pag. 27. mit 

Hecht berührte) Zweifel: wie sich das ^ in ^Jyo bei der Ab« 

leitung von Isuo erklären lasse ? Durch die Bemerkung aber« 

dafs man crofyo; gerne in ein ähnliches orientalisches Wort ver- 
wandelte« verschwihdet die (ebenfalls dort S. ^i ^ richtig be- 
merkte) Einwendung, dafs die Namen V h i 1 o s op h u s und 
Soph i sta immer mit^*, nicht mit (jo, geschrieben werden. 

Ueberdies schreiben doch, wie p. 32. selbst angieht, die Tür- 
ken den Namen de r 1 h e i 1 i ge n S o p h ia - Kirche mit 

tytyc Um zu leichterer Ueberzeugung von dem Entstehen 
der Etymologien dieser Art nur an ein Beispiel zu erinnern , 
denke man ah MaßoXos* Der Araber dachte , da er dies Wort 
hörte, an sein Verbum gJUI £3 desperavit, und machte sich 

jetzt Ehlis (jm^I einen desperabundus , statt diabolus. Der 

spätere Jude hörte auch Staßoko$. Er dachte an den verwandten 
Laut ü s a b o 1 , ^JQt Wohnort und machte sich daraus einen 

hik {aßovX 9 bl'ali Herrn der Wohnung Matth. 12, 

29. 24« 27- a^^ÜJV TOU KOCTfXOU (Joh. 14, 30.), Trätendenteil der 

Herrschaft über die Menschenwohnung, die Erde. 

Genug von dem Namen der Sup hier, die im höchsten 
Grade ihrer Speculation oder Wesensanschauung den Gipfel 
des Pantheismus ersteigen: den Wahn, nicht nur ein Tbeil 
der Gottheit, ein realer Gedanke derselben oder eine Emana- 
tion, sondern — Gott zu aeyn. Dieser Hauptinhalt jener 




genauere I 

mungen und Ansichten ankommt, seine Uebersetzung die Rich- 
tigkeit nicht, welche die meisten, denen die Quellen nicht 
seihst zugänglich sind, und die also lieber* wörtliches, als 
paraphrasirtes , sich geben liefsen, in solchen Theilen der 
Dogmengeschichte wünschen müssen. Gebet) wir davon, um 
zur Behutsamkeit und Genauigkeit Antrieb zu geben. Bei- 



DigitizecHoy Googli 



r 



und speculat. Trinit. Lehre des fpät. Orients. 335 

spiele, so sollte dies Hr. Th, nicht etwa einem Ueliel wol- 
len zuschreiben y da Er seihst 'p. 44 Suphism.) sogar gegen 
Aoquetil „vinnn, cujus similem aetas nostrj nulluni tulit 
et alioquin praestantissitnum « den Verdacht äufsert, dafs, 
weil dessen Zendavesta ne levissima quidem ahstrusioris 
doctrinae (mysticismi suphistici) indicia, welche doch im Da- 
histan se*yen, enthalte, Er, der übersetzende Anquetil , man- 
ches zu sehr occidentalisirt haben möge (Orientalium opinio- 
nes niinis interdum nostro ingenio adoptaverit et adeommoda- 
verit). Wir reden aber vielmehr von unrichtig verstandenen 
Stellen, welche Hr. Dr. Th. ohne Zweifel nicht blos aecom- 
modiren wollte; da Er den Text, zur Prüfung, beifügte. 

S. 102. 103. will die Note die eruditissimos Orientalium 
litterarum doctores berichtigen, dafs jc> oft nicht Statut prae- 

stris , sondern Verzückung zu übersetzen sey. Eine Stell« 
aus dem Zuphiten Dshuneid führt Hrn. Th. richtig auf descen* 

der« und er denkt JU> formatum esse ad formam partieipii 
fraestnds activi a yerbo descemUre. Allerdings ist eben 

dasjenige Jb». gemeint, welches längst bei Caetellua S. 1229. 

nro. 6. erklärt ist, als das von oben h er a b k o in mend e , 
gleichsam als eine Niederlassung der Gottheit. Es wäre 
daher dieser mystische Gemüthszustand eher wie eine itieuba* 

tio % als wie eine eettasis oder Anziehung von Gott v^aX^ 

beschrieben. Eben dieser Zustand ist es , welcher pag. 1 4 6 - 
indeatio genannt, von «Wen aber verachtet wird, die 

nicht die Gottheit in das Subject herabkommen, sondern 

dieses durch die XpL^aJit unißcatio^ unitio mystiea mit ihr ver* 
eint, in die Gottheit versetzt, werden lassen. Daher wä- 
ren zwei Arten von indeatio zu unterscheiden; die eine, wo- 
durch Gott in den Menschen, die andere, wo die Men- 
scaenseele in Gott eingebe, wogegen der Suphi eine 
ursprüngliche unio J*s>jä , ein (nicht erst werdendes) Eines- 
seyn des Wesens annimmt. 

Für die Unitio werden allerdings (p. 94 ) d» e Bilder 
vonEhlichung gebraucht. Alsdann aber ist natürlich Gott der 
sporuns. Deswegen sollte p. 95. von Gott getagt, nicht 

sponsa übersetzt seyn, , 



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'336 Dr. Thpluck. Saphiimui u. Trinit. Lehre del Orients. 

> 

Als ein Hauptsatz der höchsten Mystik wird p. 69. an- 
gegeben Js^-^J! \ O^JpiwvM^- und so ist es auch. Aber 
nicht , wie Hr, Tb. übersetzt : Numeri Unius (Dei) sunt mem- 
bra Uniiis. Wie sollte oljl membra bedeuten l Und welch 
ein Sinn läge in der Behauptung: Zahlen Gottes sind Gottes 
Glieder? Der ächt zuphisch- mystische Sinn ist : Alle Ein- 
zelnheiten, res individuales, singulares, sind Gedankers 
des Einen. Die Gedanken des Einen (Gottes) werden 
(gleichsam) Ouplicate des Einen. Dies nämlich ist die 
Grundidee dieses Systems : Was Gott denkt, ist reell ge- 
dacht; es ist also, aber es ist in Gott. Jedes Individuelle 
ist eine dem göttlichen Gedanken entsprechende Einzeln« 
beit, die aber nichts von seinem Seyn abgesondertes wird, 
sondern als ein dem Gedanken gleiches, als ein Duplicat des 
Gedankens, des^^wj*, existirt. oL^ sind nicht Glieder, 

sondern doppelt bestehende Dinge, in so fern eines 
derselben dem andern gleich ist. — — Die Idee ist sinnreich: 
Alles, was wie einzeln (individuell) «xistirend erscheint, 
ist nur das Duplicat» gleichsam der Wiederscbein eines gött- 
lichen Gedankens. Sie verdiente, dafs ihr Sinn tief jjefafst 
und verdeutlicht worden wflre. Wer eine Dogmengeechichte 
der Mystik geben will, mufs sich ganz in diesen Gemüthszu« 
stand hinein versetzen, ohne darin befangen zu seyn. 

Gut ist S. 164« die Bemerkung , dafs bei manchen gnosti- 
seben Ausdrücken vornehmlich das Syrische zur Erklärung 
diene. Daher die passende Anmerkung , dafs die gnostischo 
JLxap«*3 nach dem Syrischen cognitio von intellectueller und 
sinnlicher Art bedeute. Dagegen ist es pag. 174* u. s. nicht 
richtig, dafs die Dabriten iüJO und die Thabaiten 
oJ ^^1j promiscue so genannt werden, als Naturalisten. 
Wie sehr und richtig unterscheidet jene und diese schon 
Abulpharag; s. Pocoke's Notae ad Portam Mosis. fol. T. I. 
p, 219. c. VII. 



{Dis Fortiittung folgt.) 

■ 



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N. 22. " 1827. 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 




Dr. T h o I u c k. Ssuphismus und speculatlve Trinitats- 
Lchre des späteren Orients. 

{Fort Setzung.) 

Dab r *) bezeichnet flberbaupt den Begriff: so fort ge- 
hen, fortdauern. Ibre Ansiebt war : alles, was ist (vollkom- 
menes — göttliches, und aiicb unvollkommenes) war immer und 
ist immer. Alles ist so fortgebend (in Wechselwirkung), 
aber nicht eigentlich so werdend, wie wenn nichts gewe- 
sen wäre, auch n i ch t a u fh ö" rend. In diesem Sinn können 
auch Zupbier Dahriten seyn, indem sie das unvollkom- 
men - existirende immer gleichzeitig mit dem vollkommenen 
Seyn annehmen und beides nicht nur mit einander, sondern 



•) Dahr bedeutet nicht eige-ntlich Zeit, oder Gluck und Un- 
glück, sondern immer den Begriff: es geht soj wofür wir 
kein Einzelwort haben. Auch sind ebendaher, um dies für bibli- 
sche Philologie im Vorbeigehen zu bemerken , ft^flOft im Li^d 

der Deborah BRicht. 5, 22. nicht gerade laute Hufs ch läge, 
sondern vielmehr die flüchtig fortgehenden Schritte, und 
swar dort nicht der Pferde, sondern des Fufsvolks. Die Q^Wflfci 
sind die zu Fufs fechtenden Starken , uud nur die erste Zeile des 
Verses spricht von den fliehenden Kriegsrossen 

-»: • : -» -r 

Nun treffen an einander die PfeTdehufen (so, wie im 
Galopp beide Hinterfüße an die beiden Vorderfüfse sich vorschie- 
ben und gleichsam anschlagen). 

srrsK ni-m nttwca 

Fortgehend machen sich (es beeilen sich) die Schritte 
der Starken. Eben so ist Nahum 3 , 2. 'jtffa gJjb 

«chreitend e, städtische, Reitpferd. 
XX. Jahrg. 4. Heft. 22 



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1 , 

338 Dr. Tholuek. Sophismus 

in einander fortdauernd zu denken versuchen. Malcolm Hiit 
of Fersia II, 391. 

Die Philosophen hingegen , welche der Araber T behal- 
ten oder Thabäer nennt, sind in so fern Naturalisten, 
ala sie annehmen , daXs allen unvollkommenen, immer durch 
Anderswerden fortschreitenden , Dingen (nasciturus — naturii) 
eine gewisse Art zu wirken zz ein« best i min te Kraft 
wie eingedruckt sey, so dafs sie nun nach dieser ihrer 
»Natur« fortwirken , sich auflösen, aufs neue zusammenfügen 
u. dergl. Dabei erkennen die Thabaiten Gott als mächtig, 
weise und grofs, daa göttliche Einwirken in die Natur aber 
ist ihnen mehr eine Zweiheit, daa Wirken einer höchsten fQr 
aich bestehenden Kraft auf andere auch an sich fortdauernde, 
unvollkommene Kräfte* * 

Auch hier, im Ssuphism. pag. 194. sch&n, wird Hr. Tb. 
durch seine Vormeinung , Kedem bedeute acte rnitas 9 in weitere 
Unrichtigkeiten verwickelt. Das, was man hebräisch , rab- 
binisch oder arabisch Kadmon nennt, ist ein vorher- 
seyendea, ohne dafs dieses Wort verneint, dafa ein solches 
anteriua auch ein erstgewordenes seyn könne. Die Kab. 
bala nimmt an, als der Ewige sich zusammengefafst habe, als 
Deus m und um creaturus conttaxit pmtsentiam suam, sey entstan- 
den eine Luft* die sie nun Kadmon nennen "pElpS *t*W* 

n ich t Weil sie ihnen ewig, anfangeloi schien, sondern 
weil sie Vor allem andern aey. Rittangel Cabbala denudata 
P. LX p. 150. 

Weil nun der Araber das Wortspiel liebt, dem ^Jö Ka* 

dam daa pjct ädam gegenüber zu stellen, so schliefst Hr. 

Dr. Tholuek: dieses bedeute das Nichts, nennt es aber 
doch auch das privatum (beraubte) mit der Erklärung , diesem 
Privato Werde von den Suphiern entgegengesetzt das Kedem, 
welches im arabischen aeternitas, im cbaldäischen und samari- 
tanischen prineipium ante res creatas , das U r , bezeichne. Allein 
ist weder daa Nichts, noch ein Etwas , dem etwas 

entzogen wHre. Vielmehr hat dieses arabische Wort die 
Bedeutung des ' a privativum. Im Gegensatz g*gen das Vor- 
berseyende ist ea das Nochnich,tseyende. Dem U ««* 
gegengestellt das ovn ov, das, was einmal nicht war; 
ao wie man sich stritt , ob der Logos i£ p£ N Svrcuv sey» eines 
der Dinge, die einst nicht waren, ein avomovi wel- 
che* weder ein privatum, noch „das Nichts« zu nennen 
wäre, sondern ein werdendes, einst nichtseyen 
daa, wahrend das Kadmon ein vor ihm aeyendes be 



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Und speculat. Trinit. Lehre des spät. Orients. 339 

deutetf, das aber, wie Hr. Tb. p. 194* selbst aus R. Jeir- an« 
führt, von dem Unendlichen, als seiner Ursache, immer 
lehr verschieden zu denken ist. Es ist nur «-fo üaraßok^q koo^/ou 
vergl. LXX Prov. 8» 23, aber dadurch noch nicht als an- 
f an gsl o §| als absolute anterior , bezeichnet. Vielmehr istauch 
su den neutestam<>nt]ichen Stellen , wo der Messiasgeist xpa 
rw rov HocfAov stvat Job. 17, 5. gesetzt ist, vergl. Apok. J3, 8« 
17,8, dieses sehr zu bemerken, dafs der rahhinische Sprach- 
gebrauch zwischen Dingen, die vor dem Olim geschaffen 
wären, und der Schöpfung der Z e i t w e 1 1 , Ola m , unter- 
scheidet. Sieben Dinge, unter denen auch der Name de« , 
Messias, seyen nach Pirke Elieser c. 3. geschaffen, ala 
derOlam noch nicht geschaffen war. fc&ttf Stf-fiM 

E'TJ»! fcPM Auch das Gesetz sey im Schatze Gottes gewesen 

§74 Generationen langj ehe der Olam geschaffen ward. Diese 
Stellen gieht auch Hr. Th. in der Monographie selbst an. S. 42. 
Aber, so deutlich sie von einem G e s c h a f fe n se y n , nur 
vor oder lange vor unserer Zeitweltschöpfung reden; den- 
noch spricht er S. 43. so, wie wenn man dergleichen prä- 
existirende Schaffun gen als etwas ewig Gott coÖxi- 
stirendes gedacht hätte. 

In der Note bemerkt Hr. jTh. p. 195 f die Hebräer hätten* 
kein Wort, das genau Ewigkeit bedeute. Zerstört Er 
hieduich nicht seibat sein Beharren auf der Behauptung, dafs 
Kadam aeternitas sey? 

Eben deswegen, weil Kadmon nur den vorberseyen- 
den bezeichnet, Setzen die Rabbinen zusammen t^TTF^ T^^J* 

ganz und gar alles zusammen genommen) vorher- 

seyend. Wohl zu bemerken nämlich ist auch bei dem Wort 

tÄn*!ti • ^ a ^ 8 es e 'g en, lich nicht unsern Begriff von absolut 
oder geradezu (ahsolute, Simpliciter) erweckt und in sich 
schliefst, sondern, indem es von der sinnlichen Vorstellung: 
unter einander mischen, z u sa m in e n k n e t e n , ausgebt 
und abstammt, eigentlich allzu flammen, omnino$ ömnimode 
bedeutet. Sagen die Lexica , ftJ'Ttt t^^H bedeute, einen 

Aussatz absolut für Aussatz erklären, so ist doch der Be- 
griff des Rabbinen: der Priester erklärt, dafs der von ihm 
untersuchte Aussatz g a n s zu mischen sey (~ ganz gehöre) 
in die Classe Aussatz. Eine völlige Adjudicirung wird daher 
genannt NtAfi Die Lexica sagen ; appropriatio. Aber der 

rabbinische Begriff ist : immixtio, commixtio. Des Richters 

22 * 



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322 Dr. Tholuck. Suphismuj 

Urtheil mischt zusammen das streitig gewesene Gut mit 
den Gütern des Gläubigers. 

• » 

Auf solche Weise müssen wir immer, als Philologen, 
nicht gerade die Begriffe , wie wir 'sie vermittelst unserer 
Sprachen zusammen denken, in die fremden Worte hineintra- 
gen, sondern suchen, aus welchen Bestandteilen die Anders- 
sprechenden ihre Begriffe zusammenfügten. Nur das, was 
und wie* sie es sich zusammendachten, liegt dann in dem 
Wort als dem Zeichen ihrer, nicht unserer, Begriffsverbin- 
dung. 

So z. B. weil die Orientalen kein bestimmtes Wort für 
anfan gl o s e E w i gk e i t haben , setzt der Rabbine zusam- 
men FilE^p*] £lTi53n (Cosri I. p. 28 ). Aber auch Nizzachut 

bedeutet ihm nicht eigentlich Ewigkeit, sondern „das 
N Macht, Uebermacht, volles Vermögen haben«. 
Dadurch bezeichnet er dann eine vollständige Priori- 
tät, und dies freilich ist dann eigentliches Ewigseyn. 

So wäre es sinnrichtiger, p. 13. den Titel Teskirat' ol , 
Aulia nicht Vitae Sanctorum , sondern Propinquorum sC. Dei zu 
Übersetzen. Denn auf Heiligkeit bezieht sich das Wort 

Jy nicbt - 

Doch genug; und möge däs bisher gesagte, aulser dem 
Zweck, einzelnes zu berichtigen, vornehmlich die Absicht 
erreichen, warnend aufzufordern, dals, wer seltenere For- 
schungsmittel, wie die orientalischen Sprachen sich erwarb 
und noch besser erwirbt, das, was er alsdann dorther schöpfen 
will, um so genauer vorzubereiten und zu erforschen habe , da- 
mit nicht, wenn er unter das wahre vieles halbwahre und ganz 
unrichtige mischt, die vielen, welche nicht selbst prüfen und 
scheiden können , mehr verwirrt als belehrt davon gehen oder 

§ar auf manches Datum fortbauen, das doch auf der von dem 
prachkundigeren gegebenen Grundlage nicht fest steht. Lieber 
nichts, als Veranlassung zn mehreren Mifs Verständnissen und 
Begriffsverwirrungen« nachdem ohnebin die Babylonische 
Sprachverwirrung eingetreten zu seyn scheint, seit die Bau- 
leute dem Verstand den Ahschied geschrieben , und mit der 
absoluten Vernunft den Bau bis zum Himmel hinauf, oder gar 
von oben herab zu führen begonnen haben. 

Auf den letzten 38 Seiten giebt der Ssuphismus per- 
sische, arabische, türkische Texte. Zum Theil vorher über- 
setzte. Manches in der vorangehenden Abhandlung hätte, 



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und speculat. Trinit. Lehre des spät. Orients. 34 1 

ohne Schaden für die Sache, viel kürzer gefafst werden kön- 
nen , aber die Ueberzeugung , was die Quellen oder Zeugen 
sagen, würde weit stärker begründet seyn 9 wenn den oft 
nicht leichten fremden Texten eine möglichst wörtliche Ueher- 
aetzung seitengleich gegenüber gestellt wäre. Was in der Ab- 
handlung vorher übersetzt oder paraphrasirt ist, darüber wäre 
wenigstens eine Nachweisung der Seitenzahl zu wünschen« 



Verwandten Inhalts nun ist eine neuere ahnliche Schrift 
des Verlassers: 

Die speculative Trinitätslehre des späteren 
Orients. Eine religionspbilosopbiscbe Mo- 
nographie aus handschriftlichen Quellen der J-.eydener, 
• Oxforder und Berliner Bibliothek, bearbeitet von A. 
Tboluck, Dr. der Philosophie und Theologie, ordentl. 
Prof. an der Universität zu Halle. Berlin, hei Dümler. 
1826. 76 S. in 8. 

Immer Dankes werth sind genaue Mittheilungen tingedruck- 
ter, inhaltreicher , gut an sge wähltet orientalischer Texte« 
wenn gleich der spätere Orient , aus welchem hier geschöpft 
wird , nichts anderes als das spätere Mittelalter (11 . . 
1400) ist. Was aber m^s man von der Genauigkeit der aus 
den fremden Sprachen bier geschöpften Mittheilungen vermu- 
then, wenn sogleich auf der ersten Textseite der 116. Vers 
der fünften Sure erst arabisch angeführt, alsdann aber die 
Ueberaetzung gegeben wird; 

w o Jesu, Sohn der Maria, hast Du zu den Menschen ge- 
sagt: Nehmet mich und mein« Muter Maria (!) als 
zwei Götter aufser Gott an« 
und wenn dann doch gerade das Wort , worauf alles ankommt , 
„M a r i a « nach den Worten „und meine Muter« im ara- 
bischen Text gar nicht steht; wie denn in der That die An- 
nahme, als ob Mohammed, mehr als unwissend, gemeint 
hätte: die christliche Trias seiner Zeit bestehe aus Gott, Je- 
sus und der Maria! gar keinen Grund im Koran bat. Waren 
doch Christen genug seihst in Arabien. Dafs einige Conimen- 
tatoren diese Meinung ihrem Propheten zuschreiben, ist schon 
aus Hottinger Hist. Orient. II , 2. pag. 344» bekannt. Aber 
sie tragen oft in ihren Koran hinein , was eben so wenig des- 
sen ursprünglicher Sinn ist, als das, was manche der Unser n 
in die Bibel hineintragen. War gleich bei den Christen das 



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342 _ Dt. Tholuck. Suphismus 

Frädicat Gott gebärerin damals *) — nicht sowohl um der 
Maria willen f als vielmehr um die persönliche Einheit Jesu 
mit dem Logos aufs höchste auszudrücken — das Wahrzeichen 
der Orthodoxie; so war doch klar und allen bekannt, dafs die 
entschiedensten. Theotokiten die Gottgebärerin felbst 
nicht als die dritte Person in der Gottheit dachten. 
Recht wohl wufste Muhammed — den man oft allzu unwis- 
send ? wie allzu pseudoprophetisch darstellt — dafs die Chri- 
sten das Wort Gottes un< * ^en Geist vo,n Gott 
mit seinem Allah in der Tria^s verbanden. Sur. 4, 169. Die- 
sen Geist von Gott, hielt er aber, wie sie selbst, 

nicht für die Maria. Wohl hingegen nannte **) er den hei- 
ligen Geist auch die Muter Jesu, nämlich die göttliche 
Erzeugerin in der menschlichen Muter, Maria, und behaup- 
tete dann* Jesus seihst habe diese seine göttliche Muter, die 
„Ruach von Gott« nicht für die dritte Person in der Gottheit 
erklärt. — — Ist es nun nicht allzu übereilt, und gegen die 
ynkundigeren irreleitend, wenn der Verf. Nla*tia sogleich in 
seine Textfibersetzung einrückt? ' 

S. 4- wird eine arabische Stelle gegeben und übersetzt: 
„Die ältern Bateniten schlössen sich an die Lehren eini- 
ger griechischen Philosophen an, and verfertigten 
ihre ßtfeber nach der Methode derselben.« Cod. IVJs. 
Bibl. Lugd, 

S. 9. wird dies wiederholt, und S.'Bl. baut Hr. Th. darauf, 
dafs Sharistani von den Bateniten tage:, sie hätten griechi- 
sche Philosophen studirt. Aber das Hauptwort; griechi- 
sche, steht nicht imTextl! Der arabische Text ist : irarais- 
cuerunt ratiocinia sua in ratiocinia, aliquorum PMlosophorum 



$} Man fühlte zu wenig, dafs Theotokiten etwas eben so un- 
vereinbares behaupten, wie Theopaschiten. Zu sagen: 
Gott hat gelitten , ist gestorben, fand man ketzerisch, weij das 
Prädicat leidend sterben mit dem Subjeot Gott, Logos, 
doch unvereinbar sey. War denn aber der Begriff von einer 
Frau geboren werden mit dem Subject Gott mehr eommu- 
nicabel ? i 



**) So führt schon Origenes Tom* 2. in Joh. an : in dem Evange* 
lium koS' "Eßoaiovs werde Jesus eingeführt , sagend: meine Mu* 
t er, der heilige Geist, ergriffmich, und führte mich auf 
^en großen tBerg , ^abor, Fabric. Cod. Apoojt. Nov. TesU L 
pag. 363. 



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und speculat, Trlnir, Lehre des spat. Orients. 343 



X*^ij'l {Jomj |»^bu Dafs diese gerade g r i ech i s ch e gewesen 

seyn rnüfsten , liegt im Collect iwvort &**^U noch gar nicht. 

Die Sache selbst übrigens, dafs die Araber und Perser von 
griechischen Philosophen lernten , ist gar nicht zu bestrei- 
ten. Nur dafs Hr. Th. sehr auf eine Stelle baut, wo von 
Griechen nichts steht, ist sonderbar. Dafs die Mutadsali- 
ten und Aschariten vieles aus Schriften der Griechen 
und der Syrer schöpften, darüber giebt schon Hottingert 
Hist. Orient. II, 7. p. 559. aus dem Arabischen des Maimo- 
nides (seculo ifc.) eine bedeutende Notiz. 

Auf derselben Seite 4. wird der Ausdruck ^j^ÄWl JUbLftJt 

(Pbilosophi divinarum rerum Studiosi oder theologiei) von dem 
Verf- übersetzt: die metaphysischen Philosophen. Ist 
denn ein Metaphysiker? besteht die Metaphysik nur 

aus der ilieolvgia naturalis oder rationalis? 

Von dergleichen Philosophen sagt nach S. 7. ein Scheich: 
„Einige läugnen die Eigenschaften Gottes; das Gemüths- 
leben, buchstäblich der Geschmack der Propheten und 
Gottvertrauten zeugt aber dagegen.« Aber wie? im Text S. 5. 
ist von einem Gemüthsleben oder Geschmack, welcher 
seuge — gar keine Hede. Von dem Erkennen Gottes nimmt 
der Araber bei den Begeisterten drei Abstufungen an. Diezweite 
▼ergleicht man, wie Hr. Th. S. 7. in der Note richtig be- 
merkt, mit dem Trinken, die dritte mit dem Berauscht- 
werden. Die erste Stufe daher wird dem Kosten, dem 
Vorscbmack verglichen. Daher ist der Sinn der Stelle: 
»Viele sind auf dem Wege z\im Läugnen der Eigenschaften 
Gottes (sie wollen in ihm nichts unterschieden haben). Aber 
[lagt der Scheich] schon der Vorscbmack der Begeisterten 
(schon der erste Grad ihres Gotterkennens) ist da« 
geg'in.«* Von einem (mystischen ?) Gemüthsleben weffs der 
Text gar nichts. Der Sinn ist; die Begeisterten schauen zwar die 
Gottheit als eine Einheit p unterscheiden aber s o g 1 e i c h , dafs 
dieses Einen Wesens Verhältnifs und Beziehung auf verschie- 
dentlich beschaffene Gegenstände auf verschiedene Weitfe zu 
bezeichnen ist. 

Die erste Stelle, welche der Verf. ebendaselbst S. 5. über 
die Zupbische Lehre anführt, ist etwa* kurz! 

«t quod attinet ad Zuphios: bac viaincedunt, quod virtutes 
«jus (De 1 sint) ipsissima essentia, ratione realitatis, et aliud 



344 Dr- Tholuck. Suphismus 

> 

ab ea (essentiae ipseitate sunt virtutei Dei) respectu intellectus. 
Diesen arabischen Text Übersetzt Hr. Tb. S. 6 : „ Was nun die 
Mystiker betrifft, so nehmen diese an, dafs Gottes Eigenschaf- 
ten das Seyn selbst sind der Existenz nach, aber für 
den Verstand ein noth wendiger Unterschied statt 
findet.« — — Vom n ot h wen di g e n des Unterschieds 
sagt der Text nichts; und so ist es richtig. Denn die ver- 
ständige Unterscheidung ist auch nicht nothwendig. Der Vf. 
aber macht eine Note S. 7 : „ W i r übersetzen so, weil 
auch (?) aus andern Stellen hervorgeht, dafs dies 
4er Sinn der IY|ystiker sey, " Darf man denn, so lange man 
übersetzt, Eine Steile aus andern vervollständigen und mehr 
sagen lassen , als sie an sich sagt?? Auch isto!3, essentia, 
das Wesen; nicht das Seyn, existentia. Wie wäre denn 
das Seyn von der Existenz verschieden? Der Sinn der 
Suphier ist sehr richtig: Alle Kräfte und Qualitäten, welche 
wir als göttlich denken können, sind sein Wesen, we- 
sentlich Eines in der Wirklichkeit (die Eine Allheit der 
Vollkommenheiten, die wir das All vollkommene — Gott 
SS o ayaBoi Matth. 10, 17. benennen). Aber der allmählich 
denkende (der. menschliche , discursive von einem zum an- 
dern gehende, Verstand oder die menschliche Betrachtungs» 
weise} kann nach den verschiedenen Wirkungen und Bezie- 
hungen jener Einen vollkommenen Realität sich in derselben 
verschiedene Wirksamkeiten aufzählen. Das Allvollkommene 
yerhält sich, sagen wir uns, gegen das erkennbare rr>t wis» 
send, gegen das, was zu wollen ist, — - auf vollkomme- 
ne Weise da,s Möglichste wollend,' gegen alles, was zu- 
gleich wirklich seyn kann (coöxistibel \$%) wirkend oder 
die Wirklichkeit fordernd u, s. w.. 

'. *i * J * 

Auch in dieser Stelle selbst übrigens und in allen ähn- 
lichen unternimmt es der Verf. auf eigene Gefahr, die Zu- 
pbier oder Sophier gewöhnlich die Mystiker überbaupth»n 
zu nennen. Ihrem Namen nach wollen sie vielmehr specu- 
lativseyn. Sie sind in der That e i n e Classe von Mysti- 
kern. Aber dieser generische Name umfafst noch mancherlei 
Vorstellungsarten , die nicht gerade so weit gehen, wie diese 
oofyoi. Denn das charakteristische des Mystikers über* 
haupt besteht doch darin , dafs er sich für einen G e w e i h - 
ten, Auserlesenen hält, welcher alles göttliche, das er 
glaubt, von Gott unmittelbar und unfehlbar , wie gefühlt, er- 
halte. Nur die höchsten Stufen dieser Erhebung sind es, wenn 
manche Suphier annehmen , sie seyen wesentlich vnenu 



und speculat. Triuit. Lehre des spät. Orients. 345 

mit Golt, andere sogar, sieseyen nicht nur in unitione 9 sondern 
in unione mit Gott, also gewissermafsen Gott seihst; wie Hei. 
ladsch p. 68. Ssupbistn. ' 

Dieser Nachweisungen *) mögen genug seyn , welche den 
Verf., wenn er historisch und philosophisch nützen will, 
auffordern können, mit seiner an sich schätzbaren Fertigkeit 
in orientalischen Sprachkenntnissen sowohl als mit den philo« 
sophischen Begriffen es genauer zu nehmen , um andern die 
möglichbesten Materialien zu gewähren. ' Gar zu sehr ge- 
wöhnt sich unsere Zeit an den Ausruf: Dies ist meine Ue- 
berzeugung! Jeden augenblicklich gefafsten zufälligen 
Gedanken, der nur aus der Individualität , aus den Schwächen 
und Mangelhaftigkeiten, aus den -jraSij des Einzelnen ent- 
springt, schützt man durch die Behauptung: Dies ist meine 
U eberzeu gungj und eines Jeden Ueherzeugung mufs dem 
andern heilig, achtungswerth , unverletzbar seyn ! Aber das 
heilige Wort „Ueberzeugung" sollte nie gebraucht werden, 
wenn man sich noch nicht bewufst ist, alle Kräfte und Mittel, 
die zu einer bestimmten Erkenntnifs nöthig wären, nach Ver- 
mögen mit Fleifs und Gemüthsruhe angewendet zu haben. 
Individuelle Ansichten kann jeder leicht haien und leicht än- 
dern. Als Ansichten mag er sie auch mit seinen Gründen 
mittheilen und behaupten. Aber U e b e r z e u g u ng e n sind 
'sie doch nur alsdann, wenn man sich selbst und andern be- 



*) Da zu diesen Forschungen zunächst der Zotöastwehe Dserwan 
Akerene oder der Grofse Anlaft gegefce» hat, so be- 

merke ich. noch , um weiteren Untersuchens willen , dafs Hr. Th. 
S. 6Q. jenen Serwan füt die ungemessene Z ei t hält, die aus 
Sich die gemessene Zeit und sodann den Qrmuzd und Ahri* 
man gebäre; wobei er zweifelt, ob dieser Serwap als ein thei- 
stisches, oder, was weit wahrscheinlicher sey , als einpan- 
theistisches ürwesen zu fassen sey. Dennoch führt S. 46. 
aus Sharistani an, dafs einige Mager den grofsen Serwan nennen 

(joL^Ui a\ ^y* Jj^l Nach diesen also wäre jener Serwan das 
Erst«' unter den Hervorgegangenen. Folglich kein — 
„Urwesen", sondern immer doch eines aus der Classe der Her- 
vorgebrachten» ... 

Beiläufig möchte ich auch fragen, warum Hr. Th. S. 11. den 
Titel eines Buchs von Kaschaui oL>»^lJaoi übersetzt Termi- 
nologien? Sonst bedeutet dieses Wort C onoiliati on en. 



346 



Dr. Tholnek. Supliismus 



stimmt tagen kann, warum man nicht zweifle, dafs jeder 
zur Sachkundigkeit vorbereitete damit, wenn er die Gründe 
überdenkt, ubereinstimmen werde. Nur dadurch erheben 
sich individuelle Ansichten oder Meinungen zu sub- 
jectivwahren Einsichten, die man (abgesehen von den 
individuellen Eigenheithn) jedem andern denkenden und für 
den Gegenstand prüfungsfähigen Subject zutrauen oder anmu- 
then kann. Denn subjectiv bleibt freilich all unser Wahr- 
nehmen und Wahrachten. Aber s u b j ec t i v w a h r ist nur 
das $ was der Ein seine als richtig einsieht, wenn er sich über 
das mangelhafte, leidenschaftliche u. s. w. seiner Persönlich- 
keit (Individualität) erhebt und so viel möglich alle die Kräfte 
dafür tbätig macht, durch welche der Mensch ein mensch- 
liches Subject ist! Das Wesentliche der Menschheit ist 
in jedem das höchste, über welches er nicht transscendiren 
kann, wodurch aber alles menschlich mögliche allmählich er- 
reichbar ist, auch in dem Gebiet der Einsichten uud sta- 
biler Ueberzeugungen. , 

- 

» • ■ * 

Nun nur noch einiges über den Inhalt und was das eigent- 
liche Resultat dieser speculativen Trinitätslehre im Gan- 
zen seyn soll. Wer diesen Titel liest, und in der Schrift 
seihst so oft von einer Trias hört, erwartet wohl immer, 
dafs doch von etwas speculativem die Rede sey oder werden 
solle, was mit der kirchlich - dogmatischen Trinität in einiger 
Verwandtschaft stehe. Das Wesentliche in dieser ist die Per- 
sönlichkeit einer über alles andere gewordene erhabenen , 
göttlichen zweiten und dritten 6ubsistenz. Zwi- 
schen der nikänischen Kirchenlebre und den arianischen, ei- 
gentlich alexandrinisch - speculativen Sätzen ist d*r Haupt- 
unterschied , dafs jene die drei Personen als einander ganz 
gleich und nur als Ein und dasselbe Wesen glauben zu 
müssen annimmt , die Alexandrinische Juden und Christen 
aber die zweite und dritte Person oder Subsistenz als 
etwas durch den eigentlichen Gott in sich selbst hervorge- 
brachtes (intus dispositum , ev5<aS«rov) und dann erst aus ihm 
herausgestelltes ( prolatitium , irpo(pof/Kov) , aber gegen Gott 
selbst geringeres und von ihm abhängiges sich wahrscheinlich 
zu machen versuchen. Persönlichkeit oder ein Selbst- 
bestehen der Drei ist auf jeden Fall etwas wesentliches 
\n der Trinität der Christen. Gerade dieses charakteristische 
aber ist in dem speculativen Philosophiren der Araber und 
Perser , aus denen Hr. Tb« spricht und uns grolsenthsils un- 



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I * 

und speculau Trlnil. Lehre de« spat. Orion tt. 34? 

gedruckte Stellen mitzut heilen das Verdienst hat, meist gar 
nicht oder nur Nebensache. 

Noch mehr! In denen von Hrn. Tb. S. 12. 17. 22. 23. 
übersetzten Hauptstellen giebt Er selbst immer nur zwei 
„Enthüllungen « oder tt Bestimmt werdungen w *) in Gott. Die 
E i n e ist , dafs Gott in und für sich Eines ist im strengsten 
•Sinn. „Aus dem Einesseyn der Gottheit, sagt S. i3. der 
(richtiger übersetzte) Araber, ist zu folgern die Unicität 
(ünvergleichbarkeit) und die A 11 e i n h ei t cc (das sibi solum 
esse, oder, dafs er nichts in oder aufser sich neben sich zu 
baben bedürfe). Alsdann.folgt in der Gedankenreihe des Ära* 
hers S. 18. nur noch eine zweite „ Bestimmtwerdung«« 
[oder vielmehr ^.ytj Betrachtungsart, mögliche Ansicht], 
dafs nämlich die Dinge hervortreten und unterscheidbar sind, 
aber nur im Wissen der Gottheit; was wir also daa 
göttliche Wissen der Ideale für alles, was werden kann, 
nennen dürften.' Aber, genau nach den Andeutungen der 
arabischen Stellen betrachtet, ist dieses zweite nicht ein« 
mal ein i n dem göttlichen Eins subsistirender Logos en- 
diatbetos, der alsdann dritten* als aufserlich subsisti- 
render Logos (prophorikos) aus der Gottheit emittirt wer- 
den konnte, wie die Alexandriner und Arianer annahmen. 
Vielmehr ist den Arabischen Philosophen Gatt erstlich ein 
Wissen seiner Selbst als des Einesseyenden , und zweiten« ein 
unmittelbares Wissen alles dessen, was wirklich werden 
(existiren) könne. Diesea zweite aber ist nichts in Gott eub- 
• istirendes, persönliches. 

Noch weniger denken überhaupt diese Araber in Gott an 
ein drittes; und am allerwenigsten an etwas drittes in Gott, 
als Sub *tate na. Das äufserste , was wir in den gegebener» 
Stellen als arabisches Philosqphein finden können, ist S. 35. 
die Andeutung, dafs jenes Zweite (Gott als. das Meer aller 
Dinge, die erscheinend werden können) ein« innere- 
und eine äufsere Seile habe. 



*) Hr. Dr. Th. bat überseUt : „Die erste B es timmt wer- 
dung. So nennt man das Einsseyn, von dem die Einheit 
und die Ureinheit ausgegangen." Wie könnte das ursprüng- 
lichste in der Idee von Gott eine Bestimintwerdung genannt 
seyn! { ^yfjü ist Ansicht, Betrachtung. Der Text sagt 

ferner nicht ; So nennt man . . sondern : sie pflegen auf ihn 
ni bestehen das Einesseyn, woraus . . . 



t 



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I 



348 Dr. Tholuck/ Sophismus 

■ • • 

Auf alle Fälle müssen wir demnach, vermöge all dieser 
Stellen, den Arabischen Philosophen die Gerechtigkeit wider- 
fahren lassen, dafs sie in der Gottheit keineswegs unter- 
scbeidhare Subsistenzen oder ewig realisirte Ideale anneh- 
men, und dafs sie eine Dreiheit nicht einmal in ihre Betrach- 
tung der Gottheit einführen. 

Unbegreiflich ist» daher, wie der Verf. ihnen ein drit- 
tes, irgend ein« Trias , zuschreibt, da sie überall so bestimmt 
ein erstes — das reine, Eine, Seyn Gottes, in welchem er 
sich selbst ist, was er ist — und ein zweites — das Seyn 
Gottes, in so fern alles, was seyn kann, dein Wesen nach in 
ihm, aber nicht existirend , sondern in seinem Wissen 
ist — angeben, ein weiteres drittes in Gott aber nirgends, 
nirgends aufzählen. Selbst in der schön dichterischen Stelle 
aus Dshami , wodurch S. 35. 36. die d r i 1 1 e S t u f e , wie Hr. 
Th. es nennt, klar gemacht werden soll, ist nichts anderes 
in dem von diesen Arabern gedachten Gott, als 1. „sein reines 
Seyn, mit seinen Eigenschaften und Fi adicamenten , fixirt 
auf der Stufe des Wissens (d. i. seiner Selbstheit, seines Ei* 
nesseyns bewufst), und dann 2. „sah er in sich (aber nach 
S. 16. nur im Wissen, nicht in einer Ideal - llealisirung , wie 
die Afterplatoniker sie dem Plato andichten) alle Wesen- 
heiten, grofs und klein. Diese wurden die Formen der 
Welt.** Nur diese Wesenheiten aber sind ihm im Wissen 
Gottes. Kein weiteres Drittes. Die wirkliche, äufsere Viel- 
heit, jedes wirkliche, ist ein Abglanz jenes Innern. Der ge- 
sunde, unverkünstelte Menschenverstand dieser Araber dachte 
also Gott als Geist, das ist, als ein denkendes (und wollen- 
des) Wesen, das sich selbst und alles wesentliche des*mög- 
lichen Seyns wisse, und zwar so, dafs von dem göttlich 
gewufsten (und gewollten) alsdann, aufserbalb des Gottes- 
wesens, jedes einzeln seyende gleichsam ein Wiederschein 
aey. „Aus jedem Strahl (dessen, was Gott von dem Wesent- 
lichen der Dinge in sich siebt) wurde, sagt Dshami, im 
Spiegel des Seyns, das Seyn eines Eigenschaften thätig ma- 
chenden Wesens.« 

Diese Araber dachten demnach keinen kcV/xc? vov}To;, keine 
Idealwelt, die innerhalb der Gottheit schon eine lange Frä- 

existenz hätte, sondern blos gedachte Ideale des Essentia- 

o . 

len in den Dingen, d. h. Ideen (iVlöglichkeits - Anschauungen) 
dessen, was zum Wesen , gleichsam zum Kern, der Dinge 
das unentbehrliche ist. Sie dachten keinen Logos endiathetos 
und keinen Frophorikos, das ist, kein Subsistens in 
oder aufs er dem Gottwesen, welches die Ideale aller 



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x 

und speculat. Trinit. Lejire des spät. Orients. 349 

werdendseyenden Dinge enthalte und durch welches Gott 
diese werdend mache. Kurz; diese Araber haben Plato's Sinn 
in diesen Speculationen , nicht aber die Verkünstelungen und 
Versinnlichungen der Alexandrinischen , Nikänischen, Ploti- 
nischen PseudoPlatonisten. Ihnen ist, wenn wir es in plato. 
nischen Worten ausdrücken, die Gottheit in doppelter Be- . » 
ziehurig zu denken: 1. vov; ßatriKtno; oder o-o^)<a , eine berr- 
sehende, waltende Wissenskratt , und 2. \^u^jj- ßacriXin^j , eine 
herrschende, waltende Lebens - und Belebungski art. Beides 
aber nicht, wie zwei Personen. Beides, ohne dafs das be- 
wirkte, das werdendseyende All der Dinge, zum voraus in 
Gott existirend wäre. 

Unbegreiflich also ists , nach allem, was Hr. Th. selbst 
aus diesen Arabern giebt , wie er in dieselbe den Pseudo- 
oder sogenannten Neo • Piatonismus hinein exegesiren konnte. 
Dieser besteht , in diesem Punct, hauptsächlich auf der Vor- 
aussetzung, dafs alles, Was d|s Gottwesen als eine Wesent- 
licbkeit (essentia) denke, sofort eine Wirklichkeit, eine in 
Gott subsistirende Realität seyn müsse. Plato aber läfst Gott 
die Wesenheiten aller möglichen Dinge als essentialia idealisch 
denken , ohne dafs sie dadurch in Gott eine Realität oder Sub- 
«istenz haben. Ihm bleiben die Inbegriffe der Essentialien 
als Ideale in Gott, von den Realien oder individuellen Existen- 
zen aufser Gott völlig untersebeidbar. Kurz ; Plato hatte 
nicht das Phantasma, wie wenn ein Urmensch, ein Urthier 
u. s. w. (das Ideal des Menschen wesens, des Thierwesens, u. 
s.w.) in Gott real präexistirte und mehr als eine Idee wäre. , 

Eben so unbegreiflich ists, wie Hr. Th. die Philosophe- 
me dieser Araber von dem reinen Einesseyn Gottes (S. 12. 17.) 
mit dem Ausspruche eines Jak. Böhme, dafs Gott ohne 
Produ ction sey . . ein stilles Nichts, oder mit einem 
Wort von Schell ing; Die Einheit ohne die Zweiheit ist 
leer und todt, und eigentlich Null! S. 24. vergleichen 
und identificiren kann. Ist doch das vollkommenste 
Selbstbe wufstseyn immernoch (ohne innere Zweiheit) 
eine vollkommene Einheit. Der Vollkommene, sei. 
ner selbst bewulst, erzeugt durch die immerwährende Seihst, 
anschauung nicht einen zweiten Vollkommenen, Und ge- 
rade deswegen sagen die Araber (S. 47.)? »der Nothwendig- 
seyende ist in seinem Wesen — Verstand und verste- 
hend und verstanden" (nämlich: von sich seihst ver- 
standen). Und dem leeren Boehmischen Wort vom »stillen 
Nichts« ist der verständige Sinn des Arabers (S, 12.) ge- 
radezu entgegen, welcher in der Gottheit als das erste denkt 



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350 Dr. Tholuck. Suphiimus 

w die blofae reale Existenz« s die Einheit, welche „sich 
selbst ganz allein offenbar ist". Diese ist in keinem 
Sinn wie Nichts zu denken oder so zu benennen. Denn sie, 
selbst bewufst, ist sieb selbst Alles. ^ sie 

ist die wahre Realität. Nur aufs er ihrem Selbst , 
„aufser der Existenz , in so fern sie Existenz ist" — ist das 
absolute Nicbtseyn, ein reines Nichts. 

Nach all diesem vermag man kaum anders zu urtbeilen, 
als dafs Hr. Tb. dessen Bemühungen, in den orientalischen 
Dialekten bis zur Kenntnifs der schweren philosophischen 
Sprache sich Fertigkeit zu erwerben , ich sehr schätze und 
nur um so mehr ermuntern möchte, in dem bis jetzt geliefer- 
ten nicht nur vieles einzelne unrichtig verstanden, sondern 
sogar auch im Hauptresultat, in so fern er in diesen Arabern 
doch eine Art von Trias gefunden zu haben meint, das We- 
«entliehe verfehlt bat. Hier war Anstrengung der Urtheils. 
kraft nöthiger, als schnell fertige Phantasie. 

Wer nicht überall eilfertig nach Aebnlichkeiten mit vor- 

fefafsten Meinungen hascht, wird Ihm gewifs sehr recht ge- 
en, bei seiner Bemerkung: „Man hat überhaupt allzu oft 
Triaslehren verschiedener Völker als gleich zusammenge- 
stellt, deren Verschiedenheit der Form sie zu etwas sehr Ver- 
schiedenem macht. Die blofse Dreizahl als Verhält nifs 
des Lebens der Gottheit , bestimmt noch nicht die Aehnlicb- 
keit.« (Allerdings. So oft man auch Brahma, Vischnu und 
Schiwa nennt als Brahminische „Trias", so ist doch darin 
aufser der Dreizahl keine Aehnlichkett weder mit der bibli- 
schen Grundidee 9 noch mit dem Nikäniscb- ConStantinopoli- 
tanischen Dogma von Vater, Sohn und beiligem Geist.) Wie 
aber? — mufs nun Ree. den Gelehrten selbst, der diese so 
richtige Betoerkong gemacht hat , fragen — Wie aber? wenn 
Von diesen arabischen Philosophen nicht einmal die 
£)reizahl angegeben ist? wie .kann man sagen, dafs „zwar 
nicht eine bestimmt ausgesprochene TrinitätsTehre, aber doch 
die Form dazu sich bei ihnen unläugbar finde, cc Haben 
Sie doch immer nur Einen Gott, welcher i. Sein Wesen im 
höchsten Einesseyn, und 2. das Wesen aller Existibilien wis- 
send anschaut. Ein drittes enthält der Gott dieser Philoso- 
phirenden nicht! 

Einem Mann von Talent und Fleifs kann gerade in den 
glücklichen Lebensjahren, in denen man erst noch am meisten 
sich selbst ausbilden kann und Soll, eine genaue Beurtheilung 
dicht unangenehm, vielmehr eine Aufforderung zur Strenge 



< 

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und speculat. Trinit. Lehre des spät. Orients. 351 

gegen sich seihst aeyn, vornehmlich hei Arbeiten, durch 
welche aus unbekannteren Regionen der Menschengeschichte 
das, was Wenigen zugänglich ist, desto wahrhafter, achter 
und gediegener herbeizuschaffen ist. 

Der Vi. zeigt eine selbstständige, auch über die kirchlich 
symbolischen Giänzlinien unbedenklich wegscbreitende For- 
schungskraft und Freimüthigkeit, wenn er z. B. inBeziehung 
auf die scholastische Trinitäts lehre S. 40. die Ver- 
mutbung untersucht, ob etwa — „auf ähnliche Weise, 
„wie christliche Theologen aus unbestimmten 
M und nur in Bezug aufs Praktische hingestellten 
„Ausdrücken des Neuen Testaments ein weit* 
,-> 1 ä u f e s speeulatives Theorem über die Gottheit 
m a b 1 e i t e t e n ct — auch von den Muhammedanern manche 
dunkle Aussprüche des Knran ihrer Ansicht zu Grunde ge- 
legt worden Seyen. — - Wer dergleichen Vorbereitungen und 
Hülfsmittel anzuwenden hat, den bittet man gerne um die 
einem Autodidaktos doppelt nöthige, umsichtigste, genau 
berichtigte Anwendung derselben, besonders wenn man selbst 
in einem Lebensalter steht, das gegen die abentheuerlichen 
und sehr anmafslicben Verworrenheiten unserer Zeit das beste 
von einer solideren, die Phantasie beherrschenden , Intelli- 
genz nachwachsender Forscher und penker hoffen und wün- 
schen in u Ts. 

Ich füge nur noch Eine Bemerkung hinzu , dafs ich nämlich 
denjenigenRationalismu s für äufserst einseitig und un- 
befriedigend erkennen müfste , welcher aus dem Verstand allein, 
nicht aber zugleich aus Vernunft und Erfahrung, aus Phantasie 
und Empfindung, das wahre und anwendbare schöpfen wollte. 
Diejenige greifen sehr fehl, welche den Rationalismus 
wie ein blofses Verstandesproduct ansehen , und mit der 
Miene, wie wenn sie dagegen die Vernunft natürlich und 
übernatürlich mit beiden Händen ergriffen hätten, aufdieSeite 
rücken. (Vergl. auch Allg. Kirchenzeit. 1827. No.47) Wae 
wäre irrationaler, als ein Rationalismus, der irgend eine Er- 
kenntnifsquelle , irgend ein Forschungsvermögen , vernachläs- 
sigen wollte? Was aber auch unvernünftiger, alseine Vernunft p 
Erfahrung oder Phantasie ohne prüfende Verständigkeit? 
Nur muls alles, aus welcher Quelle es geschöpft seyn möge, 
vor dem Verstand als Urtbeilskraft Rechenschaft, warum et 
wabrsey, geben, so gesichtet werden und dann erst als halt, 
bare Wahrheit anerkannt gelten. Eine solche , alle Kräfte 
und Forschungsmittel, auch die, welche als übernatürlich er- 
scheinen, benutzende, durch Recht wollen richtig denkende 



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351 Dr. Tholuclc. Suphismus u. Trinir. Lehre des Orients. 



datier denkglaubige Geistigkeit ist diejenige Rationali- 
tät, welcher auch ohne eine unio mystica das ewige Zusam- 
menseyn- und Ineinandergreifen der Unvollkommenseyenden 
und aller unvollkommenen Wirklichkeiten nicht allzu räthsel- 
bart bleibt. Der Verstand — pfl e g t >nan einzuwenden — - 
schafft nichts. Er kann uns keine Wirklichkeit geben, auch 
das Daseyn der Gottheit nicht. Die Antwort ist: Allerdings 
giebt oder macht der Verstand k ei ne Wirklichkeit. Da- 
durch, ö*afs wir etwas wie wirklich denken, existirt es nicht, 
Wohl aber schärft das Verstehen, Urtheilen und Sehl i eisen , 
welches seine Materialien , die Begriffe* aus Vernunft und 
geistiger sowohl als sinnlicher Erfahrung nimmt, sondert und 
reinigt, — - unsre U e b e r z e u g u n g von dem Wirklichseyu ! 
Und um diese ist es ja dem Menschengeiste zu thunll Die 
Sonne leuchtet und wärmt, die Aufsenwelt ist da, ob wir 
denken oder nicht denken. Aber dies ist unsere Angelegen- 
heit, ob wir richtig denken urid glauben, wenn wir (etwa 
mit Berkeley) alles solches nur für Erscheinungen unseres" 
Selbst zu halten versuchten, oder wenn durch die Verbindung 
von Erfahrungen uhd Schlüssen uns der Verstand überweist, 
dafs wir diese Erscheinungen für Zeugen einer von uns ver- 
schiedenen Wirklichkeit zu halten haben. Eben so verhält 
sich die Rationalität zu der Aufgabe von dem Zusammenhang 
des Vollkommenen Seyns (des mit Unrecht gewöhnlich nur 
durch ein Negiren bezeichneten „Unendlichen«) mit den 
unvollkommenen (gewöhnlich endlich oder beschränkt 
genannten) Wirklichkeiten. Geben »das vollkommenseyende 
Wesen — dies kann die Rationalität freilich auch nicht; eben so 
gewifs aber und noch gewisser kann man es nicht fühlen, 
nicht desselben unmittelbar (ohne vermittelnde äufsere 
und innere Erfahrungen und Schlüsse)^ mystisch sich bewufst 
werden. Wohl aber gieht sich der Menschengeist, als Ver- 
stand , durch Schlüsse aus der Vernunftkraft* vollkommenes 
zudenken, und aus seiner Erfahrungswelt — Gründe zum 
Gewiiswerden (die Ueberzeugung) , dafs, sobald man 
möglichstrichtig denkt, man das Vollkommene auch als voll- 
kommen - seyend (im Seyn vollkommen) denke, also es jedes- 
mal entweder noch gar nicht recht denke, oder als seyend ge- 
dacht haben müsse , weil es nicht zugleich als vollkommen: und 

doch als nichtseyend denkbar wird, 

t ' . ■ • . 

(D*r Beschlujs folgt.) 

■ 

r 



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N. 23, '• • 1827, 

H ei delberger 

• • * * * * " 

Jahrbücher der Literatur. 



• > . » • 



% Dr. T h o 1 u c k. Ssuphisraus und speculative Triuitäts- 

Lehre 'des späteren Orients. 

QBeichinJs.) 

Gott ist an sich. Aber die Ueberzeugung von seinem 
Seyn wird auf diese Weise. Und ist dann diese Ueberzeu- 
gung von Einem Vollkommen - seyenden durch die Urtheifs- 
und Schlu (s kraft hell und fest, so sucht eben dieselbe Ratio« 
nalität die Möglichkeiten ,* wie das viele nicbtvollkoramene, 
aber daseyende im Zusammenbang mit dem* vollkommenen 
. Wesen stehen könne, zu überschauen, und sie vermag 
auch, dadurch, dafs sie mehrere scheinbare Möglichkeiten 
nicht annehmen zu könrum einsiebt, sich der wahren Auf- 
lösung des Rüthseis möglichst zu nähern. Das Wie dieser 
verständigen Beweisführung kann hier nicht Platz finden. 
Aber es ist wichtig, auch hierin bald wieder zum 
Verstände zurückzukehren, weil es sehr bedenklich ist, 
wenn — wie etwa* entschiedenes — behauptet wird , dafs man 
sich von dem Seyn der Gottheit durchaus nicht durch Gründe, 
nur durch Ahnen. Fühlen und unmittelbares Bewufstwerden 
tiberzeugen könne. Wie dann, wenn doch in kurzem jeder 
selbstbewufste ernstlich sich eingestehen müfs, dafs er zwar 
der Nicht Vollkommenheit: sehr bewufst sej, aber ein vollkom- 
menes als seyena h ich t f ü hie - ein ge i s t i g vollkommenes 
gar nicht' fühlen könne. Kann der Denkende doch, auch 
wenn et sich selbst als'mchtvollkomraen erkannt hat', zu dem 
Gedanken, dafs das nichtvollkommene abhä ngig seyn und 
vpni i vollkommen-seyenden auch im Daseyn abhängig 
seyn müsse, nicht durch ein unmittelbares Bewufstseyn, son- 
dern nur durch Begriffe, Urtheile und Schlüsse gelangen« 
Und wie wäre dann dem , welcher jenes ihm angemuthete Ge- 
fühl und unmittelbare Selbstbevvufstseyn der Abhängigkeit 
von Gott nicht hat, zu irgend einer Ueberzeugung in diesen 

XX. Jahrg. 4. Heft. 23 



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354 Bin Volksbuchlein. ProbebWtter. J ..' 

t 

Beziehungen zu verhelfen, wenn ihm vorher der UV, durch 
Gründe und Schlüsse^ als 'der ungangbare, durch Absprechen 

entleidet worden wäre? 

•v i • 

' 18. April 1827. * ' H. E. G. Paulas. 



— ■ 4 ■ » 



£in Volksbüchlein. Enthaltend: die Geschichte des ewigen Ju- 
den, die Abenteuer der sieben Schu aben , neb it vielen andern 
erbaulichen und ergötzlichen Historien. Prpbeblätter für Volks» 
freunde. Mit einer Abbildung in Steindruck. München , 1827. 
bei Michael Lindauer, 178 S. 8. 

Zu piner Zeit, wo in. Nürnberg bei Lechner von den alten 
Deutschen Volksbüchern eines nach dem andern sieb, vergreift, 
ohne wieder aufgelegt zu werden — denn Alles kauft den 
wohlfeilen Walter Scott und Genossen — ; zu einer Zeit, wo 
in Augsburg und München der Wiederrlruck und Verkauf auch 
von Eulenspiegels Lebensphilosophie u W. verboten ist, 
während Landboten «« und „ Volksfreunde« in tausend Exem- 
plaren täglich Plattheiten, Mattheiten und ' Ünsauberkelteri 
con amore ins Volk verbreiten; zu einer Zeit, wo neuere 
Abdrücke der noch erlaubten Volksbücher' von Unberufenen 
durch Scbaalheiten entkräftet l) und durch Uuflätereien ver- 
giftet wurden; tu einer Zeit , die uns nur. fast perttckenstök- 
kige , wenn schon gutgemeinte, ßeckerW*anre ausgebacken 1 hat 
und" in Noth. und HülfsbÜcbleins nur den Mitdheimer Kukuk 
schreien hört ; zu einer Zeit endlich, wo Hebel, der rheini- 
sche und deutsche H a u s f re u n,d , der es verstand , aus dem 
Volke zum Volke zu reden, wie Keiner, und dem sein Nach- 
treter Ho u wald, als m a r k i sehe r Hausfreund , nicht das' 
Wasser reicht, zu den Vätern gegangen ist — zu einer sol- 
chen Zeit mufs denen , die über Jenes alles Leid tragen, die 
Stimme eines ächten schwäbischen Volksfreundes, der den 
rechten Ton getroffen, wahrhaft willkommener Gruft seyn. 

' Einen solchen erfreulichen und warmen Eindruck hat Re- 
ferenten das angezeigte Volksbüchlein gemacht, und er 
ist überzeugt, dafs es denen eben so viele Freude' (für sich' 
und im Mitgefühl für das auf Leipzigs Büchermärkte vergei- 

1) Der gehörnte Siegfried sing» auf dem Todtenbette ein modernes 
geistliches Steibclied. 



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Ein Volksbüchlein. Probebla tter. 355 

• 

»ene Volk) machen wird , welche «ich der* Dorfce^tu n g 
freuen 2); die ferner Nettelbecks, des Kolberger Bürge"r£ 
und Deutschen Seemannes, Leben 9 von ihm sei her .gesch rie- 
ben, nach Inhalt und Darstellung mit wahrem Stolze gelese^n 
haben, und daneben des Feldjägers und seines Genossen Le- 
ben, welches selbst Göthe nicht unwerth gehalten in oje vorr 
nehme Welt einauführen; die sich feener, wie Hebe Ts alle« 
manniscber, so auch der unvergleichlichen bayrischen Kenter- 
feie Bucbner's (die Sundflutb, die Kinderlehre, die Cbarr 
freitagsprocession) und Sturm's (Gedichte. München l8lft. 
8. bei Fleischmann) 5) und der schwäbischen Schriften Seba- 
stian Sailer's, Buchau 1819. 8. » ergötzt haben; denen ferr 
11er der Frankfurter BQrgercapitain, und Arnold'» elsassiscber 
Pßngstmontag, Strsfsburg 18 16. 4) und andere mundartliche 
Erscheinungen 5) willkommen waren, wegen der Sprache und 
wegen des Inhaltes. 



* I' I /. t I l'»t» I . m i . i. |. . 1 ,1 

2) Die auch unser Verf. S- 166- mit den Worten anerkennt : „Dir? 
Dorfzeitaug, deren Redaction unter allen uns bekannten , so- 

: genannten Volksfreunden am glücklichsten den Geist und den 
Ton der Volkssprache in mehreren seh* gelungenen . s 1. ■ q 
beurkundet," . ; 

3) Büchner waY Schul vors tau d , dann katholischer Pfarre/ tu 
Eogelbrechtsmünster, und starb in München. Dem Sturm wur* * 
den einst in München jährlich 1500 Gulden angeboten , wann es 
mitunter seine Volkslieder bei Hofe singen wollte. Er sagtr , mit 
sind meine 400 Gulden und meine Lieder lieber, alt daft Ich 
mich zum Hofnarren hergebe. — Die neueren bayrischen Lieder 

' von Müller sind lebendig, aber niedrig* oft schmutzig. 

4) Siehe GöthVs Kunst und Altcrthum, Band 2. Heft 2. ' ' 

5) Z, B. Bapst plattdeutsche Gedichte, + 1800; Hoher'.! Li?* 
der mit schwäbischer Volkssprache, Heilbrenn 1825» 2te, Aufl. , 
Gru bei 's nürnbergische« 5 Bande, 1Ö02 — 24 und Zucker« 
mand eis Anhang, 1822 , Renn er *s plattdeutsche Gedichte , 
Hamburg 1817 ; ähnliche, Achen 1621» und Bornemann's 
plattdeutsche, Berlin» 2te Aufl., bairische in Schindler 's 
Grammatik, schweizerische, Kuhreiher 4 te Aufl., österreichische 
von Ziska, mit Weisen, und von Junthai im Sammler für Tyrol. 
Insbrnck 1807. Bd. 2. S. 1., die des Kahländchens von Mei- 
ners, meursische von Alpen , Achen , 1821, kölnische iu Kölns 
Vorzeit, vonWeyden, Köln» 1826. u. s. w. 

23 * 




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356 Ein Volk sbß ohlein. Probeblätter. 

s 

Je grÖfser die Flachheit und Ärmlichkeit unserer Tages- 
blätter ist, wo immernoch nackte Nüchternheit , abgestandene 
Afterweisheit in VolksschuJbücbein genährt und gelehrt wird, 
wie sie in volkentfremdeten Aasembleen vorgelebt wird, so 
dafs der Mutterwitz aus dem Volke, die treue Ueberlieferung 
aus der Kinder- und Spinnstube, die eigentümliche Anschau- 
ungsart und Ausdrucksweise jedes Gaues im Vaterlande vor 
Scbnellwagenverkehr und Kunststraisenbildung verstummend 
und verwelkend, sich immer mehr scheu zurückzieht, und 
wir die verlornen Schätze Deutscher Art aus den verschütte- 
ten Schachten des tiefunteren Lebensquelles am Ende nur noch* 
in den Wörterbüchern, Sagenwäldern, Märchensammlungen 
und Liedersälen treuer trauernder Sammler als Hieroglyphen 
und Mollerische Denkmäler übt ig behalten in dem Napoleoni- 
schen Sturmfluge der Zeit; desto dankbarer wollen wir den 
Wenigen seyn, welche die strahlenden Kristalle vergangener 
Freudigkeit unsers Volkslebens , die edlen Erzstufen des Deut- 
schen Volksgemütbes , geschärft und gereinigt in's Land wie- 
der austragen und dem Volke in reicher Farbenbrechung die 
Wunderstrablen der Gottesschöpfung wieder vorführen, die 
Augen wieder auf frisches Auengrün zurücklenken von den 
Stoppelfeldern und den Sanddünen der Ahklärnngszeit, und 
dem verhaltenen , verscheuchten Mutterwitze wieder Muth 
machen und Nahrung geben. „Darum ist es sehr verdienst- 
lich, dafs unser Verfasser einmal wieder etwas für das arme 
vergessene Volk geschrieben hat , das ergötzlich und beleh- 
rend , folglich in jeder Hinsicht tüchtig ist. Man denkt gar 
nimmer daran, dafs das Volk auch seine geistigen Bedürfnisse 
hat, dafs aber solche Speise nach dem Magen gekocht seyn 
mufs, der sie veriebren soll." . , 

Der Verfasser unsers Volksbüchleins, mehrfach schon 
und ehrenvoll bekannt durch seine dramatischen Ver- 
suche, München, bei Lindauer, phi 1 öl ogischen Belu- 
stigungen, München i824 * bei Lindauer, 2 Hefte, seine 
Studien, München 1818, bei Lentner, u. s. w. — selber 
ein Schwabe, wie er S. 156. seines Volksbüchleins gesteht, 
dafs »der dies schreibe, von ihnen herstamme und sie seine 
Guk-Guk-Aehnle gewesen «, giebt seine Gabe 'nach Sprache 
und Sache, Gestalt und Gehalt, den treuherzigen, gastlichen 6) 



6) Hartmann von der Ane sagt (im 13. Jahrhd. ) in seinem 
armen Heinrich, v. i4ü : 
Do enpfieugen si die Swabe 



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Ein Volksbflehlcin. Probeblatter. 357 

Schwaben , die auch in der Ebbe und Dürre der Zeit reich ge« 
blieben an Vätersinn und Mutterwitz , in deren Mundart 
«och heutiges Tages uralte Fülle und Jugend webt, denen der 
Bodensee der Jungbrunnen noch ungeschwächter Frische ge* 
blieben ist für Sitte, Sage, Sang und Sinnspruch. Hebel 
ist davon der beste Zeuge in gedoppelter Beziehung, denn er 
liat es nicht nur in seinen Liedern dargethan , das Volk hat 
aeine Lieder auch in's Land des Lebens verpflanzt als Sinn- 
8prüche und Sprüchwörter. Das ist rechtes Lob und Lohn 
eines Dichters ! Von keinem Stamme des Deutschen Volkes 
ist darum auch so viel Sage und Scherz vorhanden , als von 
schwäbischen Land und Leuten, und .zwar gehen sie fast aile 
aelber vom Schwabenlande aus 7). Und so wird auch der 



Mit lobelicher gäbe ; 

Dax was ir gewillealioher gruoz, 

60t weil wol , den Swaben muoz 

Jegelich biderber man jehen 

Der siMuheime hat gesehen 

Dax hezzer wille nie ne wart. 
So nach der Strafsburger Handschrift. Der Cod. palat. 3l4. und 
Cod. Coleez. lesen etwas abweichend ; , 

Ovch enpfiengen in die swaben 

mit herlichen gaben : 

Iz was ein williclicher grvz ; 

ein ietslich man des iehen mvz, 

Daz grozer vrcvde nie wart. 

7) Davon weiter unten. — Bekannt ist der Spruch ; 
„Hau' ich Venediger Macht, 
Augsburger Pracht, 
Nürnberger Witz , 
Strafsburger Gschütz, 
Ulmer Geld, 

War* ich Hcrr^er ganzen Welt.« 
Weniger Folgende. Iu Codex monao. Emmeram. F. LXXVII. 
(15 Jahrhd.) Bl. 184 «ehen diese Sprüche l 

Ein haut von peham lant . * 

vnn czwai crmlein Von pravant 

vnn czwai prufslein Von swaben her 

dy wangen als ain sper 

vnd ain pauch von osterreich 

der »t gantz schlecht vnd gleich 

vnd ain ars von polau 



358 Ein Volksbüchlein. Probeblätter. 

• - 

Verfasser unsers Volksbüchleins mit den „Abenteuern der 
sieben Schwaben«« ein willkommener Landsmann seyn, zumal 
da er, wie schon gesagt, den heimischen Ton so treu ge„ 
troffen hat. 

Denselben Dank wird sich der würdige Freiherr Joseph 
von Lal'aberg auf Eppisbausen am Bodensee, dessen Name 
bereits in dem Liedersaal unserer altdeutscben Dichtkunst le- 
bendig eingeschrieben steht, bei seinen Schwaben verdienen t 
mit dem Büchlein, dessen vorläufiges Titelblatt uns durch 
seine Güte vorliegt und also klingt: „Eine vast kurzweilige 
Histori von der schönen Elysa, eines Königs Tocbter aus Por- 
tugal! und Grave Albrechten von Werdenberg, wie der die« 
selbe aus jres Vatters Hof entfüret und nach viel ausgestande- 
nen Abenteuer glüklich in sein Haymat nach Sargans gebracht 
bätt. — Lustig und anmutig zu lesen und dem schwäbischen 
Volk zum Nuzen und Vergnügen, aus alter Gescbrift gezo- 



vnd ain pairischs fuet daran 
vnd ctweu fues von dem Reiri 

das mocht wol eiu hübsche wirtfraw (wittfraw ?) sein. ce 

Und lateinisch: 

Fons po'onicus — MoDachus pehemlcus — Monialis swevica — . 
Vcitis reuatica — Wagitas bauarica — Castitas australica — 

Fides Vngarica Jeiunia Jtalica — Glösa Judaica — 

(nondum?) valent omnia. — Dieser Spruch ist Deutsch also 
Vorhanden : 

Alle Brucken im Lande Pohlen , 

Die Mönch' in Böhmen unverholen , 

Das Kriegsvolk aus Mittagsland, 

Die Nonnen in Schwaben wohl bekannt , 

Der Spanler und Wenden Treu* , 

Der Preufsen Glaub* und harte Reu' , 

Der Franzosen Beständigkeit, 

Wie auch der Deutschen Nüchteioheit , 

Samt der Italiener Andacht 

Werden von Niemand grofs geacht. 
A cimlich sagt Joann* Boemus in seiner Suevia (Goldast's 
Rer. Suev. script. p. 5-) t Proverbium orlum : Vnam Sueviam toti 
Germaniae satis meretricam transfundere. Quemadmodum Fran- 
coniam copiam dare raptorum et mendicantium , Boemiam haereti- 
corum , Bavariam furum , Helvetiam carnificura et lenonum» 
Saxoniaw potatorum , Frisiam atejue Westualiam periurorum g 
Rhenum gulonum u. s. w. 



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Ein Volkiirichlcin. Probeblatter. 359 

gen, auch nunraer eum ersten mal in Druck auageben; mit 
«ehr tauberen und ainnigen Holzschnitten nach dem Trobe- 
Watt 8) durch Maister Seppen von Eppishausen, einen fa- . 
renden Schueler. Gedruckt am oberen Markt [au Constanz] 
1Ö26." ö.; welches wir xu seiner Zeit, aobald es erschienen 
seyn wird, auch anzeigen werden. 

Unser Volksbüchlein enthalt <I r e i Abschnitte : 1. die Ge- 
seich te des ewigen Juden (Ahasverus) S. 1 — 24; 
2. Allerlei erbauliche und ergötzliche Historien 
(sechszig an der Zahl) S. 25 — 104; ?. Ab en teuer der 
sieben Schwaben S. 105 — 156. Dazu S. 177. die ver- 
wandte Historie von den neun Schwaben. Endlich 4. Be- 
merkungen zu diesen drei Abschnitten, historischen und 
selbstkritischen Inhaltes, die er als bewaffnetes Geleit seinem 
fahrenden Volke mit auf den Weg der Tadelsucht gegeben hat. 

Zuerst über die Ausstattung des Buches. Es ist recht 
sauber gedruckt, was man aus München besonders rühmen 
mufs; gutes Papier und wenig Druckfehler (S. 67 , 8. unten 
lies Satzreihe ; S. 150, 11. unten 1. entgehen ; S. 170, 13. 1. 
Hüls; S. 10. oben 1. sodann statt sondern u.s. w.). Dies Sache 
des Verlegers. Jetzt zum Verfasser und zum Buch. 

Abschnitt 3. ist mit sichtbarer schwäbischer Vorliebe ge- 
arbeitet, 'und auch Referent wird bei diesem au» sachlichen 



8) Dies Büchlein sollte zum Neujahr 18*27 ausgehen, aber der Holt- 
Schneider wurde nicht fertig ; gerade wie um Neujahr 1826 
derselbe greise und weise Maister Sepp von Eppishausen seinen 
1 re unden »Ein schoen und anmuetig Gedicht, wie ein heidene- 
scher Küng, genannt der L i 1 1 o w e r , wunderbarlich bekert und 
in Prüssenlapd getoufit ward" bescheerte , wo es in der Vorrede 
schon hiefi „Wir Schwaben, haben einen schönen alten Brauch, 
dafs gute F rennde auf das neue Jähr einander beschenken ; da 
hatte auch ich darauf gedacht , wie ich Euch eine Gemütsergötz» 
lichkeit machen wollt, und alter Schrift eine schöne f kurzweilige 
Historie zusammen gebracht, wie ein Grafif von Werdenberg eines 
Königs Tochter aus Portugal! su einem ehelichen Gemal erworben 1 
und wollt die mit schönen Holzschnitten geziert , auf Neujar in 
pruck ausgehen lassen und Euch senden : Da rerfiirt der Teufel 
den Holzschneider, dafs er zu seiner schönen und erlaubten Kunst , 
noch unerlaubte Künste trieb und darüber kurzenwegs ius Zucht- 
baus kam, wo er* 1 war keine Seide, a}>«r doch Wolle spinnen 
wird ; also konnte auf diesmal am meinem Vorhaben nichts 
werden.« 



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360 * Ein Volksba*h!elü. ProbeblStter. 

und sprachlichen Gründen vorzugsweise verweilen, we\] hier, 
und auch hei Abschnitt 2, der Verfasser sichtbarlich am eigen- 
thümlichsten, lebendigsten und frischesten seine eigene Schwa- 
bennatur walten und wuchern läfst. Glücklich, wer in dem 

feiehrten Staub, in der engen Lehrstuhe der künstlichen 
lauptstadt seine Volks natur sich bewahrt bat, dafs seine 
Phantasie noch regelmäfsig Frühling feiert und frische Wald- 
keime treibt. 

Der Stoff war hier zwar, »von der schwäbischen Amme« 
S. 163, von der uralten Sage, wie sie im Volke noch um- 
geht und Pinsel und Grabstichel sie verewigt haben, S. 168, 
und von alten guten Büchern, S. t64» — gegeben; aber es ist 
in unseren Tagen , ' bei unserer nicht blos fremden, sondern 
auch entfremdenden, zerstreuenden Bildung ein grofses Ver- 
dienst, den Ton des Volkes noch treffen oder wieder fin- 
den zu können, denn es bandelt sich hier darum, wie in der 
Predigt, so im Volksbuch den Weg zum Herzen und zur Phan- 
tasie unseres Volkes zu treffen und einzuschlagen. Den Be- 
weis zu führen, dafs es dem Verfasser wacker gelungen, ver- 
mögen wir am Besten aus seinen eigenen hinzugefügten Be«, 
inerkungen, die mit klarem Bewufstseyn und treffenden Wor- 
ten die Schwierigkeit, die Natur, die Glänzen der hieher 
gehörenden Darstellungs weise aussprechen. Wir gebrauchen 
deshalb hier der Worte des Verfassers. 

Schon zu der Geschichte des ewigen Juden sagt derselbe 
S. 163 , nachdem er für seine Darstellung dieser europäischen 
christlichen Erzählung als seine Quelle seine Amme genannt: 
„Ich hielt es für meine Pflicht, sie so zu geben, wie ich sie 
empfangen habe", gleich wie die Gebrüder Grimm ihre Kin- 
der- und Hausmärchen der alten Hessischen Bauersfrau ge- 
treuest nacherzählt haben. „Das Einzige — fährt unser Vf. 
fort — xi j j fs ich nur bedauern, dafs ich sie, zu allgemeiner 
Verständlichkeit, in die hochdeutsche Mundart übersetzen 
mufste, als in welcher sie nicht erzählt worden ist, sondern 
in der gemeinen oberdeutschen Mundart, voller volkstüm- 
lichen Idiotismen. n ' * 

Der Verf. fühlt, was das thut. Wer mag den mehrfach 
(z. B. von Girardet und in einzelnen Stücken sogar von ihm 
selber) verhoebdeutschten Hebel lesen? — Wer würde Otto 
H u n ge so viel Dank wissen , wenn er den Machandelbom und 
den Buer un sine Frü — in Grimm 's Kinder* und Haus« 
märeben — im Schriftdeutsch gegeben hätte? Wen spricht 
nicht die treuherzige Schwäbische Zurede des Freiherrn vt>n 

\ 



» 



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Ein Volksbuchlein. Probeblatter. 361 

Lafiberg vor dem ersten Theile seines Liedersaales 9) 

woblthuend an ? — 

Aber die Geschichte des ewigen Juden konnte der durch« 
geführten Mundartlichkeit so wie der Gaulichkeit der Aus-» 
drücke am ersten entrathen. Kichnger Treffen dagegen be- 
wies der Verfasser, indem er den Muth hatte , bei der Ge- 
schichte der sieben Schwaben, so wie auch schon bei den 
secbtzig ergötzlichen und erbaulichen Geschichten, seine 
eigene schwäbische Natur in Ausdruck , Wendungen , Redens- 
arten heiter und harmlos wuchern zu lassen. So kommt es 
natürlich heraus, bat durchaus nicht die Wirkung des Ge- 
machten, ist als freundliche Erscheinung willkommen , und 
tbut immer wohl und ist unserm Schriftdeutsch Gewinn , Er- 
frischung, Belebung, Bereicherung. Denn „aus den Mund- 
arten mehrt sich allezeit , wenn Noth am Wort ist , die Schrift- 
sprache, die ohne sie nicht heil, sondern unganz ist. Die 
Gesammtsprache bat hier Fundgruben und Hülfsquelleii , die 
wahren Sparbuchsen und Nothpfennige des Sprachschatzes «* 
(Jahn in der Vorrede zur Deutschen Turnkunst S. XLIL). — 
„Die Mondart hat Lebenswärme« (Grimm Deutsche Gram- 
matik Tbeil I. Aufl. 2. S.XIII ) io). Unser Verfasser drückt 
sich darüber S. 175 — 176. so aus: „Das Buch, möchte man 
sagen, ist in einem schwäbischen Hochdeutsch geschrieben, 
das heilst, in der Art und Weise, wie ein Schwabe, der s ich 
gewöhnlich des Hochdeutschen bedient, immitten seiner Land- 
leute mitunter «ine provinzielle* Form unter die hochdeutsche 
einmengt, was nicht nur für das einigermafsen daran gewöhnte 
Ohr sehr gut läfst, sondern au-ch dem Gemüthe wohl thut, 
welchem das Einheimische, wo es sich nur findet, lieb und 
werth ist. Darum hielt es der Herausgeber für seine Pflicht, 
in dieser, wie in jeder andern Hinsicht gewissenhaft zu ver- 
fahren, und das Buch seiner Materie und Form nach so zu 
lassen, wie er es gefunden [d. h. hier erfunden; denn die 
Erfindung einer alten m Handschrift w ist Bescheidenheit de§ 



9) Liedersaat. Das ist : Sammlung altdeutscher Gedichte aus unge- 
druckten Quellen. Erster Band. 1820. 638 S. gr. 8. S. I« 
bis XXVIII. 

10) Wohl gilt für andere Betrachtung, was Grimm an der Stelle 
von der Schriftsprache sagt: „Erst kraft der Schriftsprache fühlen 
wir Deutsche lebendig das Band unserer Herkunft und Gemein- 
schaft und' solchen Vortheil kann kein Stamm glauben xu theuer 
gekauft zu haben oder um irgend einen Preis hergeben wollen. * 



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36$ . Ein Volkibüchlein. Probeblätter. 

• 

Verfassers, die auch auf den Titel setzte „Pröbeblät t er 
für Volksfreunde«]. Der Sprachliebhaber , denken wir, wird 
so manches schöne, bedeutsame Wort finden, von dem er 
wünschen möchte , dafs es in's Schriftdeutsche übertragen 
würde, welches oft gan#arm ist, besonders an solchen Aus- 
drücken, die zur Bezeichnung gemeiner Gegenstände und nie« 
drig komischer Zustände erforderlich sind. Wenigstens' neh- 
men sich gar viele dieser Wörter in dem Zusammenhang der 
Kede und auf dem Rasen, wo sie gewachsen, ungleich schö- 
ner und lebendiger aus, als wenn man sie nur, mit Stumpf 
und Stiel ausgerissen, in den Herbarien gelehrter Sammler 
keimen lernt. «• 

Von diesem unbestrittenen Rechte bat der schwäbische 
Verfasser fröhlichen Gebrauch gemacht. Hier eine kleine 
Auswahl solcher Schwabeuwörter und Mundartlicbkeiten : 

a) Formen, besonders die Verkleinerungssylbe le und 
Ii: Kinderle S. 8l.83, Guckerle und Gucker, das Fenster 84. 
87, Posthörnle 107, ein Windle 107, Ränzle 115, Knöpfle 
und Spätzle 114. 147, Milchspätzle 13 1 , Fücbslen4, Salz- 
Lücbsle 114, Mäfsle 115, Käntle 115, Mäusle, Stöckle 134, 
Wörtle 129. 147, Häusle 129, Töchterle 120, Mädle 120, 
Schmätzle 12 1, Katerle 121, Fohle 121, Leible 124, Klap- 
perle, Huischeli 132 , Biäunle und Bläfsle 137, Mäule 14a, 
Zipfelei4i, Kätherlei43, Mutterleib, Stündlel47, BäisTe 
153, Scböpple 154, Aehnle 156; auchNudeli, liebs Sühnli , 
Mämmeli i45; — der Stiegel, mit jemand schimpf ein und 
spielen — grauerlich 112 — haltdennest 1 1 7 — ein Bräu 122 
— züchtiglich, andächtiglich 120, festiglich 122 — Zwiefel 
117, plumpf 129 — nacher, aufser dem Thnr — nit — von 
nächten l30. 

b) Satzbau, z.B. Er erzählt, wie dafs — 112. 114- 
115. .130. 

c) Ausdrücke; 1. das bekannte 1 u g e n (schauen) sehr 
oft: anlügen 112. 115. 145, ins Gesicht lugen 121, umlugen 
121, was er so luge 122, lugten in's Wasser 128, lug ein- 
mal, was das für Leute sind 130, er wolle lugen, obs für ihn 
lange 132, sie lugten der Unfuhr zu l33, und lugten so vor 
sich hin 145, lafs lugen 145, und lugten Eines Lugens 146, 
nachdem sie sich fast die Augen ans dein Kopf gelugt« l48, fin- 
ster drein lugen 148, haltet's Maul und lugt und lost 145. — 
2. Tandelmarkt 53, eiuen Jucbezer thun 46 , Grömlein (altes 
schwaches Rofa) 7.*, seihander 75, Zahnsturer 105, progle 
[prahlej dich nit allzu sehr 105, er streichelte ihm den Käuzen 
106, gratteln undpfuausen 107, ein Windle gespiester Lerchen 



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Ein Volksbüchlein. Probeblätter. 363 

107, alteTrampel 109, wägerlel2i: es ist wägerle wabr 113, 
achätternde Stimme 110, derBünckel 111, Jancker 112, beim 
Deixels 115, FazinetU 116, schlenzen 116, die Ut-cbse, die 
Grattel H6, Streitseug 119, Webtage H9, das Mädle mufs 
ich stellen und anreden 120, kein unübler Kerl 121, heuren 
120, fäs ig wie die Pfeffern ufs 121, Drangeid 121, Schata- 
hauser und Herzkäferle und Skapulierläusle 121, Häs 122, 
eine wetterliche Ohrfeige 122, Watsche $23, Pfulbeni23, 
in die Höhe schupfen 123, Maun (Mond) $23, du Lalle, du 
Ginkel, duTakel, du Rog 124, keif und fest 124, bockstärr 
dastehen 124, einen drosseln am Hals 124, wie fiedern 62, 
gute diegene Würste 125, sich auswiesen 125 wie auskennen, 
die Bratzen 126 , Bier beschauen, ob es pfennig vorzeitig sey 
127, die Gespaner (Gesellen), Strolchen und Diebsgesindel 
130. 132, die Keuche 130, ein gar niederträchtiger, frommer 
und milder Herr 131, kein gottiges Spätzle leihte 132, die 
Schuhet zusammenscharren 132, Huscheln 132, der Gemeind- 
hag (Stier)'l33, der Moll l33, durch den Zaun schliefen 133, 
Unfubr 133, schlupfte über einen Stiegel 134, schrinpfelte 
mit ihm 134, Schlappe i37, Loden l38, schrepr'en 139, lei- 
ten mufst du uns 139, mGrixeJn, 139, ausblechen 140, ge- 
bahrte «ich 142, ächzete und webleidete 142, es wurde ihm 
das Herz ganz sehr und kriegte das Heimweb l43, legte den 
Kopf in die Hände und beinte 143, still vor sich hin heinen 
148, er fing laut an zu Harren 143, alle fingen an zu flarren 
und zu rör^n 143, lafs mich ung'berzt 143, sei kein Fotzen- 
hut 143, Fatzvogel t69, ein Rotzer 144» du Lauser 145, 
dafs dich die Ritt scbitt (besser scbütt, scüttre, schüttle) 144» 
die Mutter strählte ihm sein Haar 145, einen Seufzer holen 
vom untersten Zehen berauf 147, Gefrifs (Fresse, Maul, Ge- 
bärde 149» dafs sie die Fraifs bekämen i49, gang Jackel gang 
du voran 150, der Gründten, der Büchel 151, nur ein Bifsle » 
und um's Merken 153, räfser und saurer als Essig 153, Ris- 
pel, Schliffel 154, sie zechten redliches Dings 154, Hapus 
C Rapuse?) 154 h). 



Ii) Nicht gefallen hat uns S. 87 und 127. unjust, S. 90, just; 
S. 133. hatten ihre Gaude (gaudia) ; S. 76. steht entraff die statt 
der; S. 67. steht unbehändt statt nnbehende (bi hende, bei 
Hände); S. 141. Hank ablaufen statt Rang und S. 62. flucke 
statt flügge ; S. 34* bachen statt backen ; S. 74 uud 111. 
Dummrian statt Dummer- jan , wie Schönian , Bullerian, Polter- 
iau , von — Jahn. — S. 14Ö. röhren ist wohl besser roren ru 



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364 Ein Volksbachlein. Probeblätter. 

* 

Siehe da, ein ganies kleines schwäbisches Wörterbuch. 
Welcher, unbewniste, Reichthum auf so wenigen Seiten! 
Wie sehr wünscht man da, dafs des Prälaten Schmidt in 
Ulm schwäbisches Wörterbuch recht bald dem bairischen von 
Scli melier folgen möchte, dessen erster Band, von vierei/, 
jetzt Ostern 1827 bei Cotta erscheint. 

Auch der Wiederlaut (alliteratio) , der „mit unserer 
Ursprache geboren , nur mit ihr verenden kann« (Jahn a. a. 
O. S. XXX VIII.), ' und der Schlagreim, «der unter allen 
Sprechern der Altermann ist, ein mundartlicher Worthalter 
für alle Leute und ein leutseeliger Redner sonder Gleichen** 
(a. a. O.) — <• sind darum in unserm Volksbüchlein auch harm- 
los reichlich zu finden; so z.B. wider Wissen und Willen 
126, beichten und hülsen 77, matt und müd 47, Leib und 
Leben 82, bitten und betteln 104, Land und Leute 1 14 , frank 
und frei 142, drum und dran 142, Ruh und Rast 85, wandeln 
und wandern 1, stumm und still 102, erstaunt und erstarrt 
151 9 kläglich und beweglich 146 > Stock und Stein 106 9 
Schimpf und Glimpf lS8, Friede und Freude 153, Rath und 
That 113, Wege und Stege 127, über Wiesen und Felder, 
durch VVüsten und Wälder, Seel und Seeligkeit 95 , obsebon 
letzteres Beispiel etymologisch falsch ist (salwala und sal). 

Aber wie unser Verfasser in der ungezwungenen Anwen- 
dung solcher einzelnen Ausdrücke einen gesunden Treffer hat, 
so ist er auch nicht minder glücklich in der ganzen Darstel- 
lungsweise, in dem Gesammtstyl , der reich an wahrhaft he- 
belischen urtvermuthtten Wendungen und eigentümlichen 
Bildern und Blicken ist, besonders in den sechszig Historien. 
Zwar gesteht der Verf. S. j64, dafs dieselben gioisentheils 
aus alten Büchern gezogen (Geiler's Predigten , Pauli's Schimpf , 
und Ernst, Agrikola's und Frank's Sprüch Wörtern , Zincyref*« 
und Weidner's klugen Sinnreden u. s. w.) und er den meisten 
ihren Ton und Ausdruck liefs, und man erkennt diese alte 
Farbe gar wohl in den oft wundejsamen und neckenden Bil- 
dern, Ausdrücken 12), Uebergängen, deren unsre altere Deut- 

— ■ ■ - — - - — - - ■ 

schreiben. Der Verf. Hebt das h , t. B. Wahlstatt, allmähKg, 
cinmahl, Geinählde, betlien , feilgebothen , angebohren , Mähr- 
ehen, Monathe, Parthei ; doch Abenteuer. 
12) Z. B vS- 5'j : So mufst du mich gehen lassen an Ort und Ende, 
dafs ich sehe, wo ich sie her bekomme ; ebeu so S. 60: Wenn 
die Bauern einen Pfarrer hätten, der sie in der Kirche nicht 
strafte, einen Schuliheisen , der sie nicht büfsre, einen Rent- 
meister, der sie nicht mahnte etc.; eben so S. 62— 64* 



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> 



Ein Volksbuchlein. Probeblätter. 365 

• 

sehe Prosa und Poesie so reich ist , und welche unsrer heuti- 
gen Anschauungsweise ganz verloren gegangen sind, wie ibre 
Quelle, die Sinnenfrische , die Naturvertrautheit f die Unmit- , 
telbarkeit. Aber man mufs dem Verf. auch hier wieder das 
Lob lassen , dafs er auch in Beibringung von Bildern und Be- 
ziehungen aus unserer neueren Anschauungsweise weder un- 
mäfsig gewesen, noch Unpassendes gebraucht habe. Von 
jener älteren Auffassungs - und Ausdrucksweise , von jener 
heiteren bebelischeh Laune und oft wehmötbigen Betrachtung 
des Volksliedes hier wieder einigte Proben; z. B. „da sie nun 
hineingehen wollten, mufsten sie über einen schmalen Steg 
geben über ein Bächlein , und da der Steg nicht in die Kreuz 
und Quer lief, wie der Mann, sondern geradaus , so fiel die- 
ser über den Steg hinab« S. 35. — »Dieser (Wachtmeister) 
erhielt nach einer Schlacht den Befehl, mit seiner Mannschaft 
die Wahlstatt abzuräumen von den Erschlagenen; und da der 
Schnitt scharf durch das Feld gegangen, so ist auch die Aernte 
ergiebig ausgefallen. Seine Leute sammelten daher die Lei- 
chen, und nachdem sie die Todten des Ueberflüssigen entle- 
digt, warfen sie Mann für Mann auf einen Wagen, und drauf \ 
alle zusammen in eine Grube; und es wurde kein Kreuz und 
kein Licht vorgetragen, und kein Priester ist dabei gestan- 
den, der das Grab eingesegnet und über die Verstorbenen ge- 
betet hätte. Auch braucht es das nicht, sagt man, auf einem 
Schlachtfeld; denn dies ist an sich schon eine beilige Stätte 
voller Blutopfer, und der rechtschaffeneSoldat fährt vom Mund 
auf zum Himmel« 37. — „Aber als es an den Soldat kam, 
blies er dem Becher das Gesicht also aus, . dafs der Staub fast 
aus dem Becher gefahren, und nicht so viel darin geblieben, 
dafs eine Mücke ihren Durst hätte löschen können" 4i« — 
»Der Name des braven Hausknechts ist in den Zeitungen nicht 
gestanden , aber in dem Buche des Vaters der Armen ist er 
aufgezeichnet« 47. „Eine Frau hatte einen Mann , bei dem 
das Liederlichseyn so eben im Anflug war« 57. — »Ein Kur- 
fürst hatte einen Narren, der biefs Klaus, und einen grofsen 
Hund, der hiefs Leppsch , und einen jungen Bären, der hiefs 
anders« 79. — „Der bestallte Rentmeister war ein Schalk, 
und er hatte immer schmierige Hände, woran des Herrn 
Geld zur Hälfte hangen blieb« 8l. — „Zu derselbigen Zeit 
waren die Fazinetle noch nicht Brauch, und daher schlenzten 
einige das Ding gleich von sich weg, was jetzt die vorneh- 
men Leute in den Sack stecken« 116. — „Und als sie den - 
Bären näher untersuchten und kein Loch an ihm fanden, als 
das, was er schon bei seihen Lebzeiten gehabt, so merk- 



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366 Ein Volksbüclüein. Probeblätter. » 

r 

♦ 

ten sie wohl , dafs er nicht erstochen sey, sondern ven 
reckt« 119» 

Von neueren Zeitanklängen oder Anhauchen nur ein Paar 
Beispiele^: „ Einem Missethäter sollte einmal der Henker ein 
Ohr abschneiden 9 fand aber keines unter den struppigen 
herabhängenden Haaren, er mochte hin und her suchen; denn 
der Spitzbube hatte seine beiden Obren schon anderwärts 
versetzt. Da nun der Henker drob unwillig wurde, so 
ward's der Dieb auch, und sagte: Was brauchts da viel 
Schimpfen? Ich kann nicht «He Monate neue Ohren bekom. 
men. — Heutiges Tages gäbe es keinen Mangel an Obren 
zum Abschneiden« 72. — „ Also entschuldigte sich auch 
jener Jude — ich wefts nicht ob er ein beschnittener gewesen 
oder ein unbeschnittener« 73. — »Zur dermaligen Zeit 
hatten sieben Christenmenscben noch mehr Credit, als ein' 
Jnd, wogegen es in nnserh Zeiten der umgekehrte Fall zu 
seyn scheint« 142. — Dies Thiergeschlecht (die SeehaaSen} 
aber, mein* ich , wird seit der Zeit wohl ausgestorben seyn , 
wie die Mammuth« 151. (welche Gelehrsamkeit sich hier 
recht drollig gut ausnimmt) — >»Wie man denn zur selbigen 
Zeit in ganz Schwabenland nichts als gute Christenmenschen 
antraf, und noch keine Freymaurer, wbvon nun alle Stauden 
vollstecken, wie in der ganzen übrigen Welt'« 120. — Sonst 
war dieser Herr von und auf Kronbxirg ein gar niederträch- 
tiger, frommer und milder Herr, der sogar seinen eigenen 
Bauern nicht mehr Wolle ahschor, als er eben nöthig hatte, 
um sich selbst warm zu kleiden« 131. — Das sind nieist' 
kleine moralische Anhängsel, wie deren auch bald zu Anfang , 
hald zu Ende einer Historie bei unserm Verf. vorkommen^ 
aber immer sind sie gut begründet und angebracht, und atb- 
men einen frischen gesunden Sittengeist. So z. B. „Dres* 
Geschichte beweiset, däTs die Bauern gut hören , • wenn sie 
eben nur wollen« 38 — » Alle Laster nehmen mit der Zeit 
ab, dieses, das Lügen , aber zu 50. — „Merk: es giebt 
böse Neigungen, die man durch Flucht der Gelegenheit be- 
zwingen kann;, und es giebt andere, die man durch Wider- 
stand bezwingen kann. Um aber das eine wie das andere zu 
vollbringen, braucht man eben nicht die Welt zu verlassen, 
sondern nur sich selbst« 51. — „Merk: Die blosen Worte 
vertreiben den Satan nicht, sondern der Glaube an Christum, 
der stark seyn kahh auch in der sündigen Natur« 65. — 
„Die Wunder mochten' wohl nothwendig oder doch nützlich 
gewesen seyn für ihre Zeit; aber ihre Lehren und Beispiele 
sind es für alle Zeiten" 67. — „ Kannst du nicht andSchtig 



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Ein Volksbachlein. Probeblätter. 367 



beten, so begehre es zu können; kannst du es nicht be- 
gehren, so begehre es zu begehren: auch dann hast du genug 
gethan" 68. — »Daraus ist zu lernen, dafs man nicht zu 
früh Hopsasa schreien soll« 99. — „Und wenn der günstige 
Leser das Stücklein nicht glauben mag, so gebe er nach Gn'iu- 
wiesen und verlange nur im Wirtbshaus, so laut dafs 'es die 
Bauern hören mögen, Salat mit Essig und Oel und harte Eier 
darauf; er gebe aber Acht, dafs ihm die Speise nicht versahen 
werde« 100. — Eingänge und Einleitungen der Art sind 
äs. B. »Hätte der Unbekannte, der im vorigen Jahre auf' dem 
Herbstmarkte zu Jerusalem Kreuze feil hatte, statt deren Kro- 
nen £ei\geboten um das Spottgeld, wie er that, sie wären 
reifsend abgegangen. So aber safs er de^n ganzen Tag io 
seinem Stande und rief: Wer kauft Kreuze? und niemand 
wollte ihm eines abkaufen« 88. — »Die Hausregeln machen 
noch kein gutes Hausregiment, sondern der gute Wille, der 
die 1 Regeln befolgt. Ein junger Ehemann u. s. w. w 34. — - 
«Vor Gott gilt nicht sowohl Fasten und Kasteien (obwohl 
diefs ganz beilsame Dinge sind) als vielmehr ein frommes, 
demütuiges und einfältiges Gemüth. Das erweiset sich aas 
folgender schöner Geschichte« > 25. — »Man spricht ge- 
meiniglich: Ein Sparer mufs einen Zehrer haben , der das 
wieder verthnt-, was jener erkratzet hat an sich und andern 
Leuten. Ein Borger hatte einen Sparbafen u. s. w." 32. — 
„Man sagt sonst: Der Name thut nichts zur Sache. Dies 
Sprichwort 'aber ist, wie so viele andere, eben nur dann 
wahr, wenn espafst. Ein Bauer hat das Gegentheil erfahren, 
nämlich dafs der Narrie viel thue. Dieser u. s. w. 1 * 33. — 
Treffliche frische Regeln der Hauszucht, vom Heiraten 4 und 
Erziehung stehen S. 26. 45. 57 —59: 75. 74. «, *• w. Einige 
Erzählungen sind sehr gut durchgeführt ; So S. 53 — 57: Die 
Aufgaben der Räthsel, wo das Schneiderlein endlich siegt mit 
dem weisen Räthsel: „ Was ist das? das erste weifs ich al- 
lein; das zweite wisset ihr, aber ich nicht; das dritte ist so- 
wohl mir als euch unbekannt«; woran sich Leser dieses auch 
versuchen oder die Lösung in dem Volksbüchlein S. 56. nach- 
' schlagen mögen. Trefflich in hebelischer und claudiusischer 
Wendung ist auch S. 46. die Geschichte vom braven Haus« 
knecht, die also beginnt: „Ein Christenmensch darf wohl 
auch von seinem sauern Wochenlohn an Sonn - und Feiertagen 
oder sonstigen Festen sich eine ehrliche Lustbarkeit verschaf- 
fen, das wissen wir Alle. Aber wenn er Gelegenheit hat, 
damit einem Elenden seine Noth zu erleichtern, so soll er sich 
lieber die Lustbarkeit versagen, und Gutes thun ; das wissen 



368 Bb Volksbuchlein. ProbeblStter. 

• 

wir auch Alle, thuen's aberzieht Alle. Ein Hausknecht abet 
hat'* getban« — 46. — Aebnlich ist die Wendung S. 34 — 
35. in -der Geschiebte „Ursula oder das Weib wie es seyn 
sollte«, wenn es heilst: „Das war gut", und nachher : „Und 
das war noch besser«. — Die Darstellung von der „Un- 
gleichheit der Stände" — S. 82 — 84 — stehet viel würdi- 
ger da, als Hebel s Erzählung vom Hof er, die Jedem weh 
thut vom rheinischen Hausfreunde. Wir geben diese Ge- 
schichte , auch als Probe der neueren Umbräuiung altes Stof- 
fes *), hier zum Besten. 

„Seit sechstausend Jahren etwa, nämlich seit Erschaf- 
fung der Welt, gab es unter den Menschen immer Herren 
und Knechte, und^Knechte und Herren. Im Jahre 1789 aber , 
nach der christlichen Zeitrechnung, wurde in der franzö- 
sischen Nationalversammlung dekretirt, wie folgt: Alle Men- 
schen sind gleich. Der papierne Beschluis, das Dekret, wollte 
aber nie recht zu Leib und Leben kommen; ja, er wurde 
nicht nur gleich wieder umgestürzt, sondern er stürzte bald 
selbst alle gesellschaftliche Ordnung um, so dafs man zuletzt 
freilich gar nicht mehr wufste, wer Herr oder wer Knecht 
sey. Jetzt ist's aber wieder, Gott sey Dank! bei'm Alten, 
und wird wohl auch so bleiben sechstausend Jahre lang, oder 
so lang die Welt stehen mag. — Der günstige Leser wird 
nun aber ohne Zweifel die Frage aufwerten , woher denn die» 
ser Unterschied wohl kommen mag? ob es Gottes Einrich- 
tung so sey, oder ei n e Krün düng der Menschen , so dafs z.B. 
der Stärkere immer den # Schwächern unterdrücke, und sich 
selbst zum Herrn und diesen zum Knecht mache; in welchem 
letzteren Falle es hinwiederum dem Knechte erlaubt wäre, 
wenn er's eben könnte, sich zum Herrn seines Herrn aufzu- 
werfen. Ich denke aber, dafs es göttliche Einrichtung so 
sey, und ich weifs eine a]te Historia , die uns klar anzeigt, 
wie dieser Unterschied schon von Anbeginn bestanden sey. 
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*) Den atieh Hans Sachs behandelt hat. > ! 1, ' 

." ' ,* , . r . . J , s . . . .1* (|l|>(i >. • •*• '• iiv /' 

{Die Fürtsetzung folgt. 1 } 

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N. 24 1827. 



Heidelberger 



« • 



Jahrbücher der Literatur. 



0 % 

Ein Volksbüchlein. Probeblätter für Volksfreunde. 

{^Fortsetzung,) 

»Da Adam reutete und Eva Spahn — erzählt jene Ges 
ichichte — gewann Eva viele Kinder. Auf eine Zeit wollt« 
unser Herr Gott zu Eva gehen und besehen , wie sie Haus 
hielt. Nun hatte sie eben alle ihre Kinder auf ein Mal bei 
einander, und wusch sie und schmückte sie. Da aber Eva 
unsern Herr Gott sab kommen zu ibr 9 hätte sie Sorge , er 
möchte ihr ihre Unkeuscbbeit vorheben, dafs sie so viel Kin- 
der hatte, und fuhr her und versteckte etliche in's Stroh, 
etliche in's Heu, etliche in's Ofenlocb, die allerhübschten 
aber behielt sie bei sich. Unser Herr Gott sab die geputzten 
Kinderle an, und sprach zu einem also: Du sollt ein König 
aeyn ; zum andern: Du sollt ein Fürst seyn; zum dritten 
aprach er: Du sollt ein Edelmann seyn; zum vierten) Dti 
sollt ein Burgermeister seyn; zum fünften: Du sollt ein 
Schultheis, Voigt oder Amtmann seyn. Da nun Eva s*he f 
dafs ihre Kinder, die so htrvorn waren, so reichlich begabt 
waren, so sprach sie i Herr 1 ich hab noch mehr Kinder; ich 
will sie auch herbringen. Da sie nun kamen, waren sie un- 
geputzet, schwarz und ungestalt; die Haare hingen ihnen 
voller Stroh und Heu. Da sähe sie unser Herr Gott an, und 
sprach zu ihnen: Ihr sollt Bauern bleiben, Küh - und Säu^ 
Hirten, Ackerleute; etliche von euch sollen in Städten Hand- 
Werk treiben, brauen, bachen und den ersten Herren dienen. 
—* — Merk ; Diese Geschichte steht nicht in der Bibel « 
Wohl aber steht darin f dafs alle Stände von Gott Seyen , und 
dafs man sie in Ehren halten soll, cc 

Andre Proben der geluifgenen Darstellung auch in andren 
Farben und Tönen, ernsten wie heiteren, zu geben erlaubt 
der Raum nicht. Beschränken wir uns, wiederum des Ver* 
fassers Bemerkungen über die Sprache und Darstellung in 
Volksbüchern mit seinen eigenen Worten mitzutheilen ; damil 

XX. Jahrg. 4. Heft. * 24 



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370 Ein Volksbüchlein. ProbcbTatter. 

die, welche das Büchlein nicht . lesen und vielleicht Aehnliches 
vorhaben, die klar und wahr ausgesprochenen Grundsätze 
doch bedenken und beherzigen. Mit richtigem Takte hat er 
sieb Heb.el'n, aum Vorbild -gesetzt bei seinen Nachbildungen, 
Die Nachahmung eines solchen Musters kann ihm durchaus 
Dicht zum Tadel , vielmehr mufs seine glückliche Nachahmung, 
sogar zum grdfsten Lobe gereichen. Denn er hat die Natur 
selbst nachgeahmt (S. 166.)* < So spricht der Verf. von He- 
bel, wie in einer Grabesrede des jüngst Vollendeten: „So 
mufs ernf VolksschriftsteHer schreiben, wo der Inhalt und die 
Absicht nicht geradezu simple Prosa verlangt, sondern auch 
poetische Ausschmückung erfordert oder doch zuläfst. Und 
wahrlich , diese Classicität in Anlegung und Ausführung der 
Vorträge, dafs sie den Verstand und das Gemttth des Natur- 
menschen freundlich ansprechen , diese Popularität des Aus- 
druckes besitzt Hebel in einem ausserordentlichen Grade. 
Er trifft immer und sicher den rechten Ton, der in dieser und 
jener Erzählung vorherrschend seyn sollte, und weifs hier 
liebliche Heiterkeit zu verbreiten , dort zarte Empfindung 
für's Schöne und Gute« Er scherzet überaus gern, und die 
neckischen Einfälle mengen sich Überall in die Unterhaltung, 
wie liebe Kindlein gern drein plaudern in das Gespräch des 
Grofsvaters und durch ihre Naivität gefallen. Nur wo es 
Noth thut, lehrt er« und dann allzeit klug und gut. Sein 
Witz ist natürlich, seine Laune fröhlich, seine Satire gut- 
mütbig, und seine Empfindung wahr. Bei aller Mannigfal- 
tigkeit der Materien tritt ein stehender Character hervor — * 
der zum gemeinen Manne sich freundlich herablassende, mit 
dessen ganzer Denkweise vertraute , bei Scherz und Ernst 
sich gleichbleibende, acbtungswerthe Hausfreund. Und so 
denn auch die Sprache. Man hört einen Gebildeten reden, 
aber mit Beziehung auf den Leser, der ihn verstehen und lieb 
gewinnen soll. Seine Worte sind ungesucht, und seine Sätze 
einfach und kurz, auf dafs sie dem Geistesauge des gemeinen 
Mannes überschau] ich Seyen, der in periodis sich nicht geflbt 
bat, und nicht einmal an periodos gewöhnt ist. Er ist reich 
an Bildern und Figuren; aber er wählt Bilder, die aus dem 
gemeinen Leben entnommen sind, und Figuren, wie sie 
wohl der gemeine Mann selbst — denn auch der ist ein Rede- 
künstler in seiner Art — natürlich gebraucht Wie der ge-. 
meine Mann, ist er ausführlich, wo das Interesse der Hand- 
]ung steigt, und redseelig bei guten Thaten und lustigen 
Schwanken. Die Fehler des Ausdrucks selbst benutzt er 
Weise au Tugenden. Bei aller Äufsern scheinbaren Lockern- 

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Ein VoIkiböcWdn. Probeblattef. 3*1 

bei t in den Sätzen und Satzreihen, die keine künstliche Fü- 
gung zulassen, herrscht doch der bündigste innere Zusam- 
menhang; der aufmerksame Geist wird sanft Über die vorbe- 
reitenden Stellen hinweg gehoben, leicht .und sicher in diu 
Mitte der Erzählung eingeführt, und mit dem Schlüsse gans 
befriedigt gelassen. So kommt es denn , dafs seine Erzählun- 
gen — ich rede immer nur von den mehr ausführlichen, ditf 
einer poetischen Darstellung fähig waren — von dem Gebil- 
deten , wie von dem Ungebildeten mit gleicher Zufriedenheit 
gelesen werden. Wenn dieser die Hede eines Mannes gent 
vornimmt, der ihm etwas Trauliches in seiner Art sagt und 
nicht satt werden kmn in der Anschauung des lieben, vorneh- 
men Herrn, der sich herabläfst zu seinem blöden Verstand* 
und hartem Gemütbe, ja sogar au seinen kindlichen Neigung 
gen und gemeinen Späfsen ; so leibt ihm dagegen auch der 
andere gern sein Ohr, weil er sich auf eine wunderbare Arff 
gleich einein sanft Träumenden, in eine Hegion des Denkens 
und Sinnens versetzt fühlt, die ihn anheimelt und sehnsüchtig 
macht, wie die verlorerie Jugend in Stunden glücklicher Erina 
nerung« S. 166 — 163. 

Wer so lebendig über den rheinischen Hausfreund spricht j 
mufs selber ein warmer Volksfreund seyn , wissen, was dem 
Volke noth tbut, wie im Leben, so in Volksbüchern und 
Historienbüchern * und wie mit diesen bei Erneuerungen uj 
l. w. tu verfahren sey. Von lettteren spricht der Verf. also : 
»Wer einigermafsen vertraut ist mit diesen und andern altert 
rlistorienbüchern, der wird eingestehen müssen, dafs in de* 
meisten dört eraählten Geschichten und Märchen eine gewiss« 
Frische und Jugend sey, die, wie die Lineamente und Far- 
ben auf altdeutschen Gemälden, keine Zeit verwischen kann* 
während so viele neueren Erzählungen der Art bei'm Volk* 
keine Aufnahme finden 4 oder doch bald wieder in Vergessen-» 
heit kommen. Der Grund dieser Erscheinung ist derselbe* 
fcle ift Ansehung der Sprichwörter, welche von den Moralteri 
und Sentenzen der neueren Volkslehrer, ungeachtet der Fein- 
heit des Sinnes und der Glätte des Ausdruckes, nicht rera 
drängt wnrden können. Sie sind nämlich aus dem Volke her«» 
vorgegangen , und darum bleiben sie auch bei'm Volke in Guus 
sten • als ächten Kindern des Volksgeistes ist ihnen die Heimat 
für immer zugesichert. Ueberhaupt stunden die Männer * 
denen die Volksbildung anvertraut war$ und von denen auch 
wohl jene tiefsinnigen und doch einfach lautenden Spruche 
und Historien erfunden und verbreitet worden sind, dein 
Volke ungleich näher, als die heutigen Schul* und Kantel« 

24 > 



1 



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372 Ein Volksbüchlein. Probeblatter, 

m . * 

leute; ja sie geborten seihst zum Volke, und verkündeten in 
der einfältigen Weise die hohen Gedanken ihres Witzes. 
Und eben darum fanden ihre Lehren und Gleichnisse auch so- 
gleich Anklang in den Herzen jener Leute, und blieben ihnen 
Heb und unvergefslich ; so wie es wohl auch uns selbst er- 
geht, dafs z. B. eine sinnig erdachte und einfach gesetzte Ton« 
weise sich unseren Gemüth sogleich fUr immer einprägt« wäh- 
rend andere« künstlich durchgeführte und verzierte Melodien 
unserm Gedächtnisse bald wieder entschwinden. — Dasselbe 
Lob verdient auch der Vortrag in den bessern Schriften 
jener Zeit. Es spricht uns ein so gesunder Menschenverstand, 
in eiiu-m so einfachen Ausdrucke daraus an* dafs man sie, je 
näher man sie betrachtet, desto mehr lieb gewinnen raul's. 
Wir gewahren an ihnen (um untre Meinung bildlich zu be- 
zeichnen) eine Dürer' sehe Manier, zwar das Eckige und 
Schroffe« aber zugleich auch das Einfach -Kräftige und Mild- 
Starke« das in den Werken jenes Meisters liegt. Und wie 
dieser Künstler sich mit Recht rühmte, dafs er mit wenigen 
Farben ein schönes Bild zu malen verstünde« so auch die Mei- 
ster imiStyl , die seine Zeit hatte. Auch ihre Schriften waren 
und sind noch classisch in ihrer Art. Wer diese Behauptung 
übertrieben findet, der versuche es einmal, eine jener alten 
Historien , in der einfachen alten Sprachweise erzählt« in das 
beutige vornehme Hochdeutsch zu Übersetzen« und sehe dann, 
wie unbeholfen und geschmacklos sich das Ding ausnimmt. 
Oder er wage — ich setze aber voraüs, er sey ein sehr gele» 
«ener Schriftsteller — jene alterthümliche Manier in irgend 
"einer Erzählung oder Abhandlung nachzuahmen, und er wird 
erfahren, dafs es eines gsnz eigenen Geistes, nicht blos alter 
Wörter und Satzformen bedürfe, um gemein deutsch und 
wahrhaft populär zu schreiben. £s däuchte daher auch dem 
Herausgeber gut und angemessen , dafs er den meisten jener 
aufgenommenen Erzählungen ihren Ton und Ausdruck lief*, 
blos mit einigen kleinen Veränderungen in Wortformen und 
in der Verbindung der Sätze« S. 164 — 165. 

Ueber die Volksbücher aber, ihren Wert n , besonders 
auch in unserer unvolklichen Zeit, läfst der Verf. sich also 
vernehmen : „An und für sich schon müssen gute Volksbücher 
— die es in der That, nicht blos dem Namen nach sind — 
als willkommene Gaben geachtet werden, und gerade solche 
am meisten, welche die Ergötzung der ehrbaren Menge, und 
nichts als Ergötzung zum Zwecke haben. Alle Welt sammelt 
und schreibt für den Müfsiggang der sogenannten höheren, 
gebildeten Stände, und sucht ihnen durch allerlei kurzweilige 



» 



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• I 



Ein Volksbüchlein. ProbeblStler. 373 



Schriften die lange Weile 15), welche ihnen übrig bleibet 
zwischen ihren vielen, anderen Vergnügungen, su vertreiben. 
Nur die g niiste , ehrwürdigste Classe von Menschen geht bei 
dem jährlichen Leipziger Markte leer aus an vergnüglichen 
Dingen j denn was dem gemeinen Manne sonst geboten wird 
an Moralien und land wirtschaftlichen Katechismen, das ist 
wohl nicht geeignet, sein Gemüth zu erheitern, und ihn, 
durch Ausruhen seines Geistes von Sorgen und Gedanken aller 
Vti tüchtig zu raachen zu freudiger Handanlegung an Sein 
Werk. Mancher Volksfreund glaubt viel , ja alTes gethan zu 
haben, wenn er Lehren giebt und nichts als Lehren; er be- 
denkt aber nicht, dafs die Bildung des Menschen ebenfalls 
«ine Art von Dreifelderwirtschaft seyn solle, und dafs der 
Geist manche Zeit mitunter brach liegen müsse, auf dafs er 
Kraft gewinne, wiederum Samen aufzunehmen und Früchte 
zu tragen. 

Nach diesen Bemerkungen wollen wir noch zu den beson- 
deren Erzählungen Einzelnes hinzufügen. 

1. Die Geschichte des ewigen Juden Ahasve- 
rus (S- 1 — 24). Die Geschichte ist sehr bekannt, und der 
Verf. hat von S. 157 — 163 die älteren und neueren Behand- 
lungen, im Volk und im Buche, naher besprochen. In Eng- 
land kommt die Sage schon 1228 vor. Iiu sechszehnten Jahr- 
hundert ist sie in Deutschland bearbeitet und als Volksbuch 
viel gelesen worden, (las Reichardt in seiner Komanbiblio« 
thek (Band 8 — 12.) verhochdeutscht hat. 1821 ist die Sage 
noch französisch (deutsch, Gotha l82l) bebandelt worden, 
aber dürftig. t79i erschienen „Briefe des ewigen Juden", 
drei Theile , aber nicht nur unpoetisch, sondern sogar anti- 
poetisch, aus der Krambude der wohlfeilen Autklärung jener 
^eit. Schubart 's Zerrgedicht ist bekannt, eben so die 
edle Romanze A. W. Schlegel'« „die Warnung«, und die 
Novelle, von Franz Horn und Klingemann 's Drama, 
welche unser Verfasser S. 159 — 160. kurz, aber bündig be- 
urteilt. 

Wenn wir nun aber in Betracht ziehen, wie gegen alle 
übrigen Legenden die vom ewigen Juden in den* gedoppelten 
Ndchtheile steht, der Armuth des durch* die Ueberlieterung 
gegebenen Stoifrs, und auch, werfn der Stoff selbst zu erfin- 
den steht | in dem grofsen Umfang des historischen Rahmen«, 



13) Ein Herr v. Weber hat in Tübingen jüngst „Heber und gegen 
die Langeweile, zur Kenntnifs und Kunst des Lebens" geschrieben. 



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374 Bin Volasbüehlein. Probater. 

fler diesen Qharacter ejnschliefsen soll , wenn wir sehen, wia 
weit sich die bisherigen Bearbeiter dieser Sage in letzterer 
Hinsicht von ihrer ungeregelten Phantasie haben irre führen 
lasfen, indem sie eben nur den Habinen ausschmückten mit 
historischen Fragmenten, aber das Bild selbst, den Character 
bedeutungslos h t n s t t J ] t e n , und mehr eine Geschichte lieferten*, 
als ein Gedicht, ohne eine, die Data befruchtend» Idee und 
«ine durch Handlungen sich characterisirende Person (S. i62.)t 
so müssen wir billig den Verf. loben, dals er in seiner fQr 
das Volk bestimmten Bearbeitung jene Idee auf eine sinnige 
Weise festgehalten und durchgeführt bat, und aus dem frucht- 
baren Samenkorn jener einfältigen Legende hat er ein kräfti- 
ges poetisches Gewächs entwickelt, indem er die christlich« 
Idee obwalten lü Ist oder beibehalten hat, wie seine Amme es 
ihm mitgetbeiU bat (S. 163.)» wie auch schon in dem noch 
umlautenden „Bericht von einem Juden aus Jerusalem, mit 
Namen Abasverus** u. f. w. derselbe als recht christlich ge- 
sinnt bezeichnet wird. Nach zwei Richtungen hin könnt« 
(lies schon in der Grundidee der Legende vorhandene Motiv 
ausgestaltet Werden; einmal der ewige Jude, nach Göthe'a 
Andeutung, als im Gegensatz zur christlichen Gesinnung, im 
(Gegensatz der Begeisterung und himmlischen Verleugnung dea 
Heilandes, als eine kalt plüfende, nur den augenblicklichen 
Vortheil berechnende, prosaische Person genommen und durch- 
geführt (S. 159.), oder als sich allmälig annähernd zu dea 
christlichen Gesinnung und zuletzt sich ausgleichend (162.). 
JJnser Verf. sagt, es möchte gleich viel gelten, weil zu bei- 
den Verfabrungsarten das Motiv schon in der Grundidee liege, 
und meint, für die gelehrte und gebildete Claase (für die ewi- 
gen Juden unter ups) möchte die Göthe'sche Vorstellungs- 
art, der prosaische ewige Jude, angemessener und eindring- 
licher seyn ; indefs scheint uns die andere t an 1 1 - Cötbe' sehe , 
wofür das Volk «ich entschieden bat, doch viel tiefsinniger 
und einfähiger, der höchsten ergreifendsten Ausbildung fähig , 
und richtig sagt der Verf. selber: Für das gemeine Volk palst 
mehr der poetische, christlich gesinnte. 

Als solchen l.äfst ihn denn unser Verf. nach dem ewigen 
Fluch und der rastlosen Flucht durch alle Lande und Jahrhun- 
dert« von den Höhlen des Libanons durch Horn, von Jerusa- 
lems, Zerstörung durch das alte Deutschland, durch Asien, 
Afrika u. f. w., nicht sterben könnend, nicht leben mögend, 
vom Alter nicht entrnarkt, von ewiger Qual über des Chri- 
stenthums Wachsthnm zerfleischt, vom A.etna und Wasser 
a usgest oJsen , wie Pilatus iu der Sage | endlich von* f urcht- 



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Ein Volksböohlein. ProhebUtter, 375 

barsten Stolz und Trotz durch die unnennbarste Verzweiflung 
»Mr Heu« und YVehmuth, durch sie zur Deinuth, durch sie 
zum Glauben, zur Gnade, zum Frieden gelangen; und ob« 
wohl die Folge «einer Sünde, die Strafe nicht aufgehoben 
werden konnte, weil das Wort et fallt werden raufste, so bat 
er doch von Stund an selige Ruhe und heiligen Flieden ein« 
pfunden, und von den frommen Einsiedlern in der Wüst# 
Thebais gen Jerusalem wandernd, ist er dort durch die Jahr- 
hunderte Gelettamann und Dolmetsch der Pilger, Welche von 
fernen Gegenden kommen , und harret in frommer Geduld und 
treuer Hingebung, voll des Glaubens und unter den Werken 
der Liebe , auf die Zukunft des Herrn — auf den heiligen, 
grossen, ewigen Sabbath, der anbricht nach den sechs Tagen, 
ute wir Jahrtausende nennen. — - Uebrigeqs mufs Hefer. zum 
Schlüsse doch noch die Frage stellen , ob im Vergleich mit den 
beiden folgenden Abtheilungen das erste Stück vom ewigen 
Juden nicht für das gemeine Volk doch noch um einen ganzen 
Ton zu hoch gehalten sey, und mit der Lustigkeit jener zu 
sehr contrastire ? — . 

2. Allerlei erbauliche und ergötzliche Histo- 
rien (seebszig Stück, S. 25 — 104). Ueber ibre (Quellen, 
ihre Darstellung, ibre Auswahl, ihren Geist ist schon oben 
xur Genüge gesprochen worden. Hier nur noch wenige 
Worte.. Mancher wird hier allen guten Freunden wieder be- 
gegnen. So z. B. der prosaischen Aufläsung vom Milchmäd- 
chen, und vom Johann dem muntern Seifensieder, der hier 
zum Strumpfwirker geworden. Die Geschichte S. 77 — 79; 
„So kommt m an nicht nach Rom« wird auch von Engländern 
erzählt, die Zur letzten Deutschen Kaiaei krönung gen Aachen 
kamen und — nichts sahen. 

Das Ganze ist ein gutes Schock, ein heitres Rudel, ein« 
bunte rüstige Reihe, Da erscheinen Gott der Herr und seine 
Engel; es fehlen nicht der Teufel, in Gestalt des Notärs und 
wirkliche Gerichtsschreiber , Ad vocaten und Bettler, Diebs- 
obren und treue Freund«, Fürsten, die sich selbst regieren, 
weise Könige und bibelfeste Bauern, Bruder Liederlich und 
Bruder Leichtsinn, zechende Soldaten, und das schlaue Schnei- 
derlein, strenge Wachtmeister und kluge Schulmeister, kei- 
fende Weiber und französische Filu's, Altmütter und die Alt- 
väter nebst Einsiedlern , der Müller von Knorringen und der 
abgedankte Schultheis von Kanderswyl, endlich Bruder Wie- 
ner, Bruder Danziger und Bruder Schlesinger. Auch hier 
lebt das kluge schwäbische Bäuerlein nicht, aber die Oester- 
reicher kommen im schwäbischen Reichsstädtlein schlecht Weg. 



376 Ein Volksbüchlein. Probeblätter. 

Man hat #ie Wahl ; und wer die Wahl hat, hat bekannthorjr 
auch die Qual: denn die Geschichten sind alle ergötzlich und 
erbaulich. 

Endlich 3. Die Geschichte von den sieben Schwa* 
ben (S. 105 — 156). Auch diese, mit wahrer Vorliebe von 
unserin schwäbischen Volksfreunde seinen Landsleuten er- 
zählte, Geschichte von den sieben Schwaben , welche gesammt 
mit einem Spiels auf einen Hasen losgehen , ist uralt und hat, 
wie der Verf ; S. 168. mit Recht sagt, seit undenklichen Zei- 
ten in ganz Deutschland eine Beiühmtbeit bekommen, wie 
kaum eine andere Sage. Das drollige Abenteuer ging nicht 
nur, im Gedächtnifs des^Volkes, von Mund zu Mund bis auf 
unsere Zeiten herauf, sondern es wurde auch durch das Wort # 
den Pinsel und den Grabstichel vielfältig dargestellt, und 
gleichsam verewigt. So stehet in München auf dem Anger 
an einem Bräubause noch heutiges Tages das Bild der sieben 
Schwaben gernahlt , mit der Jahrszahl I674i welches der Verf. 
dem Büchlein in Steindruck beifügte. Eines anderen vom Jahr 
16Ö8 erwähnt H. von der Hagen im Narrenbuch S. 494« 

Jenes Münchener Bild hat der Verf. sehr gut sammt dem 
Münchener Bräu, der es mahlen liefs, in die Geschichte hin- 
ein verwebt, denn als jener Bdier, von den sieben Schwaben 
gedemüthigt, wie der Tyroler (S. 137 — 139), nacher Mün- 
chen zurück gekommen, liefs er an sein Haus , auf dem Anger, 
die sieben Schwaben malen zum .ewigen Gedäcbtnifs , all wo 
sie noch heutiges Tages zu seben sind (S. 123). Das nämlich 
bat der Verf. sehr gut gemacht, dafs er um die Haupthandlung, 
den Thatenzng «1er sieben Schwaben von Augsburg an den 
Bodensee gen Ueberlingen , welcher den wahrhaft epischen 
, Anfang und Schlufs bildet, eine Reihe von Abenteuern oder 
Sogenannten Schwabenstreichen sammelte zu einem Vollge- 
mälde der Ergötzlichkeit , und wenigstens zur Entwicklung 
der verschiedenen Charactere; wieder S. 1 36. in der Geschichte 
t elber vorkommende fahrende Schüler A d o 1 f u s , der von sich 
saget, er sey ein geborner Schwab, er habe aber viele Jahre 
im Norden studiert, und ziehe nun im Süden umher, um Ge- 
schichten von den bekannten Schwabenstreichen zu sammeln, 
welche er dann im Druck ausgehen Jassen wolle. Dies recht- 
fertigte sich schon dadurch, dafs die sieben Helden, wie sie 
gewöhnlich nach ihren Spitznamen bezeichnet werden , aus 
verschiedenen Gegenden Schwabenlands zusammen kommen, 
das wohl erst nach langen Umschweifen, vorgängigen Einlei- 
tungen und gelegentlichen Zwischenakten geschehen mochte. 
Sodann dichtet die müncüiche Volkssage wirklich den 



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Ein Volksbüchlein. Probeblatter. 377 

Schwaben noch so manches andre Abenteuer an, z. B. wie sie 
durch das blaue Meer schwimmen , u. a. Auch ist jene Hand« 
lung selbst possierlich grofsartig genug, dafs sich gar noch 
viele andere an sie anknüpfen lassen, ohne ihrer Originalität 
und ihrer äufsern und innern Bedeutsamkeit Schaden zu 
tbun i4). 

So finden wir auch hier manchen vielfach Oberall im lieben 
Reiche erzählten Kernschwank und guten Bekannten wieder; 
z.B. von den drei Seeweinen, die hier heifsen Sauerampfer , 
Dreimännerwein und Rachenputzer. Andre Gegenden preisen i 
den Schul wein , mit dessen Androhung man die Kinder in die 
Schule jagt £ der Rachenputzer heilst der Wendewein von we- 
gen des nöthigen Umwendens um Mitternacht; auch ein 
ätrumpfwein wird gelobt, weil er die Locher in den Strümpfen 
zusiebt. Oertlicb wird wegen solcher Dreimännertugend un- 
ter andern gelobt der Grüneberger zwischen Berlin und Frank- 
furt an der Oder, oder der Kriitzer um Jena, den im sieben- 
zehnten Jahrhundert übrigens Beyer in seinem Geographus 
Jenensis noch sehr lobt, sey es, weil er noch besser gebaut 
wurde, oder weil man noch nicht so nothwendig Mosler, 
Steinwein und Rheinwein allcrwärts trinken mufste. Auch 
fehlt nicht die im ganzen Reich gang und gäbe Sage von dem 



14) Auf gleiche Weise hat der Verf. auch immer am rechten Orte 
wohlbekannte Volkslieder und einzelne Reimsprüche eingeflochten; 
so S. 109— 110. 142.144. 148. 154- 1*6. „Wo «oll ich mich 
hinkehren , ich dummes Brüderlein"; 137. „Du Stupfer, du 
Häuser", welches l8l3. ia „Fluchtliedern 4 «, Brnilau , wider 
Napoleon benutzt wurde; l30. „So geht es in Schnitzelputzel- 
ba'usel", xu finden mit der Weise in den Deutschen Liedern für 
Jung und Alt, Berlin l8l8. 25. und in Hageu's und Büschtng's 
Volksliedern 1807, 59. und im Wunderhorn 2, 406. Ungern 
vermifste Ref. das hier ganz hergehörige Lied aus dem Wunder« 
horn I. 328 , das die jüngst verstorbene Luise Reichardt gar gut 
in Reim gesetzt hatte : 

„Guten Morgen Spielmann, 

Wo bleibst du denn so lang! 

Da drunten, da droben 

Da tanzten die Schwaben 

Mit der kleinen Kihkeia 

Mit der grofsen Kumkum« u. s. w.; * 
wo rinnen die Schwaben von den Weibern vertrieben werden, Waj 
recht schönes Gegenstück xu S. 125—126 geworden wäre. 



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Ein Volksböchlein. ProbeblSütr. 



Klugwerden der Schwaben im vierzigsten Jahre, wogegen die 
Schwaben behaupten, die andern Deutschen würden'* halt gar 
nicht. Wenn aber 3.121. der Munchener Bayer spottet, 
M bei ihm daheim in der Kuchel gab's der Schwaben zu Tau« 
senden **, so sey hier beigebracht , dafs weil man die bekann« 
ten Grillen oder Heimchen Schwaben nennet , die roth wüsche 
Sprache Schwabenland in die Käfer- Märtine {-Land) über- 
setzt. Auch in Kollenhagen's Froscbmäusler kommt ein 
Frosch, Springer genannt, vor, M ein edler Schwabe, ein 
schöner wohlberedter Knabe«; zu dem aber Friedlieb sagt: 
— Du mein Schwaben kind , 
' . . ■ Brauch' nur die Faust und spar' den Wind! 

Mancher andre vom Verf. hier gesammelte Zug, der in 
späterer Zeit die etwas verbleichte Farbe des Drolligen nur 
bewahrte, war in früheren Jahrhunderten kühneres, rein-, 
poetisches Bild. So die oben vom Verf. angezogene und ein* 
geflochtene Geschichte, wie die Schwaben durch das blaue 
Meer schwimmen, durch einen See, der Wellen schlug. ' Es 
war aber ein Feld voll Flachses, der in der Blüthe war, und 
da der Wind heftig blies, so wallte und wogte es wohl, ai)er 
es war kein Wasser. Dieser rein poetisch» Zug kommt schon 
früh bei Paulus Diaconus Buch I. cap. 20. und in den sonst 
kurzen Auszügen aus Paulus bei Aimoin Buch 2. cajf. 13. vor. 
Als die Heruler von den Langobarden geschlagen worden und 
ihr König Rodulf fiel , da flohen die Sernen und 1 sahen blü- 
hende Flachsfelder vor sich und raeinten, sie ständen vor einem 
grofsen Wasser, da sie schwimmen könnten und breiteten 
ihre, Arme aus und sanken so unter der Feinde Schwert.- 
Ausführlich steht die Erzählung in Grimm 's Deutschen Sa- 
gen Theil 2. (Berlin 1818.) S. 31 — 33. — Aber auch andre 
jener Schwabenstreiche haben einen ziemlich alten Ursprung, 
Schon in der Notitia dignitatum imperii (edit. Panciroll. Lugd. 
MDC VIII. fo). 26 b.) kommen die Seehasen mit einem lau- 
fenden Hasen in ihrem Schilde vor i5). Und noch im drei- 
j 

16) Diese Notiz verdanke ich der brieflichen Mitteilung des Freih. 
v* Lafsberg, welcher er hinzufügt; »Die Schwabenstreiche 
Helsen steh noch ungemein vermehren, da beinahe jeder Gau und 
Gegend bei uns seine eigene aore/a bat , unter welchen noch viele 
dve'x3ora sind. Da sie meist auf eiue geschichtliche Begebenheit 
anspielen , oder aus ihr entsprungen sind , so wäre es um so ver- 
dienstlicher sie zu sammeln und in ein corpus zusammen zu stellen , 
viele srud schou verschollen und in einigen Jahren werden es meist 



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Ein VolkiWohlein. Probeblätter. 379 

«ebenten Jahrhunderte verglich man die Schwaben gerne mit 
Hasen.,. Da« Serben wir aus Gottfrieds von Strafsburg Tristan 
(Grüote, v. 4037, Hagen, v. 4636) , wo er Hartuiann von 
Owe und seine Gesellen Hasen nennet. Hartuiann aber war 
ein wahrer Seehase, er war Dienstmann des Abtes zu Reiche- 
nau | einer Insel im Bodensee. Gottfried von Strafsburg 
konnte sehr wohl wissen , dafs man die Anwohner des Boden- 
sees Seehasen nennet (wie die Anwohner de« Zürpberseea See- 
bauern), da mit den HohenstauEschen Kaisern so viele schwä- 
bische Ritter auf die Reichstage nach Strafsburg und in'« EU 
lafs kamen« r 

Was den Vf. trieb , die ergötzliche Schwabengeschichta 
wieder in*« Volksleben zu bringen« wie er denke sowohl von 
den Moralien und Nutzanwendungen oder von den Schicksals- 
ideen in den Geschichten und Gedichten unterer Zeit, und 
über die von den raffinierten Gourmands dieser Lesetafel 
jener älteren derben Kost vorgeworfene Grobheit oder Un- 
reinheit de« Witze« u« «. w. , bat er in «einen Bemerkungen 
S. 170. und 173—175. klar und wahr ausgesprochen; woraua 
wir hier folgende Stellen noch ausheben: „Für jeden Fall ist 
diese Sage von einer sinnvollen Bedeutung und einer sehr 
ergötzlichen Art, so dafs es wohl der Mühe lohnte, wenn der 
Herausgeber die Spur derselben nach allen Seiten her ver- 
folgte, und was er in schriftlichen Denkmalen davon fand« 
oder in mündlichen Ueberlieferungen vernahm, aufzeichnete«« 
170. — „ Von einer ächten Volksgeschichte, die den Nutzen, 
nämlich Vergnügen (Ergötzung der ehrbaren Menge und nichts 
eli Ergötzung 172.) hervorbringen soll, darf man darum auch 1 
nichts anderes fordern, als dafs es eine „lustige oder doch 
anmuthige 16) Historie« «ei, ohne alle Moralien und Nutz- 
anwendungen.«« Die tiefere Bedeutung zu erforschen, welche 
gemeiniglich solchen Erzählungen mit oder ohne Bewufstseya 
des Verfassers zu Grunde liegen, ist zwar lediglich nur Auf- 
gabe für den müfsigen Gelehrten witz ; eine Ahnung desselben 
entgeht aber wohl auch dem gesunden Menschenverstand de« 
gemeinen Manne« nicht, obwohl er es nicht in deutliche Be- 
griffe fassen oder in Worten auszudrücken vermag. Ueber- 
haupt ab«trabirt ein üchtes Volksbuch, wie die ächte Poesie » 



alle sein , bis auf die wenigen , welche noch in alten Bauernkalen- 
dern aufbewahrt sind. Aber wer sammelt diese ? • ^ 

16) Einevast (sehr) kurzweilige Historie , sagte oben Laisberg* s 
Titel« 



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380 Ein Volksbuchlein. ProbeblStter. "* 

fiunächst von allem Stoffe, und will nur durch seine Form 
gefallen. Darum kann man auch ihm nicht gewisse Unan- 
ständigkeiten zum Vorwurfe machen, die es eben nur in Be- 
ziehung auf die sogenannten gebildeten Classen sind, und den 
Geschmack des gemeinen Mannes nicht im Fernsten beleidigen. 
Unanständig sind nur, hier wie überall, die Uusittlichkei- 
ten, wohin eben nicht blos die Zoten zu rechnen sind, son- 
dern überhaupt alles und noch mehr, was das, jedem Men- 
schen eingeborne Gefühl für Unschuld, Hecht und Wahrheit 
beleidiget. Die Sitten- und Splitterrichter, welche ein so 
ha rtes Urtheil über so manches Volksbuch ergehen lassen, 
mögen daher lieber den nächsten besten moralischen Roman 
vornehmen und daran ihren kritischen Scharfsinn versuchen, 
um unter der sehr decenten Form das wahrhaft Verderbliche, 
U nmoraliscbe in Gesinnung und Handlung auszuspüren, was 
in solchen Büchern „für Gebildete <• verborgen liegt. Ich 
wenigstens kenne z. B. keine so gemeine Gaunergeschichte 
(von Eulenspiegel und den Schildbürgern zu schweigen), die 
so unsittlich wäre, wie so manche hochgepriesene Schicksals - 
Tragödie der neuesten Zeit; über welche letzteren (besonders 
Müllner's Schuld) sich unser Verfasser schon l8l8 in seinen 
„Studien. Ein Beitrag zur neuesten Dramaturgie««, Mün- 
chen, bei Lentner, i8t8. 8, würdig, warm und entschieden 
ausgesprochen hat. 

Ueber den in unsrer , wahrscheinlich auf schwäbischem 
Grund und-Boden selber erwachsenen, Geschichte lustig wal- 
tenden Selbstspott, über den Nichtspott des Wiedererzäh- 
lers, drückt der Verf. sich in folgenden Worten gar gut aus: 
„Die Veranlassung zu dieser Dichtung mag, wie bei ^bn- 
lichen Fällen in dem Charakter des Voikes selbst zu suchen 
seyn. Die Männlichkeit der Schwaben einerseits, andrerseits 
ihre Treuherzigkeit mochten wohl irgend einem Fatzvogel dejo 
Einfall gegeben haben, das Uebermafs der erstem, den Hang 
zu eitelti Abenteuern und den Schein der letztern, einen guten 
Grad von Verstandesbeschränktheit, dem Spotte Preis zu ge- 
ben, und den Ruhm der tapfern und ehrlichen Schwaben da- 
durch zu läutern und zu reinigen, dafs er nicht in Eitelkeit 
ausarte. Ja, wenn man den Ursprung und die Fortleitung 
ähnlicher Geschichten von sogenannten Schwabenstreichen 
bedenkt, so kann man sogar mit der gröfsten Wahrscheinlichkeit 
muthmafseii , dafs diese Sage auf schwäbischem Boden selbst 
gewachsen und ursprünglich vielleicht nur irgend einer Ge- 
meinde oder einem Gau zum Trutz, erdacht worden 'sey. So 
viel ist gcwifs t dafs noch im Verlauf des vorigen Jahrhunderts 



Ein VolksbGehlein. Probeblätter. 38l 

üer iieliebte schwäbische Volksdichter Sebastian Sa i ler 17) 
nicht nur diese, sondern auch andre, den Mutti und Verstand 
seines Volkes aber nicht besonders rühmende Sagen zur Er- 
götzlichkeit seiner eignen Landsleute dichterisch (in seiner 
Art) bearbeitete und zum Theil im Druck ausgehen liefs. 
Diese Erscheinung kann wenigstens demjenigen nicht auffal- 
lend seyn, welcher weifs, dals gerade ein .Volk, wie ein In- 
dividiuin, welches der eigenen Tüchtigkeit und Würdigkeit" 
sich ganz bewufst ist, am wenigsten Anstand nimmt, sich 
seihst gutmütbigem Spotte Preis zu geben, während der, 
dessen Tugend und Einsicht von zweideutiger Art ist, mit 
Eifersucht für die Ehre bis auf den kleinsten Punkt wacht, 
und leicht in seiner Eitelkeit verletzt werden kann«« 170. 

Den letzten Gedanken spricht der Verf. noch bestimmter 
und wärmer 175. mit folgenden Worten aus: „Abgesehen 
Ton allem poetischen Charakter, dürfte diese Geschichte, in 
ihrer anspruchslosen Einfalt, immerhin noch Reitz genug 
haben, für das Volk, und jene, die des Volkes Sitte kennen 
und lieben. Sie empfiehlt sich schon f unsers Bedünkens, 
durch die gutmütbige Laune, die im Ganzen herrscht, und 
die nicht nur uns mit den sieben Schwaben, sondern auch die 
Landsleute der Sieben selbst mit dem Dichter aussöhnen 
möchte. In der That , wenn man die grundehrlichen Man- 
schen auf ihren Wanderungen so allgemach verfolgt, und ihra 
Gesinnungen und Handlungen vor sich so nackt ausbreiten 
siebt, so bekommt man fast Lust, von der Partei zu seyn und 
das drollige Abenteuer mit ihnen zu bestehen. Sodann ver« 
söhnt mit der Schalkbeit, die in der Sage Hegt, so mancher 
gutmütbige, ja edle Zug in dem Charakter der Gesellen; und 
wenn einerseits der Spiegelschwab das, dem Schwaben in- 
wohnende Princip der Klugheit sehr wohl repräsentirt , so 
kann der Thersites unter den Helden, der Nestelschwab, 
dessen Herkunft nach der Sage unbekannt ist, füglich auch als 
der Repräsentant' der Dummheit bei den andern Deutseben 
gelten, und ihnen, falls sie sich ihrer Gescheidheit zu sehr 
rühmen, diese Personage vorgerückt werden. Denn Gott ver- 
hüte, dafs das Necken unter den Deutschen Landsleuten ab« 
komme; es wäre diefs ein übles Anzeichen, dafs auch das 
Liehen unter ihnen abgekommen sey.** 

Seinen schwäbischen Landsleuten aber spricht er in toi- 

■~ — • ■ 

• 17) Schriften im schwäbischen Dialekte; gesammelt von Sixt Bach» 
mann. Buchau 18 19. 



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382 Ein Volkabuohlein. ProbeblSlter, 

gender „Erklärung des Autoris", mit Welcher er S. 118, die? 
Erzählung unterbricht, mit den Worten Weidner« also tu ^ 
„ Ehe ich aber in meiner Geschichte fortfahre, mufs ich dir 4 
lieber Leser, zur Vermeidung aller Ungelegenbeiten die Er- 
klärung machen : dafs ich alles dies nicht zur Verachtung der 
Schwaben erzählen will, sondern damit allein irjre Schlechtig- 
keit und Einfahigkeit beweisen will. Jedes Volk hat seine 
Mängel und Fehler; darum keiner dem andern was hierin vor* 
swtrerfen hat. Die Schwaben sind einfältig, ihren Herren ge«* 
treu , und arbeiten viel. Hingegen sind andere Völker leicht« 
fertig, ungetreu, unbeständig, mörderisch, diebisch * ehe« 
brecnerisch und Atheisten, Sadducäer, die weder Gott noch 
eine Auferstehung der Todten glauben, was von dieser Nation 
nicht kann gesagt Werden." — 

Hiemit könnte Ref. seine Anzeige des guten Büchleins 
schlief sen f wenn wir nicht noch den bis hieher gefolgten 
Leser mit der heiligen Sieben f vor Theben oder dem Sieben« 

Sestirn der Schwaben bekannt machen roüfsten. Es wandern 
ier mit einander, um Theten zu thun (l95*)* l) der All- 
gäuer 9 mit Sturmbut upd Feder, mit Kraft und Muth und 
mit seinem eben nicht bigotten »By Gott!" 2) Der Blitz« 
Schwab, der sich seines Fluchens und Schimpfens rühmet und 
ein um das andre Mal „Potz Blitz* 1 saget, daher sein Name« 
4) Der Kntiplle schwab vom Kies mit zweien Mägen, mit 
llannen und Schüsseln , darein er Knöpfle und Spätzle zit 
kochen versteht, 114, davon er seinen Namen trägt. Auch 
beilset er der Suppenschwab« Von dieser Scbwabentugend 
Wird oft und viel erzählet, So nennt sie Seb. Frank „die 
hungrigen Schwaben, das hungrige Schwabenland« 1 (S. 210 
und 216 seiner Sprichwörter, Frankf. 1601); und dal Sprich- 
wort sagt auch „Wenn der D&ne verlässt seine Grätze» der 
Franzmann seinen Wein, der Schwabe die Suppen und der 
Deutsche das Bier, so sind verloren alle vier«* oder „der 
Schwab mufs allezeit das Leberle gegessen haben«; auch ge- 
hört hieher wohl die Stelle des Lohengrin (S# 165 bti Görres) 
— Daz die Almani rjuemen, 
Swer vor kein (dhein) kost verborgen bet, 
in ge weihen, kamer, beusern, odergelet, 
Daz wart na vs>llichich hefür genommen. «• iB) 

_ 

18) Der öütreicfusehe Aus drück »er schwäbelt schon wieder« d. I. 
er ist angetrunken oder betrunken 5 hat wohl andre Wurielher» 
kunft (schweben , sclrwappcn tu Sw w.) 

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• « 



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Ein VoJkibfichlein. Probeblätter. 38S 

• # 

4) Der Gelbfüfsler von Bopfingen, alwo man einst die Eier 
mit Füfsen ins Fafa festgetreten (ähnlich dem Namen Roth- 
füisler statt Gänseweins), 5) der Seehaas, 6) der Spiegel- 
Schwab von Memmingen , dessen Fazenetle der Aermel ist, 
daher sein Name. 7) Oer Nestelschwab ( Rudel i) mit dem 
Bünkel , dessen Heimat im Deutschen Reiche noch heutige» 
Tages keiner weifs (ll l) , dessen Mutter aber aus der Schweiz 
war und als Marketänderiun bei den Rothmäntlern gedient 
bat (146); genannt aber ist er, weil er Nesteln statt der 5 
Knöpfe an Janker und Hosen hatte. 

Aber wir halten es zum Schlüsse für unsere Pflicht, auch 
der Schwaben durch die Deutsche Geschichte gehende Tapfer« 
keit noch zu preisen , um so mehr, als der Prof. Auerbacher 
in der Anmerkung S. 169. zu kurz „von dem JYXuthe und der 
Tapferkeit der Schwaben " spricht. Wir knüpfen daher an 
alle jene Schwabenstreiche (wer kennt nicht auch den Jobe- 
samen in U bland 's Gedichten, 3. Aufl. S. 345. Schwäbische 
Kunde?) die uralte bochehrende Sage von ihrem Muth und 
ihrer Männlichkeit, vom ehrsüchtigen Julius Cäsar und von 
allen Alten, die sie nur zu gut haben kennen gelernt, aner- 
kannt, und vererbt durch die ganze Geschichte in dem Vor- 
rechte, in den Schlachten des Reiches überall unter ihren Her« 
togen vorzukämpfen, welches Recht sie sich nie nehmen noch 
mindern liefsen. ' 

Schon Cäsar nennt sie (Commentar. B. 4.) SuevOrum gens 
longe maxima ac bellicosissima ; Plutarch stimmt ein: prae- 
atantissimos Germanorum Suevos, Paulus Orositis nicht min* 
der: marimam et ferocissimam , und ein andermal: fortissimant 
eiie gentem ; eben so sagt Florus: validissimam. Ja Cäsar 
läfit die Tenchterer und Usipeter, Germanen selber sagen, aU 
aie von den Sueven vertrieben worden : sese unis Suevis con- 
cedere, quibus nec dii quidem immortales pares possint , re- 
licruum quidem in terris neminem esse, quem non auperare 
poiiint. 

Da, wo die Kaiserchronik des zwölften Jahrhunderts, in 
ihrem Eingange (ihr nach das Loblied auf den heiligen Anno 
von Köln) die Herkunft und die Herrlichkeit der Baiern, 
Franken, Sachsen und Schwaben erzählt, meldet sie von Julii 
Cäiars Kampf mit den Schwaben — Cod. palat. 36l. v. 253. 
(Annoßed v. 280.) : ' 

Er karte ingegin swaben, 

Den tat er michil Ungnaden. 

Zv swaben waz du gesezzen 

Ein herzöge uil uirmezzen, 

» - 



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384 Ein Volksbflchleln. Probeblatter. 

Genant was er brenne: : /. 

Er reit im mit (h)er engegene. 

Daz buch tuot uns kunt , 

Er nach t mit in dristunt i9) 

Mit offenem strite. 

Sie sl ugen wunden wite, 

Sie urumeten manigen blutigen rant« 

Die swabe jrwereten wol ir iant; 

Vnz sie julius mit mannen 

Irbat zuo einerne* tegedinge, 

Ir lant sie da gaben : 

In sine gnaden. — 
Die weitere Nachweisung und Erläuterung dieser Sagen an 
einem anderen Orte. Hier nur noch diese Wortes v. 273. 
heilst es von den Schwaben , sie seyen auch 

Ein lut zu rate rollen guot, 

Sie sint och radespeche (redespUhe) gnuc, 

Die sich dikke des uurnamen, 

Daz si gute recken wären 

Wol uertic und wol wichaft 20). 
Unland a. a. O. sagt : 

Der wackre Schwabe forcht* sich nit. / 
Und Johann Agrikola nennet die Schwaben Raufbolde und 
grofse Hanser, als die nahe bei der Schweiz wohnen. — 
Aber die Kaiserchronik giebt uns in dem Leben Karls des 
Grofsen auch die Sage, woher den Schwaben das Recht ge- 
worden, in dem Reiche stets vorzufecbteb. Karl gab ihnen 
das Recht. Nach der einen Sage vor Rom, nach der andern 
bei Ronceval. • 



19) Dreimal, In dreien Schlachten. Von diesen dreien Schlachten 
erzählt selbst noch Henricus Bebelius (Heinrich Bebel) in 
seiner Historie Suevorum , 1489, B. 3. c. 10. bei Goldast 
Scriptor. rer. Suevicarum S. 26 , nach einem deutschen Boche 
„Reperi in qnadam historia theutonico sermone conscripta " am* 
fuhrlich. 



(Der Beschlufs folgt.) 



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N. 25. . " 1827. 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Ein Volksbüchlein. Probeblätter für Volksfreunde. 

(Beschlufs.) 

Die Kaiserchronik versetzt die Sage nach Rom. Die 
Römer hatten den Pabst Leo (der in der Sage des Mittelalters 
durch die meisten Deutschen Gedichte 20), Chroniken, seihst 
den Schwahenspiegel hindurch Karls Bruder heifst) ge- 
blendet. Dieser zog weinend zu Karl gen Achen. Karl rüstet 
«ich zur Rache, zieht vor Rom, harret aber lange vor den 
THoren, darob seine Mannen (Cod. pal. 361. fei. 08 d.) : 

die herren giengen zuo dem kunige, 

sie sprachen, iz gezeme im ubele , 

daz sie so nahe kuomen wereri 

vnd ir leit an sehen. 
Karl antwortet ihnen, sie müfsten erst Gott flehen und seine 
Gnade haben, so hätten sie leichteren Kampf. 



20) Kaiserchronik (Cod. pal. 361. 87 b.) 

— uon kerlingen pipinns 
Ein kuonic riche 

Hete zwene suone herliche. 
Der eine hiez Leo. 

Zuo rome zoch man in do. 
Sente peters stuol er besaz 

Karl daünoch da beime wa«. «* 
Eben so sagt Karl im Wilhelm Tön Oranse, Casparsotf, 
Theill. S. 8: 

— vurwar nü wil ich ^ 
Besuchen ob got tugende hat. / 
Lat her nu golliche tat 

An mines bruder ougen sehn^ 
Sa wil ich ime kreft und tugende ieliö. 
Die Blendung Leos S. 6 und 7. 

XX. Jahrg. 4. Heft. < 25 



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386 Ein Volksbüchlein. Probeblätter. 

Auch darf ich einis man, 
Den Ich ze note sol ban : • • 
Er gezimet wol dem riche. 
Got sende mir in gnediclicbe. 
Das ist aber Herzog Gerold mit seinen .Schwaben f • Jessen er 
wartet. Da wird ihui, dem Kaiser , eines Morgens früh die 
Gottesstimme , dafs er nicht länger warten solle, das Urtheil 
sey vor Gott geschehen, die Hache solle über Rom ergehen. 
Wie man nun des Kaisers Fahnen breitete und er überall das 
Heer sagen litis, dafs sie bereit wären, das Fahnen wahr 
nähmen und der Schaar hüteten , und als das Volk von den 
Bergen stieg, da kam dem Kaiser Gerold entgegen (89 a.) 
, ' Gerolt im en gegen reit. 

Alse in der kuonic an such, 
Vil berliche er sprach : 
„Ich beite din uil lange, 
Liebeste aller manrje.«' 
Den heim er uof rticte. 
Holtlicbe er in kuoste. 
So wunderte die herren, 
Wer der einschilde were, 
Daz der kunic des gerucbte 
Daz er so wol gruozte, 
Daz was der kund Gerolt, 
Dem uolgete Swebisc uolc. 
Dar nach begonden sigen (niederseigen) 
Grozzer scar drie. 
Die waren alle Vpuonnesam , 
Sie dienden Gerolde dar 
Sie waren also wol gar. 
Und weil nun Gerolt also in der Noth dem Kaiser Karl ge- 
kommen war: 

Do uerlech der kunic karte 
Dem helede Gerolde, 
Daz die swabe uon rechten 
Immes suoin uor uechten 
Durch des rieh es not. 
Daz uerdiende Gerolt. 
Ganz in derselben Art erzählt der Schwabenspiegel im 31 - Ca« 
pitel (Schilters Thesaur. II. p. 23.) die Erlangung dieses Vor- 
rechtes, das somit in des Reiches Rechtsbuche rechtlich fest- 
gestellt war : 

1. Daz Riche und die Swaben inneren sich nimmer versu- 
men an ir erb, die wile si ez erringen muegen. 



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Ein Volksbüchlein. Probeblälier. 387 

2. Ditz reht gab kimig karl den Swaben. Daz geschach 
vor rome in den ziten , do Roeraer den Fabelt Leo erblendet 
heten. Der waz kunig Karls rehter bruder. 

3. Dar nach hesuza (belagerte) Kunig Karl Rom. Do 
'viel der Hertzoge Geralt von Swaben dez ersten in Rom vnd 

mit der Swaben helr'e gewan Kunig Karl Rome und gesizet 
Roemern an. _ ; V • 

4. Er verlech auch den Swaben : wa man durch des Riehes 
not 21) striten so), da sulen die Swaben vor aller Sprache stri- 
ten und sol ir hauptman sin der hertzog von Swabeh. 

5. Ist er da nihr , so sol ez sin dez Riehe* Marschalk. 

6. Ditz reht und andriil reht hant die Swaben verdient 22) 
mit jr frumekait (Tapferkeit) umb die Roemischen Kunig*, 
alz wir hernach wol gesagen. 

Von Ronceval dagegen erzählen die Sage 1. der Pfaff 
Kuonrät in seinem RoJandsli**de (Cod. palat. N. 112, membr. 
12. seculi). Karl der Grofs* spricht zu und von seinen Heer- 
führern Geberin, Naimes, Oigir, herman, richart, neuelun; 
regenbalt, haimunt, ioceranl", Otto und zuletzt 

inoch waiz ich aih list: 

swaben di mitten 

die furent zwiskele seilte 25), 

si sint uil gute knechte. 

ich wil daz si uoruechten. 

zehenzec tusend man. 

di wil ich ze einer scare han, 

so ich si waiz di besten. 
Eben so sagt Stricker in der Umreimung dieses" Gedichts 
(Scbilter's Th esaurus II. p. 99.)* 

Der Swahe Hertzoge Herolt (Gerolt) 

Ich bin dir — sprach der Chaiser — holt 

Vnd den Swaben alle geleich : 

Si habent mir und dem Reich 



21) Die Kaiserchronik sagte oben auch: 
oj Durch des riches not" 
Lambert von Aschaffenburg, Hersfeld, sagt in der weiter 
unten a r> uführenden Gleichstelle «in omni expedilione regis 
Teutonia e« " 

22) Die Kaiserchronik sagte „Dar verdiende Gerolt«' 

23) In der Kaiserchronik oben hiefs Gerolt der einscilte. Siehe 
Grimm 's Grammatik II. 951 — 95 5. 

25 * 



1 



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388 Ein Volksbüchlein. Probeblauer. 

• 

Vil dicke lob gewunnen. 

Ich wil vi! gerne gunnen 

Baide den Swaben und dir, 

Das si heut vecbten vor mir i 

Das sei ir recht immer rae, 

Die weil vntz dise werlt ste. t 
Ferner, stellt auch das altdeutsche Gedicht „ Friedrich von 
Schwaben", welches in Heidelberg aufbewahrt liegt (Hagen's 
Grundrifs zur Geschichte der Deutschen Poesie S. 188. und 
Wilken's Catalog der Heidelb. Bibliotb. S. 430.) und Stutt- 
gard (Privatbibliothek:. Fol. Pap. v. 1478.) und Wolfenbüttel 
(JYIscr. August. Fol. N. 69, 10. v. l482.)i deu Hergang nach 
Ronc,eval : 

Wir. die von Swaben, haben die recht 

Von dem heiligen reich. 
' Sagen wir euch sicherlich — 

Herzog Gerolt hat erworben daz , 

Ain fürst vnsers genoz, 

Vmb daz haupt der cristenheit 

In Runzefal in dem tal breit, 

Der für kaiser Karl gieng, 

Sin wort er wizlich anfieng 

Vnd Ii e 2 sich vf die knie 

„Kaiser (Jes riches, ich bin hie 

Ich bit euch des rechten 

Ir last mir hiut daz vorfechten, 

Wan ich under den fuersten gemein 

Hie under den äugen dein 

Der aller eltist bin 

Hie in dem her din." 

Karl der vil tugentlich 

Sprach zu im gueticlich 

„Wes du hast begert, 

Des bistu gewert 

Vnd geb dir got die kraft 

Vnd an den batden werden si gekaft, 

Die Swaben sollen gefreut sein immer, 

Daz vor jn kainerlei fechten nimmer 

Zwar nit sol cescheben.« 
Im allgemeinen erzählt auch Lohen gr in Strophe 13. 
3. 104 bei Görres: 

„Der Vorstrit was der Swobe durch reht. 
Das doub konig vnd fursten billig vnd reht, 
Wan sie in her von alter haben seholden, " 



• 



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I • 



Ein Volksbüchlein. Probeblatter. , 389 

■ ■ ■ f I 

Und selbst der wälsche Gottfried von Viterbo (Ü86) 
ragt in seinem Pantheon 

^Judicio coeli dominantnr in orbe Suevi, 
Nunc ubicumque geri Respublica proelia quaerit, 
Ordine primus erit, gladio vult primus baberi 
Moreque signiferi primus in hoste ferit. « 
Aber wie diese Gedichte alle und auch selbst der Schwaben- 
spiegel als Rechtsbuch die Sage „von alters her" mit sich 
führen, so auch zeigt die Geschichte, wie die Sage immer 
lebendig gewesen und die Sache oft geltend gemacht worden 
ist zu bittrem Ernste. Viermal haben wir (dreimal im Augen- 
blicke der Feldschlacht) die leibhaften Spuren , wie das altge- 
glaubte Recht durchbricht. 

So erzählt Lambert von Aschaffenburg [eigentlich von 
Hersfeld, wie ihn der schon genannte und gleich wieder an- 
zuführende Henricus Bebel ins in seinem epitome laudum 
Suevorum 24), wo er die Stelle anführt, richtig nennt, qui- 
dam Abbas Hersfeldensis Saxo] de rebus German. (Ausgabe 
von Krause, Halle und Leipzig 1797. 8. p. 166.)» a ^ s Hein- 
rich der Vierte wider die Sachsen kämpft (am 13. Juni 1775)J 
Datum negotium est (Suevorum) duci Rudolpho, ut ipse 
cum suis prima acie confiigeret, peculiari sei licet Suevo- 
rum privilegio, quibus ab antiquis jam diebus lege latum 
est, ut in omni expeditione Regis Teutonici ipsi exerci- 
tuin praecedere et primi committere debeant , ceteris jus- 
sum, ut propter assistentes pugnantibus prout res posce- 
ret, auxilio coneurrerent. ' 
Pfister in seiner Geschichte von Schwaben Buch II. Ab- 
schnitt I. KapiteU. S. 113 — 14. hat diese Stelle aus Lambert 
und aus d. Chronic. Einsidl. wieder gegeben. 

Zum Andern erzählt Königshofen in serner Chronik 
B. V. §. 142. (Schilter's Ausg. S. 327. 25) vom Jahre 1354 ' 
Sus lag ein gros unzelicbe volk vor Zürich vnd verherge- 
tent das lant do umhe; doch moechtent sue die stat nuet 
gewinnen. Nu hettent die von Zürich und von Switze 
einen grossen graben gemachet unverre von der stat und 
]eitent sich do underwilent zu velde. do woltent die us- 
sern mit jn gestritten han. und der bischof von Costentze 
sprach „er und sin volke werentS woben, darumbe sosol- 



24) Goldast Script, rer. suevic^ p. 8. 

25) Siehe auch Schi! (er Institut, Jur. publ. Th. I« B. 4« 
Titel 2. $. 6. 



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390 Ein Volksbüchleiu. Probeblätter. 

/ 

tent sue den vorstrit haben und den strit anvohen, aU es 
von alter herkomen were und ouc,h der Swaben recht 
were." do sprach der hertzoge „Er wolte den strit mit 
siner haner und mit sime volke anvohen. tc do entwurte 
der byschof und sprach „So wil ich den Swoben jr recht 
hie nuet minr$n cc und er und die Swoben furent enweg. 
Drittens erzählt Peter Sucbemvirth 26) von der Schlacht 
bei Sempacb 1385 (siehe Hagen's , Docen's u. s. w. Sammlung 
für altdeutsche Literatur und Ku^t, Breslau 1Ö12. Band I. 
Stück 1. S. 152.)' 

Swab vnd Etscber beten stoez (Zank), 
/ Das was umb das vor vechten : 
Ygleich nach clein alten loz 
Wolt pleiben bei dem rechten.« 
Endlicherzählt Henricus Bebelius, den wir schon ange- 
führt haben, in seiner Epitome laudum Suevorum a. a. Ö. , 
nachdem er die Stellen von Lambert von Hersfeld und Gott- 
fried von Viterbo (Biterne in den Deutschen Gedichten) an- 
geführt; 

Comprobavit coronatio Friderici III. Cesaris Augusti nu- 
per defuneti, quem Romain pro Augustali Corona intran- 
tem praeibant omnium primi Sueui, uexillum S. Georgia, 
quod Aquilam praecesserat , gestantes. 

Und fügt dann als guter Schwabe (er war von Justingen und 

lebte in Tübingen, 1490.) hinzu: ' . 

Quibus ex rebus relinquo universi mundi judicio, qna- 
lis antiquitus fuerit et nunc esse debeat Suevorum existi- 
matio , quae non nisi ex rebus praeclarissime gestis pro- 
gressa dinoscitur, , Quare hanc eximiam inajorum nostro- 
rum. praerogativam et incomparabilem gluriam a Carolo 
magno, ut dicitur [er kannte also auch noch die langlebige 
Sage | usque in hunc diem summa cum laude nostra nobis 
delatam, Udalrice prineeps in victe atque fortissime non sinas 
vncruam sub te aut tuo tempore aboleri aut alio praeeipi. 



26) Dessen Gedichte so eben Pri misser iq Wien gründlich und 
lehrreich herausgegeben hat. Suchern vi rth hegleitete i377 
den Hersog Albrecht auf seinem Zuge nach Preufsen. Noch 
1394 findet er sich. 

Dr. H. F. M x afsmann. 



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Auctarium Lexicoram Graec. ed. Ojann. 191 

■ 

Aue t arium Lexicorum Gr ae cor um praeser tim Thesauri Lingua» 
Graecae ab H. Stephano conditi editore Friderico Osanno, 
Professore Jenensi. Jnsunt Anecdola tarn Graeca quam Latin* 
permulta. Darmstadii , prostat apud Carolum Guüelmum Leske. 
MDCCDXXIf. XVUL und 200 S. 4 4 *L iö 1er. 

i *~ 

i , 

Hr. O., dessen verdienstvolle Sylloge Inscriptionum in die^ 
sen Blättern schon ihre gebührende Anerkennung gefunden 
bat, beschenkt uns hier mit einem höchst beaebtenswerthen 
Beitrage zur Vervollkommnung der Griechischen Lexiko- 
graphie, der, als eine Frucht mehrjähriger neben andern 
Studien betriebener Aufmerksamkeit auf das in den gröfsten 
und besten Wörterbüchern noch Mangelnde, einerseits einen 
Beweis seiner umfassenden Leetüre und deren vielseitiger Be- 
nützung, andererseits aber, wenn es dessen bedürfte, einen 
Beweis der Mangelhaftigkeit und Un Vollständigkeit unserer 
Wörterbücher giebt, in denen nicht einmal der VVörterreich- 
tbom der gelesensten Schriftsteller vollständig verzeichnet ist. 
So viele Beiträge die Griechische Lexikographie, besonders 
in den letztvei flossenen Jahren, erhalten hat, so ist Hrn. O, 
dennoch noch eine sehr reiche Erndte oder vielmehr Aebren- 
lese übrig geblieben, welche sich, wenn jemand absichtlich 
eine Reihe von Jahren darauf verwenden wollte, noch sehr 
vervielfachen liefse. Hat doch Bef. , ohne es jemals darauf 
angelegt zu haben, die Wörterbücher vervollständigen und 
ergänzen zu wollen, schon in mehreren Anzeigen, besonders 
des Schneiderseben Wörterbuchs, eine nicht unbeträchtliche 
Zahl von Ergänzungen, Verbesserungen und Berichtigungen 
auch in diesen Jahrbüchern niedergelegt, und diese, so wie 
viele noch nicht mitgetheilte, könnte er, wenn ihm Mufse 
dazu vergönnt wäre, leicht auch zu einem ziemlichen Bändchen 
erwachsen herausgeben, ungeachtet ihm keine öffentliche Bi- 
bliothek und kein Schatz von ungedruckten Hülfsmitteln zu Ge- 
bote steht. Doch wir wenden tfns an das vorliegende Werk." 
In der Vorrede nennt er es librum tumultuaria potius opera 
quam studio assiduo conscriptum. Wir können dieses Be- 
kennt niis fast nur auf die Form bezieben, und finden den 
Inhalt, wo er raison nirend ist, fast durchaus sehr reiflich 
durchdacht und erwegen. Unter der Form vetstehen wir 
vorzüglich die Darstellung und Sprache, in welcher wir, 
namentlich auch in der Vorrede, einige Spuren der Eile er* 
blickt haben: z, B. S. V. novenium. S. VI, nunquam inani 
spe focillatus. S. XIII. undiquacunque. S. 25» plurifarie. — 
Den ersten Anstois bat der Verf. zu diesem Geschäfte schon 



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Z9i 



Auctarium Lexicorum Graee. ed. Osann. 



auf dem Gymnasium zu Weimar durch Passow erhalten , theils 
durch dessen Aeusserungen bei dem mündlichen Unterricht , 
theils durch dessen treuliche, 1 3 1 2 erschienene, Schrift: 
Ueber Zweck, Anlage und Ergänzung Griechi- 
scher Wörterbücher. Anfangs legte er es auf Erwei- 
terung und Vervollständigung des Schneiderschen Wörter« 
buches an, setzte diese Ergänzung während seiner vier aka- 
demischen Jahre fleifsig fort, doch ohne je ein Hauptgeschäft 
daraus zu machen, gewann noch mehr Stoff auf seinen so treff» 
lieh benützten Keisen durch Europa, und dachte am Ende im 
Jahr 1819 ernsthaft an die Herausgabe seines zu einer grofsen 
Masse herangewachsenen Vorraths. Zuvor aber verglich er 
ijin mit den bis dorthin in England erschienenen Tbeilen des 
Steplidnischen Thesaurus, dann mit der neuen Ausgabe des 
Schneiderschen Wörterbuches, und endlich mit dem Schnei- 
derseben Supplementbande , wodurch um mehr als die Hälfte 
seiner Sammlung überflüssig wurde. Immer aber blieb noch 
eine bedeutende nicht occupirte Masse übrig. Den Londner 
Stephanus konnte er übrigens nur bis zu dem Worte ftm&tyjgog 
vergleichen, oder vielmehr vergleichen lassen, da das Werk 
ihm nicht zu Gebote stand. Er fand nach dieser Vergleiehung 
n,och manche \m alten Stephanus mangelnde Wörter, wegen 
deren er nicht nachschlagen konnte, ob sie im neuen seyen f 
und die er also hier aufnahm Ref. , dem der Londner Stepha- 
nus auch unzugänglich ist, findet von den in dieser Hinsicht 
in der Vorrede angegebenen Wörtern eine Anzahl in der neuen , 
qlle bisherigen Lexika an Wörterzahl übertreffenden, Aus- 
gabe des Reicbenbachschen Wörterbuches, die Wörter *kXo- 
Y/crnj?» ikeuov^ylft t»f««T0«7ai und (QuirqywytAos , von denen wenig- 
stens die beiden ersten aus dem neuen Stephanus seyn könnten. 
Auf S, VIH. der Vorrede finden wir. eine bittere Klage über 
die Galeerensklavenarbeit eines Lexikonschrei hers , eine Ar- 
beit, Überdiesich bekanntlich Passow nach Vollendung seines 
trefflichen Wörterbuches in ganz entgegengesetztem Sinne ge- 
ttu'fsert hat. Parauf entschuldigt er sich, dafs er in seinem 
Auctarium es nicht auf Vermehrung oder Berichtigung der 
Bedeutung der Wörter angelegt habe, mit dem blofsen 
Zwecke der Vermehrung der Wörtermasse. Weiterbin be- 
schwerter sich über Vernachlässigung der Inschriften , dann 
über Schneiders Inconsecruenz im Plane wie in der Ergänzung 
seines Wörterbuches, so wie in der Aufnahme und Nichtauf- 
nahme der ihm von Andern dargebotenen Vermehrungen. 
Ref. hat sich hierüber nicht nur einmal in diesen Jahrbüchern 
ausgesprochen , und enthält sich darum aller weitern Beiner« 



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Auctarium Laxicorum Graec. ed. Osann. 393 

» 

Hungen. — Das Auctarium enthält nun Wörter von viererlei 
Art. Erstlich solche, die sich weder im Stephanus noch 
bei Schneider, .finden, oder wenigstens ohne Auctorität stehen. 
Unter diesen haben wir indessen eins gefunden, welches nicht 
nur Schneider mit derselben Auctorität, wie Hr. Os. t * hat 
(p. 166. <p^ro?yo;. Inscr. Gruteri p. CXXV.), sondern wo er 
auch überdies Ignarra de Phratriis p. 1 33 . citirt. Zweiten« 
Wörter, die ohne gehörigen Grand bei St. aufgenommen sind, 
und ausgestrichen werden sollten, weil sie aus falschen Les- 
arten genommen wurden. Die dritte Art von Wörtern, die 
er aufnahm, sind die, welche von Schneider als zweifelhaft 
angegeben werden, von Hrn. O. aber durch gute Auctoritäten 
gestützt werden können. Eine vierte Gattung von Wörtern 
enthält solche, die früher bei Stephanus fehlten, später von 
den Londner Herausgebern oder Andern verzeichnet und mit 
Auctoritäten belegt wurden, für die aber der Verf. .jetzt neue 
Auctoritäten beizubringen weifs. — Eine Art der Vermeh- 
rung in diesem Auctarium betrifft die Namen der Griechischen 
Monate un4 Feste. Beide sind besonders bei Schneider sehr 
unvollständig verzeichnet. Fehlte doch, ehe die Zusätze her- 
auskamen, noch in der neuesten Ausgabe der Attische Monat 
Boedromion. Zu den Griechischen Festnamen läfst sich 
noch mancher nachholen aus einem Büchlein , das vor uns liegt, 
und nach Meursii Graecia feriata herauskam. Es beifst J o, 
Jonstonii de Festis Hehraeorum et Graecorum Schediasma, . 
Ed. secunda, cui accessit JLectionum Philologicarum miscella. 
Jenae, MDCL?vX. 12. 458 S. Belege sind hier jedesmal an- 
gegeben, nur müfste mancher Name erst noch kritisch unter- 
sucht un(| berichtigt werden, ehe er aufgenommen werden 
könnte. — Aufserdem erklärt es Hr. O. mit Recht für noth- 
wendig, die Adverbialformen auf u>; besonders aufzuführen, 
auch alle Lateinische Wörter, die zur Zeit der Römerherr- 
schaft in Griechische Bücher aufgenommen wurden, ferner die 
von ateinischen Schriftstellern gebrauchten oder gebildeten 
Griechischen Wörter, die sonst bei Griechen nicht vorkom- 
men, endlich die von Nominibus propriis abgeleiteten Wör- 
ter. — Dafs Hr. O. die Bedeutungen der Wörter gewöhnlich 
nicht angegeben bat, tadeln wir um so weniger, da die der 
allermeisten auch ohne Erklärung ganz offen daliegt , einige 
St«; Xfydfxava aber th«ils eben darum zuweilen schwer ver- 
ständlich sind , theils vielleicht, wie wir weiter unten zeigen 
werden, noch verdächtig seyn möchten. Gegen das Ende der 
Vorrede macht Hr. O. noch Hoffnung zw baldiger Herausgabe 
eines Corpus Lexicorum Grr. ineditorum, dessen 



394 Anctarimn Lezicorum Graeo. ed. Osann, 

er schon zum Philemon pag. XXXXI. Erwähnung that, und 
rühmt dankbar die Mittheilung eines handschriftlichen noch 
nicht herausgegebenen Lexikons durch den Custos der Kopen- 
hagner Bibliothek , Hrn. Bloch, welche ihn veranlafst, auch 
andere Gelehrte um ähnliche Beiträge zu seinem Corpus zu 
Litten. Endlich erwähnt er noch eines Buches des Laur. Ly- 
dus Kopjrwv, das er in Florenz abgeschrieben, und das das 
neulich von Hase so bewundernswürdig hergestellte Werk des 
Lydus deOstentis in diesem Puncte trefflich ergän ze. Er 
verspricht dessen ungesäumte Herausgabe. Die auf dem Ti- 
telblatte angegebenen Inedita bestehen meistens in Inschriften 
verschiedener Art und in Scholien, welche als Belage zu den 
beigebrachten Wörtern eingerückt sind. Am Schlüsse folgen 
drei Epimetra, deren erstes Wörter enthält, durch die 
Schneider und Passow aus dem Henr. Steph. vermehrt werden 
können. Das zweite theilt Lateinische Wörter mit, die 
bei Forcellini fehlen. Hier fand Ref. S. l34« e * ne Emendation 
zu Cic. de I\e publica II, 4# die ihn um so mehr freute, weil 
er ein Jahr zuvor auf dieselbe Emendation bei Gelegenheit der 
kritischen Bearbeitnng dieses Werkes gekommen war, und 
sie mit denselben Gründen unterstützt hatte. Ueberhaupt 
verbessert Hr. O. gelegentlich viele Stellen in alten Schrift- 
stellern und Inschriften. Das dritte Epimetrum enthält Zu- 
sätze zu dem N Werke selbst. 

Um nun dem Hrn. Verf. zu beweisen, dafs wir sein 
Werk genauer betrachtet haben, theilen wir ihm über eine 
Anzahl Stellen unsere Bemerkungen, oder Zweifel oder Be- 
richtigungen mit, die das Verdienstliche und Dankens werthe 
seiner mühsamen und frucbtreichen Leistung nicht im minde- 
sten herabzusetzen bestimmt sind. S. 12. ist aus einem Cod. 
"Ven. eine Stelle aus den Prolegomenen des Sopater Apamensis 
zum Rhetor Aristides mit dem Jebbischen Texte gegenüber 
abgedruckt. Da steht in der Ausg. K aJ tcT? t^u/to/? wc Ssut^o/c 
fxuxsraii v.ai ffy^yjfjtjtrwv ivaywvtiuv Ir^Tv^ ysy^rai* i«n MS. *ai tu 
k^wtcc (u; BtvTk^oiq fjLa-^trai xai «r^/xarcuv dywvt tri uxjj^'tjj;. Hier 
emendirt Hr. O. dywvi eVr/ licyj^bryj;» Sollte aber nicht wenig- 
stens g ' v dywvi «o-Tiv Jrjjf. oder ivaywvt'w» (was leicht durch Ab- 
breviaturen verstümmelt worden seyn kann) *Vriv umj^r^s R e l e - 
sen werden müssen? S. 14. steht das bisher unbekannte Wort 
' uvatrTyjjxdrta für iZavDvjtJLara. Ob es nicht etwa dvaßkcuTT^ixara oder 
allenfalls dvaßXourr^ixclrta heilsen soll, das jenen Sinn besser aus- 
drückte? Jenes hat Schneider ohne Auetori tat. S. 19. bei 
Gelegenheit der Abweisung von Erfurdts (ad Soph. Electr. 68. 
p. 400.} selbstgeschaffenetn Worte aW^o^os für ico^ei^oi macht 



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Auotarium Lextcdrum Graco. ed. Osann* 395 

V 

Hr. O. sehr gute und richtige Bemerkungen über die Länge 
der vorletzten Sylbe in fco; bei Sophokles in einer melischen 
Stelle, S. 23. wird aus dem Schol. des Euripides zu Hecub. 
600. ein Wort dv-jvoka^a aufgeführt. Das ist aber kein Wort» 
Wir hielten es für einen Druckfehler; da es aber vor dem ver- 
wortö avuTo^o/^To; steht , 50 mufs es der Verf. doch irgendwo 
so geschrieben gefunden und ohne weitere Untersuchung ein- 
getragen haben. In der vor uns liegenden Ausgabe des Euri- 
pides von Paul. Stephan. MDCII. (s. über sie Eberts Bibliogr. 
Lex. 3. Lief. p. 561.) steht ganz richtig so: i v yaf irckXf ar^a- 
r&jfMctTi o-^koq av.sA.acrc; nai dirai6s-jro;' vj vaurtAtj rs dvU^ia nai *al 
(corr. yj vu-jti'a) Bs dva^t'a re xai) awrpra^ia xj-s/Wiuv *a! «V^ufo- 
Tt?a*u£os. Uehrigens haben die Wörterbücher avuror^/a auch 
noch nicht. Ebend, verwirft Hr. O. mit Recht das bei Zona- 
ras durch uct&y.tos erkliirte « vuxo/us/^rs? • und schreibt awropovifroq* 
Diese Verbesserung konnte schon Phavorinus an die Hand ge- 
ben, der unter oVtsktö; giebt dvjvoij.ov>jro; , dtyogvro; (1. aCpo^To;) » 
aßacrrauro;* Ob nun aber gleich Phavorinus das Wort «Vrsxrc; 
noch einmal hat S. l394. 20, nämlich oJ K ao-renTos, ov (po^ro« 
(1. ouk d^o^yjrog) , ouvt a^acraKTo; » auch Schneider 8. v. oVtsktos 
erst sagt s. v. a.aorryo;, dann, ohne Auctorität, unaushaltbar v 
so glaubenwir doch, dafs das Wort aa-rauro; in dem letztern 
Sinne nicht richtig« und , da es sich schon bei den Griechi- 
schen Lexikographen in der Wortreihe, wo es kein Schreib« 
fehler seyn kann, so findet, eine durch faule Aussprache ent- 
standene schlechte Schreibung sey, für aorsoHro;. Schneider 
hat <ttsq*to; aus Sophokles. "Aa-re^HTo; giebt Phavorinus S. 301. 
22. dffrt^.ra mit der Erklärung Tit ' 0 <j Bjvausva, wraeys^vivai* wo 
das a priv. auf die Bedeutung die Wirkung hat, wie die Ne- 
gation, in dem Lateinischen illaudatus. — S. 24> awaj/nroKOS 
wird aus einer Inschrift hei Spon Miscell. Sect. IV. pac. 132. 
mitgetheilt , "und durch a^r/xo; bei Euraath. de amor. Hysrn. 
1. pag. 10. ed. Lips. gleichsam belegt. Wir können jene In- 
schrift nicht einsehen , schöpfen' aber doch einigen Verdacht 
gegen das Wort, ob es nicht etwa a/aafT/VoKo; analog mit 
afxa^rtvoo; 9 heifseri könne. Doch wagen wir , wie billig, keine 
Entscheidung. — S. 31. führt er axviov aus einer Glosse inedit. 
Cod. Paris, an, wo es heifst: o-/yai;' M tt«* , und setzt bei : At 
vox videtur barbara esse. Dem ist aber nicht also. *Airir«z i st 
blos eine durch geschärfte Aussprache entstandene Schreibung, 
fürax/a, welches so gut wie oyyui altgriechiscli ist, und Bir- 
nen heifst; s. Athenaeus Deipn. XIV. 20. — S. 33. a<n\,ov\roi 
ist sicher nichts. Hr. O. citirt zwar Schol. Flaton. Phaedr. 
pag. 59. Ruhnken, a/jxvA/a, uctvo^To^ iirf^a^. Er konnte auch 



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396 Auctarium Lexicorum Graeo. ed. Osann. 

den Pbavorinus citiren p. 68. 46, wo dasselbe steht, und gar 
noch ein K